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Das Rätsel der Königin von Saba

Das Rätsel der Königin von Saba

Dank der unzähligen Gazetten der Yellow-Press wissen wir heute so ziemlich alles über die gekrönten Häupter der Welt. Und wenn nicht, so kennen wir doch die Namen der Regenten und Repräsentanten. Die sagenhafte Königin von Saba hingegen ist und bleibt ein Rätsel. Selbst ihren Namen kennen wir nicht. Hieß sie Miriam? Oder gab es sie überhaupt?

Ulfried Kleinert macht sich auf Spurensuche und findet tatsächlich Hinweise, die darauf deuten, dass es diese sagenhafte, kluge und – wiegen wir uns in diesem Glauben – schöne Frau gab. Sie taucht sowohl im Alten als auch im Neuen Testament auf. Sie ist gewitzt, neugierig und mit einer gewissen Schläue beschlagen. Was ihr am Hofe von König Salomo in Jerusalem nur Vorteile einbringt. Denn als sie abreist, wird sie mit Kostbarkeiten überhäuft. Soweit die Legende.

Das Königreich Saba lag dort, wo sich heute der Jemen befindet. Wer viel, und vor allem gern reist, dem läuft bei dem Gedanken an prächtige Souks und fremde Gerüche das Wasser im Munde zusammen. So ähnlich ging es wohl auch dem Autor. Voller Elan machte er sich ans Werk und durchforstete Bibliotheken nach Schriften und Deutungen der Königin von Saba. Dem Leser soll’s recht sein. Denn er ist mittendrin in Mythendschungel der Antike.

Und er beginnt gleich mit einem Paukenschlag. Ein Treffen zwischen dem König von Jerusalem (Salomo) und der Königin von Saba (?) hat es wahrscheinlich nie gegeben. Da interessiert man sich für die Bibelgeschichten, will an die Stätten der Geschichte reisen und dann wird man nie den Ort zu sehen bekommen, an dem sich die beiden getroffen haben… Wie schade.

Nicht für den Leser! Er darf weiter mit Ulfried Kleinert reisen. Der erläutert exakt, wissensreich und wortgewandt archäologische Funde und setzt sie in den richtigen Kontext. Da vergisst man leicht, das nie stattgefundene Treffen. Wie im Fluge vergeht die Zeit, wenn man sich in die Geschichte hineinversetzt. Selbst wer nicht so bibelfest ist, wird Zeile für Zeile zum Kenner.

Pollock

Pollock

Jackson Pollock? Das ist der der, der nur auf die Leinwand gekleckst hat. Das kann ich auch! Bis zum 12. November 2013 war „No. 5“ von Jackson Pollock das teuerste Gemälde, das je bei einer Auktion verkauft wurde. Für 140 Millionen Dollar! So was kann dann doch nicht jeder.

Catherine Ingram geht dem gespaltenen und umstrittenen Maler auf den Grund. Als kleiner Junge zog Jackson Pollock oft mit seinen Eltern von einem Ort zum Anderen. Harte Arbeit kannte er von Kindesbeinen an. Diese Erfahrungen prägten sein ganzes Leben. Er sah sich mehr als Arbeiter, denn als Künstler.

Wer nur das Drip-Painting kennt, wird sich an den ersten Werken kaum an den herausragenden Künstler der späten Jahre erinnert fühlen. Das wütende Element des Action-Painting trat in den frühen Bildern nur rudimentär in den Vordergrund. Cowboy-Phantasien wie in „Going West“ waren vorherrschend.

Als er eine Ausstellung mit Bildern amerikanischer Ureinwohner besuchte, machte es bei dem unterbezahlten Maler klick. Hier sah er seine Zukunft. Dass er mit seinen Werken einmal ausreichend Geld verdienen könne, war noch eine Wunschvorstellung. Doch sie wurde bald Realität. Spätestens als die Kunstmäzenin Peggy Guggenheim ihm, dem wilden, unberechenbaren Künstler eine Ausstellung widmete, war sein Name eine Begriff unter Kennern. Er wechselte die Techniken, die Manager, jedoch nie seine Frauen. Lee Krasner – ebenfalls Künstlerin – war seine Konstante. Sie ließ ihm die Freiheit, die er brauchte und trieb ihn immer wieder an. Auch in harten Zeiten, in denen das Geld nur spärlich floss, stand sie zu ihm. Auch wenn Abgabetermine näher rückten, rückte sie ihm nicht auf die Pelle, sondern gab ihm Kraft.

