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Wissen wir wohin wir gehen?

Prominente Umgebung hier in Vincennes, im Jahr 1749. Der Marquis de Sade wird hier auch so manchen Tag, manche Woche, Monate, Jahre verbringen. Gemeint ist natürlich nicht der Ort Vincennes, sondern das dort ansässige Gefängnis. Denis Diderot hat es sich redlich verdient hier einzusitzen. Mitte Dreißig ist er und hat noch immer nichts von seinem Jungencharme und seiner unbändigen Leidenschaft verloren.

Schon als Kind konnte man den kleinen Denis nicht bändigen. Wissbegierig war er von Anfang an, und er legte es auch nie gänzlich ab. Messerschmied wie sein Vater wollte er nicht werden. Priester, wie der Vater es wollte, schon gar nicht. Aber nach Paris wollte er. Und er dufte es. Nach zwei Wochen Versichern, dass der Filius in guten Händen ist, reist der Vater aus Paris wieder ins heimische Langres im Nordosten ab. Jetzt beginnt für Denis das eigentliche Abenteuer. Bohème-Leben und Studien – das Leben hat Denis Diderot angenommen. Und er verliebt sich. In Nanette. Ein bildhübsches Ding, doch leider nicht mit der gleichen Neugier, Eloquenz und Exaltiertheit wie Diderot ausgestattet. Sie ist Näherin, was den Vater dazu bringt der Hochzeit keine Erlaubnis zu geben. Diderot war noch keine dreißig Jahre alt, nicht volljährig und musste – um das Erbe zu erhalten – die Erlaubnis einfordern. So lebten Nanette und Denis in wilder Ehe und in Sorge, dass jemand hinter ihr Geheimnis kommt. Als Nanette schwanger wird, sind „Bruder und Schwester Diderot“ weiteren Anfeindungen ausgesetzt. Ein uneheliches Kind – so was gehört sich nicht.

Beruflich geht es mit Diderot bergauf. Er übersetzt Lexika und verdient ganz gut. Privat jedoch geht es bergab. Die Unterschiede zwischen Nanette und Denis sind zu groß, zu offensichtlich. Ganz der moderne Mann der Zeit, nimmt sich Diderot eine Mätresse, Marie-Madeleine de Puisieux. Sie ist das ganze Gegenteil von Nanette. Eine Schönheit im Geiste, doch ihre Hülle hält in keiner Weise einem Vergleich mit Nanette stand. Als Schreiberin ist sie auch nicht gerade eine Koryphäe, die besseren Passagen ihrer Bücher werden Diderot zugeschrieben.

Und nun sitzt Denis Diderot im Gefängnis. Die gekonnt formulierten Hetzen gegen die Kirche und die Monarchie waren wohl doch zu viel. Seine Gleichnisse trieben den Betroffenen die Zornesröte ins Gesicht. Sie saßen aber auch am längeren Hebel. Einhundertdrei Tage sitzt Denis Diderot ein. Diese Tage nutzt er sich zu profilieren. Rousseau war schon immer einer, dem er folgte. Voltaire schwebte wie segensreicher Geist über ihm. Auf der anderen Seite standen Doppelmoral und höfisches Kleingeistertum. Willkommene Gegner, die nun es erst recht verdient hatten einen mitzubekommen.

Denis Diderot war für viele Philosophen und Schriftsteller ein Wegbereiter. Ein Wegbereiter für die Aufklärung. Goethe konnte sich an seinen Schriften nicht sattlesen. Der aufgeweckte Geist, der ewig frische Hauch des Fortschritts, der ihn umwehte, lassen den Namen Diderot noch heute wohlklingen.

Christiane Landgrebe ist eine Spezialistin für Biografien außergewöhnlicher, in den Hintergrund gerückter Freigeister. Bereits in ihrer Biographie über Schwedens Königin Christina bewies, dass scheinbar Vergessene sehr wohl ihre Spuren bis heute erstrahlen lassen. Nun also Denis Diderot. Autor, Übersetzer, Philosoph – Querdenker, Freigeist, Atheist. Der beeindruckende Detailreichtum und die treibende Schreibweise lassen den Leser nicht eher ruhen bis die letzte Seite erlesen wurde. Die exakte Benennung der „Tatort Diderots Wirken“ lassen darüber hinaus jeden Parisaufenthalt in einem neuen Licht erstrahlen.

