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Visionäre Afrikas

Visionäre Afrikas

Die Sehnsucht nach Afrika brennt in jedem von uns. Hier ist die Wiege der Menschheit. Afrika ist aber auch Sinnbild für die systematische und bestialische Ausbeutung des Menschen. Von jeher mussten sich die Menschen Afrikas gegen die Knute der Unterdrückung widersetzen. Einigen der hervorstechendsten Führer dieses Kampfes wird in diesem Buch ein Denkmal errichtet. Denkmal im wahrsten Wortsinne. Denn wer kennt schon noch Angeline S. Kamba, Sarraounia oder John Baloyi? Wohl kaum jemand, der sich nicht tagtäglich mit ihnen auseinandersetzt.

Die berühmtesten Namen in diesem Buch sind wohl Steve Bantu Biko, der durch den Film „Biko“ (und den einprägsamen Titelsong von Peter Gabriel) berühmt wurde.

Oder Ken Saro-Wiwa, den nigerianischen Umwelt- und Menschenrechtsaktivisten, der in der Lindenstraße über mehrere Monate durch die Figur Mary in den Fokus der Nachrichten rückte.

Patrice Lumumba ist nicht der Erfinder des gleichnamigen Longdrinks. Er ist eng mit der kongolesischen Tragödie verbunden.

Die in diesem Buch versammelten Autoren schreiben von Menschen mit enormem Mut. Sie kämpften mit dem Herzen und dem Verstand gegen Unterdrückung durch Machthaber, Kolonialisten und Industriegiganten. Nicht vielen war ein gütiges Ende beschert. Viele ließen ihr Leben im Kampf für Gerechtigkeit und ein Mindestmaß an Menschenwürde. Peter Gabriel brachte es in seinem Lied „Biko“ auf den Punkt: „Man kann zwar eine Kerze ausblasen, aber niemals das Feuer“.

So ist auch dieses Buch ein Feuer. Einzelne Kapitel liest man und ist schockiert wogegen gekämpft wurde. Dass so was heute noch möglich ist, denkt man. Dass ein Kampf gegen diese Missstände noch geführt werden muss. Es ist sicherlich keine Anleitung zum Kampf, zur Auflehnung gegen bestehende Verhältnisse. Aber dieses Buch hält die Erinnerung an ungewöhnliche Menschen wach. Und es schärft die Sinne für unsere Umwelt.

Der Suppenfisch

Der Suppenfisch

Es gibt Titel, da weiß man sofort worum es geht. Dann gibt es Titel, da meint man zu wissen, wovon das Buch handelt. „Der Suppenfisch“ – klar, da geht es um einen Fisch, der gekocht werden soll. Als schmackhafte Suppe die hungrigen Mäuler stopfen. Doch da liegt man falsch.

Hätte man aber auch ahnen können, denn Georges Hausemer ist nicht dafür bekannt, dass er in seinen Geschichten das Offensichtliche in den Vordergrund stellt.

Ein Mann liegt – wie es Georges Hausemer so poetisch beschreibt – in den letzten Kurven seines Lebens. Er lässt sein Leben noch einmal Revue passieren. Denkt an den Krieg, an Reisen in ferne Länder, an Geschmäcker, die er vergessen zu haben schien. Sein Leben war und ist dreidimensional. Es geht Auf, und es geht ab. Mal ein Schwenker nach links, mal einer nach rechts. Und manchmal geht es schräg nach rechts hoch, um anschließend nach links unten seine Fortsetzung zu finden. Der Mann, der hier erzählt, weiß anfangs noch nicht, dass er sein Leben erzählt. Ein Abschlussbericht. Vielmehr hat er nun, da er seinen Alltag im liegen verbringt, viel Zeit, um zu erzählen.

Beim Lesen kommt man automatisch ins Grübeln, was ist echt, was erfunden. Spielt das Gehirn dem Erzähler einen Streich, wenn er von Fußballstadien, Flugzeugabstürzen und anderen Katastrophen erzählt? Oder erinnert er sich nur an die Busby Babes? 1958 kam bei einer Flugzeugkatastrophe die Mannschaft von Manchester United ums Leben. Georges Hausemer lässt vieles offen – gut für den Leser. Der kann so raten, mitfühlen, sich für das eigene Ende wappnen. Das Wort Tod zu vermeiden wird hier zur Kunstform erhoben. Dass es bald zu Ende belibt niemanden verborgen.

