Kategoriearchiv: aus-erlesen kompakt

Sibylla und der Tulpenraub

Dreihundertfünfzig Jahre ist es her, dass Sibylla Maria Merian geboren wurde. Wenn man sich ihre Biografien (im Jahr 2017 gibt es gleich mehrere davon – Jubiläum!) durchliest, wird man das Gefühl nicht los, das man es hier mit einer der ersten weiblichen Wissenschaftlerinnen zu tun hat, die systematisch und analytisch gearbeitet hat. Und trotzdem ist sie (fast!) in Vergessenheit geraten. Aber die Zeiten sind ja nun vorbei.

Die E. A. Seemanns Bilderbände sind ein Grund dafür. Diese Reihe bietet Kindern die unterschätzte Möglichkeit sich der Kunst spielerisch zu öffnen. Und so ganz nebenbei lernt man auch noch was…

„Sibylla und der Tulpenraub“ stellt die kleine Sibylla vor. Weit bevor sie weite Reisen nach Surinam machte, wo sie Schmetterlinge beobachtete und in einzigartiger Weise festhielt. Bis heute faszinieren ihre Bilder der bunten Welt der Schmetterlinge die Betrachter.

Sibylla ist ein Einzelgänger. Sie interessiert sich für Dinge, die Andere einfach nur eklig finden: Kreuzottern, Gelbbauchunken, Ungetier. Eines Tages dringt ein seltsamer Duft in ihre Nase. Ein wohltuender Duft. Ein Duft, der die Kleine neugierig macht. Er weht von den Tulpen aus Nachbars Garten. Der Graf, dem der Garten und die Tulpen gehören, wird sicher niemals der „kleinen Göre von nebenan“ erlauben diese zu betrachten, geschweige denn zu malen. Und wie das eben so ist mit den verbotenen Früchten und Kindern – man nimmt sich, was man nicht haben kann. Sieht man heute noch öfter an Supermarktkassen.

Das Geschrei am nächsten Tag ist natürlich groß. Doch der Gärtner des Grafen hat schon einen Verdacht: Sibylla. Die kecke Nachbarstochter wickelt den aufgebrachten Mob jedoch schnell um den Finger. Die von ihr gemalten Bilder des Diebesgutes besänftigen im Handumdrehen die erhitzten Gemüter.

So einfach war Sibylla Merians Leben nicht immer, so schwierig wie diese Kindheitsepisode schon. Ein Frau, die wissenschaftlich arbeiten will – wo gibt’s denn sowas?! Doch sie setzte sich durch, wie schon in Kindertagen. Text und Illustration stammen von Benita Roth, die in diesem Buch mit Weiß und grellen Farben arbeitet. Mit viel Lieb zum Detail würdigt sie die Arbeit der vor dreihundert Jahren gestorbenen Forscherin und Künstlerin, deren Werke bis heute in Königlichen Galerien ausgestellt sind.

Maria Sibylla Merians Schmetterlinge

Das Jahr begann gleich mit einem Jubiläum, das ohne die vermehrte Nennung nur ein klitzekleiner elitärer Kreis gefeiert hätte: Den 300. Todestag von Maria Sibylla Merian. Ob Videotext, Zeitungen oder Ausstellungsankündigungen – der überwiegende Teil kennt diese Frau nicht (mehr). Doch ihr Werk und ihre Werke sind dann doch bekannt.

Schon als Jugendliche hat sich die wissbegierige Maria mit Schmetterlingen beschäftigt. Doch in ihrer Geburtsstadt Frankfurt am Main oder ihrem zweiten Zuhause Amsterdam waren Schmetterlinge nur in Privatsammlungen und Museen zu besichtigen. Ganz zu schweigen von der Metamorphose der Raupen zu den farbenprächtigen Exemplaren, die fern der Heimat zum Alltag gehören.

