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Das Herbarium der Heil- und Giftpflanzen

Das Herbarium der Heil- und Giftpflanzen

Wenn’s weh tut, nimm ‘ne Pille. Wenn’s dauerhaft weh tut, greif auf alte Hausmittel zurück. Warum sich nicht gleich auf Mutter Natur berufen? Schätzungen zufolge sind 35.000 bis 80.000 Blütenpflanzen auch als Heilpflanzen anzusehen. Und demzufolge auch zu benutzen. Nicht alle wachsen um die Ecke, auf den Feldern, in Gärten, am Wegesrand. Doch Vorsicht, die Menge macht’s. Viel hilft viel – trifft bei Giftpflanzen nicht zu. Besser nochmal nachschauen, bevor man sich der Botanik an den Hals wirft. Oft scheitert die natürliche Heilmethode schon daran, dass man nicht weiß wie die heilenden Pflanzen überhaupt aussehen. Und das obwohl Generationen von Forschern sorgsam ihre Entdeckungen in Herbarien angelegt haben. Bernard Bertrand ist der Geschichte nachgegangen und die eindrucksvollsten Herbarien in diesem Prachtband versammelt.

Alle abgebildeten Pflanzen sind giftig und / oder heilend zugleich. Was das Buch so einzigartig macht, ist die Tatsache, dass die abgebildeten Pflanzen im Maßstab Eins zu Eins wiedergegeben werden. So erkennt man nicht nur die Form wieder, sondern auch die Größe. Wie gesagt, es kommt auf die Dosierung an. Jedes Heilgift, nennen wir es mal so, was natürlich überhaupt nicht fachmännisch ist, hat seine eigene Geschichte. So liest man beispielsweise gleich zu Beginn über den Fuchseisenhut, dass die Securitate dieses Gift benutzte, um unliebsame Kontrahenten bewusst aus dem Weg zu schaffen. Unbewusste Opfer gab es knapp zwanzig Jahre zuvor, als ein Fallschirmjäger-Bataillon in den Pyrenäen auf der Suche nach Nahrung dieses spezielle Kraut zu sich nahm. Doch eigentlich benutzte man es, um Füchse zu jagen und zu erlegen. Daher der Name.

Beim Weiterblättern trifft man auf Bekanntes wie Buchsbaum und Stechapfel, aber auch auf Namen, die Vielen nicht geläufig sind wie der rundblättriger Sonnentau oder den echten Gmander. Die übersichtliche Gestaltung, die Hinweise zur Bestimmung, kleine Anekdoten aus der Mottenkiste, Tipps zur richtigen Handhabung und ein lehrreicher Einleitungstext sind die perfekte Zugabe zu den exzellenten Abbildungen. Nicht jeder, der in diesem Buch blättert wird automatisch zum Hexenmeister. Das ist auch nicht Ziel des Buches. Es ist Bildband und Lehrbuch in Einem. Wobei der Lehrcharakter keinen Anspruch auf Vollständigkeit erhebt. Es ist ein Buch, das man gern durchblättert, man wird immer wieder etwas Neues entdecken. Die Texte sind verständlich geschrieben, so dass auch „Bio-Sechs-Setzen“-Leser auf ihre Kosten kommen. Und sei es nur die Verwunderung, dass die Kartoffel in einem Buch über Heil- und Giftpflanzen vorkommt.

Der Beginn des Buches, den man erstmal überblättert, weil man heiß auf die großformatigen Bilder ist, was auch verständlich ist, hat man die ersten zwei, drei Seiten gesehen, wirft ein neues Licht auf Pflanzen und ihre Wirkung. Die Geschichte der Gifte und die Gifte der Geschichte ziehen den Leser in ihren Bann. So mancher Krimi, in dem mit Giften gemordet wird, rückt so in ein anderes Licht. Den Täter versteht man immer noch nicht, aber die Wirkung wird nun wissenschaftlich untermauert. Und man erfährt auch, dass Gifte nicht nur das Leben beenden können, auch das Gegenteil ist oft der Fall. Die Menge macht’s. Doch leider ist nach 192 Seiten schon Schluss. Wenig hilft viel, sagt man sich angesichts der Tatsache, dass dieses Buch sämtliche Sinne anspricht. Und bedauert, dass der Spruch „Viel hilft viel“ bei diesem Buch keine Anwendung findet.

