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Tallinn

All in, Royal flush – zum Pokern fährt man vielleicht nicht nach Tallinn. Aber einen Volltreffer landet man ganz sicher. Maja Hoock hat ihn schon, und zwar mit diesem Buch.

Tallinn gehört noch zu den Hauptstädten Europas, bei denen erstmal überlegt werden muss, zu welchem Land sie gehört. Ostsee ist klar. Aber ist es nun Lettland, Litauen oder doch Estland? Bei all den ganzen Umbrüchen vor einem Vierteljahrhundert wurde versäumt die hervorstechenden Merkmale der einzelnen Länder zu vermitteln. Um es kurz zu machen: Tallin ist die Hauptstadt von Estland, der nördlichsten der drei Baltischen Republiken.

Und Tallinn ist eine der modernsten Städte Europas. In vielerlei Hinsicht fortschriftlicher als „das alte Europa“. Kostenloser öffentlicher Personennahverkehr. Leider nur für die Bewohner der Stadt, aber für Touristen gibt es besondere Angebote, die den Geldbeutel auch nicht groß belasten.

Nur weil die Stadt nicht besonders bekannt und flächenmäßig auch nicht gerade eine Größe darstellt, heißt das noch lange nicht, dass es hier nichts zu entdecken gibt. Immerhin hat Maja Hoock über zweihundert Seiten randvoll mit Tipps, Informationen und Sehenswertem gefüllt. Sechs Touren sowie Tagesausflüge in die Umgebung runden das Bild ab, das man bisher noch nicht hatte.

Die historische Altstadt zum Beispiel gibt es gleich zweimal. Klingt komisch, is aber so! Denn Tallinn verfügt eine Unter- und eine Oberstadt. Gleich zu Beginn der jeweiligen Kapitel wird im farblich passenden Rahmen ein kurzer Abriss über das zu Erlaufende, zu Bestaunende, Sehenswerte gegeben. Übersichtlicher geht es kaum noch! Schritt für Schritt nimmt Maja Hoock den Leser / den Besucher an die Hand und führt ihn an Plätze, die er ohne dieses Buch vielleicht übersehen, die er zumindest so niemals wahrgenommen hätte. Immer wieder wird der Spaziergang durch farbige Infokästen unterbrochen. Das sind die Highlights des Buches. Denn nur fachkundige Stadtführer kennen die kleinen Geheimnisse und Hintergründe der Stadt. Und natürlich Maja Hoock. Und nun auch der Leser.

Tallinn ist mehr als nur ein Sprungbrett für eine Weiterreise oder nur eine Station von vielen auf einer Rundreise durch das östliche Baltikum. Hier kann man durchaus mehr als eine Woche verbringen. Die Sommermonate bieten sich natürlich an Tallinn von seiner schönsten Seite kennenzulernen. Doch auch die verbleibenden Jahreszeiten haben ihre Reize. Wenn doch einmal das Wetter nicht mitspielt, hat die Autorin nicht weniger Ideen die Zeit sinn- und reizvoll zu gestalten. Von Museen bis zu kulinarischen Entdeckungstouren bietet Tallinn das komplette Programm für einen erholsamen und abenteuerlustigen Urlaub. Man muss nur den richtigen Reiseband dabei haben…

Ein Gardaseebuch

Wer an den Gardasee fährt, bucht das Komplettpaket: Sonne, Pasta, Glücklichsein. Ein Klischee? Sommer am Gardasee – das ist kein Klischee, das ist Realität. Monika Kellermann verführt in ihrem Gardaseebuch den Leser es selbst zu erleben, so wie sie einst selbst vom See und seiner Umgebung verführt wurde. Mittlerweile lebt sie dort.

Geheimtipps – und das ist wohl das einzige, was der Region um den Gardasee fehlt – gibt es kaum noch. Es ist die Fülle an Attraktionen, die die Auswahl, was man besuchen möchte, so schwer machen kann. Zum Beispiel Borghetto, ein Ortsteil von Valeggio sul Mincio. Zu Füßen einer Burgruine kommt man aus dem Staunen nicht mehr raus. Die gewaltige Ponte Visconteo, ursprünglich mal gedacht dem nahen Mantua das Wasser des Mincio abzugraben, thront wie eine Trutzburg über dem Tal. Zu Füßen plätschert der Fluss und wenn man den Blick schweifen lässt, erscheint auf einem Berg das Castello Scaligero. Ab und an kommen ein paar Autos vorbeigefahren. Doch keiner überquert die Brücke. Alle, halten an, steigen aus und genießen die Aussicht. Am Fluss beschauliche kleine Häuschen, Freisitze, und eine unbändige Flora.