Maria Merian interessierte sich nicht nur die Vielfalt der Farben auf den Flügeln der flatterhaften Genossen. Siewollte wissen, wie aus einer unscheinbaren Raupe ein anbetungswürdiges Geschöpf entstehen kann. Zusammen mit ihrer Tochter machte sie sich auf den Weg, auf Expeditionsreise nach Surinam in Südamerika, damals holländische Kolonie bzw. Besitztum der West India Company.

Hier fand sie ihre Erfüllung. Unter dem Vergrößerungsglas entdeckte sie die schuppenartige Struktur der Flügel. Schon als Kind bekam sie Unterricht in Malkunst und so machte sie aus ihren beiden Leidenschaften – Malen und Forschen – eine Tugend. Das Ergebnis ist in diesem kompakten Band jedermann zugängig. Erstaunlich mit welcher Akribie sie jede auch noch so kleine Nuance abbilden konnte. Pflanzen und Schmetterlinge, die bis heute ein Faszinosum darstellen. Immer wieder verblüffen ihre Bilder den Betrachter ob des Detailreichtums. Was sonst nur im Museum der Öffentlichkeit gezeigt werden kann, ist nun jederzeit für jedermann verfügbar. Weit weg von kitschig-bunt und nostalgisch verklärter Romantik waren die Bilder schon zu Lebzeiten Maria Merians ein Verkaufsschlager. In unterschiedlicher Druckqualität wurden sie angeboten. King George III. erwarb die Bildtafel, ihm ist es zu verdanken, dass sie als Teil der Königlichen Sammlung bis heute erhalten sind.

Dieses Buch ist sicherlich kein Buch, das man mit auf reisen nimmt, um Schmetterling zu bestimmen – obwohl das möglich wär. Es ist vielmehr ein Beweis für die Kunstfertigkeit einer Frau, die in einer Zeit lebte, in der es Frauen so gut wie unmöglich war, wissenschaftlich zu arbeiten. Umso mehr erstaunt der Lebenslauf der energischen Frankfurterin. Ihre Zeichnungen sind in Ausschnitten den meisten schon mal untergekommen. Doch die Künstlerin dahinter tritt wohl nun erst jetzt so richtig ins Licht. Verdient, wenn auch verspätet!

Meine Gourmet Tour de France

Tres bien! Das war lecker! Den Col de „Gefüllte Taschenkrebse“ erklommen, als Rolleur „Normannische Brioche“ und „Milchreis“ genossen, und zum Abschluss eine „gratinierte Zwiebelsuppe“ obendrauf. Das, was den Teilnehmern der Tour de France während ihrer dreiwöchigen Rundreise vorenthalten wird, darf man nun nachkochen, mit allen Sinnen genießen und das tagein, tagaus. So macht Frankreich, so macht Urlaub, so macht ein Kochbuch Spaß!

Julie Andrieu nimmt die Strapazen der Tour auf sich und klappert mit den Kochtöpfen für den Leser die schönsten Passagen der Küchen an der Wegstrecke ab. Und genau wie jede Etappe ihre Eigenheiten hat, so ist eben auch die Küche Frankreichs nicht zu verallgemeinern. Dort, wo die Tour de France seit 1975 endet, in Paris, beginnt sie ihre Gaumenrundfahrt. Gleich die zweite Etappe hat es in sich. Nur 20 Minuten lang (also Zubereitungszeit), doch voller Geschmacksexplosionen: Entenleberpastete mit Nussaromen. Da steigt man gern vom Drahtesel und genehmigt sich noch Nachschlag. Vorbei an Louvre und Eiffelturm – das Auge isst doppelt mit, denn Fotos aus den vorgestellten Regionen sind hier mehr als nur das Salz in der Suppe – geht es weiter über Hasenpastete mit Cidre und Hähnchen mit flambierten Calvados-Äpfeln zu rosa Venusmuscheln, womit wir schon im Nordwesten angekommen sind. Hier, wo der Wind den Pedalrittern seitwärts das Vorwärtskommen gern mal erschwert, tischen die Autorin Rezepte auf – übrigens allesamt von passionierten Amateuren (als Gegenentwurf zum Profi) der Autorin verraten – deren Name schon das Wasser im Munde zusammenlaufen lassen. Seebarsch in Salzkruste mit weißer Buttersauce.