Gewagte Konstruktionen

Gewagte Konstruktionen

Architektur in Worte zu fassen ist eine Kunst für sich. Die Besonderheiten eines Gebäudes liegen sowohl innen wie auch außen. Doch diese herauszufiltern, sie zu erkennen, ist oft nicht einfach. Und so haben Architekten immer einen schweren Stand. Sie wollen die Sichtweise der Betrachter verändern, Aufmerksamkeit erregen, manche ein Denkmal errichten. „Gewagte Konstruktionen“ widmet sich den Visionären dieser Handwerkskunst, den Künstlern des steingewordenen Traums.

Die Autoren dieses beeindruckenden Bandes geben den Baumeistern, Bauherren und Architekten ein Gesicht. Nicht oft wurden die nämlich einfach in den Geschichtsbüchern unerwähnt gelassen. Wer weiß schon wer das Taj Mahal in Indien wirklich gebaut hat? Shah Jahan als sein Auftraggeber ist derweil ein Begriff.

Die Konstruktionen, die uns heute in ihren Bann ziehen, waren fast immer umstritten. Den Eiffelturm hätte es fast nicht mehr gegeben. Zur Weltausstellung 1889 war er die Sensation, doch schon Jahre später hätten die Unterhaltskosten fast zu einer Demontage geführt. Paris heute ohne Eiffelturm? Unmöglich. Oder Florenz ohne den Dom mit seiner imposanten Kuppel. Jahrelang war das Gotteshaus ohne Dach geblieben. Erst Filippo Brunelleschi hatte die rettende Idee. Eine gemauerte Kuppel. Der Aufwand war gigantisch. Modulares Bauen – bis heute eine gängige Technologie – war das Zauberwort.

Dieses Buch ist ein echter Schatz. Denn wer durch die Metropolen der Welt schlendert, sich den Wind der großen weiten Welt um die Nase wehen lässt, wird ganz automatisch durch die Architektur verzaubert. Oft unterschwellig. Die Boulevards und Gebäudekomplexe werden als gegeben hingenommen. Das hat jetzt ein Ende! Kenntnisreich und detailliert werden die Prunkstücke aus Jahrhunderten Baukunst unter die Lupe genommen. Oscar Niemeyer, Norman Foster, Antoni Gaudi, Frank Lloyd Wright – alles klingende Namen, deren Werke faszinieren. Doch was trieb sie zu ihren – teils bis heute als gewagt zu bezeichnenden – Bauwerken? Was ist das wirklich Innovative daran? Fragen, die man sich so nur selten stellt. Jetzt gibt es die Antworten.

Leonardo da Vincis Katapult

Katapult

Über fünfhundert Jahre ist es her, dass Leonardo da Vinci die Welt beeindruckte. Die Mona Lisa im Louvre, der vitruvianische Mensch und seine Ingenieurarbeiten wirken bis heute nach. Die Bogenbrückenkonstruktion wird heute gern als so genannte Team-Building-Aktion eingesetzt. Zu Letzteren zählt auch sein Katapult. Als Kriegsmaschine gedacht, ist es für junge Forscher ein Paradebeispiel für Mechanik. Mit diesem Bausatz wird Physik ganz einfach. Schon der Zusammenbau regt die Phantasie an. Die Spannung steigt. Die Balken werden mit Holzstiften verbunden, die Walze eingesetzt, Spannseil einfädeln, die mitgelieferte Knetmasse zu einer Kugel formen, in die Pfanne legen und … Feuer frei! Und schon zischt die Kugel durchs Kinderzimmer.

Das Katapult dient in erster Linie dem Spaß am Basteln. Dass dabei Gesetze wie die Hebelwirkung erlebbar gemacht werden, ist ein willkommener Nebeneffekt. Und wie der schon erwähnten Brücke, alles ohne auch nur einen einzigen Nagel zu setzen.

Manet, ein Streit und die Geburt der modernen Malerei

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Man stelle sich die Welt vor 150 Jahren vor und dazu die heutige Medienlandschaft. Frauke Ludowig würde wie von Manni dem Mammut gehetzt von einem Skandal biblischen Ausmaßes stammeln. C-, D-, E-Promis würden in beschämender Bigotterie nach den passenden Formulierungen suchen, weil sie denken sie kommen in DIE Bild, dabei geht es um EIN Bild. So genannte Experten würden vor Bücherwänden den Zusammenhang von Nacktheit und Verrohung der Jugend erklären und zur Zensur aufrufen. Bundestagshinterbänkler wollten die Scharia einführen, von wegen Hand abhacken und so.