Doch der Alkohol machte ihm so manches Mal einen Strich durch die Rechnung. So passt es in die Biographie eines Getriebenen, dass Jackson Pollock wie ein Wahnsinniger mit seinem Wagen in den Tod raste.

Das Buch bietet einen umfassenden Einblick in Leben und Wirken eines bedeutenden Künstlers des 20. Jahrhunderts. Seine Reputation ist nicht einzig auf den Verkaufswert seiner Werke zurückzuführen. Vielmehr war er der wohl amerikanischste Maler unter den Malern Amerikas. Die einzelnen Kapitel sind durch kurze Comic-Strips aufgelockert, die einzelne Episoden aus dem Leben Pollocks eindrucksvoll untermalen. Die Bildtafeln vermitteln einen Eindruck vom Werdegang dieses Mannes, der immer noch umstritten ist und dessen Leben als Film (zurecht) mit einem Oscar belohnt wurde.

Thomas Mann und die bildende Kunst

Thomas Mann

Sich einem Intellektuellen wie Thomas Mann zu nähern, ist keine einfache Sache. Es gibt wohl kaum eine Handvoll Menschen weltweit, die den „Zauberberg“ als das Buch erachten, das sie als erstes Buch komplett durchgelesen haben. Seine wohl geformten Worte, seine schier endlosen Satzkonstruktionen sind und bleiben einzigartig. Im Museum Behnhaus Drägerhaus und im Buddenbrooks-Haus in Lübeck gibt es derzeit (bis zum 6 .Januar 2015) eine Ausstellung, die sich dem Werk und dem Menschen Thomas Mann von einer ganz anderen Seite nähert. Von der Bildhaften.

Künstler wie Hans Thoma, Friedrich August von Kaulbach, Arnold Böcklin, Ludwig von Hofmann, Max Liebermann, Max Oppenheimer, Oskar Kokoschka, Albrecht Dürer, Frans Masereel, Albert Renger-Patzsch oder Arbeiten der Bildhauer Fritz Behn, Hans Schwegerle, Ernst Barlach haben Thomas Mann beeindruckt und in gewisser Weise auch beeinflusst. Und er hat ihr Wirken beeinflusst, sofern sie noch lebten.

Immer wieder regten und regen die Bücher, Essays und Reden Thomas Manns die Phantasie der Künstler an. In der Ausstellung „Augen auf!“ sind sie nun endlich zusammengefasst. Die Bildtitel sind Leseratten bekannt: „Wälsungenblut“, „Unordnung und frühes Leid“ und „Tod in Venedig“ sind direkt den Buchtiteln entlehnt.

Der Ausstellungskatalog, herausgegeben vom Michael Imhof Verlag, macht es dem Museumsbesucher / Leser nicht einfach sich dem Werk zu entziehen. Wer Thomas Mann bisher nur als Vorlagengeber für erstklassige Verfilmungen sah, dessen Augen werden sich von Seite zu Seite weiter öffnen. Wer bisher „nur“ die Bücher verschlang, wird nun eine weitere Dimension des Schaffens des Literatur-Nobelpreisträgers kennenlernen. Und wer schon ein wenig Thomas Manns Einfluss auf die bildende Kunst kannte, bekommt hier den  letzten Schliff.

Ein wunderbares Buch zum Thema Kunst und Literatur.

Mona Lisa forever

Mona Lisa forever

Wenn man sich die Musikcharts – egal welches Jahres – anschaut, fällt auf, dass immer mindestens ein Titel mit einem Frauenname auffällt: Leonard Cohen brachte gleich zwei Damen ins Spiel, Suzanne und Marianne und  Paul McCartney grüßte seine Jude. Doch es gibt einen Namen, der alle Kunstgenres vereint: Mona Lisa. Vor mehr als fünfhundert Jahren pinselte Leonardo da Vinci die Lisa del Gioconda auf seine Leinwand. Heute schwadronieren Millionen Besucher an ihr vorbei.

