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Stadtabenteuer Wien

Würde es Wien nicht schon geben, man müsste es glattweg noch einmal erfinden! Judith Weibrecht hat zwar Wien nicht neu erfunden. Aber ihre Stadtabenteuer Wien geben – wie alle Bücher der neuen Reisebuchreihe aus dem Michael-Müller-Verlag – der reichlich angestaubten Reisebuchbranche eine neue Note. Wer nun erwartet, dass Treppensteigen im Stephansdom als extraordinär einzuschätzen ist, liegt nicht ganz falsch, dennoch kann die Autorin immer noch einen draufsetzen.

Man fühlt sich in einer Metropole schnell allein gelassen. Auch wenn sie quasi vor er eigenen Haustür liegt. Das kann an der Andersartigkeit der Stadt liegen, an ihrem undurchsichtigen Verkehrssystem oder auch an der Sprache. Ja, Wien ist anders, der öffentliche Personennahverkehr ist exzellent organisiert. Doch ein Wiener mal richtig loslegt, ist man schnell mit seinen Deutschkenntnissen am Oarsch! Herr hilf mir, möchte man ausrufen. Besser sollte es heißen: Maria hilf! Denn im Stadtteil Mariahilf, wird einem wirklich geholfen. Eineinhalb Stunden Weanerisch im Dialektworkshop. Danach ist man nicht deppert, weiß, dass es sich gehört ein Servas in die Runde zu werfen, wenn man andere begrüßt und ist nicht länger irritiert, wenn man ein Sackerl angeboten bekommt.

So gewappnet kann der Streifzug durch die Donaumetropole losgehen. Nur ein Katzensprung entfernt liegt der Bauch von Wien, der Naschmarkt. Ein Paradies für alle Leckermäuler. Allerdings auch eine No-Go-Area für alle, die es gern mal etwas ruhiger angehen lassen. In den engen Gassen zwischen den Ständen fällt es zunehmend schwer die lukullischen Extravaganzen in den Auslagen auch wirklich genießen zu können. Doch es gibt einen Trick, den Naschmarkt auch wirklich und gänzlich zu einem Erlebnis zu machen. Während die Sonne sich langsam aus ihrem Nachtquartier schält, stiehlt man sich leise aus seiner Unterkunft. Das ist echte Weanerische Marktkultur! Und im Freihausviertel gleich nebenan kann man sich stärken und in so manchem Designerlokal ein neues Leiberl erstehen. Was das ist, weiß man ja noch aus dem Sprachkurs. Ob da allerdings schon am frühen Morgen die Türen mit einem Lächeln geöffnet sind?

Wer noch mehr Wien und noch mehr Mariahilf verträgt, der trinkt sich genussvoll durch die Kaffeekarte des Cafe Jelinek, kraxelt an einem ehemaligen Flakturm die Wände hoch und taucht im selben Gebäude in die Tiefen der Ozeane hinab. So ist Wien, so sind die Stadtabenteuer, so muss es sein!

Stadtabenteuer Berlin

Ich hab noch einen Koffer in Berlin – na hoffentlich ist da nicht dieses Buch drin! Dann fehlt nämlich was! Oder vielleicht es auch besser, wenn dieses Buch in diesem Koffer wäre. Dann hätte man wieder einen Grund nach Berlin zu reisen. Das Buch aus dem Koffer zu holen und für Stunden, Tage, Wochen unzählige Erlebnisse zu sammeln. Es muss jeder für sich selber entscheiden, was besser wär. Fest steht jedoch, dass man Berlin ohne dieses Buch kaum als Abenteuertrip bezeichnen könnte.

Ein echtes Abenteuer, das für viele einmal überlebensnotwendig war, ist eine Tour durch die Unterwelt Berlins. Das hat nichts mit Luden Dealern und Ganoven zu tun, sondern mit Fluchttunneln. Eng und stickig war es hier, jetzt ist es ein Erlebnis für Besucher, die Berlin mal aus einer anderen Perspektive sehen wollen.

