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In Liebe, Muschelkalk

In Liebe, Muschelkalk

Muschelkalk, ein ungewöhnlicher Kosename für eine Frau, um die man sich so bemüht hat und die man bedingungslos liebt. Ja, Hans Bötticher ist um einiges älter als sie, Leonharda Pieper. Doch was ist so besonders an ihr und den beiden, dass ihnen eine Biographie gewidmet wird? Nun, Hans Bötticher war Humorist im besten Wortsinne und als Joachim Ringelnatz schon zu Lebzeiten bekannt und geschätzt. Und hätte sich ohne seinen Muschelkalk bei Weitem nicht so frei entfalten können wie er es tun konnte.

Muschelkalk war die Tochter eines Bürgermeisters aus Rastenburg in Ostpreußen, aus gutem Hause wie man so sagt. Als junges Mädchen ging sie nach Eisenach, um Französisch und Englisch zu lernen. Ihre Mentorin war mit eben diesem Hans Bötticher bekannt. Der war erst gar nicht so sehr angetan von der jungen Maid am dem Osten. Der nicht gerade als Kostverächter bekannte Hans hatte hier und da seine Liebeleien, eine Eigenschaft, die er ein Leben lang nicht ablegen konnte. Doch fanden Muschelkalk und Bötticher dennoch zusammen.

Der verlorene Krieg verbot es Kriegsteilnehmern sich an dem Ort niederzulassen, an dem sie zuvor tätig waren. Ringelnatz – wie er sich schon bald nennen wird – muss eine gut bezahlte Stelle aufgeben. Muschelkalk arbeitet im hunderte Kilometer entfernten Godesberg im Rheinland. Ihre neue Heimat wird München. Hier tritt Ringelnatz auf, schreibt und ist so was wie eine lokale Berühmtheit. Das erlaubt ihm Muschelkalk zu sich zu holen. Bald wird geheiratet.

Ihr Leben ist von fast vollkommener Harmonie geprägt. Er bringt das Geld nach Hause (oft reicht es dennoch nicht), sie wird zur Hüterin der guten Stube. Eine Aufgabe, die sie erst lernen muss. Er schreibt ihr herzige Briefe von unterwegs, sie lernt kochen, waschen und den Haushalt führen. Seine Liebschaften verzeiht sie ihm, denn er ist es, der ihr das Leben zeigt. Aus heutiger Sicht ein eher unzumutbarer Zustand, doch befinden wir uns in den 20er Jahren des 20. Jahrhunderts.

Nach mehreren Schicksalsschlägen binnen weniger Jahre – die eine Schwester ertrinkt, eine andere begeht Selbstmord, der Vater stirbt – muss Muschelkalk auch ihren geliebten Joachim Ringelnatz ziehen lassen. Die Nazis hatten ihm Auftrittsverbot erteilt, die Einnahmen schwinden rapide. Ein Jahr nach der Machtergreifung Hitlers verstirbt Ringelnatz.

Muschelkalk hat zu diesem Zeitpunkt Kaiserreich, Krieg, Republik, Inflation und aufkommenden Nationalismus erlebt – immer starke Männer an ihrer Seite – da ist sie gerade mal Mitte dreißig. Kurz vor der Hälfte ihres Lebens.

Sie arbeitet in Berlin als Lektorin für Rowohlt, übersetzt Thomas Wolfe, zu dessen Ruf in Deutschland sie entscheidend beigetragen hat. Kurze Zeit später heiratet sie erneut. Julius Gescher, Arzt und Freund, der Ringel und Muschelkalk schon vor Jahren kennenlernte. Doch er überlebt den Krieg nur wenige Tage.

Den Nachlass von Joachim Ringelnatz verwalten, den Dichter nicht in Vergessenheit geraten lassen, wird ihre große Aufgabe. Immer wieder gibt es Ringelnatz-Abende und Neuauflagen mit seinen Werken. 1977 stirbt auch Leonharda Ringelnatz, geborene Pieper, Muschelkalk genannt. Sie wird im Grab ihres zweiten Mannes begraben. Ringelnatz‘ Grab ziert seit jeher eine Platte aus … Muschelkalk.

