Kategoriearchiv: aus-erlesen kompakt

Krakau MM-City

Die höchste Dichte an Nahrungsaufnahmemöglichkeiten. Ehemalige Hauptstadt. Die einzige Stadt der Welt, in der die jüdische Gemeinde wieder wächst. Wir sind in Krakau. Und Jan Szurmant und Magdalena Niedzielska-Szurmant sind die Reisebegleiter. Sie sind Wegweiser und Fabuleure zugleich. Über 300 Seiten und zahlreiche Karten helfen sich in der Stadt zurecht zu finden. Wenn man es ganz nüchtern betrachtet, ist die Buchbesprechung hier zu Ende. Alles drin, mehr braucht man nicht! Fertig, Aus, Ende! Doch dann hat man den Reiseband nicht richtig gelesen und schon gar nicht die Stadt erkundet!

Seit Kurzem zeigen sich die Kostbarkeiten der MM-City-Reihe im modernen Margenta. Inhaltlich hat sich nicht viel verändert, nur zum Besten allenfalls. In diesem Fall sind es vierzehn Spaziergänge durch die alte Königsstadt, von denen man gern auch mehrere an einem Tag „erledigen kann“. Denn teilweise gehen die Spaziergänge ineinander über. Die beiliegende Karte hat das richtige Format, um sich nicht umständlich zu verheddern. Ausgangspunkt ist fast immer die Altstadt, Stare Miasto. Hier befinden sich die meisten Sehenswürdigkeiten, doch auch außerhalb des turbulenten Platzes gibt es mehr als „nur ein paar Sachen noch zu sehen“. Die präzisen Angaben, wann man den Blick senken bzw. heben muss, wann sich ein Blick nach links oder rechts lohnt, wann man wohin abbiegen muss, wann man einfach dem Instinkt folgen kann, sind unerlässlich, wenn man Krakau erkunden will.

Zum Beispiel Tour Zehn. Da hat man die Altstadt schon hinter sich gelassen. An der ehemaligen Fabrik von Oskar Schindler, ja, genau der mit der Liste geht’s los. Beziehungsweise verharrt man erst einmal. Denn in der Fabrik ist nun ein Museum. Die Gegend drumherum ist nicht gerade ein optisches Highlight, drinnen im Museum dafür umso mehr. Schon vor Öffnen der Türen, sammeln sich erste Touristen und Besuchergruppen. Vorher also im Internet buchen – das steht nicht nur so im Buch, es ist auch so! Fact checking (das Wort wird ja heute gern benutzt) abgeschlossen und Hinweis aus dem Buch bestätigt) abgeschlossen. Kleiner Tipp: Wenn man zur Fabrik geht, am besten am Ufer der Weichsel entlang laufen. Der Blick auf die Burganlage Wawel vom anderen Ufer ist unbezahlbar. Und wer will kann ganz leicht immer wieder über die zahlreichen Treppen „nach oben steigen“ und hier und da in die kleinen Straßen reinriechen. Weiter geht es dann ins ehemalige Ghetto und dem Platz der Helden des Ghettos. Auch hier wieder ein Tipp, den man beherzigen sollte. Nicht über die Straßen laufen, sondern die Unterführung nutzen. Denn die Polizei steht tatsächlich da und kassiert kräftig bei denen ab, die die Straße queren. Und außerdem gibt’s in der Unterführung einen klitzekleinen Laden, der die leckersten und größten Äpfel der Stadt hat…

Kurz danach erreicht man die Rekawska. Keine besonders schöne Straße. Eine typische Straße für und in Krakau. Doch am Ende, wenn man die Reste der ehemaligen Ghettomauer passiert hat, rechts abbiegt, die Straße über den Zebrastreifen, die es hier zuhauf gibt, quert, und wieder rechts abbiegt, befindet sich ein Haus mit Geschichte. Denn hier wohnte vor seiner erfolgreichen Flucht Roman Polanski. Vorher kommt man an einem kleinen Stück Natur vorbei, wo man sich genau vorstellen kann, wie der kleine Roman hier rumstromerte. Ein bisschen weiter, bergauf, steht man nun vor der Wahl: Rechts in den Park Bednarskiego mit seinen über einhundert verschiedenen Baumsorten – herrlich ruhig und ideal zum Eichhörnchen beobachten – oder weiter über eine große Wiese, vorbei an einer Kirche, die nur zweimal im Jahr geöffnet hat, einer alten Ruine, über deren Schicksal noch entschieden wird, und dann immer dem Lärm nach. Diese Angabe ist nicht ganz so präzise. Ist aber auch nicht schlimm. Denn egal welchen Weg man wählt, das Ziel hat man immer vor Augen: Den Kraku-Hügel. Man kann sich ein wenig verlaufen. Doch Krakau ist ideal zum Verlaufen. Es gibt immer was zu sehen. Und hat man den Hügel erklommen, wird man mit einem grandiosen Rundblick belohnt.