Und das nur, weil Eduouard Manet im Jahr 1865 in einer Ausstellung eine nackte Frau gemalt hat. Ein Schwarze reicht ihr Blumen. Mehr nicht. Okay, die Dame war nicht gänzlich unbekannt. Sie hatte gewisse Talente, die sie gegen entsprechende Entlohnung feilbot. Sie war eine Prostituierte. Andere Begriffe sind ja bis heute nicht schicklich. Die Dame wurde allerdings nicht in einem mythischen oder noch besser religiösen dargestellt, sondern an ihrem Arbeitsplatz. Uff’m Sofa. Skandal!

Die Reaktionen reichten von reichlich Kichern über amüsiertes Auslachen bis hin zu tumultartigen Szenen. Nicht nur „normale“ Besucher ließen sich darüber aus, auch Malerkollegen wie Courbet distanzierten sich von Manet und seiner „Olympia“.

Der Pariser Salon zeigte ausgewählte Werke von Künstlern der Gegenwart. Eine Fachjury wählte unter den Gesichtspunkten der damaligen Zeit die Werke aus, die einem breiten Publikum zugängig gemacht wurden. Zwei Jahre zuvor schon erregten sie die Gemüter. Viele Künstler, deren Werke heute unbezahlbar sind, durften nicht ausstellen. Napoleon III. regte den Salon de refuses an, das Gegenstück zum Salon, in dem alle Abgelehnten ihre Werke zeigen durften. Besonders hart traf es die Impressionisten (hierzu empfiehlt sich „Das private Leben der Impressionsiten“ von Sue Roe, ebenfalls beim Parthasverlag erschienen).

Dino Heicker hat daraus keinen Haudrauf-Roman gemacht, in dem bagarres dans les bars den Ton angeben, sondern die öffentlichen niedergeschriebenen Reaktionen gesammelt. Briefe von Manet an Baudelaire (und die Antwort darauf), Kunstkritiken und ausgewählte Texte zu dem skandalösen Bild, unter anderem von Zola, führen den Leser in die Mitte des 19. Jahrhunderts.

Aus heutiger Sicht wirkt die Aufgeregtheit etwas sonderbar. Eine nackte Frau auf’m Sofa. Selbst der Nippelblitzer von Hildegard Knef war Jahre später kaum noch der Rede wert. Sophie Marceaus „Nippelgate“ in Cannes störte schon wenige Sekunden später niemanden mehr. Es war eher (unfreiwillig?) komisch. Und doch sind die Art und Weise wie argumentiert wurde, heute noch geläufig. Niedermachen, weil man es nicht anders kennt und weil man es scheinbar kann. Um fast jeden Preis. Manet war streitbar – in vielerlei Hinsicht. Doch ohne ihn, seinen Mut, würden wir wahrscheinlich noch vor Historienschinken schmachten, verklärte Landschaften als erhaben bezeichnen oder gar Tiere auf Wände schmieren.

Jackson Pollock

Jackson Pollock

Los Angeles, 25. März 2001, Shrine Auditorium. Im Publikum sitzt ein Mann, der als Charakterdarsteller sich schon längst einen Namen gemacht hat. Vor Kurzem hat er auch Regie geführt. Und die Hauptrolle übernommen. Nun ist er für die begehrteste Trophäe der Filmbranche nominiert: Ed Harris. Der Mann, den er verkörperte: Jackson Pollock. Er geht leer aus. „Gladiator“ ist der große Gewinner des Abends.

Doch die Oscar-Verleihung hat einen gewaltigen Nebeneffekt. Der Maler Jackson Pollock wird nun einem viel breiteren Publikum bekannt. Das ist doch der mit den riesigen Klecksereien, meinen die Einen. Der mit der Macke die Anderen. Beide Seiten werden nicht annähernd dem Werk und Wirken Jackson Pollocks gerecht. Bülent Gündüz setzt mit seiner umfassend, exzellent recherchierten Biographie dem besessenen Maler ein gedrucktes Denkmal.

Wenn das Leben ein einziger Marsch ist, mit einem Anfang und einem – in Jackson Pollocks Fall viel zu frühen – Ende, dann fragt man sich unweigerlich, was im Leben des Künstlers passiert sein muss, dass solche Bilder dabei herauskommen. Vorausgesetzt man hat nur die Dripping-Paintings im Sinn. Zum einen war das Frederick John St. Vrain Schwanovsky, Kunstdozent, der seinen Schülern zeigte welche famose Muster Farben entwickeln können, wenn sie mit anderen Chemikalien gemischt auf einer rotierenden Scheibe gemischt werden. Zum Anderen war dies Krishnamurti, ein religiöser Lehrer, der dem jugendlichen Jackson Pollock lehrte, dass Inspiration vor Ausbildung kommt und Gefühle mit der Kunst in Einklang zu bringen sind. Nach Jahren des Herumreisens von Wyoming nach Arizona und Kalifornien und wieder nach Arizona, um dann doch wieder in Kalifornien zu landen, die ersten festen Weisheiten, an die sich ein junger Mann klammern konnte.