Ein bisschen weiter, im Hauptort Valeggio, fesselt einen die Liebe. Und die geht bekanntlich durch den Magen. Nodi d’Amore heißt das Phänomen, das so genüsslich den Traum von Italien wahr werden lässt. Konten der Liebe, Liebesknoten, oder ganz einfach: Tortellini. Hier stellt sich nicht die Frage: Wer hat‘s erfunden? Hier genießt man die vielfältigen Variationen! Es sei denn es ist Mittagszeit Ende Juli mitten in der Woche. Da haben viele Lokale geschlossen. Nur ein, vielleicht zwei lukullische Tempel haben ihre Pforten geöffnet. Allerdings sollte man nicht auf seinem Geldbeutel sitzen. Die volle Pracht dieser Liebesknoten bekommt am dritten Dienstag im Juni. Da wird hier ein Riesenfest gefeiert, das am späten Abend mit einem Feuerwerk gebührend beendet wird. Keine Touristenattraktion, ein Dorffest der edelsten Sorte.

Das ist nur eine kurze Geschichte, einhundert weitere hat Monika Kellermann in diesem Buch zusammengefasst. Es gibt Bücher, die ganz fest mit einem Ort verbunden sind. Tom Sawyer an den Ufern des Mississippi zu lesen, die Brunetti-Romane an den Kanälen Venedigs oder Andrea Camilleri im Süden Siziliens – ein ganz besonderer Hauch umweht Leser und Buch. Dieses Buch am Gardasee zu lesen … besser geht es kaum. Doch schon als amuse gueule entfaltet es eine Faszination, die dem Leser nur noch eine Wahl lässt: Auf zum Gardasee!

Die Erfindung des Ostens

Was war das für eine Aufregung! Georgien als Partnerland der Frankfurter Buchmesse. Selten zuvor wurden derart viele Bücher aus diesem kleinen Land im Kaukasus in Deutschland verlegt. Ein echter Gewinn für alle Leseratten. Kein Verlag konnte es sich erlauben Georgien als weißen Fleck auf der eigenen Bücherlandkarte zu präsentieren.

Mit „Die Erfindung des Ostens“ ragt aus diesem Bücherberg ein ganz besonderes Kleinod hervor. Es strahlt wie ein seltenes Juwel und erhellt den Literaturhimmel in allen Farben des Regenbogens. Irma Tavelidse lässt in jeder der sechs Geschichten die den Leser vor Begeisterung tanzen.

Ein Schauspieler, der vor Ehrfurcht zu erstarren scheint, weil ihm sein Idol vor die Augen tritt. Ein Engagement am Theater Gori, der Burg, drückt ihm die Kehle zu. So wie damals in der Schule als es darum ging zu rezitieren.

Marie Menard hat gleich drei Leben. Das dritte spielt in der Zukunft. Einer Zukunft, in der Computer, Programme Bücher schreiben. Übersetzungen werden in Windeseile zu Papier gebracht. Ein Gedicht wird in Sekundenschnelle druckreif.

Es sind Erinnerungen und Sehnsüchte in diesem Buch, die den Leser fesseln werden. Bedächtig, aber keineswegs behäbig bestimmen sie den Leserrhythmus. Die Schrittgeschwindigkeit wird so weit reduziert, dass man gerade noch merkt voranzukommen. Und das ist gut so!

Die Entdeckung der Langsamkeit als Stilmittel verleiht diesem Buch das besondere Etwas. Jedes Wort über die einzelnen Kapitel würde den Reiz der Erkundungen abflachen.