Noch ein Wort zum Fact checking: Die beste Eisdiele der Stadt ist es auch wirklich. Und die preiswerteste. Die Zweitbeste (kann man alles nachlesen, muss hier nicht gesondert erwähnt werden) bietet zwar ein leicht cremigeres, doch nicht ganz so schmackhaftes Eis. Außerdem ist es in der „besten Eisdiele“ bedeutend preiswerter. Anstehen muss man in beiden. Die Wahl fällt also relativ leicht.

Wo gibt’s das beste Brot? Welche Museen lohen sich? Was gibt es außerhalb der Stadt zu sehen? Welche Geschichten verbergen sich hinter welchen Gebäuden? Wann lohnt sich ein Abstecher? Wie wurde Krakau das, was es heute ist? Fragen über Fragen, die den Besucher plagen und nur in diesem Buch beantwortet werden. Selten zuvor wurde eine Stadt so nah und so tiefgehend in einem Reiseband vorgestellt. Die beiden Autoren leben hier und bieten selbst auch Stadtrundgänge an. Das merkt man auf jeder einzelnen Seite, in jedem Abschnitt dieses unverzichtbaren Buches.

Oberitalienische Seen

Die Lage der Laghi ist aber auch idyllisch! Lago Maggiore, Lago die Como, Lago d’Iseo, Lago die Garda – schon die pure Erwähnung lässt das Herz höher schlagen. Ringsherum die Alpen, nur eine Wetterlage, nämlich Sonne, vor Kraft strotzende Vegetation und glasklares Wasser. Nur ein Klischee? Nicht ganz, natürlich regnet es hier auch einmal. Aber ansonsten stimmt alles. Jeder, der hier schon einmal geurlaubt hat, wird es bestätigen. Schlimm nur, wenn man den ganzen Tag nur auf der faulen Haut gelegen und nichts vom Drumherum genossen hat.

Für’s Drumherum gibt es den Reiseband „Oberitalienische Seen“ von Eberhard Fohrer. Er hat den Traumjob an Land gezogen und „betreut“ dieses Projekt. Um es vorweg zu nehmen, auch die kleineren Seen wie Lago di Caldaro, Lago di Bráies, Lago di Fiè und einige andere mehr werden genauso ausführlich vorgestellt und präsentiert wie die großen Vier. Es ist an der Zeit Inselhopping hintenan zu stellen und Lake-Hopping zu betreiben. Mit dem Rad, mit dem Auto oder per pedes. Ob mit dem Bus in lautstarker Runde mit 24/7-Betreuung bis zur Selbstaufgabe oder ganz individuell nach Lust und Laune. Ob mit offenen Augen oder den Strapazen der Wanderungen ins Auge schauend – ein jeder wird mit diesem Buch einen zufriedenen Urlaub erleben dürfen.

Lago d’Idro – nie gehört. Kein Verbrechen, aber eine Ordnungswidrigkeit das Kapitel zu überlesen. Nicht mal eine Stunde braucht man mit dem Auto, um vom Rummelplatz Gardasee, wie Eberhard Fohrer es schreibt, zum nicht weniger idyllischen Idro-See zu gelangen. Es ist der höchstgelegene See der Lombardei. Hobbyangler kommen hier auf ihre Kosten sowie eigentlich alle, die nur eines suchen: Ruhe und Erholung. Und das kann auch aktiv geschehen. Bei entsprechenden Windverhältnissen lassen Kite-Surfer ihren Drachen steigen. In einem der berühmten gelb unterlegten Rahmen – das durch den Michael-Müller-Verlag zum Standard erhobenen Neben-der Strecke-Was-Interessantes-Erfahren gibt Eberhard Fohrer einen Tipp, den man nicht ausschlagen sollte: Eine Fünf-Seen-Tour. Lago die Garda, Lago di Valvestino, Lago d’Idro, Lago d’Ampola und Lago di Ledro. Den ersten See kennt man, die anderen dürften für die meisten mehr als nur eine Überraschung parathalten. Am besten mit dem Rad. Denn hier werden die Autofahrer gewarnt, dass hier auch andere Schaulustige unterwegs sind. Sonst müssen immer die Pedalisten Obacht vor den motorisierten Urlaubern nehmen.

Wer sich die Seenlandschaft Oberitaliens auf eigene Faust erschließen will, ist auf Hilfe angewiesen, wenn er so viel wie möglich in der viel zu kurzen Urlaubszeit erleben will. Eberhard Fohrer bietet sich gern an, als Reiseführer, als Hinweisgeber, als Einladender für jeden, der Grandezza mit Calma verbinden will.