Barbara Hartlage-Laufenberg gibt der besseren Hälfte Ringelnatz‘ ein Gesicht und eine Stimme. Bis war sie unbekannt, selbst Wikipedia erwähnt sie nur im Zusammenhang mit anderen Artikeln. Sie war mehr als nur die Frau hinter dem großen Dichter. Ihr ist es zu großen Teilen zu verdanken, dass bis heute Ringelnatz-Abende veranstaltet werden und der Dichter hüben wie drüben nicht in Vergessenheit geraten ist.

Schlangentanz – Reisen zu den Ursprüngen des Nuklearzeitalters

Schlangentanz

Wenn man eine Stadt oder eine Region mehrmals bereist hat, aber immer noch der Meinung ist Neues erleben zu können, dann ist es an der Zeit seine Urlaubsplanung thematisch auszurichten. Paris auf den Spuren Picassos. Oder Sizilien kulinarisch. Oder Belgien auf den Schlachtfeldern, ist ja gerade sehr angesagt. Doch wie plant man eine Reise in die Vergangenheit, zurück zu einem schrecklichen Ereignis? Zeitreisen sind und bleiben Phantasie.

„Schlangentanz“ ist real, Patrick Marnham auch. Und er macht eine Reise, die seit siebzig Jahren unternommen werden kann, auf die aber jeder Humanist gern verzichten kann: Eine Reise zu den Ursprüngen des Nuklearzeitalters. Oder zu den Wurzeln des Übels, den Atombombenabwürfen auf Hiroshima und Nagasaki.

Das Verblüffende ist, dass er nicht in Laboratorien seine Reise beginnt, oder mit Interviews mit Hinterbliebenen von Opfern und Wissenschaftlern, sondern in Belgien. Brüssel genauer gesagt. Im Justizpalast. König Leopold verleibte sich durch einen geschickten Schachzug Kongo ein. Belgisch-Kongo war jahrelang der dunkelste Ort auf Erden. Völkermord, gnadenlose Ausbeutung der Bodenschätze und ein nahezu rechtsfreier Raum entstanden. Hier wurde auch das Uran gefördert, das zu Forschungszwecken in die USA geliefert wurde und aus Angst vor dem „bösen Russen“ und den noch viel verachtenswerteren Naziregime in Deutschland die Grundlage der ersten beiden Atombomben diente. Das Ergebnis ist bekannt: Bis heute sind die Nachwirkungen von „Little Boy“ und „Fat man“ spürbar.

Die Reise führt ihn weiter nach New Mexico. Einen Staat, einer Region, dessen Geschichte auch nicht immer nicht immer von strahlender Zukunft geprägt war. Kriege, Massaker, Zankapfel zwischen Streitmächten gehören genauso zu New Mexico wie Jahrtausende alte Indianerkultur. Hier wurden die beiden Bomben mit den unverfänglichen Namen ersonnen.

Auf seiner Reise wird der Autor von vielen seiner Kollegen begleitet. Joseph Conrad und Aby Warburg waren genaue Beobachter der von ihnen besuchten Regionen und Kulturen. Conrad im Kongo, Warburg in New Mexico.

Ein weiterer Deutscher – Warburg war Deutscher, der Pole Conrad schipperte von England aus nach Afrika – Joseph Oppenheimer gehört zu illustren Reisegesellschaft. Als Vater der Atombombe sollte er in die Geschichte eingehen, ein Ruf, der ihn ein Leben lang anhaftete und der ihm nicht schmeckte.

Alles was mit Atom zusammenhängt, hat einen bitteren Beigeschmack. Hiroshima und Nagasaki sind Synonyme für die perfide Verwendung der im Grunde fortschrittlichen Entdeckungen. Wohl auch daher rührt die Angst vor dieser Technologie. Erst vor wenigen Jahren wurde es wieder einmal offensichtlich, dass Forschung und Fortschritt auch gravierende negative Nebenwirkungen haben: Fukushima. Bis in eine weit entfernte Zukunft wird dieser Fleck Erde nicht mehr zu besiedeln sein.

John Marnham ist nicht der Erste, der durch das Atomzeitalter reist. Viele haben sich versucht und sind daran zerbrochen. Marnham ist aber kein Forscher auf dem Gebiet der Nukleartechnologie, er ist Beobachter, Geschichte-Erzähler in der reinsten Form. Er wertet nicht, er beobachtet und notiert. Dem Leser wird eine neue Sichtweise auf das Thema Atom eröffnet. Spannend wie nie zuvor, einem Krimi gleich – Marnham hat unter anderem auch eine Biographie über Georges Simenon veröffentlicht – reist der Leser zu fremden Kulturen, in ferne Länder und durch die Labore der Welt.

