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Das kleine Buch der Sprache

Das kleine Buch der Sprache

Es ist der erste echte Höhepunkt der Eltern: Das Kind spricht. Mama. Papa. Auto. Yippie. Jetzt geht’s los! Doch was da als Wort verkleidet die Außenwelt verzückt, sind Geräusche. Keine bewusst gewählten und geformten Artikulationen. Erklären Sie das mal der stolzen Mama, oder dem Papa, der bis über beide Ohren grinsend den Sprössling vor sich herträgt. Wen Sprache eine lineare Entwicklung wäre, würden wir täglich bis zu unserem zehnten Geburtstag weniger als eine Handvoll Wörter lernen. Babies lernen das, was sie hören. Der Rhythmus und die Melodie bestimmen die ersten Laute und Worte. Dudu, dada und ähnlich geartetes Verwandtengeschwätz haben da weniger Einfluss als gedacht. Ansonsten würden The Police immer noch touren, („De Do Do Do De Da Da Da“ wäre der Titel mit der längsten Chartplatzierung).

Sprache ist das primäre Unterscheidungsmerkmal der Kulturen. Jede Sprache hat ihre eigene Sprachmelodie. Wie oft hört man, dass das Italienische so melodisch klingt. Das Deutsche hingegen klingt für viel hart oder kratzig. Ein Vorteil in einer multikulturellen Gesellschaft ist das Wissen um die eigene Kultur. Denn wenn Andere ihre Eindrücke über das ihnen Fremde wiedergeben, lernt man so einiges.

Die Sprache hat auch eine mechanische Komponente. Nein, keine Roboter, Verstrebungen oder Seilzüge. Seilzüge ist vielleicht do gar nicht so verkehrt. Um einen Laut zu bilden, die Grundlage eines Wortes, was die Grundlage eines Satzes ist, der wiederum die Basis der Sprache ist … muss im menschlichen Körper was geschehen. Die Stimmlippen (Stimmbänder), die Lippen, der Kiefer und die Lunge sind unerlässliche Werkzeuge der verbalen Kommunikation. Je öfter die Stimmlippen schwingen, desto höher die Stimmlage. Umgekehrt genauso.

David Crystal beschreibt in seinem Buch das, was uns täglich umgibt. Von den ersten Lauten über die körperlichen Voraussetzungen bis hin zur Herausbildung von Slang und der Entwicklung der Sprache und ihrer Arten. Ohne abzuschweifen dringt er in die Tiefen der Wissenschaft vor, um kurzweilig und teils auch amüsant der allgegenwärtigen Sprache aufs Maul zu schauen.

Mein Paris

Mein Paris

Einmal Paris so richtig genießen, ganz tief eintauchen, es so sehen wie kein Anderer. Das wär’s! Für die meisten reicht es dann für Eiffelturm (meist dann auch noch nur mit einem F), Champs Elysees und vielleicht noch Sacre Cœur. Den Rest kennt man von der Schlussetappe der Tour de France. Doch wenn man schon mal da ist, in Paris, dann wäre es doch schön einen Reiseführer zu haben, der eben mehr als nur die Touristenhighlights zu bieten hat. Am besten Einen, der sich hier auskennt, hier geboren ist, hier lebte, und am besten Deutscher ist. Denn die Unterschiede sind trotz aller Nähe immer noch da – was allsonntägig auf arte in der Sendung „Karambolage“ zu erfahren ist. Verdichtet man seinen Wunsch derartig, bleibt nur einer übrig: Ulrich Wickert.

Beschwingt wie ein Chanson der jungen Françoise Hardy schlendert der Journalist durch Paris. Faktenreich, exakt und zackig wie ein Militärmarsch parliert er in Geschichte. Einzelne Kapitel sind zweigeteilt: Zuerst das Vergnügen, dann die Arbeit. Erst ein Spaziergang, dann die historischen Exkurse.