Thomas R. Hoffmann hat sich intensiv mit dieser Frau auseinandergesetzt hat daraus einen Hit gemacht. Denn er verzichtet wohlwollend auf das ganz ausführliche Tamtam „Wer ist das?“, „Ist es gar Leonardo selbst?“ und die sinnlosen Untersuchungen zur Wirkung. Er reißt sie an, die Geschichten, doch sein Augenmerk liegt auf der Faszination der Mona Lisa in der Kunst. Denn das Portrait wurde sehr oft kopiert, dient noch öfter als Vorlage und unendliche Male als Inspirationsquelle.

Marcel Duchamp zeichnete seine Hommage mit Bart – allerdings mit deftigem Spruch. Dali tat es ihm gleich, jedoch ohne Hinweis auf den nicht sichtbaren hinteren Teil ihres Körpers. Andy Warhol vervielfachte sie. Das sind die Beispiele der Moderne, doch schon im 19, sogar schon im 16. und 17. Jahrhundert war die Mona Lisa Vorlage für Portraitmalerei. Leicht eingedreht, fast schon starrer Blick, die toskanischen Hügel im Hintergrund. Manche sind gelungen, manchen hätte ein Alternativmodell besser zu Gesicht gestanden, manche sind grandiose Weiterentwicklungen.

Der Autor gibt einen umfassenden Überblick in Bildern wieder. Jasper Johns, Oskar Kokoschka, sogar Pablo Picasso sind dem Reiz der Mona Lisa verfallen, genauso wie der Leser diesem Buch.

Der Mann der Hunde liebte

06 Der Mann, der Hunde liebte

Trotzki – ein Name wie Donnerhall. Bei Stalin in Ungnade gefallen, verbannt und ermordet worden. Fertig ist die Geschichte. An dieser Stelle setzt müdes Lächeln ein. Denn Leonardo Padura öffnet noch einmal die Geheimakte Trotzki. „Der Mann, der Hunde liebte“ lässt nicht unbedingt auf dieses schwarze Kapitel der sowjetischen Geschichte schließen. Es ist auch nicht so sehr dem (juristischen) tragischen Opfer gewidmet, eher dem vermeintlichen Täter. Der schlussendlich auch nicht mehr als ein Opfer ist.

Die Lebenswege beider – der des Mörders und der des Opfers – zeigen erstaunliche Parallelen. Denn beide kennen nicht ihren Weg, den das Leben für sie vorgeschrieben hat. Sie reisen quer durch die Welt: Paris, Madrid, Istanbul. Keine Stadt ist ihnen fremd. Doch sind sie immer wieder aufs Neue Fremde in einer fremden Welt.

Leonardo Padura ist der Marionettenspieler der Weltgeschichte. An jedem Fadenkonstrukt führt er die historisch verbürgten Personen. Doch auch der Autor unterliegt historischen Gegebenheiten: Er denkt sich nicht einfach etwas aus. Alle Plätze, alle Personen, alle relevanten Handlungen sind belegbar. Nur die Dialoge entspringen der – exzellent recherchierten – Phantasie des Autors.

Stalin und Trotzki waren einst ein Gespann, das den Großen (westlichen) Welt das Fürchten lehrte. Der Eigensinn und Machtwahn Stalins sollte Trotzki zum Verhängnis werden. Er musste unter enormen Anstrengungen seine Heimat verlassen. Unterwegs traf er immer wieder Unterstützer, Beschützer, Gönner. Doch nirgends auf der Welt konnte er sich sicher fühlen. Sein letztes Exil, das Mexiko Frida Kahlos und Diego Riveras, wurde für ihn nicht nur zu einer zweiten Heimat, sondern auch zum goldenen Käfig, der ihn letztendlich das Leben kostete.

Ramon Mercader – der Mörder Trotzkis – wird von Anfang an im Unklaren gelassen, weswegen er nun der Auserwählte sein sollte. Auch er hat Unmengen an Unterstützern um sich geschart. Doch die sind alle auf Geheiß eines Mannes bei ihm: Josef Stalin. Generalstabsmäßig wird der Täter auf seine Aufgabe vorbereitet ohne zu wissen, worum es geht. Die Ungewissheit ist nicht das Entscheidende für ihn. Er weiß nur, dass ein Auftrag erledigt werden muss. Dafür nimmt er so manche Ungereimtheit in seinem Leben hin.