Irma Tavelidse muss man für sich selbst entdecken. Die Ernte dieser Saat gedeiht prächtig, wenn man sich an grauen Tagen in eine Ecke setzt und der Melancholie des Dahintreibens georgisches Futter gibt. „Die Erfindung des Ostens“ darf getrost als Höhepunkt des georgischen Buchjahres 2018 angesehen werden.

Menschen, Tiere und andere Dramen

Es hätte schlimmer kommen können für den Biologen und Kolumnisten Peter Iwaniewicz. Tote Wale sezieren, Stoffwechselendproduktanalyst von allerlei Viechern, doch es kam anders.

Dieses Buch widmet er der Beziehung zwischen Mensch und Tier. Im Fernsehen gibt es seit Jahren eine Invasion von Tierverstehern und Tiertrainern, die sich nur allzu gern mit einem schelmigen Lächeln als Menschentrainer bezeichnen. Denn nicht das Tier ist die Wurzel des Übels, sondern der Mensch. Ist ja klar, wie soll man messen, dass man mit einem Hund reden kann?

Es ist erstaunlich, was Peter Iwaniewicz alles zusammengetragen hat. Im ersten Moment hat man Katzen und Hunde im Blick. Die sind niedlich, lassen sich streicheln, sie beruhigen, sind manchmal wild … und im Zweifelsfall kann mit Videos von ihnen sogar Geld verdienen. Tiere haben den Menschen von jeher fasziniert. Sie sind stark wie ein Bulle, zickig oder störrische Esel. Sie sind gefährlich, weil sie beißen oder alles verschlingen, was ihnen vors Maul kommt. Oder einfach nur ekelig. Die Arachnophobie, die Angst vor Spinnen ist sicherlich das meist gekannte Fremdwort für viele, die sonst mit Fremdwörtern nicht viel anfangen können.

Die tiefgreifende animalische Bilderschau führt den Leser in eine Welt, die er jeden Tag vor Augen hat. Ein kläffender Köter, der die Wochenendruhe zu ersticken droht. Kühe, die bei Mozart mehr Milch geben (bei den Wildecker Herzbuben schnürt es dem Nutzvieh allerdings die Euter zu – das nennt man dann wohl Qualitätsanspruch), Welse die kleinere Haustiere im Ganzen verschlingen.

Wer nun meint, dass dieses Buch ein Kompendium der versauten Anekdoten ist, und es nichts mehr als eine pure Ansammlung von Hiobsbotschaften darstellt, irrt. „Menschen, Tiere und andere Dramen“ ist das geballte Wissen der Biologie unter dem Brennglas des Gemeinschaftswesens. Der Autor öffnet mit Wissbegier und Fachwissen die Augen des Lesers für Fakten und alternative Fakten. Sicher ist der Mensch mehr als nur einmal die Wurzel allen Übels, Stichwort Problembär. Vor allem das Nichtwissen über das Fremde führt oft zu Irritationen, Furcht und Angst. Das lässt sich bedauerlicherweise auch auf das Zusammenleben von Mensch und Mensch anwenden.

Es ist heißer Ritt auf einem gezähmten Tier, das hier dem Leser präsentiert wird. Es ist alles nur halb so wild, wie man allgemeinhin annimmt. Wer Tiere wirklich mag, sich für sie interessiert und nicht permanent behauptet Tierfreund zu sein und keinerlei Angst (nur Respekt) vor ihnen zu haben, kommt Seite für Seite immer mehr auf Touren. Rasant und informativ reisen Autor und Leser gemeinsam in eine Welt, die so viel Missverständnisse in sich birgt, dass es Zeit wurde ein Buch wie dieses zu veröffentlichen.

Lesereise England

England – das Land der sonnenverbrannten, zahnlückenpräsentierenden Hooligans, die laut grölend die Strände Europas in Beschlag nehmen. England – das Land ohne eigene Esskultur. England – das Land, das bald seinen eigenen Kontinent (wieder einmal) eröffnen wird. Deutschland und England und ihre Vorurteile gegenüber dem Anderen. Es mag hier und da stimmen – doch dann trifft es für beide Seiten zu. Und Stefanie Bisping tritt unfreiwillig den Beweis an, dass in England die Kultur sehr wohl zuhause ist.