Und so schlendert man lesend durch die Stadt der Liebe. Vorbei und mittenrein. Notre Dame, Arc de Triomphe, Champs Elysees, Place de la Concorde – alles bekannte Namen. Und doch zeigen sich beim Lesen Wissenslücken auf. Die schließt Ulrich Wickert gekonnt. Wie kaum ein anderer Schreiber versteht er es sein enormes Wissen ohne den Zeigefinger zu heben dies zu vermitteln. So wird ein Stadtbummel en passant zu einer Lektion in Geschichte, Geographie und französischer Kultur. Paris wird nie mehr nur ein Reiseziel sein. Paris ist von nun an Liebe.

Die Boulevards, übrigens ein Wort deutschen Ursprungs, einst Bollwerke, werden zu Flaniermeilen der Liebe. Die Wasserspeier an Notre Dame sind nun mehr als nur eine Zierde. Der Arc de Triomphe erstrahlt in neuem Lichte. Alles, weil man die Geschichten herum nun kennt.

Ulrich Wickert nimmt sich zuerst die großen Sehenswürdigkeiten der Stadt vor, um dann den Leser auf eine Kulturreise ins Herz der Franzosen mitzunehmen. „Essen als schöne Kunst betrachtet“ nennt er das beeindruckendste Kapitel. Wer zu diesem Abschnitt vorgedrungen ist, hat schon viel über Paris gelernt. Aber alles Bisherige war zum Greifen nah. Konnte man betrachten, erklimmen, berühren. Doch Frankreich, Paris ohne die cuisine ist eben nicht mehr als eine Reportage: Schön anzusehen, appetitanregend, doch immer sehnsuchtsvoll. Weil nicht erlebt. Mit einem Feinschmecker wie Wickert sich durch Paris zu fressen, ein formidables Erlebnis. Als amuse-gueule serviert Ulrich Wickert immer wieder kleine Anekdoten, wie die von der Fotografin Gisèle Freund, der sogar Francois Mitterand gehorchte. Oder von Restaurantbesitzer Rene Lafon, der Hemingway und Dali, Sartre und Picasso zu seinen Gästen zählte.

Nach so viel Wissen, so eloquent dargebracht, fehlt nur noch eine entscheidende Reiseinfo: Das Wetter.

Roter Lavendel

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Côte d’Azur und Provence – zwei Regionen, die immer noch zum Träumen einladen. Ralf Nestmeyer weiß das, weil seine Reisebücher ein unverzichtbares Utensil bei Reisen im Süden Frankreichs sind. Mit „Roter Lavendel“ verlässt er die Sachebene und lässt seiner Phantasie freien Lauf. Lavendel und Provence – das passt. Und wie! Eigentlich soll der Erzähler, ein Fotograf, einen Kalender über das urtypische provenzalische Gewächs realisieren. Ein dankbarer Auftrag, denn er kennt die Provence, hat Freunde dort. Ohne groß nachzudenken, nimmt er den Auftrag an.

Ausgangspunkt ist die wohl schönste Stadt Frankreichs, Avignon mit dem wuchtigen Palais du Pape und den pittoresken Gassen. Wer einmal hier durch die Gassen mit ihren bunten Läden gewandelt ist oder einmal seine Blick vom Turm des Palais‘ über die Rhône schweifen ließ, ist sich sicher, dass es kaum schönere Plätze gibt. Doch für den Erzähler bekommt diese Aussicht einen mysteriösen Anstrich.

Ein älterer Mann, den er aus dem Zug kennt, bittet ihn ein Paket mit für ihn wichtigen Papieren aufzubewahren. Da sich die beiden auf Anhieb sympathisch waren, gibt es keine Frage. Doch als er die Papiere in der Mappe Michel Perras, so der Name des älteren Herren, zurückgeben will, ist der verschwunden. Abgereist. Aus Neugier – die beiden haben sich bereits über die harte Kindheit Perras‘ unterhalten – blättert der Fotograf ein wenig in der Kladde. Darin sind einige Briefe eines Deutschen, der zu Beginn des Zweiten Weltkrieges in Südfrankreich interniert war und fliehen konnte. Gibt es einen Zusammenhang zwischen Perras und den Briefen? Das eigentliche Fotoprojekt rückt immer weiter in den Hintergrund.