Mag’s im Himmel sein, mag’s beim Teufel sein

Man kann und darf nicht müde werden die Menschenverachtung des Naziregimes immer wieder in den Fokus der Öffentlichkeit zu rücken. Denn diese Zeit ist immer noch allzu präsent in ihrer Wirkung. Evelyn Steinthaler richtet den Blick der Leserschaft auf diejenigen, die vor den Nazis, während der Nazizeit und auch danach in aller Munde waren. Manche mehr, manche weniger, einzelne wurden fast vergessen.

Als deutscher Künstler sogenannter arischer Abstammung hatte man auf dem Papier erst einmal nicht zu befürchten. Stellenknappheit an Theatern oder beim Film gab es nicht. Zu viele hatten ihre Stühle und Stellungen freiwillig verordnet räumen müssen. Die, die blieben konnten sich zwischen Pest und Cholera entscheiden. Oder besser gesagt: Entweder Haken schlagen oder Hacken zusammenschlagen!

Heinz Rühmann war bis in dieses Jahrhundert der unangefochtene Star des deutschen Films. Jeder Auftritt ein Lacher, und wenn das nicht, dann zumindest ein Kracher. Dann kamen erste Gerüchte auf, dass sich der UFA-Star mit dem Regime eins gemacht hätte. Der Ruhm der Vergangenheit schlug tiefe Schatten auf sein Grab. Gänzlich abschließen kann man das Kapitel der Verquickung von Rühmann mit den Nazis wohl niemals. Zu viel blieb damals schon im Verborgenen. Fakt jedoch ist, dass sich Rühmann von seiner Frau Maria Bernheim, einer Volljüdin wie es geschmacklos im damaligen Sprachgebrauch hieß, scheiden ließ. Der Tipp, dass Maria Bernheim mit einem Ausländer aus einem neutralen Land in Sicherheit wäre, da sie mit dem Ja-Wort auch dessen Staatsbürgerschaft annehmen würde, kam von Herrmann Göring persönlich. Sie heiratete einen Schweden. Rühmann selbst begann alsbald eine Affäre mit seiner Kollegin Hertha Feiler, die er bei Dreharbeiten zu „Lauter Lügen“ (!) kennengelernt hatte. Mit ihr blieb er bis ans Ende ihrer Tage zusammen.

Viele Künstler wurden gerettet unter der Fuchtel der Staatsregierung. Wer ihnen hold war, durfte fast ungestraft tun lassen, was er wollte. Bestes Beispiel: Gustav Gründgens. Hans Albers verkörperte nur allzu oft und allzu gern den Idealtypus dessen, was der Führung in den Kram passte. Groß, blond, blau… naja. Sein Ruf nach der dunklen Zeit litt nur bruchstückhaft. Klaus Mann sah in ihm den Archetypen des Nazis. Er irrte dieses Mal. Denn Albers ließ keine Möglichkeit aus „denen da oben“ verbal einen mitzugeben. Riskant, denn auch er war mit einer Jüdin verbandelt. Nicht verheiratet. Was ihnen beiden wohl zugutekam. Öffentliche Auftritte mit ausgestrecktem rechten Arm oder den Regierenden der Zeit mied er wie der Teufel das Weihwasser. Anders als Rühmann. Doch auch er musste einsehen, dass aufrechte Haltung und Geldverdienen unter der Diktatur unmöglich war. Die Liaison wurde unter der Decke gehalten. Doch die Schergen Göbbels‘ spürten das Liebespaar immer wieder auf. Es gab nur einen Ausweg. Mit Geschick schickte Hansi (Berg), seiner Frau, Freundin, Geliebte sich selbst ins Exil. Hans (Albers) blieb zurück. Alkoholexzesse, aber auch rege Dreharbeiten halfen ihm über den Verlust hinweg. Nach dem Krieg trat Hansi ein zweites Mal in Hans‘ Leben. Der war inzwischen anderweitig gebunden. Ganz resolute Frau nahm Hansi einmal mehr das Heft in die Hand. … Auf dem Grabstein von Hansi Berg, steht neben ihren Geburts- und Sterbejahr der Name „Hansi Berg-Albers“.