Die Mutter hatte sich früh gewünscht, dass ihre fünf Kinder sich künstlerisch betätigen. Zuneigung war spärlich gesät im Hause Pollock. Der Vater meist weg, die Mutter verzweifelt auf der Suche nach Selbsterfüllung. Als Nesthäkchen hatte der kleine Jackson den Vorteil der Narrenfreiheit. Wobei immer noch nicht klar ist, ob die Betonung auf dem ersten oder dem letzteren Teil des Wortes liegen soll. Schon als Jugendliche suchte er Anerkennung in so genannten Männlichkeitsritualen wie sich betrinken.

Ende 1941 organisierte der Kunsthändler John Graham eine Ausstellung in New York, in der er französische und amerikanische Künstler gemeinsam präsentieren wollte. Ein Bild von Jackson Pollock sollte zwischen Picasso, Matisse, Braque. Auch ein gewisse Lee Krasner wurde eingeladen ein bIld auszustellen. Als sie den Ausstellerkatalog las, sagte ihr der Name Jackson Pollock gar nichts. Sie machte sie auf den Weg, um ihre Neugier zu stillen. Sie traf auf einen ruhigen, schüchternen Mann, der ihr sofort gefiel. Die Ausstellung geriet zum Desaster, die Beziehung Krasner/Pollock gedieh hingegen prächtig. Sie nahm seine Geschäfte in die Hand, er malte völlig losgelassen vom Geschäft. Doch auch sie schaffte es nicht Jackson Pollock von der Flasche loszueisen. Auch nach seinem Tod sah sie es als ihre große Aufgabe an den Namen Jackson Pollock in Ehren zu halten. Sie trug entscheidend zu seiner Legendenbildung bei.

Nur fünf Jahre nach der Nacht von Los Angeles wurde „No. 5, 1948“ für sagenhafte 140.000.000 $ bei Sotheby’s versteigert. Für fast ein Jahrzehnt war es das teuerste Einzelgemälde der Welt. Durch Jackson Pollocks Adern floss der ungebremste Strom der Leidenschaft, doch auch der Teufel Alkohol. Ihn nur als wahnsinnig – egal, ob positiv der negativ gemeint – zu bezeichnen, klänge nach Ausreden. Hinter seine Fassade, wenn es denn eine gab, zu schauen, bringt viel Licht und viel Schatten hervor. Bülent Gündüz schafft den Spagat zwischen Wissensansammlung spannender Schreibweise.

Montparnasse und Montmartre

Montparnasse und Montmartre

Für viele ist Paris mit Montmartre oder Montparnasse gleichgesetzt. Und tatsächlich sind die beiden Hügel nicht aus dem Stadtleben wegzudenken. Anfang des 20. Jahrhunderts bebte hier das künstlerische Herz Frankreichs, Europas, wenn nicht sogar der Welt. Wer sich hier die Klinke in die Hand gab, dessen Name hallt bis heute nach. Picasso, Satie, Proust, Cocteau sind nur ein geringer Teil derer, die Paris fast allein nur durch ihre Präsenz zum künstlerischen Epizentrum der Welt krönten. Dan Franck bringt Licht ins mittlerweile verblasste Paris des Post-Fin-de-Siècle. Wer heute durch Paris schlendert, muss schon ganz genau wissen wonach er sucht. Dieses Buch ist der Reiseführer für Erwachsene, die Paris poetisch, impressionistisch, expressionistisch, kubistisch, intellektuell, aufrührerisch, avantgardistisch erleben wollen.

Nicht jede Stadt auf der Welt kann sich rühmen derart geballt so viele führende Köpfe einer Epoche und so vieler Genres einmal beherbergt zu haben. Sie lebten, litten und wirkten auf einem Areal, das flächenmäßig kaum erwähnenswert ist. Mit kindlicher Freude schreibt der Autor vom Leben wie es kaum woanders möglich war. Hier war Paris am französischsten, aber auch multikulturell. Keine explosive Mischung, eher eine befruchtende. Man half sich untereinander aus. Agenten, Galeristen und Kunstsammler halfen so manchem Künstler über eine Durststrecke hinweg.