Die Zeilen ziehen den Erzähler immer weiter in eines der düstersten Kapitel deutsch-französischer Geschichte. In der in den Briefen erwähnten Ziegelei Les Milles erhält die Geschichte der Briefe neuen Schwung. Dort ist auch ein Gedenkzentrum eingerichtet, in der ein Mann arbeitet dessen Tochter für den Erzähler zu unschätzbarem Wert wird…

Ralf Nestmeyer ist „im Nebenberuf“ Historiker. So erklärt sich auch das enorme Fachwissen, das er hier und da gekonnt einfließen lässt. Schriftsteller wie Thomas Mann und Joseph Roth, der Maler Max Ernst und viele unbenannte deutsche Exilanten fanden im Süden Frankreichs ein Zeitlang eine neue friedvolle Heimat. Als die Nazis mit dem Vichy-Regime eine Übereinkunft trafen, dass Deutsche an Deutschland ausgeliefert werden, waren auch ihre Tage im Sonnenlicht gezählt. Siebzig Jahre nach Kriegsende sind immer noch nicht alle Schicksale belegt und erzählt. Davon handelt auch „Roter Lavendel“. Mit dem Unterschied, dass dieses Buch den Spagat zwischen Historie und Urlaubssehnsucht schafft.

Götter am Nil – Ägyptische Mythologie für Einsteiger

Götter am Nil

Ägyptische Gottheiten? Wer kennt sie schon? Amun wie in TutenchAMUN. Aton wie in EchnATON. Aus so manchem Historienschinken kennen viele noch RA, den Sonnengott. Der heißt eigentlich Re. Und da beginnt das Dilemma.

Garry J. Shaw hat sich den Mythen und Göttern am Nil angenommen und ein wenig Ordnung geschaffen. Keine leichte Aufgabe, wie er einleitend selbst zugibt. Und doch wird „Götter am Nil – Ägyptische Mythologie für Einsteiger“ schnell zum Lesebuch. Mit überzeugender Einfachheit nehmen Mythen Gestalt an, werden Zusammenhänge klar und so mancher Gott bekommt ein Zuhause.

Mythen, die Gestalt annehmen – so stellt sich auch die Erschaffung der Welt am Nil dar. Nun heißt der Übeltäter. Er ist es, der der Welt auf die Welt half. An dieser Stelle kann nicht auf jede einzelne Gottheit eingegangen werden – Garry J. Shaw kann das außerdem viel besser. Beim Lesen erstaunt immer wieder wie viele Namen doch bekannt sind, immer wieder in unserem Leben auftauchen. Neben den bereits erwähnten Amun und Aton sticht bei Filmfans besonders der Name Seth hervor. Seth Geckos Name setzt sich aus der Gottheit Seth und dem raffgierigen Gordon Gecko aus „Wallstreet“ zusammen. Seth, dieser Name ist Programm.

Osiris – Gott des Jenseits, bekannt aus Cinemascope-Blockbusters in Technicolor. Meist kein gutes Zeichen, wenn Osiris erscheint. Er wird ermordet. Von Seth. Auch bei den ägyptischen Göttern ist ein Kommen und Gehen. Priester und Pharaonen nahmen sich ihrer an, nutzten ihren Ruf, um die eigene Macht zu stärken. Dabei wurde in der Moderne viel Schindluder mit den Göttern getrieben. Jedem, der ich eingehender mit der Materie beschäftigt, graust es bei Anschauen der cineastischen Machwerke.

Garry J. Shaw bringt nicht nur Ordnung ins Gewühl um die Vorherrschaft der Götter am Nil. Der holt unbekanntere Gottheiten aus der Versenkung und erlaubt ihnen mitzuspielen im Konzert der Großen. Mit Geduld und Akribie forscht er im Dickicht der Mythen. Ein Lesebuch mit Lehrcharakter.

Auf See

Auf See

Mit dreiundvierzig Jahren das Zeitliche zu segnen, ist wahrlich nicht erstrebenswert. Ein dahinsiechender Patient, der in geistiger Umnachtung stirbt, muss, um zufrieden abtreten zu können, einiges erlebt haben. Guy de Maupassant war sicherlich nicht zufrieden als er 1893 zu jung in einer psychiatrischen Klinik bei Paris starb. Aber er hat viel erlebt und es niedergeschrieben. So wie diese Geschichte einer zehntägigen Schifffahrt von Antibes nach Saint Tropez.

