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Fritz und Alfred Rotter. Ein Leben zwischen Theaterglanz und Tod im Exil

Die Erinnerung spielt einem gern und oft mal einen Streich. Ab diesem Jahr kommt man nicht umhin die 20er Jahre, die Goldenen Zwanziger, the roaring twenties, die des vergangenen Jahrhunderts zu würdigen und zu feiern. Berlin zum Beispiel kommt einem dann vor wie eine gigantische nicht enden wollende Party, bei die Frauen Perlenketten behangen und die Herren im feinen Zwirn zugange waren, und beiderlei Geschlechter immer einen dicken Kopf vom übermäßig genossenen Champagner mit und auf sich trugen. Dabei vergisst man oft das Elend, das nicht minder vorhanden und vor allem sichtbar war. Die Männer im Hintergrund sind kaum noch bekannt.

So wie die Brüder Rotter, eigentlich Schaiche, Söhne eines jüdischen Kaufmanns aus Leipzig, die schon während des Weltkrieges ihr Imperium zum Strahlen brachten. In den Zwanzigerjahren waren sie von Breslau bis Hannover die Könige der leichten Unterhaltung. Feinde hatten sie manchmal mehr als Publikum im Saal. Obwohl die meist rappelvoll waren. Die Wirtschaftskrise überstanden sie, wie auch immer. Der aufziehende braune Terror brachte sie schlussendlich zur Strecke. Doch nicht nur der allein.

Für die Shows von Alfred und Fritz Rotter zogen sich jährlich Dutzende Vorhänge auf. Lehár und Holländer spielten sie, Hans Albers formten sie zum gefeierten Bühnenstar. In der gegnerischen Ecke standen (und lauerten) die Theaterbesitzer, die den Rotters ihre Bretter, die die Welt bedeuten, vermieteten. Kritiker warfen den Rotter-Shows Oberflächlichkeit und Belanglosigkeit vor. Das Erfolgsgeheimnis war, dass ein großer Name die Show tragen sollte. So warben sie mit den Stars, auch wenn die dann am Abend gar nicht auftraten. Die Kasse klingelte, doch voll war sie niemals. Pleiten, Pech und Pannen waren die Leibgarde der Rotters. Viel eine Aufführung durch, kam die nächste. Wieder mit einem Namen, der für Qualität stand, verbunden. Ging es bergauf, konnte man die Uhr danach stellen, wann es wieder bergab ging.

Die deutschnationale Presse, im Laufe auch die faschistische Presse setzte dem jüdischen Erfolgsmodell herabsetzende Propaganda entgegen. Als auf dem Ku’damm die SA wahllos auf Passanten einprügelte, nahmen Alfred und Fritz zusätzlich die liechtensteinische Staatsbürgerschaft an. Das ging damals offensichtlich ganz einfach. Ob und wie viel Geld dabei eine Rolle spielt, ist bis heute nicht zu eruieren. Ein paar Tage vor der endgültigen Machtergreifung der Nazis flohen die Rotters. Wohin, das wusste keiner. Den Häschern waren sie erstmal entkommen. Doch der Verrat lauert überall. Und so war die Flucht nur eine Sackgasse mit bitterem Ende.

Peter Kamber wirft noch einmal die Suchscheinwerfer an und leuchtet die Rotter-Bühnen bis in die letzte Ecke aus. Auch er kann nicht jedes kleinste Detail belegen. Doch das, was er recherchiert hat, lässt keinen Zweifel daran, dass Alfred und Fritz Rotter die größten ihre Metiers waren, einflussreiche Feinde hatten, denen ihre kreative bis kriminelle Buchhaltung ein Dorn im Auge war, und die ein Berlin schufen, das über alle Grenzen hinweg Weltruhm erlangen sollte. Ob Gauner oder gewiefte Geschäftsleute – keiner verdient ein Ende wie diese beiden schillernden Gestalten des Bühnen-Berlins.