Oder wie wäre es mit einer Tarte? Tarte Kougin-Amann aus Buchweizenmehl. Typisch für die Bretagne, dass man hier Buchweizenmehl verwendet. Originell und traditionell.

Der sonnige Süden, dort, wo die Berge nur echte Kerle zu sich herauflassen, wartet am Ende der Etappe Mandelpudding und Mandelgebäck. Und das alles ohne unerlaubte Zutaten. Alles, was hier in den Töpfen verschwindet, in den Backformen zur Hochform aufläuft, duftend aus Kellen serviert wird, nur darauf wartet nachgekocht zu werden, verdient das Prädikat lecker. Deftig und süß, raffiniert und bodenständig, exquisit und neu interpretiert – hier kommt man nach einem anstrengenden Tag im Sattel wieder zu Kräften. So eine Tour de France lässt man sich nicht entgehen!

Die kleine Raupe Nimmersatt – Mein Babyalbum

Im Freundes-, Bekannten, Kollegenkreis kündigt sich Nachwuchs an. Ein freudiges Ereignis. Für die Eltern sowieso, aber auch für alle, die gern eine Freude machen. Nun ist es so, dass es besonders schwierig ist, ein persönliches und nützliches Geschenk zu machen, wenn man sich eigentlich nicht verpflichtet fühlen muss, dem neuen Erdenbürger bzw. seinen „Vorgesetzen“ eine Freude zu machen. Strampler und Co. werden sicher schon von Oma und Opa in spe en masse geschenkt werden. Die Grundausstattung besorgen sich die werdenden Eltern schon selbst.

Jetzt kann man tagelang Babykataloge wälzen, über die Preise staunen, das (Über-)Angebot gutheißen oder auch nicht. Doch letztendlich kommt man immer wieder auf klassische Geschenke zurück. So wie dieses Babyalbum.

Das erste Zeitdokument, das einen immer begleiten wird. Die ersten großen Schritte – symbolisch als auch real – werden hierin festgehalten. Geburtstag, Größe, Gewicht. Und viel Platz für eigene Gedanken und Ideen – also, die der Eltern. Und für Fotos. Ja, die kann man immer noch ausdrucken!

Oder man führt dieses Buch im Geheimen. Und dann an einem passenden Jubiläum, vielleicht der achtzehnte Geburtstag – wenn die Kinderzeit vor dem Gesetz zu Ende ist – hat man eine wirklich gelungene Überraschung.

Die kleine Raupe Nimmersatt hat schon viele Kinder, Generationen von Kindern durch ihre Entwicklungsphasen geführt. Als Buch, als Spielzeug, oder eben als Babyalbum. Liebevolle Zeichnungen machen das Buch so wie das Leben sein soll: Bunt!

Endlich mal ein Buch schreiben, die Familie richtig in Szene setzen, Bilder von besonderen Momenten für die Ewigkeit festhalten. Und immer mit dabei die gefräßige, zum Knuddeln verführende kleine Raupe Nimmersatt.

Das Babyalbum gibt es in Blau und Rot. Neben der erstklassigen Gestaltung der einzelnen Seiten, sticht vor allem das Verschlussbändchen am Buchrand hervor. Wer jetzt noch weiter nach Geschenken suchen wird, kann eigentlich nur danebenliegen…

Fuchs im Aufzug

Endlich wieder zurück zuhause. Vorbei die ungewöhnlichen Abenteuer, die fremden Handlungen, alles vorbei. Georges Hausemer ist ein Weltreisender, dessen Reisepass vor Einreise-Stempeln überquillt. Wirklich alles vorbei?

Nein! Natürlich nicht! Er schwenkt um: Vom „Read global“ zu „write local“. Seine Erfahrungen aus der Fremde, die er – nach allem, was er erlebt hat – nicht als Fremde bezeichnen würde, wendet er sich den kleinen Geschichten vor der Haustür zu. Immer gewürzt mit einer Prise Wissen aus der geographischen Ferne.

