Kategoriearchiv: aus-erlesen kompakt

City Trip Buenos Aires

Vorspann Buenos Aires 2014

Ohne viel Federlesen macht sich Maike Christen auf eine echte Metropole zu erobern. Buenos Aires – so erfährt der Leser gleich ohne Vorwarnung ist eine gigantische Stadt, die durch ihre Freizügigkeit in Bezug auf Größe punktet. Ein mehrspuriger Boulevard? Fehlanzeige! Es sind mehrere Boulevards, die auf fünf, sechs, acht Spuren ihre Schneisen durch die Hafenstadt ziehen. Portenos nennen sich die Einwohner von Buenos Aires. Über ein Dutzend Millionen Einwohner zählt die Stadt, die Traditionen pflegt, und sich immer wieder neu erfindet.

Im Szene-Viertel Palermo siedeln sich seit Jahren innovative Unternehmen an, die der Gegend ein modernes Flair verleihen. Auf der Plaza de Mayo demonstrieren immer noch regelmäßig die Madres de Plaza de Mayo Mütter, die auf ihr Schicksal während der verheerenden Militärdiktatur aufmerksam machen. Damals verschwanden tausende Frauen, Männer, Söhne und Töchter. Auch nach über dreißig Jahren lassen sich nicht locker und fordern Aufklärung – ganz ohne Folklore-Ansinnen.

Ein Rundgang durch Buenos Aires ist unmöglich – die Stadt ist einfach zu groß. Der beiliegende Stadtplan im Maßstab 1:25.000 (das Stadtzentrum befindet sich auf der Rückseite und wird im Maßstab 1:12.500 abgebildet) zeigt die praktische Rasterung der Stadt: Wie ein Schachbrett breitet sich die Metropole vor den Augen des Betrachters aus. Verlaufen fast unmöglich. Doch bei der Fülle an Sehenswürdigkeiten fällt es dem Besucher schwer sich an Vorgaben zu halten. Einfach drauf los laufen! Wenn man doch vom rechten Pfad abgekommen ist (bitte wortwörtlich nehmen!, nichts hineininterpretieren), einfach ein paar links oder rechts abbiegen – je nachdem. Dann findet man wieder zurück auf den geplanten Weg.

Was es links und rechts zu sehen gibt, weiß Maike Christen richtig einzuordnen. Prächtige Kolonialbauten, farbenprächtige Fassaden, die jedes Viertel zum Fotomodell machen, ausgedehnte Parkanlagen, Tango in erstklassig erhaltenen Jugendstilcafés – ach man könnte die Reihe endlos fortsetzen und würde dennoch nie ein Ende der Aufzählung sehen. Einfach mal hinfahren! Und dieses Buch als ständigen Begleiter mitnehmen. Einen besseren Reisebegleiter findet man nicht!

Kulturschock Argentinien

Kulturschock Argentinien

Argentiniens Name scheint es vorweg zu nehmen: Silber, Land des Silbers. Zweiter Platz. Nach der Fußball-WM bittere Wahrheit. Was nach Klischee klingt, birgt jedoch mehr als nur einen Funken Wahrheit in sich.

Carl D. Goerdeler sieht in seinem Buch „Kulturschock Argentinien“ aber ein kleines Flammenmeer. Wer als argentinischer Autor Erfolg haben will, muss es in der Alten Welt, also Europa, zu Ruhm und Ehre gebracht haben. Die Einwanderer aus Spanien, Italien und England haben in Argentinien, speziell aber in der Hauptstadt Buenos Aires ihre Ansichten in die Stadtplanung einfließen lassen. So wird Argentinien zum europäischsten Land auf dem amerikanischen Kontinent. Buenos Aires‘ In-Viertel heißt Palermo. Argentinien ohne Europa? Nur schwer vorstellbar.