Velvet Underground – White Light / White Heat

White Light - White Heat

Einmal nur im gleißenden Licht der Scheinwerfer stehen, und sei es nur für eine Viertelstunde. Andy Warhol hat es auf den Punkt gebracht: „Jeder kann für 15 Minuten ein Star sein.“ Velvet Underground – deren Manager, Ideengeber der exaltierte Künstler war – gelten bis heute als Inbegriff einer Art Rock Band. Sie hatten niemals einen Top-Ten-Hit und dennoch kennt man „Sunday Morning“, „All Tomorrows Parties“ und „I’ll Be Your Mirror“ wie einen guten Bekannten.

Lou Reed – Sänger und Gitarrist der Band – bekannte einmal, dass er sich an Velvet Underground nicht mehr erinnere, zu viele Drogen. Die düstere Stimme von Nico, Christa Päffgen, die monotone Batterie von Maureen Tucker, der lakonische Bass von John Cale, der drängende Gitarrensound aus den Fingern von Lou Reed (der auch für so manch gruselndes Gesangsstück verantwortlich war) und Sterling Morrison bildeten einen Klangteppich, der unzählige Band beeinflusste. Das Ende kam Anfang der 70er Jahre als die Eingebung fehlte und der Drogenkonsum überhandnahm. Die Einzelkämpfer Lou Reed und John Cale gingen sich im Laufe der Jahre immer mehr aus dem Weg, waren solo erfolgreicher als mit den anderen Bandkollegen. Lou Reed schaffte mit seinem Debut-Solo-Album „Transformer“ einen Meilenstein der Popgeschichte.

Doch Velvet Underground waren mehr als nur eine stoned spielende Krachkapelle, die zufällig von einem der genialsten Künstler des 20. Jahrhunderts protegiert wurde. Sie waren das rohe Fleisch im Einerlei der Hippie-Kultur. Gänseblümchen im Haar wurden durch psychedelische Aggressionstherapie ausgetauscht. Lavalampenspiele als Bühnenhintergrund und pressender Sound brachten das Publikum zum Schwelgen, Abheben, in andere Sphären eintauchen. Klar, Drogen beschleunigten diese Effekte auch.

Der Titel dieses Buches „White Light White Heat“ stammt vom zweiten Album von Velvet Underground. Da fehlte schon Nico / Christa Päffgen, John Cale sollte hier zum letzten Mal im Studio mit seinen Bandkollegen sein. Es schaffte nicht mal den Sprung unter die Top 100 der amerikanischen Charts. Ein Flop? Nein! Meilenstein trifft es eher. Alle nachfolgenden Bands des Punk, der Gothic-Szene, Industrial, Metal, Progressive beziehen sich auf „White Light White Heat“. Da ist es egal, ob die Masse das Album mochte oder nicht. Man kann sogar so weit gehen, dass der scheinbare Misserfolg zum späteren Erfolg beigetragen hat. Dieses Buch ist ein Buch für Fans. Und für solche, die es werden wollen – wenn es das gibt. Die Fülle an Bildern erschlägt den Leser nicht, sie zieht ihn in den Strudel der Musikgeschichte hinein. Autor Richie Unterberger schreibt kenntnisreich und schwungvoll über eine der spannendsten und unstrittig am meisten verkannten Bands der Popgeschichte. Er gibt der Musik den Raum, den sie beanspruchte und niemals bekommen hat.

Verkannte Pioniere

Verkannte Pioniere

Schnell noch Licht machen, einen Anruf tätigen und die Hände waschen. Alltägliche Vorgänge, die so natürlich sind, dass es schwer fällt sie zu beschreiben. Auf wen die Handlungen, und somit auch die Erfindungen – Hände waschen dient auch der Desinfektion – zurückgehen, mag kaum jemand zu erklären. Viele Erfinder sind eng mit ihren Entdeckungen verbunden. Das Auto mit Carl Benz, das Telefon mit Alexander Graham Bell oder die Dampflok mit Robert Stephenson. Ja, das sollte man meinen. Doch die Geschichte hat uns gelehrt, das selbige immer von den Gewinnern geschrieben werden.

