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Geschichte des Geldes

Geschichte des Geldes

Dazu kann jeder was beisteuern: Kohle, Knete, Kröten, Pinke-pinke, Geld. Und jeder hat eine Meinung dazu. Wer’s im Überfluss hat, gibt sich generös und meint, dass es nicht glücklich mache. Wer jeden Tag, jede Münze mehrmals umdrehen muss, sieht das unweigerlich ganz anders. Wie gesagt, jeder kann was dazu erzählen. Doch woher kommt’s, das Geld? Seit rund dreitausend Jahren lässt es uns keine Ruhe mehr. Seit dieser Zeit wurden Waren nicht mehr gegeneinander, sondern über den Mittler Geld getauscht. Nach und nach wurden Kurse festgelegt, Werte bestimmt. Einst war Gold dreizehnmal so wertvoll (teuer) wie Silber. Das hing mit dem vorherrschende Weltbild zusammen: Die Sonne kreiste nur einmal pro Jahr um die Erde, der Mond dreizehnmal. Von solch einem Preis-Edelmetall-Verhältnis kann man heute nur träumen…

Das Geld, die Münzen, hingen anfangs von ihrem Edelmetallgewicht ab. Nach und nach wurden Nennwerte auf die Münzen geprägt, so dass der Gold- bzw. Silberanteil immer weniger werden konnte. Der Denar war über mehrere Jahrhunderte die am weitesten verbreitete Währung, von Britannien bis in den Orient, von Nordafrika bis an die Alpen war er verbreitet. Außenhandel darüber hinaus war damit aber kaum möglich. Oft regierte da noch der Tauschhandel, so dass auch der Denar verschwand. Und mit ihm das Römische Reich. Oder umgekehrt. Die Parallelen zur Gegenwart sind schon im Anfangsstadium der Geldgeschichte erkennbar…

Im Mittelalter war das Geld die Triebfeder der Macht. Was im Römischen Reich begann, wurde nun zur Perfektion getrieben. Die ersten Wechsel machten die Runde. Sie waren Liquiditätsbeweis und teilweise auch Zahlungsmittel zugleich. Die ersten Banker schufen ihr Imperium. Ab der Renaissance wurden sie das, was heute als Promi bezeichnet wird. Die Ersten, die die Macht des Geldes mit politischer Macht vermischten, waren Jakob Fugger in Deutschland und die Medici im heutigen Italien. Wobei ihre Macht weit über die Landesgrenzen hinaus reichte. Sie waren die ersten global player im Finanzsystem.

Henry Werners „Geschichte des Geldes“ ist eine lesenswerte Anekdotensammlung aus der Welt des Geldes. Darüber hinaus vergisst er jedoch niemals die Grundlagen früherer und heutiger Geldsysteme. Wer die Grundlagen des Handels, des Geldes und der Macht versteht, wird die Geschichte des Geldes wie einen Roman lesen. Zahlreiche Abbildungen unterstreichen intensiv die gemachten Aussagen.

Geld in der Tasche zu haben, ist eine wunderbare Sache. Ihre Geschichte zu verstehen, bedeutet auch Gefahren zu erkennen und entsprechend zu handeln. Mit der Lektüre dieses Buches wird man nicht zum Finanzjongleur erster Klasse, aber man versteht warum manche doch so einleuchtenden Hilfsszenarien einfach niemals funktionieren werden.

Finanzblasen gab es schon vor dreihundert Jahren, brachten einen Riesen wie Frankreich fast zu Fall. Die Nationalwährungen Dollar, Yen, Pfund, Mark – woher kommen sie? Dieses Buch ist reich bebildert und kenntnisreich zugleich. Wer sich nicht nur die die Penunzen in der eigenen Tasche interessiert, sondern ihre Herkunft erkunden will, muss dieses Buch gelesen haben.

Die Bilderwelt von Lascaux

Die Bilderwelt von Lascaux

Zuerst malen wir das, was uns möglich ist. Dann das, was wir sehen. Nur wenigen ist es vergönnt ihre Beobachtungen und ihre Phantasien in Bildern auszudrücken. Die Bilderwelt von Lascaux ist eine der ersten Galerien der Welt, und die Künstler bekommen nicht mal Tantiemen. Und zu besuchen sind die Originale auch nicht. Denn durch die ausgeatmete Luft der Besucher würden die Exponate leiden und letztendlich auf Nimmerwiedersehen verschwinden.

Ein trauriges Schicksal, dass durch Lascaux II, den originalgetreuen Nachbau nur wenige hundert Meter von der eigentlichen Höhle, kompensiert wird. Nur wenige Jahre nach ihrer Entdeckung und Erschließung wurden das Höhlenmuseum wieder geschlossen, weil sich Algen und Schimmel gebildet hatten.

Vor rund 15.000 Jahren entstanden in einer Höhle im Tal der Vézére in der Dordogne diese detailreichen Abbildungen des Alltags des so genannten Cro Magnon Menschen, ein Begriff, den nur die europäische Wissenschaft benutzt. Anhand der Kunstfertigkeit werden sie als moderne Menschen bezeichnet. Moderne Kunst unter der Erde!

