Kategoriearchiv: aus-erlesen kompakt

Falsch reisen

Falsch reisen

Warum reist dieser Mann noch? An jedem Ort der Erde erfährt er schreckliche Dinge. Dinge, die ihn aufregen, ihn den Urlaub vermiesen. Ist er Masochist? Nein, Martin Amanshauser ist Weltenbummler und Weltbürger. Er spricht nur das aus, was Viele von uns nur denken.

Er ist viel rumgekommen in der Welt. Und wer sich bewegt, kommt vorwärts und erlebt so manch Unerhörtes. Naja, unerhört bleibt es nun dank dieses Buches ja nicht mehr. Man möchte oft schreien – Martin Amanshauer schreit. Beispielsweise, wenn man nur einen schnöden Cheeseburger bestellen möchte. Und die Frage „Möchten Sie Käse auf ihren Cheeseburger?“ eine Antwort geben muss. Ja, was denn sonst! Es ist doch ein Cheeseburger. Martin Amanshauser nennt diese Kapitel selbst „Schreikapitel“. Zum Schreien komisch!

Jeder kennt solche Situationen. Man sitzt in einem – immer beliebter werdenden – Reisebus. Nach jeder Haltestelle kommt der Hinweis, dass in Deutschland Anschnallpflicht besteht. Dabei ist man doch längst in Tschechien oder schon in Österreich. Oder der ewige Singsang wie das WLAN im Bus funktioniert. Der Ersatzfahrer erklärt fortwährend dem Fahrer, der sich eigentlich auf die Straße konzentrieren soll, die Welt á la „die Tschechen fahren genauso besch… wie die Deutschen.“ Und über allem prangt das Warnschild, dass Gespräche mit dem Fahrer während der Fahrt zu unterlassen sind.

Apropos Reisemittel: Martin Amanshauser bezeichnet sich selbst als T-Typ. Das T steht für thin, also dünn. Er hat das seltene Glück im Flieger generell neben einem F-Typen zu sitzen. In diesem Fall steht das F – man kann es sich schon denken – für fat. Für den Leser ist es ein Genuss wie der Autor das Herüberquellen der F-Massen auf den eigenen Sitz beschreibt. Für Amanshauser beginnt die Aufarbeitung dieses Traumas mit dem Schreiben des Kapitels über da Economy Class Syndrom.

Immer wieder gerät Martin Amanshauser in Situationen, die viele kennen. Politisch unkorrekt regt er sich nicht nur still darüber auf, er gibt den Millionen Geschundenen eine Stimme, wird zum Wortführer der Genervten, von Repressalien erniedrigten Reisenden. Er verhehlt nicht, dass viele seiner Reisen Arbeit waren und sind. Er wird eingeladen in der Hoffnung einen salbungsvollen Text in einer Zeitung oder Zeitschrift zu platzieren. Günstige Werbung für das Hotel, den Reiseveranstalter oder die Destination. Aus der Sicht des potentiellen Reisenden muss Amanshauser nun objektiv berichten, was den Besucher vor Ort erwartet. In diesem Buch macht er seinem Ärger Luft, verschafft dem Bluthochdruck eine Pause und amüsiert den Leser von der ersten bis zur letzten Seite.

Sri Lanka

Sri Lanka

Es wirkt fast wie eine Träne, die von Indien herabtropft: Sri Lanka. Und es ist wahrlich so. Jeder, der die Insel unweigerlich verlassen muss, trägt eine Träne im Knopfloch. Diese fremde Kultur, die saftige Natur, die Freundlichkeit der Menschen, das Angebot an Ausflügen, Wellness und Erholung ist erschlagend.

Wer in Sri Lankas Kultur eintauchen will, muss sich von Vornherein über eines im Klaren sein: Sri Lanka ist anders. Und damit der Kulturschock nicht allzu tief sitzt, gibt es Reisebücher wie dieses von Rainer Krack und Joerg Dreckmann. Auf sechshundert Seiten geben sie dem interessierten Leser die Infos, die man braucht, um dieses einzigartige Land gebührend zu genießen.