Dieses Buch erzählt die Geschichte derer, die meist im Schatten standen bzw. nie in den Genuss des Sonnenglanzes kamen. Maximal posthum. So wie Nikola Tesla. Heute ist eine Elektroautofirma nach ihm benannt. Zu Lebzeiten (1856 – 1943) galt er als größenwahnsinnig. Nach ihm ist die Maßeinheit für die magnetische Flussdichte benannt. Er war der Gegenspieler Thomas Alva Edisons. Der wiederum war berüchtigt nicht gerade zimperlich mit seinen Feinden umzugehen. Tesla galt als Entdecker des Zweiphasen-Wechselstroms. Wer also heute ein elektrisches Gerät einschaltet, hat dies auch Nikola Tesla zu verdanken. Edison war ein Verfechter des Gleichstroms. Das wäre ein Flackern, wenn sich Edison durchgesetzt hätte.

Wer kennt schon Siegfried Marcus? Auch wenn sich die Gelehrten nicht ganz einig sind, kann man auch ihn als einen der Väter des Automobils bezeichnen. Leider sind nicht alle seine Aufzeichnungen erhalten, so dass es bis heute immer wieder heftige Diskussionen gibt, ob nun er oder doch Carl Benz zum ersten Mal ein Auto erbaut haben. Fakt ist, dass, wer heute den Zündschlüssle herumdreht auch Siegfried Marcus danken sollte, dass er nicht mehr kilometerweit zur Arbeit laufen muss.

Man eine Stadt hat ein Semmelweis-Straße. Straßennamen nimmt man ebenso hin wie die Tatsache, dass es im Krankenhaus sauber ist. Das war nicht immer so. Ignaz Philipp Semmelweis hatte die hohe Sterblichkeit von Säuglingen in Krankenhäusern untersucht. Und kam zu dem Ergebnis, dass dort die Ärzte teilweise dafür verantwortlich gemacht werden können. Teufelszeug! Unfug! Die Halbgötter in Weiß tobten. Doch Semmelweis hatte recht, deswegen wird seit rund eineinhalb Jahrhunderten in den Gesundheitstempeln desinfiziert wo es nur geht. Semmelweis erntete mit seinen Forschungsergebnissen nur Hohn, Spott und Ablehnung.

„Verkannte Pioniere“ setzt den Verlierern der Wissenschaft ein Denkmal. Viele erlangten kurzzeitig Ruhm, wurden über den Tisch gezogen, verstoßen und verhöhnt. Armin Strohmeyr rückt ihre Leistungen wieder in den Sonnenschein des öffentlichen Bewusstseins.

Das Jahrhundert der Manns

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Heinrich, Thomas, Katia, Klaus, Erika, Golo, Michael, Monika, Viktor, Elisabeth und viele andere mussten ihr Leben lag ihren Mann stehen. Der Name Mann hatte und hat Gewicht. Wenn man Picasso als DEN Maler des 20. Jahrhunderts bezeichnet, so sind es die Manns, die mit ihren Schriften dieses Jahrhundert prägten, und deren Wirkung bis heute anhält. Ihnen ein Denkmal zu setzen, ist kein leichtes Unterfangen. Manfred Flügge ist ein ausgewiesener Experte, wenn es um Biografien geht. Mit „Das Jahrhundert der Manns“ schafft er es dem Werk der Manns mehr als gerecht zu werden.

Die Brüder Heinrich und Thomas Mann waren nicht von Geburt an zum Schreiben geboren. Kaufleute in Lübeck waren die Eltern, so sollten es auch die Söhne werden. Doch der Tod des Vaters und der Ruin der Firma wirken im Nachhinein wie ein Wink des Schicksals. Nicht nur, dass beide große Schriftsteller wurden, Thomas Manns (eigene) Familiensaga „Buddenbrooks“ brachte ihm 1929 den Literatur-Nobelpreis ein.

