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Das Jahrhundert der Manns

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Heinrich, Thomas, Katia, Klaus, Erika, Golo, Michael, Monika, Viktor, Elisabeth und viele andere mussten ihr Leben lag ihren Mann stehen. Der Name Mann hatte und hat Gewicht. Wenn man Picasso als DEN Maler des 20. Jahrhunderts bezeichnet, so sind es die Manns, die mit ihren Schriften dieses Jahrhundert prägten, und deren Wirkung bis heute anhält. Ihnen ein Denkmal zu setzen, ist kein leichtes Unterfangen. Manfred Flügge ist ein ausgewiesener Experte, wenn es um Biografien geht. Mit „Das Jahrhundert der Manns“ schafft er es dem Werk der Manns mehr als gerecht zu werden.

Die Brüder Heinrich und Thomas Mann waren nicht von Geburt an zum Schreiben geboren. Kaufleute in Lübeck waren die Eltern, so sollten es auch die Söhne werden. Doch der Tod des Vaters und der Ruin der Firma wirken im Nachhinein wie ein Wink des Schicksals. Nicht nur, dass beide große Schriftsteller wurden, Thomas Manns (eigene) Familiensaga „Buddenbrooks“ brachte ihm 1929 den Literatur-Nobelpreis ein.

Klaus Mann brachte es einmal auf den Punkt, als er seine Familie charakterisierte. Bedeutend, doch alle mit einem Knacks. Der mächtige Übervater und um so viel erfolgreichere jüngere Bruder Thomas war Fluch und Segen zugleich. Fluch, weil ihm niemand das Wasser reichen konnte, was auch jeder verinnerlichte. Segen, weil der Ruhm des Vaters ein Leben ohne finanzielle Sorgen erlaubte. In München benahmen sich die Mann-Kinder oft daneben. Andere Altersgenossen hatten regelrecht Angst vor ihnen. In einem gerade sich von starren Fesseln lösenden Deutschland waren gerade Klaus und Erika Mann mit ihren offen formulierten Gedanken echte Pioniere. Sie reisten um die Welt, gaben sie Affären hin, spotteten im Kabarett. Die Erziehung ohne Hemmnisse gab ihnen den benötigten Freiraum.

Dass besonders Thomas Mann gern seine eigene Familie in seinem literarischen Werk als Vorlage zu nutzen wusste, ist kein Geheimnis. Durch „Das Jahrhundert der Manns“ werden dem einen oder anderen Leser diese Parallelen offen dargelegt. Auf etwas über vierhundert Seiten lässt Manfred Flügge das vergangene Jahrhundert im Allgemeinen und das der Manns im Speziellen wie in einem Blockbuster Revue passieren. Zahlreiche Anekdoten vermitteln dem Leser das Gefühl in einem wahrgewordenen Roman zu blättern. Doch alles ist echt, alles ist genau so passiert.

Dieses Buch ist mehr als nur eine bloße Abhandlung der Biografien der einzelnen Manns. Hätte schon vor Jahrzehnten der unbedingte Drang nach einer Marke bestanden, wäre der Marketingbegriff „Die Mannschaft“ auf die Familie Mann zugetroffen. Und die deutsche Fußball-Nationalmannschaft der Herren hätte sich einen anderen (passenderen) Namen einfallen lassen müssen. Aber auch „Die Manns“ kann man (sicherlich auch Dank Heinrich Breloers Dokudrama aus dem Jahr 2001) getrost als Markennamen gelten lassen.