Die beiden Autoren sind in erster Linie Ratgeber. Was sie von anderen Autoren – und somit auch das Buch von anderen Reisebüchern –  unterscheidet, ist die Tatsache, dass sie in keinem Moment den Leser loslassen. Fast wie in einem Roman vermischen sie Fakten mit eigenen Eindrücken. Die Landesküche ist schnell kein Buch mehr mit sieben Siegeln. Eine Unterkunft finden? Kein Problem!

Wer die Sprache nicht beherrscht, kommt in Gesprächen nicht weit. Ein kleines Wörterbuch schafft das schnell Abhilfe und erleichtert den Einstieg in eine kurze Konversation. Kleine Infokästen – farbig abgesetzt – zeigen dem Leser / Besucher die Besonderheiten der Region, der Stadt, des Landstriches auf.

Sri Lanka auf eigene Faust erkunden ist kein leichtes Unterfangen. Da muss sich gut vorbereiten. Eine Arbeit, die viel abschreckt. Man kann es sich aber auch einfach machen und die sechshundert Seiten ganz gemütlich lesen. Damit sind 99 Prozent der Arbeit schon erledigt. Wer Sri Lanka erfahren, erleben möchte, braucht einen (oder wie in diesem Fall zwei) Experten. Rainer Krack und Joerg Dreckmann sind erfahrene Reiseleiter, die in diesem Buch gern und ausführlich ihre Dienste anbieten.

Olympia – Mythos, Sport und Spiele

Olympia

2014 – was ein Jahr! Sportlich gesehen. Eine – für die deutsche Mannschaft und ihre Fans – mehr als erfolgreiche Fußball-WM und gigantische Winterspiele. Denn die Spiele von Sotschi waren so teuer wie nie zuvor. Auch gab es noch nie Winterspiele an einem so warmen Ort. Und wieder einmal schafften es Reporter aus aller Herren Länder die Spiele als Olympiade zu verkaufen. Dabei ist die Olympiade der Zeitraum zwischen zwei Olympischen Spielen. Hätten Sie mal vorher das Buch von Karin Kreuzpaintner gelesen… Dann wüssten sie es. Und auch so manches mehr.

Schon auf den ersten Seiten wird dem Leser klar, dass so mancher Begriff heute ganz anders gebraucht wird. Das Wort Stadion (heute Kathedralen des Ruhms, oft architektonische Glanzleistungen) ist eigentlich eine Maßeinheit. Und zwar für 600 antike Fuß. Das waren, je nach Region knapp 180 bis etwas über 190 Meter. So genannte Besserwisser werden an diesem Buch ihre Freude haben. Aber auch jegliche Sportfans kommen hier voll und ganz auf ihre Kosten. Denn Karin Kreuzpaintner schlägt den Spagat zwischen antiken Spielen und den Spielen der Moderne, die 1896 ihren vorläufigen Höhepunkt in den ersten Olympischen Spielen der Neuzeit hatten.

Vor einiger Zeit gab es heftige Reaktionen auf den Entschluss den IOC das Ringen aus dem Programm der Olympischen Spiele zu nehmen. Neben Diskus- und Speerwerfen und Laufen eine der klassischen Disziplinen. Mangels Zuschauerinteresse (vor Ort als auch medial) wurde diese Sportart dem Zeitgeist geopfert.

Viele Sportarten, die bei Olympischen Spielen in Wettkämpfen ihren auf ewig währenden Sieger ermitteln, stammen aus der Antike. Und schon damals gehörte der Sieger zur Elite. Er trainierte in einem Gymnasium, das anfangs eben nur einer Elite vorbehalten war. Diese gab es schon im sechsten Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung. Erst ein paar Jahrhunderte später wurden sie der breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht.

Heute sind es die Olympiaparks, die nur mit Tickets einem breiten Publikum ihren Reiz zeigen.

