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Künstler und Entdecker in der Südsee

Da hat man doch im Laufe der Pandemie fast den Blick für die wahren Sehnsüchte verloren. Alle wollen nur noch ihre Freiheit wieder. Wie das aussieht, kann kaum einer richtig in Worte fassen. Der Strandkorb an der Ostsee ist das Nonplusultra. Und dann kommt Charlotte Ueckert mit ihren Reiseerinnerungen um die Ecke und gibt die wahre Sehnsucht dem Leser und wahrhaft reiselustigen Freiheitssuchenden das zurück, was fast vergessen schien. Südsee. Die See und dann auch noch der Süden. Mehr Sehnsucht geht nicht!

Charlotte Ueckert wusste nur das über die Südsee, was man ohne viel Anstrengung als Allgemeinwissen bezeichnet. Cook, Robinson Crusoe, Thor Heyerdahl, die Bounty, endlose Strände und die Gemälde von Gauguin, Emil Nolde und Max Pechstein. Doch das ist es, was die Sehnsucht befeuert. Ist das Licht wirklich so wie bei den Malern der Moderne? Ist der Entdeckerlust inzwischen ein globalisierter Riegel vorgeschoben worden? Schmeckt das Meer hier anders?

Unerschrocken nähert sie sich den Atollen, die nach den Eroberern den Künstlern überlassen wurden. Gauguin war nach Cook und Bougainville ein Vertreter der neuen Sehnsuchtschürer. Seine Bilder wurden ob ihrer Obszönität vom Fachpublikum abgelehnt, dennoch ständig begafft. Diese Ungezwungenheit und Offenheit waren die Triebfeder für eigene Träume.

Charlotte Ueckert erlebt wie zwei Staaten, die eigentlich zusammengehören – West Samoa und Amerikanisch Samoa – so unterschiedlich sein können. Sie erkundet mit ihrer Herbergsmutter deren weitläufiges Grundstück. Die angelesenen Biographien reichert sie vor Ort mit persönlichen Eindrücken an, so dass die ursprüngliche Neugier Platz für Neues machen muss.

Beim Lesen hört man das Rauschen der Wellen, spürt wie sie sanft gegen den Strand schlagen ohne dabei bedrohlich zu wirken. Wohlwollend nimmt man zur Kenntnis, dass glücksbehaftete Wunscherfüllung an entlegenen ort auch ohne die kitschig erzeugten Bilder von sich sanft im Wind wiegenden Palmen auskommen.

Charlotte Ueckert reist mit dem Schiff von Insel zu Insel. Sie vermeidet sich über die strengen Zeitrahmen an Bord – gegessen wird pünktlich, aber vielleicht war das Schiff auch zu klein, um die gesamte Passagierliste in Schichten essen lassen zu müssen – den letzten Nerv rauben zu lassen. Ihr ging es ganz allein darum sich den Traum von der Südsee zu erfüllen. Und das auch gleich zweimal. Bei ihrer zweiten Reise sind ihre Gedanken intensiver. Sie muss nicht auf Teufel komm raus ihre Gedanken niederschreiben und postwendend den üblichen Erinnerungstinnef an sich reißen. Beim zweiten Mal ist die Autorin abgeklärter, doch nicht minder neugierig und beseelt davon ihren Traum noch eindrücklicher nachwirken zu lassen.

Auf die Dame kommt es an

Schachspielen – ach wie öde. Zweiunddreißig Figuren laufen wir irre durcheinander bis irgendwann der Chef zu Fall gebracht wird. Ach wie öde. Für Unkundige mag das zutreffen. Für Fans, Spieler, Taktikfans eine Offenbarung. Schach ist die älteste Sportart, in der heute noch Weltmeisterschaften ausgetragen werden. Wenn auch fernab jeglichen Publikumsinteresses. Schach faszinierte seit jeher – Alexander der Große soll es schon gespielt haben, mit Bravour.

Für ein breiteres Publikum sind wohl eher die Geschichten rund um das Spiel der Könige interessant. Und so mancher ließ sich von Friedrich Dürrenmatt, Vladimir Nabokov oder Agatha Christie zum Spielen verleiten. Wenn nicht, dann wird es Zeit. Denn dieses Büchlein bietet Schachuninteressierten die Möglichkeit in die verzwickten Strukturen dieses traditionsreichen Spieles hineinzuschauen.