Weit ab von Snobismus und Naserümpfen über das Gegenüber besucht sie unter anderem die, die ihrer Zeit den Stempel aufdrückten. Und wer könnte das besser als Nobelpreisträger. Der eine ist Winston Churchill und seine Anwesen Blenheim Palace und Chartwell. Schon nach wenigen Worten ist man direkt in der Szenerie: Etwas erhoben und erhaben auf einem Hügel thronend, die Ferne genießend hüpft die Autorin einem spielenden Kind gleich durch die unendlichen Weiten des Hauses und des Gartens. Den kann man sich derart genau vorstellen, dass man sich fast die Reise dorthin sparen kann. Fast, denn nur selbst erleben ist diesem Buch überlegen. Ach ja, und so ganz nebenbei erfährt man auch warum Winston Churchill sich dazu hinreißen ließ darüber zu philosophieren, warum die reduzierung des eigenen Champagner-Konsums um sechzig Prozent (!) keine so üble Idee sei. Ha, diese Engländer!

Der andere Nobelpreisträger ist Rudyard Kipling, der Schreiber des Dschungelbuches. Bateman’s nennt sich der Sitz des erfolgreichen Literaten. Eine Wallfahrtsstätte für Bücherbegeisterte. Und erst der Mulberry Garden. Da fühlt man sich gleich wie der große Meister, wenn man unter dem Maulbeerbaum sitzt. Kleiner Wermutstropfen. Kipling selbst saß sicherlich gern unter einem Maulbeerbaum in seinem Mulberry Garden. Allerdings wurde sein schattenspendender Laubfreund vor einigen Jahren durch einen Artgenossen ersetzt.

Zum Nobelpreis hat es für Jane Austen nicht gereicht. Doch ihr Haus in Chawton ist nicht minder beliebt als die Anwesen der bereits erwähnten (männlichen!) Nobelpreisträger. Alle hier ist beabsichtigt. So wie der Tagesablauf der Schriftstellerin es war. Im Sonnanschein, an eben diesem Walnusstisch schrieb sie Weltliteratur. Das ist zweihundert Jahre her und noch immer geht von diesem Ort Magisches aus.

Magie, Bücher, Gärten – auch das ist England. Von Shakespeare bis Harry Potter reist Stefanie Bisping durch ein England, das voller Poesie ist. Und sie selbst lässt sich tief einatmend davon gefangen nehmen. Mit jedem Wort, jedem Satz schmeichelt sie den ehemaligen Hausherren und umschmeichelt den Leser mit unverrückbarer Sprache. Es ist wie eine Reise in eine andere Zeit, ein fernes Land, das je mehr man liest einem immer näher kommt. Wer auf Reisen nur allzu gern Reisebände als To-Do-Liste „abarbeitet“, kommt hier an seine Grenzen. Keine der Reisen muss man tun, doch wer sie unternimmt, braucht Zeit, Geist und Muse. Stefanie Bisping hat von allem mehr als genug. Und diese überbordende Neugier, gepaart mit Wortwitz ist das Ideal eines Reisebuches.

Die Weltgeschichte des Fußballs in Spitznamen – Von Mighty Mouse bis zur Gegenwart

Endlich eine Fortsetzung, vor der man keine Angst haben muss! Bereits der erste Band der „Weltgeschichte des Fußballs in Spitznamen“ nahm den Fan mit auf eine Reise, die niemals enden soll. Doch sie tat es! Sie endete 1974 als Deutschland mit dem Kaiser und dem Terrier Weltmeister wurde. Jetzt geht die Namensforschung weiter! Wer den ersten Teil noch nicht kennt, dem sei die Furcht vor zu viel Titeln an dieser Stelle genommen: Hier geht es nicht nur um Personen, Spieler, Stürmer und harte Hunde in den Abwehrreihen. Es geht auch um Mannschaften, die von Fans ihre eigenen Namen bekommen haben. Oder legendäre Spiel, die jedem Fan das Blut in den Adern vor Ehrfurcht gefrieren lassen. Keine Namensfindungskommission hatte da ihre Finger im Spiel! Außer vielleicht bei der Mannschaft, die #zsammn so großartig bei der WM in Russland versagte.