Olympia, Olympische Spiele, Olympiade – der Begriff lebt von seiner Exklusivität. Da tut es mancherorten Not sich eingehender mit Geschichte, Entwicklung und Mythen auseinanderzusetzen. Karin Kreuzpaintner schafft es auch Rekordskeptiker mit ihren Rechercheergebnissen in den Bann der Spiele zu ziehen.

My big art show

My big art show

Fünf in einem – das klingt doch nach fünf Mal Spaß, fünf Mal Wissen. Es klingt nicht nur danach, es ist fünf Mal Spaß, fünf Mal Wissen.

Zuerst einmal muss man die Box öffnen – es handelt sich um Kunst also ist das Öffnen gar nicht so einfach. Denn die Box hat einen Magnetverschluss an der Seite. Man öffnet sie wie ein Buch. Unter den Spielregeln befinden sich 54 große Spielkarten in Postkartengröße. Diese sind markiert mit der Stilepoche, den Motiven, Bekanntheitsgrad und dem Wert der Bilder. Und natürlich sind Titel und Künstler vermerkt.

Nun kann es losgehen. Man spielt es entweder wie Rommé. Die Karten sollten in Stilrichtung und Thema passen. Oder! Man sucht Kunstpaare. Oder! Man spielt es wie beispielsweise ein Autoquartett, der höchste Wert gewinnt. Oder! Man sammelt Karten für eine Kunstausstellung. Das Thema muss also vorher festgelegt werden. Oder! Man errät durch geschickte Fragen den Künstler. Hilfestellung gibt das beiliegende Heft.

Aber Vorsicht! Es gibt auch Sonderkarten, die die ganze Arbeit eines Spiels zunichtemachen können!

Wem Kunst bisher nur als „Ist das Kunst oder kann das Weg?“ unter die Augen kam, wird schon nach der ersten Spielrunde Blut lecken. So anschaulich wurde Kunst und ihre Geschichte noch nie vermittelt.

Am Weihnachtsbaum die Lichter brennen

Am Weihnachtsbaum die Lichter brennen

Der Duft gebrannter Mandeln benebelt schmeichelnd die Nasen der Besucher der Weihnachtsmärkte Berlins. Man freut sich an kandierten Äpfeln, kauft das eine oder andere Präsent. Die Budenbesitzer machen hier den Umsatz, mit dem sie die nächste Zeit auskommen müssen. Doch ein Schreckgespenst macht die Märkte der Spreemetropole unsicher: Der Weihnachtsmarktmörder! Der knipst den Opfern nicht nur das Lebenslicht aus, sondern auch einen Finger ab. Unappetitlich ist noch das Mildeste, was man darüber sagen kann. Umso schrecklicher die Einsicht, dass man dem Mörder (-pärchen … upps jetzt ist es raus!) so nah gegenüber steht.

Gleich die erste Geschichte des außergewöhnlichen Adventskalenders versetzt den Leser in Spannung. Zwei Budenbesitzer vertreiben sich die Zeit mit Flirten und der Abwehr selbiger. Ihr Geschäft läuft gut. Und ein Gesprächsthema haben die beiden auch, den Weihnachtsmarktmörder.

Doch ein Adventskalender hat mehr als nur ein Türchen – und eine Weihnachtskrimi-Kompilation mehr als nur einen Krimi. Beide haben vierundzwanzig. Vierundzwanzig mal Spannung. Vierundzwanzig mal Verzweiflung, Rätselraten, Missetaten … und Lesespaß. Also zumindest Letzteres!