Spaziergänge durch das musikalische Leipzig

Bach, Schumann, Wagner und Mendelssohn-Bartholdy (immer noch beliebter Versprecher im Radio: “Es werden Werke gespielt von Mendelssohn und Bartholdy“, ein Klassiker – wobei wir auch schon bei einem Teil der Zielgruppe dieses Büchleins sind…) sie alle gehören zu Leipzig wie der Zoo, die Messe und der Sport. Doch selbst Leipziger, die mehr oder weniger regelmäßig ins Gewandhaus pilgern und / oder mit mehr oder weniger offenen Augen durch die Stadt schlendern, werden mit diesem Buch öfter in Erstaunen versetz werden. Auf sechs Spaziergängen erlebt man Leipzig wie man es noch nie erlebt, gar erhört hat.

Während man in der Stadt (jeder echte Leipziger bezeichnet die City oder auch downtown immer noch als Stadt) gar nicht umhin kommt an Größen wie Bach, Mendelssohn-Bartholdy und Wagner ungemerkt vorbeizukommen, so ist der Spaziergang Nummer Sechs für viele eine echte Offenbarung. Im Stadtteil Schönefeld steht eine Kirche. Sie überragt alles in dieser Gegend. Dass sich hier Clara Wieck und Robert Schumann am 12. September 1840 das Jawort gaben, ist vielen der umliegenden Bewohner unbekannt. Übrigens lohnt es sich das Areal außerhalb der Kirche zu erkunden. Ein Geheimnis, das von außen nicht sichtbar ist, wartet auf jeden Neugierigen. Nur ein paar Gehminuten entfernt gelangt man in die Clara-Wieck-Straße, in der sie allerdings nie wohnte. Verbürgt ist allerdings, dass sie und ihr Gatte im nicht allzu weit entfernten Abtnaundorfer Park oft spazieren gingen. Ein Park, vor allem der Parkteich, der schon seit Ewigkeiten, sofern es das Wetter zulässt, Kinderscharen das Eislaufenlernen ermöglicht. Heute ist es ein Ort der Ruhe mit teils wild wuchernden Sträuchern, der Flora und Fauna Platz zur Entfaltung gibt.

Ob nun Mendelssohn oder Schumann-Haus, ob Büsten, oder Konzertbesuche: Leipzig ohne Musik und Musiker ist einfach undenkbar. Vom Weltruf des Gewandhauses profitieren unter anderem auch die Nachwuchskünstler des Akademischen Orchesters, das mit seinen sechs Konzerten pro Jahr im Gewandhaus (fast immer komplett ausverkauft) für musikalische Abwechslung im Kulturprogramm Leipzigs sorgt. Leipzig lässt sich gern erobern. Die Wege sind kurz, meist fußläufig zu erreichende Hingucker und eine rege Kulturszene machen es jedem Besucher leicht sich in die Stadt trotz aller sichtbaren Bausünden der Vergangenheit und Gegenwart zu verlieben. Dieses kleine Büchlein passt in jede Tasche. Obwohl man es eh nicht verstauen wird, da es ein Füllhorn an Geschichte und Geschichten in sich birgt. Obwohl viel Gebäude wie das alte Gewandhaus nicht mehr mit eigenen Augen zu bestaunen sind, so leben sie mit diesem Buch wieder auf.

Eine Prise Funkgeschichte

Erinnern Sie sich noch wo der Marathon seinen Ursprung hat? Der Legende nach lief nach dem Sieg der Athener gegen Sparta ein Läufer die 40 Kilometer in seiner Heimatstadt, um vom Sieg zu künden. Danach brach er tot zusammen. Wenn heute eine Nachricht übermittelt werden soll, geschieht das in Echtzeit. Und das seit rund einhundert Jahren.

Am 23. Oktober 1923 ging der reguläre Rundfunk in Deutschland los. Die ersten Klänge aus dem Voxhaus am Potsdamer Platz. Doch schon lange vorher, mehr als drei Jahre zuvor, rauschten die ersten Worte aus dem Äther. Die Sendestelle Königs Wusterhausen war ihr Ursprung, der Vorsitzende des Fördervereins „Sender Königs Wustershausen“ ist Rainer Suckow, und der ist der Autor dieses Buches. Eines Buches, das Radiofans begeistern wird.