Und doch ist Argentinien ganz anders als Europa. Wer hier Fußballfans ist – bleiben wir beim immer noch aktuellen Zeitbezug – der lebt Fußball. Während in Deutschland Jugendzimmer, ganze Häuserfassaden, teils sogar ganze Straßenzüge in ein Farbenmeer der bevorzugten Vereine getaucht werden, ergießt sich im zweitgrößten Land Südamerikas eine Chorwelle von Spottgesängen und Fanhymnen über das Land. Allein Buenos Aires zählt Dutzende Stadien. Ein Besuch des Duelle zwischen dem „reichen“ Verein River Plate und dem „armen“ Boca Juniors“ (dort, wo Diego Armando Maradona zum Gott wurde, was wörtlich zu nehmen ist) gerät schnell zu einer lautstarken und aggressiven Trip in eine andere Welt.

Doch Argentinien ist mehr als nur ein fußballverrücktes Land.

Melancholie und überbordende Lebensfreude sind hier keine sich ausschließenden Gegensätze, sie sind der Kit, der Land und Leute zusammenhält.

Argentinien ist ein Land, das sich schwer regieren lässt. Zu viele Diktaturen haben das Land in den Ruin getrieben. Aktuell ist eine Klage des argentinischen Staates gegen die USA anhängig. Ob Peron, Videla, Menem oder Kirchner: Jede Regierung hat sich schlussendlich immer die eigenen Taschen vollgestopft und das Volk am langen Arm verhungern lassen.

Als Korrespondent für deutsche Zeitungen kennt der Autor die Probleme des Landes. Er sieht aber auch seine Schönheit, seine Besonderheiten, die auch lange nach dem Urlaub nachwirken. Unendliche Viehweiden, gigantische Herden von Rindern, die Traditionen im Familienleben, die Eigenheiten des Mate-Teetrinkens – wer Argentinien besucht, wird überrascht. Wer dieses Buch im Vorfeld liest, begegnet einem Land, das einem trotz der Fülle an Informationen immer noch überraschen wird. Ohne dieses Buch wird man von der einen oder anderen Begebenheit abgestoßen.

In die Pilze gehen

In die Pilze gehen

Nein, es ist kein Kochbuch. Auch kein Sammlerbuch. Kein Ratgeber. Es ist eine Hommage an die ersten Kindheitserinnerungen. Pilze sammeln, oder in die Pilze gehen, ist die unblutigste Form des Jagens. Es fließt kein Blut. Kein Wimmern beim Erlegen. Doch es ist gefährlich – nicht jeder Pilz ist genießbar. Genießbar hingegen sind die literarischen Erzeugnisse, die hier so liebevoll zwischen zwei feste Pappseiten gepresst wurden.

Die Geschichten reichen von Kindheitserinnerungen bis zu Giftpilzen in der Nachbarschaft. Mit Sorgfalt wurden Auszüge aus Werken mehr oder weniger bekannter Autoren ausgewählt, die dem „in die Pilze gehen“ ihre Tinte schenkten. Eugen Roth, der Lyriker, steuert zwei Gedichte bei, die selbst Lesern, die nicht so viel mit Gedichten anfangen können, Verständnis ins Gesicht zaubern.

Günter Grass erinnert in seiner Geschichte „Wir Oberpfälzer, sagt man“ an die Tschernobyl-Katastrophe, die zu einer hysterischen Hatz auf alles, was konterminiert sein könnte, führte.

Die Faszination fürs Pilze sammeln ist wohl eine den ältesten Ritualen der Nahrungsbeschaffung. Ob allein mit Körbchen und Messer „bewaffnet“ oder im Rudel und großem Korb, ob mit Pilzerkennungsratgeber oder mit Wissen im Kopf, ob Jagdglück erhaschender Frühaufsteher oder gemütlicher Resteverwerter, in die Pilze gehen ist wohl die Tradition, die man von den ersten bis zu den letzten Stolperschritten fortführt, jeder technischen Revolution zum Trotze.

Wer dieser Faszination noch nicht erlegen ist, kommt ihr mit diesem Buch auf die Schliche. Appetitanreger oder Lesebuch? Diese Frage stellt sich nicht. Der Untertitel „Lesen und Sammeln“ ist nicht nur mit einem Schmunzeln hinzunehmen. Er ist eine Vorankündigung, dass es in der Zukunft noch mehr dieser Bücher (zu anderen Themen) geben wird. Achten Sie auf das A am rechten Buchrand.