Erwin Schrödinger

Erwin Schrödinger

Nobelpreisträger tragen eine schwere Bürde mit sich: Kaum einer kennt sie. Zumindest, wenn es die Naturwissenschaften betrifft. Friedensnobelpreisträger – deren Vergabe allzu oft seltsame Blüten trieb, man denke an Menachem Begin und Anwar al Sadat, Barack Obama oder die Europäische Union – kennt man einige. Literaturnobelpreisträger sind auch nicht ganz unbekannt, da auf jeder Ausgabe darauf hingewiesen wird. Aber Chemiker und Physiker? Die kennt man kaum. Albert Einstein, den kennt man. Heisenberg, Bohr, Planck – alle schon mal gehört. Auch von Erwin Schrödinger? Wer schon vor dem 26. September 2009 von ihm Kenntnis hatte, gehört zu einer kleinen Minderheit. Wer ihn seitdem kennt, hat die letzte Folge der ersten Staffel von „The Big Bang Theory“ gesehen, in der die Theorie von Schrödingers Katze im Treppenhaus erläutert wird. Die besagt nichts anderes, als dass etwas nur passiert, wenn man es beobachtet, ganz oberflächlich betrachtet. Ähnlich dem Phänomen eines fallenden Baumes, das von niemandem beobachtet wird – macht das Fallen dann Krach?

Erwin Schrödinger wurde am 12. August 1887 in Wien geboren, als Einzelkind der oberen Mittelschicht wurde Bildung schon sehr früh zugängig gemacht, seine Neugier befeuerte seinen Wissensdrang. Tante Minnie musste schon sehr früh alle möglichen Ereignisse in einem Tagebuch für den kleinen Erwin festhalten. Sonst hätte ja seine Kindheit niemals stattgefunden… Das Haus, in dem Erwin Schrödinger die Kindheit verbrachte beherbergt heute eine Galerie.

Schon früh konnte man die spätere Genialität des Kindes beobachten. Was dem Vater einige Sorgenfalten bereitete, Erwin sollte nicht getrieben werden, er sollte sich „normal“ entwickeln. Doch schon im Gymnasium war klar, dass er besonders begabt war. Mathe und Physik stellten kein Problem dar, er könnte immer eine Antwort geben, wie ein Mitschüler feststellte.

Erwin Schrödingers Vater war Wachstuchfabrikant, sein Opa Chemieprofessor. Die Schuljahre vergingen, Erwin Schrödinger studierte in Wien Mathematik und Physik. In Zürich lehrte er Theoretische Physik an der gleichen Stelle wie vor ihm Albert Einstein. 1933 bekam er den Nobelpreis für Physik für seine nach ihm benannte Schrödingergleichung. Soweit sein Leben in Zahlen.

Erwin Schrödinger war nicht ausschließlich Naturwissenschaftler. Ganz im klassischen Sinne eines Forschenden widmete er sich auch den Räumen zwischen den Fachgebieten, fast wäre er sogar Philosoph geworden. Ihn interessierte stets das Hin und Her, das Zwischenspiel von Natur und Geist.

Obwohl Erwin Schrödinger heutzutage als Wissenschaftler eher in die Kategorie „B-Promi“ gehört, wenn man vom allgemeinen Bekanntheitsgrad ausgeht, ist seine Denkweise, seine Neugier für viele eine Triebfeder. Genau wie Albert Einstein sah er die Welt als Ganzes, das auch aus einem Geist heraus besteht und nur so erklärt werden kann.

Walter Moore Biographie ist ein Kleinod unter den Physikerbiographien. Detailreich und nie verlegen das Leben und Denken eines der größten Genies des 20. Jahrhunderts zu beschreiben und zu erörtern.

 

Der Vizekönig von Ouidah

Der Vizekönig von Quidah

Bruce Chatwin hatte ein kurzes, bewegtes Leben. Letzteres verbindet ihn mit dem Protagonisten dieses Buches, Francisco Felix de Souza. Der war zu Beginn des 19. Jahrhunderts als brasilianischer Sklavenhändler im afrikanischen Benin an Land gegangen. Das Land Benin als solches gab es damals noch nicht. Dahomey hieß es einst.

Sein Verhandlungsgeschick brachte ihm die Position eines Vizekönigs ein. Er hatte das Exklusivrecht mit Sklaven zu handeln. Ein weit verbreiteter Handelszweig in diesen Gefilden.