Wer Kunst sammelte, für den lag hier der heilige Gral. Für ein paar Francs konnte man Kunstwerke erwerben, deren Wert sich bis heute millionenfach auszahlt. Ein France entspricht heute ca. sechs Euro. Kaum zu glauben, dass ein Pablo Picasso für einen zweistelligen oder niedrigen dreistelligen(Franc-)Betrag Auftragsarbeiten erledigte.

Detailreich und ungeheuer aufwendig recherchiert nimmt dieses Buch den erfahrenen Parisbesucher mit auf eine Reise durch das Paris des beginnenden 20. Jahrhunderts. Die zahllosen Anekdoten machen dieses über fünfhundert Seiten starke Buch zu einem Juwel unter den besonderen Parisgeschichten. Die Preisverhandlungen mit Clovis Sagot sprechen Bände. Anfangs bot er Picasso 700 Francs. Der Maler zögerte und verkaufte ein Bild schlussendlich für weniger als die Hälfte.

Ein weiterer ausgefuchster Kunsthändler war Ambroise Vollard. Eines Tages spazierte Gertrude Stein in sein Geschäft. Wie er der später bekanntesten Kunstsammlerin gekonnt die Franc aus der Tasche zog, bringt den Leser mehr als nur zum Schmunzeln. Doch keine Angst, die resolute Dame hat auch ihren Schnitt gemacht.

Wer Paris als riesige Einkaufsmeile betrachtet, wird mit diesem Buch eines Besseren belehrt. Wer die Hotspots von Paris wie seine Nachbarschaft kennt, wird hier ein wahres Wunder erleben. Mit genauen Adressangaben kann man anhand dieses Buches durch Paris flanieren, den Hauch der Kunst-Geschichte atmen und sich darüber freuen, dass La Butte („das Hügelchen“, so nennen die Parisienne Montmartre) und Montparnasse sicherlich als Sinnbild für ganz Paris herhalten, aber man nun ganz genau weiß warum. Über zweihundert Abbildungen unterstreichen den von der ersten Seite an exzellenten Eindruck.

1965 – Rue de Grenelle

1965 - Rue de Grenelle

Rue de Grenelle, Paris. Beste Wohnlage. Hier wird sich Steffen im Oktober 1965 auf seine Aufnahmeprüfung an einer Eliteschule vorbereiten und ein paar schöne Tage bei seinem Freund André verbringen. Lang haben sie sich nicht gesehen und sicherlich viel zu erzählen.

Doch es kommt ganz anders. Die unbekümmerte Vertrautheit der Vergangenheit ist geschäftigem Treiben gewichen. André ist schwer beschäftigt. Zusammen mit Anderen arbeitet er an einer Karte des Pariser Untergrundes. Vor zwanzig Jahren waren die Katakomben unter der Stadt Zufluchtsort für alle, die dem Naziterror entkommen konnten. André ist zeitweise richtig abweisend zu Steffen. Und über die überaus spannende Arbeit will er auch nicht reden.

Bei einem Konzert von Chet Baker lernt Steffen Sarah kennen. Auch sie scheint in Eile zu sein. Als Steffen eine unbedachte Äußerung macht, ist sie weg, bevor er sich für seine Torheit entschuldigen kann. Die Gelegenheit zur Entschuldigung kommt für ihn früher als er denkt. Sie ist Jüdin und fand seinen lockeren Spruch über Chet Bakers Aussehen, das er mit dem von KZ-Überlebenden verglich mehr als unpassend. Trotz seiner Naivität fühlt sich Sarah zu ihm hingezogen. Sie arbeite an einem Dokumentarfilm, erzählt sie ihm freimütig. Steffen beginnt sich für die Schönheit, die ihm doch nicht so viel von sich erzählt wie er anfangs meint, zu interessieren.

Andrés Art verstört Steffen zusehends. André, der weltoffene Freigeist, der dem deutschen Nachkriegskind die Vorzüge der französischen Kultur näherbrachte, wirkt ruppig, ja fast schon ablehnend. Steffen scheint André irgendwie zu stören bei dem, womit André sein Geld verdient.

Die Aufnahmeprüfung ist durch, die Heimreise steht bevor. Doch Sarah geht Steffen nicht aus dem Kopf. Viele raten ihm von der Beziehung ab. Aaron, der Steffen als Sarahs Vater vorgestellt wurde, mag Steffen nicht. Als Auschwitz-Überlebender hat er mit der Vergangenheit noch nicht abgeschlossen. Die zwielichtigen Genossen, mit denen Aaron und Sarah öfter zusammenhängen erregen Steffens Aufmerksamkeit. Und er ihre! Grob und bestimmt bitten sie ihn seine Spionagetätigkeit einzustellen. Spionage? Was soll das jetzt? Als er André darauf anspricht, reagiert er wortkarg.

