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Im Tunnel

Im Tunnel

Da sitzt er nun: Paul Zakowski. Wieder mal Entlassungstag. Er ist zu abgebrüht, um zu behaupten, dass es das letzte Mal sei. Entscheidend ist für ihn nur, dass er raus kommt. Raus ans Licht, in die Freiheit. Während er wartet – die Bürokratie fordert zäh ihren Tribut – erinnert er sich an das, was war, wie er wurde was er ist. Kriegskind, zu früh, zu schnell zum Mann geworden. Mit Raubzügen – mehr oder weniger abgesegnet vom Kölner Bischof Frings, weshalb man das Klauen in dieser Zeit auch „fringsen“ nannte – hielt er sich über Wasser.

Eine Kriminellenkarriere wie sie im Buche steht. Paul kann die Finger nicht vom süßen Leben lassen. Einbrüche bestimmen sein Leben. Und der Knast. Als Jugendlicher mit der ihm eigenen Gelassenheit nimmt Paul auch diese Zeit hin. Kaum sechzehn Jahre alt, wandert er zum ersten Mal ein. Da Fluchtgefahr besteht, wird er besonders unter die Lupe genommen. Fluchtgefahr deswegen, weil er sich nach Frankreich „absetzen“ wollte. Eigentlich wollte er „nur Brigitte Bardot kennenlernen“…

Die Anekdoten aus dem Knast sind eine Freude für die Augen. Mit Hingabe malt Peter Zingler ein reales Bild der Zeit nach dem Krieg. Fast schon romantisierend. Fast. Denn Paul Zakowski ist Peter Zingler. Er weiß, was es heißt im Knast zu sitzen. Er kennt die Kriminellen und ihre Art den Alltag zu bewältigen.

Immer wieder stürzt sich Paul / Peter mit Elan ins kriminelle Getümmel. Die Erträge variieren. Mal sind die Brüche einfach, mal entkommen er und seine Leute der Polizei, mal nicht. Und Paul / Peter arbeitet international. In der Schweiz ist der Knast am einfachsten. Wenn der Fußball mal über die Mauer fliegt, schließt der Wärter auf damit ein Gefangener den Ball wiederholen kann. Lakonisch schreibt Zingler, dass sie den auch wiedergebracht haben.

Bei aller Knastromanze sehnt sich Paul / Peter doch nach einem geregelten Leben. Finanzielle Sicherheit steht an erster Stelle. Doch wie soll das gehen? Ohne Ausbildung.

Peter Zingler weiß, wie man sich am eigenen Schopf aus dem Sumpf herausziehen kann. Denn Peter Zingler ist mittlerweile in zweiter Instanz Drehbuchautor und Regisseur, preisgekrönt. Die kriminelle Vergangenheit ist nichts weniger als das. Die Erfahrungen seines ersten Lebens machen seine Drehbücher so authentisch. Erste Erfahrungen als Schriftsteller sammelte er als Schreiber von Kurzgeschichten, die unter anderem im Playboy veröffentlicht wurden. 1985 war Schluss mit lustig, der Ernst des Lebens begann. Als Journalist und Drehbuchautor übertrug er teils seine Erfahrungen ins seriöse Fach. Er schrieb Drehbücher für „Tatort“, „Schimanski“ und „Ein Fall für Zwei“. 1995 heimste er ganz legal den Grimme-Preis für sein Tatort-Drehbuch „Kinderspiel“ ein.

„Im Tunnel“ ist mehr als eine Abrechnung mit dem Leben vor dem Leben. Es ist ein ergreifender Befreiungsschlag, der bald eine Fortsetzung erfährt…

Hôtel du Nord

Hotel du Nord

Das Hôtel du Nord gab es wirklich. In Paris. Am Quai de Jemmapes. X. Arrondissement. Am Canal Saint-Martin. Gar nicht so weit vom Friedhof Père-Lachaise entfernt, auf dem so viele Berühmtheiten ihre letzte Ruhestätte gefunden haben. Promis verirrten sich nur selten ins Hôtel du Nord in den zwanziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts als Emile und Louise Lecouvreur das Wohnhotel übernehmen.