Funk – das heißt nicht nur Hörfunk, also Radio, sondern auch Fernsehen und Funk auf hoher See, zwischen Truckern, oder einfach nur eine Kommunikationsart, um mit Menschen in Kontakt zu treten, die meilenweit voneinander entfernt sind. In diesem Buch geht es aber vorwiegend ums Kino im Kopf, ums Radio.

Viele technische Details bereichern dieses Buch, die Anekdoten das I-Tüpfelchen darin. Wie die Geschichte von Radio Caroline. Mittlerweile ein Streamingradio, begann die Karriere des Senders in der ersten Hälfte der Sechzigerjahre. Als Piratensender. In England war das Programm derart tröge, dass es das einzige Schlafmittel war, für das man kein Rezept brauchte. An die Zielgruppe, die am meisten auch heute noch das Radio nutzt, die Jugend, dachte kein Mensch. Vor Außerhalb der Drei-Meilen-Zone postierten die Macher ein Schiff mit einem ausreichend starken Sender. Gespielt wurde das, was auch verkauft, sprich gewollt wurde. Jahrelang wurde man der Situation nicht habhaft. Der Sender verschwand, wenn es nötig war und kam wieder, wenn man es am wenigsten erwartete. Die britische Regierung erweiterte daraufhin ihre Befugnisse und schon bald war Radio Caroline den Häschern ins Netz gegangen. Es dauerte eine Zeit bis Radio Caroline eine offizielle Lizenz bekam.

Was gehört heute zu einem Radioprogramm? Eine Hitparade. Doch wann wurde eigentlich die erste Hitparade überhaupt gesendet? Kaum zu glauben, aber in diesem Jahr, genauer am 20. April, feiert diese Form der Unterhaltung ihren 85. Geburtstag. Mal sehen, welcher Radiosender diesem Jubiläum zumindest einen Beitrag widmet.

„Eine Prise Funkgeschichte“ ist wie ein gutes Radioprogramm: Unterhaltung allenthalben, gewürzt mit einer Prise Wissen, abgeschmeckt mit würzigen Notizen aus der „guten alten Zeit“. Radio ist nicht tot, es wird nicht sterben! Die Verbreitungswege mögen sich ändern. Doch der Empfänger, der Hörer, wird es stets goutieren, wenn Macher sich um ihn kümmern. Dieses Buch kümmert sich um seine Leser, die sicher auch Hörer sind.

Klagenfurt – Was der Tourist sehen sollte

Wer Österreich besuchen will, schreit sicher nicht als Erstes, dass er in Klagenfurt sein Haupt betten wird. Wien und Salzburg haben in den meisten Fällen den Vorzug. Wer sich – nicht trotzdem oder dennoch – entschließt der Hauptstadt Kärntens eine Visite abzustatten, darf sich auf ein Fest einstellen. Voraussetzung ist allerdings, dass er oder sie dieses Buch zumindest einmal schon gelesen hat. Mit Zahlen kommt man Klagenfurt nicht auf die Spur. Hunderttausend Einwohner – mal mehr mal weniger, hier ist schon das erste Fest im Gange, wenn man den launigen Ausführungen Egyd Gstättners zur Einwohnerzahl Klagenfurts folgt – aber was sagt das schon aus. Vierhunderttausend Übernachutngen bei einhunderttausend Einwohnern, das Vierfache. Immerhin. Belgrad hat fünfzehnmal mehr Einwohner, verzeichnet aber nur nicht einmal eine Übernachtung pro Einwohner. Zahlen sind Schall und Rauch.