Die Herausgeber Ulla Steffan und Richard Forster sind nicht die Autoren, sie sind Sammler. Sammler von guten Geschichten. Richard Forster ist außerdem Schachmeister und Schach-Kolumnist (ja, so was gibt es wirklich) der Neuen Züricher Zeitung.

Gleich in der ersten Geschichte geht es richtig zur Sache. Mord und Machtspiel sind die Zutaten, die Friedrich Dürrenmatt mit Schach gleichsetzt. Ein Richter und ein Staatsanwalt kommen beim Schach ins Plaudern. Der Richter gesteht dabei einen Mord. Denn er, der Richter, und der Vorgänger des Staatsanwaltes spielten eine perfide Art des Schachs. Krimifans werden diese Seiten lieben.

Schach muss für viele Analogien in den Geschichten herhalten. Und auch für Anekdoten. Wie diese als Richard Nixon Bobby Fischer nach seinem fulminanten Sieg über Boris Spasski – damals mehr als „nur eine Schach-Weltmeisterschaft“ – ins Weiße Haus einladen wollte. Der amerikanische Held, der sich nie als solcher fühlte, stellte derart viele und teils unverschämte Forderungen, dass Nixon (scherzhaft) die Losung ausgab den Flieger, der Fischer nach Washington bringen sollte, nach Kuba entführen zu lassen.

Beim Schach gibt es nur Schwarz und Weiß, kein Grau. Es gibt nur Gewinnen oder Verlieren. Selbst ein Unentschieden ist eine Niederlage, weil es keinen Sieger gibt. Dieses Buch hat mehrere Sieger: Den Leser. Und das Schach. Noch nie wurde Schach in seinem ganzen Facettenreichtum dargestellt. Den beiden Herausgebern gebührt der Verdienst Schach auf eine neue Ebene gehoben zu haben. Schach der Langeweile, Schach der Öde.

Zwei Fremde im Zug

Guy Haines sitzt im Zug von New York nach Texas. Er könnte ein zufriedener Mensch sein. Als Architekt mit Ambitionen wird er als der kommende Frank Lloyd Wright gesehen. Doch das Schicksal und die Gedankenflut in seinem Inneren hindern ihn die Welt durch eine rosarote Brille sehen zu können. Denn er ist auf dem Weg nach Metcalf, um sich mit Miriam zu treffen. Seiner Frau. Die will die Scheidung nicht mehr, die sie erst so sehr forciert hat. Er will die Scheidung, weil er mittlerweile in Anne die Frau fürs Leben gefunden hat. Der Gedanke an Miriam lässt seine Lebenskraft gefrieren.

Da setzt sich unaufgefordert ein Mann auf den gegenüberliegenden Platz. Nicht viel zu lesen in seinem Gesicht, denkt sich Guy. Und schon plappert der Neuankömmling im Abteil fröhlich drauf los. Hat wohl einen über den Durst getrunken. Die Plauderei nimmt Fahrt auf und plötzlich – keiner weiß so richtig wie es passieren konnte – wird der perfekte Mord geplant. Denn Charles Anthony Bruno hat das Gefühl, dass Guy viel besser dran wäre, wenn jemand Miriam dran bekommt. Sie ermordet. Und er selbst, also Bruno. Wäre doch auch viel besser dran, wenn es seinen verhassten Vater nicht mehr gäbe. Das Mittel der Wahl ist der Mord über Kreuz. Guy solle Samuel Bruno, Brunos Vater, den Garaus machen. Im Gegenzug würde Bruno Miriam ins Jenseits befördern. So einfach ist das. Wer solle die beiden verdächtigen? Sie haben doch kein Motiv. Und wer soll schon herausbekommen, dass die beiden sich im Zug kennengelernt haben und im Handumdrehen Morde planen? Das Risiko ist doch sehr überschaubar.