Übrigens wird für den 1. August 2017 die achte Auflage der südlichen Schwester dieses Reisebandes das Licht der Welt erwartet. „Oberitalien“, das Buch, das nicht nur Wassererlebnisse, sondern auch die Metropolen Mailand und Turin, Venetien, Friaul-Julisch Venetien, Trentino und Piemont mit dem Aosta-Tal bietet. Wird Zeit, denn die siebte Auflage ist bereits vergriffen. Solange „begnügt“ man sich mit den Seen des Nordens. Mehr als nur eine Wartezeitverkürzung.

Montag

So ein Montag hat’s in sich. Wiedereintritt in die Mühle, des Alltags. Oder doch Startschuss und Aufbruch zu neuen Zielen. Für Mordkhe Markus, Hebräischlehrer in einer revolutionären Stadt, ist die Revolution in Russland nicht unbedingt ein Fluch. Die Ideen der Roten gefallen ihm. Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit könnten sie sich noch auf die Fahnen schreiben, dann wäre alles perfekt.

Den Gefallen tun sie ihm aber nicht. Warum auch? Und so sitzt Mordkhe am Fenster, aufgestützt auf seine Arme und schaut dem Treiben „da unten“ zu. Armenmenschen betteln, die Frauen gehen ihrer Arbeit nach, Schüsse fallen. Schnell das Fenster zu. Drinnen ist es sicherer. Die Schriften des Talmuds geben Rat und bieten Ruhe. Besonders im übertragenen Sinne. Doch da draußen tobt das echte Leben…

Moyshe Kulbak ist heute kaum noch bekannt. Geboren 1896 in der Nähe von Vilnius erlebte er die Große Sozialistische Oktoberrevolution, und erlangte mit seinen Gedichten in den 20er Jahren einigen Ruhm. Heute würde er als Poetry-Slammer gefeiert werden. Damals gab’s diesen Begriff noch nicht. Er war eine echte Berühmtheit, die vor ausverkauften Rängen auftrat. Doch schon zwanzig Jahre nach der Revolution wurde ihm der Prozess gemacht. Seine Schriften waren nicht konform mit den Ideen der Kommunistischen Partei. Und ein paar Wochen später wurde er hingerichtet. Stalins Terror nahm Fahrt auf. Das menschenfreundliche System zeigte seine hässliche Fratze. Die Juden, die so sehr auf veränderte, leichtere Lebensbedingungen hofften, wurden mit der bitteren Realität konfrontiert.

„Montag – ein kleiner Roman“ ist ein wahres Kleinod, das das Schicksal des Autors in Auszügen vorwegnimmt. Wortgewaltig und mit vielen Anleihen in der jüdischen Tradition nimmt dieses Buch den Leser mit auf eine Reise in ein unbekanntes Land, in eine vergessene Zeit. Unumgängliche jüdische Begriffe werden im Anhang erläutert, so dass der Lesefluss nur kurz unterbrochen wird. Beim zweiten Lesen wird die Tragkraft des „kleinen Romans“ erkennbar.

101 Lissabon

Schon seit einigen Jahren wird man das Gefühl nicht los, dass Lissabon immer noch gern mit dem Image des ewigen Geheimtipps kokettiert. Über elf Millionen Besucher zählte Portugal 2016, einen Großteil vereinigte allein die Hauptstadt Lissabon auf sich. Siebekommt sogar noch in diesem Jahrzehnt (Hallo Berlin!) einen zweiten (funktionierenden) Flughafen. Ist man dann vor Ort, ist das Erstaunen groß: Sprachgewirr allerorten. Also doch kein Geheimtipp mehr? Nein!

Ein Grund dafür könnte die 101er-Reihe von Iwanowski’s sein. 101 Geheimtipps und Top-Ziele verspricht die Unterzeile … und die folgenden zweihundertfünfzig Seiten halten dieses Versprechen auch! Zuerst die Fakten. Zahlreiche farbige Übersichtskarten, herausnehmbarer und funktionaler Stadtplan, unzählige aussagekräftige Abbildungen, Fakten, dass einem der Kopf glüht. Das haben andere Reisebücher vielleicht auch, aber … nein ABER, nicht so konzentriert, so übersichtlich, so handlich dargelegt. Eine Eins in Gestaltung, Aufmachung und Handhabung. Besser geht’s nicht!

Barbara Claesges ist gern gesehener Gast in Lissabon, Claudia Rutschmann hat sich auf Anhieb in die Stadt verliebt und nennt die Stadt seit über einem Jahrzehnt ihre Heimat. Und diese beiden Frauen führen mit Leichtigkeit nun den Leser in eine der beeindruckendsten Städte der iberischen Halbinsel, Europas, wenn nicht sogar der Welt.