Nicht nur die Sicht auf die Dinge des Lebens – de Maupassant war zu diesem Zeitpunkt (1887) schon noch (!) bei bester Gesundheit, auch die Beschreibungen des Gesehenen machen „Auf See“ zu einem unverzichtbaren Werk, das sich am besten an den Stränden der Côte d’Azur genießen lässt.

Vorbei an den schneebedeckten Wogen aus Granit, wie er poetisch die Alpen nennt, schippern er und zwei Begleiter südwestlich an der azurblauen Küste entlang. Beim Anblick von so viel Erhabenheit schwelgen viele in Erinnerungen. Guy de Maupassant auch. Er denkt an Paganini. Der sollte nach seinem Tod von seinem Sohn nach Genua gebracht werden. Wegen der Cholera verwehrte man ihm aber in allen Häfen die Anlandung. Er Jahre später wurde der Leichnam von einer kleinen Insel nach Parma gebracht. So düstere Gedanken in solch farbenfroher Umgebung. Im Anhang erfährt der Leser, dass diese Geschichte komplett erfunden ist.

In Cannes lockert sich die Stimmung des Autors. Er lästert im Stile einer Klatschbase über die hier versammelten Fürsten, für die es nur eines zu geben scheint: Sich im Kreise Ihresgleichen sonnen zu können.

Im Leben Guy de Maupassants geht es auf und ab. Wie das Schiff, auf dem er sich befindet, geht es mit ihm Auf und Ab. Manchmal merkt er gar nicht mehr, dass er überhaupt schreibt. Je öfter er an Land geht desto näher ist er an den Menschen. Zwischen Mistral und wogender See philosophiert er über die Mentalität der Franzosen.

Auf See ist Guy de Maupassant ganz er selbst, nicht immer bei sich, doch stets der wortgewaltige Schriftsteller. „Auf See“ ist keine bloße Reisebeschreibung, das war nie sein Ding. Dennoch gelingt es ihm die Schönheit der Côte d’Azur in kraftvolle Worte zu kleiden und den Leser in Urlaubsstimmung hineingleiten zu lassen.

Der Anhang des Buches gibt Aufschluss über die Intentionen der Reise und die Quellen der soeben gelesenen Zeilen. Guy de Maupassant war ein Lebemann mit allen Konsequenzen. Dieses Buch gehört in die Hand an den Stränden der Côte, mit allen Konsequenzen.

Schlösser am See – Burgen und Landsitze am westlichen Bodensee

Schlösser am See

Mal ganz ehrlich. Wo würden Sie – gänzlich befreit von räumlichen und finanziellen Zwängen – sich eine repräsentative Unterkunft im deutschsprachigen Raum errichten (lassen)? Am Meer? In den Bergen? Auf dem flachen Land, um so viel wie möglich überblicken zu können? Oder in einer Industriebrache? Am besten eine Mischung aus den ersten drei Angeboten. Aber wo soll man so was finden?

Da muss man ganz schön weit reisen. Es sei denn, dass man am Bodensee wohnt. Denn dann ist man bereits angekommen. In unseren Breiten hat der Süden eine besondere Anziehungskraft (ein Feuerländer sieht das sicherlich anders). So verwundert es nicht, dass sich am Ufer des Bodensees so manch architektonische Kleinod verbirgt bzw. sich ganz schamlos dem Betrachter offenbart. Besonders im Westen, zwischen Konstanz und Schaffhausen, auf der Höri und am Überlinger See. Davon erzählt dieses Buch.

Eine wahre Pracht an herrschaftlichen Häusern säumt die flachen und steileren Ufer an Europas größtem See. Bei fast dreihundert Kilometer „Küstenlinie“ ist ja auch viel Platz, um der eigenen Phantasie freien Lauf zu lassen. Tobias Engelsing und Anne-Katrin Reene haben ihre Wanderschuhe geschnürt und sind Burgen und Landsitzen auf die Pelle gerückt. Jedes Bauwerk wird kurz und knapp beschrieben, den Schluss bildet der Hinweis, ob man selbst einmal einen Blick hinter die herrschaftlichen Kulissen werfen darf oder nicht, sprich, ob es öffentlich ist oder nicht. Meist sind die Anwesen privat genutzt, nur ein Teil ist der Öffentlichkeit zugänglich.