Bruce Chatwin, der dieses Buch Ende der 70er Jahre des 20. Jahrhunderts schrieb, besuchte Benin, jetzt eine Volksrepublik sozialistischer Prägung, um Recherchen zu dem einstigen Vizekönig anzustellen. Dieses Buch ist mehr Fiktion als Dokumentation, obwohl viele der beschriebenen Vorgänge so oder so ähnlich passiert sind.

Als Chatwin das Land wieder verlassen wollte, geriet er mitten in einen Umsturz. Froh, dass er mit halbwegs heiler Haut entkommen konnte, kehrte er nie wieder zurück.

Dieses wunderschön bebilderte Buch ist eine Hommage an den großen Reisejournalisten, der am 13. Mai 2015 seinen 75. Geburtstag feiern könnte. Leider starb er im Alter von 49 Jahren in Südfrankreich.

Den Illustrationen von Sylvie Ringer dienten teilweise Fotos von Bruce Chatwin als Vorlage. Das reichhaltige Farbenspiel ist ein Genuss für die Augen. Die wortstarken Texte von Chatwin lassen den Leser vollends in die Welt Dahomeys, wie Benin bis weit ins 20. Jahrhunderts hieß, eintauchen.

Brutaler Menschenmissbrauch, tragische Familienschicksale und eine gehörige Portion Geschichte sind die Zutaten, die Bruce Chatwin für sein eindrucksvolles Menu africaine zusammenstellt. Der kunstvoll gestaltete Prachtband besticht durch Eleganz und Opulenz.

Das Buch bildet die Grundlage der letzten Zusammenarbeit von Werner Herzog mit „seinem liebsten Feind“ Klaus Kinski, „Cobra Verde“.

Wahre Römer

Wahre Römer

Kennen Sie einen wahren Römer? Nein, nicht Miroslav Klose, der für die Roma stürmt. Nein, einen echten, der Geschichte schrieb. Aber keine Geschichten wie sie im Buche, im Lehrbuch stehen. Nein? Na dann werden Sie hier einige kennenlernen.

Andronicus war einer, den man heute als von der Muse geküsst bezeichnen würde. Richtig wäre es „von der Camena geküsst“. Lucius Livius Andronicus war sein vollständiger römischer Bürger-Name, wobei die ersten beiden Namen die seines ehemaligen Herren waren und Letzterer sein Sklavenname war. Seinem literarischen Talent verdankte er es, dass er freier römischer Bürger wurde. Doch zurück zu Camena. Denn bei seiner Übersetzung der „Odusia“ (Odyssee) benutzte er das Wort Camenae, römischen Quellnymphen, die nun mal keine Musen waren. Andronicus war Sklave, doch sein Talent und sein Ehrgeiz prädestinierten ihn zum römischen Bürger. Das geschah im dritten Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung. Wann genau, darüber streiten sich immer noch die Gelehrten. Faszinierend wie Geschichte bis heute nachwirkt.

Dem Leser begegnen einfache Handwerker wie Bäcker, aber auch treue Gefolgsleute der Caesaren. Manchen wurden Denkmäler errichtet bzw. es sind deren Grabmale immer noch zu bestaunen. Und wenn man die Geschichte hinter diesen Bauwerken/Denkmälern kennt, wird ein Rombesuch zu einembesonderen Erlebnis.

Stephan Berry lustwandelt durch die römische Geschichte wie an einem erfrischenden Maitag. Beschwingt nimmt er sich des schweren Themas römische Geschichte an und versorgt den Leser mit allerlei nützlichem Wissen. Die biographischen Texte sind nur teilweise belegbar. Es ist erstaunlich wie viel wir heute wissen, und wie viele Fragen immer noch offen sind. Wer Rom besucht, trifft alle paar Minuten auf mehr oder weniger gut erhaltene Zeugnisse der Geschichte Roms. Unweigerlich tauchen hier und da Namen auf, die einen garantiert in keiner Geschichtsstunde gequält haben. Doch die Neugier siegt. Wer war das denn? Muss ich den kennen? Viele MUSS man nicht kennen. Aber das Wissen um sie ist eine Bereicherung, die man nicht missen möchte.

