Archiv der Kategorie: aus-erlesen historisch

Das Jahrhundert der Manns

av_fluegge_manns_korr.indd

Heinrich, Thomas, Katia, Klaus, Erika, Golo, Michael, Monika, Viktor, Elisabeth und viele andere mussten ihr Leben lag ihren Mann stehen. Der Name Mann hatte und hat Gewicht. Wenn man Picasso als DEN Maler des 20. Jahrhunderts bezeichnet, so sind es die Manns, die mit ihren Schriften dieses Jahrhundert prägten, und deren Wirkung bis heute anhält. Ihnen ein Denkmal zu setzen, ist kein leichtes Unterfangen. Manfred Flügge ist ein ausgewiesener Experte, wenn es um Biografien geht. Mit „Das Jahrhundert der Manns“ schafft er es dem Werk der Manns mehr als gerecht zu werden.

Die Brüder Heinrich und Thomas Mann waren nicht von Geburt an zum Schreiben geboren. Kaufleute in Lübeck waren die Eltern, so sollten es auch die Söhne werden. Doch der Tod des Vaters und der Ruin der Firma wirken im Nachhinein wie ein Wink des Schicksals. Nicht nur, dass beide große Schriftsteller wurden, Thomas Manns (eigene) Familiensaga „Buddenbrooks“ brachte ihm 1929 den Literatur-Nobelpreis ein.

Klaus Mann brachte es einmal auf den Punkt, als er seine Familie charakterisierte. Bedeutend, doch alle mit einem Knacks. Der mächtige Übervater und um so viel erfolgreichere jüngere Bruder Thomas war Fluch und Segen zugleich. Fluch, weil ihm niemand das Wasser reichen konnte, was auch jeder verinnerlichte. Segen, weil der Ruhm des Vaters ein Leben ohne finanzielle Sorgen erlaubte. In München benahmen sich die Mann-Kinder oft daneben. Andere Altersgenossen hatten regelrecht Angst vor ihnen. In einem gerade sich von starren Fesseln lösenden Deutschland waren gerade Klaus und Erika Mann mit ihren offen formulierten Gedanken echte Pioniere. Sie reisten um die Welt, gaben sie Affären hin, spotteten im Kabarett. Die Erziehung ohne Hemmnisse gab ihnen den benötigten Freiraum.

Dass besonders Thomas Mann gern seine eigene Familie in seinem literarischen Werk als Vorlage zu nutzen wusste, ist kein Geheimnis. Durch „Das Jahrhundert der Manns“ werden dem einen oder anderen Leser diese Parallelen offen dargelegt. Auf etwas über vierhundert Seiten lässt Manfred Flügge das vergangene Jahrhundert im Allgemeinen und das der Manns im Speziellen wie in einem Blockbuster Revue passieren. Zahlreiche Anekdoten vermitteln dem Leser das Gefühl in einem wahrgewordenen Roman zu blättern. Doch alles ist echt, alles ist genau so passiert.

Dieses Buch ist mehr als nur eine bloße Abhandlung der Biografien der einzelnen Manns. Hätte schon vor Jahrzehnten der unbedingte Drang nach einer Marke bestanden, wäre der Marketingbegriff „Die Mannschaft“ auf die Familie Mann zugetroffen. Und die deutsche Fußball-Nationalmannschaft der Herren hätte sich einen anderen (passenderen) Namen einfallen lassen müssen. Aber auch „Die Manns“ kann man (sicherlich auch Dank Heinrich Breloers Dokudrama aus dem Jahr 2001) getrost als Markennamen gelten lassen.

Die Palme und der Stern

Die Palme und der Stern

Wer aufmerksam die Nachrichten verfolgt, weiß sicherlich einiges über Iran, Irak, Afghanistan und Griechenland. Seit geraumer Zeit drängt ein Land wieder in den Fokus der Öffentlichkeit, das in absehbarer Zukunft gewaltigen Veränderungen entgegentritt: Kuba, die größte Insel der Karibik. Mit einem unvorstellbarem Reservoir an bislang teils unterdrückter Kreativität. Leonardo Padura ist Kubaner, er lebt auf Kuba. Er schafft es trotz aller Sanktionen weltweit arbeiten zu könne und Erfolg zu haben. Jetzt endlich ist sein Roman „Die Palme und der Stern“ auf Deutsch erschienen. Er erzählt aus einem Kuba, das noch abgeschottet vom Rest der Welt unter der karibischen Sonne revolutionären Gedanken nachhing.