Iris Newton geht den Ursprüngen auf den Grund, deutet die Malereien, versucht Techniken und Hilfsmitteln zu ergründen und macht die Bedeutung der Höhlen deutlich. Sie geht einer ganzen Epoche auf den Grund, setzt das Vorhandene in den richtigen Kontext. Die Höhlen im Original zu betrachten, ist lediglich Forschern vorbehalten. Doch seit über dreißig Jahren Besucher die Möglichkeit die exakte Kopie zu besichtigen. Die Abbildungen zeigen Wildtiere, die es zum Teil heute gar nicht mehr gibt. Ur, Damhirsche und Höhlenlöwen sind derart lebendig abgebildet, dass man sich wie im 3D-Film fühlt.

Heute ist die Forschung so weit, dass man die verwendeten Materialien bestimmen kann, weiß woher sie kamen. Die einzigen Fragen, die nicht beantwortet werden können, sind die nach dem warum und wer sie gemalt hatte. Signaturen gab es damals noch nicht. So kann jeder, der die Höhlen besucht sich seine eigene Geschichte zur Geschichte zusammenreimen. Oder er liest dieses Buch! Die Autorin schafft es in eindringlichen Sätzen ihre Begeisterung in allgemein verständliche Leidenschaft umzusetzen. Für alle, denen Pleistozän, Holozän, Kaltzeiten, Magdalénien und andere Fachbegriffe nicht so geläufig sind, findet auf den letzten Seiten eine sehr aufschlussreiche Einordnung, zu der man anfangs des Öfteren hinblättert. Doch schon nach wenigen Seiten fühlt man sich zuhause in der Welt der Wissenschaft. Zur Entspannung beim Lesen – das Buch ist eben kein Roman, sondern ein Sachbuch – tragen die zahlreichen Abbildungen bei, oft erstrecken sie sich über eine Doppelseite.

Algier-Trilogie: Morituri – Doppelweiß – Herbst der Chimären

Morituri - Doppelweiß - Herbst der Chimären

Morituri

Kommissar Brahim Llob ist ein Schnüffler wie man ihn sich wünscht, wenn man Hilfe braucht. Er ist der ärgste Feind, wenn er einen am Beinkleid zerrt. Der Freund, auf den man immer zählen kann, mit dem man auch mal etwas derbere Scherze macht. Der Feind, den man nicht einschätzen kann, der aufmüpfig ist, die Meinung (manchmal auch die Faust) ungefiltert entgegen schleudert. Korruption überlässt er generös den Anderen.

Und nun soll ausgerechnet dieser Mann, dem Anbiedern ein Graus ist, dem großen Ghoul Malik, einer Ikone der Vetternwirtschaft Algiers und ganz Algeriens, zu Diensten sein? Dessen Tochter Sabrine ist seit Wochen verschwunden. Der Ruf als exzellente Spürnase eilt Llob voraus. Nun ja, es ist sein Job Leute wieder aufzuspüren. Doch bitte schön, auf seine Art.

Doch das ist nicht der einzige Fall, an dem er arbeitet. Ein Komiker, der erpresst wird, fällt genauso einem Anschlag zum Opfer wie einige andere Verdächtige. Ein Club, der sich als Bordell herausstellt. Eine mögliche Verbündete segnet das Zeitliche. Und mittendrin Brahim Llob.Die Mörder machen auch vor der Polizei nicht halt. Ein Teammitglied wird ermordet.

Die Mächtigen des Landes haben überall ihre Finger im Spiel. Sie berufen sich auf ihre Ruhmestaten während des Befreiungskrieges, geiseln aber ihre Heimat, um die sie einst kämpften (zumindest gaben sie es vor), wie es nie zuvor der Fall war. Dass er aufpassen muss, weiß Llob seit Jahren. Er ist der Bulle. Viele würden ihn lieber heute als morgen tot sehen. So ist jeder Tag ein Geschenk für ihn. Schmeicheleien perlen an ihm ab. Einflussnahme riecht er schon lange bevor sie sein Ohr erreicht. Sarkasmus lässt ihn die auferlegte Untätigkeit und die Korruption im Lande ertragen.

Kommissar Llob schlägt sich durchs Leben. Nicht mal mehr oder weniger gut, sondern immer wieder, tagein, tagaus. Er verzweifelt nicht an den oft so aussichtslosen Situationen. Er sucht sich dann eben ein Schlupfloch, durch das er entschwinden kann, um der Gerechtigkeit zum Sieg zu verhelfen. Dass er dazu auch manchmal über die Stränge schlägt, macht ihn sympathisch. Und letzten Endes findet er, was er sucht. Die Auflösung des Falles ist in „Morituri“ ein gelungenes Happy end für den Leser und Genugtuung für den schreibenden Kommissar.