Klaus Mann brachte es einmal auf den Punkt, als er seine Familie charakterisierte. Bedeutend, doch alle mit einem Knacks. Der mächtige Übervater und um so viel erfolgreichere jüngere Bruder Thomas war Fluch und Segen zugleich. Fluch, weil ihm niemand das Wasser reichen konnte, was auch jeder verinnerlichte. Segen, weil der Ruhm des Vaters ein Leben ohne finanzielle Sorgen erlaubte. In München benahmen sich die Mann-Kinder oft daneben. Andere Altersgenossen hatten regelrecht Angst vor ihnen. In einem gerade sich von starren Fesseln lösenden Deutschland waren gerade Klaus und Erika Mann mit ihren offen formulierten Gedanken echte Pioniere. Sie reisten um die Welt, gaben sie Affären hin, spotteten im Kabarett. Die Erziehung ohne Hemmnisse gab ihnen den benötigten Freiraum.

Dass besonders Thomas Mann gern seine eigene Familie in seinem literarischen Werk als Vorlage zu nutzen wusste, ist kein Geheimnis. Durch „Das Jahrhundert der Manns“ werden dem einen oder anderen Leser diese Parallelen offen dargelegt. Auf etwas über vierhundert Seiten lässt Manfred Flügge das vergangene Jahrhundert im Allgemeinen und das der Manns im Speziellen wie in einem Blockbuster Revue passieren. Zahlreiche Anekdoten vermitteln dem Leser das Gefühl in einem wahrgewordenen Roman zu blättern. Doch alles ist echt, alles ist genau so passiert.

Dieses Buch ist mehr als nur eine bloße Abhandlung der Biografien der einzelnen Manns. Hätte schon vor Jahrzehnten der unbedingte Drang nach einer Marke bestanden, wäre der Marketingbegriff „Die Mannschaft“ auf die Familie Mann zugetroffen. Und die deutsche Fußball-Nationalmannschaft der Herren hätte sich einen anderen (passenderen) Namen einfallen lassen müssen. Aber auch „Die Manns“ kann man (sicherlich auch Dank Heinrich Breloers Dokudrama aus dem Jahr 2001) getrost als Markennamen gelten lassen.

Erwin Schrödinger

Erwin Schrödinger

Nobelpreisträger tragen eine schwere Bürde mit sich: Kaum einer kennt sie. Zumindest, wenn es die Naturwissenschaften betrifft. Friedensnobelpreisträger – deren Vergabe allzu oft seltsame Blüten trieb, man denke an Menachem Begin und Anwar al Sadat, Barack Obama oder die Europäische Union – kennt man einige. Literaturnobelpreisträger sind auch nicht ganz unbekannt, da auf jeder Ausgabe darauf hingewiesen wird. Aber Chemiker und Physiker? Die kennt man kaum. Albert Einstein, den kennt man. Heisenberg, Bohr, Planck – alle schon mal gehört. Auch von Erwin Schrödinger? Wer schon vor dem 26. September 2009 von ihm Kenntnis hatte, gehört zu einer kleinen Minderheit. Wer ihn seitdem kennt, hat die letzte Folge der ersten Staffel von „The Big Bang Theory“ gesehen, in der die Theorie von Schrödingers Katze im Treppenhaus erläutert wird. Die besagt nichts anderes, als dass etwas nur passiert, wenn man es beobachtet, ganz oberflächlich betrachtet. Ähnlich dem Phänomen eines fallenden Baumes, das von niemandem beobachtet wird – macht das Fallen dann Krach?

Erwin Schrödinger wurde am 12. August 1887 in Wien geboren, als Einzelkind der oberen Mittelschicht wurde Bildung schon sehr früh zugängig gemacht, seine Neugier befeuerte seinen Wissensdrang. Tante Minnie musste schon sehr früh alle möglichen Ereignisse in einem Tagebuch für den kleinen Erwin festhalten. Sonst hätte ja seine Kindheit niemals stattgefunden… Das Haus, in dem Erwin Schrödinger die Kindheit verbrachte beherbergt heute eine Galerie.

Schon früh konnte man die spätere Genialität des Kindes beobachten. Was dem Vater einige Sorgenfalten bereitete, Erwin sollte nicht getrieben werden, er sollte sich „normal“ entwickeln. Doch schon im Gymnasium war klar, dass er besonders begabt war. Mathe und Physik stellten kein Problem dar, er könnte immer eine Antwort geben, wie ein Mitschüler feststellte.

Erwin Schrödingers Vater war Wachstuchfabrikant, sein Opa Chemieprofessor. Die Schuljahre vergingen, Erwin Schrödinger studierte in Wien Mathematik und Physik. In Zürich lehrte er Theoretische Physik an der gleichen Stelle wie vor ihm Albert Einstein. 1933 bekam er den Nobelpreis für Physik für seine nach ihm benannte Schrödingergleichung. Soweit sein Leben in Zahlen.