Eine ganz andere Sicht auf die Stadt (und das ist wortwörtlich zu nehmen) hat man am Alex. Und zwar nicht nur vom Fernsehturm, sondern auch vom Park Inn nur ein paar Minuten vom Vorzeigeturm der Hauptstadt entfernt. Wer hier oben steht, kommt aber nicht nur wegen der Aussicht, sondern wegen des Nervenkitzels. Rasantes Abseilen an der Mauer aus ca. 125 Meter Höhe. Ein kurzer Kick, das ist es, was man, wenn man noch unten steht, sucht. Eine Überlegung, was man hier eigentlich tut, wenn man oben auf der zierlichen Plattform langsam emporgehoben wird, um anschließend gen Boden zu sausen. Und wieder am Boden? Schlotternde Knie und das befreiende Gefühl etwas getan zu haben, an das man sich noch lange erinnern wird.

In diesem Tempo geht es weiter im Buch. Auf David Bowies Spuren, Kunst im Nazibunker – Obstlager – Technotempel, Streetart oder Verkehrsregeln missachtender Bikermob – hier ist der Titele des Buches Programm: Stadtabenteuer. Zeit und ein bisschen Kleingeld sollte man auf alle Fälle mitbringen. Wir sind in Berlin! Die Zeiten, in denen es was geschenkt gab, sind vorbei. Doch jedes Stadtabenteuer ist erschwinglich und nachahmenswert. So soll ein Urlaub sein!

Die kurzen Kapitel sind schnell gelesen und langanhaltend im Kopf. Besonders zu empfehlen sind die Sidekicks „Wenn man schon mal hier ist“. Wie in jedem Buch der neuen Stadtabenteuer-Reihe, vervollständigen sie die Eindrücke und Erlebnisse der Autoren. Sie sind wichtig, um das vorgestellte Abenteuer – und es sind auch wirklich welche, nicht nur leere Worthülsen – voll umfänglich genießen zu können. Wer will schon Kreuzberg sehen, ohne den Kreuzberg zu sehen und den Viktoriapark? Zur Belohnung gibt’s Bockwurst mit Ausblick.

70/71 Preußens Triumph über Frankreich und die Folgen

Ende des vergangenen Jahrtausends bekam man in den Fernsehredaktion langsam Panik. Für die anstehenden Jubiläen gingen den Autoren und Produzenten langsam die zeitzeugen aus. 2014, als man des Beginns des Ersten Weltkrieges gedachte, waren keine Zeitzeugen mehr vorhanden. Die Archive waren die letzten verbliebenen Sprachrohre einer Zeit, die längste vergessen war.

2020 nun steht wieder ein Kriegsjubiläum ins Haus. Vor einhundertfünfzig Jahren begann der Deutsch-Französische Krieg, an dessen Ende die Gründung des deutschen Reiches stand. Zeitzeugen findet man auch nach der aufwendigsten Recherche nicht mehr. Doch historische Dokumente gibt es in Hülle und Fülle. Wie verlässlich die allerdings sind, müssen Historiker bewerten. Historiker wie Klaus-Jürgen Bremm, Militärgeschichte ist für ihn mehr als ein Steckenpferd. Sein Buch „70/71 Preußens Triumph über Frankreich und die Folgen“ stellt erstmalig dieses Ereignis in seiner Gesamtheit dar. Denn Kriege beginnen nicht einfach so, ohne Vorwarnung. Ebenso sind sie auch nicht schlagartig zu Ende, ohne verbrannte Erde zu hinterlassen. Deswegen sind sie so widerwärtig, grausam und menschenverachtend. Und deswegen ist es auch so wichtig immer wieder daran zu erinnern, ohne Helden zu kreieren. Sondern, um Ursachen und Folgen in den Vordergrund zu setzen.