Albert Einstein Briefe

Albert Einstein - Briefe

Was wurde nicht alles schon über ihn geschrieben? Genialer Wissenschaftler, Friedensaktivist, Charmeur, Geigenspieler: Albert Einstein. Gehört er gar zu denen, über die schon alles geschrieben wurde? Und wenn ja, warum dann dieses Buch? Weil die Behauptung, es wurde schon alles über DAS Genie des 20. Jahrhunderts geschrieben, nicht stimmt. In einer Zeit, in der Mobiltelefone und E-Mails weder bekannt waren noch in absehbarer Zukunft lagen, gab es zumindest das Kommunikationsmittel des Briefes. Das waren noch Zeiten als mit Tinte auf Papier etwas geschrieben wurde. Fein säuberlich in einen Umschlag gesteckt, frankiert und mit der Post verschickt wurde. Das ist so old school. Tja, das war Albert Einstein trotz aller Genialität und Progressivität auch.

Die in diesem Buch zusammengefassten Ausschnitte spiegeln ein Leben für die Wissenschaft und deren Nutzen für die Menschen wider. Einstein war keineswegs der unnahbare Gelehrte, der regelmäßig zu spät zur Vorlesung kam, launisch seine Thesen runterlas und dann bis zum nächsten Mal im Nirwana verschwand. Er war streitbar und nahm regen Anteil an den zugesandten Briefen. Egal, ob sie nun von einem geschätzten Kollegen, einer royalen Größe oder einem einfachen Farmer aus Idaho kamen. Letzterer bat um ein aufmunterndes Wort für seinen Spross, den er zum Physikstudium animierte. Einstein sollte den letzten Anstoß geben sich anzustrengen. Zur Belohnung gab es einen Sack Kartoffeln.

Die Briefe bzw. die Auszüge zeigen Einstein wie sich Kenner ihn vorstellen und Fremde ihn sich gern vorstellen möchten. Liebenswert, und wenn er antwortet dann mit ganzer Geisteskraft. Außerdem war er ein begnadeter Schreiber. So mancher Student der Gegenwart wünscht sich so einen agilen, lebensbejahenden, klugen Kopf in seinen Seminaren.

Wem schenkt man so ein Buch? Sich selbst. Jedem Physiker, Astronomen. Egal, ob noch Studiosus oder Forscher. Jedem Wissenschaftler, der seine Arbeit nicht nur als Broterwerb sieht oder sah, sondern auch anderen Fachrichtungen die Chance gibt erforscht zu werden. Jedem Humanisten. Na, das ist doch wohl schon eine große Leserschaft.

Einsteins Witz blitzt immer wieder genauso durch wie sein wacher Verstand und seine romantische Ader. Bemerkenswert ist vor allem der lyrische Briefwechsel mit Königin Elisabeth von Belgien. Einstein konnte vor den Nazis fliehen – sie musste aufgrund ihrer Herkunft und ihres Standes ausharren. Seine Ratschläge sind Mahnworte, die bis in die heutige Zeit Bestand haben. Er war gläubig und niemals fanatisch. Einer wie er fehlt … immer noch.

Dieses Buch liest sich leicht wie ein Roman, ist spannend wie ein historischer Thriller und verleitet den Leser immer wieder einzelne Passagen nochmals zu lesen.

Im Tunnel

Im Tunnel

Da sitzt er nun: Paul Zakowski. Wieder mal Entlassungstag. Er ist zu abgebrüht, um zu behaupten, dass es das letzte Mal sei. Entscheidend ist für ihn nur, dass er raus kommt. Raus ans Licht, in die Freiheit. Während er wartet – die Bürokratie fordert zäh ihren Tribut – erinnert er sich an das, was war, wie er wurde was er ist. Kriegskind, zu früh, zu schnell zum Mann geworden. Mit Raubzügen – mehr oder weniger abgesegnet vom Kölner Bischof Frings, weshalb man das Klauen in dieser Zeit auch „fringsen“ nannte – hielt er sich über Wasser.