Die Bodenseeregion zählt jährlich fast zwanzig Millionen Übernachtungen. Im Durchschnitt bleibt jeder Besucher zweieinhalb Tage. Genug Zeit also um Villa Douglas, Burg Kastell, Scheffelschlössle Mettnau und die anderen in diesem Buch versammelten Gemäuer genauer unter die Lupe zu nehmen. Als Appetitmacher ist dieses Buch gerade recht. Historische und aktuelle Aufnahmen, kurze Abrisse aus der Geschichte und zahlreiche Informationen zu Besuchszeiten runden den exquisiten Band ab. Da die Bauwerke oft dicht beieinanderliegen, ist es kein Problem mehrere an einem Tag zu besuchen. Wer es ganz elegant mag, was am Bodensee quasi zum guten Ton gehört, erkundet die prächtigen Behausungen vom Wasser aus, verschafft sich in diesem Buch einen umfassenden Überblick und begibt sich tags darauf auf Schusters Rappen, um sich von der architektonischen Wucht erschlagen zu lassen. Schläge, die hängen bleiben, auch dank dieses Buches.

Sizilien: Ein Streifzug durch Kunst, Kultur und Geschichte

Sizilien - Ein Streifzug durch Kunst, Kultur und Geschichte

Wow was für eine Reise! Diesen Ausspruch kennt man, wenn man aus Sizilien zurückkehrt. Neidisch lauschen Freunde und Familie den Schilderungen der Reisenden. Es kann aber auch als Fazit dieses Buches gelten. Bleiben wir bei Letzterem.

Das Autorenduo Weber / Sehn beginnt mit einem literarischen Rundumschlag. Sie zeigen anhand sizilianischer Autoren, die über Sizilien schreiben, wie Sizilien ist, wie die Menschen ticken. Zitate und Analysen verschaffen dem Leser und Sizilienenthusiasten einen umfassenden Überblick über das, was die Insel ausmacht. „Die Königin der Inseln“ offenbart sich am besten in Büchern, keine Binsenweisheit – eine Tatsache. Pirandello, di Lampedusa, Camilleri und Sciascia und viele andere gaben ihrer Heimat eine Stimme. Den historischen Zusammenhang der Bücher stellen Kurt-Heinz Weber und Hans-Gerd Sehn unumstößlich dar.

Literarisch geht es auch weiter, wenn Sizilien als Reiseland entdeckt wird. Rund zweieinhalb Jahrhunderte erst wird die größte Insel des Mittelmeeres als Reiseziel wahrgenommen. Natürlich war auch Goethe hier, dem es fast die Sprache verschlagen hat. Johann Gottfried Seume war Sizilien einen Fußmarsch wert. Von Sachsen aus lief er zu Fuß nach Sizilien. Heutzutage ist das schon wieder ein eigenes Buch wert…

Die folgenden Kapitel sind den Wurzeln Siziliens gewidmet. Griechen, Deutsche, Normannen und Araber haben allerorten ihre Zeugnisse hinterlassen, die teils heute noch besichtigt werden können. Kenntnisreich und moderat führen die Autoren durch die wechselvolle Geschichte der Invasoren und Herren Siziliens. Das Zeitalter des Barocks hat in Sizilien zahlreiche, überbordende Denkmäler hinterlassen. Da hier die Erde sehr oft bebte und immer noch bebt, wurde so mancher Ort dem Erdboden gleichgemacht. Noto im Südosten wurde barock und farbenfroh wieder aufgebaut. Nur halt ein paar Kilometer weiter. Fachkundig und begeistert zugleich berichten die beiden Autoren von den nicht zu übersehenden barocken Besonderheiten der Stadt.