Renée ist die erste Angestellte der Lecouvreurs. Eigentlich wohnt sie hier, zusammen mit Pierre. Das naive Landei und der zupackende Arbeiter. Als die Liebe verfolgen ist, drängt er sie zur Arbeitssuche. Louise gibt ihr ihren ersten Job. Hilfe haben die neuen Pächter dringend nötig, denn das Hotel ist in einem nicht gerade gastfreundlichen Zustand. Die Vorgänger hatten mehr Spaß daran mit der Nachbarschaft zu feiern als das Haus auf Vordermann zu bringen.

Das Geschäft läuft gut, Renovierungen können ins Auge gefasst werden. Die Kundschaft aus Müllleuten, Gepäckträgern und Arbeiterinnen der Lederfabrik ist nicht vermögend, doch trinkfest. Ein bisschen grob, zu grob für Emile. Aber der Kunde ist König. Selbst, wenn die betrunkene Gästeschar zu unchristlichen Zeiten Einlass begehrt, murrt Emile nur leise vor sich hin. Nur gelegentlich bekommt ein Säufer seinen Unmut zu spüren.

Die Tage, Monate und Jahre gehen dahin. Gäste kommen, Gäste gehen. Mal sind sie ideale Gäste, ruhig, zuvorkommend, zurückhaltend. Mal sind sie Aufrührer, Stänkerer und Prostituierte. Die Lecouvreurs bereuen ihre mutige Entscheidung das Hôtel du Nord gepachtet zu haben nicht.

Die Geschichten der Bewohner des Hotels sind mitten aus dem Leben gegriffen. Es sind keine Schicksale, die die Seiten der Regenbogenpresse füllen, dennoch sind sie nicht alltäglich. Die Besonderheit liegt in der Tatsache, dass sie jedem hätten passieren können, aber nur im Hôtel du Nord erstrahlen sie in einem besonderen Glanz.

Der Autor Eugène Dabit kennt das Hotel genau. 1923 haben es seine Eltern übernommen. Ab und zu arbeitete er dort. Als Nachtwächter hatte er viel Zeit die Menschen im Hotel zu beobachten. 1929 erschien „Hôtel du Nord“ zum ersten Mal und wurde auf Anhieb ein Erfolg (wie der Film neun Jahre später). Nun ist es in der Neuübersetzung von Julia Schoch noch einmal veröffentlicht worden, und es hat nichts von seiner Strahlkraft verloren.

Das Hôtel du Nord ist heute noch an gleicher Stelle, allerdings als Cafè und Restaurant.

Die Welt des Sherlock Holmes

Die Welt des Sherlock Holmes

Baskerville, Dartmore, Baker street, Moriarty – jeder kennt diese Namen. Sie sind die Topographie des Bösen. Aber auch des genialen Reiseleiters durch die Untiefen der menschlichen Psyche. Schottland, Kricket und die Eltern sind die Ausgangsorte.

Schon auf den ersten Seiten lüftet Maria Fleischhack – Mitglied des Podcasts „The Baker Street Babes“ – so manches Rätsel. Zum Beispiel wie Arthur Conan Doyle auf die Namen der handelnden Personen kam. Bereits die kurze Biographie über den Autor des berühmtesten Detektives weltweit lässt die Spannung ansteigen.

Sherlock Holmes wurde in sechzig Geschichten verewigt. Er kann durchaus als Vater der Kriminalistik angesehen werden. Denn seine Art ein Verbrechen zu lösen, wird heute noch praktiziert. Nicht nur fiktional, sondern real. Finger- und Fußabdrücke zu nehmen, ballistische Untersuchungen, graphologische Expertisen – dass alles kennen die Kommissare der Gegenwart. Einige Verfahren, wie der Blutnachweis in verdünnter Form, wurden von Arthur Conan Doyle in der Welt der Wissenschaft recherchiert und durch seinen Ziehsohn Sherlock Holmes einem breiten Publikum zugängig gemacht.

Doch Holmes allein wäre kaum in der Lage all die kniffligen Fälle zu lösen. Arthur Conan Doyle gibt dem analytischen Geist den weltgewandten Watson an die Hand. Auch die Vermieterin Mrs. Hudson trägt unbewusst als Ruhepol in der Rückzugshöhle Baker street 221b zum Erfolg der Missionen bei.