Und der Suppenfisch? Der schwimmt munter und froh zwischen den Zeilen herum. Immer wieder reißt er sich von der Leine der Erinnerung los, verschwindet im Dickicht der Phantasie. Dann taucht er keck wieder auf. Dreht dem Angler ‘ne Nase.

Die Liebe in groben Zügen

Die Liebe in groben Zügen

Vila und Renz sind ein Ehepaar, das sich schon seit Jahren kennt. Im Beruf ist die Zeit absehbar, die sie noch bestreiten müssen. Ihnen geht es gut, mit Haus und Ferienhaus in Italien. Eigentlich wenig Stoff für Konflikte. Konflikt ist vielleicht auch der falsche Ausdruck – klingt so nach Kampf, Geschrei, offener Auseinandersetzung.

Die beiden schippern so durchs Leben. Ohne große Anstrengung. Klingt irgendwie nach Langeweile, nach eingefahrenen Strukturen. Die Bahnen, in denen sich Vila und Renz bewegen sind vorhanden. Dafür haben sie lange und hart gearbeitet. Doch sie waren und sind clever genug, um sich Abzweigungen einzubauen. Wie auf ihrem Boot geht es auch mal nach unten, genauso oft aber auch nach oben. Selbstaufgabe war nie ihr Ding. Sie haben immer alles gemeinsam gemacht.

Dennoch kennen sie sich gegenseitig nicht in- und auswendig. Das ist gut so – so halten sie immer noch Überraschungen für den Anderen parat. Dass Vila ihren Geliebten im gemeinsamen Ferienhaus einquartiert, ist allerdings eine neue Stufe ihrer Beziehung.

Bodo Kirchhoff zeichnet den Weg eines Paares nach, der vielen Paaren vorgezeichnet sein kann. Kann! Wäre der Roman ein Film, für die ganze Familie, am Freitagabend, dann würden hier so richtig die Tassen fliegen. In „scripted-reality“-Manier würden Sprachfähigkeiten und die Regeln des guten Benehmens außer Kraft gesetzt werden. Bodo Kirchhoff setzt auf die Magie der Worte. Er lässt seine Protagonisten überlegen, manchmal im Dunkeln tappen, doch nie so richtig aus der Haut fahren. Geschliffene Sprache ist immer noch das beste Argument gegen scheinbare Ungerechtigkeit. Die Feder als Triebkraft für den Fortschritt.

Vila und Renz merken, dass sie in ihrer (heilen – so viel Polemik muss jetzt auch mal sein) Welt sich zwar sicher bewegten, doch dass diese Sicherheit trügen kann. Kann!

Bodo Kirchhoffs Roman „Die Liebe in groben Zügen“ stand 2012 auf der Longlist für den Deutschen Buchpreis. Zurecht. Mal philosophisch, mal grüblerisch, mal farbenfroh, mal wolkenverhangen präsentiert sich sein Mammutwerk dem Leser. Ein Buch für Leute im besten Alter. Ein Buch für Leute, die sich im besten Wortsinne für sich und den Anderen interessieren ohne dabei endlos auf Fehlersuche zu sein. Fast siebenhundert Seiten emotionale Entdeckungsreise.

Astrid Lindgren – Eine lebenslange Kindheit

Astrid Lindgren

Astrid Lindgrens Bücher gehören in einen Bücherschrank wie die Butter aufs Brot. Millionenfach verkauft und milliardenfach begeisternd. Ihr Michel, ihre Ronja, und natürlich ihre Pippi sind unsere Michel, unsere Ronja und unsere Pippi. Kaum ein Kind, das sich nicht in die Geschichten der heldenhaften Kinder vertieft hat.

Klar, dass es bei den zahlreichen Biografien der berühmtesten Schwedin auch zu Verwaschungen kommt. Birgit Dankert räumt mit so manchem Vorurteil auf und nähert sich sachlich-nüchtern der großen Schriftstellerin. Ihr Urteil, das sie im Untertitel fällt, ist „eine lebenslange Kindheit“.

Nun war Astrid Lindgren natürlich keine Träumerin, die den ganzen Tag nur Unsinn anstellte. So jemand kann gar nicht so nachhaltig schreiben und wirken. Doch die Liebe zu Kindern, ihr Kampf für deren Rechte waren beseelt von der eigenen Kindheit.