Guy lehnt natürlich ab. Obwohl ihm die Idee, dass Miriam in seinem Leben keine Rolle mehr spiele, eine gewisse Zufriedenheit bescheren würde. Aber mit dem Typen da? Ein Tunichtgut, ein Schmarotzer, der Mutti noch auf der Tasche liegt, der dem Vater nicht ein gutes Haar abgewinnen kann. Nee, dann lieber ein Leben mit Miriam. Das ist ja eh bald passé.

Guy trifft sich mit Miriam, Bruno in die hinterste Ecke des Kopfes verbannt. Sie ist so lieblich, voller Tatendrang, zielstrebig. Das ist zu viel für Guy. Er ist des Streitens müde. Okay, wenn sie will, dann nimmt er sie mit nach Florida zu seinem nächsten Projekt. Miriam ist schwanger – nicht von Guy. Sobald das Kind da ist, wird die Scheidung vollzogen, und alle gehen zufrieden ihrer Wege.

Für Bruno hingegen ist die Plauderei mehr als nur Spinnerei. Er nimmt das heft des Handelns in die Hand. Als Guy hört, dass Miriam erdrosselt wurde, schwant ihm Böses. Muss er jetzt seinen Teil der nicht getroffenen Abmachung einhalten? Was soll er Anne erzählen? Was den Polizisten, die alsbald bei ihm auf der Matte stehen? Und wird er Charly Bruno noch einmal begegnen?

Patricia Highsmith gelang es mit ihrem Debütroman mehr als nur eine Duftmarke zu setzen. Alfred Hitchcock kaufte aus dem Stand die Rechte an dem Stoff und verfilmte ihn kurz darauf, wenn auch in stark abgewandelter Form. Highsmith rückt nicht das Verbrechen an sich in den Vordergrund, sondern das, was es mit den Tätern macht. Das perfekte Verbrechen gibt es nicht. Nur für Außenstehende und Träumer.

Solneman der Unsichtbare

Es ist schon kurios, was sich da in einer deutschen Kleinstadt etwas mehr als einhundert Jahren abspielt. Rein fiktiv – natürlich. Da kommt ein Mann ins Rathaus und unterbreitet dem Oberbürgermeister das Angebot den Stadtpark zu kaufen. Lachhaft! Der Amtsträger lehnt ab. Bis der geheimnisvolle Mann ihm eröffnet, dass er bar zahle. Und zwar dreiundsiebzig Millionen. Das wären heute irgendwas um die 300 Millionen Euro. Die Skepsis weicht aus dem Gesicht des Oberbürgermeister und macht einem breiten Grinsen Platz. Hciebel Solneman – so nennt sich der Mann mit dem unausschlagbaren Angebot und dem durchaus auffälligem Äußeren (mit ein bisschen Grips errät man, was gemeint ist – stellt nur noch ein paar Forderungen: Er will eine dreißig Meter hohe Mauer um – dann – sein Anwesen bauen, Überflugverbot unter tausend Meter und man solle ihn doch bitte nicht belästigen. Man einigt sich! So viel Geld im Säckel, wessen auch immer, ist einfach zu verlockend. In Windeseile steht die Mauer. Ein paar umliegende Häuser reißt sich Solneman auch noch unter den Nagel. Sonst könnte ja jemand mit dem Fernglas über die Mauer lugen.

Was hat er eigentlich erwartet? Dass man ihm mirnichtsdirnichts das Grundstück überlässt, und alles ist gut? Dass Spekulationen mit dem Rascheln der Geldbündel ad acta gelegt wird? Bestimmt nicht! Denn Solneman tritt selbstischer und weltgewandt auf. Und er ist ob seiner Art über jeden Verdacht erhaben. Na gut, fast jeden Verdacht. Genauso schnell wie Mauer hochgezogen wurde, keimen die ersten Gerüchte. Da war doch mal was in Belgien. Eine Frau wurde ermordet als der Zirkus in der Stadt war. Zirkus – Solneman – Mord … könnte passen. Schon allein deshalb, weil ihn kaum jemand zu Gesicht bekommen hat. Oder ist er ein Varieté-Künstler? Oder Ingenieur? Bei dem, was da alles in sein Anwesen gebracht wird – die Lieferwagen hat Solneman gleich mitgekauft. Oder ist er gar ein Misanthrop? Reich ist er. Er gibt gern und viel für die Stadt.