Egyd Gstättner ist Kärtner, gebürtiger Klagenfurter. Und er ist für zweihundert Seiten der Reiseführer, den man nirgendwo anders buchen kann. Der Friedhof könnte mit Berühmtheiten der Stadt belegt sein. Doch die zogen es vor außerhalb ihrer Geburtsstadt das Zeitliche zu segnen: Udo Jürgen und Maria Lassnig liegen (sich gegenüber) auf dem Zentralfriedhof in Wien. Nur Ingeborg Bachmann hat hier ein Grab. Und die wollte bestimmt nicht zurück – sie starb im römischen Feuer.

Vom Eishockeyclub bis zur Bäckerei, vom Verleger bis zu verschwundenen Friseurladen kennt Gstättner hier jedes Staubkorn und seine Geschichte. Wie ein Papa seinen Flilius an die Hand nimmt, leitet er den Besucher durch seine Stadt. Bald ist man vertraut – man duzt sich – und erkennt, dass das, was vermeintlich fehlt durch Anekdoten wieder den Platz einnehmen darf, der bisher leer geblieben war.

Ohne Unterlass wird man in und durch eine Stadt gezogen, die man ohne Egyd Gstättner sicherlich der Vergessenheit anheimfallen ließe. Sie steckt voller Histörchen, die einen ab und an schmunzeln lassen, öfter ein „oho“ entlocken, aber ganz sicher lange in Erinnerung bleiben wird.

Die Welt wird nicht besser, wenn man dieses Buch gelesen hat. Sie wird aber auch nicht schlechter. Die eigene Welt wird durch das Buch und den unweigerlich folgenden Besuch der Stadt um einiges reicher. Zum Glück hegt Egyd Gstättner keine Ambitionen den Posten des Tourismusmanagers der Stadt zu ergattern. Wäre eh vergebens, da es so scheint als sitze hier ein Buch auf diesem Posten.

Perla

Perla – kein Kosename für die Angebetete. Sondern ein Name für eine Frau, deren Schicksal gar nicht glänzend war. Sie ist die Mutter des Autors Frédéric Brun. Erst nach dem Tod der Mutter traut sich Brun sich ihr und ihrem Schicksal zu nähern. Perla war in Auschwitz! Und sie überlebte! Was sie nie vollends überwinden konnte!

Für Frédéric Brun ist es immer noch schwer zu verstehen, dass in einem Land, aus dem so viele von ihm verehrte Dichter kamen so viele Henker hervorbringen kann. Er schafft Parallelen und bringt sie im gleichen Moment zum Einsturz. Er lässt Caspar David Friedrich auferstehen und schüttelt den Kopf, wenn er schreibt, dass Hölderlin von Auschwitz-Insassen wie Erbauern gleichermaßen geliebt wurde.

Ein besonders nachhallender Vergleich ist der von Josef Mengele, dem KZ-Arzt in Auschwitz, der im Exil im Meer ertrank und seinem noch ungeborenen Sohn Julien, den er in einem wohligen Meer im Bauch der Mutter heranwachsen lässt. Ein Vergleich, der nur Phantasievollen naheliegt, und den Leser ins Herz trifft. Und den Leser im Mark erschüttert. Perversion und Unschuld in einem Kapitel – das prägt das Bild dieses Buches. Denn dieser Josef Mengele war es, der mit einer Handbewegung Perla das Leben rettete. Eine perfide Vorstellung, denn ein Leben in Auschwitz war nicht mit menschlichen Maßstäben messbar.

Frédéric Brun kleidet Gedankenblitze und Erinnerungen an seiner Mutter unaufgeregt mit wohl platzierten Worten aus. Die Wucht der Bedeutung der Worte fegt jeden um, die Poesie der Sprache hebt jeden sanft an. Nun kann man sich wie in einem spannenden Krimi durch dieses Buch lesen. Man kann aber auch Zeile für Zeile aufsaugen. Letzteres ist auf alle Fälle empfehlenswert. Es lohnt sich dem Wohlklang der Worte hinzugeben. Ein weiteres Leben wird diesen Worten durch Christine Cavalli, die Übersetzerin, eingehaucht. Mit Sicherheit keine leichte Aufgabe, da jedes Wort sehr persönlich ist und von Erinnerungen geformt wurde. „Perla“ ist eine echte Perle. Und der Auftakt einer Trilogie.