Mitte des 19. Jahrhunderts gab es kein geeintes Europa wie wir es heute vorfinden. Nicht einmal ein geeintes Deutschland. Frankreich sonnte sich in der Vorstellung die Herrscher Europas zu sein. In Spanien tobte ein Thronfolgerkrieg. Und in Deutschland wurschtelte man so vor sich hin. Um die Gesamtsituation salopp kurz zu einzufangen. Klaus-Jürgen Bremm gelingt es mit scheinbarer Leichtigkeit die großen Zusammenhänge in Europa prägnant darzustellen. Da ist war man auf dem Schlachtfeld noch weit vorm ersten Schuss entfernt. Bismarcks Drängen auf einen Krieg und – da sind sich alle Historiker einig – das Überschätzen der eigenen Macht in Frankreich konnte nur in einer Katastrophe enden. Von Juli 1870 bis Januar 1871 sprachen in Europa Stahl und Donner. Geblieben ist davon kaum noch etwas. Kein Reich, kein Kaiser, keine Generäle haben mehr das Sagen, nicht einmal Preußen ist mehr existent, nur das unsägliche Wort vom Erbfeind scheint überlebt zu haben.

„70/71 Preußens Triumph über Frankreich und die Folgen“ ist kein Buch, dass man mal so nebenbei liest. Die Detailfülle und die durchgehende Lesbarkeit des Buches, was bei historischen Sachbüchern nicht generell gegeben ist, lassen diesen Titel aus der Masse der Bücher hervorragen.

Amsterdam Stadtabenteuer

Entgegen des Vorurteils vieler gibt es mehr als nur einen Grund Amsterdam zu besuchen. Auch wenn Coffeeshops immer noch an erster Stelle der zu besuchenden Orte in der Grachtenstadt sind. Aber wie wäre es denn mit einem echten Vermeer, auf dem man selbst die Hauptattraktion ist? Unbezahlbar und vor allem unmöglich, weil der Künstler selbst seit über 350 Jahren tot ist! Nicht in Amsterdam. Hier ist alles möglich! Hält man sich an diese Prämisse, wird Amsterdam zu einem Erlebnis, das man wirklich niemals vergessen wird.

Apropos vergessen. So mancher Amsterdam-Besucher bereut es im Nachhinein so einiges am Wegesrand übersehen zu haben. Tja, so ist das eben, wenn man nur eines im Sinn hat und die Reisehandbücher außer Acht lässt! Die Stadtabenteuer-Reihe macht es unmöglich sich herauszureden. Ein „Woher sollte ich das denn wissen?“ ist kein Argument mehr etwas vergessen zu haben. Diana Stănescu ist die Spielverderberin für alle, die bisher nur schnurstracks durch eine der meistbesuchten Städte der Welt geschlendert sind und schlussendlich doch nichts gesehen haben. Das beginnt beim eben schon erwähnten Porträt, das man von sich in historischer Kulisse anfertigen lassen kann. Und endet noch lange nicht beim kostenlosen Ticket für ein Konzert im Koninklijk Concertgebouw. Ja, kostenlos. Da es nur ein Ticket pro Person gibt, muss man sich allerdings die Mühe machen und selber anstehen. Wann und wo? Steht alles im Buch!

Da darf ein Restauranttipp á la Futtern wie bei Muttern nicht fehlen. Doch obacht – Amsterdam ist einzigartig. Im Moeders stehen die Mütter nicht zuhauf am Herd, sondern schauen von den Wänden den Gästen zu, ob sie sich denn auch benehmen, gerade sitzen und nicht mit dem Essen spielen. Derart viele Blicke auf sich gerichtet, wird man zum Musterkind.

In Amsterdam passt vieles zusammen, was anderswo auf der Welt nicht nebeneinander existieren kann. Die Moderne, die Wandelbarkeit der Stadt und die ältesten Lebewesen der Stadt in einem Viertel, das sich vom Lustgarten zur eher gehobenen Wohngegend entwickelt hat. Weesperbuurt heißt der Stadtteil und der Mikrobenzoo ist das Highlight unter den zahlreichen Museen der Stadt.