Erwin Schrödinger war nicht ausschließlich Naturwissenschaftler. Ganz im klassischen Sinne eines Forschenden widmete er sich auch den Räumen zwischen den Fachgebieten, fast wäre er sogar Philosoph geworden. Ihn interessierte stets das Hin und Her, das Zwischenspiel von Natur und Geist.

Obwohl Erwin Schrödinger heutzutage als Wissenschaftler eher in die Kategorie „B-Promi“ gehört, wenn man vom allgemeinen Bekanntheitsgrad ausgeht, ist seine Denkweise, seine Neugier für viele eine Triebfeder. Genau wie Albert Einstein sah er die Welt als Ganzes, das auch aus einem Geist heraus besteht und nur so erklärt werden kann.

Walter Moore Biographie ist ein Kleinod unter den Physikerbiographien. Detailreich und nie verlegen das Leben und Denken eines der größten Genies des 20. Jahrhunderts zu beschreiben und zu erörtern.

 

Der Vizekönig von Ouidah

Der Vizekönig von Quidah

Bruce Chatwin hatte ein kurzes, bewegtes Leben. Letzteres verbindet ihn mit dem Protagonisten dieses Buches, Francisco Felix de Souza. Der war zu Beginn des 19. Jahrhunderts als brasilianischer Sklavenhändler im afrikanischen Benin an Land gegangen. Das Land Benin als solches gab es damals noch nicht. Dahomey hieß es einst.

Sein Verhandlungsgeschick brachte ihm die Position eines Vizekönigs ein. Er hatte das Exklusivrecht mit Sklaven zu handeln. Ein weit verbreiteter Handelszweig in diesen Gefilden.

Bruce Chatwin, der dieses Buch Ende der 70er Jahre des 20. Jahrhunderts schrieb, besuchte Benin, jetzt eine Volksrepublik sozialistischer Prägung, um Recherchen zu dem einstigen Vizekönig anzustellen. Dieses Buch ist mehr Fiktion als Dokumentation, obwohl viele der beschriebenen Vorgänge so oder so ähnlich passiert sind.

Als Chatwin das Land wieder verlassen wollte, geriet er mitten in einen Umsturz. Froh, dass er mit halbwegs heiler Haut entkommen konnte, kehrte er nie wieder zurück.

Dieses wunderschön bebilderte Buch ist eine Hommage an den großen Reisejournalisten, der am 13. Mai 2015 seinen 75. Geburtstag feiern könnte. Leider starb er im Alter von 49 Jahren in Südfrankreich.

Den Illustrationen von Sylvie Ringer dienten teilweise Fotos von Bruce Chatwin als Vorlage. Das reichhaltige Farbenspiel ist ein Genuss für die Augen. Die wortstarken Texte von Chatwin lassen den Leser vollends in die Welt Dahomeys, wie Benin bis weit ins 20. Jahrhunderts hieß, eintauchen.

Brutaler Menschenmissbrauch, tragische Familienschicksale und eine gehörige Portion Geschichte sind die Zutaten, die Bruce Chatwin für sein eindrucksvolles Menu africaine zusammenstellt. Der kunstvoll gestaltete Prachtband besticht durch Eleganz und Opulenz.

Das Buch bildet die Grundlage der letzten Zusammenarbeit von Werner Herzog mit „seinem liebsten Feind“ Klaus Kinski, „Cobra Verde“.

Wahre Römer

Wahre Römer

Kennen Sie einen wahren Römer? Nein, nicht Miroslav Klose, der für die Roma stürmt. Nein, einen echten, der Geschichte schrieb. Aber keine Geschichten wie sie im Buche, im Lehrbuch stehen. Nein? Na dann werden Sie hier einige kennenlernen.

