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Kapstadt und Garden Route

Welche Worte verursachen zu 99 Prozent hundertprozentig Fernweh? Süden und Afrika. Ach, wie glücklich müssen die Touristiker aus Südafrika sein?! Und wer es geschafft hat eine Reise nach Südafrika, Kapstadt entlang der Garden Route zu buchen, ist dem Paradies so nah wie nie zuvor. Doch eine Sache fehlt noch? Der richtige Plan, um diese Reise nicht vor der Himmelspforte zu beenden, sondern durch sie hindurch zu schreiten und auf ewig davon in Erinnerungen zu schwelgen.

Einmalige Erfahrungen sammeln, entlegene Aussichtspunkt für immer im Kopf verankern, geheimnisvolle Plätze erkunden. Doch wo suchen? Auf einer millionenfach besuchten Internetseite? Gefangen im Stechschritt-Tempo einer organisierten Reisegruppe? „Wenn Sie nach links schauen, sehen Sie den Atlantik. Und rechts der Indische Ozean. Und hinter uns – das ist ein Elefant, ein typisches Tier für dieses Land.“ Na toll, und dafür soll man nun Monate, wenn nicht sogar Jahre gespart haben?

Für alle, die sich entschieden haben das großartige Südafrika auf eigen Faust zu bereisen, gibt es nur eine Alternative zum von A bis Z durchorganisierten Gruppenerlebnis: Dieses Reisebuch. Über fünfhundert Seiten, gespickt mit Tipps für alle, die Freiheit nicht nur vom Stammtisch kennen, sondern sie riechen, schmecken, fühlen wollen.

Marita Bromberg und Dirk Kruse-Etzbach kennen die Sehnsucht nach dem Süden und nach Afrika. Es hat sie schon vor Jahren gepackt. Und seit den ersten Besuchen hat es nicht nachgelassen. Mittlerweile ist die elfte Auflage dieses Reisebuches erschienen. Noch immer finden sie Tipps für all diejenigen, denen es genauso gehen wird. Fast scheint es so als ob sie ihre eigenen Nachfolger als Autoren mit ihrem Buch, ihren Büchern, heranzüchten. Denn in ihren Ausführungen sind sie so detailliert, dass man gar nicht anders kann, als sich selbst als Südafrika-Experten mit dem Spezialgebiet Kapstadt und Garden Route zu bezeichnen.

Wem die Garden Route auf Anhieb nicht so viel sagt, dem sei ein Blick in die beiliegende Karte ans Herz gelegt. Denn dieser Weg führt von Kapstadt im Westen nach Port Elizabeth im Osten des Landes. Vorbei an Weinanbaugebieten, Orten, die so vertraut klingen (Heidelberg), Botanischen Gärten (wie dem der Stellenbosch University), die diesem Namen alle Ehre machen … und zwischendurch geben die Infokästen immer wieder Einblicke in Geschichte, lockern Anekdoten den Lesefluss und weisen exakte Karten den richtigen Weg. Wie immer in den Büchern des Iwanowski-Verlages: Farbig abgesetzte Abschnitte wie „Was kostet das Reisen in Südafrika?“, die die Urlaubsplanung nicht nur erleichtern, sondern fast schon wie ein Kinderspiel erscheinen lassen. Dieses Buch als unverzichtbar zu bezeichnen, würde nur annähernd der Wahrheit entsprechen. Jeder, der eine solche Reise bucht, sollte per Gesetz dazu verpflichtet werden, dieses Buch zu lesen.

Cazzaria

„So ein Ferkel“, sagt man, wenn jemand ungehörig über die schönste Sache der Welt spricht. Schon mal einem „echten Männergespräch“ zum Thema Fortpflanzung bzw. dem Lösung von Übungsaufgaben zu diesem Thema zugehört? Und? Hat’s gefallen? Ja? Dann ist dieses Buch nichts, es sei denn man will sich bessern.

Siena in der Toskana in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts. In geheimen Zirkeln trifft man sich und tauscht sich aus. Über Sprache, Kunst, Philosophie und auch über das Zwischenmenschliche allzu Natürliche. Über Sex! Auch in der Zeit der Renaissance waren solche Schriften nicht gern gesehen. Eigentlich hat sich bis heute kaum etwas daran geändert. Auch heute noch wird Sex nicht gerade als gesellschaftfähig angesehen. Und doch macht’s jeder!

Wie auch immer – Antonio Vignali schlüpft in die Rolle des Arsiccio. Er hält seinem Schüler Sodo (!) einen Vortrag über den Umgang der primären Geschlechtsorgane, woher sie kommen und was man mit ihnen anstellt. Doch Sodo ist nicht blöd. Er kennt sich aus!