Sechzehn Geschichten vereint der Band „Der Fuchs im Aufzug“. Sie können überall spielen. Überall dort, wo der Autor zuhause ist. Luxemburg, Deutschland, Spanien. Austauschbar hingegen sind sie nicht. Denn der Alltag seiner Protagonisten ist anders und doch vertraut: Menschen, die ohne eigenen Namen durch Leben gehen. Erzähler, die sich schwertun, dem Gegenüber eine klare Haltung einzunehmen. Beim Lesen setzt man öfter mal ab. Kennt man selbst solche Situationen? War man schon einmal in einer ähnlichen Lage? Jein! Ganz entschieden, JEIN!

Die Kunst der Banalität aus dem Weg zu gehen, macht diese Geschichtensammlung zu einem mehr als lesenswerten Objekt der Neugier. Man muss ich nicht erst ewig einlesen, um der Geschichte folgen zu können. Der Soundtrack des Lebens führt den Leser schwungvoll von Geschichte zu Geschichte, von Mensch zu Mensch, von Moment zu Moment. Man hat es selbst in der Hand den Zeitenlauf kurz anzuhalten, zumindest zu verlangsamen.

Zeit Rückschau zu halten, Zeit nach vorn zu blicken, Zeit den Augenblick gewähren zu lassen. Als Leser ist man gleichermaßen Voyeur und Akteur. Man versteckt sich hinter den Seiten und blickt ins Klare der Geschichten. Andererseits ist man nur Zuschauer, Begleiter. Denn so normal der Alltag ist, so ungewöhnlich sind die Vorgänge in ihm.

Gauner, Großkotz, kesse Lola

Erinnern wir uns. Gehen zurück in den Jahren. Vielleicht Jahrzehnten. Ein ganz normaler Wochentag. Vormittags. Was haben wir gemacht? Wir saßen in der Schule. Vorn, vor der Tafel, stand der Lehrer und versuchte gebetsmühlenartig den Lehrstoff in uns reinzustopfen. Und hat’s was gebracht? Das muss jeder für sich selbst entscheiden. Doch jede Schule, jeder Schüler hatte einen Lehrer, der kein Lehrer war. Zu ihm ging man gern in den Unterricht. Denn – und das erkennen viele erst später – er hatte eine Berufung. Er kannte sehr wohl den Lehrstoff. Von seinen Kollegen unterschied ihn die Tatsache, dass er es irgendwie schaffte alle in seinen Bann zu ziehen ohne das Lernziel aus den Augen zu verlieren. Lernen konnte auch Spaß machen!

Wer im Fremdsprachenunterricht immer nur Vokabeln pauken musste, ohne diese jemals richtig anwenden zu können, konnte keine Verbindung zur Kultur dieser Fremdsprache aufbauen. Buch – book, Mutter – matj, Auge – Mund – bouche. Und weiter? Wenn dann ein Lehrer Sketche aufführen ließ, witzige Anekdoten einflochte, durfte er sich ein „i“ an den Nachnamen hängen. Aus Herrn Schmidt wurden das eben „Schmidti“. Die höchste Ehre für einen Lehrer.

Christoph Gutknecht wurde sicher auch oft „Guti“ genannt. Er war Professor am Institut für Anglistik und Amerikanistik der Uni Hamburg. In diesem Buch zeigt er kurzweilig und kenntnisreich den Einfluss des jiddischen in der deutschen Sprache auf. Denn vieles, was das tagein tagaus unseren Mund Richtung Gegenüber verlässt, hat gar keine deutschen Wurzeln, sondern jiddische, hebräische, aramäische. Pustekuchen wird der eine oder andere jetzt sagen, und führt seine eigene Überzeugung postwendend ad absurdum. Denn dieses amuse gueule hat seinen Ursprung nicht zwischen Elbe und Donau. Es hat eine wahre Odyssee hinter sich, bis es endlich seine Wurzeln im Jiddischen, Hebräischen freilegen durfte. Poschut (die „Puste“ im Pustekuchen) heißt „weniger“ und „kochem“ (der „Kuchen“) stammt von klug.