Wer nun erwartet, das hier Schritt für Schritt einhundertundeins Sehenswürdigkeiten abgegangen werden, ein Blick nach links, einer nach rechts, der irrt. Die Aufzählungen dienen lediglich der besseren Orientierung. Ansonsten ist die Zählung Nebensache. Denn jeder Punkt enthält mehr als einen so genannten Hotspot. Wer sich die Mühe machen will, und alle Tipps und Ratschläge einmal durchzählen will, kommt sicher schnell auf eine vierstellige Zahl. Den beiden Autorinnen geht es nicht um die Anzahl der aufzuzeigenden „Plätze, wo es besonders schön ist“. Der Weg von A nach B und weiter zu C ist viel spannender und zeigt dem Leser, was Lissabon ist, wie es tickt. Eine Stadt, die ihre Pracht nicht verbirgt. Wer sich aber hinter die Kulissen wagt in einen Ozean an Erlebnissen eintauchen wird. Museen haben für die beiden Autorinnen den gleichen Stellenwert wie das Markttreiben, bewährtes Handwerk geht mit lukullischen Höhepunkten eine Allianz ein, die die Sinne zu Höchstleistungen antreibt. Und zwischendrin immer wieder kleine Infokästen, die wichtige Tipps geben, um nicht zur falschen Zeit am falschen Ort zu sein oder einfach nur eine Gedankenstütze darstellen.

Das Buch ist so kompakt, dass es in jeder Tasche verstaut werden kann, so dass man es immer schnell zur Hand hat. Die Souvenirjagd hat bereits mit dem Kauf dieses Buches begonnen. So einfallsreich und farbenfroh wurde die westlichste Hauptstadt von Kontinentaleuropa noch nie beschrieben. Lissabon ohne dieses Buch wäre nur halb so schön – mit diesem Buch unermesslich reich an Erfahrungen.

Kapstadt und Garden Route

Welche Worte verursachen zu 99 Prozent hundertprozentig Fernweh? Süden und Afrika. Ach, wie glücklich müssen die Touristiker aus Südafrika sein?! Und wer es geschafft hat eine Reise nach Südafrika, Kapstadt entlang der Garden Route zu buchen, ist dem Paradies so nah wie nie zuvor. Doch eine Sache fehlt noch? Der richtige Plan, um diese Reise nicht vor der Himmelspforte zu beenden, sondern durch sie hindurch zu schreiten und auf ewig davon in Erinnerungen zu schwelgen.

Einmalige Erfahrungen sammeln, entlegene Aussichtspunkt für immer im Kopf verankern, geheimnisvolle Plätze erkunden. Doch wo suchen? Auf einer millionenfach besuchten Internetseite? Gefangen im Stechschritt-Tempo einer organisierten Reisegruppe? „Wenn Sie nach links schauen, sehen Sie den Atlantik. Und rechts der Indische Ozean. Und hinter uns – das ist ein Elefant, ein typisches Tier für dieses Land.“ Na toll, und dafür soll man nun Monate, wenn nicht sogar Jahre gespart haben?

Für alle, die sich entschieden haben das großartige Südafrika auf eigen Faust zu bereisen, gibt es nur eine Alternative zum von A bis Z durchorganisierten Gruppenerlebnis: Dieses Reisebuch. Über fünfhundert Seiten, gespickt mit Tipps für alle, die Freiheit nicht nur vom Stammtisch kennen, sondern sie riechen, schmecken, fühlen wollen.

Marita Bromberg und Dirk Kruse-Etzbach kennen die Sehnsucht nach dem Süden und nach Afrika. Es hat sie schon vor Jahren gepackt. Und seit den ersten Besuchen hat es nicht nachgelassen. Mittlerweile ist die elfte Auflage dieses Reisebuches erschienen. Noch immer finden sie Tipps für all diejenigen, denen es genauso gehen wird. Fast scheint es so als ob sie ihre eigenen Nachfolger als Autoren mit ihrem Buch, ihren Büchern, heranzüchten. Denn in ihren Ausführungen sind sie so detailliert, dass man gar nicht anders kann, als sich selbst als Südafrika-Experten mit dem Spezialgebiet Kapstadt und Garden Route zu bezeichnen.