Die Theorie, dass Frauen eher schlichte Gemüter bevorzugen, erregt bei beiden sofort den Drang nach … nein, nach Diskussion. Jetzt muss man aufpassen wie man es formuliert. Mmmmh. Während der Eine meint, dass zu viel wissen durchaus einem befriedigenden Ergebnis zuträglich ist, behauptet der Andere, dass das Wissen um die Anatomie der Frau selbigen mehr Erfüllung bereiten würde. Kurze Unterbrechung: Wie würde das wohl am Stammtisch klingen? Bestimmt nicht: Wer kein Latein kann, versteht nichts von Sex.

Band Zwei der Schlaflosreihe die zum – Achtung Wortspiel – Liderknien ist, besticht durch die intellektuelle Ausarbeitung eines an sich profanen Themas. Der Argumentaustausch zwischen Lehrer und Schüler als Stilmittel verblüfft auf ganzer Linie. Schroffe Worte wird man eher vom Adlatus erwarten als vom spiritus rector. Doch Arsiccio provoziert bewusst durch die Wahl der derben Sprache. Sodo ist verwirrt. Und ein ums andere Mal verschlägt es ihm fast die Sprache. Dem Leser ebenso.

„Cazzaria“ ist schwer zu übersetzen, am besten trifft es wohl „Die Schwanzerei“, womit wohl alles über das Buch gesagt sein dürfte. Nicht ganz.

Egal, ob nun Männlein und Weiblein, Weiblein und Männlein, Weiblein und Weiblein, Männlein und Männlein – dieses Buch im Dialog zu lesen, ist eine Offenbarung. Zuerst kichert man an der einen oder anderen Stelle. Doch je mehr man sich ins Buch vertieft, desto größer der Genuss. Aber wie im richtigen Leben kann man dieses Büchlein auch ganz allein, bei Kerzenlicht, bevor die Lider sich schließen vor sich hinlesen…

Ein Sommer

Jean und Jeanne – na das passt doch, nicht nur wegen der orthographischen Nähe. Jean hat einen Bruder, Pierre. Und den lädt er zusammen mit dessen Freundin Lone zu einem kurzen Segeltörn vor der Küste Neapels ein. Um sie herum nur Sonne und Wasser, das so grell des Licht bricht und wiederspiegelt. Dunkle Wolken – Fehlanzeige! Wenn man nur den Himmel betrachtet. Doch im Inneren des Bootes brodelt der Vulkan…

Der Vulkan der Leidenschaft. Und wenn Jean wüsste, dass der schon einmal gewaltig ausgebrochen ist … Der Reihe nach. Pierre ist ein wenig mulmig zumute als er die Einladung zum Mittelmeertrip erhält. Aber Kneifen gilt nicht. Und außerdem ist ja Lone, seine Freundin dabei. Man vermutet es bereits – Jeanne und Pierre, da war mal was.

Die Wellen plätschern dahin, die Sonne brennt erbarmungslos auf das Quartett hernieder. Pierre ist unwohl, das Schaukeln und die fremden Gerüche spielen seinem Magen einen Streich. Doch das gibt sich. Alles cool. Ein Leitspruch von Pierre. Alles cool.

Schon in der ersten Nacht wirkt er aber gar nicht mehr so cool. Auf und Ab bewegt sich das Boot. An Schlaf ist nicht zu denken. An Deck – frische Luft soll ja bei Schlaflosigkeit Wunder bewirken – gesellt sich Jeanne hinzu. Auch sie kann nicht schlafen. Doch aus einem anderen Grund. Sie hat die gemeinsame Nacht mit Pierre noch nicht vergessen. Die eindeutig zweideutigen Bemerkungen lassen Pierre nun erst recht nicht zur Ruhe kommen. Ist Jeanne doch mehr als „nur die Frau seines Bruders“? Das Meer liegt still und spiegelglatt vor den beiden. In ihnen brodelt der Vulkan.

Am nächsten Tag ist das Schrecken auf dem Boot eingekehrt. Lone hat eine fiese Beule am Auge. Sie muss zum Arzt. Bereitwillig rudert Jean die untröstliche Lone ans Land. Zurückbleiben Jeanne und Pierre…

Vincent Almendros wurde für „Ein Sommer“ mit dem Prix Françoise Sagan ausgezeichnet. Der schönste Roman des Frühlings nannte man ihn im Jahr 2015. Und das ist er seitdem. Die Strahlkraft der Zeilen reicht weit über Verzückung hinaus. Der Spannungsbogen, den Almendros zeichnet, führt den Leser an die Grenzen der Aufmerksamkeit. Fast will man nur noch umblättern, um zu erfahren wie und ob es weitergeht. Die Worte leicht wie ein Sommerwein, die Charaktere klar umrissen wie Schattenspiele an weißgekalkten Wänden, führt, nein verführt Vincent Almendros den Leser in die Tiefen einer ménage à quatre. Es ist nicht leicht zu erkennen, wer wen wie und wann vor den Kopf stoßen wird. Zwischen Schwarz wie die Tiefen der See und grellem Weiß wie das Licht im Inneren der Sonne schwankt das Boot der Versuchung vor einer der schönsten Küsten des Mittelmeeres. Wie eine aufmerksame Drohne schwebt der Leser als stiller Beobachter über der nahenden Katastrophe.