Als zweites von vier Kindern wuchs Astrid Ericsson auf dem Hof der Eltern auf. Die Natur gehörte zum Alltag wie der König zu den Schweden – ihre Eltern waren überzeugte Royalisten. Die Zuneigung zum Vater spiegelt sich auch in ihren Werken wider. Oft gab es einen harten Kampf mit ihrem großen Bruder Gunnar, wer denn nun beim Vater schlafen darf. Dass sie sich um die beiden „Kleinen“ sorgsam kümmerte, bezweifelt Birgit Dankert. Es war zwar die Aufgabe der Großen sich um die Kleinen zu kümmern, doch so besorgt wie man vermuten könnte, war das Mädchen Astrid wohl nicht.

Eine Lehrerin in der „Folkskolan“ weckt das Interesse für Bücher in Astrid. Jules Vernes Phantasien, Dumas Graf von Montecristo und Twains Tom Sawyer wurden ihre ersten geistigen Flüchte. Die übrigens auch heute noch keine schlechten Einsteiger sind… Die Bibliothek ist teilweise heute noch zu besichtigen.

Astrid Lindgren ist auch heute noch eine Institution, wenn es um die ersten Leseerfahrungen geht. Doch ihr Werk birgt mehr als nur bloße Kindergeschichten. Wer ihre Biographie kennt – und mit diesem Buch ist dies kein Problem mehr – wird in so mancher Geschichte Parallelen feststellen können.

Diamanten Eddie

Diamanten Eddie

Diamanten Eddie – hätte es ihn nicht gegeben, man müsste ihn erfinden. Kurz nach Kriegsschluss landet Edward Kraj, den die Nazis den Namen Kray gegeben haben, im Rheinland. Der Schwarzmarkt blüht. Ein Pelzmantel wechselt für drei Stangen Zigaretten den Besitzer. An guten Tagen gibt Eddie auch schon mal vier Stangen. Er hat connections zu den neuen Besatzern, amerikanischen britischen Soldaten und Offizieren. Die sind immer an einem guten Geschäft interessiert. Eddie auch. So mancher Bruch bleibt nicht unerkannt, doch ungesühnt. Eddie wird zu einer festen Größe im „Handel“.

Doch hat Eddie auch eine Geschichte, eine traurige, tragische. Er ist gerade mal 15 Jahre alt der Krieg beginnt, und er sich als Waise durchschlagen muss. Die Gestapo nimmt ihn in Gewahrsam und schickt ihn nach Köthen, wo er in einer Kistenfabrik schuften muss. Die Arbeit stellt für Edward keine Gefahr dar. Vielmehr die Wärter, Aufseher und Vorgesetzten. Schachspielen mit Freunden wird zu seiner Flucht. Wenn abends die Knochen schmerzen sind es die strategischen Finessen, die so manche Pein verblassen lassen.

Ihm gelingt die Flucht aus dem Arbeitslager. Er schlägt sich bis Minden durch, wo er abermals gefasst wird. Im neuen Lager herrscht die Hölle auf Erden. Die Aufseher machen sich einen Heidenspaß daraus die Gefangenen zu drangsalieren, wann immer es geht. Scheinhinrichtungen zehren an den Nerven, auch von Edward.

Sabine Kray hat jahrelang recherchiert, um die Lebensgeschichte von Eddie Kray aufzuschreiben. Sie hatte einen guten Grund: Eddie Kray war ihr Opa. Ihr Vater Achim erfuhr im Teenageralter von den Geschäften seines Vaters. Wuchs er zuerst ohne den nötigen Vater auf, so beängstigte ihn nun die Vorstellung den Rest des Lebens wieder ohne Vater da zu stehen. Die Besuche des Bökelbergs, als die Borussia aus Mönchengladbach zu den bestimmenden Fußballclubs in Europa gehörte, waren die Höhepunkte der gemeinsamen Zeit. Da hatte der Vater aber schon zwei Haftstrafen hinter sich. Und nicht den Willen sich zu bessern.