 

 

Doppelweiß

Das Schreiben ist für Brahim Llob mehr als nur ein bloßer Zeitvertreib. Seine Bücher werden ja schließlich auch gelesen. Unter anderem von Ben Ouda. Der arbeitete sich einst vom armen Bauernjungen zum erfolgreichen Diplomaten hoch. Er war so erfolgreich, dass man ihm einst mit übler Nachrede das Leben mehr als schwer machte. Damals, da war Kommissar Llob noch nicht Kommissar. Irgendwo im Nirgendwo versah er seinen Dienst. Und er hielt große Stücke auf Ben Ouda. Denn der Intellektuelle schien die richtigen Ideen für die Entwicklung Algeriens parat zu halten. Doch dann trennten sich ihre Wege. Llob ging nach Algier, wurde Kommissar. Ouda stieg immer weiter auf und wurde … am auffälligsten … fett. Doch seine Ideen keimten immer noch. Die beiden treffen sich. Ouda kann sich beim besten Willen nicht an den jungen Llob erinnern und schon gar nicht an dessen Heldentaten. So philosophieren die beiden. Bis Ouda endlich mit der Sprache rausrückt und dem sich fragenden Llob den Grund ihres Zusammentreffens mitteilt. Er will mit Llobs Hilfe ein Buch schreiben, in er große gesellschaftliche Veränderungen vorstellen möchte. Auch hat er geheime Papiere. Llob will es sich überlegen.

Doch zu lange. Denn schon bald ist Ouda tot. Nachdem das Team um einen Ermittler dezimiert wurde, kommt eine echte Verstärkung zu Llob und seinem Leutnant Lino: Ewegh Seddig, ein Hüne, ein Schrank von einem Kerl. Und er weiß um seine (Schlag-)Wirkung… das Trio ermittelt und stößt relativ schnell auf den Namen Dahmane Faïd. Der hat es geschafft in all den Jahren nach der Befreiung Geld und Macht im Überfluss anzuhäufen. Der schienbare Sozialismus Algeriens kam ihm dabei anfangs entgegen, später musste er sich Verbündete suchen. Faïd gehört zu der Sorte Menschen, mit denen sich Llob besonders gern anlegt. Typen, die meinen alles und jeden kaufen zu können. Leider gibt ihnen die Realität oft genug recht. Doch Llob ist da anders.

Günstlingswirtschaft und Bereicherung am Reichtum des Volkes – stehen im Fokus von „Doppelweiß“. Das alles scheint so weit weg, in einem Land, das so gut wie gar nicht in den Medien auftaucht. Doch schon beim Lesen tauchen erste Parallelen zur Gegenwart auf. Machtgierige Geier, die sich allen Richtungswechseln zum Trotz mehr als lebensnotwendig über Wasser gehalten haben und immer und überall ihre Finger im Spiel haben. Ein perfider Plan zum Umsturz der Gesellschaft ohne Folgen für diejenigen, die daran so gar kein Interesse haben, bildet den Auftakt zu einer Mordserie, bei der es letztendlich keinen Gewinner gibt. Aber Einen, der das Rätsel löst.

 

Herbst der Chimären

Man hätte es ahnen können, vielleicht sogar müssen: Ein schreibender Kommissar, der die Missstände im Land anprangert – das kann nicht lange gutgehen. Und wird ihm, Brahim Llob, eines seiner Werke zum Verhängnis und der Gang zum obersten Chef zu seinem Letzten. Die Dienstmarke ist futsch. Aus und vorbei der ewige Kampf um Ordnung auf den Straßen Algiers. Vorbei der Kampf für die Gerechtigkeit. Haben die Oberen gesiegt? Die Schlacht vielleicht…

Beim Besuch seines Freundes Arezki Naït-Wali, einem Intellektuellen, wird es ihm klar: Die, die sich Gedanken machen, sind Fluch und Segen zugleich. Ein Segen für jedes Land und jede Gesellschaft, die sie analysieren und verbessern wollen. Fluch für diejenigen, die das zu verhindern wissen. Denn Veränderungen ohne deren Einflussnahme ist keine gute Veränderung. So einfach ist die Welt!

„Herbst der Chimären“ gerät zu einer Art Abrechnung und Abgesang auf die Hoffnung für ein friedliches und lebenswertes Algerien. Die religiösen Fanatiker sind zum Spielball von denen geworden, denen sie nützlich sind: Finanz-Mafia, -Haie, -Jongleure wie auch immer man sie nennen mag.

Wem es nicht schon zuvor aufgefallen war: Brahim Llob ist Yasmina Khadra und die / der ist Mohammed Moulessehoul. Als hoher Offizier in der algerischen Armee hatte er schon Bücher in seinem Heimatland veröffentlicht. Doch mit der Algier Trilogie konnte er unmöglich in Algerien unter seinem eigenen Namen in Erscheinung treten. Seine Frau (Llobs Ehefrau heißt Mina) stellte ihm ihren Namen zur Verfügung, um der Nachwelt ein Zeugnis über den Bürgerkrieg in Algerien in der 1990er Jahren hinterlassen zu können. Ihr und ihrem Mann ist es zu verdanken, dass man heute so detailliert über diesen Krieg, der mehr als einhunderttausend Opfer forderte, Bescheid weiß.