Niemandsland

Der Traum von Europa – keine Erfindung der Neuzeit. Napoleon hat’s probiert, die Wahl der Waffen war gelinde gesagt unglücklich. Und dennoch hat die Vorstellung überlebt. Keine Kleinstaaterei mehr, Numismatiker bekommen bei dem Gedanken daran nicht mehr Münzen aus Monaco, San Marino, dem Vatikan oder Andorra sammeln zu können schwitzige Hände. Die müssen sich dann eben auf historische Münzen spezialisieren.

Gehen wir rund zweihundert Jahre zurück. Napoleon knechtet Europa. Kurz vor Moskau ist dann erstmal Schluss mit dem „Wie das Messer durch die warme Butter“-Gehen. Bei Leipzig wird ihm der Gnadenstoß versetzt. Europa ist frei. Frei vom N im Lorbeerkranz. In Wien wird der ganze Kontinent neu geordnet. Der ganze Kontinent? Nein, non, nee. Moresnet kommt davon. Mores … was? Ein kleines Gebiet, das an Belgien grenzt. Eine Zinkmine gibt es hier. Allerdings eine, die es in sich hat. Ein Günstling Napoleons, Jean-Jacques Daniel Dony hat sie übernommen, und mit einem wohl ausgefeilten Verfahren schafft er es reines Zink herzustellen. Zuvor war der der Badewannenhersteller des kleinen Mannes mit dem großen N. Ein ausgefuchster Tüftler, aber ein miserabler Geschäftsmann. Jedenfalls hat man in Wien beim Kongress Moresnet vergessen. Es gehört niemandem. Nix deutsch, nix holländisch, nix belgisch. Und nun?

Philip Dröge stellte sich diese Frage auch und hat sich auf die Suche nach dem Ort gemacht, den es eigentlich gar nicht geben dürfte. Er durchforstete Archive, Zeitzeugen konnte er keine mehr befragen. Und er formte aus seinen Ergebnissen ein Buch, das seinesgleichen sucht: „Niemandsland“. Während in Wien mehr getanzt wurde, statt sich zu bewegen, fummelten Kartografen am neuen Europa herum. Die Niederlande und Preußen sollten eine gemeinsame Grenze bekommen. Also sollten die holländische Ost- und die preußische Westgrenze einen gemeinsamen Verlauf haben. Hatten sie auch bis auf … eben dieses Moresnet. Es ist Februar 1816, der elfte. Da fällt es auf. Das Loch im Zaun. Das Loch, durch das Moresnet geschlüpft ist. Ein Jahr später – Europa war damals schon sehr träge – macht man einen Lokaltermin. Wieder einen langsamen, aber aus einem anderen Grund. Ist die Kutsche zu schnell, ist man vorbei an Moresnet. Ein kleines Gebiet, zweihundertsechsundfünfzig Einwohner, ein Tal und ein paar Berge. Und eine Mine, die besagte Zinkmine. So mancher meint nun sagen zu müssen: „Herrlich! Keine Regeln! Keine Gesetze!“ – kurzsichtig. Denn Neutral-Moresnet, wie es nun heißt, wird zum sprichwörtlichen Zankapfel. Wem gehört es? Welche Gesetzgebung gilt? Wer treibt die Steuern ein? Okay, diese Frage ist vernachlässigbar, weil die Einwohner von Kelmis, dem Hauptort (Moresnet gibt es in der Region gleich mehrmals, so dass selbst google maps Probleme hätte einen richtig zu leiten) zu bitterarm sind, dass ihre Abgaben nicht einmal die hohle Hand eines Adligen füllen könnte. Und wer regiert die paar Quadratkilometer eigentlich? Jetzt lohnt sich ein Blick ans Ende des Buches. Da stehen gelistet die Machthaber von Neutral-Moresnet. Und hier wird klar: Über hundert Jahre dauerte die Odyssee des Landstriches an. Und nicht immer hat einer den Hut auf. Paradiesische Zustände für Schmuggler, Gauner und sonstige Glücksritter. Denn eine echte Grenze mit Zaun usw. gab es nicht…

Philip Dröge gelingt es mit einfachen Worten und beharrlicher Recherche amüsant ein spannendes und weitgehend unbekanntes Kapitel Geschichte (wessen?) darzustellen. Er verzichtet darauf die große Politik zu verklausulieren und ebnet so den Weg für den Leser selbige endlich einmal zu verstehen.