Auch die Geschichte eines alten Mannes, der von seinem (verhassten) Schwiegersohn wie schon im Jahr zuvor zur Weihnachtszeit in ein Heim abgeschoben werden soll, entwickelt sich rasant zum Krimi. Denn der zerstreut wirkende Alte ist gar nicht so senil wie es sich der Schwiegersohn wünscht. Und das Ende haben sich Schwiegersohn und Leser auch anders vorgestellt…

Es gehört schon zum guten Ton bei Edition Karo, dass die Lesegemeinde mit (zum Teil preisgekrönten) Schauergeschichten auf das (Schlachte-) Fest der Liebe eingestimmt wird. Alle Krimis spielen in Berlin, für jeden Tag Warten bis zur Bescherung eine Geschichte. So wird die Wartezeit nicht nur versüßt, sondern bis ins Unendliche gesteigert. Wie geht es weiter? Mit welcher Phantasie wird der nächste Autor mit der nächsten Geschichte mit dem nächsten Mord den Leser verzücken? Und was verbirgt sich hinter dem nächsten Türchen? Der Begriff Schokolade als Nervennahrung bekommt hier eine ganz neue Bedeutung.

Also, 2014 gilt folgende Regel: Erst das Adventskalendertürchen öffnen, Schokolade auf der Zunge zergehen lassen und dann ganz gemütlich den Tag mit einer Schauergeschichte ausklingen lassen. Übrigens für 2015 kann man das Ganze wiederholen. Es sei denn, dass es dann eine weitere Kompilation gibt…

Mona Lisa forever

Mona Lisa forever

Wenn man sich die Musikcharts – egal welches Jahres – anschaut, fällt auf, dass immer mindestens ein Titel mit einem Frauenname auffällt: Leonard Cohen brachte gleich zwei Damen ins Spiel, Suzanne und Marianne und  Paul McCartney grüßte seine Jude. Doch es gibt einen Namen, der alle Kunstgenres vereint: Mona Lisa. Vor mehr als fünfhundert Jahren pinselte Leonardo da Vinci die Lisa del Gioconda auf seine Leinwand. Heute schwadronieren Millionen Besucher an ihr vorbei.

Thomas R. Hoffmann hat sich intensiv mit dieser Frau auseinandergesetzt hat daraus einen Hit gemacht. Denn er verzichtet wohlwollend auf das ganz ausführliche Tamtam „Wer ist das?“, „Ist es gar Leonardo selbst?“ und die sinnlosen Untersuchungen zur Wirkung. Er reißt sie an, die Geschichten, doch sein Augenmerk liegt auf der Faszination der Mona Lisa in der Kunst. Denn das Portrait wurde sehr oft kopiert, dient noch öfter als Vorlage und unendliche Male als Inspirationsquelle.

Marcel Duchamp zeichnete seine Hommage mit Bart – allerdings mit deftigem Spruch. Dali tat es ihm gleich, jedoch ohne Hinweis auf den nicht sichtbaren hinteren Teil ihres Körpers. Andy Warhol vervielfachte sie. Das sind die Beispiele der Moderne, doch schon im 19, sogar schon im 16. und 17. Jahrhundert war die Mona Lisa Vorlage für Portraitmalerei. Leicht eingedreht, fast schon starrer Blick, die toskanischen Hügel im Hintergrund. Manche sind gelungen, manchen hätte ein Alternativmodell besser zu Gesicht gestanden, manche sind grandiose Weiterentwicklungen.

Der Autor gibt einen umfassenden Überblick in Bildern wieder. Jasper Johns, Oskar Kokoschka, sogar Pablo Picasso sind dem Reiz der Mona Lisa verfallen, genauso wie der Leser diesem Buch.

Wien

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Haben Sie Wien schon bei Nacht gesehen? Sicherlich ein Hingucker. Aber erst bei Tag! Annette Krus-Bonazza beweist auf 276 Seiten, dass Wien bei Nacht sehr reizvoll ist, bei Tagesanbruch sich in eine florierende Metropole im Herzen Europas verwandelt und im Laufe des Tages mit einer geballten Ladung Historie, Kunst, Kultur und unzähligen Wows aufwarten kann, um bei untergehender Sonne nichts davon verschwinden lässt.