Lesereise Toskana

Wenn man schon ein Reisebuch schreiben will, warum dann nicht gleich über eine der schönsten und eindrucksvollsten Regionen der Welt? Julia Lorenzer ist nicht die typische Reiseführerin, die durch die wundervolle Architektur der toskanischen Städte wandert und links und rechts des Weges auf das eine oder andere Schmuckstück hinweist.

Ihr Anliegen ist es Geschichte und Gegenwart zusammenzuführen. Zu wissen wie etwas entstand – und warum – ermöglicht es erst die Gegenwart einzuordnen. Von überzeugenden Filmkulissen, die schon und noch lange von der Einzigartigkeit dieses Landstriches zeugen über mehr oder weniger erfolgreich herrschende Bewohner der prächtigsten Palazzi, die man jemals sah bis hin zu lukullischen Genüssen, die den Geschmack Toskana so nachhaltig prägen, findet die Autorin immer einen Weg den Leser für diese Region einzufangen.

Meer, Berge, endlose Aussichten, gespickt mit kulturellen Hinterlassenschaften, die jeden Hobbyfotografen zum Profi reifen lassen – die Toskana bietet für jeden Geschmack das passende Ambiente. Mit gleichbleibender Empathie berichtet Julia Lorenzer von der berühmte Mille Miglia, von die Übernahme der Toskana durch die Habsburger und stellt einen Koch vor, der der Liebe folgte, um einer weiteren Liebe zu begegnen.

Diese Lesereise macht Appetit auf Toskana, auf noch mehr Toskana. Wenn Julia Lorenzer beschwingt von Thermalbädern berichtet, läuft einem ein wohliger Schauer über den Rücken. So als ob man mitten im gesunden Wasser liegen würde. Beim Waten durch einen eiskalten Bach hingegen schüttelt es wohl die meisten. Auch das ist eben die Toskana.

Auf einer Reise durch die Toskana begegnen einem auf Schritt und Tritt historische Persönlichkeiten – allen voran die Medici – deren Namen einem geläufig sind. Doch ihr Wirken ist im Laufe der Zeit hinter einen mehr oder weniger dichten Schleier getreten. Dieses Buch weht diesen Schleier immer wieder an und lässt so Geschichte wieder aufleben.  Auf einer Bank in den Hainen um Piesola oder in einem der zahlreichen Täler auf dem Weg von Pisa nach Livorno oder einfach nur an den Ufern des Arno kommt man damit dem Geheimnis der Toskana auf die Spur.

Die feine englische Art von A – Z

Nichts ist schlimmer als in angenehmer Runde zusammenzusitzen und einer fällt wie auch immer geartet aus der Reihe. Das kann der Dazugekommene sein, der nur einigen ihm Gewogenen die Hand zum Gruß reicht und die Anderen mit einem Kopfnicken bedenkt oder jemand, der das Mahl in sich hineinschaufelt als gäbe es kein Morgen. Fremdschämen kann man das oftmals nennen. Oder Pikiert sein. Wie auch immer man es nennt, Auffälligkeiten sollten immer einen positiven Aspekt haben. Wer durch negatives Verhalten auffällt, trägt bald schon Fettnäpfchen statt Schuhen.

Italienern und Franzosen sagt man ein untrügliches Gespür für Mode nach. Engländern bzw. Briten verpasst man manchmal etwas angestaubte, jedoch feine Manieren. Die so genannte feine englische Art ist zu einem geflügelten Wort geworden. Doch was genau besagt diese feine englische Art denn nun genau? Seit über zweihundertfünfzig Jahren (es würde so gar nicht der Etikette entsprechen übertrieben von einem Vierteljahrtausend zu sprechen) ist Debrett’s das Maß aller Dinge, wenn es um das soziale Verhalten in bestimmten Situationen geht. Dieses kleine Lexikon kann man durchaus mal komplett durchlesen. Denn so mancher Fauxpas (ein Wort, das mittlerweile aus der Mode gekommen scheint) ließe sich durch nur ein paar Minuten Leseaufmerksamkeit vermeiden.