Und was wäre Holmes ohne die Schurken? Sein literarischer Ruhm würde sich stark in Grenzen halten. Die einzelnen Charaktere werden von Maria Fleischhack genau unter die Lupe genommen (Sherlock Holmes ist der erste Detektiv mit diesem Werkzeug). Ihre Biographien und die der „Helfer“ lassen so manchen Sherlock-Holmes-Lesefan die Augen öffnen. Denn Arthur Conan Doyle verwendete zwar nicht immer viel Akkuratesse bei der Ausschmückung der „Nebenrollen“, doch gab er hier und da Hinweise auf deren Herkunft.

Wer Sherlock Holmes nur als den markanten Basil Rathbone oder den smarten Benedict Cumberbatch kennt, wird in den Romanvorlagen einen ganz anderen Ermittler erkennen. Wer sich an die Fersen von Maria Fleischhack heftet, wird die ganze Welt des Sherlock Holmes erkennen. Viele Romane muss man noch einmal lesen, die Filme noch einmal schauen, da so Vieles bisher unentdeckt blieb. Keine schlechte Ausbeute für die Detektive unter den Leseratten.

Wie man Baske wird

Wie man Baske wird

Ein herrlich provokanter Titel: Wie man Baske wird. Eine Anleitung die eigene Identität zu verleugnen und eine andere anzunehmen? Nein! Eher der Versuch Nicht-Basken darzustellen, dass das Baskenland und ihre Bewohner – die Basken – keineswegs nationalistische Fanatiker sind, die mit Bomben ihrer nationalen Identität Nachdruck zu verleihen. Was weiß man schon über die Basken? Bei der Tour de France gibt es ein Team namens Euskadi, der Fußballverein Athletic Bilbao beschäftigt ausschließlich Basken (was mehr ein Mythos ist als der Wahrheit entspricht, wenn man das „ausschließlich“ betrachtet), die Baskenmütze wird eher Franzosen zugeschrieben und wer aus Spanien kommt und ein X oder TZ im Namen hat, ist Baske. Hallo Vorurteil!

Ibon Zubiaur ist Baske, und er hat weder ein X noch ein TZ im Namen. Der Autor wurde 1971 in Getxo (mit X) in der spanischen (baskischen?) Provinz Biskaia geboren. Als er eingeschult wurde, begann auch das Programm die baskische Sprache als Unterrichtssprache einzuführen. Das Problem bestand und besteht immer noch darin, dass die Kinder in der Schule baskisch lernen, zuhause jedoch spanisch sprechen. Die Sprache als Identifikationsmerkmal Nummer Eins einzuführen, klappt bis heute nicht. Es fehlt einfach die Basis. Was aber nicht schlimm ist, glaubt man Ibon Zubiaur.

Auch eine Zugehörigkeit zu den Basken per Namensgebung hält er für falsch. Es gibt einfach zu viele Überschneidungen mit dem Spanischen. Außerdem hat eine Namensneuvergabe schon Jahrzehnte zuvor ein paar tausend Kilometer nordöstlich des Baskenlandes schon einmal verheerende Folgen gehabt…

Baske wird man nicht, man ist es oder man ist es nicht. Immer wieder gibt es Bestrebungen das Baskische in der Gesellschaft zu verwurzeln. Druck von oben bringt da nichts. Ein Baske fühlt sich als Baske oder eben nicht. Einzelne Organisationen, Parteien, Verbände geben da vielleicht Hilfestellung, aber grundlegend ändern können sie auch nichts.

„Wie man Baske wird“ ist ein Aufklärungsbuch. Aber ohne den Zeigefinger zu heben und den Anspruch auf einen eigenen baskischen Staat zu erheben. Der Essay (DAS Essay geht auch) ist ein kurzweiliger Ausflug in die baskische Kultur. Eine Kultur, die in der Literatur erst seit Kurzem Einzug gehalten hat. Baskisch ist als Sprache verankert, jedoch nicht in dem Maße wie man es sich in unseren Breitengraden vorstellt. Die baskische Kultur zu erhalten und auszubauen, muss nicht immer in Terror ausarten. Ibon Zubiaurs Ausführungen sind Integrationsbemühungen, die nicht im Sande verlaufen.