Cadichon oder Alles gelingt, wenn man nur warten kann

Das waren noch Zeiten, als man mit Kerze, Kerzenständer, Zipfelmütze und Nachthemd sich bettete. Ja, so nannte man das damals. Heute haut man sich mit Shirt und Boxershorts in die Falle. Oder wie Oberts Klink aus der TV-Serie „Ein Käfig voller Helden“ im breitesten Sächsisch verkündete in die „Furzmulle“. Doch wir sind beim Sich-Betten. Die Nacht zieht herauf, der Mond ist der stille Beobachter des Treibens auf Erden. Lediglich die Tiere machen hier und da noch ein paar Geräusche. Alles schläft. Alles? Alle? Nein! Ein paar Lichtstrahlen schimmern durch die dunkle Nacht. Leselampenlicht. Endlich mal eine gute Erfindung der Neuzeit. Und die nutzt man, um Neues zu entdecken.

So wie „Cadichon – oder Alles gelingt, wenn man nur warten kann“ von – Achtung langer Name, nochmal Luft holen – Anna-Claude-Philippe de Thubìeres, de Grimoard, de Pestels, de Lévis, Comte de Caylus, der bereits Mitte des 18. Jahrhunderts verfasst, doch erst 1775 veröffentlicht wurde. Da war der Autor schon zehn Jahre tot. Und nun ist der Text endlich auch auf Deutsch erschienen. Schlaflos nennt sich die Reihe bei Ripperger&Kremers. Doch kein actiongeladenes Büchlein sorgt hier für offene Lider, sondern die Poesie der Vergangenheit im Gewand (noch so ein Wort, das kaum noch verwendet wird) eines Märchens.

Fast fühlt man sich wie bei Jean Cocetaus „Belle et la bête“. Prinz Pétaud wird verstoßen, weil er ein Bürgerliche heiratet (wäre doch was für „Exclusiv“-Zuschauer, oder?!). Die arrangierte Hochzeit mit der, zum Zeitpunkt des Arrangements noch nicht geborenen, Tochter der Fee Gangan ist geplatzt! König und Königin, die nicht gerade durch übermäßiges Denken glänzen, sind empört. Doch der Prinz lässt sich nicht entmutigen. Zusammen mit seiner Frau und ihrem Vater lässt er es sich gutgehen. In seinem eigenen kleinen Reich. Nur der Nachwuchs lässt auf sich warten. Die Fee Gangan hat ihre Finger, bzw. ihren Fluch im Spiel. Siebenmal lässt sie Gilette, die Frau des Prinzen schwanger sein. Siebenmal am Stück! …Wer jetzt anfängt zu rechnen, kommt nie in Morpheus Arme – ja, es sind fünfeinviertel Jahre, die die beiden warten müssen, bis sich endlich Nachwuchs einstellt … Und wie es im Märchen ist – schließlich fängt alles mit „Es war einmal“ an – wird schlussendlich alles gut. Das darf man bei einem Märchen verraten.

Märchen für Erwachsene, Gute-Nacht-Geschichten als Alternative zu Castingshows und Schlagergedudel in der Glotze, Rückbesinnung auf das, was einmal war: Bücher, die einem nicht vor Langeweile die Lider schließen lassen, sondern einen friedlich ins Reich der Träume entführen und von paradiesischen Zuständen träumen lassen. „Cadichon oder Alles gelingt, wenn man nur warten kann“ ist nur der Anfang einer ganzen Reihe von Neuentdeckungen aus der Mottenkiste bzw. dem Bücherregal der Ahnen.

Zeitfieber

Höchste Zeit, dass mal jemand ein Buch darüber verfasst. Und nachdem Simon Garfield sich mit Briefen und Karten auseinander gesetzt hat, nimmt er sich nun dem umfangreichen Thema Zeit an. Ja, Zeit … ähm, was kann man dazu schon groß sagen? Habe ich oder habe ich nicht! Bin ich in Eile oder lass den Tag so an mir vorüberziehen. Jaaa, der Ansatz ist nicht schlecht. Doch Simon Garfield wäre mit seiner Sicht der Dinge der Liebling aller Journalistikdozenten auf der ganzen Welt. Eine Überraschung jagt die Andere! Versprochen!