Nur ein Jahr länger bei den Roten Teufeln und die Walz aus der Pfalz hätte mit Tarzan zusammenspielen können. Doch die Kassen waren leer, und der 1. FC Kaiserlsautern musste Hans-Peter Briegel an Hellas Verona verkaufen und Gerald (Gerry) Ehrmann stand zwischen den Pfosten ohne den prominenten Abwehrrecken.

Es gibt sicher noch viele Fußballfans, die genau wissen, was sie am 20. Juni 1976 gemacht haben. Fast ganz Europa saß damals auch ohne blau-gelbes Sternenbanner vereint vor den Fernsehgeräten. Und sie schauten nach Belgrad, damals von Hauptstadt von Jugoslawien. Die Nacht war lau, das Stadion hell erleuchtet. Und nach neunzig Minuten stand es 2:2 zwischen der ČSSR und Deutschland. Der amtierende Weltmeister schaffte es einen 2:0-Rückstand in ein Unentschieden zu verwandeln. Auch nach zwei Stunden Spielzeit gab es immer noch keinen Sieger. So kam es zum ersten Elfmeterschießen der EM-Geschichte. Bis dann Uli Hoeneß zum Elfmeter antrat und mit voller Wucht den Ball in die Wolken drosch. Die Maschen bewegten sich kaum, die Massen auf den Tribünen dafür umso mehr. Das war die Nacht von Belgrad, die eigentlich im benachbarten Novi Sad stattfand.

Pablito, Schizzo und Vieux Lion sind nur drei weitere Spieler in diesem Buch, deren Spitznamen mit chirurgischer Präzision von den Autoren Mariano Beraldi und Wolf-Rüdiger Osburg herausgearbeitet wurden. Wer sich dahinter verbirgt? Zum Einen Paolo Rossi, Marco Schizzo Tardelli ist jedem noch ein Begriff, der das WM-Finale 1982 gesehen hat. Sein beherzter Torjubel zum 2:0 für die Azzuri (woher der Name stammt, dürfte wohl jedem bekannt sein) gehört zu den bekanntesten WM-Bildern aller Zeiten. Und wer ließ sich als vieux lion, als alter Löwe betiteln? Roger Mila, der aus dem Ruhestand geholte Star der Kameruner bei der WM 1990 in Italien, der seiner Freude an der Eckstange so nachgiebig Ausdruck verlieh, dass noch Generationen später immer noch dort gefeiert wird, wenn man trifft.

Der zweite Band der „Weltgeschichte des Fußballs in Spitznamen“ wird eher jüngere Fußballfans begeistern, weil ihnen die Namen eher geläufig sind. Im ersten Band sitzt man noch staunend über so viele auch nach fast hundertfünfzig Jahren immer noch verfügbaren Informationen, im zweiten Band rutscht einem öfter mal ein „Ach ja, kenn ich, hab ich aber schon wieder vergessen“ über die Lippen. Ein Almanach, das nicht im Bücherschrank verstauben wird, sondern in regelmäßigen Abständen konsultiert werden wird. Und das nicht nur weil ein echter Goldjunge auf dem Cover ist.

Königinnen – Macht und Mythos

Auch wenn man nicht ständig die Regenbogenpresse verfolgt, kommt man an den gekrönten Häuptern unserer Zeit nicht vorbei. Jeder noch so kleine Fauxpas – auch wenn es nach menschlichem Ermessen manchmal keine sind – wird genüsslich ausgeschlachtet und die öffentliche Meinung nachhaltig geprägt.

Was muss das erst für ein Vergnügen gewesen sein als Marie Antoinette geköpft wurde? Permanent hat das It-Girl, den Begriff gab es damals garantiert noch nicht, das Geld ihres Gatten, Ludwig XV. mit übervollen Händen ausgegeben. Und als das Volk nach Brot verlangte, sollte es nach ihrem Dafürhalten doch Kuchen essen.

Daniela Sannwald und Christina (ein wahrhaft königinnenhafter Name) Tilmann geben den Regentinnen von einst einmal mehr eine Stimme. Sie durchforsteten Biographien und legte sogleich die Filmrolle darüber. Denn das Leben von Katharina der Großen, Sisi, Queen Victoria, den beiden Elisabeths oder Christina von Schweden haben auch und vor allem Filmkünstler schon immer beschäftigt. Nicht immer mit der gleichen Akribie und schon gar nicht mit gleichbleibendem Erfolg. So wie es eben auch die echten Leben waren.