Der Teltowkanal

Der Teltowkanal

Berlin vom Wasser aus erkunden, das ist kein Geheimtipp mehr. Vorbei an Reichstag, Brandenburger Tor und ein paar Ecken in Kreuzberg versucht man den Zeitgeist der Stadt zu erhaschen. Horst Köhler hat sein Buch einer ganz anderen Lebensader Berlins gewidmet, dem Teltowkanal. Er verbindet auf fast vierzig Kilometer die Havel und die Spree. Obwohl vor über hundert Jahren eröffnet, war er nur ein wenig länger als die Hälfte seines Lebens komplett befahrbar. Das lag an der Teilung Deutschlands, zu dessen Teil der Teltowkanal gemacht wurde. Jahrelang war er Teil der Mauer, des Antifaschistischen Schutzwalls, des Eisernen Vorhangs.

Das Buch ist zweigeteilt. Der erste ist für Geschichtsfreunde und Techniker von Interesse. Denn hier wird nicht ein Detail der abwechslungsreichen Geschichte des Kanals ausgelassen. Schleusen und Hafenanlagen bieten die ideale Grundlage für Schwelgen in technischen Meisterleistungen.

Für Touristen, die Berlin abseits der ausgetretenen Pfade erkunden wollen, ist der zweite Teil von Belang. Wobei der erste Teil nicht ausgeklammert werden sollte. Denn der Teltowkanal ist mehr als nur eine Wasserstraße um ein paar Kilometer zu sparen, wenn man von Ost nach West, aber Berlin umfahren möchte.

Entlang der Lebensader – der Name nimmt es quasi vorweg – entwickelte die Stadt ein florierendes Geschäftsleben. Werften und Fabriken gaben Vielen Arbeit. Die Industrieruinen zeugen noch heute vom geschäftigen Treiben. Ebenso laden sie zum Verweilen und Träumen ein. Denn wo einst Lagerhallen und Schornsteine den Horizont beschränkten, hat sich Mutter Natur ihren Anteil wieder zurückerobert.

Es fällt schwer dieses Buch einzuordnen. Zum Einen das umfassendste Werk über den Teltowkanal, zum Anderen ein exzellenter Ideengeber für Berlinbesucher, „die schon alles gesehen haben“, oder es zumindest meinen.

Legendäre Schiffswracks

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Einmal falsch abgebogen, und es kracht. Oder nicht ausgewichen. Die Folgen sind verheerend. Die Rede ist von Schiffskatastrophen. Der Meeresgrund gibt die Reste nicht mehr her. Verschlingt sie. Treibt sie weiter. Die meisten gesunkenen Schiffe, die nicht geborgen werden konnten, liegen heute nicht mehr da, wo sie Mutter Erde wieder küssten. Spannende Geschichte(n), die Eigel Wiese da zusammengetragen hat.

Das bekannteste Schiff, für das es keine Nachweise gibt, ist die Arche Noah. Immer wieder versuchen sich Wissenschaftler daran, die Existenz des Schiffes zu beweisen. Doch ohne Wrack, kein Nachweis. Da es wohl komplett aus Holz bestanden haben muss, ist davon jetzt auch nicht mehr viel übrig. Der Zufall der Konservierung ist der einzige Rettungsanker.

Der Autor bricht sich seinen Weg zu den Wracks. Vom berühmten Blackbeard (der sagenhafte Schatz wurde bis heute nicht gefunden) über die Wasa (gesunken, dennoch komplett im Museum) bis hin zu den Schiffskatastrophen der jüngeren Vergangenheit – Eigel Wiese kennt alle Details.

Doch selbst er kann die letzten Rätsel der Schifffahrt nicht lösen. „Mary Celeste“. Unter echten Seeleuten löst dieser Name immer noch Schauern aus. Vor über 140 Jahren lief das Schiff zu seiner letzten Fahrt aus. An Bord waren neben der Mannschaft auch zahlreiche Fässer mit Alkohol. Dieser bahnt sich seinen Weg durch das Holz der Fässer und verpuffte. So die Theorie. Leider ist keiner der Mannschaft je wieder aufgetaucht, um diese Geschichte zu bestätigen. Versuchsanordnungen lassen aber kaum eine zweite Meinung gelten.