Susana – Requiem für die Seele einer Frau

Susana

Pater Antonio muss sich in seiner kleinen Gemeinde irgendwo im Argentinien der Schreckensherrschaft des Militärs um seine Schäfchen kümmern. Es ist nicht das Argentinien ausgelassener Fußballfeste, auch nicht das Argentinien melancholischen Tangos. Es ist das Argentinien, indem jeder jedem misstraut, Menschen grund- und spurlos verschwinden. Sein Vorgesetzten und Kollegen raten ihm fortwährend, dass es sich nicht lohnt sich mit den Oberen anzulegen.

Eines Tages – wieder einer, an denen er die Predigt las, mehr nicht – fällt ihm eine junge Frau auf. Er kennt sie nicht, doch sie scheint ihn zu kennen. Nach langem Zögern – sie weiß nicht, ob er der Gesuchte ist, und er weiß nicht, ob er ihr vertrauen kann – übergibt sie ihm eine Schachtel. Dann ist sie fort. Verschwunden in der Staubwolke eines Fahrzeugs. Zögerlich öffnet er die Schachtel. In ihr liegen zusammengeknüllte Zettel, ohne jede Ordnung. Nach und nach setzt er die Puzzleteile zusammen. Die Wortfetzen lösen in ihm blankes Entsetzen aus. Er beginnt die Zettel zu ordnen. Es ist das Tagebuch von Susana. Sie wurde eines Morgens ohne Ankündigung aus dem elterlichen Haus gezerrt, verschleppt, vergewaltigt, bestialisch gefoltert und … da die Notizen eines Tages abrupt abbrechen, aller Wahrscheinlichkeit ermordet.

Der Pater sieht seine Arbeit unweigerlich nicht mehr nur als pure Seelsorge an. Die Aufzeichnungen, die er abschreibt und so für die Nachwelt erhalten will, politisieren ihn zusehends. Er muss erkennen, dass er die Autorin kennt und fragt sich, ob er ihr Schicksal positiv hätte beeinflussen können. Immer öfter plagen ihn die Gedanken an das, was er möglicherweise verhindern konnte. Schweißgebadet wacht er nachts auf.

Omar Rivabella schreibt über das düsterste Zeitalter argentinischer Geschichte. Unter General Videla und der Militärjunta wurden innerhalb von wenigen Jahren zehntausende Menschen verschleppt und auf Nimmerwiedersehen verscharrt. Bis heute demonstrieren die Madres de Plaza de Mayo, damit die Namen ihrer Kinder nicht vergessen werden. Die Zerrissenheit des Paters ist exemplarisch für Millionen von Argentiniern, die während der Diktatur Vermutungen hatten, aber keine Möglichkeit sahen ihr Wissen kund zu tun. Die Schergen der Junta konnten plötzlich in der Tür stehen und Tragödien unermesslichen Ausmaßes anrichten. Doch es gab auch Lichtblicke wie sie Susana erlebte. Einer der Wächter war mitverantwortlich, dass ihre Aufzeichnungen nach draußen gelangten.

„Susana – Requiem für die Seele einer Frau“ ist von solch beklemmender Nüchternheit, schonungslos und erbarmungswürdig, dass es einem schon ab den ersten Seiten die Kehle zuschnürt.

50 Erdschätze, die unsere Welt veränderten

50 Erdschätze, die unsere Welt veränderten

Wenn beim Spazierengehen ein Elternteil tönt: „Lass das liegen! Das ist schmutzig!“, lächelt man über den Entdeckergeist von so manchem Nachwuchs. Er macht das, was schon seit Anbeginn der Menschheit getan wird: Dinge aus dem Boden holen. Sie sichtbar machen. Ihnen einem Zweck zuführen. Eric Chaline hat – nach „50 Tiere, die unsere Welt veränderten“ – sein Augenmerk auf die Erdschätze gerichtet.

Der Einband verrät schon so einiges, was den Leser erwartet: Gold, Schwefel, Bimsstein. Edelmetalle und besonders Edelsteine faszinieren seit jeher die Menschen durch ihre optische Strahlkraft. Ihr materieller Wert ist der Seltenheit und der Schwierigkeiten beim Abbau anhängig. Man stelle sich vor, das statt Schotter und Kies Gold auf den Wegen liegen würde. Kein Mensch würde sich Straßenbelag an den Finger stecken oder in der Bank deponieren.

Es sind nicht nur die seltenen – sehr teuren – Spekulationsobjekte, die unser Leben veränderten und es noch immer tun. Lehm, Kohle und sogar Sand sind elementar wichtig für unseren Alltag. Alles, auf dem wir uns bewegen, mit dem wir tagein, tagaus zu tun haben, kommt irgendwie aus dem Inneren der Erde. Sie traten freiwillig ans Tageslicht oder wurden teils unter schwersten Bedingungen an die Oberfläche befördert.

Eisen ist ein Stoff, der in der jüngeren Vergangenheit so komplex wie etwas anderes genutzt wurde. Veredelt als Edelstahl (wie soll er denn sonst heißen?!) ist er Hauptbestandteil der meisten Küchen. Steakliebhaber schwören auf ihre „Gusseiserne“. Paris ohne Eisen? Unvorstellbar, dass der Eiffelturm aus einem anderen Material gefertigt wäre. Die industrielle Revolution wäre ohne Eisen ein Stürmchen im Wasserglas gewesen. Nein, sie hätte nie stattgefunden.