Da sitzt man in einer Pause, versucht sich ein wenig zu erholen und der Gegenüber lässt seinem Unmut über sein Leben mit einem Gähnen nach dem Anderen freien Lauf. Man kann aus dieser Situation einen Witz machen. Doch wenn das Gähnen durch Körperzucken und andauerndes Gähnen einfach kein Ende nehmen will, muss man sich selbst ordentlich zusammenreißen, um nicht selbst ins Konzert des Gähnens einzustimmen. Jeder ist mal müde. Dann zeigt man aber nicht jedem die handwerklichen Fähigkeiten seines Dentalspezialisten des Vertrauens. Eine Entschuldigung wäre auch ganz hilfreich, wenn man sich nicht postwendend zum Gespött machen möchte. Das sollte normal sein, doch erst wenn man diesen kurzen Abschnitt gelesen hat, kommt einem vielleicht die eigen Unzulänglichkeit ziemlich albern vor. Oder man selbst ist peinlich berührt…

Keine Angst, dieser Etikette-Band ist weder verstaubt noch antiquiert. Er wurde den Anforderungen der Gegenwart angepasst. Denn wie sollte man vor zweihundertfünfzig Jahren wissen, dass es nicht schicklich ist alle um einen herum mit privaten Telefonaten zu belästigen? Oder, dass man durchaus dem Gastgeber einen Hinweis geben darf (oft sogar muss), wenn man verschiedene Speisen nicht verträgt.

Kurzum: Die Fettnäpfchen gehören der Vergangenheit an. Gutes Benehmen ist eine Zier und darf niemals aus der Mode kommen. Ob man dieses Buch nun einmal komplett durchliest oder Abschnitt für Abschnitt in wohltuenden Dosen genießt, eines steht fest. Dümmer wird man nicht, und schon gar nicht unliebenswerter.

Laaanges Wochenende

Die Zeit zwischen zwei Urlauben ist die härteste für alle, die nicht zwischen den eigenen vier Wänden festwachsen wollen. Ein Kurztrip übers Wochenende – oder noch besser das Wochenende ein wenig verlängern – ist der immer mehr in den Fokus der Tourismusmanager rückende Kurzurlaub. Mal ein, zwei, drei Tage raus aus dem Trott und schauen, wo auf der Welt es was zu entdecken gibt. Ob nun einfach mal die Seele baumeln lassen oder auf eine knackige Entdeckertour gehen – in der Kürze liegt die Würze. Nur ein paar Stunden entfernt von Zuhause sieht die Welt oft schon ganz anders aus. Die Auswahl ist riesengroß. Vom irischen Galway bis in die alte polnische Königsstadt Krakow, vom idyllischen Oslo bis ins quirlige Palma de Mallorca, auch mal ohne Komasaufen: Dieser Band wird ein redseliger Ratgeber sein für alle, die dem Grau des Alltags das Bunte der Welt entgegensetzen wollen.

Hält man das Buch erstmalig in den Händen, ist man auf Anhieb fasziniert von der Auswahl der vorgestellten Destinationen. Von Strasbourg über Portofino, von Porto bis Brno sind die Ziele wohlbekannt, doch oft dem Schnellzugriff bei der Urlaubsortfindung entzogen. Weniger bekannte Orte wie Pointe du Raz, der westlichste Punkt Frankreichs, ist von nun an ein Sehnsuchtsort, den man gesehen haben muss. Wenn man vorsichtig an den Klippen wandert und den Blick nach unten schweifen lässt, wird man Zeuge der Urgewalt des Meeres. Wer nur ein wenig nordöstlich reist, landet unweigerlich auf einer der Kanalinseln wie Jersey, die seit ein paar Jahren wieder verstärkt um die Gunst der Besucher buhlt.