Andronicus war einer, den man heute als von der Muse geküsst bezeichnen würde. Richtig wäre es „von der Camena geküsst“. Lucius Livius Andronicus war sein vollständiger römischer Bürger-Name, wobei die ersten beiden Namen die seines ehemaligen Herren waren und Letzterer sein Sklavenname war. Seinem literarischen Talent verdankte er es, dass er freier römischer Bürger wurde. Doch zurück zu Camena. Denn bei seiner Übersetzung der „Odusia“ (Odyssee) benutzte er das Wort Camenae, römischen Quellnymphen, die nun mal keine Musen waren. Andronicus war Sklave, doch sein Talent und sein Ehrgeiz prädestinierten ihn zum römischen Bürger. Das geschah im dritten Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung. Wann genau, darüber streiten sich immer noch die Gelehrten. Faszinierend wie Geschichte bis heute nachwirkt.

Dem Leser begegnen einfache Handwerker wie Bäcker, aber auch treue Gefolgsleute der Caesaren. Manchen wurden Denkmäler errichtet bzw. es sind deren Grabmale immer noch zu bestaunen. Und wenn man die Geschichte hinter diesen Bauwerken/Denkmälern kennt, wird ein Rombesuch zu einembesonderen Erlebnis.

Stephan Berry lustwandelt durch die römische Geschichte wie an einem erfrischenden Maitag. Beschwingt nimmt er sich des schweren Themas römische Geschichte an und versorgt den Leser mit allerlei nützlichem Wissen. Die biographischen Texte sind nur teilweise belegbar. Es ist erstaunlich wie viel wir heute wissen, und wie viele Fragen immer noch offen sind. Wer Rom besucht, trifft alle paar Minuten auf mehr oder weniger gut erhaltene Zeugnisse der Geschichte Roms. Unweigerlich tauchen hier und da Namen auf, die einen garantiert in keiner Geschichtsstunde gequält haben. Doch die Neugier siegt. Wer war das denn? Muss ich den kennen? Viele MUSS man nicht kennen. Aber das Wissen um sie ist eine Bereicherung, die man nicht missen möchte.

Albert Einstein Briefe

Albert Einstein - Briefe

Was wurde nicht alles schon über ihn geschrieben? Genialer Wissenschaftler, Friedensaktivist, Charmeur, Geigenspieler: Albert Einstein. Gehört er gar zu denen, über die schon alles geschrieben wurde? Und wenn ja, warum dann dieses Buch? Weil die Behauptung, es wurde schon alles über DAS Genie des 20. Jahrhunderts geschrieben, nicht stimmt. In einer Zeit, in der Mobiltelefone und E-Mails weder bekannt waren noch in absehbarer Zukunft lagen, gab es zumindest das Kommunikationsmittel des Briefes. Das waren noch Zeiten als mit Tinte auf Papier etwas geschrieben wurde. Fein säuberlich in einen Umschlag gesteckt, frankiert und mit der Post verschickt wurde. Das ist so old school. Tja, das war Albert Einstein trotz aller Genialität und Progressivität auch.

Die in diesem Buch zusammengefassten Ausschnitte spiegeln ein Leben für die Wissenschaft und deren Nutzen für die Menschen wider. Einstein war keineswegs der unnahbare Gelehrte, der regelmäßig zu spät zur Vorlesung kam, launisch seine Thesen runterlas und dann bis zum nächsten Mal im Nirwana verschwand. Er war streitbar und nahm regen Anteil an den zugesandten Briefen. Egal, ob sie nun von einem geschätzten Kollegen, einer royalen Größe oder einem einfachen Farmer aus Idaho kamen. Letzterer bat um ein aufmunterndes Wort für seinen Spross, den er zum Physikstudium animierte. Einstein sollte den letzten Anstoß geben sich anzustrengen. Zur Belohnung gab es einen Sack Kartoffeln.

Die Briefe bzw. die Auszüge zeigen Einstein wie sich Kenner ihn vorstellen und Fremde ihn sich gern vorstellen möchten. Liebenswert, und wenn er antwortet dann mit ganzer Geisteskraft. Außerdem war er ein begnadeter Schreiber. So mancher Student der Gegenwart wünscht sich so einen agilen, lebensbejahenden, klugen Kopf in seinen Seminaren.

Wem schenkt man so ein Buch? Sich selbst. Jedem Physiker, Astronomen. Egal, ob noch Studiosus oder Forscher. Jedem Wissenschaftler, der seine Arbeit nicht nur als Broterwerb sieht oder sah, sondern auch anderen Fachrichtungen die Chance gibt erforscht zu werden. Jedem Humanisten. Na, das ist doch wohl schon eine große Leserschaft.