Das gemeine Volk zerreißt sich das Maul. Die Oberen wollen sein Nähe suchen, dürfen es aber nicht. Solnemans Nähe verspricht Ruhm und Ehre und … vielleicht den einen oder anderen Taler. Ach, es ist zum Verzweifeln! Was treibt dieser unsichtbare Mann mit dem rätselhaften Namen hinter den sich nur selten öffnenden Mauern?

Alexander Moritz Frey treibt den Leser in den Wahnsinn. Was hat dieser Typ da vor? Nur eines steht fest: Wer das Buch vor dem letzten Punkt beiseite legt, hat verloren. Frey war ein Freund Thomas Manns und wurde im Kriegsdienst von einem Gefreiten drangsaliert dessen Ideologie zu Papier zu bringen. Frey lehnte ab. Er wusste, dass er vielleicht nicht, dass mit dem Teufel einen Bund eingehen würde, aber dieser Wichtigtuer war ihm zutiefst zuwider. Dieser Wichtigtuer wird nicht einmal zwanzig Jahre später unter anderem dafür verantwortlich sein, dass die Werke Alexander Moritz Freys dem Feuer übergeben werden. Aus dem Schweizer Exil kehrte der Autor nie mehr nach Deutschland zurück.

Waldtagebuch

Wie heißt es doch in einem Lied? „Im Wald, da sind die Räuber“. Und  Eichhörnchen und Eichen und Spechte und Pilze und und und. Hier ist es ruhig, und soll es auch bleiben. Hier ist es sauber, und soll es auch bleiben. Hier ist die Luft frisch, und soll es auch bleiben.

Dieses Waldtagebuch ist nicht allein – wie man es auf den ersten Blick vermutet – nur für Kinder gemacht. Auch für alle, die zum ersten Mal in den Wald gehen, oder selbigen vor lauter Bäumen nicht sehen können. In Deutschland ist eine Fläche von mehr als elf Millionen Hektar mit dem saftigen Grün bedeckt. Doch was ist eigentlich Wald? Laut den Vereinten Nationen und der hauseigenen Organisation FAO, die für den Wald zuständig ist, ist ein Flecken Natur, der mindestens einen halbe Hektar groß und zu zehn Prozent von Baumkronen überschirmt ist. Deutschlands Herren über Regeln und Zahlen da noch ein paar Schritte weiter. Holzlagerplätze, Wildwiesen und Lichtungen und einiges andere mehr gehören ebenfalls dazu. Knapp die Hälfte des deutschen Waldes ist in Privatbesitz. So viel zu den Zahlen.

Das Erlebnis Wald gehört sicher zu den ersten Erfahrungen, die man manchen kann, wenn man echte Abenteuer erleben will. Pilze sammeln – einige ausgewählte Arten werden in diesem Waldtagebuch vorgestellt – gehört da sicher zu den aufregendsten Dingen. Die Suche in Verbindung mit dem Auffinden und der Bestimmung lassen die Zeit wie im Flug vergehen.

Spuren lesen und zuordnen – auch hier wieder: Die wichtigsten werden vorgestellt – kann süchtig machen. Bäume bestimmen, Blätter erkennen, Vögel in den Baumkronen entdecken … die Liste ließe sich beliebig fortführen.

Das Waldtagebuch bietet viel Platz, um das Entdeckte aufzuschreiben und je nach Phantasie aufs Papier zu kritzeln. Und wenn man nach einiger Zeit (Tage, Wochen Monate, Jahre) noch einmal die Exkursionen ins Grüne nachliest, werden Erinnerungen wach, die so lebendig sind als wäre man erst gestern durch dichtes Gestrüpp gestromert, hätte man auf der Lauer gelegen oder hätte mit Feuereifer den ersten Wanderstock mit eigenem Design veredelt. Jede Erinnerung ist es wert festgehalten zu werden. Das Format und die Dicke des Waldtagebuches fordern dazu auf nicht nur den ersten, sondern viele darauf folgende Waldwanderungen für sich niederzuschreiben. Die liebevolle Gestaltung mit den zahlreichen Zeichnungen aus Flora und Fauna machen Lust selbst den Entdecker in sich herauszulassen.