Christina von Schweden verzichtete mehr oder weniger freiwillig auf ihren angestammten Thron. Das Gezerre im Hintergrund war ihr, salopp gesagt, too much. Doch sie hinterließ bleibenden Eindruck. Sie forcierte das Ende des dreißigjährigen Krieges. Sie ließ unermessliche Reichtümer sprich Kunstschätze nach Stockholm bringen, wo sie noch heute vom einstigen Ruhm der Wasas künden.

Sophia Coppola gelang es wohl als Letzte einen royalen Stoff in ein modernes Gewand zu kleiden. Ihre Umsetzung des Stoffes um die Halsbandaffäre der Marie Antoinette setzt nicht so sehr auf detailgetreue Darstellung der historischen Fakten, was sie nicht davon abhielt trotzdem ganz nah an selbigen zu bleiben, sondern mit modernen Rhythmen und Statussymbolen der Gegenwart eine historische Anekdote gekonnt ins Bild zu setzen.

Beginn und Ende des Buches bilden Elisabeths. Die Erste der beiden bestimmt das 16. Jahrhundert und brachte ihren Beraterstab regelmäßig an den Rand des Nervenzusammenbruchs. Die Zweite, keineswegs ihre Nachfolgerin, ist bis heute das ungebrochene Sinnbild für strikte Pflichterfüllung gegenüber der Nation. Beide wurden klangvoll und bildgewaltig immer wieder fürs Kinopublikum aufbereitet.

„Königinnen – Macht und Mythos“ verbindet die wahre (dreidimensionale) Geschichte mit der fiktionalen Wahrheit auf der Leinwand. Filme beflügeln unsere Phantasie, können aber das Abbild der Wahrheit verfälschen. Wer Geschichte nur aus der Glotze kennt, weiß nicht viel über Geschichte. Wer dieses Buch liest, spürt den unbedingten Drang mehr über die Frauen an der Macht zu erfahren.

Die Seidenstraßen

Seidenstraße 28, Bagdad – hier gibt’s das beste bakllavë der Stadt. Nein, darum geht es nicht in nächsten genialen Wurf von Peter Frankopan. Es geht sehr wohl um Straßen, um verheißungsvolle Pfade des Erlebens. Seine Seidenstraßen sind jedoch Synonyme der Geschichte. Er benutzt den Begriff Seidenstraßen als Vehikel, um Kindern die Weltgeschichte näherzubringen. Natürlich ist die auch eng mit den Seidenstraßen der Vergangenheit verknüpft. Denn die eine Seidenstraße – wie oft angenommen wird- gab es nicht. Es waren Wege von Ost nach West und, was oft vergessen wird, ebenso von West nach Ost.

Einst brachten Karawanen Gewürze und Tuch ins Abendland. Im Gegenzug stürmten Handelsleute aus West, Süd und Nord voller Dollarzeichen (oder Talerzeichen?) in den Augen gen Osten. Es entstand ein Mythos, der bis heute nichts von seiner Faszination verloren hat. Peter Frankopan löst diese starren Vorstellungen auf wie einst Alexander den Gordischen Knoten. So eroberte Alexander Asien, oder zumindest einen Teil.

Für Peter Frankopan sind die Seidenstraßen Lebensadern. Sie führen je nach Betrachtungsweise zum Islam oder in die Hölle, befördern Sklaven, befeuern Konflikte. Wie der Windhauch der Geschichte streift der Autor das Wissen des Lesers. Vieles hat man schon mal gehört, kann es jedoch nicht mehr so recht einordnen. Der Orient als Zankapfel, der Allianzen schmiedet und auch wieder zerbrechen lässt. Das britische Empire war da ganz groß im Geschäft.

Kindern Geschichte schmackhaft zu machen – daran scheitern regelmäßig Generationen von Geschichtslehrern. Peter Frankopan kann sich getrost als überragende Ausnahme von der Regel bezeichnen. Unfassbar sitzt man vor dem riesigen Buch und staunt wie einfach doch Zusammenhänge her- und dargestellt werden können. Vorbei die Zeit, in der man fast ohnmächtig sein Haupt auf den Pult legte und inständig hoffte, dass das Zahlenherunterbeten endlich ein Ende finden wird.