„In die Pilze gehen“ wird das Feuer für das eventuell vergessene Pilze sammeln wiederbeleben. Wer begeisterter Pilzsammler ist, wird sich auf der einen oder anderen Seite wiederfinden.

Lesereise Kopenhagen

Lesereise Kopenhagen

Kopenhagen ist nicht so richtig zu fassen. Jeder kennt die dänische Hauptstadt. Aber richtig weiß man kaum etwas über diese Stadt. Klar kennt man die Meerjungfrau. Der Ostteil Deutschlands wurde in den 70er und 80er Jahren mit der „Olsenbande“ für Dänemark und Kopenhagen sensibilisiert. Fußballfans können sich an das eine oder andere harte Match mit Bröndby Kopenhagen erinnern. Strandurlaub im eigenen Häuschen ist sicherlich eine der verbreitetesten Erinnerungen an unseren nördlichen Nachbarn.

Barbara Denscher nimmt den Leser mit auf eine Reise, die Appetit macht. Appetit auf Kopenhagen. Eine Stadt erkunden mal ganz ohne Reiseband. Denn die dänische Seele ist die Karte, nach der man seine Reise plant.

Für den Seelenstriptease wählt sie einen lehrreichen Einstieg: Es geht um die Eigenheiten der dänischen Sprache. Obwohl die skandinavischen Sprachen einen gemeinsamen Ursprung haben, kommt es oft zu Irritationen. Was bei den Einen Frühstück heißt, ist bei den Dänen das Mittagessen. Flink ist nicht das Versprechen einer schnellen Bedienung im Restaurant, sondern das, was man generell erwartet: Freundlichkeit. Mit fast schon spitzbübischer Leichtigkeit führt Barbara Denscher den Leser mit Hilfe ihres berühmten Kollegen Kurt Tucholsky in die Besonderheiten der Konversation ein. Und ohne Worte ist man nur nach einem Kopenhagen-Besuch…

Kopenhagen lebt von seiner Geschichte. Aber nicht nur. Spaziergänge auf den Spuren von Hans Christian Andersen gehören zum Standardprogramm wie moderne Architektur. Ørestad heißt ein Stadtteil, den es bis vor wenigen Jahren nur auf dem Reißbrett gab. Zumindest in der jetzigen Form. Wer Kopenhagen zur Jahrtausendwende besuchte, fand hier nur Brachland vor. Heute ist dieses Areal nicht wiederzuerkennen. Beeindruckende wahrgewordene Architektenphantasien zieren den Horizont. Man ist noch am Anfang, derzeit leben hier achttausend Menschen. Diese Zahl soll sich in den nächsten zehn Jahren verdreifachen.

Als Gegenentwurf ist da der Freistaat Christiana anzusehen. Auf dem ehemaligen Kasernengelände versuchen sich Idealisten an einer neuen Art der Selbstverwirklichung. Eigenbesitz ist hier verpönt. Dumm nur für die, die hier gebaut haben, und nun einen anderen Lebensweg einschlagen. Denn verkaufen ist nicht drin. Auch der Aktienwert – wer will kann Aktien des Areals erwerben – ist mehr ideeller Natur.

Wer mit Barbara Denscher durch Kopenhagen spaziert, erfährt so manche landes- und städtetypische Anekdote. Fernab der Touristenpfade führt sie den Leser durch eine zurecht fast schon vergessen scheinende Metropole im Norden des Kontinents.

Lesereise Island

Lesereise Island

Wer Island besucht, sucht das Besondere. Keine Bettenburgen, die die Aussicht auf unvergessliche Natur verstellen. Keine Bartwurststände, die Heimatgefühle aufkommen lassen sollen. Kein Strand, an dem man in der Sonne brutzelt. Wer Island sucht, wird es auch schnell finden.