Leonardo Padura schafft es die hitzige Zeit vom Ende der 1920er Jahre bis 1940 in dem Schicksal der beiden Kontrahenten verständlich darzulegen. Europa, die Welt ist im Umbruch. Der erste große, weltumspannende Krieg ist vorüber. Die Gegner schütteln sich den Staub aus dem Gefieder. Es ist die Zeit, in der neue Diktatoren die Weltbühne betreten und Kriegsgefahr allerorten spürbar ist. In Spanien sprechen die Kanonen. Im restlichen Europa werden – nach alter Tradition neue Allianzen geschmiedet. Und zwischendrin zwei Männer, die ihrem Führer und ihrer Ideologie schonungslos folgen.

Die Geschichte hat bewiesen, dass das niemals gutgehen kann. Das einzig Gute daran ist dieses Buch, das zum Verständnis der Zeit einen unschätzbaren Beitrag leistet.

Ein Kommunist in Unterhosen

Ein Kommunist in Unterhosen

Das halbe Dutzend ist voll: Zeit um Bilanz zu ziehen. Die Themenauswahl Claudia Pineiros ist breit gefächert. Vom Schicksal einer gebeugten Frau schrieb sie, über Verlustangst schrieb sie, über die durch einen Mord getrübte Vorstadtidylle schrieb sie, über eine Kehrtwendung im geradlinig verlaufenden Leben schrieb sie. Und über eine listige Privatdetektivin. Und jetzt? Über den eigenen Vater.

In ihrer ganz eigenen, liebreizenden, hingebungsvollen Sprache setzt sie ihm ein Denkmal. „Ein Kommunist in Unterhosen“ ist die Liebeserklärung einer Tochter an die erste wichtigste Bezugsperson. Verliebt, respektvoll, analysierend. Der Vater war ein stattlicher Kerl, dem die Frauen im Schwimmbad hinterher schauten. War er wütend, war er leise, in sich gekehrt. War er glücklich, ließ er die ganze Welt daran teilhaben. Die Erzählerin, die Tochter, Claudia Pineiro ist auch auf dem Titelbild zu sehen. Ein fröhliches Mädchen an der Hand ihres Vaters badend im Meer. Es ist dieses Bild, das die ganze Geschichte vorwegnimmt. Ein Mann fröhlich die Sommerbrise sich um die Nase wehen lassend zusammen mit seiner Tochter am Meer. Eine innige Verbindung, die erzählt gehört.

Nicht alles in diesem Buch ist so geschehen, nicht alles in diesem Buch ist erfunden. Die Mischung macht’s.

Argentinien in den 70er Jahren. Peron hinter sich, die Diktatur Videlas vor Augen. Eine Jugend, die ausgelassen die Welt entdeckt und gleichzeitig aufpassen muss nicht entdeckt zu werden. Wer ist Freund, wer nicht? Was darf man sagen, was nicht? Die Erzählerin weiß, dass ihr Vater Kommunist ist. Was auch immer das bedeutet – er hat es selbst gesagt. Doch die anderen dürfen das nicht wissen. Als Vertreter für Turboventilatoren schlägt er sich den Sommer über durch, um die Familie ernähren zu können. Der Vater ist Vorbild und Respektperson, aber auch der Anker in unsicheren Zeiten, der unwissentlich seine Ansichten auf die Kinder überträgt.

Eine Jahr mussten die Leser auf den neuen Roman von Claudia Pineiro warten. Ein Jahr voller Spannung, was sie als nächstes aufs Papier bringt. Das Warten hat sich gelohnt. Sachlich und trotzdem spannend gibt sie ihrer Jugend eine Stimme. Von Verbitterung ob vorenthaltener Chancen keine Spur. Mal mit einem Augenzwinkern, mal verliebt wie ein Teenager, mal nüchtern betrachtend, spiegelt „Ein Kommunist in Unterhosen“ Argentinien Mitte der 70er Jahre wider. Eine Geschichtsreise, die lange nachhallt und Lust auf mehr Geschichtsunterricht mit Senora Pineiro macht.