„50 Erdschätze, die unsere Welt veränderten“ ist ein Aufmerksammacherbuch. Viele Stoffe, Metalle, Dinge nehmen wir als gegeben hin und sind erstaunt, wenn wir darüber nachdenken, wie viel in den vergangenen Jahrtausenden schon geschaffen wurde. Wenn man dann noch einen Schritt weitergeht, kann man sich zusammenreimen, dass noch lange nicht alles erforscht ist und es noch jede Menge gibt, was in der Erde schlummert und darauf wartet an der Oberfläche für Veränderungen zu sorgen. Dieses Buch ist eine weitere Entdeckung. Es liest spannend wie ein Krimi, ist lehrreich wie ein guter Lehrer und exzellent illustriert.

Briefe!

Briefe!

Das Internet vergisst nie. Bücher auch nicht! Briefe hingegen können schon mal verloren gehen. Simon Garfield setzt mit „Briefe!“ ein weiteres Ausrufezeichen, nachdem er den Karten bereits ein kleines Denkmal setzte.

Wir, die wir in der Gegenwart leben, sind Zeugen wie ein Kommunikationsmittel stirbt. Wenn wir Briefe bekommen, sind es meist Rechnungen, Werbeschriften oder Ankündigungen. Alles offiziell. Kaum Privates, geschweige denn Liebesbriefe. Eine Einladung zum Essen schickt man heutzutage auch kaum noch. Und dabei ist es gar nicht so lang her, dass die Post fast das einzige Kommunikationsmittel war. Urlaubsgrüße aus fernen Ländern sind die letzte Bastion des privat geschriebenen Wortes.

Simon Garfields Neugier auf Briefe wurde durch eine Auktion geweckt. Er erwarb unter anderem einen Briefwechsel eines Magiers mit dem magischen Zirkel, in dem einige Tricks verraten wurden.

Wer sich mit Briefen beschäftigt, kommt am Menschen nicht vorbei. Denn Briefe sind der Spiegel des Lebens schlechthin. Ohne sie wäre die Wissenschaft um eine Wissensquelle ärmer. Die ältesten erhaltenen (und vor allem übersetzbaren) Briefe sind um die zweitausend Jahre alt. Meist handelte es sich bei ihnen um belanglose Abhandlungen. Gelehrte wie Plinius der Jüngere halten da schon mehr Substanz parat. Beispielsweise von einem Dinner bei Julius Caesar.

Der Autor beschränkt sich nicht allein auf das bloße Sammeln und Aufzählen wer wann wem was geschrieben hat. Vielmehr setzt er die Briefe in einen historischen Kontext. So ist „Briefe!“ mehr als nur ein Kulturabriss, eine Zusammenstellung aus mehreren Jahrhunderten, sondern echter Geschichtsunterricht. Doch auch die Entwicklung, die Feinheiten der Technik und die zahlreichen Kuriositäten halten den Leser bei der Stange.

Die Anzahl derer, die einzig allein per Brief sich austauschen, ist verschwindend gering. Dabei ist es so einfach einen Brief zu schreiben. In drei Abschnitten begibt sich der Leser auf eine Zeitreise unter dem Motto „Wie man Briefe schreibt“. Und schnell stellt man fest: So groß sind die Unterschiede im Laufe der Jahrhunderte nicht geworden. Wer etwas mitzuteilen hat, verfährt immer noch nach dem gleichen Muster. Insofern ist der Brief immer noch modern. Nur die Art der Übermittlung hat sich verändert.

Unter www.weltderbriefe.de sind einige bedeutende Beispiele der Vergangenheit erfasst. Oscar Wilde, exzentrisch bis ins Blut, wagte eines Tages einen Versuch. Er schrieb einen Brief, frankierte und warf ihn … auf die Straße. In der Hoffnung, dass es eine treue Seele gibt, die ihn in den dafür vorgesehenen Briefkasten wirft. Das war auch der Startschuss für den Blog  „Welt der Briefe“. Bei Wilde dauerte es eine gewisse Zeit, der Startschuss-Brief wurde bereits am nächsten Tag zugestellt.

Fortschritt kann nur mit Geschichte beginnen. Kleine Holztäfelchen sind die ältesten überlieferten Belege von Briefen. Sie sind zerbrechlich und mit äußerster Vorsicht zu behandeln. Heutzutage bestimmen Kurznachrichten unsere Kommunikation. Abkürzungen gelten als die neueste Errungenschaft im digitalen Zeitalter. Doch auch da irrt man sich: Die Römer kannten schon SVBEEQV, was heute einem „How are You“ gleichkommt. SVBEEQV steht übrigens für „si vales, bene est, ego quidem valeo“. Lateinisch, auch so eine Sache, die für tot erklärt wurde und doch immer noch weiterlebt. Genauso wie Briefe, und sei es in einem Blog.