In Luzern über die Kapellbrücke schlendern, in Dubrovnik auf der Stadtmauer auf Meer und Altstadt schauen oder originelles Windowshopping im Stockholmer Stadtteil Södermalm – hier wird jeder fündig. Bei jedem Umblättern steigt der Puls und die Zeit bis zu den nächsten freien Tagen wird unerträglich lang. Jetzt hat man aber zumindest ein Ziel vor Augen, beziehungsweise sind es gleich zweiundvierzig in fünfzehn europäischen Ländern.

Andalusien

Das Dutzend ist voll. Eine Fußballmannschaft und ein Ersatzmann. Es ließe sich vortrefflich (ein Volltreffer!) über das Dutzend Auflagen des Andalusien-Reisebandes von Thomas Schröder fabulieren. Aber warum etwas Zerreden, wenn es nichts zu zerreden gibt. Fakt ist: Wer Andalusien besuchen will, hat beim Kauf dieses Buches nicht nur den ersten Schritt getan, sondern den wichtigsten, den richtigen Schritt und die richtige Richtung gewählt.

Das Land des Lichts kann man ohne Umschweife den Süden Spaniens nennen. Und es wird für jeden eine erhellende Reise. Die Sonnenstunden zu zählen ist mühselig, die paar Tagesstunden ohne Sonnenlicht kann man fast an einer Hand abzählen.

Wer Andalusien sagt, meint auch und vor allem die Alhambra in Granada. Kein Monument, kein Museum, keine andere Attraktion in Spanien wird häufiger besucht. Wer meint dieses Kunstwerk islamischer Baukunst allein besichtigen zu können, ist ein Träumer. Umso traumhafter ist es jedoch, wenn man dem Ratschlag Thomas Schröders folgt und seine Karten vorbestellt. Dann hat man zumindest Karten. Denn nicht alles hier ist kostenfrei besuchbar. Und das Kartenkontingent ist beschränkt. Muss man wissen, sonst ist der gesamte Urlaub futsch!

Was fällt einem noch zu Andalusien ein? Klar, Flamenco. Man muss nicht lange suchen, um den harten Tanzschritten und den fordernden Saitenklängen auf die Spur zu kommen. Doch Vorsicht vor zu viel Touristenabzocke. Auch hier gilt wieder: Nicht verzagen, Schröder fragen! Was sofort auffällt an diesem Reiseband sind die gefällig geschriebenen Tipps und die strahlenden Fotos. Sicherlich hat Thomas Schröder sich immer die schönsten Stunden und Tage ausgesucht, um den Auslöser zu drücken. Doch so viel Glück hat selbst der Autor nicht. Es herrscht halt immer klarstes Fotografierwetter in Andalusien. Da fällt es auch nicht schwer, die Kachelbänke an der Plaza des España im Parque María Luisa ins rechte Licht zu setzen. Wenn man aber nicht weiß, dass sie überhaupt existieren …

Ob genussvoll den Tag mit Schinkenverkostung zu verbringen oder sich am Strand die Sonne auf die Haut scheinen zu lassen, Kultur im ganz großen Stil zu tanken – Andalusien bietet mehr als so mancher Prospekt vorzugeben vermag. Der Reiseband „Andalusien“ von Thomas Schröder bündelt nicht nur sämtliche Informationen, der Autor findet selbst die geheimsten Ecken, die einen Urlaub in Andalusien erstrahlen lassen. Die gelben Infokästen, für die der Michael-Müller-Verlag bekannt und beliebt ist, lassen jeden Fremdenführer vor Ort einen Anflug von Schamesröte ins Gesicht zaubern. Denn die Geschichten hinter der Geschichte machen Ausflüge erst nachhaltig. Der sprichwörtliche Traum vom Süden wird mit diesem Reiseband zu einem greifbaren Traum.