Simon Garfield fängt mit einem Unfall an. Als er mit seinem Sohn vom Saisoneröffnungsspiel von Chelsea gegen Leicester (vor der fulminanten Meisterschaft der Foxes) mit seinem Sohn nach Hause radelt, stößt er mit einer Passantin zusammen. Und was hat das mit Zeit zu tun? Muss er sehr lange auf die Ambulanz warten? Vor seinem geistigen Auge läuft der Unfall noch einmal in Zeitlupe (!) ab. Das war der Ursprung dieses Buches.

Von nun an sprintet der Autor durch die Geschichte, hangelt sich von Fakt zu Fakt, von Anekdote zu Anekdote. Er erzählt von rasanten Zugfahrten und Fahrplänen, die von nun an unser Leben bestimmen. Und kramt so manch wunderliches Ding aus der Klamottenkiste. Wer weiß schon noch, dass die Französische Revolution fast mehr Einfluss auf unser Leben gehabt hätte als sie es ohnehin schon hat? Ganz eifrige Köpfe wollten den Tag in zehn Stunden unterteilen. Die ersten Uhren wurden schon in Auftrag gegeben. Diesen Gedanken muss man erst mal auf sich wirken lassen …

Und weiter geht’s. Beethoven – Musik – LPs – CDs. Eine logische Kette. Beethovens Neunte ist je nach Laune des Dirigenten so um die vierundsiebzig Minuten lang. Passt also genau auf eine … CD. Und das nur, weil der Sony-Chef, der die Entwicklung der CD vorantrieb, dieses Stück so liebte. Eine LP konnte pro Seite nur 22 Minuten fassen. Im Radio haben die meisten gespielten Lieder eine Länge von drei Minuten, maximal dreidreißig. Radio Edit nennt man das dann. Und viele Nachrichtenchefs sind immer noch der Meinung, dass Nachrichten im Radio nach Einsdreißig beendet sein müssen. Mehr verkrafte der Hörer nicht.

Die Zeit, sie rennt, und sie bestimmt unseren Alltag. Stimmt nur fast. Denn wir selbst halten uns an den Messgeräten fest als ob es um unser Leben ging – das ja bekanntlich auch endlich (und vor allem messbar) ist. Die Zeit kann stillstehen – symbolisch und auch nur für einen Moment. Ein Schnappschuss kann ein Zeitzeugnis sein. Aus Gründen der Zeitersparnis werden SMS und Twitter-Nachrichten mit Abkürzungen verfasst. Bei der Arbeit werden exakt die Ankunftszeit und das Arbeitsende festgehalten. Zeitlose Mode ist eine Erfindung der Macher. Ach man könnte so viel über die Zeit schreiben, um selbige sinnvoll zu nutzen. Simon Garfield hat dies getan. Die Zeit vergeht wie im Fluge, mit einem Lächeln oder einem Staunen im Gesicht liest man die über dreihundert Seiten. Immer wieder stockt man, runzelt die Stirn, blättert noch einmal zurück, will dass das Buch nie endet.

Karibik ohne Kannibalen

Na das will man doch hoffen, Karibik ohne Kannibalen, bitte sehr. Das tut doch weh! Wenn man dann das Inhaltsverzeichnis liest – man ist zwar schon vorbereitet, dass hier jemand über seine Eindrücke in der Karibik schrieben wird – kann man sich eines gewissen Anflugs von Neid nicht verwehren. Antigua, Barbados, St. Lucia, Guadeloupe … das sind Reiseziele! Nein, es sind Sehnsuchtsziele! Zwei Reisen unternahm Walter Laufenberg in die Karibik und nun hat er sein Erinnerungsarchiv für alle neugierigen Leser geöffnet. Treten Sie ein ins Paradies!

1971 stach Walter Laufenberg das erste Mal in See, um Kurs auf die Karibik zu nehmen. Damals noch mehr ein Abenteuer als heute, in einer Zeit, in der einem auch noch der letzte Krümel vom Croissant postwendend vom Revers gebürstet wird. Auf Einladung von Neckermann Reisen und auf einem sowjetischen Schiff. Auf einem echten RGW-Produkt (RGW=Rat für gegenseitige Wirtschaftshilfe, dem Ost-Pendant zur EWG): Gebaut in Wismar fuhren auf ihm russische bzw. sowjetische Angestellte im NSW (nicht sozialistischen Währungssystem) zur See, um dem Klassenfeind die schönste Zeit des Jahres zu bescheren. Die Welt war damals schon verrückt!

Der erste Stopp war in Puerto Rico – die Verrücktheit geht weiter – einem Land, das eigenständig sein wollte, dessen Bewohner sich aber an die USA heranschubberten wie kaum andere.