Der Schriftsteller Fernando kehrt nach Jahren in seine Heimat Kuba zurück. Er wurde einst denunziert, will nun wissen, wer ihn damals verraten hat. Aber er hat auch eine wissenschaftliche Mission. Ein verschollenes Manuskript seines Kollegen José Maria Heredia will er finden und stößt dabei auf eine interessante Biographie.

Virtuos springt Leonardo Padura zwischen den einzelnen Zeitebenen. Fernando Terry in der Gegenwart und José Maria Heredia über ein Jahrhundert zuvor. Beide Biographien ähneln sich. Beide waren Kämpfer für die Unabhängigkeit des Geistes und des Landes. Ihre Exile gleichen sich. Beide kehrten unter Auflagen in ihr Kuba zurück.

Fernando Terry hat vier Wochen Zeit, um die als verschollen gegoltenen Manuskripte José Maria Heredias zu finden. So lange ist sein Kuba-Visum gültig. Es ist eine zermürbende, weil von Vorsicht regierte Suche. Der Dichter aus dem 19. Jahrhundert war Thema seiner Doktorarbeit und einer der drei Gründe für seinen Freund Álvaro Almazán ihm zu schreiben. Die beiden anderen waren, dass seine Mutter oder Álvaro im Sterben liegen. Die Suche führt den Poeten Fernando in die dunklen Geheimnisse einer Freimaurerloge. Im sozialistischen Kuba mehr als nur eine Vereinigung humanistischer Gelehrter. Hier ist Vorsicht mehr als nur geboten. Jedes Wort, jeder Schritt muss wohlüberlegt sein.

Dr. Mendoza, Professor an der Uni in Havanna, und Fernandos Dozent hat als Bibliothekar des Staatsarchives Hinweise auf die Manuskripte gefunden. Was verwunderlich ist, denn die Freimaurer geben niemals irgendwelche Dokumente sie betreffend aus der Hand. Daher und die Tatsache, dass sie niemals über ihre Rituale und Aktionen mit Außenstehenden reden, rührt auch ihr Mysterium. Irgendwas kann da nicht stimmen.

Die Suche nach den Manuskripten gleicht einer Schnitzeljagd. Ist ein Hinweisgeber gefunden, wirft der einen neuen Namen in den Ring. Der poetische Fernando steht am Beginn einer ganz realen faktenbezogenen  Reise.

„Die Palme und der Stern“ ist ein wortgewaltiges Geschichtsdokudrama mit allen Zutaten eines fesselnden Thrillers. Wohlwollend nimmt der Leser zur Kenntnis, dass es auf Kuba sehr wohl Überwachung und Unterdrückung freien Gedankenguts gibt, aber der Alltag nicht weniger spannend ist als im Rest der so genannten freien Welt. Leonardo Padura gelingt es mit scheinbarer Leichtigkeit das Leben auf dem Karibikeiland packend einzufangen, Realität und Fiktion zu einem Netz der Unterhaltung zu spinnen, dass man am Ende der über vierhundert Seiten erstaunt ist, wie schnell die Lesezeit doch vergeht.

Der Vatikan – Architektur, Kunst, Zeremoniell

Der Vatikan - Verborgene Schätze

Wahrlich kein Leichtgewicht! Und sicher auch kein Reiseband, den man in den Rucksack steckt, mit sich herumträgt und bei einer kurzen Rast mal kurz rausholt, um das Eine oder Andere nachzuschlagen. Dieses Buch zieht man zu Rate, wenn man Rom besucht und den Vatikan in den Fokus seiner Reise stellt. Denn nur mal einen kurzen Blick reinwerfen – sowohl ins Buch als auch in den Vatikan – dafür ist es einfach zu schade.

Die päpstliche Macht wurde nach dem Trientiner Konzil von 1563 gestärkt. Und was machen Sieger? Sie feiern ihren Triumph mit Pomp und Glanz. Der Petersdom war zu diesem Zeitpunkt schon vorhanden. Eine Kirche wie viele andere auch. Doch jetzt ging es erst richtig los. Für die nächsten reichlich sechs Jahrzehnte wurde aus der Kirche ein Prachtbau, für den das Wort Luxusbau erfunden wurde.