Auf den beschriebenen Seidenstraßen herrschte niemals Ruhe. Berittene Armeen und bekömmliche Köstlichkeiten kommen in Eintracht daher. Die beeindruckenden Illustrationen von Neil Packer lenken den Leser nicht ab, sie verstärken die ersten und garantiert bleibenden Eindrücke um ein Vielfaches. Mal als Untermalung des Textes, mal als Verstärkung auf einer komplett eingefärbten Seite, doch als verbürgtes Highlight im Doppelseitenformat. Warum aufhören, wenn Bücher am schönsten sind. Peter Frankopan ist der Märchenonkel der Geschichte. Die Vorgängertitel „Licht aus dem Osten“ und „Kriegspilger“ bescherten Geschichtsinteressierten einen ungeahnten Zustrom an Neulingen, die sich durch diese Bücher ihrer und anderer Geschichte zuwandten.

„Die Seidenstraßen – Eine Weltgeschichte für Kinder“ wird nicht nur unterm Weihnachtsbaum für Furore sorgen, sondern ganze Bücherregale um ein faktenreiches, grandios gestaltetes Wissenswerk auf eine neue Stufe heben.

Houston, wir haben ein Problem

Wissenschaft und Humor – eine schwierige Mischung. Denn schließlich geht es bei Erstem um Fakten. Und im Falle der Raumfahrt sollten diese so präzise wie möglich sein. Denn, wenn nicht … Big Bang Theory ist was anderes!

Wenn man an die Raumfahrt denkt, fallen einem Katastrophen ein wie die der Challenger im Jahr 1986. Oder Juri Gagarin, der erste Mensch um All. Oder der erste Deutsche, der Mutter Erde mal aus einem anderen Blickwinkel sehen durfte, Sigmund Jähn. Das ist auch schon wieder vierzig Jahre her. Aber Moment mal, der erste Mensch im All? War das wirklich Oberst Juri Gagarin? Kramt man ein wenig im Hinterstübchen kommt man schnell auf einen anderen Namen – Autorin Ulrike Schmitzer auch: Ikarus. Er bastelte sich aus Vogelfedern und Wachs Flügel. Leider kam er der Sonne zu nah, das Wachs schmolz und er stürzte jämmerlich hinab ins Meer. Alles nur Legende? Alles nur Legende! Aber eine, die zeigt, dass der Mensch schon immer nach Höherem strebte.

Und schon ist dieses Buch entlarvt! Kein stupides Abhandeln, wer, wann, was genau im All getan hat und die eine oder andere Sache als Erster getan hat. Nein, es ist ein unterhaltsamer Ausritt in die Galaxien auf der Rakete der Erkenntnis. Wie ein Komet fliegt sie mit ihrem Co-Autor Martin Thomas Pesl, einem Experten für außergewöhnliche Lexika, durchs All und sammelt dabei allerlei Wissenswertes auf. Unterwegs durch die Galaxis nehmen die beiden auch einige Anhalter mit: Von Commander Cliff Allister McLane über Laika bis hin zu Lisa Nowak. McLane kennen alle Raumpatrouille-Orion-Fans auch als Dietmer Schönherr. Und Laika war der erste Hund im Weltall, ein trauriges Schicksal, das sie erleiden musste, was aber in der Presse der Sowjetunion niemals erwähnt wurde. Laika war nur fünf Stunden im All, ihr Gefährt (oder nennt man das nun Geflug?) um einiges länger. Laikas Körper war derartigen Stress nicht gewöhnt und versagte nach kurzer Zeit den Dienst. Und Lisa Nowak ist hierzulande kaum noch ein Begriff. Es sei denn, man verfolgt die Regenbogenpresse mit noch schärferen Augen als das Hubble-Teleskop. Den Hochsommer 2006 verbrachte Lisa Nowak im Orbit. Ob es nun die Sommerfrische war oder der unglaubliche Anblick der Erde, kann man nicht mehr nachvollziehen. Jedenfalls verliebte sie sich in William Oeferlein, den Shuttle-Piloten. Auch Colleen Shipman fand Gefallen an dem Überflieger. Mrs. Nowak hatte drei Kinder, war verheiratet und rasend eifersüchtig als sie hinter den Mailverkehr der beiden kam. Orlando, wir haben ein Problem! Unter anderem bekleidet mit einer Windel der NASA konnte sie die eintausendfünfhundert Kilometer von Houston nach Orlando ohne auszusteigen (Weltraumspaziergang on earth?) bewältigen. Sie lauerte ihrer Kontrahentin auf und … der Rest ist Geschichte, um nicht zu sagen Weltraummüll.