Bei all der Faszination für das Neue, Andere, Fremde ist sein journalistisch geübtes Auge nicht getrübt. Neben der prachtvollen Natur, den lukullischen Neueindrücken und den teils rasanten Fahrten durch über die Inseln bleiben ihm Armut und Verzweiflung nicht verborgen. Einige der besuchten Länder haben erst vor wenigen Jahren ihre Unabhängigkeit erreicht und die Euphorie darüber ist kargem Alltag gewichen. Nichtsdestotrotz ist Walter Laufenberg immer noch ein Fan der Karibik.

Und wohl auch deshalb wagt er vierundvierzig Jahre später und weiser noch einmal einen Urlaub mit Hintergedanken (nämlich dem noch einmal alles niederzuschreiben) in der Karibik. Wo einst 350 Angestellte sich ums Wohl sorgten, schwirren nun ganze Armeen von fleißigen Helfern um ihn und die den Rest der Vergnügungssüchtigen herum. Die Zahl der Passagiere hat sich ebenso vervielfacht. Nur die Anziehungskraft der Eilande in karibischen Gewässern ist immer noch ungebrochen. Babylonische Sprachgewirr herrscht weiterhin an Bord, dennoch sprechen die meisten nun doch zumindest Englisch.

Zwei reisen zu unterschiedlichen Zeiten in verschiedenen Lebensabschnitten. Walter Laufenberg prahlt nicht mit dem, was ihm widerfährt. ER ist der Chronist der leichten Brise, dort, wo das Wasser oft wärmer als die Luft ist, der Duft der weiten Welt scheinbar zuhause ist und ein exzellenter Erzähler, der den Leser an die Hand nimmt und ihm erlaubt zu träumen. Die Sprachbilder in seinen kurzen Erzählungen stecken voller Energie, und zwar bei beiden Reisen. Er selbst hat sich verändert. Die Zeit zwischen den Schiffspassagen hat er genutzt um zu lernen, mehr zu erfahren. Das schlägt sich in den Berichten der zweiten Reise nieder. Kindlicher Eifer, Erstaunen darüber, was außerhalb der eigenen vier Wände, der Heimatstadt und des europäischen Kontinents möglich ist, weicht dem analysierenden und trotzdem sich an einfachen Dingen erfreuenden Auge. Dieses Buch ist die ausgleichende Alternative zu allen, die Kreuzfahrtgeschichten nur deshalb schreiben, um das Cruise-Business ins Lächerliche zu ziehen. Walter Laufenberg macht Appetit darauf die Welt noch einmal und immer wieder zu entdecken!

Hamburg

In Zeiten von fake news ist das so genannte fact checking von besonderer Bedeutung. Und so kommt’s, dass man bei der dritten Auflage des Hamburg-Reisebandes von Matthias Kröner erst einmal über die Neugestaltung des Buches (und der gesamten MM-City-Reihe) staunt und dann schon vor dem ersten Durchblättern stutzt: „Da ist etwas anders!“. Das ist gut so! Aus Bordeauxrot mach Margenta. Geschmackssache. Und bei Reisebänden spielt die Außenfarbe eh keine Rolle. Wichtig ist, was drin steckt, schließlich steckt die Nase ja andauernd drin, und was rauskommt. Keine Angst! Der Inhalt litt in keiner Weise unter der neuen Farbgebung. Im Gegenteil. Hamburg ging jahrelang schwanger mit einem architektonischen Wunderkind, das einfach nicht ans Licht der Welt wollte. Manche bezeichneten es schon als Rosemarys Baby. Doch als es dann endlich da war, glockenhell sein Erscheinen kundtat, waren alle hellauf begeistert. Die Rede ist von der Elbphilharmonie. Ein guter Grund die dritte Auflage des MM-City-Reisebandes Hamburg in Angriff zu nehmen. Doch nicht der einzige Grund!