Wer bisher meinte, dass Amsterdam wo viel zu bieten hat, dass er auf einen Reiseband verzichten könne, kommt schon nach einigen Seiten zu der Erkenntnis, dass er bisher rundum falsch lag. Viele Reisebücher rühmen sich unentdeckte Hotspots aufgetan zu haben, die keiner kennt. Die man unbedingt gesehen haben muss. Ein Einfaches in einer Stadt, die seit geraumer Zeit darauf verzichtet Geld für Werbung nach außen auszugeben, da eh schon zu viele Touristen die Stadt (über-)bevölkern. Hier wird nicht marktschreierisch das Unbekannte herausgegrölt, hier wird es sanft und nachhaltig angeboten. Die Angebote sollte man aber annehmen!

Lissabon – Begegnungen in der Stadt des Lichts

An der Uni gibt es zu Beginn eines jeden Semesters eine Bücherliste mit Titeln, die man für die jeweiligen Kurse unbedingt gelesen haben sollte. Gewissenhafte Reisebuchautoren fügen ihren Büchern ebenso eine Liste an. Holger Ehling kann sich sicher sein, dass sein „Lissabon – Begegnungen in der Stadt des Lichts“ demnächst (und in alle Ewigkeit) fester Bestandteil solcher Listen sein wird. Denn sein Buch ist zum Einen Appetitanreger für alle, die noch nie in Lissabon waren. Zum Anderen ein Festmenü für alle, die die Stadt schon kennen. Beziehungsweise meinen die Stadt zu kennen.

Ein Reiseband mit dem man über die zahlreichen Hügel rennt, ist dieser Band der Corso-Reihe nun wirklich nicht. Dafür gibt es Bücher im handlichen Format, die Wege aufzeigen, Tipps zur Einkehr geben und einem Aussichtspunkte ans Herz legen. Dieses Buch geht tiefer. Angefangen bei der langen Geschichte der Stadt, immerhin siedelten vor dreitausend Jahren die ersten Menschen bis hin zur allgegenwärtigen Straßenkunst breitet er den Fächer der Stadt vor dem Leser und dem Besucher Lissabons aus.

Eine Fahrt mit der berühmten Straßenbahnlinie 28E, wobei das E nicht für Einrückefahrt, sondern für elektrisch steht, gehört für jedermann, der am Tejo urlaubt, auf dem Programm. Es quietscht in einem fort, dass einem die Ohren bluten, doch so mancher Streckenabschnitt lässt halt nur diese eine Variante der Straßenbahn zu. Zu eng die Gassen für die modernen geräuschlosen Wagen. Ein Gefühl von Nostalgie macht sich breit, der jederlei Fortschritt in den Schatten stellt.

Als Souvenirs für sich selbst oder die, die zuhause bleiben mussten, haben sich die Azuzlejos seit Jahren bewährt. Doch die Zahl der Hersteller wird immer kleiner, und somit nimmt auch die Weiterentwicklung dieses traditionellen Handwerks immer weniger Fahrt auf. Holger Ehling hat einen Handwerker besucht, dessen Familienbetrieb fast dem schnellen Fortschritt zum Opfer gefallen wäre. Aufopferungsvoll bewahrte man das, was in der Kürze der Zeit noch zu retten war.

Es sind nicht nur die zahlreichen – oft auch doppelseitigen – Abbildungen, die einem sofort ins Auge springen. Es sind die einfühlsamen Texte, die die Sehnsucht nach dem Süden, der Freiheit, dem Licht schüren. Viele Begegnungen sind einzigartig und nicht für jedermann nacherlebbar. Deswegen dieses Buch! In eine Stadt wie Lissabon einzutauchen, bedeutet vor allem eine neue Welt zu erkunden. Und das nur ein paar Flugstunden von zuhause entfernt! Wer dem Touristenstrom – immer hin sechs Millionen Besucher jährlich, Tendenz stark steigernd – eine Nase drehen will, muss dieses Buch lesen und sich selber auf die Socken machen das Lissabon der Lisboetas zu finden. Holger Ehling als Ratgeber ist dabei mehr als nur die beste Wahl.