Ende gut, alles gut? „Mag’s im Himmel sein, mag’s beim Teufel sein“ ist ein bewegender Portraitband aus immer noch nicht aufgearbeiteter Zeit. Kurt Weill und Lotte Lenya oder auch Meta Wolff und Joachim Gottschalk dienen neben den bereits erwähnten Paaren für die Perfidität des Naziregimes. Was tun, wenn der schwarze Tod nicht nur an der Tür klopft, sondern seine Krallen schon tief ins eigene Fleisch geschlagen hat? Ein Neuanfang ist schwer. Besonders, wenn man nicht weiß, ob man als Deutscher überhaupt willkommen ist, wenn man die Sprache des Exils nicht spricht, wenn der Lebensabend einem näher ist als dessen Anfang. Mit Gefühl und Faktenreichtum seziert Evelyn Steinthaler die Leben von vier paaren und ihren Leidensgenossen ohne dabei polemisch zu werden oder sich in Vermutungen zu ergehen.

Houston, wir haben ein Problem

Wissenschaft und Humor – eine schwierige Mischung. Denn schließlich geht es bei Erstem um Fakten. Und im Falle der Raumfahrt sollten diese so präzise wie möglich sein. Denn, wenn nicht … Big Bang Theory ist was anderes!

Wenn man an die Raumfahrt denkt, fallen einem Katastrophen ein wie die der Challenger im Jahr 1986. Oder Juri Gagarin, der erste Mensch um All. Oder der erste Deutsche, der Mutter Erde mal aus einem anderen Blickwinkel sehen durfte, Sigmund Jähn. Das ist auch schon wieder vierzig Jahre her. Aber Moment mal, der erste Mensch im All? War das wirklich Oberst Juri Gagarin? Kramt man ein wenig im Hinterstübchen kommt man schnell auf einen anderen Namen – Autorin Ulrike Schmitzer auch: Ikarus. Er bastelte sich aus Vogelfedern und Wachs Flügel. Leider kam er der Sonne zu nah, das Wachs schmolz und er stürzte jämmerlich hinab ins Meer. Alles nur Legende? Alles nur Legende! Aber eine, die zeigt, dass der Mensch schon immer nach Höherem strebte.

Und schon ist dieses Buch entlarvt! Kein stupides Abhandeln, wer, wann, was genau im All getan hat und die eine oder andere Sache als Erster getan hat. Nein, es ist ein unterhaltsamer Ausritt in die Galaxien auf der Rakete der Erkenntnis. Wie ein Komet fliegt sie mit ihrem Co-Autor Martin Thomas Pesl, einem Experten für außergewöhnliche Lexika, durchs All und sammelt dabei allerlei Wissenswertes auf. Unterwegs durch die Galaxis nehmen die beiden auch einige Anhalter mit: Von Commander Cliff Allister McLane über Laika bis hin zu Lisa Nowak. McLane kennen alle Raumpatrouille-Orion-Fans auch als Dietmer Schönherr. Und Laika war der erste Hund im Weltall, ein trauriges Schicksal, das sie erleiden musste, was aber in der Presse der Sowjetunion niemals erwähnt wurde. Laika war nur fünf Stunden im All, ihr Gefährt (oder nennt man das nun Geflug?) um einiges länger. Laikas Körper war derartigen Stress nicht gewöhnt und versagte nach kurzer Zeit den Dienst. Und Lisa Nowak ist hierzulande kaum noch ein Begriff. Es sei denn, man verfolgt die Regenbogenpresse mit noch schärferen Augen als das Hubble-Teleskop. Den Hochsommer 2006 verbrachte Lisa Nowak im Orbit. Ob es nun die Sommerfrische war oder der unglaubliche Anblick der Erde, kann man nicht mehr nachvollziehen. Jedenfalls verliebte sie sich in William Oeferlein, den Shuttle-Piloten. Auch Colleen Shipman fand Gefallen an dem Überflieger. Mrs. Nowak hatte drei Kinder, war verheiratet und rasend eifersüchtig als sie hinter den Mailverkehr der beiden kam. Orlando, wir haben ein Problem! Unter anderem bekleidet mit einer Windel der NASA konnte sie die eintausendfünfhundert Kilometer von Houston nach Orlando ohne auszusteigen (Weltraumspaziergang on earth?) bewältigen. Sie lauerte ihrer Kontrahentin auf und … der Rest ist Geschichte, um nicht zu sagen Weltraummüll.