Zehn Touren hat sich Matthias Kröner teils noch einmal vorgenommen. Noch einmal Fischbrötchen, noch einmal Reeperbahn, Ritze, Rote Flora. Noch einmal? Nicht ganz. Denn auch an Hamburg nagt der Zahn der Zeit und Veränderungen sind hier nicht weniger willkommen als im Rest der Welt. Der oft als spröde verschriene Charme der Norddeutschen wird in Hamburg auf Hochglanz gebracht. Die Nase immer im Wind und nicht in den Wolken. Das verbindet die Hamburcher mit diesem Buch. Bodenständige Exklusivität, verpackt in einem neuen praktikableren Gewand. Der Zahn der Zeit, wir müssen noch einmal zu ihm zurückkommen, muckerte und muckerte bis der Doktor (also die Macher) den Kreativbohrer ansetzten und den Zahnstein der Gewohnheit entfernten. „In Hamburg sagt man Tschühüss“, auch zu den geliebten gelben Infokästen. Doch nur zum Gelb. Ein zartes Lila bringt nun den geneigten Reisenden dazu sich hier heimisch zu fühlen und Anekdoten wie ein Ureinwohner herausblasen zu können. Passt einfach besser zum Margenta. Inhalt – wie gesagt – immer noch eine Bereicherung jedes Schrittes durch die Hafenmetropole. Und noch eine Neuerung: Die einzelnen Kapitel werden nun in kurzen Worten angeteast, d.h. kurz dass man nun schon vorher ganz genau weiß, wo der Weg lang führt und was einen erwartet. Wer jetzt vorwitzig meint, was mich nicht interessiert, kann ich ja getrost weglassen oder überlesen, irrt. Das wäre so wie wenn man sich an die Elbe stellt, vor dem Millerntor ein Astra trinkt und auf St. Pauli die Damen nett grüßt und meint Hamburg zu kennen. Nee, das is nich so! Wer weiß schon, wo in Hamburg man so richtig leckeres und supergünstiges Kantinenessen gibt. Wer’s nicht weiß, hat ein Brett vorm Kopf. Die, die’s wissen, haben selbige unter den Füßen – Hinweis verstanden? Bretter, die die Welt bedeuten? Alles klar? Ja, das und die Faszination von sieben Knoten, einem Duell, das über dreihundert Jahre zurückliegt oder die besten Plätze für Schiff-Spotting erfährt man nur bei Matthias Kröner und dem Michael-Müller-Verlag.

Für Puristen liegt ein Stadtplan bei, für Modernetiker gibt’s ’ne Web-App. Und wie immer Tipps und Ratschläge wie Sand am Meer. Wenn man nicht so ungeduldig wäre und es kaum erwarten kann, was einem in der vierten Auflage an Neuerungen geboten wird, könnte man nun ganz entspannt nach Hamburg reisen…

I don’t like mondays

Na, kennen Sie auch das Gefühl am Montag einfach nicht aus den Federn zu kommen? Und im Radio dudeln entweder die Bangles mit „Manic Monday“ oder Bob Geldofs Boomtown Rats ihren einzigen Hit „I don’t like Mondays“. Und dann steht im Buchladen dieses Buch mit dem gleichen Titel. Sofort haben Sie die Melodie im Kopf. Nehmen das Buch in die Hand.

Das macht den Tag nicht einfacher. Aber die Sichtweise auf Montage wird radikal verändert – garantiert! Denn Bob Geldof beschwert sich in diesem Song nicht einfach nur darüber, dass es schon wieder Montag und der ganze Trott von vorn beginnt. Es geht um eine mehr als desillusionierte Teenagerin. Schon wieder Montag, schon wieder Schule, eine Woche lang und immer wieder das Gleiche: Krieg, Tod, Hass. Ihr reicht’s. Im realen Leben ging es Brenda Ann Spencer am 29. Januar 1979 so. Im Gegensatz zum Liedtext zog sie die (falschen) Konsequenzen und schoss auf ihre Mitschüler, Lehrer und den Hausmeister. Der Schulleiter und der Hausmeister überlebten die Verzweiflungstat nicht. Acht Schülerinnen und Schüler wurden verletzt. Und Bob Geldof setzte ihnen ein musikalisches Denkmal. Aber ein unerkanntes Denkmal.

Michael Behrendt will mit seinem Buch die Irrungen und Wirrungen der Popgeschichte benennen, aufklären und den Beweggründen ihrer Macher eine Plattform bieten.

Und wie aktuell die teilweise mehrere Jahrzehnte alten Popdiamanten sind, zeigt unter anderem „Killing an arab“ von The Cure. 1978 kam die Single raus. Kaum ein Jahrzehnt später erinnerten sich amerikanische DJs an den Song – sie kannten weder die Hintergründe des Songs, noch dieses Buch, was dieses Buch umso bedeutender macht – und unterstützten so „Ihre Jungs“, die während des Iran-Irak-Krieges kuwaitische Öltanker eskortierten. Die Message war klar (muss man nicht wiederholen, Kriegspropaganda hat zum Glück eine gewisse Halbwertzeit). Und Robert Smith, Gesicht und Kopf von The Cure, wurde nicht müde zu bekunden, dass Rassismus, Menschenverachtung und Mordaufruf nicht zu seinen Lieblingsbeschäftigungen zählen. Tja, hätten die Regler-Hoch-Und-Runter-Schieber mal vorher gelesen. Albert Camus zum Beispiel, „Der Fremde“. Lesen bildet im Zweifelsfall, aber hundertprozentig hilft es unzählige Fehlgeleitete („Killing an arab“ hielt auch Einzug an die heiß und innig diskutierenden Stammtische dies- und jenseits des Atlantiks) vor noch mehr Dummheiten zu bewahren.