Die schönsten Weihnachtsbräuche

Die schönsten Weihnachtsbräuche

Eine neue Spielekonsole, das neueste Smartphone, elektronische Gadgets – Weihnachten wirft seine Schatten voraus. Immer ausgefallener – meint so mancher – sind die Wünsche, die es zu erfüllen gibt. Doch eines bleibt: Die Tradition Weihnachten zu feiern. Die Rituale hat jede Familie selbst erarbeitet. Und die bleiben! Trotz aller Neuerungen.

Da ist der kinderaugenverzückende Adventskalender. Vierundzwanzig Mal Spannung und unbändige Freude. Manch einer kann davon auch als Erwachsener nicht ablassen. Besonders, wenn die Oma diesen so liebevoll gestaltet hat. Adventskränze spenden nicht nur ein heimeliges Licht und Wärme, sie sind die Vorboten des Festes schlechthin. Oder das alljährliche Weihnachtsbaumschmücken, was wohl nur in Comedysendungen im Chaos endet.

Achtzehn Bräuche werden in diesem Buch vorgestellt. Viele kennt man und zelebriert sie auf eigene Art. Doch einige sind den meisten unbekannt. Wie der blühende Barbarazweig. Am 4. Dezember schneidet man Kirschzweige vom Baum und stellt sie in eine Vase. Blühen sie bis Weihnachten, hält das Glück ein Jahr an. Der 4. Dezember ist der Namenstag der Heiligen Barbara, die für ihren Glauben in den Kerker gesteckt wurde. Am Tag ihrer Hinrichtung blühte der Zweig.

Einen Tag später werden die Schuhe geputzt, damit am Sechsten der Nikolaus seine Geschenke darin ablegt. Wiederum eine Woche später, am 13., feiert man vor allem noch in Schweden und anderen skandinavischen Ländern das Lucia-Fest. Lucia lebte um 300 herum in Italien und besuchte an diesem Tag die Verfolgten Christen. Heute schreitet ein weißgewandetes Mädchen mit einem Kerzenkranz auf dem Kopf vor einer Gruppe Kinder und singt Weihnachtslieder.

Auch das Schlendern über Weihnachtsmärkte ist ein Brauch. Was man bei so manchem Besucher, der kurz vor Feierabend fröhlich lallend noch einen „lühwei .. en“ bestellt, nicht vermuten sollte. Diese Märkte sind seit dem 14. Jahrhundert Tradition und mittlerweile ein fester Bestandteil im Tourismusprogramm vieler Städte.

Fast in Vergessenheit geraten, ist die Weihnachtspost. Als Marketinggag wird jedes Jahr das Weihnachtsmanndorf in Finnland von einer Papierwelle erfasst. Doch nur handschriftliche Post erreicht den Weihnachtsmann und erst dann erfüllen sich die Wünsche…

Nicht zuletzt gibt es den Glück verheißenden Brauch des Küssens unterm Mistelzweig. Ursprünglich in Großbritannien verbreitet, findet er auch im Rest der Welt immer mehr Anhänger. Woran das wohl liegt?

Dieses kleine Büchlein regt an Weihnachten immer weiter mit Bräuchen zu verschönern. Es ist das Fest mit den meisten Traditionen. Ein echtes Erinnerungsstück, das allein schon seine nostalgische Aufmachung Erinnerungen jedes Jahr auf Neue zu entdecken. Die ganzseitigen Abbildungen werfen den Blick zurück an eine Zeit, in der man – je nach Alter – bei Oma oder Uroma auf dem Schoß saß und leckere Plätzchen naschte. Sie war es auch, die mit dem Adventskalender Weihnachten schmackhaft machte …

Das Zeitalter des Sonnenkönigs

Das Zeitalter des Sonnenkönigs

Vor dreihundert Jahren erlosch die Sonne Ludwig des Vierzehnten und warf einen gewaltigen Schatten in der Geschichtswelt. Er schuf Versailles, ihm schrieb man „L état, c’est moi!“ zu. Und charakterisierte ihn mit „Er glänzte wie die Sonne und stank wie eine Sau“. Ist das alles, was von dem über ein halbes Jahrhundert regierenden Sonnenkönig übrig bleiben sollte? Von ihm, dem Enkel von Henri quatre und Maria de Medici? Von Louis quatorze.

Sieben Autoren beleuchten ihn, den strahlenden Herrscher und die Zeit, die er so sehr prägte, auch über die Grenzen seines Reiches hinaus.

Das Buch beginnt auch gleich mit einem Paukenschlag. Der junge Monarch ist gerade mal ins Teenageralter geschlüpft als sein Vater stirbt. Der Adel begehrt auf, so dass sich seine Mutter gezwungen sieht aufs Land zu flüchten. Nur zwei Jahre später stehen die Aufrührer im Schlafzimmer des noch jungen Königs. Wieder entkam er nur denkbar knapp. Und dann das! Sein Finanzminister Fouquet erlaubte es sich ein prächtiges Schloss zu bauen. Prächtiger als das des Königs. Die königlich geforderte Todesstrafe konnten die Richter noch einmal abwenden, doch zwei Jahrzehnte Gefängnis sind auch kein Zuckerschlecken. Versailles entstand und stürzte Frankreich in eine Finanzkrise, die erst mit dem Tod des Monarchen ausbrach. Von den 54 Jahren, die Louis XIV. regiert, führte er 34 Jahre Krieg. Nach all dem Leid, dass Krieg mit sich bringt auch ein finanzielles Desaster. Doch der König ließ sich nicht beirren. Eine seiner herausragendsten Eigenschaften. Versailles verschlang so viel Geld, dass es jeden Bankchef heutzutage wie einen besonnen Volkswirt aussehen lässt. In Versailles scharte Louis XIV. den Adel um sich, hielt sie mit Festen bei Laune. Wer ausbüchste, wurde mindestens mit Nichtachtung bestraft.