Nun lässt sich das Jiddische nicht so einfach erlernen wie der Vokabelteil eines Englischbuches. Erst wenn man das neu erlernte Wort – in diesem Fall das „wieder erlernte Wort“ – in verschiedenen Situationen erlebt hat, kann es seine gesamte Pracht entfalten. Christoph „Guti“ Gutknecht hält dafür eine Vielzahl an Anwendungsbeispielen parat. Kurz und knapp fegt er über die Bücherseiten, die bereits beschrieben wurden und fügt zusammen, was zusammen gehört. Kein Tinnef wird für Zoff sorgen. Liebevoll, teils kess wünscht er dem Leser bei seiner Lektüre Hals- und Beinbruch, auf dass er keinem Sprach-Gauner auf dem Leim geht. Wer ganz genau hinsieht, kann nach dem Genuss des Buches viel besser mosern. Und das wiederum ist eine typisch deutsche Marotte!

Fast eine Liebe

Man muss schon sehr lange im – bestenfalls sehr großen – Bücherschrank suchen, um einen Autor, eine Autorin zu finden, die mit jedem Werk einen Volltreffer landen konnte. Und hat man seinen Liebling erwählt, will man alles von ihm, von ihr lesen. Als nächster Schritte will man alles über sie/ihn wissen. Und dann kommt die Ernüchterung. Alles, was es zu lesen gibt, hat man gelesen. Ist die Liebe nun erloschen? Nein! Niemals. Denn nun ist man Experte (die werden im Fernsehen gern mal vor eine Bücherwand (!) gestellt und befragt!).

Und dann gibt es Verlage, die sich mit dem Zustand der Endgültigkeit einfach nicht zufrieden geben. Immer wieder tauchen bei ihnen Autoren auf, die doch noch Neues im Leben eines Autors / einer Autorin recherchieren und gekonnt zu Papier bringen. Carson McCullers ist so ein Wunderkind. Jedes Buch sorgte für Furore. Und nun wird ihrer viel zu kurzen, übervollen Biografie ein weiteres Kapitel hinzugefügt.

„Das Herz ist ein einsamer Jäger“, der Erstlingsroman von Carson McCullers schlug wahrhaft ein. Dieses seltsame Mädchen aus dem Süden wurde in New York wie eine Sensation gefeiert. Auch andere Autoren wurden auf das kränkliche Wesen aufmerksam. So auch Erika und Klaus Mann, die vor den Nazis in Amerika eine neue Heimat gefunden hatten. Und so begab es sich, dass Carson ihren Verleger treffen wollte, im gleichen Hotel aber eben auch die intellektuelle und sprachbegabte Erika abgestiegen war. In ihrem Schlepptau eine junge engagierte junge Schweizerin, die die Welt bereiste und vergeblich versuchte Erika zu amourösen Abenteuern (und noch ein bisschen mehr) zu überreden, Annemarie Schwarzenbach.

Für Carson McCullers, deren Gatte nur sporadisch im gemeinsamen Heim selbiges fand, traf also ihren Verleger, Erika Mann (auch deren Bruder Klaus) und eben diese Annemarie. Das Wunderkind wurde schlagartig zum Jäger. Doch das zu erlegende Wild sträubte sich. Die Liebe bleibt unerwidert. Die Zuneigung wird jedoch nicht minder bestehen bleiben. Auch als Annemarie Schwarzenbach grußlos Amerika verlässt. Carson stürzt sich in die Arbeit, erhält Auszeichnungen und Preise. Und ein Telegramm von Klaus Mann, der ihr nüchtern den Tod der ersehnten Liebe verkündet. Der Schock sitzt tief, Kollegen und Freunde sorgen sich um Carsons Gesundheit.