Venexia

Venedig und Klischees – gehört irgendwie zusammen. Hoffnungslos überlaufene cale und Brücken, Überschwemmungen und der Karneval. Aber auch Romantik, zauberhafte Aussichten und ein Füllhorn an einzigartigen Eindrücken. Doch all das ist ein Stück harte Arbeit. Mit dieser Einsicht kommt man diesem Prachtband schon ein gewaltiges Stück näher. Denn Venedig ist eben nicht nur Romantik in bella italia und ein Espresso zu exorbitanten Preisen. Hier leben Menschen, echte Venezianer, die die Stadt zu dem machen, was sie ist.

Stefan Hilden hat immer die Kamera im Anschlag. Was so martialisch klingt, war es anfangs auch. Er war auf Bilderjagd. Doch er merkt schon bald, dass er so nicht sehr weit kommt. Denn als Venezianer will man nicht auf Schritt und Tritt für die Ewigkeit eingefangen werden. So kam er ins Gespräch mit den Einwohnern der Serenissima. Und bald schon kamen diese einzigartigen Bilder zustande. Hochglanz, ja. Prospektmaterial, bedingt. Denn Venedig öffnet sich nur dem Aufgeschlossenen.

So darf Stefan Hilden den Palazzo Mora besuchen. Nicht einfach nur mal reinschauen, so wie viele andere auch. Nein, er durfte Türen öffnen, die sonst verschlossen bleiben. Immer schön am Rand bleiben, wurde ihm gesagt. Da weiß man schon, dass das Knarzen im Boden nicht einfach nur Nostalgie ist, sondern eine echte Warnung. Und ab jetzt verschlägt es dem Leser den Atem! Man riecht förmlich den Verfall, atmet Geschichte, sieht, was die Zeit mit dem Gebäude gemacht hat. Aber vor allem, was immer noch zu sehen ist! Lichtpunkte, die durch die brüchigen Fensterläden ihren Weg finden. Patina an kunstvoll geschmiedeten Geländern und Beschlägen. Aussichten, die so selten sind, dass man vor Neid erblassen könnte.

Manche Gebäude werden heutzutage als Ateliers genutzt. Mal expressionistisch wie im Cabinett des Dr. Caligari, mal verwunschen wie in einem Märchenschloss. Immer voller Leben, das sich auf den Straßen abspielt.

Aber auch Orte der Ruhe findet Stefan Hilden bei seinen Fotostreifzügen, die keine Jagd mehr sind. Keine auf Hochglanz polierte Gondeln findet den Weg vor die Linse, sondern genutzte Wasserfahrzeuge, die ihre Pflicht vor langer Zeit getan haben. Pures Mauerwerk kündet von dem, was mal war. Und immer mit im Bild: Die Sehnsucht, die Grandezza der Stadt, die einmal die Meere beherrschte. Deren Ruhm seit Jahrhunderten an- und die Besucher in Atem hält.

„Venexia – Hinter den Kulissen von Venedig“ spiegelt dem Betrachter nichts vor, wie es so manch Unerfahrenen in der Lagunenstadt ergeht. Die Stadt ziert sich etwas ihre nicht ganz so prächtigen Seiten zu offenbaren. Stefan Hilden leistet exzellente Überzeugungsarbeit und lässt sie bei aller fehlender oberflächlicher Eleganz erstrahlen. Venedig mal anders – dieser zu oft missbrauchte Satz trifft bei diesem Buch auf jeder der 180 Seiten zu.

Der Irrweg

Vom rechten Weg abzukommen, heißt nicht automatisch, den falschen Weg einzuschlagen. Lars ist Zivi in der Psychiatrischen Anstalt von Linderstedt. Seine Mutter hat ihn ganz gut im Griff. Meint sie. Dass sie ihren Filius mit ihrer Art ihn zu drangsalieren nicht zwingend auf dem vermeintlich rechten Pfad halten kann, stört sie keineswegs. Lars leidet jedoch unter ihr wie ein frisch geschorenes Lamm im Frühjahrswind.