Es ist das wohl amüsanteste Buch über die Weltraumfahrt dieses Jahres. Nicht so bierernst und schon gar nicht mit dem Anspruch jedes noch so kleine Detail einem wissbegierigen Publikum verständlich zu machen. Es sind die kleinen Paralleluniversen, die dem Leser so viel Vergnügen bereiten. Von ewigen Nummern Zwei, Dramen und weitgehend unbekannten Histörchen berichten zwei Autoren, denen es eine unbändige Freude macht die Wissenschaft auf hohem sprachlichen Niveau ein wenig aus der Spur zu bringen. Köstlich!

Rebellinnen

Parteigehorsam, sich aufopfern für die Partei – wer sich heutzutage mit dieser Einstellung den Kameras stellt, wird nicht mehr ernstgenommen. Die Phrasen von Partei- und Staatsführung wurden schon mehr als einmal entlarvt. Damit holt man keinen mehr hinterm Ofen hervor. Vor reichlich einhundert Jahren machte eine Frau aber mit genau dieser Einstellung Furore. Rosa Luxemburg. Ihr unermüdlicher Kampf für die Sache der Partei, der SPD, in der sie sich bezeichnenderweise nie wohlfühlte, begleitete sie bis in den Tod. Mehrere Jahre verbrachte sie in Gefängnissen. Ihre Assistentin Mathilde Jacob war ihre Verbindung zur Außenwelt. Sie tauschten Schriften und Neuigkeiten wie andere Insassen Zigaretten. Als die Haftbedingungen immer schlimmer wurden, wurde ihr Kampf auch gegen Krankheiten und Mangelerscheinungen immer heftiger.

Heftige Gegenwehr hatte auch Hannah Arendt auszuhalten. Auch sie – wie Rosa Luxemburg – musste von frühester Kindheit wegen ihrer jüdischen Wurzeln verteidigen. Gerade noch rechtzeitig schaffte sie den Sprung aus dem faschistischen Deutschland. Ihr als Verständnis angesehenes Werk über Adolf Eichmann, einem, wenn nicht dem Bürokraten der Massenvernichtung, brachte ihr Hasse und Häme entgegen. Nur wenige konnten ihrer Argumentation folgen. Doch Hannah Arendt blieb im Inneren eine Rebellin. Je stärker der Gegenwind desto überzeugender ihre Argumente.

Die Dritte im Bunde dieses spannenden Buches ist Simone Weil. Vielleicht die Unbekannte unter den Dreien. Ihr Kampf für Humanität ging soweit, dass sie sich selbst ihrem Ich verweigerte und das Aushängeschild ihrer eigenen Philosophie wurde. Das begann beim für ihre Figur unvorteilhaften Kleidungsstil und endete noch lange nicht bei der Essensverweigerung.

Es wäre zu simpel zu behaupten, dass Rosa Luxemburg, Hannah Arendt und Simone Weil drei Frauen waren, die ihre Überzeugung über das eigene Vorankommen stellten. Vielmehr gingen sie in ihrer Lebenseinstellung auf. Nicht im Sinne eines erkauften Selbstdarstellungsprozesses, sondern in der Verweigerung sich anzupassen und dem Fortschritt – mag er noch so abstrus und utopisch klingen – den Vortritt zu lassen.

Im Februar 2019 würde Simone Weil ihren 110. Geburtstag feiern können. Rosa Luxemburgs feige Ermordung jährt sich im Januar zum einhundertsten Mal. Simone Frieling erteilt diesen drei ausnahmslos beeindruckenden Frauen das Wort. Voller Wucht, jedem Widerspruch das passende Argument entgegenstemmend ist Band 76 der blue-notes-Reihe spannend wie ein Krimi, rasant wie eine Bergabfahrt und mahnend wie eine Kampfschrift, das den Leser nicht kalt lässt.

Bauhaus – Ein fotografische Weltreise

Wenn große Jubiläen anstehen, Jahrestage spricht man oft davon, dass diese ihre Schatten vorauswerfen. 2019 wird 100 Jahre Bauhaus gefeiert. Weimar, Dessau, Berlin – überall wird man dieses nur auf den ersten Blick schlichten und funktionalen Stils gedenken. Doch von Schatten ist da nichts zu sehen. Vielmehr erhellen die Strahlen der Vergangenheit das Jetzt und Morgen. Und so präsentier sich auch dieses Buch. Schon das Titelbild lässt eine Bauhaus-Schöpfung (Casablanca) im strahlenden Sonnenlicht des Maghreb den Leser und Betrachter erahnen, was auf den folgenden 240 Seiten auf ihn zukommt.