Einsteins Witz blitzt immer wieder genauso durch wie sein wacher Verstand und seine romantische Ader. Bemerkenswert ist vor allem der lyrische Briefwechsel mit Königin Elisabeth von Belgien. Einstein konnte vor den Nazis fliehen – sie musste aufgrund ihrer Herkunft und ihres Standes ausharren. Seine Ratschläge sind Mahnworte, die bis in die heutige Zeit Bestand haben. Er war gläubig und niemals fanatisch. Einer wie er fehlt … immer noch.

Dieses Buch liest sich leicht wie ein Roman, ist spannend wie ein historischer Thriller und verleitet den Leser immer wieder einzelne Passagen nochmals zu lesen.

Im Tunnel

Im Tunnel

Da sitzt er nun: Paul Zakowski. Wieder mal Entlassungstag. Er ist zu abgebrüht, um zu behaupten, dass es das letzte Mal sei. Entscheidend ist für ihn nur, dass er raus kommt. Raus ans Licht, in die Freiheit. Während er wartet – die Bürokratie fordert zäh ihren Tribut – erinnert er sich an das, was war, wie er wurde was er ist. Kriegskind, zu früh, zu schnell zum Mann geworden. Mit Raubzügen – mehr oder weniger abgesegnet vom Kölner Bischof Frings, weshalb man das Klauen in dieser Zeit auch „fringsen“ nannte – hielt er sich über Wasser.

Eine Kriminellenkarriere wie sie im Buche steht. Paul kann die Finger nicht vom süßen Leben lassen. Einbrüche bestimmen sein Leben. Und der Knast. Als Jugendlicher mit der ihm eigenen Gelassenheit nimmt Paul auch diese Zeit hin. Kaum sechzehn Jahre alt, wandert er zum ersten Mal ein. Da Fluchtgefahr besteht, wird er besonders unter die Lupe genommen. Fluchtgefahr deswegen, weil er sich nach Frankreich „absetzen“ wollte. Eigentlich wollte er „nur Brigitte Bardot kennenlernen“…

Die Anekdoten aus dem Knast sind eine Freude für die Augen. Mit Hingabe malt Peter Zingler ein reales Bild der Zeit nach dem Krieg. Fast schon romantisierend. Fast. Denn Paul Zakowski ist Peter Zingler. Er weiß, was es heißt im Knast zu sitzen. Er kennt die Kriminellen und ihre Art den Alltag zu bewältigen.

Immer wieder stürzt sich Paul / Peter mit Elan ins kriminelle Getümmel. Die Erträge variieren. Mal sind die Brüche einfach, mal entkommen er und seine Leute der Polizei, mal nicht. Und Paul / Peter arbeitet international. In der Schweiz ist der Knast am einfachsten. Wenn der Fußball mal über die Mauer fliegt, schließt der Wärter auf damit ein Gefangener den Ball wiederholen kann. Lakonisch schreibt Zingler, dass sie den auch wiedergebracht haben.

Bei aller Knastromanze sehnt sich Paul / Peter doch nach einem geregelten Leben. Finanzielle Sicherheit steht an erster Stelle. Doch wie soll das gehen? Ohne Ausbildung.

Peter Zingler weiß, wie man sich am eigenen Schopf aus dem Sumpf herausziehen kann. Denn Peter Zingler ist mittlerweile in zweiter Instanz Drehbuchautor und Regisseur, preisgekrönt. Die kriminelle Vergangenheit ist nichts weniger als das. Die Erfahrungen seines ersten Lebens machen seine Drehbücher so authentisch. Erste Erfahrungen als Schriftsteller sammelte er als Schreiber von Kurzgeschichten, die unter anderem im Playboy veröffentlicht wurden. 1985 war Schluss mit lustig, der Ernst des Lebens begann. Als Journalist und Drehbuchautor übertrug er teils seine Erfahrungen ins seriöse Fach. Er schrieb Drehbücher für „Tatort“, „Schimanski“ und „Ein Fall für Zwei“. 1995 heimste er ganz legal den Grimme-Preis für sein Tatort-Drehbuch „Kinderspiel“ ein.

„Im Tunnel“ ist mehr als eine Abrechnung mit dem Leben vor dem Leben. Es ist ein ergreifender Befreiungsschlag, der bald eine Fortsetzung erfährt…