Schiffswracks erzählen – sofern sie denn gefunden werden – von unermesslichem Leid und einzigartigen Schicksalen. Ob nun durch Unvermögen (wie der Zusammenstoß der Stockholm und der Andrea Doria), Sturm und Unwetter (wer Cobh in Irland besucht, kommt an den Schauergeschichten der vor der Küste Irlands gestrandeten Schiffe nicht vorbei) oder andere Umstände wie Versicherungsbetrug verschuldetes Sinken: Jedes Wrack ist einzigartig du fasziniert Forscher und Leser gleichermaßen. Oft liegen die Wracks in solch großen Tiefen, wenn man sie überhaupt orten kann, dass die Bergungskosten den wissenschaftlichen Wert übersteigen. So fristen sie ein Leben, bedeckt von Korallen, Algen und dienen als Behausung der Meeresbewohner. Als Erbe hinterlassen sie Legenden und Mythen.

Eigel Wiese belässt es in seinem Buch nicht bei der schnöden Aufzählung der Schiffskatastrophen und ihrer Hinterlassenschaften. Erfindungen zur Seenotrettung, Wracks als Zukunftsorte und Orte der Erinnerung runden dieses Buch gehaltvoll ab.

Wien abseits der Pfade, Band 1

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Wien liegt seinen Besuchern zu Füßen. Wie ein offenes Buch zeigt es, was es hat. Wien erkunden ist ein Leichtes. Doch das wahre Wien zu entdecken, bedarf einiger Kniffe. Einer dieser Kniffe ist Wolfgang Salomon gelungen. „Wien abseits der Pfade“ klingt auf den ersten Blick wie eines der abgedroschenen Bücher, die mit viel Tamtam Großes ankündigen und dann doch nur das Offensichtliche halten. Dieses Buch bildet die rühmliche Ausnahme!

Der viel zitierte Wiener Schmäh und die Todessehnsucht bekommt man als Tourist nur mit, wenn man Augen und Ohren offenhält. Sehr weit offen! Für viele ist der Zentralfriedhof deswegen der zentrale Ausgangsort für Erkundungen. Stundenlang kann auf ihm herumschlendern. Wolfgang Salomon überlässt dieses touristische Highlight den Touristen und trifft auf dem Friedhof des Kahlenbergerdorfes Monika Pluhar. Von hier hat man den schönsten Blick auf die Donau. Die in Deutschland vor allem als Schauspielerin bekannte Wienerin sinniert mit ihm über Marisa Mell. Ihr abwechslungsreiches Leben (sie drehte mit Mastroianni, verarmte und starb mit knapp über fünfzig an Krebs) machen diesen Ausflug zu einem bemerkenswerten Seelentrip ins Herz Wiens. Das am Rande gelegene Gebiet wird dadurch ins Zentrum gerückt.

Filmisch hat Wien so einiges zu bieten. „Der dritte Mann“ wurde hier gedreht. Eine Führung auf den Spuren des dritten Mannes lohnt sich vor allem für Cineasten. Doch auch hier gilt wieder: In Wien wurde nicht nur einmal für Höhepunkte gesorgt. Das Volxkino sorgt seit über zwei Jahrzehnt für Leinwandhöhepunkte. Nicht als Produzent, sondern als fahrendes Kino. Märkte, öffentliche Plätze und Parkanlagen werden zu Kinosesseln für blockbustermüde Augen und Ohren.

Der Fiaker-Willi ist selbst für einen erfahrenen Wiener wie den Autor ein Füllhorn an Geschichten. Schon vor dem Einsteigen wird einem klar, dass das nun Folgende einzigartig sein wird…

Wiens ausgetretene Touri-Pfade zu verlassen, kommt einer Pilgerfahrt gleich. Wolfgang Salomon sorgt mit seiner beschwingten Schreibweise für Kurzweil. Das Klappern der Hufe während der Fiakerfahrt, das Rascheln der Bäume, die ihre Geschichten erzählen oder das Schwelgen in transdanubischer Lebenslust, wenn er durch Floridsdorf schlendert, machen dem Leser den Mund wässrig. Als Zusatz zu einem Reiseband ist dieses Buch ein wahres Kleinod. Leider viel zu schnell zu Ende. Doch es gibt Hoffnung! Noch 2015 soll der zweite Band erscheinen.