Wem die Garden Route auf Anhieb nicht so viel sagt, dem sei ein Blick in die beiliegende Karte ans Herz gelegt. Denn dieser Weg führt von Kapstadt im Westen nach Port Elizabeth im Osten des Landes. Vorbei an Weinanbaugebieten, Orten, die so vertraut klingen (Heidelberg), Botanischen Gärten (wie dem der Stellenbosch University), die diesem Namen alle Ehre machen … und zwischendurch geben die Infokästen immer wieder Einblicke in Geschichte, lockern Anekdoten den Lesefluss und weisen exakte Karten den richtigen Weg. Wie immer in den Büchern des Iwanowski-Verlages: Farbig abgesetzte Abschnitte wie „Was kostet das Reisen in Südafrika?“, die die Urlaubsplanung nicht nur erleichtern, sondern fast schon wie ein Kinderspiel erscheinen lassen. Dieses Buch als unverzichtbar zu bezeichnen, würde nur annähernd der Wahrheit entsprechen. Jeder, der eine solche Reise bucht, sollte per Gesetz dazu verpflichtet werden, dieses Buch zu lesen.

Cazzaria

„So ein Ferkel“, sagt man, wenn jemand ungehörig über die schönste Sache der Welt spricht. Schon mal einem „echten Männergespräch“ zum Thema Fortpflanzung bzw. dem Lösung von Übungsaufgaben zu diesem Thema zugehört? Und? Hat’s gefallen? Ja? Dann ist dieses Buch nichts, es sei denn man will sich bessern.

Siena in der Toskana in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts. In geheimen Zirkeln trifft man sich und tauscht sich aus. Über Sprache, Kunst, Philosophie und auch über das Zwischenmenschliche allzu Natürliche. Über Sex! Auch in der Zeit der Renaissance waren solche Schriften nicht gern gesehen. Eigentlich hat sich bis heute kaum etwas daran geändert. Auch heute noch wird Sex nicht gerade als gesellschaftfähig angesehen. Und doch macht’s jeder!

Wie auch immer – Antonio Vignali schlüpft in die Rolle des Arsiccio. Er hält seinem Schüler Sodo (!) einen Vortrag über den Umgang der primären Geschlechtsorgane, woher sie kommen und was man mit ihnen anstellt. Doch Sodo ist nicht blöd. Er kennt sich aus!

Die Theorie, dass Frauen eher schlichte Gemüter bevorzugen, erregt bei beiden sofort den Drang nach … nein, nach Diskussion. Jetzt muss man aufpassen wie man es formuliert. Mmmmh. Während der Eine meint, dass zu viel wissen durchaus einem befriedigenden Ergebnis zuträglich ist, behauptet der Andere, dass das Wissen um die Anatomie der Frau selbigen mehr Erfüllung bereiten würde. Kurze Unterbrechung: Wie würde das wohl am Stammtisch klingen? Bestimmt nicht: Wer kein Latein kann, versteht nichts von Sex.

Band Zwei der Schlaflosreihe die zum – Achtung Wortspiel – Liderknien ist, besticht durch die intellektuelle Ausarbeitung eines an sich profanen Themas. Der Argumentaustausch zwischen Lehrer und Schüler als Stilmittel verblüfft auf ganzer Linie. Schroffe Worte wird man eher vom Adlatus erwarten als vom spiritus rector. Doch Arsiccio provoziert bewusst durch die Wahl der derben Sprache. Sodo ist verwirrt. Und ein ums andere Mal verschlägt es ihm fast die Sprache. Dem Leser ebenso.

„Cazzaria“ ist schwer zu übersetzen, am besten trifft es wohl „Die Schwanzerei“, womit wohl alles über das Buch gesagt sein dürfte. Nicht ganz.

Egal, ob nun Männlein und Weiblein, Weiblein und Männlein, Weiblein und Weiblein, Männlein und Männlein – dieses Buch im Dialog zu lesen, ist eine Offenbarung. Zuerst kichert man an der einen oder anderen Stelle. Doch je mehr man sich ins Buch vertieft, desto größer der Genuss. Aber wie im richtigen Leben kann man dieses Büchlein auch ganz allein, bei Kerzenlicht, bevor die Lider sich schließen vor sich hinlesen…

Ein Sommer

Jean und Jeanne – na das passt doch, nicht nur wegen der orthographischen Nähe. Jean hat einen Bruder, Pierre. Und den lädt er zusammen mit dessen Freundin Lone zu einem kurzen Segeltörn vor der Küste Neapels ein. Um sie herum nur Sonne und Wasser, das so grell des Licht bricht und wiederspiegelt. Dunkle Wolken – Fehlanzeige! Wenn man nur den Himmel betrachtet. Doch im Inneren des Bootes brodelt der Vulkan…

Der Vulkan der Leidenschaft. Und wenn Jean wüsste, dass der schon einmal gewaltig ausgebrochen ist … Der Reihe nach. Pierre ist ein wenig mulmig zumute als er die Einladung zum Mittelmeertrip erhält. Aber Kneifen gilt nicht. Und außerdem ist ja Lone, seine Freundin dabei. Man vermutet es bereits – Jeanne und Pierre, da war mal was.