Sabine Krays Buch beginnt mit Kapiteln voller Verluste. Erst Diamanten in der Disco, dann die Eltern, die Todesanzeige einer Freundin, und der Verlust der Freiheit durch die Gestapo. Das Buch ist nicht chronologisch aufgebaut. Immer wieder springt sie zwischen der Nazizeit und den 70er und 80er Jahren. Die Entwicklungen Edwards und Eddies tragen gemeinsame Züge. Immer wieder plagen Eddie Erinnerungen an Edwards Schicksalstage in Schlamm und Elend. „Diamanten Eddie“ ist keine bloße Aufzählung der Streifzüge eines galanten, eloquenten Gauners, der die Frauen liebte, dennoch keinen echten Familiensinn erleben konnte. Es ist eine Denkschrift an Millionen Strafarbeiter und das eines einzelnen, der später mit aller Macht sein Glück suchte. Es leider nur kurzzeitig fand.

Widerschein

Widerschein

Pfarrer Hobrecht staunt nicht schlecht als ihm ein Bündel in die Hand gedrückt wird. Der Verrückte, der ihm dieses Bündel gab, war hinlänglich bekannt. Doch das war selbst für ihn ein neuer Höhepunkt. Denn in dem Bündel lag ein kleiner Junge. Vater und Mutter verschwunden. Hobrecht nimmt sich des Kleinen an.

In den Niederlanden des 18. Jahrhunderts zehren die Menschen noch vom Goldenen Zeitalter als man die Meere beherrschte, eine Macht in jeder Hinsicht war. Erfindungsreich und strebsam – so kannte man die Niederländer. Doch andere Reiche machten ihnen den Ruf streitig. In dieser Zeit war auch die niederländische Kunst am Boden, wirtschaftlich gesehen. Künstler wie einst Rembrandt lebten nun von der Hand in den Mund.

Hobrecht nimmt den Kleinen Ferdinand Meerten bei sich auf. Der Kleine ist still. Doch er kann malen. Malen wie kein anderer Künstler. Ein verrußter Stock dient als Zeichenstift, Laken als Leinwand. Bros scheint der ideale Mentor Ferdinands zu sein. Auch er ist Künstler, kann von seiner Kunst gerade so leben. Als Hobrecht stirbt, nimmt Bros Ferdinand vollends zu sich. Das Talent erkennt er sofort. Der Meister ist verblüfft über die Fertigkeiten und in Gerlach haben beide einen euphorischen Abnehmer ihrer Kunst.

Gerlach ist ein gewiefter Kunsthändler, der sofort das große Geld wittert. Bros weigert sich zunächst noch einen Knebelvertrag mit Gerlach einzugehen. Denn hier ist wirklich Staat zu machen. Warum also dem Halsabschneider Gerlach die Früchte der Arbeit überlassen, wenn man selbst dem kargen Leben so einfach entfliehen kann? Doch auch Bros segnet früh das Zeitliche.

Die Geschichte des Ferdinand Meerten verzaubert wegen der sachlichen Mystik ab der ersten Seite. Brotlose Kunst – von wegen. Weder Held noch Autor befeuern dieses Klischee vom armen Künstler. Die Welt auf den Kopf stellend, wird das Genie Meerten nur ausgenutzt. Doch es bewahrt ihn auch vor so mancher Untat. Ein bisschen erinnert „Widerschein“ an Patrick Süßkinds „Parfüm“. Ist Grenouille Opfer seiner Kunst, ist sich Meerten seiner Wirkung nicht bewusst. Um ihn herum sterben die Gönner, die Ausbeuter überleben.

Ein mehr als lesenswerter Roman über das Zusammenspiel von künstlerischem Genie, Gier und der unermesslichen Wirkung der Kunst auf den Menschen.

Die Bounty war sein Schicksal

Die Bounty war sein Schicksal

Die Liste der Seefahrer Englands bzw. des britischen Empires enthält eine Menge berühmter und berüchtigter Namen. Sir Francis Drake, der geadelte Pirat zum Beispiel. Oder auch William Bligh, der 1962 in alle Ewigkeit auf Zelluloid gebannter Tyrann der Südsee, der nur von einem Helden gestoppt werden konnte, nämlich Marlon Brando. Ha, denkste! Bligh war sicherlich kein zahmer Stubentiger. Aber tyrannisch? Ein ewig Peitsche schwingender Choleriker? Jann M. Witt hat sich den scheinbar komplett erkundeten Charakter noch einmal vorgenommen und Erstaunliches zu Tage gefördert.