Der Zivildienst ist für ihn mehr als nur eine Möglichkeit die Zeit zu überstehen bis sich „was anderes ergibt“. Es ist eine Flucht. Dass auch hier in den Werkstätten der Wahnsinn an jeder Ecke lauert, ist ihm klar. Spätestens als ihm bewusst wird, dass die Arbeitstherapeuten, die sich nicht ausstehen können, ihn als Spielball missbrauchen. Sagt der Eine Hü, sagt er Andere Hott. Ein Irrenhaus! Im wahrsten Sinne des Wortes.

Doch Lars fügt sich. Er findet Gefallen daran zu erkennen, wie er die Bewohner des Heims, die Arbeiter, die Angestellten zu nehmen hat. Schnell schließt er sogar so etwas wie Freundschaften. Zum Beispiel mit Hanna. Sie zeigt ihm ziemlich eindeutig und eindrucksvoll, was sie erwartet. Vom Leben, von sich selbst und von Lars.

Ja, diese Hanna hat das Zeug Lars’ Leben komplett auf den Kopf zu stellen oder besser gesagt: In Flammen aufgehen zu lassen! Er ist Feuer und Flamme für sie. Sie für ihn. Sie hat das Rüstzeug, um die ganze Welt, besonders die von Lars – vielleicht so gar die vom Chef, zumindest sein Auto? Wer weiß … – in ein Flammenmeer zu verwandeln.

Lars wurde bisher in seinem kurzen Leben immer gesteuert. Selbstantrieb war ihm bisher fremd. Die Mutter, die keine Möglichkeit ausließ, ihm ein schlechtes Gewissen einzureden. Die Zivistelle, die ihm bisher auch kein Glück brachte, sondern zeigte, dass Machtfantasien von tieferer Stelle aus fiesere Auswirkungen haben könne, als wenn sie von Oben kommen. Und dann diese Hanna. Kein Links, kein Rechts. Immer gerade heraus. Immer geradeaus. Was ist eigentlich, wenn man den Irrweg, den man bisher beschritten hat, verlässt? Kommt man dann automatisch auf den richtigen Weg? Oder lauert dann schon der nächste Irrweg?

Mit viel Gefühl und brachialem Wortwitz stellt Martin Lechner dem Leser seine Vision von Linderstedt vor. Linderung kann hier wirklich niemand erwarten. Linderung wovon? Das ist wohl auch die entscheidende Frage. Wenn alles Leid „normal“ ist, wovon soll man dann geheilt werden? Wenn das, was man kennt, nicht nach Linderung schreit, ist die Stätte der Linderung ein weit entfernter Ort. Keine Angst vor großen Gefühlen, keine Angst vor schrägen Gedanken, keine Angst vor Linderstedt – „Der Irrweg“ ist ein Weg, den man nicht verlassen kann, weil er den Leser fesselt. Mit angenehmen Nebenerscheinungen.

Subterranea

Warum in die Ferne schweifen, sieh, das Gute liegt so … tief! Da soll es doch tatsächlich Leute geben, die manchem Ort auf der Erde das Klischee andichten, dass es unter der Erde Interessanteres gibt als darüber. Was als Scherz gemeint sein mag, trifft jedoch für viele Orte der Erde wirklich zu. Schon allein das Titelbild dieses Bildbandes ist ein glänzendes Beispiel dafür.

Zu sehen ist eine so genannte Cenote. Sie findet man durchaus zahlreich auf der Halbinsel Yucatan in Mexiko. Hier hat sich die Erde aufgetan und die darunter liegenden Seen zwar nicht an die Oberfläche geholt, sie jedoch freigelegt. Sie waren die Wasserreservoire der Maya, die wohl ohne das Wissen um ihre Existenz nicht überlebensfähig gewesen wären. Mitten in der Kargheit der Wüste Wasser zu finden, ist wie ein Sechser im Lotto.