Prag Stadtabenteuer

Es gibt nicht viele generationenübergreifende Städte, also Städte, die man als Kind mit den Eltern besucht, als Erwachsener noch einmal neu entdecken will und man als Gereifter noch einmal auf den Spuren der Vergangenheit wandeln möchte. Prag gehört da sicher zu den Erstgenannten. Mittlerweile verpuppt sich die Jugendstilikone von einst allmählich zur Partyhochburg im Herzen Europas.

Da tut es Not – sofern man nicht zwingend auf Slalomlauf zwischen Selfiesticks steht – einen Reiseband im Gepäck zu haben, der die leicht zu übersehenden Orte in den Fokus rückt. So wie den Schwarzen Ochsen. Eine Kneipe, die diesen Titel auch wirklich noch verdient und sich nicht als touristisches Gegenstück-Hotspot-Abzock-Dingelchen entpuppt. Während überall in der Moldau-Metropole das Bier mittlerweile 50 Kronen kostet, beharrt man hier stur auf den 32 Kronen für den reichlich gefüllten Humpen leckersten tschechischen Bieres. Klein, urig, tschechisch. Dieses Erlebnis wird man sein Leben lang nicht vergessen.

Renate Zöller kennt noch Unmengen dieser Erlebnisse. Sie weiß den Leser und Besucher Prags an die Hand zu nehmen und die Stadt so zu zeigen wie sie mal war und wie sie in den Erinnerungen von Millionen immer noch existiert. Auch wenn Mittwochabend vor dem Hus-Denkmal inzwischen tschechisch als Fremdsprache wahrgenommen wird und allerlei hipper Alkohol in weniger hippen Plastikbechern konsumiert wird. So viel zur weltweiten angesagten Umweltproblematik…

Prag war, ist und bleibt immer eine Reise wert. Wenn nichts mehr geht, Prag geht immer. Doch die Highlights sind dünn gesät. Was nach Widerspruch klingt – Prag kann mit prächtiger Architektur, einer reichhaltigen Gastronomie und abwechslungsreicher Landschaft wuchern wie kaum eine andere Stadt – ist aber nicht ganz von der Hand zu weisen.

Man muss schon suchen, um im Winter Abkühlung zu finden. Man muss schon suchen, um die Karlsbrücke einmal für sich ganz allein zu haben. Man muss schon suchen, um Kafka auch wirklich verstehen zu können. Und wo sucht man da am besten? Im Stadtabenteuer Prag, der neuen Reihe aus dem Michael Müller Verlag. Preiswerte Tipps zu allen Belangen eines gelungenen Urlaubs. Detaillierte Anfahrtswege und Hinweise wie man dem Nepp aus dem Weg geht und Prag für sich ganz individuell erlebbar macht. Prag schläft nicht. Renate Zöller ist ausgeschlafen und bietet erlebnishungrigen Besuchern der Stadt eine gesunde Mischung aus Exotik, Mainstream und Originalität, die man auf Anhieb und schon gar nicht in der angebotenen Fülle so niemals finden würde.

Die Seidenstraße – Landschaften und Geschichte

Mit dem Wissen, dass die eine Seidenstraße nicht gab, nicht gibt und sicherlich auch niemals geben wird (maximal als Restaurantname) liest es sich viel entspannter durch diesen Prachtband.

Die Seidenstraße bezeichnet Handelsrouten, die schon vor über zweitausend Jahren die Völker, vor allem aber die Händler, aus dem Osten mit denen aus dem Westen verbanden. So gelangten Porzellan und Gewürze, Zahlen und Musik, aber auch Brauche und Tiere von einem Ende der Welt ans andere.