Alexandra Lavizzari setzt in ihrem Buch beiden Frauen ein wortstarkes, eindrucksvolles Denkmal: Das Wunderkind aus dem Süden, das aus Angst vor Enttäuschung zu schreiben beginnt – die wissbegierige Industriellentochter, die Liebe sucht und Liebe abweist – zwei Frauen, die in ihren Gemeinsamkeiten und durch ihre Unterschiede füreinander geschaffen waren, und doch wie die Königskinder niemals zusammenkommen konnten.

Noch einmal zurück zur viel zu kurzen Biografie von Carson McCullers. Das Jahr 2017 ist Medaillen-Jubiläumsjahr. Und Medaillen haben bekanntlich zwei Seiten. Zum Einen feiert man im Februar ihren hundertsten Geburtstag, zum Anderen im September den fünfzigsten Todestag. Annemarie Schwarzenbach wurde nur vierunddreißig Jahre alt. Doch Zeit genug, um die Welt zu erkunden und das Leben auszukosten. Dieses Buch ist eine Hommage an beider Leben, an die Liebe (der beiden) und eine Aufforderung sich niemals zufrieden zu geben. Als Leser darf man die Hoffnung nicht aufgeben, dass vielleicht hier und da noch weitere Manuskripte über das Leben von Carson McCullers auftauchen werden…

Mit dem Schiff durch Berlin

Es gibt viele Gründe nach Berlin zu fahren. Die Weltläufigkeit, die unbegrenzte Möglichkeit zum Shoppen, die Architektur, das Angebot an Konzerten. Doch Berlin als Schiffsmetropole zu betrachten, das ist ungewöhnlich. Nur auf dem ersten Blick! Denn Berlin ist von Wasserstraßen durchzogen wie kaum eine andere Stadt in Deutschland.

Armin Gewiese und Ulrike Dömeland nehmen den Leser mit auf eine kapitale Hafenrundfahrt. In Zahlen heißt das: Rund 60 km² Berlin sind vom Wasser erobert, die Uferlängen aller Gewässer sind fast doppelt so lang wie das S-Bahnnetz, und einer der größten Exportschlager der Welt wurde vor 125 Jahren auf dem Dampfer Hertha gegründet.

Von Kladow bis Erkner, von Krampenburg bis Tegel/Greenwich Promenade, vorbei an Hauptbahnhof und Schlossbrücke – janz Berlin liegt uffm Wasser. Zumindest am Wasser. Und es gibt auch überall was zu sehen! Museen, die Museumsinsel ist nur eine Augenweide, extravagante Illuminationen, Schlösser … und das Beste ist, dass lästige Parkplatzsuche keine Zeit mehr vom Besuch der Stadt abknabbern kann. Möglichkeiten zum Aussteigen und Besteigen der Schiffe gibt es zuhauf, um Berlin und Umgebung (wie zum Beispiel das architektonisch wie technisch einzigartige Schiffshebewerk Niederfinow) zu erkunden.

Kleine Karten erleichtern die Orientierung und am Ende des Buches geben die Autoren Tipps zur Hungerbewältigung an Havel, Spree, Dahme, Landwehrkanal, Teltowkanal, Müggelsee, Tegeler See, Seddinsee sowie Adressen von Kreuzfahrtveranstaltern, Reedereien und An- und Ablegestellen.

In den informativen Kapiteln kann man als Leser Berlin nicht schon „schon mal kurz vorher“ kennenlernen. Immer wieder lassen Bilder dem Leser das Wasser im Munde zusammenlaufen, was er beim nächsten Berlintrip alles erleben kann. Berlin, die Stadt, die sich immer wieder neu erfindet, arm aber sexy ist, urbanen Charme mit Modernität wie kaum eine andere zu verweben versteht, mal anders. Keine Touren für diejenigen, die schon alles gesehen haben, sondern eine echte Neuentdeckung der Hauptstadt.