William Bligh wuchs nicht gerade mit dem goldenen Löffel im Mund auf. Dennoch: Als Sohn eines Zolloffiziers waren ihm einige Wege auf der Karriereleiter frei zum Erklimmen. Schon damals, Mitte des 18. Jahrhunderts wurde genau Buch geführt. Und so kommt es, dass er, wenn man sich allein nur auf die Zahlen und Aufzeichnungen verlässt, mit sieben Jahren schon auf den Planken, die für ihn einmal die Welt bedeuten sollten, stand. Jann Witt ist aber nicht so zahlengläubig, und schenkt diesen Aufzeichnungen wenig Beachtung – es machte sich halt gut im Lebenslauf, wenn man schon ein paar Jahre Seemannserfahrung aufweisen konnte, bevor man in See stach. Young Willy – nein, so respektlos wollen wir nicht sein – der junge William Bligh überzeugte schon früh mit mathematischer Begabung. Navigation im 18. Jahrhundert war vor allem ein Glücksspiel. Seine Berechnungen waren außerordentlich gut für die Zeit. Dennoch wurde er bei Beförderungen wegen mangelnder Förderer stets übergangen.

Als er unter James Cook, dem großen Entdecker zur See fährt, wittert er Morgenluft. Das könnte seine große Chance werden. Doch auch Cook streicht zu früh die Segel. Bligh muss weiterhin für seinen Ruhm kämpfen. Ein erster Schritt ist die Heirat mit der richtigen Frau. Sein Schweigervater öffnet dem jungen Offizier durch Geld und Einfluss so manche Tür. Bis Bligh eines Tages die „Bounty“ in die Hände bekommt.

Die Geschichte ist hinreichend bekannt. Die eigentliche Leistung, die im Film nicht so recht rüberkommt, ist die Tatsache, dass der gewiefte Seefuchs Bligh mit spärlichsten Mitteln sich und seine klein Crew sicher übers unendliche Meer manövrierte. Fletcher Christian, der Anführer der Meuterer, ist wohl der eigentliche Tyrann gewesen. Verarmter Adel und eine antiquierte, sture noblesse oblige sind eine gefährlich Mischung.

Jann M. Witt rückt die Welt der Seebären wieder gerade. Bereits nach einem Drittel des Buches weiß man mehr über Bligh als in 178 Minuten Zelluloid-Hollywood-Heldenwahn. Wem Trevor Howards Darstellung den Mund wässrig gemacht hat (Autor Jann M. Witt ging es jedenfalls so), der wird in diesem Buch oft eines Besseren belehrt, zumindest jedoch mit der ungeschönten Wahrheit konfrontiert. Mit diesem Buch geht kein Kinofan wie eine bleierne Ente unter.

Lola Montez – Ein Leben als Bühne

Lola Montez

Lola Montez zählt bestimmt nicht zur ersten Garnitur der deutschen Prominenten. Sie lebte im 19. Jahrhundert und ist manch einem durch den gleichnamigen Film mit Peter Ustinov bekannt. Heute wäre sie wohl eher ein C-Promi, der mit allerlei wüsten Geschichten die Klatschspalten der Presse füllt. Doch ihr Leben ist es wert erzählt zu werden.

Um ihr Geburtsdatum ranken sich viele Mythen. Sie selbst machte sich gern jünger, doch gilt es fast als erwiesen (die Geburtsurkunde ist leider verschwunden), dass sie am 17. Februar 1821 im irischen Grange das Licht der Welt erblickte. Die Kindheit verlief „normal“, ihre Mutter schaffte es allen Widrigkeiten zum Trotz der Kleinen ein relativ sorgenfreies Leben zu bescheren. Schon früh entdeckte die kleine Lola, die eigentlich Elizabeth Rosanna Gilbert hieß, ihre Liebe zur Selbstdarstellung. Nach zwei gescheiterten Ehen und Reisen ins Ausland (unter anderem kam sie bin Indien) überkam sie der Drang Schauspielerin zu werden. Doch dazu fehlte es an Einigem. Doch tanzen konnte sie.