Der gute Deutsche – Die Ermordung Manga Bells in Kamerun 1914

Der gute Deutsche

Die deutschen Kolonien waren überschaubar und über den gesamten Erdball verteilt. Kamerun war wohl die Kolonie, die bis heute mit der deutschen Herrschaft im Lande verbunden ist. Wie in allen Kolonien hat sich auch die deutsche Regierung und Wirtschaft dort nicht so verhalten wie man es erwartet, versprochen und erhofft hat. Der viel beschworenen Ehre war da wenig bis gar nichts zu sehen.

Manga Bell war der Enkel des Königs, King Bell. Eine respektierte Person. Und ein entscheidender Handelspartner für die deutschen Konsortien. So manch einer seiner Untertanen konnte von seinen Erfahrungen, die er machen durfte nur träumen. Bis auf eine … der Titel des Buches verrät es: Die Sache geht nicht gut aus für Manga Bell. Manga Bell studierte in Deutschland. Eine Sensation. Nicht nur für die Dualas, sondern auch für die Deutsche. Sie hatten noch nie einen gesehen, der eine so dunkle Haut hatte. Zumindest nicht in Heidelberg, wo er studierte. In einigen Städten war damals schon die menschenverachtende Schau der Hagenbecks unterwegs.

Manga Bell ist beeindruckt von Deutschland. Er saugt das Leben in der Ferne in sich auf, beschäftigt sich mit der Kultur und auch mit der Rechtsprechung. Dem Kolonialtreiben kann er kein Ende bereiten, das weiß er. Die Handelsbeziehungen dienen beiden Seiten, den Duala und den Deutschen. Doch die Nichteinhaltung von Verträgen, Folterungen und Vergewaltigungen stellt er sich entgegen und klagt an. In Deutschland. Den weißen Herren vor Ort das Handwerk legen ist sein Ansinnen. Und den Kaiser wähnt er auf seiner Seite.

Christian Bommarius beschränkt sich nicht allein auf den Werdegang des Manga Bells. Vielmehr zeichnet er detailgenau ein Bild der kolonialen Situation in Afrika. Belgiens König beispielsweise betrachtet den Kongo als sein Privateigentum, in dem er schalten und walten lässt wie er will. Völkermord und totale Ausbeutung der Bodenschätze stehen über dem Recht. Die handelnden Personen stehen offiziell unter dem Recht der Kolonialmacht. Vor Ort treten sie ihr eigenes recht mit Füßen.

Im Nachgang zu den zahlreichen Büchern, die rechtzeitig zum hundertsten Jahrestag des Ausbruchs des Ersten Weltkrieges erschienen, ist dieses Buch eine wohltuende Alternative. Denn der Beginn des vergangenen Jahrhunderts war nicht nur von Umbrüchen in Europa gekennzeichnet. Afrika als Nährquelle der zivilisierten Welt wird auch heute noch als unterentwickelter Kontinent gesehen. Die Kolonialzeit ist zwar offiziell beendet, doch Konzerne üben „auf dem schwarzen Kontinent“ immer noch die Macht aus. Dieses Buch ist eine Aufforderung sich mit Geschichte zu befassen. Auch der außerhalb der eigenen Grenzen.

Ein letzter Tag Unendlichkeit

Ein letzter Tag Unendlichkeit

Na das ist doch mal eine Einladung! Eine Schifffahrt auf dem Zürichsee. Die Einladenden versichern dem Eingeladenen die ungeteilte Zuneigung der Damen. Ein jeder wird seine Dulcinea dabeihaben. Welch prachtvolles Wort für Freundin! Klingt ein bisschen anrüchig, oder?! Nun ja, es mag an der Zeit liegen, in der dieser Roman spielt. Juli 1750. Es mag aber vielleicht auch an der Gesellschaft liegen, die die Ungeziemtheit vergessen machen lässt. Der der Eingeladene ist Friedrich Gottlieb Klopstock, mit Mitte zwanzig schon ein gefeierter Dichter. Die Fahrt soll in die Geschichtsbücher eingehen…

Die Gesellschaft versammelt sich am Ufer des Sees. Alle sind gespannt auf den Dichterfürsten. Treten von einem Bein aufs Andere. Dann kommt er. Aufgebrezelt. Mit Perücke. Ein bisschen dandyhaft. Er genießt es bewundert zu werden. Und ein bisschen freut er sich auch auf das versprochene Rahmenprogramm…