Das Auffälligste an Island ist, dass es jeden Tag anders auffällig erscheint. Wo gestern noch ein bizarrer Gletscher in den wolkenverhangenen Himmel ragte, versperrt heute eine Lavawüste den Weg. Okay, das ist vielleicht eher selten – aber Naturgewalten verändern in regelmäßig unregelmäßigen Abständen das Aussehen des Horizonts. Diesen Zauber fängt Susanne Schaber in ihrer Lesereise auf poetische Art und Weise ein.

Zaubern, also wirklich zaubern, etwas verschwinden und wieder auftauchen lassen, ganz ohne Trick, das können auch die Isländer nicht. Aber ihr Glaube an Trolle und Elfen, ihre Naturverbundenheit, ihre Gelassenheit lassen sie in unseren Augen zuerst verschroben, nach kurzer Besinnung besonders erscheinen. Sie leben mit der ständigen Gefahr, dass jederzeit einer der feuerspuckenden Vulkane ihnen alles nehmen kann. Sie kennen ihre Feuerberge, wissen das Grummeln zu deuten. Und wenn es doch mal zum Äußersten kommt, sind alle gewappnet. Für immer wegbleiben, kommt für kaum jemanden in Frage. Susanne Schabers Geschichte über eine Frage auf den Westmanninseln zeichnet das Bild einer willensstarken Frau, die den Naturgewalten die Stirn bietet. Bis zu vier Jahre kann es dauern bis wieder Normalität in den Ort gekehrt ist. Und wenn beim Nachbarn wieder Licht brennt, ist es die Mühen wert gewesen.

Island aber nur als Insel der Inneren-Frieden-Suchenden zu sehen, die sich nichts Schöneres vorstellen könne als einsam auf einem Gletscher ins Nichts zu schauen, der irrt. Reykjavik, die Hauptstadt, verwandelt sich Wochenende für Wochenende in eine metropole Partymeile. Vorwiegend aus Skandinavien fliegen oder fallen Gruppen von Menschen ein, um hier die Nacht zum Tage zu machen.

Ob nun einsamste Herberge der Welt oder Partygetümmel, ob lukullische Ausflüge und Treffen der Mächtigen der Welt, ob ungestüme Natur und entlegene Landstriche – Island zieht den Besucher in seinen Bann, dieses Buch den Leser. Susanne Schaber schafft dem blassen Image der Insel Farbe zu verleihen. Sie schaut in die Kochtöpfe, erzählt von immensen Aufbauarbeiten, schwärmt von unberührter Natur, so dass man schon beim Lesen gedanklich die Koffer packen will. Doch zuerst muss man zu Ende lesen. Es lohnt sich!

Lesereise Côte d’Azur

Lesereise Cote d'Azur

Es gibt sie noch, die Sehnsuchtsorte. Trotz Globalisierung und Gleichschaltung bei der Gestaltung von Orten verheißen einige Landstriche immer noch Glanz, versprühen ihren Zauber nur durch ihren Klang. So wie die Côte d’Azur. Ein Hauch von Eleganz, Extravaganz, Verruchtheit, aber auch Exklusivität. Helge Sobik hat dem Mythos Côte d’Azur auf den Zahn gefühlt.

Und er gibt dem Affen Zucker, wenn er seine Lesereise mit dem Klischee der Schönen und Reichen beginnt. Am Cap d’Antibes liegen die paradiesischen Anwesen der oberen Zehntausend. Wer hier ein Anwesen sein Eigen nennt, hat es geschafft. Finanziell zumindest. Ein Blick über die Hecke werfen und vielleicht einen A-Promi beim Sonnenbad erblicken – eher selten. Man bleibt gern unter sich. Um denen da oben ganz nah zu sein, muss man hier arbeiten, als Strandbademeister zum Beispiel. Man muss diskret sein (können). Dann erhascht man vielleicht sogar mal ein Autogramm.

Sobiks Geschichten wechseln zwischen Privatkonzerten von Bono, Sänger von U2, und einzigartigen Naturschönheiten. Wie der Insel Porquerolles. Georges Pompidou rettete die Insel vor der maßlosen Kommerzialisierung als er anwies die Insel vom Staat kaufen zu lassen. Oder Port-Cros. Unbewohntes Eiland, Nationalpark. Rauchen verboten! Wer erwischt wird, dessen Geldbeutel wird um den größten Euroschein erleichtert. Also Kippen weg, Augen auf, und das Atmen nicht vergessen! Denn die Insel verleitet regelrecht zum Atemstillstand.