Auf knapp fünfhundert Seiten wird die Pracht der Wege – mal eng wie die Gassen einer Kleinstadt, mal unendlich breit, nur von Bergketten begrenzt – in ihrer ganzen Vielfalt dargestellt. Die Bilder springen als Erstes dem Betrachter ins Auge. Farbenprächtige Mosaiken, traditionelles Handwerk, prunkvolle Teppiche, erhabene Reliefs, einsame Oasen, verlassene Ruinen, umgeben von spannenden Texten, die von Forschern geschrieben wurden, die sich ganz und gar ihrer Arbeit verschrieben haben. Allesamt Experten auf ihrem Gebiet.

So umfangreich und eindrucksvoll wurde die Seidenstraße noch nicht dargestellt. Die Vielzahl von alten Karten und Plänen, die Interpretation von Handwerkskunst, Funde von alten Schriften erstaunen ab der ersten Seite.

Es ist nicht leicht so ein Schwergewicht wieder beiseite zu legen. Ein bisschen Fernweh kommt auf, wenn man von exotischen Orten wie Simurgh, Pir-e Sabz oder Samarkand liest. Viele Orte sind der Öffentlichkeit nicht zugänglich, so dass einem nur der Griff zu diesem Buch bleibt, um sie erleben zu können.

Nicht nur Geschichtsfans kommen hier auf ihre Kosten. Jeder, dem Abenteuer nicht fremd sind, wird mit wachsender Begeisterung in diesem Buch blättern, lesen und sich an Texten und Abbildungen erfreuen. Gepaart mit Wissensvermittlung, die einem Telefonjoker bei „Wer wird Millionär?“ vor Neid erblassen lassen.

„Die Seidenstraße – Landschaften und Geschichte“ eröffnet eine alte neue Welt. Die gekonnt in Szene gesetzten Schätze – von Grabsteinen über tanzende Pferde bis hin zu Edelsteinen – vermitteln nachhaltig einen detaillierten Einblick in über zweitausend Jahre Kulturaustausch, der heutzutage viel zu oft und viel zu offen angeprangert, manchmal sogar verteufelt wird. Erst dieser Kulturaustausch erlaubt die eigene Kultur im richtigen Licht zu sehen. Dieses Buch muss man zumindest einmal im Jahr in die Hand nehmen, um nicht zu vergessen, dass Kultur immer auf Gegenseitigkeit beruht.

Lissabon Stadtabenteuer

Lissabon gehört zu den Städten, die man nur mit einem Reiseband umfassend erobern kann. Was den meisten Reisebänden jedoch fehlt – zum Glück, sonst wären sie dicker als der Brockhaus – sind die Erfahrungen, die ein Autor dort machte, um diese Stadt auch wirklich lebensnah wiederzugeben.

Dafür gibt es die Reihe Stadtabenteuer aus dem Michael-Müller-Verlag. Ganz individuelle Eindrücke, die das Lebensgefühl Stadt erzählen und die Erlebnisse in den Vordergrund stellen. Johannes Beck ist der Mann für Lissabon. Zweite Heimat oder doch Sehnsuchtsort, die Frage stellt sich bei ihm nicht. Es ist beides!

Vorweg gleich die Info, dass alle Öffnungs- und Fahrzeitenzeiten der besuchten Orte am Beginn eines Kapitels verzeichnet sind. Und deswegen man keine Angst haben muss am Tabellenwirrwarr der Aushänge zu verzweifeln.

Lissabon hat sich trotz aller Touristenmassen, die die Stadt am Tejo besuchen wollen, ihren Charme und Reiz des Geheimnisvollen und des Noch-Zu-Entdeckenden bewahren können. Im Vergleich zu Barcelona, Venedig und Dubrovnik ein Pfund, mit dem sie wuchern kann. Doch es gibt natürlich auch die Plätze, auf denen kaum noch Portugiesisch gesprochen wird. Und hier kommt dieses Buch ins Spiel. Es muss nicht immer gleich der teuer bezahlte Ausflug sein, der einen Urlaub unvergesslich macht. Kleine Erlebnisse, die zuerst unscheinbar an einem vorbeizugleiten drohen, sind im Nachgang viel bedeutender. Wie zum Beispiel ein Abstieg in die Metrostationen der Stadt. In Lissabon lässt man gern mal die eine oder andere Bahn an sich vorbeifahren, um sich der kunstvollen Gestaltung der Stadt zu widmen. Es gibt einiges zu sehen, das man auf den ersten Blick nicht ernsthaft wahrnimmt. Johannes Beck öffnet dem Leser – und schließlich dem Besucher – die Augen.