Eine Kriminellenkarriere wie sie im Buche steht. Paul kann die Finger nicht vom süßen Leben lassen. Einbrüche bestimmen sein Leben. Und der Knast. Als Jugendlicher mit der ihm eigenen Gelassenheit nimmt Paul auch diese Zeit hin. Kaum sechzehn Jahre alt, wandert er zum ersten Mal ein. Da Fluchtgefahr besteht, wird er besonders unter die Lupe genommen. Fluchtgefahr deswegen, weil er sich nach Frankreich „absetzen“ wollte. Eigentlich wollte er „nur Brigitte Bardot kennenlernen“…

Die Anekdoten aus dem Knast sind eine Freude für die Augen. Mit Hingabe malt Peter Zingler ein reales Bild der Zeit nach dem Krieg. Fast schon romantisierend. Fast. Denn Paul Zakowski ist Peter Zingler. Er weiß, was es heißt im Knast zu sitzen. Er kennt die Kriminellen und ihre Art den Alltag zu bewältigen.

Immer wieder stürzt sich Paul / Peter mit Elan ins kriminelle Getümmel. Die Erträge variieren. Mal sind die Brüche einfach, mal entkommen er und seine Leute der Polizei, mal nicht. Und Paul / Peter arbeitet international. In der Schweiz ist der Knast am einfachsten. Wenn der Fußball mal über die Mauer fliegt, schließt der Wärter auf damit ein Gefangener den Ball wiederholen kann. Lakonisch schreibt Zingler, dass sie den auch wiedergebracht haben.

Bei aller Knastromanze sehnt sich Paul / Peter doch nach einem geregelten Leben. Finanzielle Sicherheit steht an erster Stelle. Doch wie soll das gehen? Ohne Ausbildung.

Peter Zingler weiß, wie man sich am eigenen Schopf aus dem Sumpf herausziehen kann. Denn Peter Zingler ist mittlerweile in zweiter Instanz Drehbuchautor und Regisseur, preisgekrönt. Die kriminelle Vergangenheit ist nichts weniger als das. Die Erfahrungen seines ersten Lebens machen seine Drehbücher so authentisch. Erste Erfahrungen als Schriftsteller sammelte er als Schreiber von Kurzgeschichten, die unter anderem im Playboy veröffentlicht wurden. 1985 war Schluss mit lustig, der Ernst des Lebens begann. Als Journalist und Drehbuchautor übertrug er teils seine Erfahrungen ins seriöse Fach. Er schrieb Drehbücher für „Tatort“, „Schimanski“ und „Ein Fall für Zwei“. 1995 heimste er ganz legal den Grimme-Preis für sein Tatort-Drehbuch „Kinderspiel“ ein.

„Im Tunnel“ ist mehr als eine Abrechnung mit dem Leben vor dem Leben. Es ist ein ergreifender Befreiungsschlag, der bald eine Fortsetzung erfährt…

Die Welt des Sherlock Holmes

Die Welt des Sherlock Holmes

Baskerville, Dartmore, Baker street, Moriarty – jeder kennt diese Namen. Sie sind die Topographie des Bösen. Aber auch des genialen Reiseleiters durch die Untiefen der menschlichen Psyche. Schottland, Kricket und die Eltern sind die Ausgangsorte.

Schon auf den ersten Seiten lüftet Maria Fleischhack – Mitglied des Podcasts „The Baker Street Babes“ – so manches Rätsel. Zum Beispiel wie Arthur Conan Doyle auf die Namen der handelnden Personen kam. Bereits die kurze Biographie über den Autor des berühmtesten Detektives weltweit lässt die Spannung ansteigen.

Sherlock Holmes wurde in sechzig Geschichten verewigt. Er kann durchaus als Vater der Kriminalistik angesehen werden. Denn seine Art ein Verbrechen zu lösen, wird heute noch praktiziert. Nicht nur fiktional, sondern real. Finger- und Fußabdrücke zu nehmen, ballistische Untersuchungen, graphologische Expertisen – dass alles kennen die Kommissare der Gegenwart. Einige Verfahren, wie der Blutnachweis in verdünnter Form, wurden von Arthur Conan Doyle in der Welt der Wissenschaft recherchiert und durch seinen Ziehsohn Sherlock Holmes einem breiten Publikum zugängig gemacht.