An der Côte d’Azur trifft Helge Sobik auf Erinnerungen an Stars wie Curd Jürgens, Pablo Picasso und Marlene Dietrich. Auch sie erlagen dem Charme dieses Landstriches, der so viel verspricht. Und es auch hält. Doch er trifft auch auf Menschen, denen die Gäste und ihr Geld egal sind. Sie lieben es hier ihr Leben zu leben. Andere wiederum können ohne die großen Namen nicht leben. Sie profitieren vom Ruhm und Geld der Paparazziopfer. Vielleicht ist es ja gerade diese Mischung, die die Côte d’Azur so reizvoll macht?

Die Lesereise Côte d’Azur macht Appetit auf eigenes Erleben. Man muss ja nicht gleich im teuersten Hotel am Platze absteigen und einen Eisbrecher für einen zweistelleigen Betrag bestellen. Das geht hier an jeder Ecke. Die Côte d’Azur lebt von ihrer Natur. Sie ist die Basis für das, was heute sehnsuchtsvolle Tränen in die Augen der Träumer treibt. Saint Tropez, Nizza, Cannes, all das kam im Laufe der Zeit. Ohne das reizvolle Klima, die betörende Landschaft wären auch die Stars wie Brigitte Bardot hier niemals hängen geblieben. Und der Mythos Côte d’Azur wäre niemals an Tageslicht gekommen. Aber dann hätte es auch dieses Buch niemals gegeben. Das wäre wirklich schade!

Lesereise Helsinki

Lesereise Helsinki

Finnland im Allgemeinen und Helsinki im Speziellen finden im Bewusstsein vieler nur während der Wintersaison der Sportler statt. Da ist es viel zu kalt. Und im Winter wird‘s nie richtig helle, im Sommer niemals dunkel. Vorurteileüber Vorurteile, die … naja … stimmen. Aber ist das ein Grund Helsinki und Finnland mit Nichtachtung zu strafen? Nein! Rasso Knoller erklärt in diesem erstklassigen Büchlein warum.

Natürlich ist es im Winter hier oben im Norden verdammt kalt. Aber in Zeiten von Funktionskleidung dürfte das ja wohl kein Problem sein, oder?! Und außerdem überleben die Finnen die lange kalte Jahreszeit ja auch. Sie rennen nicht vor der Kälte davon. Apropos Flucht. Im Sommer fliehen die Finnen. Nicht – wie jetzt vielleicht manch einer denkt in die Kälte, weil sie es halt gewöhnt sind – nein, sie fliehen aufs Land. Jedes Jahr im Sommer setzt eine organisierte Stadtflucht aus Helsinki ein. Jeder, der kann, setzt sich richtig Natur in Bewegung. Alle auf einmal! Stau? Na und! Der Finne an sich ist geduldig. In einer Runde zu schweigen, animiert die meisten von uns Mitteleuropäern zum anhaltlosen Plappern. In Finnland kennt man nur den Begriff des behaglichen Schweigens.

Rasso Knoller stöbert weiter in der Ostsee-Metropole. Er trifft auf Werktags-Abstinenzler, die dafür am Wochenende (mit Erlaubnis der Gattin!) so richtig ihrem über der Woche aufrecht erhaltenen Alkoholentzug entsagen. Ein geflügeltes Wort besagt, dass Alkohol ohne Rausch vergebens ist. Dabei bleibt der Autor immer neutral – er wertet dieses Gebaren nicht. Auch die verwunderten, ja manchmal sogar bedauernden, Blicke seiner Kollegen, weil jeden Tag zur Mittagszeit sich ein kleines Bier genehmigt, sind für ihn bald Normalität.