Und das ist eine ganze Menge! Bauhaus wird allgemeinhin als originär deutscher Baustil angesehen. Außerhalb Deutschlands war dieser Stil aber mindestens genauso anerkannt und vor allem beliebt. Was daran lag, dass viele Protagonisten ab einer bestimmten Zeit in Deutschland nicht mehr arbeiten konnten, die meisten nicht mehr durften.

Diese fotografische Weltreise führt den Interessierten an Orte, die er vielleicht schon mal besucht hat. Und dann ist im Rausch der Gefühle und Eindrücke so mancher Bauhaus-Edelstein untergegangen. Von Indien über Libanon, von Afghanistan (leider schwer beschädigt) bis Burundi – Bauhaus ist überall. Und damit ist nicht die Baumarktkette gemeint, die sind in weniger Ländern vertreten. Kambodscha, Kuba, Indonesien, Guatemala – Fotograf Jean Molitor ist ganz schön rumgekommen, um diesem Bildband den Stempel Weltkunst aufzudrücken. Die erklärenden Texte von Kaija Voss ordnen jedes noch so kleine Detail, jedes Element, das Bauhaus so unverkennbar macht, wird beschrieben.

Wer also demnächst durch Rostock oder Phnom Penh, Hamburg oder Chavigny, durch Weißensee oder Bukavu spaziert, wird garantiert seine Augen offenhalten, um bloß nicht wieder Erinnerungen an die Heimat zu verpassen. Oder man beschreitet den umgekehrten Weg. Alang, Udaipur, Quetzaltenango besuchen, um das Bauhaus im besonderen Licht der Ferne auf sich wirken zu lassen.

Endlich mal eine Prachtband, der einem nicht das Blut in den Oberschenkeln abschnürt. Die Motivauswahl ist exzellent, die Stimmung der Szene wird so eingefangen wie sie wirklich ist. Bauhaus wird hundert – jeder, der jetzt anfängt ein weiteres Buch über dieses außergewöhnliche Jubiläum zu schreiben, muss mit dem Scheitern seines Projektes rechnen. Es geht kaum besser!

50 Maschinen, die unsere Welt veränderten

Man stelle sich eine Welt vor, in der man sich unterhält statt nur auf eine bunte Glasscheibe zu schauen. Eine Welt ohne Gebimmel und Gedudel. Eine Welt, in der man bloßer Handkraft den Staub des Tages von der Naturklamotte wäscht. Eine Welt ohne maschinellen Antrieb.

Die Welt ohne Gebimmel wäre paradiesisch. Aber mal ehrlich: Ein Haushalt ohne Glotze, ohne Waschmaschine, ohne Musik aus der Konserve – da muss man langenachdenken, was man dann den lieben langen Tag macht.

Es waren Männer wie Zénobe Gramme, Ludwig Dürr oder Frank Brownell, die unserer Phantasie den einen oder anderen Schubs gaben.

Zénobe Gramme entwickelte den ersten Gleichstrommotor. Edison bediente sich bei ihm und entdeckte seinerseits den Wechselstrom bzw. machte ihn nutz- und vor allem kostbar. Ludwig Dürr ist es zu verdanken, dass man mal von oben sich die Welt anschauen konnte. Er entwickelt den Zeppelin. Und Urlaubserinnerungen wären ohne Frank Brownell undenkbar. Seine Boxkamera ist die Mutter aller Selfies.

Eric Chaline rattert wie eine Dampflok durch die Labore der Welt. Physik und Chemie, Astronomie und Biologie brauchten und brauchen immer wieder Innovationen, um ihren Wissensdurst stillen zu können. Die Ergebnisse stehen mittlerweile oft in jedem Haushalt, siehe Waschmaschine oder eben die Kamera von Frank Brownell. Wenn man sich so durch die spannend geschriebenen Kapitel liest, stellt man sich immer wieder die Frage wie das eigene Leben aussehen würde, könnte man nicht auf die eine oder andere Errungenschaft zurückgreifen. Das beginnt bei so banalen Dingen wie Staubsaugen und hört beim Straßenbau noch lange nicht auf.