Doch Holmes allein wäre kaum in der Lage all die kniffligen Fälle zu lösen. Arthur Conan Doyle gibt dem analytischen Geist den weltgewandten Watson an die Hand. Auch die Vermieterin Mrs. Hudson trägt unbewusst als Ruhepol in der Rückzugshöhle Baker street 221b zum Erfolg der Missionen bei.

Und was wäre Holmes ohne die Schurken? Sein literarischer Ruhm würde sich stark in Grenzen halten. Die einzelnen Charaktere werden von Maria Fleischhack genau unter die Lupe genommen (Sherlock Holmes ist der erste Detektiv mit diesem Werkzeug). Ihre Biographien und die der „Helfer“ lassen so manchen Sherlock-Holmes-Lesefan die Augen öffnen. Denn Arthur Conan Doyle verwendete zwar nicht immer viel Akkuratesse bei der Ausschmückung der „Nebenrollen“, doch gab er hier und da Hinweise auf deren Herkunft.

Wer Sherlock Holmes nur als den markanten Basil Rathbone oder den smarten Benedict Cumberbatch kennt, wird in den Romanvorlagen einen ganz anderen Ermittler erkennen. Wer sich an die Fersen von Maria Fleischhack heftet, wird die ganze Welt des Sherlock Holmes erkennen. Viele Romane muss man noch einmal lesen, die Filme noch einmal schauen, da so Vieles bisher unentdeckt blieb. Keine schlechte Ausbeute für die Detektive unter den Leseratten.

Der gute Deutsche – Die Ermordung Manga Bells in Kamerun 1914

Der gute Deutsche

Die deutschen Kolonien waren überschaubar und über den gesamten Erdball verteilt. Kamerun war wohl die Kolonie, die bis heute mit der deutschen Herrschaft im Lande verbunden ist. Wie in allen Kolonien hat sich auch die deutsche Regierung und Wirtschaft dort nicht so verhalten wie man es erwartet, versprochen und erhofft hat. Der viel beschworenen Ehre war da wenig bis gar nichts zu sehen.

Manga Bell war der Enkel des Königs, King Bell. Eine respektierte Person. Und ein entscheidender Handelspartner für die deutschen Konsortien. So manch einer seiner Untertanen konnte von seinen Erfahrungen, die er machen durfte nur träumen. Bis auf eine … der Titel des Buches verrät es: Die Sache geht nicht gut aus für Manga Bell. Manga Bell studierte in Deutschland. Eine Sensation. Nicht nur für die Dualas, sondern auch für die Deutsche. Sie hatten noch nie einen gesehen, der eine so dunkle Haut hatte. Zumindest nicht in Heidelberg, wo er studierte. In einigen Städten war damals schon die menschenverachtende Schau der Hagenbecks unterwegs.

Manga Bell ist beeindruckt von Deutschland. Er saugt das Leben in der Ferne in sich auf, beschäftigt sich mit der Kultur und auch mit der Rechtsprechung. Dem Kolonialtreiben kann er kein Ende bereiten, das weiß er. Die Handelsbeziehungen dienen beiden Seiten, den Duala und den Deutschen. Doch die Nichteinhaltung von Verträgen, Folterungen und Vergewaltigungen stellt er sich entgegen und klagt an. In Deutschland. Den weißen Herren vor Ort das Handwerk legen ist sein Ansinnen. Und den Kaiser wähnt er auf seiner Seite.

Christian Bommarius beschränkt sich nicht allein auf den Werdegang des Manga Bells. Vielmehr zeichnet er detailgenau ein Bild der kolonialen Situation in Afrika. Belgiens König beispielsweise betrachtet den Kongo als sein Privateigentum, in dem er schalten und walten lässt wie er will. Völkermord und totale Ausbeutung der Bodenschätze stehen über dem Recht. Die handelnden Personen stehen offiziell unter dem Recht der Kolonialmacht. Vor Ort treten sie ihr eigenes recht mit Füßen.