Ein Helsinki-Aufenthalt ohne Sauna ist nur die Hälfte wert. Das Wort Sauna ist das einzige, was weltweit mit dem kalten Landstrich in Verbindung gebracht wird. Ok, Nokia vielleicht noch. Die Finnen sind nicht verrückt nach Sauna, für sie ist elementarer Bestandteil des Alltags. Manche gehen soweit ihrer Passion Räder unterzuschnallen. Ob nun vier- oder zweirädrig. Sauniert wird immer und überall.

Rasso Knoller macht Appetit auf Finnland und Helsinki. Geschichte und Geschichten wechseln sich im fröhlichen Reigen ab. Wer Helsinki nur aus den Nachrichten kennt, und sich bisher kaum für unseren nordöstlichen Ostseeanrainer  interessiert hat, dem wird mit diesem kleinen Büchlein klar, dass er bisher was verpasst hat. Ein Appetitmacher auf Heiß und Kalt!

MM City Madrid

Madrid

Spaniens Hauptstadt fristet ein Zweite-Reihe-Dasein. Das Hauptreiseziel unter den Städten Spaniens ist Barcelona. Auch die Krönungszeremonie des neuen Königs Felipe VI. brachte Madrid nur kurzzeitige Berühmtheit. Da hallt der Champions-League-Erfolg von Real Madrid länger nach. Doch Madrid hat diesen Status nicht verdient! Zeit Spaniens stolze Hauptstadt doppelt zu erfahren.

Hans-Peter Siebenhaars Madrid-Stadtführer ist sowohl in Buchform als auch als App auf dem Smartphone verfügbar. Letzteres kostenlos! App runterladen (QR-Code auf der letzten Umschlagseite des Buches), GPS einschalten und schon ist man in einer der schönsten Städte aufs Beste informiert, wird zu den interessantesten Plätzen gelotst, zu den leckersten Mahlzeiten verführt und erhält Geschichte(n) aus erster Hand.

Wenn man einfach nur so nach Madrid will, kommen einem der Prado, der Königspalast und ein bisschen spanisches Flair auf den Straßen in den Sinn. Doch damit hat man nur einen sehr kleinen Bruchteil der Stadt erfasst. Hans-Peter Siebenhaar hat 17 Stadtrundgänge und Touren erstellt. Und jede einzelne ist es wert „abgearbeitet“ zu werden.

Im Urlaub sieht man alles ein bisschen lockerer. Keine starren Regeln, die den Alltag umreißen. So ist auch dieser Reiseband angelegt. Die dritte Tour zum Beispiel nennt sich „Das Madrid der Banker und Dichter“. Ein gelungenes Wortspiel, das ab dem ersten Schritt überzeugt: Los geht’s an der Banco de Espana. Über die  Calla de Alcalá, eine viel befahrene Straße führt die Tour vorbei am Parlament und Museen bis in ein andalusisches Hammam. Wenn das keine Abwechslung verspricht…

Immer wieder hält man inne, um die farbig unterlegten Kästen zu lesen. Hier wird Stadtgeschichte greifbar. Anekdoten ergreifen den Leser, die er nicht so schnell vergessen wird. Ebenfalls nicht vergessen wird man den Großstadtlärm Madrids. Die Stadt gilt als die lauteste Metropole Europas. Autohupen, Straßenmusiker und Händler verwandeln auch nach Einbruch der Dunkelheit in ein babylonisches Sprachengewitter, das nicht abnehmen will.

Als Gegenpart ist da der Parque del Retiro zu empfehlen. Ein riesiges Gelände, das man auf der sechsten Tour genussvoll erobern kann. Gleich nebenan ist auch der Prado. Auch hierfür hat der Autor einen Geheimtipp. Wer sich die Wartezeit ein wenig versüßen will bzw. ein wenig Stärkung benötigt, kann diese sich im Ritz gegenüber holen. Das ist doch viel zu teuer, meint man. Doch was wäre ein Geheimtipp wert, wenn er nur für eine bestimmte Klientel bestimmt wäre? Probieren Sie es aus.

Ob nun als App oder als Buch mit beigelegtem Stadtplan – dieser Reiseführer überrascht den eingefleischten Leser der Michael-Müller-Bücher nicht. Exzellent recherchierte Touren, nützliche Tipps und ein gefälliger Aufbau sind die Grundlage eines jeden Stadtführers. Madrid überrascht, weil man sofort merkt, dass die zweite Reihe auch ihre Reize hat.