Doch nicht unter der Erde ist Lissabon ein Blickfang, sondern auch weit über dem Geschehen in der quirligen Stadt. Das Topo glänzt (nicht nur in der Sonne) mit einem grandiosen Ausblick, auch wenn der Weg hinauf in die Rooftop-Bar nicht gerade ein Augenschmeichler ist.

Die Alfama, die Altstadt kann nach Johannes Beck in fünf Schritten erobert werden: Sehen, Essen, Ausgehen, Shoppen, Schlafen. Und so geht es im gemächlichen Schritt – man will ja nichts verpassen – durch gut besuchte Straßen, lauschige Gässchen und an einzigartige Orte, die man nur aus diesem Buch kennen kann.

Wer Lissabon noch nicht kennt, bekommt schnell das Gefühl, dass er was verpasst hat. Wer es schon kennt, ärgert sich, dass so ein Buch erst jetzt erscheint. Wer Lissabon noch nicht auf seiner To-Do-Liste hatte, schmeißt selbige sofort über den Balkon und macht sich auf die Socken ans westliche Ende Europas. Die Vielzahl an – preiswerten bis kostenlosen – Erlebnissen verleitet schnell dazu diesen Reiseband einmal komplett durchzulesen und dann noch einmal, um nicht zu vergessen.

Ein Leben für die Liebe

Sie wurde von Männern umschwirrt, nicht von Motten, die ums Licht kreisen: Louise de Vilmorin. Und es waren echte Männer, keine Motten: André Malraux, Orson Welles, Antoine Saint Exupery, Jean Cocteau, Graf Esterhazy. Ihr „Madame De“, das Buch ihres Lebens, wurde von Max Ophüls mit Vittorio de Sica und Danielle Darrieux verfilmt, und für den Oscar nominiert. Und trotzdem ist der Name de Vilmorin heute nur noch einigen Wenigen ein Begriff.

1902 mit dem sprichwörtlichen goldenen Löffel im Mund zur Welt gekommen, kannte ihr Leben zunächst nur eine Richtung, bergab. Eine unbesorgte Kindheit vor den Toren der Weltmetropole Paris wurde gegen ein verhältnismäßig „normales“ Leben an der Seine eingetauscht. Schon früh machte man ihr den Hof. Einer der ersten, ganz sicher jedoch der zu dieser Zeit berühmteste war der Pilot Antoine Saint Exupery. Viel später erst würde er mit dem Kleinen Prinzen einen nachhaltigen Erfolg schreiben. Die Figur der Laternenanzünderin, der allumeuse. Ein Feuer entfachen, das konnte sie. Es am Lodern halten, da haperte es fast ihr gesamtes Leben lang. Sie wurde geliebt. Ob sie lieben konnte – zumindest dauerhaft – kann man in Frage stellen.

Ihre Eleganz und Eloquenz, aber vor allem ihr Wille nachhaltig zu wirken, bescherten ihr zeitlebens Erfolg. Als Schriftstellerin mit Orthographie-Schwäche – Cocteau und Malraux korrigierten unermüdlich ihre Texte – konnte Sie Erfolge feiern. Ob unverstanden oder unvollkommen – Louise de Vilmorin sagte jedem Künstler von den 30er Jahren bis zu Ihrem Tod 1969 etwas. Für viele war sie Wegbereiter, ihre Salonabende waren vielleicht nicht so legendär wie die von Berta Zuckerkandl im Wiener Cafè Landtmann, aber an Avantgardistenpotential nicht zu überbieten.