Kurtisanen, Konkubinen und Mätressen

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Endlich ungeniert die leichten Mädchen betrachten dürfen! Ja, … nein, so ein Buch ist das hier nicht! Es ist ein Buch, das voller Überraschungen steckt. Schon die erste vorgestellte Dame, Aspasia, war vermutlich gar keine Kurtisane, Konkubine, Mätresse oder gar Hetäre. Sie stand an der Seite von Perikles, der jedoch den Rückhalt beim Volk verlor. Schuld an der ganzen Misere war natürlich die Frau. Zumal sie auch aus dem Ausland stammte. Aus einer Kolonie. Das war vor knapp zweieinhalbtausend Jahren. Und die Sichtweise auf Frauen, die keinen lupenreinen Lebenslauf vorweisen können, die einfach da waren, ohne erkennbare Leistungen, hat sich seitdem kaum bis gar nicht verändert. Auch und ganz besonders, wenn ihre Wurzeln außerhalb des eigenen Hoheitsbereiches lagen…

Die Damen, die in diesem Buch ihre Meriten erfahren (Achtung! Eine weitere Überraschung wartet auf den Leser: Es sind nicht nur Damen, die hier in den Fokus gerückt werden.), waren hart arbeitende Personen. Verve und Hingabe, Intelligenz und Gerissenheit unterscheiden sie gravierend vom Vorurteil der Damen des horizontalen Gewerbes.

Auch wenn beispielsweise Messalina, Kaiserin durch, bei, unter Claudius, dem scheinbar zu widersprechen scheint. Ihre Lust war ungebändigt. Und sie hatte Macht. Sie war die Kaiserin! Doch starb sehr früh. Zuvor lebte sich jedoch ihre Machtgeilheit aus. Wer sich ihr verweigerte, konnte gesichert davon ausgehen, dass das nicht ohne Folgen blieb. Und einmal soll sie sich heimlich in ein Bordell geschlichen haben. Nicht aus Neugier, sondern aus purer Lust, um unerkannt sie derselben hinzugeben.

Im lustvollen Hinterhof der Geschichte lässt sich immer noch so manches Histörchen aufdecken. Gerade als man sich als Leser an die ihre Reize einsetzenden machtbewussten Damen gewöhnt hat, treten im Buch pflichtbewusste, kämpferische Damen auf den Plan. Sie entwerfen Manifeste, vertreten selbstbewusst ihrer Ideen, sind Männer nicht Untertan, sondern gleichgestellt. Ihre Reize halten sie galant, ob mit oder ohne Berechnung im Zaum, und führen ein unabhängiges Leben. Madame Pompadour ist sicherlich die bekannteste aus dieser Riege dieser Spezialistinnen. Das profane „Schau, was ich habe – gib mir, was ich will und es ist Deins“ wandelt sich stetig in ein „Ja, ich hab was, aber warum soll ich es Dir gegen?“. Stilbruch oder Fortschritt? Letzteres! Den Abschluss des Buches bildet die einst „berühmteste Hure Deutschlands“, Domenica. Ihr Ende war tragisch. Am Rande der Gesellschaft, links liegengelassen von der Öffentlichkeit gab sie ihre Erfahrungen im Gewerbe an den Nachwuchs weiter. Sie half unterbewusst Generationen von Frauen, die den Strich als Ausweg sahen oder als Ausdruck ihrer selbst beschritten.

Und auch das gab (und gibt) es! Männer als Günstlinge der eigenen Ausstrahlung. Vaslav Nijinsky, der Gott der Sprünge im Ballets Russe und Muse des Impresarios Sergej Dhiagilev. Er faszinierte beide Geschlechter, gab sich beiden hin. Als er heiratete (und auch noch zwei Kinder zeugte) war die Liaison mit Dhiagilev vorbei, ein für allemal. Doch die Herzen der Zuschauer gehörten stets ihm und seiner wuchtigen Bühnenpräsenz.