Die Legende, dass sie eine feurige Spanierin aus dem Süden der iberischen Halbinsel war, ihr freizügiger Tanzstil, und ihr Temperament sprach sich schnelle herum. Im Gegensatz zu ihren Liebschaften und Ehen funktionierte diese Karriere bedeutend besser als ihr Privatleben. Sie reiste quer durch Europa. Paris, Sankt Petersburg, Warschau, Dresden. Hier war sie zuhause. Hier empfing sie ihre Gönner. Auch der damalige Superstar Franz Liszt verfiel ihrem Charme.

In Paris schien ihr Leben eine weitere Wendung zu vollziehen. Ein Theaterbesitzer sollte ihre große Liebe sein. Doch der sah sich einem Duell gegenüber, das er nur verlieren konnte. Denn Waffen waren nicht gerade seine Leidenschaft. Gerade als Lola Montez sich am Ende ihres Weges sah, machte ein Schuss ins Gesicht ihres Liebsten dem ein Ende.

Wieder auf der Straße zog es sie nach München. Da war sie gerade mal 25 Jahre alt, hatte die Welt gesehen, so manchen Reichtum und Luxus genossen, und doch war sie ganz allein auf der riesigen Welt. König Ludwig I. von Bayern war es, der Lola Montez fürs Erste die Würde zurückgab. Er wurde ihr Liebhaber und vor allem ihr Gönner, er kaufte ihr ein Haus, das leider 1912 abgerissen wurde. Er gab Unsummen für seine Mätresse aus, so dass alsbald des Volkes Zorn (und auch der seiner Regierung) Lola Montez‘ Wanderlust einmal mehr die Sporen gab.

Lola Montez war sicherlich eine der ersten Frauen der jüngeren deutschen Geschichte, die durch ihre Reize sich ein Leben in Saus und Braus erfüllen wollte. Marita A. Panzer wertet das Leben der zeitweilig königlichen Kokotte nicht. Vielmehr versucht sie (und das erfolgreich) die unzähligen Geschichten, die sich um die reizvolle Lola ranken ins rechte Licht zur rücken. Eine Biographie, die einen Einblick in das Leben der Stars und Sternchen gibt, die heute kaum einer mehr kennt. Aber das ist wohl das Schicksal, das alle Sternchen teilen.

Elagabal

Elagabal

Es ist schon erstaunlich wie viel wir heute über die Geschichte wissen. Über die römischen Kaiser wissen wir fast alles. Ihre Taten, ihre Gewohnheiten, ihre Kleidung, ihre Lieblingsspeisen. Trotzdem kennen wir nur wenige von ihnen. Julius Caesar, den kennt jeder. Der hat schließlich in den Asterix-Filmen mitgespielt. Nero, der Wahnsinnige, brennt einfach seine Bude und seine Stadt ab (was nachweislich nicht so war, aber immer noch in den Köpfen verankert ist). Augustus, ohne den würden wir im Hochsommer Silvester feiern. Dann wird’s für Viele schon eng. Diokletian kennt, wer in Kroatien Urlaub machte. Konstantin kennen viele aus dem Istanbul-Reiseband. Wer noch mehr römische Kaiser kennt, hat über sie gelesen. Wer Elagabal nicht kennt, muss dieses Buch lesen.

Denn Elagabals Leben ist heute noch lesenswert. Und aktuell. Auf Roms Republikverständnis berufen sich fast alle Republiken weltweit. Er wurde in Syrien (in Emesa, dem heutigen Homs) geboren, einem Land, über dessen vielschichtige Schändung jeden Tag berichtet wird.

Im Jahr 218 erklimmt ein 14jähriger Knabenpriester den römischen Kaiserthron. Der Sonnengott Elagabal sollte Namensgeber und Richtungsweiser seiner Regentschaft sein. Vier Jahre hielt er sich auf dem Thron. Am Ende wurde sein Körper durch die Straßen Roms geschleift und in den Tiber geworfen. Doch zwischen der Thronbesteigung und dem jämmerlichen Ende lagen Jahre voller Lebenslust. Es gibt kaum komplette Schriften über ihn. Anekdoten zuhauf.

Die Großmutter Elagabals behauptete, dass ihr Enkel ein uneheliches Kind von Kaiser Caracalla sei. Ein weiterer Kaiser, der durch ein Buch des Zabernverlages nicht mehr ganz so unbekannt ist. Die Thronbesteigung verlief blutig. Durch Versprechungen auf Ruhm und vor allem Reichtum ließen die Soldaten zu ihm überlaufen, sie ermordeten ihre Offiziere. Der Senat unterwarf sich dem Dogma der Armee und krönte den jüngsten Kaiser aller Zeiten.