Es ist das wohl amüsanteste Buch über die Weltraumfahrt dieses Jahres. Nicht so bierernst und schon gar nicht mit dem Anspruch jedes noch so kleine Detail einem wissbegierigen Publikum verständlich zu machen. Es sind die kleinen Paralleluniversen, die dem Leser so viel Vergnügen bereiten. Von ewigen Nummern Zwei, Dramen und weitgehend unbekannten Histörchen berichten zwei Autoren, denen es eine unbändige Freude macht die Wissenschaft auf hohem sprachlichen Niveau ein wenig aus der Spur zu bringen. Köstlich!

Bauhaus – Ein fotografische Weltreise

Wenn große Jubiläen anstehen, Jahrestage spricht man oft davon, dass diese ihre Schatten vorauswerfen. 2019 wird 100 Jahre Bauhaus gefeiert. Weimar, Dessau, Berlin – überall wird man dieses nur auf den ersten Blick schlichten und funktionalen Stils gedenken. Doch von Schatten ist da nichts zu sehen. Vielmehr erhellen die Strahlen der Vergangenheit das Jetzt und Morgen. Und so präsentier sich auch dieses Buch. Schon das Titelbild lässt eine Bauhaus-Schöpfung (Casablanca) im strahlenden Sonnenlicht des Maghreb den Leser und Betrachter erahnen, was auf den folgenden 240 Seiten auf ihn zukommt.

Und das ist eine ganze Menge! Bauhaus wird allgemeinhin als originär deutscher Baustil angesehen. Außerhalb Deutschlands war dieser Stil aber mindestens genauso anerkannt und vor allem beliebt. Was daran lag, dass viele Protagonisten ab einer bestimmten Zeit in Deutschland nicht mehr arbeiten konnten, die meisten nicht mehr durften.

Diese fotografische Weltreise führt den Interessierten an Orte, die er vielleicht schon mal besucht hat. Und dann ist im Rausch der Gefühle und Eindrücke so mancher Bauhaus-Edelstein untergegangen. Von Indien über Libanon, von Afghanistan (leider schwer beschädigt) bis Burundi – Bauhaus ist überall. Und damit ist nicht die Baumarktkette gemeint, die sind in weniger Ländern vertreten. Kambodscha, Kuba, Indonesien, Guatemala – Fotograf Jean Molitor ist ganz schön rumgekommen, um diesem Bildband den Stempel Weltkunst aufzudrücken. Die erklärenden Texte von Kaija Voss ordnen jedes noch so kleine Detail, jedes Element, das Bauhaus so unverkennbar macht, wird beschrieben.

Wer also demnächst durch Rostock oder Phnom Penh, Hamburg oder Chavigny, durch Weißensee oder Bukavu spaziert, wird garantiert seine Augen offenhalten, um bloß nicht wieder Erinnerungen an die Heimat zu verpassen. Oder man beschreitet den umgekehrten Weg. Alang, Udaipur, Quetzaltenango besuchen, um das Bauhaus im besonderen Licht der Ferne auf sich wirken zu lassen.

Endlich mal eine Prachtband, der einem nicht das Blut in den Oberschenkeln abschnürt. Die Motivauswahl ist exzellent, die Stimmung der Szene wird so eingefangen wie sie wirklich ist. Bauhaus wird hundert – jeder, der jetzt anfängt ein weiteres Buch über dieses außergewöhnliche Jubiläum zu schreiben, muss mit dem Scheitern seines Projektes rechnen. Es geht kaum besser!