Bei einem Streifzug durch Sizilien dürfe zwei Dinge nicht fehlen: Die Küche und die Mafia. Nach über zweihundert Seiten Geschichtsunterricht, der auf keiner der Seiten auch nur ansatzweise langweilig wird, nun der folkloristische Teil. Hier verlassen die Autoren ihre Sach-Komfortzone und geben handfeste Tipps. Zum Beispiel geben sie den Ort preis, an dem Commissario Montalbano, Andrea Camilleris Vorzeige-Kommissar, am liebsten seine Leibspeise einnimmt. Und wenn wir schon bei Ermittlern sind, ist die Mafia nicht weit. Sie ist untrennbar mit Sizilien verbunden. Man sieht sie nicht immer und überall, jedoch ist sie da. Seit jeher. Auch dafür haben Weber und Sehn ein Auge. Von den Ursprüngen, die nur selten erwähnt werden, bis hin zum aktuellen Stand wird dem Mob auf den Zahn gefühlt.

Literaturliste, Geschichtsbuch, Legendenbildung, Kochtopfneugier – Sizilien wird bei Kurt-Heinz Weber und Hans-Gerd Sehn zum umfassenden Leseerlebnis. Sizilien ist ein Reiseziel für Kopf und Herz. Beides wird in diesem Buch hervorragend gefüttert.

Konstantinopel von unten

Konstantinopel von unten

Pitsche-patsche nass stehen sie da. Die Männer, die für Viele die letzte Rettung bedeuten. Seefahrt war und ist (und wird es wahrscheinlich auch immer bleiben) ein hartes und gefährliches Geschäft. Die Geschichten von gesunkenen Schiffen, die Schicksale von Besatzung und Passagieren beflügeln von jeher die Phantasie der Menschen.

Jürgen Rath auch. Er begibt sich in die Archive von Seefahrtsämtern und –gerichten, in denen er die Fakten für seine Geschichten findet. Alles ist so passiert wie in den Geschichten. Die Dialoge sind wohlwollend erdacht. Hier setzt die hohe Kunst der Literatur ein. Fakten und eigene Erfahrungen in Einklang zu bringen. Jede Bugwelle, jeder Schrei, jedes Aufsetzen auf Meeresgrund wird nachvollziehbar. Die spritzende Gischt, die die Sicht behindert, das Donnergrollen am Himmel, das jedes Wort erbarmungslos schluckt, das Krachen der Balken, das die Tore zur Hölle aufstößt: Das alles sind keine Geschichten wie die vom Klabautermann. Alles so passiert, alles so niedergeschrieben.

Ob menschliches Versagen oder der Zorn von Mutter Natur, kaum ein Leser entkommt den spannungsgeladenen Abhandlungen Jürgen Raths. Wer zart besaitet ist und demnächst eine Kreuzfahrt unternehmen will, dem wird der Schrecken in die Glieder fahren. Aber keine Angst! Nicht jede Welle endet in einem Fiasko. Denn es gab schon immer mutige Männer, die Augen offenhielten, um Schiffbrüchigen die helfende Hand zu reichen. Auch diese Helden werden in den Geschichten besungen.

Es müssen nicht immer die erfolgversprechenden Riesenkatastrophen sein, die den Leser packen. Der Untergang der Titanic fasziniert auch heute, über hundert Jahre später, die Massen. Nicht weniger schrecklich für die Opfer und die Hinterbliebenen sind die Katastrophen, von denen heute kaum noch jemand spricht. Jürgen Rath gibt Opfern und Helfern ihre Stimmen zurück und setzt ihnen mit „Konstantinopel von unten“ ein Mahnmal. Zehn kurze Geschichten vom Wehen und Flehen, vom Retten und Ohnmacht. Für echte Seewölfe und Abenteurer!

Auf den Spuren von Prunk und Pomp

Auf den Spuren von Prunk und Pomp

Wien gehört mit seiner städtischen Architektur zu den schönsten Städten der Welt. Das ist unbestritten. Wozu also noch Werbung machen, die Touristen kommen eh an die Donau. Doch sie wollen auch was erleben, erfahren, nachvollziehen. Da Wien sich nun aber rühmen kann für jeden Geldbeutel, jede Art des Reisens, für jeden Geschmack etwas anbieten zu können, braucht man einen gedruckten Ratgeber.