Exil der frechen Frauen

Zwei Tage nach Ostern 1928 kommt es im Kriminalgericht Moabit in Berlin zu einer der spektakulärsten Befreiungsaktionen. Otto Braun, wegen Hochverrats und Spionage (für die Sowjetunion) angeklagt und schon länger inhaftiert, wird mit Waffengewalt aus den Fängen der Justiz befreit. Ein Gerichtsschreiber wird mit einer Waffe bedroht. Diese hält Olga Benario. Die Flucht gelingt, ist jedoch der Anfang einer bis zu ihrem Tode währenden Reise. Die Waffe war nicht geladen. Dafür hatte sie sich stark gemacht. Immer wieder argumentierte sie für die Aktion bei den Genossen der KPD. Immer wieder wurde sie – sie war eine Frau – belächelt (?), zumindest jedoch hingehalten. Nun also der große Tag.

Die Aktion schlägt hohe Wellen. An den Litfasssäulen leuchten die Konterfeis des Delinquenten und seiner Befreierin. In Kinos werden ihr Heldenmut und die Chuzpe gefeiert, was dazu führt, dass ihre Gesichter aus dem öffentlichen Leben auf Geheiß der Administration verbannt werden. In den Cafés sind sie Gesprächsthema Nummer Eins. Auch Maria Osten, damals noch Maria Greßhöner und Ruth Rewald sind ganz angetan von den Schlagzeilen und der außergewöhnlichen – frechen – Tat. Rewald ist Autorin, Greßhöner Verlagsangestellte bei Malik. Man kennt sich flüchtig. Im Hinausgehen bittet Greßhöner Rewald allen vom Verein der frechen Frauen zu berichten.

Für die drei Frauen beginnt unabhängig voneinander eine Odyssee, die für keine der Drei ein gutes Ende nehmen wird. Olga Benario ist noch in Moskau, als sie Luis Carlos Prestes kennenlernt – der von ihr befreite Braun steht wieder einmal nicht mehr an ihrer Seite. Mit ihm Prestes reist sie nach Brasilien. Er soll dort einen Umsturz – ohne Waffengewalt – initiieren und umsetzen. Wie so oft in ihrem Leben wird Olga Benario verhaftet. Und nach Deutschland abgeschoben. Hier haben inzwischen die braunen Schergen die Macht. Als alt, krank und nicht mehr arbeitsfähig – so hieß das im Jargon der Nazis – wurde sie in der Euthanasie-Anstalt Bernburg 1942 vergast.

Im gleichen Jahr wurde das Urteil gegen Maria Osten umgesetzt. Ihr warf die stalinistische Justiz Spionage vor. Das sah zur damaligen Zeit nur eine Konsequenz vor: Todesstrafe. Osten war mehrmals europaweit verhaftet worden. Und immer wieder freigelassen worden. Ebenfalls 1942 schnappte die Gestapo Ruth Rewald in Frankreich und deportierte sie nach Auschwitz.

Robert Cohen muss keine Verbindungen weben, um die Geschichte dieser drei außergewöhnlichen Frauen schreiben zu könne. Er muss jedoch im Staub des Vergessens wühlen, damit dieses Netz wieder im Tageslicht seine Brillanz zeigen kann. Maria Osten, Olga Benario und Ruth Rewald sind mittlerweile fast in Vergessenheit geraten. Das Werk Ostens ist zum größten Teil vernichtet. Rewalds Geschichten sind vom Staub bedeckt. Im Osten Deutschlands erinnern Straßen und eine Jugendherberge an die „freche“ Aktivistin.

Cohen übersieht nicht, dass Idealismus und Gemeinsinn zu oft dem alles gleichmachen wollenden Aktionismus, der nur allzu gern Ehrgeiz und Ignoranz verbergen soll, so manch gutem Tun den Garaus machen konnte. „Exil der frechen Frauen“ zeigt einmal mehr, dass die Geschichte nicht vorbei ist, nur weil das Heute dem Morgen weichen musste. Geschichte darf niemals vergessen werden!