Sarah und Steffen finden zueinander, verbringen eine wunderbare Zeit. So hatte sich Steffen seinen Aufenthalt hier vorgestellt. Laissez-faire, une affaire, tres bien.

Sarah ist irgendwie in irgendwas verstrickt. Als Jurastudent, der sich mit der Schuldfrage seiner Generation nicht nur aus Studienzwecken beschäftigt, reimt sich Steffen einiges zusammen. Nicht immer zu seinem Vorteil. Die Einschläge der Gewissheit werden immer heftiger und kommen öfter…

JR Bechtle verwebt eine rührende Liebegeschichte im Dickicht der Ober- und Unterwelt der Stadt der Liebe mit einem waschechten Politthriller. Mehdi Ben Barka war einst Präsident Marokkos bevor er das Land verlassen musste. Ende Oktober 1965 wird er in Paris entführt und ermordet. Die Mörder wurden gefasst und verurteilt, die Hintermänner halten sich bis heute bedeckt.

Die Jüdin Sarah reist im Roman öfter zu Ben Barka nach Genf. Ihre Rolle in dem Drama ist schwer zu durchschauen, sowohl für Steffen als auch für den Leser. Selten zuvor wurden recherchierte Fakten derart gelungen in einem Roman miteinander verbunden. Dieses Buch ist eine Neuentdeckung, selbst für Paris-Kenner. Die Unterwelt als erlebbares Highlight heute nur nach Voranmeldung erlebbar, wird durch dunkle Gestalten und geheimnisvolle Bewohner der Stadt nachvollziehbar.

Paris als Tummelplatz für Künstler und Agenten – „1965 – Rue de Grenelle“ zieht unaufhörlich den Leser in seinen Bann. Steffen ist kein Agent, kein neugieriger Junge, der auf Tom Sawyers Pfaden wandelt. Dennoch lässt er sich unmerklich in den Strudel aus politischer Intrige und gefühlvoller Romanze hineinziehen. Den Leser im Schlepptau. Immer tiefer, immer weiter in den Untergrund von Paris. So hat man Paris noch nie gesehen.

Für die Oberfläche empfiehlt sich der Band „Impressions of Paris“ aus der City Impressions Reihe von Vagabond books. Beide Bücher beeindrucken durch ihren Detailreichtum über die Stadt an der Seine. Beide sind auf ihre Art Schwergewichte für jeden, der Paris ober- und unterhalb von Tour Eiffel und Arc de Triomphe kennenlernen möchte. Das Licht des Alltags erstrahlt derart intensiv, dass das Ungewöhnliche als normal erscheint.

Das private Leben der Impressionisten

Das private Leben der Impressionisten

Unvorstellbar! Paris ein stinkendes Loch, keine Boulevards, keine Prachtbauten. Und zwischendrin Maler, die für ein paar Francs Monatsgebühr malten und malten und malten, nur um des Malens willen. Das Erscheinungsbild hat sich gewandelt: Paris ist eine der meist besuchten Städte der Welt. Und die Bilder von Claude Monet, Camille Pissaro und Paul Cezanne erzielen regelmäßig schwindelerregende Preise. Dieses Bild ist gerade mal reichlich anderthalb Jahrhunderte her. Monet malte Karikaturen und konnte schon gut davon leben. Cezannes Aktbilder erregten damals schon Aufsehen, öffentlich, weil die Damen nackt waren, bei Kollegen wegen des groben Stils. Hier im Atelier von Pere Suisse begann das, was alsbald als Impressionismus die Welt veränderte.

Sue Roe unternimmt mit dem Leser einen umfassenden bild- und wortgewaltigen Rundgang durch das Leben der Impressionisten. Sie führt an Orte, die vielfach auf Gemälden festgehalten wurden. Sie malt buchstäblich Bilder vom Schicksal einer Gruppe Künstler, die erst zweieinhalb Jahrzehnte später mit einer Ausstellung in Amerika den Ruhm zugesprochen bekam, der ihr zustand.