Die Witwe der Brüder van Gogh

Die Witwe der Brüder van Gogh

Es waren einmal zwei Brüder. Der eine war und ist weltberühmt und wurde darüber hinaus irre. Der Andere war ihm treu ergeben, half wann immer er konnte. Und es gab eine Frau, Gattin des Letzteren. Sie ist der Grund, dass die Werke des Erstgenannten heute immer wieder Rekordpreise bei Auktionen erzielen.

Die Rede ist natürlich von Vincent van Gogh, seinem Bruder Theo und dessen Frau Johanne van Gogh-Bonger. Camilo Sánchez fällt die ehrenvolle Aufgabe zu dieser Frau ein Denkmal zu setzen. Beziehungsweise setzt er ihr mit seinem Erstlingsroman einfach mal so ein Denkmal. Denn sie war es, die Theo in guten wie in schlechten Zeiten mit Rat und Tat zur Seite stand. Theos Leben war nicht immer einfach. Oft genug griff er seinem Bruder unter die Arme. Sie schaute weg, wenn ihr Gatte die raren Einnahmen mit Vincent teilte. Sie stachelte ihn an, wenn er es leid war Vincent zu protegieren.

Als Vincent van Gogh sich 1890 im Alter von 37 Jahren das Leben nimmt, bricht für Theo eine Welt zusammen. Da lebt er och mit Johanna in Paris, am Montmartre, dem Hügel der Märtyrer. Doch zu selbigem fühlt er sich einfach nicht berufen.

Mit diesem Schmerz beginnt Camilo Sánchez seinen Roman. Und schon da muss dem Leser klar sein, dass es ab hier kein Halten mehr geben kann. Poetisch, einfühlsam und fortwährend der Geschichte verpflichtet. Theo vegetiert nur noch vor sich hin. Er stirbt ein halbes Jahr nach seinem Bruder, im Alter von nur 33 Jahren. So ist es an Johanna die Bilder Vincent van Goghs einem breiten Publikum zugängig zu machen. Und sie an den Mann oder die Frau zu bringen. Als Witwe eines Kunsthändlers, eines van Goghs, ist es eine Art Therapie für sie. Denn sie steht nun ohne Mann, ohne Einkommen da. Und das als alleinstehende Mutter eines kleinen Sohnes. Der heißt ganz in der Familientradition mit Vornamen Vincent. Sie führt Tagebuch. Dieses Tagebuch ist der rote Faden des Romans.

Im Jahr 2015 ist Mons im wallonischen Hennegau in Belgien Kulturhauptstadt Europas. Hier fand Vincent van Gogh zum Malen. Hier steht sozusagen die Wiege des einzigartigen Pinselstrichs. „125 years of inspiration“ – dieses Motto haben sich mehrere Museen, unter anderem auch das Museum der Schönen Künste in Mons, auf die Fahnen geschrieben. Vom 24. Januar bis zum 17. Mai sind hier eine Vielzahl der Werke Vincent van Goghs zu sehen. Mehr Informationen gibt es unter www.vangogh2015.eu und www.mons2015.eu. Als Einstimmung ist dieser Roman mehr als zu empfehlen.

Mit dem Fahrrad durch die USA

Mit dem Fahrrad durch die USA

Sich einfach auf den Drahtesel schwingen und ab geht’s. Ja, das kann man machen, wenn man zur Arbeit will, oder zum Einkaufen, oder einen kleinen Ausflug unternehmen will. Aber in einem fremden Land, fernab von der Heimat? Schon als Teenager war Peter Lindwedel von Karten und fernen Ländern fasziniert. Als passionierter Radfahrer kam für ihn nur ein Fortbewegungsmittel in Frage: Das Rad! Und einmal die USA durchqueren, von San Francisco an den Atlantik. Das war sein Traum. Von West nach Ost. Denn es gibt mehr West- als Ostwinde. So war der Traum, so war der Plan. Bis es in die entscheidende Planungsphase ging. Um es kurz zu machen: Aus dem West-Ost-Trip wurde ein Ost-West-Trip. Schon die Vorbereitung ist eine gewaltige logistische Aufgabe. Denn man kann nicht einfach so sein Fahrrad aufgeben. Dazu benötigt man eine Schachtel, die gewisse Maße nicht überschreiten darf. Die zu bekommen, ist allerdings unmöglich. Improvisation ist das Zauberwort. Diesem Zauber wird er auf seiner Reise noch öfter unterliegen (müssen).