Wenn man durch die Hallen wandelt, seine Blicke nicht von Decken- und Wandmalereien wenden kann, kommt man schnell ins Stolpern. Bei so einem Bau, mit solch einer kolossalen Bedeutung (nicht nur für Gläubige), wurden nicht irgendwelche Gemälde gefertigt. Jedes Bild, jede Verzierung, jedes Teil hat eine Bedeutung. Oft steht der Betrachter nach anfänglichem Staunen ratlos vor dem Objekt, das er bisher niemals begehrte.

Doch nicht nur der Petersdom als primäres architektonisches Reiseziel zieht den Besucher in seinen Bann. Der Vatikan hat außer ihm noch mehr zu bieten. Die Vatikanischen Gärten, der Apostolische Palast und Berninis Kolonaden stehen dem sakralen Prachtbau in Nichts nach.

Die Autoren sind allesamt ausgewiesene Experten in Sachen Architektur, Vatikan und der Bedeutung des Baus. Sie erläutern jedes auch noch so kleine Detail. Wer den Vatikan besucht, wird von der Wucht des barocken Bauwerks erschlagen. Dieses Buch erdet die Eindrücke und rückt sie ins rechte Licht, stellt Zusammenhänge dar und weist auf ohne dieses Buch versteckt bleibende Schätze hin.

Nach dem Besuch des Vatikans kann es passieren, dass man völlig baff kaum noch ein Wort herausbringt. Wenn man dann gefragt wird, wie es war, was man alles gesehen hat, kommt außer „Kirche“ nicht viel. So stark wirken die erstklassig erhaltenen Bauwerke, Gemälde, sakralen Gegenstände nach. Dann nimmt man sich in Ruhe dieses Buch zur Hand und lässt jeden Schritt noch einmal Revue passieren. Vieles erscheint im neuen Licht, man sieht klarer und wird ganz bestimmt noch einmal wiederkommen. Genauso wie man dieses Buch immer wieder zur Hand nehmen wird.

Erwin Schrödinger

Erwin Schrödinger

Nobelpreisträger tragen eine schwere Bürde mit sich: Kaum einer kennt sie. Zumindest, wenn es die Naturwissenschaften betrifft. Friedensnobelpreisträger – deren Vergabe allzu oft seltsame Blüten trieb, man denke an Menachem Begin und Anwar al Sadat, Barack Obama oder die Europäische Union – kennt man einige. Literaturnobelpreisträger sind auch nicht ganz unbekannt, da auf jeder Ausgabe darauf hingewiesen wird. Aber Chemiker und Physiker? Die kennt man kaum. Albert Einstein, den kennt man. Heisenberg, Bohr, Planck – alle schon mal gehört. Auch von Erwin Schrödinger? Wer schon vor dem 26. September 2009 von ihm Kenntnis hatte, gehört zu einer kleinen Minderheit. Wer ihn seitdem kennt, hat die letzte Folge der ersten Staffel von „The Big Bang Theory“ gesehen, in der die Theorie von Schrödingers Katze im Treppenhaus erläutert wird. Die besagt nichts anderes, als dass etwas nur passiert, wenn man es beobachtet, ganz oberflächlich betrachtet. Ähnlich dem Phänomen eines fallenden Baumes, das von niemandem beobachtet wird – macht das Fallen dann Krach?

Erwin Schrödinger wurde am 12. August 1887 in Wien geboren, als Einzelkind der oberen Mittelschicht wurde Bildung schon sehr früh zugängig gemacht, seine Neugier befeuerte seinen Wissensdrang. Tante Minnie musste schon sehr früh alle möglichen Ereignisse in einem Tagebuch für den kleinen Erwin festhalten. Sonst hätte ja seine Kindheit niemals stattgefunden… Das Haus, in dem Erwin Schrödinger die Kindheit verbrachte beherbergt heute eine Galerie.

Schon früh konnte man die spätere Genialität des Kindes beobachten. Was dem Vater einige Sorgenfalten bereitete, Erwin sollte nicht getrieben werden, er sollte sich „normal“ entwickeln. Doch schon im Gymnasium war klar, dass er besonders begabt war. Mathe und Physik stellten kein Problem dar, er könnte immer eine Antwort geben, wie ein Mitschüler feststellte.