Die Wellen plätschern dahin, die Sonne brennt erbarmungslos auf das Quartett hernieder. Pierre ist unwohl, das Schaukeln und die fremden Gerüche spielen seinem Magen einen Streich. Doch das gibt sich. Alles cool. Ein Leitspruch von Pierre. Alles cool.

Schon in der ersten Nacht wirkt er aber gar nicht mehr so cool. Auf und Ab bewegt sich das Boot. An Schlaf ist nicht zu denken. An Deck – frische Luft soll ja bei Schlaflosigkeit Wunder bewirken – gesellt sich Jeanne hinzu. Auch sie kann nicht schlafen. Doch aus einem anderen Grund. Sie hat die gemeinsame Nacht mit Pierre noch nicht vergessen. Die eindeutig zweideutigen Bemerkungen lassen Pierre nun erst recht nicht zur Ruhe kommen. Ist Jeanne doch mehr als „nur die Frau seines Bruders“? Das Meer liegt still und spiegelglatt vor den beiden. In ihnen brodelt der Vulkan.

Am nächsten Tag ist das Schrecken auf dem Boot eingekehrt. Lone hat eine fiese Beule am Auge. Sie muss zum Arzt. Bereitwillig rudert Jean die untröstliche Lone ans Land. Zurückbleiben Jeanne und Pierre…

Vincent Almendros wurde für „Ein Sommer“ mit dem Prix Françoise Sagan ausgezeichnet. Der schönste Roman des Frühlings nannte man ihn im Jahr 2015. Und das ist er seitdem. Die Strahlkraft der Zeilen reicht weit über Verzückung hinaus. Der Spannungsbogen, den Almendros zeichnet, führt den Leser an die Grenzen der Aufmerksamkeit. Fast will man nur noch umblättern, um zu erfahren wie und ob es weitergeht. Die Worte leicht wie ein Sommerwein, die Charaktere klar umrissen wie Schattenspiele an weißgekalkten Wänden, führt, nein verführt Vincent Almendros den Leser in die Tiefen einer ménage à quatre. Es ist nicht leicht zu erkennen, wer wen wie und wann vor den Kopf stoßen wird. Zwischen Schwarz wie die Tiefen der See und grellem Weiß wie das Licht im Inneren der Sonne schwankt das Boot der Versuchung vor einer der schönsten Küsten des Mittelmeeres. Wie eine aufmerksame Drohne schwebt der Leser als stiller Beobachter über der nahenden Katastrophe.

Niemandsland

Der Traum von Europa – keine Erfindung der Neuzeit. Napoleon hat’s probiert, die Wahl der Waffen war gelinde gesagt unglücklich. Und dennoch hat die Vorstellung überlebt. Keine Kleinstaaterei mehr, Numismatiker bekommen bei dem Gedanken daran nicht mehr Münzen aus Monaco, San Marino, dem Vatikan oder Andorra sammeln zu können schwitzige Hände. Die müssen sich dann eben auf historische Münzen spezialisieren.

Gehen wir rund zweihundert Jahre zurück. Napoleon knechtet Europa. Kurz vor Moskau ist dann erstmal Schluss mit dem „Wie das Messer durch die warme Butter“-Gehen. Bei Leipzig wird ihm der Gnadenstoß versetzt. Europa ist frei. Frei vom N im Lorbeerkranz. In Wien wird der ganze Kontinent neu geordnet. Der ganze Kontinent? Nein, non, nee. Moresnet kommt davon. Mores … was? Ein kleines Gebiet, das an Belgien grenzt. Eine Zinkmine gibt es hier. Allerdings eine, die es in sich hat. Ein Günstling Napoleons, Jean-Jacques Daniel Dony hat sie übernommen, und mit einem wohl ausgefeilten Verfahren schafft er es reines Zink herzustellen. Zuvor war der der Badewannenhersteller des kleinen Mannes mit dem großen N. Ein ausgefuchster Tüftler, aber ein miserabler Geschäftsmann. Jedenfalls hat man in Wien beim Kongress Moresnet vergessen. Es gehört niemandem. Nix deutsch, nix holländisch, nix belgisch. Und nun?