„I don’t like Mondays“ liest sich für alle Musikfans wie ein Hintergrundbericht zu dem, was uns zu dem machte, was wir sind, welche Musik uns prägte und formte. Von Madonna bis Falco, von CCR zu France Gall, von den Rolling Stones bis zu den Toten Hosen… Songschreiber haben nach der Veröffentlichung keinen Einfluss mehr, was aus ihren Werken gemacht wird. Alle in diesem Buch beschriebenen Songs teilen ein Schicksal: So mancher (nicht nur durch Pegida-Aktivisten oder Parteifeierbiester) muss damit leben, dass Unwissende ihre Werke umdeuten oder gar überhaupt nicht richtig einordnen und als Einheizrhythmus benutzen. Michael Behrendt sorgt hoffentlich mit diesem Buch dafür, dass in der Zukunft eben nicht mehr, dass bei jeder Griechenland-Meldung nach den Nachrichten Udo Jürgens erschallt.

Thüringen

„Thühühühüringen – Das Land ohne Prominente …“ dichtete Rainald Grebe. Stimmt natürlich nicht, und selbst wenn … jetzt hat das Bundesland seinen eigenen nach ihm benannten Reiseband aus dem Michael-Müller-Verlag. Und somit einen entscheidenden Vorteil gegenüber ähnlich gut besuchten Gegenden in Deutschland. Und auf Anhieb hat Autorin Heidi Schmitt – scheinbar mühelos – über vierhundert Seiten gefüllt.

Diese umfassen das komplette Spannungsfeld des Freistaates. Und das reicht von der Skatstadt Altenburg im Osten, über Goethes (der darf natürlich nicht fehlen) zweite Heimat Weimar, bis zum im Reformationsjahr besonders herausgeputzten Eisenach im Westen, das Wintersportdomizil Oberhof und die nie und nimmer zu vergessenden Gedenkstätten in Buchenwald und Mittelbau-Dora. Auf den ersten Blick fallen einem Städte wie Erfurt, Jena oder der Kyffhäuser ein. Thüringen mag also eine spärliche Promidichte haben. Wenn man so durch den Thüringer Wald, den Rennsteig oder die Hainleite wandert, stolpert man über so manchen Hingucker.

So einer ist zum Beispiel das Vessertal. Der Ort Vesser selbst gehört seit einigen Jahren zu Suhl, der ehemaligen Bezirkshauptstadt und ist übersichtlich. Bereits Ende der 70er Jahre wurde das Biosphärenreservat Vessertal von der UNESCO als schützenwert erachtet. Der schwarz-gelb gefärbte Feuersalamander zeigt sich zwar nicht jedem Wandersmann, doch wer die Augen aufhält und sich ganz vorsichtig bewegt, kann ihn zwischen Besucherbergwerk Schwarzer Crux und Wolfsgarten entdecken.

Vorsichtig sollte man auch in Lauscha sein. Denn immer noch schlägt jedes Herz höher, wenn die grazilen Glaskunstwerke, die hier an zahlreichen Standorten kunstvoll hergestellt werden, die Auslagen verschönern. Oder man den Glasbläsern bei der Arbeit zuschauen kann.

Ebenso vorsichtig vermaß man 1990 den neuen Mittelpunkt Deutschlands – da man nun damit aber auch Touristen anlockt und Geld verdienen kann, gibt es mehrere Mittelpunkte Deutschlands – und der (erste) bei 51“08‘ nördlicher Breite und 10“25‘ östlicher Länge, im thüringischen Niederdorla.

So was erfährt man nur hier: Die gelben Infoästen bieten dem Leser das, was sonst nur im Kleingedruckten steht. Kurze Sie sind die Gimmicks, die Giveaways, die einen Urlaub oder Ausflug erst interessant machen. Ob per Rad, Auto, zu Fuß oder auf Skiern – wer Thüringen bereist, wird nicht enttäuscht. Und schon gar nicht, wenn die Erstauflage von Heidi Schmitts Reiseband nicht nur schonend im Reisegepäck lagert, sondern eifrig zur Hand genommen wird.

Sollte es immer noch jemanden geben, der Ressentiments gegen den Dialekt der Thüringer hegt (es gibt keinen einheitlichen Thüringer Dialekt!), dem sei die Infotafel auf Seite 373 empfohlen. Stichwort Duden!