Was haben Sie gestern Abend gemacht? Ferngeschaut. Vielleicht eine Sendung mit Rückblicken? Bei einem guten Glas Wein? Und jetzt mal der Abend ohne technische Errungenschaft. Der Wein aus der hohlen Hand. Und die Glotze wäre vielleicht der Eimer, mit dem man am nächsten Tag Beeren sammelt. Und ein vergnügliches Lachen über die Zeit, in der die Großeltern lebten und mit welch simplen Gerätschaften sie ihren Alltag meisterten, wäre nicht zu hören.

Ein kurzweiliges Buch, das man sich immer wieder aus dem Regal holt, um den Gedankenblitzen der schlauen Köpfe zu danken. Und um das eine oder andere Vorurteil zu verdrängen. Denn der Zeppelin wurde nicht von einem Grafen erfunden…

50 Schiffe, die unsere Welt veränderten

So ein Schiff kann die Sicht auf die Welt ordentlich verändern. Auf einmal sieht man nur noch Horizont und Wasser. Und bei hohem Wellengang manchmal auch sein Innerstes. Wortwörtlich und sinnbildlich gesprochen.

Wenn man nur ein paar Minuten nachdenkt, fallen einem garantiert ein paar Schiffsnamen ein, die man aus Filmen, Reportagen, Büchern kennt. Allen voran natürlich die Titanic. Die Mayflower, die die ersten Pilger nach Amerika brachte. Der Panzerkreuzer Potëmkin. Doch auch die Fram, die RMS Lusitania, Kon-Tiki die USS Enterprise hat man dem Namen nach schon mal vernommen. In Kriegen, durch überstandene Unwetter oder waghalsige Abenteuer haben sie sich ihren Ruf bis heute erhalten. Doch was ist mit der Mora? Die Eroberung der britischen Inseln wäre ohne sie undenkbar. Das britische Kolonialreich hätte es ohne sie nicht gegeben. Oder zumindest nicht in dieser Art. Man schreibt das Jahr 1066. In Barfleur, Frankreich wird ein Schiff zu Wasser gelassen, das die Normannen in eine goldene Zukunft führen sollte. Der englische Thron war verwaist. Doch die Thronanwärter scharrten schon mit den Füßen. Der Earl of Wessex krallte sich ihn zu erst. Doch er wusste, dass es nicht lange dauern würde bis das Inselreich angegriffen wird. Und schon zog man (prophylaktisch) in den Krieg. Siebentausend Mann standen ihnen gegenüber, angeführt von Wilhelm dem Eroberer. Er kam per Schiff über den Ärmelkanal. Wahrscheinlich mit einer Flotte von mehreren Hundert Schiffen. Und die Mora war die Pracht dieser Flotte: Eine 30 Meter lange Drakkar. Matilda von Flandern, Wilhelms Frau ließ es für ihn bauen. Es war schnell und leicht zu handhaben. Der Rest ist Geschichte.

Die Beagle ist ein weiteres Schiff, dessen Nachwirkungen bis heute zu spüren sind. Charles Darwin bereiste damit den Pazifik und stellte seine Evolutionstheorie unter Beweis. Die HMS Challenger hingegen ist weitgehend unbekannt. Das Segelschiff mit Dampfmaschine konnte nicht nur mächtig Dampf machen (wortwörtlich) und Staub aufwirbeln (sinngemäß), es war Bestandteil der Challenger Expedition, auf der es darum ging Leben am Meeresgrund aufzuspüren. Mit riesigen Netzen war das gelungen. An Bord fanden Wissenschaftler das, was die benötigten. Zwei bestens ausgestattete Labore, vor die Mitte des 19. Jahrhunderts eine Sensation.

Ian Graham schafft es spielerisch ein Leuchten in die Augen des Lesers zu zaubern. Wenn die Gischt gegen die Planken knallt, wenn der Bug sich über Wellen aufbäumt, wenn der Mast knarrt – dann liegt Salzwasser in der Luft. Die Entdeckung neuer Welten war ohne Schiffe nicht möglich. Mal schnell im Internet schauen, wie weit es noch bis zum Festland ist, fiel nicht mal den verwegensten Phantasten ein. Es waren harte Zeiten, in denen man Mutter Natur fast schutzlos ausgeliefert war. Aber es waren eben auch echte Abenteuer mit echten Abenteurern.