Ein Hohepriester auf dem Thron – göttliche Zeiten drohen. Und fromme, möchte man meinen. Das Gegenteil war der Fall. Wieder so eine Parallele zur Gegenwart, wenn man an das Bistum Limburg denkt… Elagabal war kein Kostverächter. Orgien, schlimmer als bei Caligula, mit beiderlei Geschlecht. Eine gnadenlose Selbstdarstellung. Er allein hätte die Facebook-Server der Antike zum Glühen gebracht. Doch was ist wahr und was ist erfunden?

Martijn Icks versucht Wahrheit von Fantasie zu trennen und entwirft ein spannendes Bild des ehemaligen Hohepriesters, der zu Ehren Elagabals Tänze aufführte, als Kaiser Menschenopfer darbrachte und sogar einen Selbstmordturm errichten ließ. Die Biographie dieses außergewöhnlichen Kaisers liest sich wie ein spannender Roman, mal wie ein Krimi, mal wie ein episches Drama.

Im Schatten des Banyanbaums

Im Schatten des Banyanbaums

Kambodscha Mitte der 70er Jahre. Raami ist ein kleines neugieriges Mädchen, das es kaum erwarten kann die Welt da draußen zu erkunden. Die Welt da draußen, das ist Südostasien außerhalb des großzügigen Anwesens, dass ihrer Familie gehört. Sie ist es direkte Nachfahrin der königlichen Familie. Herumtollen, die Erwachsenen mit Fragen löchern, Traditionen pflegen – so sieht ihr Alltag aus. Immer umsorgt von Milchmutter, Mama und der Königin Großmutter. Über allem thront ihr Vater, Philosoph und Geschichtenerzähler in einem. Für Raami der perfekte Platz, um aufzuwachsen.

Am Neujahrstag des Jahres 1975 endet dieses phantasievolle, behütete, grenzenlos freiheitliche Leben abrupt. Die Roten Khmer übersäen Kambodscha mit Hass, Misstrauen und irrationalem Handeln. Schon allein wer eine Brille trägt, ist verdächtig. Und wer verdächtig ist, gehört ausgemerzt. Wie soll es da erst dem einstigen Adel ergehen?

Von Heute auf Morgen wird Raamis bunte Welt in ein tristes Schwarz getaucht. Denn die Revolutionsbrigaden der Roten Khmer erlauben keine Freude, auch keine Farbenfreude. Auch übernimmt die „Organisation“ – hinter diesem Vehikel verstecken sich die meist ungebildeten, nicht einmal Lesen könnenden „neuen Herrscher“ – das Denken, bestimmt, was richtig und was falsch ist.

Schlimmer kann es nicht kommen? Oh doch! Die Familie wird auseinander gerissen. Waren sie erst in einer Tempelschule untergebracht, geht es nun aufs Land. Ohne den geliebten Vater. Der opfert sich, um seiner Familie so manche Pein zu ersparen. Für Raami, die sich schon immer mehr zu ihrem Vater als zu ihrer Mutter hingezogen fühlte, die schmerzlichste Erfahrung in ihrem noch jungen Leben.

Die harte Arbeit steckt das tapfere Mädchen weg. Immer wieder erinnert sie sich an die Geschichten ihres Vaters, diese erfüllen sie mit Hoffnung, und stärken sie für den nächsten Tag. Denn eines können die Roten Khmer nicht: Ihren Willen brechen.

Mit Phantasie und außergewöhnlicher Sensibilität fasst Vaddey Ratner ihr eigenes Schicksal in die Geschichte von Raami. Sie selbst wurde als Mitglied der Königsfamilie verschleppt, enteignet, gedemütigt. Auch ihr gelang die Flucht. Welch ein Glück, so können wir dieses Buch nun genießen. Vaddey Ratner schildert mit sanften Worten wie sie in ein neues hartes Leben gestoßen wurde. Die Wärme der Familie, der Kühle spendende Banyanbaum, die Herzlichkeit als Schutzschilde gegen die Rohheit der Zeit. Die Poesie der Worte mildert die Gräueltaten der Roten Khmer.