Neun Touren hat sie durch die Stadt erstellt und keine davon sollte man auslassen. Klingt anstrengend. Ja, aber anstrengend schön. Und das Buch würde nicht beim Michael-Müller-Verlag erscheinen, hätte die Autorin nicht ausreichend Tipps für Leib und Magen im Buch verewigt.

Die Standards wie Stephansdom, Prater und Josefstadt werden auf eine andere Art erkundet. Sie stehen nicht im Mittelpunkt der Touren, sie sind vielmehr gleichberechtigter Bestandteil der gesamten Tour. Das erlaubt dem Besucher sich schon von vornherein als kleiner Wienkenner zu erkennen zu geben. Man stolpert nicht mit weit aufgerissenen Augen durch die Stadt, man ist erfahrener Kenner, der ohne Zögern die Schönheiten der Stadt realisiert und einzuordnen vermag.

Der Menschenschlag in der österreichischen Hauptstadt ist bekannt als ein bisschen besonders. Todessehnsüchtig sollen sie sein die Wiener. Ihr Schmäh ist weltbekannt. Die erstklassig erhaltenen Bauten vermitteln weltläufiges Flair. Prachtbauten, die vom einstigen Ruhm der Monarchie künden. Und das alles sieht man in Wien. Doch vieles übersieht man auch im Taumel der Gefühle.

Gut, wenn man einen erfahrenen Reisebegleiter hat. An dieser Stelle auf jede einzelne Tour einzugehen, würde den Rahmen sprengen. Und ein bisschen Spannung sollte man sich für das Lesen und die Stadtspaziergänge aufheben.

Annette Krus-Bonazza treibt den Leser an Wien zu erobern. Sie hält den Leser zurück, wenn er auszubüchsen versucht. Ihre Touren sind abwechslungsreich in jeder Hinsicht. Museen und Cafébesuche bilden genauso eine Einheit wie Nackenstarre (vom vielen Nach-Oben-Schauen) und erholsame Stunden auf einer Parkbank. Ihre Passion für die Donaumetropole ist auf jeder Seite spürbar. Das macht diesen Reiseband zu etwas ganz Besonderem.

Spielplatz der Spione

Spielplatz der Spione

„Erwarten Sie von mir, dass ich rede?“. „Nein Mister R., ich erwarte, dass Sie schreiben. Am besten doppelt.“ So muss es sich wohl angehört haben, als Peter Rieprich sein Manuskript bei Edition Karo angeboten hat. Klischee! Natürlich! Genauso wie Spionagebücher und –filme. Seit den 60ern waren Spione knallharte Kerle mit Knarren und pfiffigen „Werkzeugen“. Seit ein paar Jahren sind es brav gestriegelte, junge Männer, die sich in fremden Ländern und Botschaften verstecken müssen.

Wer die Gegenwart verändern will, muss die Vergangenheit verstehen.

Bis vor einem Vierteljahrhundert war Berlin der titelgebende „Spielplatz der Spione“. Hier tummelten sich die Geheimdienste der Welt. Allerdings mehr im Westen als im Osten. Außer dem Stasi, der war ja überall. Mythen ranken sich um ihre Tätigkeit. Man denke nur an die Harry-Palmer-Reihe mit Michael Caine in der Hauptrolle. Dunkle Ecken, verschrobene Typen, hektische Verfolgungsjagden.

So wollen wir Leser Spione. Oder doch nicht? Lieber ein bisschen mehr Realität als bäng-bäng? Bitte sehr! Peter Rieprich hat einzelne Geschichten von einzelnen Spionen, die in West-Berlin tätig waren aufgeschrieben. Spannend war die Tätigkeit wohl nur für sie selbst, wenn überhaupt. Für den Leser tut sich eine völlig neue Welt auf. Ja, Spione sind auch nur Menschen. Manche sind uns sogar so nah, so ähnlich, dass auch wir so einen Job hätte verrichten können.