Erwin Schrödingers Vater war Wachstuchfabrikant, sein Opa Chemieprofessor. Die Schuljahre vergingen, Erwin Schrödinger studierte in Wien Mathematik und Physik. In Zürich lehrte er Theoretische Physik an der gleichen Stelle wie vor ihm Albert Einstein. 1933 bekam er den Nobelpreis für Physik für seine nach ihm benannte Schrödingergleichung. Soweit sein Leben in Zahlen.

Erwin Schrödinger war nicht ausschließlich Naturwissenschaftler. Ganz im klassischen Sinne eines Forschenden widmete er sich auch den Räumen zwischen den Fachgebieten, fast wäre er sogar Philosoph geworden. Ihn interessierte stets das Hin und Her, das Zwischenspiel von Natur und Geist.

Obwohl Erwin Schrödinger heutzutage als Wissenschaftler eher in die Kategorie „B-Promi“ gehört, wenn man vom allgemeinen Bekanntheitsgrad ausgeht, ist seine Denkweise, seine Neugier für viele eine Triebfeder. Genau wie Albert Einstein sah er die Welt als Ganzes, das auch aus einem Geist heraus besteht und nur so erklärt werden kann.

Walter Moore Biographie ist ein Kleinod unter den Physikerbiographien. Detailreich und nie verlegen das Leben und Denken eines der größten Genies des 20. Jahrhunderts zu beschreiben und zu erörtern.

 

Ostia – Facetten des Lebens in einer römischen Hafenstadt

Ostia

Wo einst Luxusgüter umgeschlagen wurden, sonnen sich heute Luxuskörper. Wo einst sich Menschen aus aller Herren Länder trafen, treffen sich auch heute noch Menschen aus aller Herren Länder. Wo einst neidisch und ehrfurchtsvoll nach Rom geschaut wurde, reist man heute am Abend gen Rom. Die Rede ist von Ostia. Eine kleine Stadt vor den Toren Roms am Tyrrhenischen Meer, genauer gesagt Ostia Antica. Eine kleine Stadt, die schon seit über zweitausend Jahren existiert. Ostia Antica ist eine Ausgrabungsstätte, die als Sinnbild für eine römische Stadt dient. Die hier gemachten Forschungsergebnisse erlauben heute einen detaillierten Einblick ins Rom der Antike.

Wer Rom kennt, kehrt immer wieder gern an die Orte zurück, die man seit Schulzeiten kennt: Forum Romanum, Colosseum, Augustusmausoleum etc. Als Zugabe schlendert man gern durch bisher unbekannte Straßen und Gassen. Rom ist eine Stadt, die Geschichte atmet. Und so nach und nach wird man mit dem Historienvirus angesteckt. Man will wissen, wer hier oder da hauste, was die Inschriften bedeuten. Und irgendwann kommt man unweigerlich nach Ostia. An der Mündung des Tibers ist Rom noch so wie es einmal war.

Doch was bedeuten die einzelnen Ruinen, halbzerfallenen Bauwerke, deren einstige Pracht dem Zahn der Zeit teils zum Opfer fiel. Klaus Stefan Freyberger führt kenntnisreich nicht nur durch eine Ruinenstätte, sondern gleichzeitig auch ins römische Leben vor einer gefühlten Ewigkeit. Und es ist erstaunlich wie viel Wissen aus den Überresten der Stadt noch abzulesen ist. Beispielsweise die Bäckerei des Eurysaces. Vom Getreidemahlen über das Teigkneten bis hin zum Backen des Brotes lässt sich der gesamte Schaffensprozess nachvollziehen. Mit offenen Augen und teils auch mit offenem Mund liest man sich durch dieses anerkannte Gewerbe. Die Bilder von Heide Behrens unterstreichen diese Leseerfahrungen eindrucksvoll.

Nun ist Ostia Antica keine Touristenmetropole, die täglich Zigtausende von Touristen animieren muss. Eine Wohltat für alle, die sich für Geschichte interessieren und eine gewisse Vorbildung haben. Denn die braucht man! „Ostia – Facetten des Lebens in einer römischen Hafenstadt“ ist kein Reisebuch, das man Seite für Seite „abarbeitet“. Es ist vielmehr ein umfangreiches und gut strukturiertes Lexikon einer römischen Stadt mit dem Anspruch das Leben vor Jahrtausenden nachvollziehbar zu erklären. Wer sich darauf einlässt, wird reich belohnt.