Philip Dröge stellte sich diese Frage auch und hat sich auf die Suche nach dem Ort gemacht, den es eigentlich gar nicht geben dürfte. Er durchforstete Archive, Zeitzeugen konnte er keine mehr befragen. Und er formte aus seinen Ergebnissen ein Buch, das seinesgleichen sucht: „Niemandsland“. Während in Wien mehr getanzt wurde, statt sich zu bewegen, fummelten Kartografen am neuen Europa herum. Die Niederlande und Preußen sollten eine gemeinsame Grenze bekommen. Also sollten die holländische Ost- und die preußische Westgrenze einen gemeinsamen Verlauf haben. Hatten sie auch bis auf … eben dieses Moresnet. Es ist Februar 1816, der elfte. Da fällt es auf. Das Loch im Zaun. Das Loch, durch das Moresnet geschlüpft ist. Ein Jahr später – Europa war damals schon sehr träge – macht man einen Lokaltermin. Wieder einen langsamen, aber aus einem anderen Grund. Ist die Kutsche zu schnell, ist man vorbei an Moresnet. Ein kleines Gebiet, zweihundertsechsundfünfzig Einwohner, ein Tal und ein paar Berge. Und eine Mine, die besagte Zinkmine. So mancher meint nun sagen zu müssen: „Herrlich! Keine Regeln! Keine Gesetze!“ – kurzsichtig. Denn Neutral-Moresnet, wie es nun heißt, wird zum sprichwörtlichen Zankapfel. Wem gehört es? Welche Gesetzgebung gilt? Wer treibt die Steuern ein? Okay, diese Frage ist vernachlässigbar, weil die Einwohner von Kelmis, dem Hauptort (Moresnet gibt es in der Region gleich mehrmals, so dass selbst google maps Probleme hätte einen richtig zu leiten) zu bitterarm sind, dass ihre Abgaben nicht einmal die hohle Hand eines Adligen füllen könnte. Und wer regiert die paar Quadratkilometer eigentlich? Jetzt lohnt sich ein Blick ans Ende des Buches. Da stehen gelistet die Machthaber von Neutral-Moresnet. Und hier wird klar: Über hundert Jahre dauerte die Odyssee des Landstriches an. Und nicht immer hat einer den Hut auf. Paradiesische Zustände für Schmuggler, Gauner und sonstige Glücksritter. Denn eine echte Grenze mit Zaun usw. gab es nicht…

Philip Dröge gelingt es mit einfachen Worten und beharrlicher Recherche amüsant ein spannendes und weitgehend unbekanntes Kapitel Geschichte (wessen?) darzustellen. Er verzichtet darauf die große Politik zu verklausulieren und ebnet so den Weg für den Leser selbige endlich einmal zu verstehen.

Cadichon oder Alles gelingt, wenn man nur warten kann

Das waren noch Zeiten, als man mit Kerze, Kerzenständer, Zipfelmütze und Nachthemd sich bettete. Ja, so nannte man das damals. Heute haut man sich mit Shirt und Boxershorts in die Falle. Oder wie Oberts Klink aus der TV-Serie „Ein Käfig voller Helden“ im breitesten Sächsisch verkündete in die „Furzmulle“. Doch wir sind beim Sich-Betten. Die Nacht zieht herauf, der Mond ist der stille Beobachter des Treibens auf Erden. Lediglich die Tiere machen hier und da noch ein paar Geräusche. Alles schläft. Alles? Alle? Nein! Ein paar Lichtstrahlen schimmern durch die dunkle Nacht. Leselampenlicht. Endlich mal eine gute Erfindung der Neuzeit. Und die nutzt man, um Neues zu entdecken.

So wie „Cadichon – oder Alles gelingt, wenn man nur warten kann“ von – Achtung langer Name, nochmal Luft holen – Anna-Claude-Philippe de Thubìeres, de Grimoard, de Pestels, de Lévis, Comte de Caylus, der bereits Mitte des 18. Jahrhunderts verfasst, doch erst 1775 veröffentlicht wurde. Da war der Autor schon zehn Jahre tot. Und nun ist der Text endlich auch auf Deutsch erschienen. Schlaflos nennt sich die Reihe bei Ripperger&Kremers. Doch kein actiongeladenes Büchlein sorgt hier für offene Lider, sondern die Poesie der Vergangenheit im Gewand (noch so ein Wort, das kaum noch verwendet wird) eines Märchens.

Fast fühlt man sich wie bei Jean Cocetaus „Belle et la bête“. Prinz Pétaud wird verstoßen, weil er ein Bürgerliche heiratet (wäre doch was für „Exclusiv“-Zuschauer, oder?!). Die arrangierte Hochzeit mit der, zum Zeitpunkt des Arrangements noch nicht geborenen, Tochter der Fee Gangan ist geplatzt! König und Königin, die nicht gerade durch übermäßiges Denken glänzen, sind empört. Doch der Prinz lässt sich nicht entmutigen. Zusammen mit seiner Frau und ihrem Vater lässt er es sich gutgehen. In seinem eigenen kleinen Reich. Nur der Nachwuchs lässt auf sich warten. Die Fee Gangan hat ihre Finger, bzw. ihren Fluch im Spiel. Siebenmal lässt sie Gilette, die Frau des Prinzen schwanger sein. Siebenmal am Stück! …Wer jetzt anfängt zu rechnen, kommt nie in Morpheus Arme – ja, es sind fünfeinviertel Jahre, die die beiden warten müssen, bis sich endlich Nachwuchs einstellt … Und wie es im Märchen ist – schließlich fängt alles mit „Es war einmal“ an – wird schlussendlich alles gut. Das darf man bei einem Märchen verraten.