Man sollte nicht den Fehler begehen und nach diesem Buch sofort die Klatschblätter und Promimagezine im Fernsehen schauen. Denn die aufgehübschten, so brachial ungeziemten Instagram-Sternchen, die im normalen Gespräch keinen vernünftig gebildeten Satz herausbringen mit den im Buch beschriebenen Damen gleichsetzen. Sie wollen so sein, sind es aber nicht! Medienpräsenz ist nicht gleichzusetzen mit Erfolg. Hätte es zu Zeiten des Sonnenkönigs schon die sozialen Medien gegeben, wären die Server längst zusammengebrochen. Der heutige Hype um Castingshow-Viertelfinalistinnen ist geplant und nicht erarbeitet. Dieses Buch bestätigt, dass Frauen mit ihren Waffen – wenn man es so bezeichnen will – schon immer mehr erreichen konnten als man ihnen zutraute. Der Ruhm erreichte sie meist nur zu spät.

Dahamm und Anderswo

dahamm-und-anderswo

Wissenschaftler, Sprachforscher haben herausgefunden, dass Dialektsprecher entspannt sind, in sich ruhen. Zumindest meistens. Denn es gibt ja auch so herrlich Flüche, die in Dialekten einfach mehr hermachen.

Matthias Kröner scheint entspannt zu sein. Ein Franke abroad, hoch im Norden, dort, wo die Berge, hügelig sind und der Badesee bis über den Horizont reicht. Dahamm in Franken, dahamm an der Ostsee. Fernweh hat er nur manchmal. Heimweh? Auch. Sprachliches Heimweh. Und er hat eine ganz besondere Art gefunden das Heimweh zu stillen. Er schreibt, in Mundart, auf fränkisch.

Für ungeübte Augen muss man sich erstmal einlesen. Am besten laut. Harte Konsonanten verwandeln sich vor den Augen des Lesers in weiche „Midlaude“. Ist gewöhnungsbedürftig, aber nach ein paar Seiten ist man „drinn im Schdoff“. Und dann sind die Heimatgedichte eine wahre Freude.

Matthias Kröner ging durch die harte Schule der Auswanderung. Hier lernte er seine Heimat noch mehr lieben und schätzen. Von außen auf die eigenen Wurzeln blicken zu können, tut gut, wenn man die Heimat wirklich begreifen will. Im Bratwurst-Franken kennt man ihn als kritischen Beobachter, immer dicht dran am Geschehen. Seit knapp zehn Jahren hat er sich in der Nähe von Marzipan-Lübeck seine kleine fränkische Enklave der Heimeligkeit geschaffen. Mit allem, was dazu gehört.

Der Begriff Heimat hat, besonders in Deutschland und besonders seit einiger Zeit, (wieder) einen faden Beigeschmack bekommen. Die meisten, die ihn benutzen, können ihn nicht so recht fassen. Krude Ideen, wer nicht dazu gehören wollte, sind für sie das Alleinstellungsmerkmal des Heimatbegriffes. Doch sollte eine Definition das herausstellen, was in den Begriff steckt? Ja, was sonst. Hier kennt man sich, spricht die gleiche „Schbrooch“. Was aber, wenn man länger weg ist? Da kennt die „Bäggeri“ einen nicht mehr beim Namen, die „Medzgeri“ auch nicht. Kein Grund zum Traurigsein. Schreib ein Gedicht und alles ist wieder im Lot.

Heimat- oder Frankentümelei sind nicht die Sache von Matthias Kröner. Er ist halt Franke, spricht die seine Sprache, beobachtet. Und er kann formulieren. Wer sich einmal in die Schreibweise vertieft hat, kommt mit den Gedichten schnell klar. Alles ist bekannt und vertraut. Und doch irgendwie neu. Schließlich denkt man permanent an die eigene Heimat. Der Alltag muss gestaltet, Kinder versorgt werden. Doch schlägt man Ende eines ereignisreichen Tages die Seiten des Buches auf, keimen spontan Erinnerungen. Wie es damals war, beim Küchendienst in der mütterlichen Küche oder beim Kicken. Nicht jedes Wort wird man als Nichtfranke sofort erraten. Weiterlesen, die Eingebung kommt … ganz bestimmt.