Die Gesellschaft besteht auf honorigen Bürgern Zürichs, allesamt mit tadellosem Ruf. Das Boot legt ab, der Tag kann beginnen. Alle hängen an den Lippen Klopstocks. Der fabuliert, sinniert, sinniert. Feuchte-Augen-Garantie bei den Damen, stolz geschwellte Brust bei den Herren. Und ein jubilierendes Herz beim Gast. Denn er hat Anna Schirz ins Visier genommen. Dem Liebreiz der jungen Dame ist ab dem ersten Zusammentreffen verfallen. Unerhört, denn die junge Dame ist nicht allein gekommen. Hartmann Rahn ist ihr eigentlicher Begleiter, aber auf der Einladung stand ja …

Schlussendlich „bekam“ keiner der beiden Anna Schinz. Rahn wurde später Klopstocks Schwager und der Schwiegervater des Philosophen Johann Gottlieb Fichte.

Oft hapert es bei historischen Romanen an der Detailgenauigkeit. Lucien Deprijck richtet anhand der unwiderruflichen Fakten dieses Sittengemälde auf. Zwei Kapitel, gibt er zu, sind nicht verbürgt. Der Rest … der Rest hat sich genauso zugetragen. Wenn man dann noch Klopstocks „Fahrt auf der Zürcher See“ liest (zu finden auf der Homepage des Verlages), bekommt man eine ziemliche genaue Vorstellung von diesem historischen Tag im Zürich des Jahres 1750.

Kräuterwissen aus dem Kloster

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Hilfe zur Selbsthilfe – eine gern benutzte Phrase. Doch wie? Wenn einem das Wissen fehlt. Dann doch lieber der Griff in den Apothekenschrank. Apropos Apothekenschrank. Heutzutage wird jeder Quadratzentimeter des weißen Giftschranks ausgenutzt. Alle Verpackungen haben gerade Kanten, lasen sich gut stapeln. Vorteil Pharmaindustrie. Doch wer wird schon von einer gut passenden Verpackung von seinem Leiden erlöst?!

Der Inhalt macht’s! Das trifft auch auf dieses Buch zu. „Nimm doch ‘ne Pille!“ wird nun durch „Blättere mal hier drin!“ ersetzt. Die satanische Bibel für „Big Pharma“. Es gab Zeiten, in denen es kein Aspirin oder ähnliches Teufelszeug gab. Da griff man auf Mutter Natur zurück. Und Mutter Natur wurde im klostereigenen Kräutergarten beobachtet und für die eigenen Zwecke benutzt. Das Wissen aus diesen Jahrhunderte währenden Beobachtungen ist in diesem Buch zusammengefasst worden.

Schon beim zufälligen Aufschlagen des Buches spart man Geld. Frauenmantel hilft gegen Darmkrämpfe und Durchfall. Ein Medikament aus der Apotheke muss man für einige harte erarbeitete Euro kaufen. Und dann kommen die Nebenwirkungen. Man braucht noch ein Mittelchen und dann noch eines und so weiter. Frauenmantel ist seit Hildegard von Bingen bekannt. Und wird immer noch verwendet. Leider ist das Wissen darüber durch angeblich schnell wirkende Medizin verdrängt worden.

Es sind Bücher wie diese, die unsere hochzivilisierte, bis ins Letzte durchorganisierte Welt immer wieder vor neue (eigentlich alte) Herausforderungen stellen. Natürlich ist der Weg in die Apotheke der einfachste Weg. Aber eben nicht immer der segensreichste. Und für die Gesundheit lohnt es sich mehr als nur einen Blick in dieses wissensreiche und zudem liebevoll gestaltete Buch zu werfen. Historische Abbildungen der Kräuter, verständlich geschriebene Texte und Anleitungen zur Selbsthilfe machen dieses Buch zu einem besonderen Schatz im Bücherregal und Apothekenschrank.

Es muss nicht immer die Chemiekeule sein, wenn es hier und da mal zwickt. Die hier beschriebenen Kräuter sind leicht zu beschaffen, da sie oftmals vor der eigenen Haustür wachsen und wuchern. Brennnessel, Kamille, Fenchel- das sind doch alles Sachen, die man kennt. Warum also nicht mal einen Schritt zurückgehen, um vorwärts zu kommen?!