Die ausgegrabene Demokratie

Ein Spaziergang durch Athen – böse Zungen behaupten, dass es wohl die einzige Art sei sich durch die griechische Hauptstadt zu bewegen, um voran zukommen. Ja, so ein Spaziergang kann einem schon die eine oder andere Perspektive aufzeigen. Pedro Olalla tat sich gleich ein ganzes Füllhorn an Perspektiven auf. Und diese erlaubten ihm einen Blick über die Schulter zurück in die Anfänge dessen, was heute noch als Demokratie über uns schwebt. Ob nun als Segen oder Damokles Schwert, das steht außer Frage. Genauso wie die Wiegen der Säulen der Demokratie.

Griechenland und die EU – derzeit ein Trauerspiel. Ein Trauerspiel, das die Beteiligten da abgeben. Die ursprüngliche Idee der Demokratie war es einmal – vor mehr als zweitausend Jahren – wurde aus der Sehnsucht nach etwas Neuem geboren. Dazu gehörte auch der Verzicht, der mittlerweile fast mutterseelenallein dasteht.

Pedro Olalla geht also durch Athen. Durch das Stadtviertel Melite, beziehungsweise dort entlang, wo es einmal stand. Viel Stein hier. Historischer Stein. Bedeutender Stein. Hier wurde schon vor zweieinhalb Jahrtausenden Geschichte geschrieben, hier lebten die, die diese Geschichte mit Leben füllten. Feldherren und Politiker, was zur damaligen Zeit oft ein und dieselbe Person war. Und heute?

Das Buch wurde vor nicht mal einen Jahrzehnt begonnen zu schreiben. Ein Atemhauch im Erdenlauf, wenn man die Wege sich betrachtet, die der Autor erst vor Kurzem beschritt. Die wurden schon von Größen beschritten, die sich im Angesicht der Krise, für die Griechenland nicht nur symbolisch den Kopf hinhalten musste, als steiniger Pfade der Entbehrung erweisen. Von Verdrossenheit keine Spur. Denn Politik in der Demokratie ist ein Wechselspiel. Unrecht bzw. Missstände müssen beseitigt werden, nun heißt es Ärmel, im Falle von Pedro Olalla heißt es die Hosenbeine hochkrempeln.

„Die ausgegrabene Demokratie“ ist mit keinem Reiseband zu vergleichen. Es ist ein Rundgang nicht nur durch Athen, sondern durch das Gestrüpp und Dickicht unserer Zeit mit unzähligen Abstechern in die unsere Anfänge. Immer wieder fällt einem auf, dass man den einen oder anderen Ort vielleicht schon mal besichtigt hat, so manchen Pfad selbst schon beschritten, doch das Bewusstsein auf welch wahrhaft historischem Grund sich man da bewegt, fehlte. Das ist in keiner Weise verwerflich, aber beim nächsten Mal wird man sich dessen sicher bewusst sein.

Reden wir Spanisch, man hört uns zu

Es gibt nicht mehr viele, die man fragen kann wie es damals war. Damals zwischen den Kriegen. Und die, die man fragen kann, waren zu klein, um echte Eindrücke wiedergeben zu können. Ihre Berichte beruhen meist auf Geschichten, die sie selbst nur gehört haben oder, die ihnen erzählt wurden.

César Vallejo wurde 1892 in Peru geboren. Er war Dichter und in jungen Jahren in einen Aufstand verstrickt, der ihm eine Gefängnisstrafe einbrachte. 1923 erfüllte er sich einen Traum, die „Alte Welt“ bereisen zu können. Fünfzehn Jahre lang reiste er durch Europa, von Spanien bis in die Sowjetunion, Paris blieb aber immer sein neuer Heimathafen. Peru, seine Heimat, hat er nie wieder gesehen. Als Korrespondent für verschiedene lateinamerikanische Zeitungen berichtete er regelmäßig über das und sein Leben in Europa. Die in diesem Buch zusammengefassten Berichte geben ein ungeschöntes Bild der Alten Welt wieder.