Der Vizekönig von Ouidah

Der Vizekönig von Quidah

Bruce Chatwin hatte ein kurzes, bewegtes Leben. Letzteres verbindet ihn mit dem Protagonisten dieses Buches, Francisco Felix de Souza. Der war zu Beginn des 19. Jahrhunderts als brasilianischer Sklavenhändler im afrikanischen Benin an Land gegangen. Das Land Benin als solches gab es damals noch nicht. Dahomey hieß es einst.

Sein Verhandlungsgeschick brachte ihm die Position eines Vizekönigs ein. Er hatte das Exklusivrecht mit Sklaven zu handeln. Ein weit verbreiteter Handelszweig in diesen Gefilden.

Bruce Chatwin, der dieses Buch Ende der 70er Jahre des 20. Jahrhunderts schrieb, besuchte Benin, jetzt eine Volksrepublik sozialistischer Prägung, um Recherchen zu dem einstigen Vizekönig anzustellen. Dieses Buch ist mehr Fiktion als Dokumentation, obwohl viele der beschriebenen Vorgänge so oder so ähnlich passiert sind.

Als Chatwin das Land wieder verlassen wollte, geriet er mitten in einen Umsturz. Froh, dass er mit halbwegs heiler Haut entkommen konnte, kehrte er nie wieder zurück.

Dieses wunderschön bebilderte Buch ist eine Hommage an den großen Reisejournalisten, der am 13. Mai 2015 seinen 75. Geburtstag feiern könnte. Leider starb er im Alter von 49 Jahren in Südfrankreich.

Den Illustrationen von Sylvie Ringer dienten teilweise Fotos von Bruce Chatwin als Vorlage. Das reichhaltige Farbenspiel ist ein Genuss für die Augen. Die wortstarken Texte von Chatwin lassen den Leser vollends in die Welt Dahomeys, wie Benin bis weit ins 20. Jahrhunderts hieß, eintauchen.

Brutaler Menschenmissbrauch, tragische Familienschicksale und eine gehörige Portion Geschichte sind die Zutaten, die Bruce Chatwin für sein eindrucksvolles Menu africaine zusammenstellt. Der kunstvoll gestaltete Prachtband besticht durch Eleganz und Opulenz.

Das Buch bildet die Grundlage der letzten Zusammenarbeit von Werner Herzog mit „seinem liebsten Feind“ Klaus Kinski, „Cobra Verde“.

Wahre Römer

Wahre Römer

Kennen Sie einen wahren Römer? Nein, nicht Miroslav Klose, der für die Roma stürmt. Nein, einen echten, der Geschichte schrieb. Aber keine Geschichten wie sie im Buche, im Lehrbuch stehen. Nein? Na dann werden Sie hier einige kennenlernen.

Andronicus war einer, den man heute als von der Muse geküsst bezeichnen würde. Richtig wäre es „von der Camena geküsst“. Lucius Livius Andronicus war sein vollständiger römischer Bürger-Name, wobei die ersten beiden Namen die seines ehemaligen Herren waren und Letzterer sein Sklavenname war. Seinem literarischen Talent verdankte er es, dass er freier römischer Bürger wurde. Doch zurück zu Camena. Denn bei seiner Übersetzung der „Odusia“ (Odyssee) benutzte er das Wort Camenae, römischen Quellnymphen, die nun mal keine Musen waren. Andronicus war Sklave, doch sein Talent und sein Ehrgeiz prädestinierten ihn zum römischen Bürger. Das geschah im dritten Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung. Wann genau, darüber streiten sich immer noch die Gelehrten. Faszinierend wie Geschichte bis heute nachwirkt.

Dem Leser begegnen einfache Handwerker wie Bäcker, aber auch treue Gefolgsleute der Caesaren. Manchen wurden Denkmäler errichtet bzw. es sind deren Grabmale immer noch zu bestaunen. Und wenn man die Geschichte hinter diesen Bauwerken/Denkmälern kennt, wird ein Rombesuch zu einembesonderen Erlebnis.

Stephan Berry lustwandelt durch die römische Geschichte wie an einem erfrischenden Maitag. Beschwingt nimmt er sich des schweren Themas römische Geschichte an und versorgt den Leser mit allerlei nützlichem Wissen. Die biographischen Texte sind nur teilweise belegbar. Es ist erstaunlich wie viel wir heute wissen, und wie viele Fragen immer noch offen sind. Wer Rom besucht, trifft alle paar Minuten auf mehr oder weniger gut erhaltene Zeugnisse der Geschichte Roms. Unweigerlich tauchen hier und da Namen auf, die einen garantiert in keiner Geschichtsstunde gequält haben. Doch die Neugier siegt. Wer war das denn? Muss ich den kennen? Viele MUSS man nicht kennen. Aber das Wissen um sie ist eine Bereicherung, die man nicht missen möchte.