Doch zurück zum Anfang. „Am besten doppelt!“. Wie ist das denn gemeint? Für beide Seiten arbeiten? Als Doppelagent? Nein, vielmehr ist „Spielplatz der Spione“ eine Geschichtensammlung und Sachbuch in Einem. Den Anfang bilden die Spion-Stories. Lesenswert, auch wenn das Geballere und die Verfolgungsjagden fehlen (wir haben ja bereits gelernt, dass nicht jeder, der sich Spion schimpfen durfte eine Waffe trug). Im Anschluss kommt der historische Kontext. Denn Spione gab es nicht nur in Romanen. Sie waren echt! Und ihre Arbeitsplätze sind bis heute erhalten. Also zumindest die Gebäude.

Wer Berlin besucht, kommt an der jüngeren Geschichte nicht vorbei. Noch immer werden Uniformen und Mauerreste zum Kauf angeboten. Wer will, kann sich mit uniformierten Darstellern fotografieren lassen. Der Kalte Krieg als Erinnerungsstück. Wer darüber erhaben ist, fährt nach Zehlendorf oder Karlshorst. Dort, wo sich Amis und Russen im Abhören, Ausspähen und Denunzieren einen erbitterten Wettkampf lieferten.

Eine Reiseband der besonderen Art. Geschichtsunterricht zum Anfassen.

New York – Eine literarische EInladung

New York - eine literarische Einladung

New York – die Hauptstadt der Welt, Big Apple, Moloch, Monstercity. Es gibt so viele Bezeichnungen für die Gigantenmetropole, dass sich mindestens genauso viele Autoren an einer Beschreibung versuchten. Die besten (Autoren und Beschreibungen) sind in diesem kleinen roten Büchlein zusammengefasst.

Auf der ersten Umschlagseite empfängt den Leser eine graphische Übersicht, wo denn die einzelnen in diesem Buch vertretenen Autoren in NYC in ihren Geschichten rumgetrieben haben. Helene Hanff und Charles Reznikoff im Central Park. Grace Paley, Calvin Trillin und Eliot Weinberger im Village. Don DeLillo und Colum McCann im Financial District. Drei völlig unterschiedliche Orte, die alle zu einer Stadt gehören – genauso ist New York. Wie wohltuend, dass Sammlerin der Geschichten Beatrice Faßbender auf die tränenrührenden Geschichten um 9-11 und das World Trade Center verzichtet hat. Es war unfassbar schlimm, was damals passiert ist. Es hat unser aller Leben verändert. Aber die Erinnerungslitaneien sind und bleiben Amerika und den New Yorkern vorbehalten.

Eliot Weinberger geht in seiner Geschichte davon aus, dass der Schmelztiegel einen eigenen Staat verdient hat. Hier trifft sich die Welt. Hier arbeitet die Welt. Hier amüsiert sich die Welt. Und hier werden die Weltbewohner zu New Yorkern. Man ist grundsätzlich gegen die da aus Washington. Denn wie selbstverständlich hält man sich selbst für die Hauptstadt der USA (und somit der Welt).

Die Geschichten sind prädestiniert Reisenden, lesenden Reisenden, die Stadt näher zu bringen. Keine endlosen Einkaufstipps oder Hinweise, was man gesehen haben muss. Eine Stadt definiert sich über ihre Bewohner, und die stehen im Mittelpunkt der literarischen Exkurse.

Andy Warhol konnte hier arbeiten, alles andere war eh Zeitverschwendung. Dennoch konnte er sich über die Baumvielfalt und Menge Gedanken machen. Ein köstlicher Spaß ihm bei seinen Gedanken Zeile für Zeile zu folgen.

Ein Buch über New York ohne Paul Auster ist kein Buch über New York. „Auggie“ ist vielen aus dem Film „Blue in the face“ mit dem grandios agierenden Harvey Keitel bekannt. Hier die geschriebene Fassung.

Wer in New York eintauchen will, kommt an den geschriebenen Zeilen seiner Bewohner nicht vorbei. Doch wo anfangen? Kleiner Tipp: Rot, schmal, kompakt.