Christina Rademacher hat nach ihrem Erstling „Vom Hinterhof in den Himmel“, in dem sie die versteckten Kleinode der Metropole offenlegte, nun den offensichtlichen Prachtbauten der Stadt gewidmet. Denn auch hier gib es noch so manches zu entdecken, was in kaum einem Reisebuch steht.

Die Hofburg im Herzen der Stadt ist ein Muss für jeden Wienbesucher. Wie ein offenes Buch lädt sie ein zum Verweilen, zum Staunen, zum Kopf-in-den-Nacken-legen. Kolossale Skulpturen, herrschaftlich Gänge und eine großzügige Auslegung des Begriffes Platz beeindrucken den Betrachter. Die kleinen Anekdoten und Histörchen, die Christina Rademacher gesammelt hat, machen jeden Spaziergag zu einem besonderen Erlebnis. Und was ist schöner als zu erfahren, was bei Königs früher los war und wie sich ihr Wirken bis heute auswirkt?!

„Auf den Spuren von Prunk und Pomp“ passt zu Wien wie die Faust aufs Auge. Kaum eine andere Stadt hat so viele royale Hinterlassenschaften, die so eng mit der Gegenwart verbunden sind. Als Zusatz zu einem Reiseband der Stadt Wien ist dieses Buch eine ideale Ergänzung für einen kurzen oder längeren Trip an die Donau. Selbst wer mehrere Tage die Schlösser in und um Wien besuchen will, findet immer wieder Neues in diesem Buch. Ob nun die Top-Attraktionen wie Hofburg oder Schloss Schönbrunn oder die nicht so bekannteren Schlösser Alterlaa, Liesing, Altmannsdorf, Hetzendorf, um nur ein paar zu nennen, Christina Rademacher lässt den Leser / Besucher nicht im Regen stehen.

Begräbnisse zum Totlachen

Begräbnisse zum Totlachen

Papa Shango lacht furchteinflößend in die erschrockenen Gesichter. Gevatter Tod schwenkt vergnügt seine Sense. Eine Brass-Band spielt fröhlich in den Straßen New Orleans‘ zum letzten Geleit. Der Tod kann auch fröhlich sein. Doch niemals so fröhlich wie in diesem Buch.

Kathy Benjamin hat Geschichten gesammelt, die einem die (Freuden-) Tränen in die Augen treiben.

Viele Rituale rund um die Toten haben sich bei den (noch) Lebenden eingeprägt. Die Ursprünge sind selten nachvollziehbar bzw. werden nicht hinterfragt. Zum Beispiel warum Tote mit dem Kopf nach Westen begrabe werden. Oder warum Tote mit den Füßen voraus getragen werden (damit man sie nicht am Kopf stößt?, mutmaßt die Autorin lakonisch).

Die Geschichten und Histörchen werden allesamt nicht so todernst genommen. Es ist ein heiteres Buch, das mit Bonmots von (teils bereits verstorbenen Komikern und Schriftstellern) gewürzt wird. Die kurzen Kapitel erlauben es, dass das Buch in vielen kleinen Abschnitten gelesen werden kann, was es zu einem dauerhaften Lesebuch macht.

Der Tod ist erstinstanzlich eine traurige Sache. Der Tote kommt nicht wieder zurück. Er wird nie wieder jemanden auf den Schoß nehmen, singen, lachen oder die Welt erklären. Man kann dem Tod auf verschiedene Art und Weise begegnen: Heulend, fluchend, verzweifelt. Aber auch mit einem Lächeln im Gesicht. Der Fratze die Stirn bieten. Die schöne Tradition des Leichenschmauses gehört zu Letzterem. Anregungen wie man ein letztes Mal des Verstorbenen gedenkt, bietet dieses Buch allemal.

Fest steht: Die letzte Reise, die man unternimmt, wird nicht mit dem Kapitel „Wenn jemand eine Reise tut, so kann er was erzählen.“ Und damit die Hinterbliebenen doch was erfahren, hat Kathy Benjamin mit diesem Buch schon mal vorgesorgt. Ein kurzweiliger Trip ins Reich der Toten.