Märchen für Erwachsene, Gute-Nacht-Geschichten als Alternative zu Castingshows und Schlagergedudel in der Glotze, Rückbesinnung auf das, was einmal war: Bücher, die einem nicht vor Langeweile die Lider schließen lassen, sondern einen friedlich ins Reich der Träume entführen und von paradiesischen Zuständen träumen lassen. „Cadichon oder Alles gelingt, wenn man nur warten kann“ ist nur der Anfang einer ganzen Reihe von Neuentdeckungen aus der Mottenkiste bzw. dem Bücherregal der Ahnen.

Zeitfieber

Höchste Zeit, dass mal jemand ein Buch darüber verfasst. Und nachdem Simon Garfield sich mit Briefen und Karten auseinander gesetzt hat, nimmt er sich nun dem umfangreichen Thema Zeit an. Ja, Zeit … ähm, was kann man dazu schon groß sagen? Habe ich oder habe ich nicht! Bin ich in Eile oder lass den Tag so an mir vorüberziehen. Jaaa, der Ansatz ist nicht schlecht. Doch Simon Garfield wäre mit seiner Sicht der Dinge der Liebling aller Journalistikdozenten auf der ganzen Welt. Eine Überraschung jagt die Andere! Versprochen!

Simon Garfield fängt mit einem Unfall an. Als er mit seinem Sohn vom Saisoneröffnungsspiel von Chelsea gegen Leicester (vor der fulminanten Meisterschaft der Foxes) mit seinem Sohn nach Hause radelt, stößt er mit einer Passantin zusammen. Und was hat das mit Zeit zu tun? Muss er sehr lange auf die Ambulanz warten? Vor seinem geistigen Auge läuft der Unfall noch einmal in Zeitlupe (!) ab. Das war der Ursprung dieses Buches.

Von nun an sprintet der Autor durch die Geschichte, hangelt sich von Fakt zu Fakt, von Anekdote zu Anekdote. Er erzählt von rasanten Zugfahrten und Fahrplänen, die von nun an unser Leben bestimmen. Und kramt so manch wunderliches Ding aus der Klamottenkiste. Wer weiß schon noch, dass die Französische Revolution fast mehr Einfluss auf unser Leben gehabt hätte als sie es ohnehin schon hat? Ganz eifrige Köpfe wollten den Tag in zehn Stunden unterteilen. Die ersten Uhren wurden schon in Auftrag gegeben. Diesen Gedanken muss man erst mal auf sich wirken lassen …

Und weiter geht’s. Beethoven – Musik – LPs – CDs. Eine logische Kette. Beethovens Neunte ist je nach Laune des Dirigenten so um die vierundsiebzig Minuten lang. Passt also genau auf eine … CD. Und das nur, weil der Sony-Chef, der die Entwicklung der CD vorantrieb, dieses Stück so liebte. Eine LP konnte pro Seite nur 22 Minuten fassen. Im Radio haben die meisten gespielten Lieder eine Länge von drei Minuten, maximal dreidreißig. Radio Edit nennt man das dann. Und viele Nachrichtenchefs sind immer noch der Meinung, dass Nachrichten im Radio nach Einsdreißig beendet sein müssen. Mehr verkrafte der Hörer nicht.

Die Zeit, sie rennt, und sie bestimmt unseren Alltag. Stimmt nur fast. Denn wir selbst halten uns an den Messgeräten fest als ob es um unser Leben ging – das ja bekanntlich auch endlich (und vor allem messbar) ist. Die Zeit kann stillstehen – symbolisch und auch nur für einen Moment. Ein Schnappschuss kann ein Zeitzeugnis sein. Aus Gründen der Zeitersparnis werden SMS und Twitter-Nachrichten mit Abkürzungen verfasst. Bei der Arbeit werden exakt die Ankunftszeit und das Arbeitsende festgehalten. Zeitlose Mode ist eine Erfindung der Macher. Ach man könnte so viel über die Zeit schreiben, um selbige sinnvoll zu nutzen. Simon Garfield hat dies getan. Die Zeit vergeht wie im Fluge, mit einem Lächeln oder einem Staunen im Gesicht liest man die über dreihundert Seiten. Immer wieder stockt man, runzelt die Stirn, blättert noch einmal zurück, will dass das Buch nie endet.