Im Nachgang zu den zahlreichen Büchern, die rechtzeitig zum hundertsten Jahrestag des Ausbruchs des Ersten Weltkrieges erschienen, ist dieses Buch eine wohltuende Alternative. Denn der Beginn des vergangenen Jahrhunderts war nicht nur von Umbrüchen in Europa gekennzeichnet. Afrika als Nährquelle der zivilisierten Welt wird auch heute noch als unterentwickelter Kontinent gesehen. Die Kolonialzeit ist zwar offiziell beendet, doch Konzerne üben „auf dem schwarzen Kontinent“ immer noch die Macht aus. Dieses Buch ist eine Aufforderung sich mit Geschichte zu befassen. Auch der außerhalb der eigenen Grenzen.

Das schmutzige Geld der Diktatoren

Das schmutzige Geld der Diktatoren

Kaum eine Nachrichtensendung auf der Welt kommt ohne die schlechten Nachrichten aus. Keine Sendung ohne Mord, Gewalt und schlechten Prognosen. Auch Namen werden genannt. Jeder kennt sie, staunt über ihr riesiges Vermögen und was sie damit für jeden sichtbar, veranstalten. Doch ist es wirklich so offensichtlich, das Geld der Anderen, der da oben? Das Geld der Diktatoren? Der Schurken? Wohl eher nicht. Denn da würde ja auch jeder wissen, wie das Geld sich binnen kurzer Zeit so enorm vermehren konnte. Legal ist das bestimmt nicht passiert…

Wenn man sich die Liste der reichsten Männer der Welt anschaut, so sind dort mehr oder weniger berühmte Firmeninhaber wie Bill Gates von Microsoft vertreten, Ölbarone und Stahlfabrikanten, aber auch sehr viele Personen, deren Geschäftsfeld so verzweigt ist, dass Forbes – das Magazin, das jährlich diese Liste erstellt – es nur mit dem Wort „investments“ betiteln kann. Durch geschicktes Investieren das Geld maximal vermehren, und das mit dem geringstmöglichen Aufwand. Maximalprinzip nennt das der Fachmann. Davon träumt so mancher Kleinanleger. Doch bei denen bleibt es oft beim Traum.

Seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion haben sich viele Staaten neu gebildet. Man kennt die Namen vom Hören-Sagen. Manch einer weiß vielleicht sogar wo sie im Atlas zu finden sind. Aber so richtig wissen die meisten doch gar nicht, was in Aserbaidschan, Georgien, Tadschikistan oder Kirgisien vor sich geht. Der Glanz der arabischen Ölstaaten lenkt von den humanitären Problemen vor Ort ab. Woher das Geld stammt, mit dem ganze Städte aus dem unfruchtbar geglaubten Boden gestampft wurden, ist unklar. Florian Horcicka beleuchtet die dunklen Machenschaften der Diktatoren und zeigt mit einfachen Worten dem Leser, woher das Geld kommt, wie es gewaschen wird und wie schwer es ist den Handlangern das Handwerk zu legen. Die Liste der Initiatoren und ihrer willigen Helfer ist lang und liest sich in Teilen wie das Who-Is-Who der internationalen Politik und Finanzwirtschaft – von Gaddafi, den Clans der Marcos‘ und Duvaliers über Berlusconi, Schröder, Blair, Sarkozy bis hin zu den Potentaten Indonesiens, Syriens, Tunesiens. Alle an den Geschäften Beteiligten machten ihren Reibach, Diktatoren wie Vertreter demokratischer Länder. Die Zeche zahlt … na wer schon?

Florian Horcicka nennt Ross und Reiter. Die Nennung der Namen verursacht ein „ich hab’s ja schon immer gewusst!“ – die Weg des Geldes rufen Staunen und Ahas hervor.