Albert Einstein Briefe

Albert Einstein - Briefe

Was wurde nicht alles schon über ihn geschrieben? Genialer Wissenschaftler, Friedensaktivist, Charmeur, Geigenspieler: Albert Einstein. Gehört er gar zu denen, über die schon alles geschrieben wurde? Und wenn ja, warum dann dieses Buch? Weil die Behauptung, es wurde schon alles über DAS Genie des 20. Jahrhunderts geschrieben, nicht stimmt. In einer Zeit, in der Mobiltelefone und E-Mails weder bekannt waren noch in absehbarer Zukunft lagen, gab es zumindest das Kommunikationsmittel des Briefes. Das waren noch Zeiten als mit Tinte auf Papier etwas geschrieben wurde. Fein säuberlich in einen Umschlag gesteckt, frankiert und mit der Post verschickt wurde. Das ist so old school. Tja, das war Albert Einstein trotz aller Genialität und Progressivität auch.

Die in diesem Buch zusammengefassten Ausschnitte spiegeln ein Leben für die Wissenschaft und deren Nutzen für die Menschen wider. Einstein war keineswegs der unnahbare Gelehrte, der regelmäßig zu spät zur Vorlesung kam, launisch seine Thesen runterlas und dann bis zum nächsten Mal im Nirwana verschwand. Er war streitbar und nahm regen Anteil an den zugesandten Briefen. Egal, ob sie nun von einem geschätzten Kollegen, einer royalen Größe oder einem einfachen Farmer aus Idaho kamen. Letzterer bat um ein aufmunterndes Wort für seinen Spross, den er zum Physikstudium animierte. Einstein sollte den letzten Anstoß geben sich anzustrengen. Zur Belohnung gab es einen Sack Kartoffeln.

Die Briefe bzw. die Auszüge zeigen Einstein wie sich Kenner ihn vorstellen und Fremde ihn sich gern vorstellen möchten. Liebenswert, und wenn er antwortet dann mit ganzer Geisteskraft. Außerdem war er ein begnadeter Schreiber. So mancher Student der Gegenwart wünscht sich so einen agilen, lebensbejahenden, klugen Kopf in seinen Seminaren.

Wem schenkt man so ein Buch? Sich selbst. Jedem Physiker, Astronomen. Egal, ob noch Studiosus oder Forscher. Jedem Wissenschaftler, der seine Arbeit nicht nur als Broterwerb sieht oder sah, sondern auch anderen Fachrichtungen die Chance gibt erforscht zu werden. Jedem Humanisten. Na, das ist doch wohl schon eine große Leserschaft.

Einsteins Witz blitzt immer wieder genauso durch wie sein wacher Verstand und seine romantische Ader. Bemerkenswert ist vor allem der lyrische Briefwechsel mit Königin Elisabeth von Belgien. Einstein konnte vor den Nazis fliehen – sie musste aufgrund ihrer Herkunft und ihres Standes ausharren. Seine Ratschläge sind Mahnworte, die bis in die heutige Zeit Bestand haben. Er war gläubig und niemals fanatisch. Einer wie er fehlt … immer noch.

Dieses Buch liest sich leicht wie ein Roman, ist spannend wie ein historischer Thriller und verleitet den Leser immer wieder einzelne Passagen nochmals zu lesen.

Der Bodensee

Der Bodensee - 101 Orte

Einmal an den Bodensee, rundherumlaufen und einmal wieder zurück. So könnte man die 101 aus dem Titel erklären. Das rundherum als Null. Weil die rund ist, nicht, weil es sich nicht lohnt. Dass es sich lohnt, weiß der Autor Patrick Brauns nicht nur weil er dort wohnt.

Auch wenn man es nicht erwähnen muss: Die Insel Mainau vereint alle Bücher dieses Stiles. Es ist aber auch ein Prachtstück! Warum? Steht alles auf Seite 24. Patrick Brauns‘ Einzugsgebiet beschränkt sich allerdings nicht nur auf die direkt am Ufer gelegenen Orte zum Verweilen und Entdecken. Um die gesamte Region und den Reiz des Bodensees zu erfassen, empfehlen sich Ausflüge ins Hinterland.