Nord- und Mittelengland

Nord- und Mttelengland

Nord- und Mittelengland? Gibt es diese Region überhaupt? Ja! Und warum sollte man dort hin? Im Süden gibt es doch viel wohlklingendere Ortsnamen wie Bigbury on Sea, Brighton, oder Seaton und Beer. Im Norden liegen die Industriehochburgen wie Manchester, Newcastle, Sheffield – Ortsnamen, die maximal bei Sportfans für Erregung sorgen.

Also ein Reiseziel für Sportfans? Auch, aber nicht vorrangig. Eine Stadt wie Liverpool war vor dreißig Jahren maximal eine Stippvisite wert, um zu schauen,, wo denn nun John, Paul, George und Ringo sich ihre ersten Meriten verdient. Heute ist es ein Zehn-Tages-Trip, um unter andere zu schauen, wo John, Paul … naja Sie wissen schon … Sporen usw.  Liverpool kann sich rühmen eine der wenigen Städte zu sein, für die es sich gelohnt hat Geld in den Titel „Kulturhauptstadt Europas“ zu investieren. Fünf Milliarden Pfund (in English klingt es noch pompöser: Five billion pound!) wurden in das Makeover gesteckt. Heute kann sich Liverpool durchaus mit Barcelona, Chicago und LA messen, wenn es um kulturelle Events geht. Natürlich – das darf an dieser Stelle nicht vergessen werden – lebt die Stadt am River Mersey (den so klangvoll die „Ferry“ überquert) auch vom Fußball. Jahrelang quälten die Spielstafetten von Stephen Gerard & Co. die Gemüter der Fans, doch seit der vergangenen Saison spielt man wieder oben mit. Doch einfach mal so eine Partrie miterleben, ist schwierig. Nur Langzeitfans (und vor allem Langzeit-Clubmitglieder) erhalten Tickets. Und die sind dann auch entsprechend teuer. Nix mit acht Euro „für Euch in der Südkurve“! Ein Euro pro Spielminute ist da schnell erreicht.

Doch Nord- und Mittelengland ist mehr als nur Anfield und Beatlemania. Oxford und Cambridge sind klangvolle Namen in der Welt der Wissenschaft. Dutzende Nobelpreisträger lernten und lehrten hier. Die beiden Ortschaften haben sich dank großzügiger Spenden aus den verschiedensten Richtungen ihren Charme erhalten können. Cambridge leistet sich den Luxus seinen Studenten ein Auto im Umkreis von zehn Meilen rund um den Campus zu verbieten. Cambridge ist also eine Fahrradmetropole.

Was wäre England ohne seine Schrulligkeiten. Wo wir gerade in den Midlands sind. Die Region Cotswolds ist (bis zu diesem Buch) unbekannt. Wer seinen Urlaub auf Anfang Juni legen kann, sollte sich hier einfinden. Denn dann finden hier die Olimpicks statt. Welly-Wanging, Shin-Kicking und Sack-Races sind nur ein paar Disziplinen, in denen um den Ersten Platz gerungen wird. Zum Verständnis: Es geht um Gummistiefel-Weitwurf, Schienbeintreten und Sackrennen.

Dorothea Martin hat die Mammutaufgabe auf sich genommen den Norden und die Mitte Englands in einem reiseband zusammenzufassen. Allein die Fülle an Städten (die man meist auch schon mal gehört hat: York, Manchester, Liverpool, Stoke, Middlesborough, Leeds, Sheffield, Hull, Leicester, Worcester (Achtung, Aussprache! Nicht Wurschester, eher Wuster – die mit der Sauce! Oder doch Soße?), Nottingham, Birmingham, Newcastle) lässt den Reisenden verzweifeln, wo man denn nun seine Erholung suchen soll. Die Antwort muss sich jeder selbst geben, jedoch: „You’ll never walk alone“ mit diesem Reiseband.