Louis XIV. war der lang ersehnte Thronfolger. Damals durften Frauen noch nicht den Thron besteigen, was einige Monarchien bis heute durchhalten. Ein Gottesgeschenk war er, sollte strahlen wie die Sonne. Seine Mutter schenkte seinem Vater bislang keinen Sohn, was ihr den Status einer Gefangenen einbrachte, der erst mit der Geburt des Nachfolgers und dem Tod des Vaters enden sollte. Sie geriet zu einer glühenden Französin, die ihre österreichischen Wurzeln und ihre spanischen Bande mit einem Mal löste. Jules Mazarin wurde der neue mächtigste Mann im Land – ihm unterstand die Erziehung des neuen Königs. Lesen, Schreiben, Rechnen, Zeichnen sowie Unterricht in Italienisch und Spanisch standen auf dem Stundenplan. Die Stunden im Tanzen waren wohl die nachhaltigsten. Denn später, während der Zeit der Feste in Versailles ließ es sich der Regent nicht nehmen selbst eine kesse Sohle aufs Parkett zu legen. Was Nero einst verwehrt blieb, brachte Louis XIV. Achtung und Respekt ein. Echt oder gekünstelt? Ihm war‘s egal, er war der unumstrittene Herrscher Frankreichs.

Louis XIV. ist kein Mythos. Er war echt. Und er wirkt bis heute nach. Die Abhandlungen in diesem Buch zeichnen den Weg eines Menschen nach, der auf den ersten Blick widersprüchlich erscheint: Musisch begabt und höllisch machtversessen, Feingeist und Geldverschwender zugleich, Förderer der Musen und Kriegsherr gleichermaßen, gebildet und roh mit gleichbleibender Intensität.

Die zahlreichen Abbildungen und die umfangreich recherchierten Texte ebnen den Weg zu Louis XIV. Und sie geben den Blick frei auf das, was heute Europa ausmacht. Alles, was heute als neu verkauft wird, basiert auf einem Mann: Louis quatorze. Der, der bis heute in Sprache, Ballett, Architektur und vielen anderen Aspekten des kulturellen Lebens fortlebt.

Marie Antoinette und die Halsbandaffäre

Marie Antoinette und die Halsbandaffäre

Es ist immer wieder schön zu sehen wie „die da oben“ auf die Nase fallen. Doch genauso sicher ist auch, dass „die da oben“ auch wissen wie man da wieder rauskommt. Louis XVI. König von Frankreich heiratete einst Marie Antoinette, die Schwester von Karl Joseph II., Kaiser von Österreich. Sie stand mehr als „normal“ unter dem Einfluss ihrer Mutter Maria Theresia.

Ihr Gegenspieler in dieser Posse, dieser Affäre, diesem Skandal war Kardinal-Erzbischof Louis René Édouard de Rohan. Er stammte aus einer der reichsten und einflussreichsten Familien Frankreichs. Seinen klerikalen Titel hatte er nicht umsonst bekommen… Natürlich suchte er die Nähe der Königin, doch die ließ keine Möglichkeit aus, ihn spüren zu lassen, dass sie ihm in keinster Weise zugetan ist.

Es war ein bisschen wie es heute noch oft der Fall ist: Hinterbänkler sucht mit fragwürdigen Methoden die Aufmerksamkeit der vor ihm Sitzenden zu erhaschen. Meist passiert das heute während der so genannten Saure-Gurken-Zeit, wenn das Parlament in der Sommerpause ist.

In Jeanne de la Motte, einer Adligen, die dank des Ungeschicks ihrer Ahnen nur noch per Namen blauen Geblüts war, bekommt Rohan scheinbar die Möglichkeit sich der Königin zu nähern. Er lässt sich dazu hinreißen ein sündhaft teures Geschmeide, ein Halsband, fertigen zu lassen, welches er der verarmten Jeanne de la Motte, geborene Valois, übergibt. Die denkt nicht daran es der Königin zu überreichen. Sie verduftet. Und der gehörnte Rohan bleibt auf den selbst für ihn enormen Schulden sitzen. Und auch der Juwelier wird nicht bezahlt.