Schon Jules Verne war von der Möglichkeit fasziniert unter der Erde überlebensfähig zu sein. Dass er dabei seiner Phantasie freien Lauf ließ, beflügelte die Leselust bei der Lektüre von „Die Reise zum Mittelpunkt der Erde“ vortrefflich. Als Graf Sandorf aus seinem Gefängnis flieht und seinen Verfolgern als von der Erde verschluckt durch die Lappen geht, ist alles weitaus realistischer. Denn in Slowenien, in Postojna, gibt es Flüsse, die einfach mal so von der Erdoberfläche verschwinden. Und an anderer Stelle wieder auftauchen. Wer hingegen abtaucht, trifft auf eine Welt, die die Erinnerungen an Jules Vernes Reise zum Mittelpunkt der Erde wachruft. Hier lebt zwar kein Monster, das sein Territorium mit brachialer Macht verteidigt. Aber ein Wesen, das in Ausnahmefällen über hundert Jahre alt wird. Der Grottenolm. Es dauert ein paar Jahre bis alle Eier befruchtet sind. Bis zu zwölf Jahre kann er ohne Nahrung auskommen. Und seine Augen sind eigentlich mehr Staffage als nutzbare Organe. Viertausend ihrer Art sollen hier noch vorkommen.

Wer noch mehr Superlative braucht, um sich ein Leben unter der Erde vorzustellen, muss nach Georgien reisen. Die Werjowkina-Höhle ist mit über zwei Kilometern Tiefe die Höhle, deren Grund man erst nach sehr langer Zeit erreicht. All diese Höhlen wurden von Mutter Natur erschaffen. Der Mensch erstarrte lange Zeit vor Ehrfurcht vor ihnen, bevor er sich traute sie zu erkunden.

Nicht minder gefährlich sind die unterirdischen Gänge beispielsweise in Berlin. Von Menschenhand erschaffen. Und mit Schicksalen auf ewig verbunden. Die rede ist vom berühmten Tunnel 57. Durch ihn gelangten viele des Sozialismus überdrüssige Freiheitssuchende in den verheißungsvollen Westen. Nur knapp hundertfünfzig Meter lang, und nicht mal einen Meter hoch und tief. Am Ende wartete das Licht der Freiheit. Doch der Weg war entbehrungsreich. Die stickige Luft, das zurückgelassene Leben.

Dieser Bildband besticht durch seine exzellenten Abbildungen und die detailgenauen Karten, die heute vom Leben untertage zeugen und eine Welt zeigen, die vielen verborgen bleibt. Nur wer sich an und über der Oberfläche auskennt, kann die Schönheit unter ihr verstehen. Ein Reiseappetitmacher für Fortgeschrittene.

In 80 Pflanzen um die Welt

Da muss man erstmal drüber nachdenken, was man von so einem Buch erwarten soll. Länderspezifische Pflanzen. Was gibt es da alles? Einen Spaghettibaum in Italien? Das war mal ein Erster-April-Scherz im britischen Fernsehen. Auf die Artischocke kommt man erst bei sehr langem Nachdenken.

Die Mistel und Frankreich in Verbindung zu bringen, gelingt vor allem Asterix-Fans. Miraculix kraxelt in die Wipfeln der Bäume mit seiner kleinen Sichel, um die Zutaten für seinen Zaubertrank zu besorgen. Ist man erstmal im Nachdenkerausch, ist es auch nicht mehr so weit bis zum Kaffeestrauch in Äthiopien. So einen Strauch haben dann doch aber im Verhältnis zu den Kaffeegenießern Wenige gesehen. Und noch weniger weiß man, dass seine Blätter den Schatten bevorzugen. Die Früchte sind eine Delikatesse für Affen und Vögel. Heute kaum vorstellbar ist die Tatsache, dass vor rund vierhundert Jahren – inzwischen wusste man wie man aus der Frucht ein köstliches Getränk bereitet – Kaffee von der katholischen Kirche als Teufelsdroge verschrien war. Papst Clemens VIII. „opferte sich“ und probierte … und siehe da: Es war gut! Nix mehr Verteufelung!

Schon mal versucht eine üppig wachsende Agave von A nach B zu transportieren ohne sich dabei die Haut vielschichtig aufzureißen? Mexikaner können sicher darüber nur lachen. Denn dort ist diese Kakteenart heimisch. Und sicher weiß man auch wie man damit umgeht. Wahrscheinlich lässt man sie an Ort und Stelle und freut sich an ihrem Wachstum und dem überwältigenden Formenspiel.