Cezannes Ankunft in Paris blieb Monet verborgen, er musste seinen Militärdienst in Algerien leisten. Nach seiner Rückkehr an die Seine besuchte er die Schule von Charles Gleyre. Dort studierten zu der Zeit auch Pierre-Auguste Renoir und Alfred Sisley. Das halbfertige Paris und die halbfertigen Impressionisten – eine brodelnde Zeit. Alle Künstler hatten sich bei ihren Studien kennengelernt. Edouard Manet hingegen stieß durch den von Napoleon III. angeregten Salon des Refusés der illustren Truppe. Hier wurden alle von der Akademie abgelehnten Bilder ausgestellt. Galeristen und Agenten gab es damals kaum bis gar nicht. Edouard Manet brachte Edgar Degas in die Gruppe ein. Die war nun fast komplett…

Paris als Lehrstätte war gerade gut genug. Ihrer Kunst gingen die Künstler vor den Toren der Stadt nach. Hier tummelten sie sich unter den Vergnügungssüchtigen der Stadt. Nach und nach bekommen ihre Bilder Struktur, werden durch Zolas Artikel einem breiteren Publikum zugängig. Anerkennung von der Akademie? Fehlanzeige! Werden zu Beginn des Buches die Grundlagen für den Leser gelegt, damit er Impressionismus, die Zeit, die Moralvorstellung erkennt, nimmt das Buch ab dem zweiten Viertel richtig Fahrt auf. Kleinere Streitereien – Degas liebt es Manet zu foppen, der wiederum ist genervt, das Monet von dessen Ruf zu profitieren scheint – bringen Schwung in die immer noch starre Gruppe.

Eine Biographie über einen Künstler zu schreiben, ist eine Aufgabe, die man nicht eben so erledigt. Archive müssen gewälzt, Experten befragt werden. Bei einer Biographie einer ganzen Künstlergruppe gibt es zwei Möglichkeiten: Man schreibt zu jedem der Mitglieder eine Biographie und versucht dann Parallelen und Schnittpunkte zu finden oder man macht es wie Sue Roe. Sie lässt das Leben der Mitglieder Revue passieren. Oft sind sie gemeinsame Wege gegangen, haben in den gleichen Cafés das Leben beobachtet und gemalt, diskutiert, später ihre Kunst hinterfragt und ihren eigenen Weg beschritten.

„Das private Leben der Impressionisten“ ist keine Aufzählung markanter Ereignisse im Leben einer Gruppe von Künstlern, die unverstanden erst spät in den Fokus der Öffentlichkeit traten. Sie waren zu Lebzeiten bekannte Künstler, mal mehr, mal weniger erfolgreich. Anerkannt bzw. bekannt waren sie allemal. Was dieses Buch von allen anderen derart hervorstechen lässt, ist die genüssliche und faktenreiche Erzählweise. Wie in einem fortschreitenden Roman treten reale Personen auf, die wie Du und Ich ihrer Leidenschaft frönten. Alle Anekdoten sind belegt, ihre Intensionen nachvollziehbar. Wer, wann, warum welchen Weg einschlug, bebildert Sue Roe mit Worten, die sich nicht hinter den Werken der Protagonisten verstecken müssen.

Das Lied von Jaburek

Das Lied von Jaburek

 

Egon Erwin Kisch – ein Name wie Donnerhall, wenn es darum geht Metropolen der Welt mit den Augen von einst zu sehen. Seine Reportagen zeugen auch heute noch – fast siebzig Jahre nach seinem Tod – von der Pracht der Bauten, vom Leben der Menschen zwischen Hungersnot, eleganten Hotels und ausladenden Avenuen.

Kisch hat dort recherchiert, wo keiner freiwillig hingeht. Aus dem Obdachlosenasyl berichtet er von den Menschen, die bar jeder Hoffnung in den Tag hineinleben müssen. Amüsant hingegen ist sein Bericht darüber, wie man die Brückenmaut umgeht – kaum ein Thema ist derzeit aktueller. Damals – also vor rund einhundert Jahren – waren einige Brücken, bis auf die Karlsbrücke, mautpflichtig. Zwei Heller musste man berappen. Diese wurde von einem dienstbeflissenen Zöllner gefordert und kassiert. Kisch kam mit einer Gruppe von acht Leuten an der Brücke an. Der Erste zahlte mit einer 20-Kronen-Note, und er bekam 19 Kronen 98 Heller zurück. Beim Zweiten das gleiche Spiel, der Zöllner begann zu schnaufen. Ab dem Dritten war die Brücke frei. Heute sind in Prag alle Brücken kostenfrei. Und an den Mautstationen stehen Automaten, die immer genug Wechselgeld haben. Schade eigentlich! Wie der rasende Reporter wohl heute darüber berichten würde?