Der Hegaublick ist beispielsweise rund zwanzig Kilometer Luftlinie in westlicher Richtung vom Ufer entfernt. Doch der Weg lohnt sich. Auf der Terrasse des dortigen Restaurants genießt man nicht nur mit dem Gaumen, sondern in erster Linie mit den Augen. Ganz in der Nähe kann man den Gipfel eines Feuerspuckers erklimmen oder im Eiszeitpark tief in die Geschichte eintauchen.

Im Süden kommt man der Gegenwart ein bisschen näher, wenn man mit einer Fähre die Sitter bei Bischofszell in der Schweiz überquert. Wie einst die Pilger. Ein erholsamer Fußmarsch führt den Wanderer zu einer alten Brücke, die im vergangenen halben Jahrtausend jedem Angriff trotzte. Ein wenig krumm, was der Attraktivität keinen Abbruch tut. Im Gegenteil.

Im Osten, in Bregenz, lädt der Garten des Klosters Mehrerau zum Bummeln ein. Eindrucksvolle Alleen lassen den Alltag vergessen.

Jeder der einhunderteins Orte ist für sich genommen eine Reise wert. Kombiniert sind sie eine Aufforderung zum Schwelgen, Flanieren, Geschichte atmen. Geruhsames Reisen auf historischen Pfaden in einer der beeindruckendsten Regionen Deutschlands und Europas. Kurz und knapp sind die einzelnen Haltepunkte beschrieben, lang genug, um Appetit zu machen, garniert mit nachhaltigen Bildern.

Wer am Bodensee Urlaub macht, wollte so wenig wie möglich verpassen. Sicherlich gibt es mehr als einhunderteins Orte, die man gesehen haben muss. Die Auswahl der von Patrick Brauns vorgestellten Stopps stehen exemplarisch für die Bodenseeregion.

Denk ich an den Bodensee

Denk ich an den Bodensee

Einem Besucher des Bodensees muss man nicht mehr für diese einzigartige Landschaft begeistern. Er wird ein Leben lang ein Freund der Region bleiben und wiederkommen. Leider ist es nur Wenigen vergönnt ihre Schwärmerei in passende Worte zu kleiden. „Großartig“, „faszinierend“ werden oft, zu oft verwendet, um seinen Emotionen Ausdruck zu verleihen. Da ist es an der Zeit den Dichtern und Wortakrobaten auch vergangener Epochen zu lauschen, ihren Ausführungen zu folgen. Dieses Buch ist der willkommene Anlass die kommende freie Zeit am größten See im deutschsprachigen Raum zu verbringen.

Das Inhaltsverzeichnis liest sich wie das Who is Who der Weltliteratur: Ernest Hemingway, Rainer Maria Rilke, Klaus Mann, um nur drei Namen zu nennen. So manch einem ist die Reisestrapaze ein kulinarischer Graus, was man heutzutage kaum noch nachvollziehen kann. Martin Walser macht sich Gedanken zu Eigentum und Gemeinwohl. Der Lyriker Bruno Goetz setzt dem Binnenmeer ein Denkmal in Reimform.

Wie einst die Romantiker ist dieses Buch ideal zum visuellen Flanieren an den Ufern des Bodensees. Sich auf eine Bank setzen, oder eine Mauer, den See zu Füßen. Die Sonne in der Nase kitzelnd steckt man selbige ins Buch und schwelgt in den wohlformulierten Aufzeichnungen von Theodor Heuss und Arthur Schopenhauer. Eine schönere Liebeserklärung gab es nie.

Mit jeder Zeile steigt die Sehnsucht nach einem paradiesischen Ort, den es wirklich zu geben scheint. Irgendwo im Süden, dort wo die Alpen sich gen Himmel recken, das Klima den Menschen umschmeichelt. Schon immer haben sich Potentaten und gekrönte Häupter es sich hier gutgehen lassen. Dichter und Literaten fanden hier Inspiration und ein zweites Zuhause. Touristen erholen sich ab Ankunft.

Herausgeber Manfred Bosch muss es ein Fest gewesen sein diese Texte zusammenzutragen. Mit jedem Abschnitt nimmt Elysium Form an. Die kurzen Texte erlauben es immer wieder den Kopf zu heben und den Blick schweifen zu lassen. Auch wenn man nicht am Ufer sitzt.