Steuerberater, Wirtschaftsanwälte und günstige Gesetze (und behäbig arbeitende Behörden) beispielsweise in Österreich, der Schweiz und Liechtenstein (aber auch Deutschland) ergeben eine Mischung, die es skrupellosen Anlegern erlauben Renditen zu erzielen, die Otto Normalverbraucher niemals erreichen kann. Diese Geflechte versucht Florian Horcicka aufzudröseln.

Dem Autor wurde Geld geboten, damit dieses Buch nicht erscheint – erfolglos! Wer reist, sollte das Land kennen, das er besucht. Politisch korrekt zu reisen, ist ein Ding der Unmöglichkeit. Überall auf der Welt sitzt mindestens einer, der mit nicht ganz rechtschaffenden Mitteln zu Reichtum gekommen ist und dadurch Macht und Einfluss gewonnen hat. Deswegen aber gleich komplett auf Reisen und fremde Kulturen zu verzichten, ist der falsche Weg. Denn nur weil eine sehr kleine herrschende Clique scheinbar eine ganze Region in Verruf bringt, muss man nicht auf das natürliche Recht auf Bildung verzichten. Dieses Buch schärft den Blick für die Ungereimtheiten des Weltenlaufes. Und das ist schon eine Menge wert!

Einziger Nachteil: Das Buch sollte nicht in jedes Urlaubsland mitgenommen werden…

Ein letzter Tag Unendlichkeit

Ein letzter Tag Unendlichkeit

Na das ist doch mal eine Einladung! Eine Schifffahrt auf dem Zürichsee. Die Einladenden versichern dem Eingeladenen die ungeteilte Zuneigung der Damen. Ein jeder wird seine Dulcinea dabeihaben. Welch prachtvolles Wort für Freundin! Klingt ein bisschen anrüchig, oder?! Nun ja, es mag an der Zeit liegen, in der dieser Roman spielt. Juli 1750. Es mag aber vielleicht auch an der Gesellschaft liegen, die die Ungeziemtheit vergessen machen lässt. Der der Eingeladene ist Friedrich Gottlieb Klopstock, mit Mitte zwanzig schon ein gefeierter Dichter. Die Fahrt soll in die Geschichtsbücher eingehen…

Die Gesellschaft versammelt sich am Ufer des Sees. Alle sind gespannt auf den Dichterfürsten. Treten von einem Bein aufs Andere. Dann kommt er. Aufgebrezelt. Mit Perücke. Ein bisschen dandyhaft. Er genießt es bewundert zu werden. Und ein bisschen freut er sich auch auf das versprochene Rahmenprogramm…

Die Gesellschaft besteht auf honorigen Bürgern Zürichs, allesamt mit tadellosem Ruf. Das Boot legt ab, der Tag kann beginnen. Alle hängen an den Lippen Klopstocks. Der fabuliert, sinniert, sinniert. Feuchte-Augen-Garantie bei den Damen, stolz geschwellte Brust bei den Herren. Und ein jubilierendes Herz beim Gast. Denn er hat Anna Schirz ins Visier genommen. Dem Liebreiz der jungen Dame ist ab dem ersten Zusammentreffen verfallen. Unerhört, denn die junge Dame ist nicht allein gekommen. Hartmann Rahn ist ihr eigentlicher Begleiter, aber auf der Einladung stand ja …

Schlussendlich „bekam“ keiner der beiden Anna Schinz. Rahn wurde später Klopstocks Schwager und der Schwiegervater des Philosophen Johann Gottlieb Fichte.

Oft hapert es bei historischen Romanen an der Detailgenauigkeit. Lucien Deprijck richtet anhand der unwiderruflichen Fakten dieses Sittengemälde auf. Zwei Kapitel, gibt er zu, sind nicht verbürgt. Der Rest … der Rest hat sich genauso zugetragen. Wenn man dann noch Klopstocks „Fahrt auf der Zürcher See“ liest (zu finden auf der Homepage des Verlages), bekommt man eine ziemliche genaue Vorstellung von diesem historischen Tag im Zürich des Jahres 1750.