Jonathan Dori lädt die Botanikfreunde ein sich mit ihm auf eine vergnügliche Reise durch die Flora der Welt zu machen. Ein Hauch Muskat in Indonesien. Vielleicht sogar an Fuchsschwanzblättern? Dazu müsste man aber über den Pazifik gen Osten reisen. Bis nach Peru. Denn dort gedeiht diese widerstandsfähige Prachtpflanze. Nicht nur hübsch anzusehen – mittlerweile auch in unseren Gefilden, Fuchsschwanz ist halt widerstands- und anpassungsfähig – sondern auch als Nutzpflanze einsetzbar.

Dieses Buch macht Appetit und schärft den Blick für die Pflanzen links rechts, über die man sonst eher im besten Fall den Blick nur streifen lässt. Die Abbildungen, diese wunderbar poetischen Zeichnungen von Lucille Clerc sind ein andauernder Frühlingskick, der niemals vergeht.

Herbarium, giftgrün

Nur ein kleiner Zettel. Es ist nur ein kleiner Zettel, der dem Maler Max Kersting bei einem Uni-Empfang vom Rektor zugesteckt wird. Etwa in der Art wie man ihn tausendfach schon geschrieben hat. Milch – Butter – Käse. Oder der Friseurtermin.

Irgendwas mit einem Herbarium sidereum, das himmlische Kräuterbuch. Und eine Zeitangabe, F20. Freitag, 20 Uhr vielleicht? Ob er, der Maler, etwas damit anfangen könne, fragt ihn der Rektor und überlässt dem verblüfften Ex-Akademiker gönnerhaft das beschriebene Blatt Papier. Klingt jetzt nicht nach dem spannendsten Krimianfang aller Zeiten. Doch der Schein trügt. Das wird sich auf den kommenden dreihundert Seiten gewaltig ändern!

Max Kersting ist angefixt. Irgendwas – wenn er doch um Himmels Willen nur wüsste was! – fesselt ihn an dieser Notiz. Er weiß, dass er eine Verbindung herstellen kann. Ihm fehlt nur der Anfang. Es hat etwas zu tun mit dem, was vor ein paar Monaten in der Uni passiert ist. Eine Studentin, Germanistik, wurde ermordet. Sie war eine enthusiastische Studentin. Und das, obwohl Sprachwissenschaft wirklich nur für penible Geister einen echten Thrill darstellt. Und ausgerechnet er, der Maler, der Freigeist, der jedoch auch den Philosophen sehr zugetan ist, soll nun dem Geheimnis auf den Grund gehen und Licht ins Dunkel bringen? Dafür ist doch die Polizei, in Person von Kommissar Neunzig, zuständig. Doch die tappen noch unsicherer im Dunkeln als der wissbegierige Maler.

Als dann auch noch eine weitere Leiche auftaucht, ist jeder Zweifel ob der Eingangszene weggewischt. Gert Ueding führt den Leser ganz sanft in eine Welt ein, die nicht jedermanns Geschmack sein dürfte. Das elitäre Umfeld gibt sich nicht mit schnödem Mord ab. Hier stichelt man gekonnter. Sollte man meinen. Doch auch wer täglich Synapsen klingeln lässt, kann durchaus auch die Muskeln spielen lassen.

Wie ein leises Laubrascheln hört man das Unheil sich heranschleichen. Wenn man unter dem Laubberg begraben ist, ist es zu spät. Man ist gefesselt von der Wortvielfalt des Autors und will nur noch eines: Endlich den Täter enttarnen! Das bedeutet aber auch, dass man am Ende des Buches angelangt ist und der ganze Lesespaß ein Ende gefunden haben wird. Das nennt man dann wohl die zwei Seiten einer Medaille.

In „Herbarium, giftgrün“ ist jede Person, jeder Satz, jedes Wort sorgsam gewählt. Nichts wird dem Zufall überlassen, schon gar nicht Kommissar Zufall. Ist man sich dessen von vornherein bewusst, liest sich dieser Krimi wie eine Mischung aus einem Schmöker, einer verzwickten Kriminalgeschichte, Milieustudie und einem Ausflug in die Welt der Philosophie und Philologie. Spannung bei jedem Umblättern!