Nibelungenland

Nibelungenland

Rainer Schöffl ist wieder unterwegs. Wieder in Sachen Nibelungenlied. Dieses Mal aber nicht auf Wanderschaft auf den Pfaden von Siegfried und Hagen, sondern Wort für Wort im Nibelungenlied selbst. Denn das Nibelungenlied ist (in erster Linie kein Beitrag zum Eurovision Song Contest) kein abgeschlossenes, vollständig erhaltenes Werk deutscher Kultur. Es ist ein aus Fragmenten zusammengesetztes Werk, das je nach Betrachter eine Blickrichtung freigibt. Wer also mehrere Varianten liest, kommt oft und schnell durcheinander. Wer nur die Filme sieht, erkennt kaum den Grund der Sage.

Rainer Schöffl ist es als Ingenieur Ordnung in die Dinge zu bringen. Der Bestseller aus vergangenen Zeiten hat es nötig, dass sich jemand des Wirrwarrs annimmt. Nun ist nicht jeder in der Lage, geschweige denn gewillt das Nibelungenlied in Originalsprache zu lesen. So ein mittelhochdeutscher Text liest sich ja auch nicht wie ein Rezept für Spaghetti Bolognese. Doch sollte man einige Begriffe erkennen und herleiten können. Der Autor ist so freundlich und gibt einen kleinen Einführungskurs in Mittelhochdeutsch. Wie werden Vokale und Konsonanten ausgesprochen. Hat man diese Kapitel geschafft, ist der Rest zwar noch kein Selbstläufer, aber um Einiges leichter zu verstehen.

Die einzelnen Handschriften – es sind 36 oder 37, so sicher sind sich die Wissenschaftler nicht – werden vereinzelt in ihren Unterschieden besprochen.

Das eingehendste Kapitel beschäftigt sich mit den handelnden Personen, ihren historischen Grundlagen und den Handlungsorten. Die wurden von Rainer Schöffl besucht und in seinem Buch „Nibelungenweg“ (ebenfalls bei Edition Karo erschienen) so ergiebig und nachvollziehbar beschrieben. Um die Nibelungen zu verstehen braucht man also drei Bücher: Zum Ersten das Nibelungenlied selbst, die Ausgabe ist dabei fast schon unerheblich. Denn wer einmal Blut geleckt hat, liest auch weitere Ausgaben. Zum Zweiten und Dritten benötigt man die beiden Bücher von Rainer Schöffl. Als Wanderbuch und Erläuterung eines der am längsten sich kaufenden Bücher.

Konstanz in 90 Minuten

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Was kann man alles in neunzig Minuten machen? Backen, kochen, ein Fußballspiel anschauen … und Konstanz erobern. Als Tourist, versteht sich. Zehn Stationen in der Stadt am Bodensee und man wird süchtig nach Konstanz. In diesem kleinen Büchlein wird natürlich nicht die gesamte Geschichte der Stadt abgebildet, aber sie zeigt ihr wahres Gesicht. Das Jahr 2014 ist in Konstanz besonders vom 500jäöhrigen Jubiläum des Konstanzer Konzils geprägt. Die Touristen werden i die Stadt strömen, um sich als geschichtsträchtigen Pfaden den Hauch der Vergangenheit um die Nase wehen zu lassen. Da ist es von Vorteil sich ein wenig auszukennen. Und dafür ist diese Büchlein der ideale Begleiter. Per pedes durch die sonnenverwöhnte Meeresmetropole. Klingt vielleicht ein bisschen übertrieben, aber der Bodensee geht als Meer durch. Wer jetzt sagt, dass man mehr als 90 Minuten für Konstanz braucht, liegt goldrichtig. Nachspielzeit – in diesem Buch richtigerweise als Plus-Zeit-Angebote hervorgehoben – sorgen für nachhaltige Erlebnisse. Anpfiff für einen Rundgang durch Konstanz.