Als endlich amerikanischer Boden unter den Sohlen des Pedalritters brennt, kann es losgehen. Naja, nicht gleich. Der Transport hat am Rad Spuren hinterlassen. Doch nachdem die behoben sind, kann es endlich losgehen. Losgehen mit falschen Routen, Umwegen und … einem Reifenplatzer. Die Ausschilderung im Ausgangsort Savannah (Georgia) lässt zu wünschen übrig. Genauso wie das Wetter. Es regnet Bindfäden. Der Regen füllt Schlaglöcher, und es kommt wie es kommen muss: Reifen platt!

Das fängt ja gut an, denkt man sich als Leser. Murphys Gesetz ist stets präsent. Doch wie so oft im Leben, kommt ein Unheil zwar selten allein, dafür aber nur einmal. Insofern hat Peter Lindwedel das Gröbste hinter sich. Seine Reise führt ihn nicht ihn die Metropolen New York, Chicago oder New Orleans – er will Amerika entdecken. Für sich entdecken. Einzig die Golden Gate Bridge in San Francisco steht unverrückbar als Zieldurchfahrt fest. So radelt er mit sechs Stunden Musik auf dem mp3-Player, einem Smartphone, jeder Menge Gepäck und dem unbedingten Willen das Frühjahr 2013 als Pedalritter auf dem fremden Kontinent zu durchqueren, durch menschenverlassen Regionen, vorbei an erstaunlichen Gesteinsformationen, über Berg und Tal, durch Georgia, Kentucky, Kansas, Colorado, Utah, Nevada, Kalifornien. Ein echter Abenteuertrip! Er trifft Menschen, die ihm Obdach geben, campiert in den schönsten Landschaften, die man sich vorstellen kann und erlebt das, was Pauschaltouristen nur vom Hörensagen kennen.

Fast sechseinhalbtausend Kilometer strampelt er durch die USA. Von April bis Juni macht Peter Lindwedel die Reise seines Lebens. Zum Glück hat er alles in seinem Tagebuch für den Leser niedergeschrieben. Wer Ähnliches vorhat, kann dieses Buch als Ratgeber benutzen. Wer außergewöhnliche Reiseerlebnisse bevorzugt, kommt hier voll und ganz auf seine Kosten.

Thomas Cook – Pionier des Tourismus

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Biographien erfolgreicher Unternehmer bergen immer einen Schuss Spaß und Verwegenheit in sich. Wer erfolgreich war, ist und sein will, muss ungewöhnliche Wege beschreiten. Mit dem Lehrbuch im Kopf hat es noch keiner ganz an die Spitze geschafft. Man sollte das Lehrbuch jedoch unterm Arm tragen. Gewisse Regeln kann man dehnen, aber nicht brechen.

Wer heutzutage eine Reise im Reisebüro bucht, reist oft mit Thomas Cook. Der Reisekonzern gehört zur ersten Liga der Reiseveranstalter. Der Firmenname geht auf Thomas Cook zurück.

Im 19. Jahrhundert waren Reisen nur der elitären Schicht vorbehalten. Als kleiner Junge, der schon früh den Vater verlor, kamen Reisen für den kleinen Thomas nicht in Frage. Als Wanderprediger zog es ihn zwar in die – für ihn – große weite Welt hinaus. Doch als Reisen wie wir es heute kennen, kann man das nicht gerade bezeichnen. In einer kleinen Gemeinde bleibt der Baptistenprediger Cook hängen, heiratet und gründet eine Familie. Noch immer deutet nicht auf Fernweh und Erholung hin. Das Leben von Thomas und Marianne Cook ist geprägt von der Bibel und dem Kampf gegen den Alkoholismus. Beide – Thomas und Marianne – unterzeichneten sogar eine Absichtserklärung dauerhaft dem Alkohol zu entsagen.