Es fällt schwer sich eine exakte Meinung über Louise zu bilden. Zu umfangreich war ihr Leben, und ist immer noch in gewissen Kreisen in aller Munde. Ursula Voß holt die für die meisten verschollen Louise de Vilmorin wieder ans Tageslicht. Wie in einem Zug reist man durch ein ereignisreiches Leben, dass von der Liebe geprägt war. Zwischenhalte bei Autoren, Abenteurern und Schauspielern inklusive.

Aufbruch der Frauen

Einhundert Jahre ist es her, dass per Gesetz die Frau dem Mann gleichgestellt ist. Doch Papier ist geduldig. Das wussten die Frauen, die vor einhundert Jahren für ihre Rechte Stritten und auf dem Papier recht bekamen, auch. Und genau aus diesem Grund sind die Zeitzeugenberichte, Textausschnitte und Berichte auch heute noch so lesenswert.

Da geht eine Frau allein ins Theater – heute nichts ungewöhnliches mehr, Punkt für die Durchsetzungskraft der Frauen! Damals noch mehr als eine Anekdote. Dort trifft sie zu ihrem Erstaunen ihren Mann. Der ist nicht wie vermutet in einer Sitzung oder bei einer anderen Gelegenheit, die ihr den Mann raubt, sondern in eben diesem, demselben Theater. Natürlich ist er nicht allein. Auch nicht mit einem Kollegen, einem, der ihr schon so oft den Mann für ein paar Stunden abspenstig gemacht hat. Nein, ganz unverfroren sitzt er ein paar Reihen vor ihr, mit seiner Freundin. Das Frauchen zuhause muss ja nicht alles wissen. Sie ist ja nur eine Frau. An dieser Stelle einen weiteren Punkt zu vergeben, wäre so fatal wie grundlegend falsch. Tja, Papier ist halt geduldig…

Eine Frau zündet sich eine Zigarette in der Öffentlichkeit an. Heute kein Ding mehr … noch ein Punkt … usw. Doch sie trägt auch noch kurze Haare. Zweiter Punkt. Zur Krönung steigt sie auch noch in ein Auto und zwar auf der Fahrerseite! Das gibt Goldpunkte auf dem Gleichberechtigungskonto!

Vicki Baum, Erika Mann, Helen Hessel waren mit ihren Texten Vorreiterinnen auf dem Gebiet der gedruckten Gleichberechtigung. In den ersten drei Jahrzehnten des Literaturnobelpreises beispielsweise gab es nur drei Frauen, die den Preis errungen haben. Zehn Prozent. Alle zehn Jahre eine Frau, rein rechnerisch. Und dabei gab es doch so viele Frauen, deren Bücher bis heute dauerhaft gelesen werden. Selma Lagerlöf (die erste Frau, die den Preis gewann, 1909) ist heute noch ein Verkaufsschlager – wer kennt bzw. liest denn noch Rudolf Eucken oder Karl Gjellerup?

Brigitte Ebersbach kennt die Damen der Zunft nicht nur durch ihre Tätigkeit als Verlegerin. Die Damen sind fest in ihrem Herzen verwurzelt. Und so trägt jedes Kapitel dazu bei sich zu wundern, sich zu amüsieren, und vielleicht auch mal das Buch zu senken und innezuhalten. Auch wenn’s schwer fällt. Denn dieser Band (Band 82) der blue-notes-Reihe, die im Jahr 2019 ihr Zwanzigjähriges feiert, ist das modernste Buch der Reihe: In Zeiten, in denen Gender-Diskussionen die Gemüter erregen, die Bühnen erobern, in den sozialen Medien zu ungeahnten Hypes anwachsen, ist dieses Buch eines für jederma … äh, für jede und jeden und jedes. Nur weil die Texte schon Jahrzehnte auf dem Buckel haben, sind sie weder obsolet noch vergessen.