Einen besonders tiefen Eindruck hat Madrid bei César Vallejo hinterlassen. Drei Stunden im Restaurant beim Mittagessen – das musste er bereits in Paris erfahren. Beschwerde zwecklos. Seinen Lesern im fernen Peru und Lateinamerika schwärmt er nun vor, wie gelassen Madrid ihm erscheint. Der technische Fortschritt wird hier entgegengenommen, jedoch nicht auf einen Sockel oder gar in einen Heiligenschrein gestellt. Wer in Madrid stirbt, stirbt nicht arm. Man hilft sich hier, nicht einmal, wenn nötig sogar zweimal. Madrid ist für ihn die einzigartigste Stadt der Welt. Im Vergleich zu heute…

Europa fasziniert den wissbegierigen Autor. In Paris beäugt er seine Landsleute, Lateinamerikaner mit besonderer Neugier. Da gibt es die offiziellen Künstler – angepasst, auf der Jagd nach Anerkennung und Ruhm. Und es gibt die Inoffiziellen. Sie suchten und fanden Freiheit. Die Freiheit sich auszudrücken. César Vallejo sieht sich als Mitglied letzter Gruppe. Er hat keine Zeit andere zu verachten. Und selbst, wenn er die Zeit hätte, würde er es nie tun. Zu anständig ist er. Und außerdem würde er die Bedeutung der Anderen durch seine Be- bzw. Verachtung nur erhöhen. So wie Frankreich zu dieser Zeit Amerika verachtet und dadurch in unerreichbare Höhen katapultiert.

César Vallejo gelingt es mit unsichtbarer Eleganz Themen anzureißen, um sie im nächsten Moment mit einem Momentum zu verknüpfen. Er macht keinen Elefanten aus einer Mücke, doch seine Gedankengänge sind trotz ihres Laufes nachvollziehbar. Wer Europa heute verstehen will, findet in seinen Aufzeichnungen – den Aufzeichnungen eines Außenstehenden, der nach und nach seinen Beobachterstatus gegen den des aktiven Teilnehmers tauscht – die Wurzeln unseres heutigen Europas. Und das kam manchmal auf leisen Sohlen daher, mal polternd, doch immer unter den wachsamen Augen der Anderen.

Reise von Paris nach Java

Die Sehnsucht verweigert sich strikt der Evolution. Die Objekte der Begierde variieren, doch die Sucht, das Wesen des Verlangens, bleibt gleich. Wer träumt nicht davon einmal auf einer Insel unter der Sonne den Tag, die Tage, die Wochen an sich vorbeiziehen zu lassen? Und träumt sich selbst auf eben ein solches Eiland? Honoré de Balzac ging es vor knapp zweihundert Jahren nicht anders. Allerdings kann man bei ihm davon ausgehen, dass sein Blut nicht unbedingt unfreiwillig in Wallung gekommen ist. Der manische Kaffeetrinker hat nebenbei auch gern mal an was anderem genascht…

Und so träumt er sich auf eine Reise gen Java. Damals – wir reden hier von den Dreißigerjahren des neunzehnten Jahrhunderts – war so ein Trip fast noch Utopie. Unbezahlbar. Für kaum jemanden, über den und für die Balzac schrieb realistisch.

Seinen Anzug, ein Paar Rasiermesser, sechs Hemden und leichtes Gepäck – mehr braucht der Mann von Welt im Jahr 1831 nicht, um die Seine gegen den Pazifik einzutauschen. Und erst die Frauen auf Java … Dem Verleger von 1832 waren die erotischen Ausführungen des wuchtigen Schriftsteller zu wuchtig, zu detailliert, zu direkt, dass er sie einfach strich. Skandal! Und dieser wird nun endlich gesühnt. Im Anhang dieses kleinen Büchleins, das auf jedem noch so kleinen Nachttischchens Platz finden muss, ist die gestrichene Passage abgedruckt. Für die heutige Zeit fast schon brav, doch man kann sich vorstellen, dass man damals – und vielleicht noch heute – die Schamesröte deutlich ins Gesicht schießen sah.

Honoré de Balzac war nie auf Java. Wenn man aber diese fast vergessene Geschichte liest, musste er auch nicht dorthin reisen. Er hatte viel gelesen. Solche Reiseberichte waren zur damaligen Zeit auch immer kleine Werbetexte für die Handelskompanien, die für die Anpreisung ihrer exotischen Waren über jedes Wort dankbar waren. Und so kam es wohl auch, dass Balzac diesen Text – sicher nicht ganz nüchtern und in der ihm eigenen Rasanz – zu Papier brachte.

Heute liest man diesen Text mit einem genüsslichen Lächeln auf den Lippen. Im Schein der Leselampe rückt das Moderne in den Hintergrund und das Verlangen von einst rückt immer näher.