Tagelöhner, Tagediebe, leichte Mädchen auf der einen Seite, Polizisten, Wirtsleute, Soldaten auf der anderen Seite. Kisch kennt sie alle, die Sieger und Verlierer des Tages und der Zeit. Ihnen gehört seine Aufmerksamkeit – sie verewigt er in seinen Kolumnen. Egal, ob sie namenlos auf der Suche nach Arbeit oder einer Unterkunft sind, oder in Liedern als Helden besungen werden. So wie der Jaburek, der immer weiter lädt und lädt. Was seine singenden Kameraden zum Trinken animiert… Manchmal sind es aber auch unbesungene Helden. Modratschek ist so einer. Eine Zeitlang hat er einem Mayer immer die Post nachgeschickt, Freund von ihm bei sich aufgenommen. Dann wird er eines Tages von Lenin gegrüßt. Nicht persönlich, Lenin lässt ihm Grüße ausrichten. Lenin, entgegnet der Verdutzte, kenne er zwar, sei ihm aber nie begegnet. Oh doch! Nur nannte er sich damals eben Mayer.

Egon Erwin Kisch war ein Reporter der alten Schule. Prag war seine Stadt, hier war er der ungekrönte König der Straße und des Klatsch. Er kannte alle, alle kannten ihn. Wenn er seinen Stift zückte, konnte man sicher sein, dass etwas Spannendes dabei rauskam. Noch heute lassen seine Geschichten den Leser schmunzeln, staunen, die Stirn runzeln. Die in diesem eleganten Büchlein zusammengefassten Reportagen sind ein Querschnitt seiner Arbeiten, die Anfang des vergangenen Jahrhunderts erschienen.

Die leere Wand – Museumsdiebstahl: Der Fall der zwei Turner-Bilder

Die leere Wand - Museumsdiebstahl Der Fall der zwei Turner-Bilder

Was macht eigentlich ein Museumsdirektor den ganzen Tag? Bilder angucken? Neue Ausstellungsobjekte suchen? Auch! Doch manchmal wird der für Außenstehende nicht besonders spannende Job zu einem Abenteuer, das schier unendlich andauert. Nämlich genau dann, wenn ein Bild – oder mehrere – auf Nimmerwiedersehen verschwindet. So geschehen Ende Juli 1994. Die Kunsthalle Schirn in Frankfurt zeigt seit einiger Zeit unter anderem zwei Bilder von William Turner. Versicherungswert: 24 Millionen Pfund Sterling. Und die wurden durch zwei weiße Flecke an der Wand ersetzt. Autor Sandy Nairne war zu dieser Zeit Programm Direktor der Tate Gallery London, der die Bilder gehörten. Von nun an hat er eine zusätzliche Aufgabe: Die Bilder wieder beschaffen! Davon erzählt er in diesem Buch.

Schon kurze Zeit nach dem dreisten Raub gibt es erste durchaus erfolgversprechende Hinweise auf den Verbleib der Bilder. Die Versicherungsgesellschaft ist daran interessiert die Versicherungssumme nicht auszuzahlen. Die Tate Gallery will ihre – als nationales Heiligtum anerkannten – Bilder zurück. Die Kunsthalle Schirn will die Schmach des Verlustes auswetzen. Die BBC will eine einzigartige Doku drehen. Und … Trittbrettfahrer wollen auf den rollenden Geldzug aufspringen. Da ist einiges zu organisieren für Sandy Nairne. Als Detektiv zu arbeiten, konnte er sich nie vorstellen…

Muss er auch nicht. Er hat ein Team von Experten um sich sowie die Ermittlungsbehörden. Schritt für Schritt nähern sie sich den Tätern, die dann schließlich auch gefasst und verurteilt werden. Von den Hintermännern und den Bildern jedoch fehlt weiterhin jede Spur. Erst acht Jahre später sollen sie wieder an ihrem Platz hängen. Wie es dazu kam, wer mit wem welche Allianzen eingehen musste und wie viel Absprachen in diesem Metier wirklich wert sind, beschreibt Sandy Nairne auf besonders anschauliche Art und Weise. Doch damit nicht genug!

Sandy Nairne beschäftigt der Fall nicht nur die gesamten acht Jahre hindurch, sondern auch darüber hinaus. Er macht sich Gedanken, wozu Kunst überhaupt gestohlen wird. Ausstellen kann die Objekte nicht. Jeder Experte kennt die Bilder und würde sie als Diebesgut enttarnen. Verkaufen? Ja, aber zu einem Bruchteil des eigentlichen Wertes. Die damit erzielten Summen reichen immer noch aus, um ein sorgenfreies Leben gestalten zu können. Aber ist das Risiko all das wert? Oder gibt es noch weitere Gründe derart öffentlich eine Straftat zu begehen?