Er schloss sich der Bewegung der Temperenzler an. Diese verteufelten den Alkohol wo und wann immer sie konnten. Erste Ausflüge in die nähere Umgebung dienten dazu potentiellen „Alkoholzusprechern“ davon abzuhalten sich zu betrinken. Alkoholismus war im England des 19. Jahrhunderts ein echtes Problem. Kinder wurden schon früh zur Arbeit gezwungen. Im Erwachsenenalter waren sie körperlich derart kaputt, dass sie zur Arbeit kaum noch taugten und am Rande der Gesellschaft ein trostloses Leben führen mussten.

Der Erfolg der Reisen spornte Thomas Cook an. Aus dem Prediger wurde ein Unternehmer. Seine Reisen waren günstig und begehrt. Mit dem heutigen Geschäftsmodell haben seine Anfänge aber nur wenig zu tun.

Heute würde Thomas Cook nur den Kopf schütteln über die Pauschaltouristen in den Erholungszentren dieser Welt: Alkoholexzesse am Ballermann, rüdes Benehmen gegenüber Personal – das war es nicht, was Thomas Cook im Sinn hatte als er seine Firma im Geschäftsleben etablierte.

Die Biographie Thomas Cooks ist voll mit historischem Wissen, Anekdoten und Zusammenhängen, die heute als gegeben hingenommen werden. Jörn W. Mundt gelingt der Spagat zwischen spannender Reiselektüre und historischen Fakten. Lesenswert für alle, die beim Reisen gern mal nach links und rechts schauen.

Das Bandoneon

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Gerade hat Christina ihre Mutter beerdigt, da wird sie durch eine Fotografie in einen Strudeln von Selbstzweifeln um die eigene Identität hineingezogen. Beim Aufräumen der Sachen ihrer Mutter findet sie eine Postkarte mit der Aufschrift „Das Bandoneon trägt mein ganzes Leben. – E.“ Abgebildet ist eine Gruppe Musiker, mit Bandoneon, in Buenos Aires.

Die gelernte Journalistin wittert eine Geschichte, aber keine, die sie schreiben will. Eine, die sie selbst betrifft.

Ihre Mutter war Waise. In dem Waisenhaus, in dem ihre Mutter aufwuchs, findet sie eine Schwester, die sich an ihre Mutter erinnert. Auch wegen dieses Bildes. Schnell findet sie auch ihre leibliche Großmutter, die ihr Kind in den Wirren der Nachkriegsjahre abgeben musste und es ein Leben lang bereute.

Die Zeilen „Das Bandoneon trägt mein ganzes Leben. – E.“ stammen von Christinas Uroma. Sie stammte aus gutem Hause und heiratete Ende der 20er Jahre, Anfang der 30er Jahre einen reichen Argentinier. Voller Hoffnung, Mut und Ungewissheit tritt sie an Bord der „Cap Arcona“ die wochenlange Schiffsreise in das ferne, fremde Land an. Und in eine fremde Kultur, in der der Tango zum Straßenbild dazugehört, und über den man nicht – wie im fernen, heimatlichen Berlin – die Nase rümpft wegen seiner eindeutig sexuellen Ausstrahlung. Hier ist alles anders. Auch die Sitten.

Emma ist die Frau Juans. Und so hat sie sich auch zu benehmen. Sie ist ihm nicht gleichgestellt. Sie ist SEINE Frau.

„Das Bandoneon“ ist ein historischer Roman. „Das Bandoneon“ ist ein Liebesroman. „Das Bandoneon“ ist ein Sittenbild der Dreißigerjahre in Deutschland und Südamerika. Und es ist eine Schnitzeljagd auf der Suche nach der eigenen Identität.

Hans D. Meyer zu Düttingdorf kam durch seinen Partner Juan Carlos Risso auf den Geschmack ein Buch über Argentinien zu schreiben. Doch nicht irgendein Buch. Ein außergewöhnliche Geschichte, die man so nur sehr selten findet. Rasche Wendungen und zarte Andeutungen sind die Stärken dieses großartigen Romans. Ein Appetitmacher auf Argentiniens größten Exportschlager, den Tango und des Instrumentes, das den Tango am nächsten kommt, dem Bandoneon als Sinnbild für Freiheitsdrang und Selbstfindung.

Vier Generationen hat dieses Bandoneon geprägt. Alle auf ihre eigene Weise. Und alle tragen es in ihrem Herzen. So wie der Leser dieses Buch nicht vergessen kann.