Als Sündenbock wird Rohan ausgemacht. An Mariä Himmelfahrt, dem 15.6.85, 1785, wird er abgeführt. Er hat zwei Möglichkeiten: Die Strafe des Königs, wir sind im Zeitalter des Absolutismus, da hat nur einer recht, und der trägt ’ne Krone, anzunehmen oder sich vor Gericht zerren zu lassen. Dumm nur, dass der König auch gleichzeitig Richter ist. Um die absolutistischen Neigungen zu verschleiern, lässt der König seine Untertanen seine Arbeit verrichten. Der Ausgang des Verfahrens hat keine Sieger. Ein paar Jahre später wird alles Royale einen Kopf kürzer gemacht. Die Intrigantin wird gefoltert, gebrandmarkt und verbannt. Kurze Zeit später kann sie ganz offiziell fliehen, ohne dass die Behörden ihr auf die Pelle rücken werden. Der Klerus insistiert gegen den König. Das Volk wird durch die Veröffentlichung der Prozessakten genau über die Machenschaften ihrer Regenten informiert.

Wer Parallelen zur Gegenwart ziehen will, ist herzlich eingeladen, dies zu tun. Auch 230 Jahre später „die da oben“ immer noch dabei ihr Tun und Handeln zu verschleiern. Ihre Skandale sind heute jedoch in der Mehrzahl Belustigungsobjekt und Teil der Zerstreuungsmaschinerie. Wer letztendlich Täter und wer Opfer war, kann sich nur schwer sagen lassen. Beide Lager haben ihren Beitrag geleistet. Es gibt keine Nur-Täter und keine Nur-Opfer.

Sich an das zu erinnern, was vor einem Jahr war, fällt schwer. Was vor zehn Jahren passierte, dafür braucht man meist schon Hilfe von der Familie und Freunden. Aber vor 230 Jahren: Dafür braucht man Bücher. Bücher wie dieses. Ein Ereignis, in dem sich die Mächtigen eines Landes des Verrates an selbigem strafbar machen, ein Buch zu widmen, macht Geschichte erlebbar. Nun sind es nicht mehr nur (Jahres-)Zahlen, die man für eine eventuelle Prüfung benötigt, es sind Menschen, echte Ereignisse und Skandale, die dem oft ungeliebten Fachgebiet Geschichte ihren Reiz verleihen. Vor allem, wenn sie so ansprechend formuliert und so detailreich beschrieben sind.

Meine Skandale

Meine Skandale

Wenn man den Namen Gabriel Astruc auf der deutsche Seite von Wikipedia eingibt, sieht man den Namen rot unterlegt. Kein Artikel. Eine kurze Nennung, mehr nicht. Er erbaute das Théâtre des Champs Èlyssée, das 2013 in Paris sein hundertjähriges Bestehen feiern konnte – der Name erinnert an den ursprünglich gedachten Platz. Fast vier Jahre dauerte der Bau des imposanten Gebäudes, von der Genehmigung bis zur Eröffnung, das vom ersten Tag an Erfolge feierte bzw. Skandale produzierte wie kaum ein anders Haus.

Claude Debussy und  Richard Strauss dirigierten hier ihre Werke. Das Ballett Russes wurde frenetisch bejubelt. Es waren die letzten Jahre der Belle Epoque. Paris war auf dem Höhepunkt der künstlerischen Schaffenskraft. Die Impressionisten waren anerkannt, der Kubismus und Expressionismus waren auf dem Sprung. In den Cafés traf man Künstler, deren Namen heute zu Synonymen geworden sind. Dennoch war es eine traditionelle Zeit. Man konnte sich nicht alles erlauben. Das musste auch Gabriel Astruc schmerzvoll lernen. Der zeitgenössischen Musik galt sein Herz, was ihm doch sehr schnell gebrochen wurde.

Zur Eröffnung des Tempels der Moderne wagte er das Risiko und hob „Benvenuto Cellini“ von Hector Berlioz auf den Premierenspielplan. Ein Stück, das bei der Uraufführung schon für Furore sorgte und dem keine lange Spielzeit vergönnt war.

Das Théâtre des Champs Èlyssée war zwei Monate geöffnet. Claude Debussys „Jeux“ sorgte nicht gerade für Begeisterungsstürme, um es milde auszudrücken. Ende Mai 1913 sollte Igor Strawinskys „Le sacre du printemps“ uraufgeführt werden. Im Publikum saßen Picasso und Chanel. Auf der Bühne wirbelten die Tänzer zur Choreographie von Vaslav Nijinsky. Im Foyer, nach der Vorstellung, tobte das Publikum. Eine Fraktion war begeistert, und sah sich den Anfeindungen der Gegner ausgesetzt.

Gabriel Astruc hatte bereits Jahre zuvor im Théâtre du Châtelet einige Skandale auszuhalten. Er war sich seiner Sache immer sicher, weswegen auch kaum schnöde Beschimpfungen seiner Kritiker in seinen Memoiren zu lesen sind. Die Zeit gab ihm recht. Er hatte ein glückliches Händchen für Skandale. Für sich selbst übersetzt er Skandal mit Stolperstein.

Seine Biographie „Meine Skandale“ ist kein Handbuch des Scheiterns. Es ist vielmehr die Bibel des Mutes. Man konnte ihn beschimpfen, anfeinden, sich über ihn beschweren. Doch Kleinkriegen ließ er sich nicht. Das ist sein Vermächtnis.