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Tanz auf dem Vulkan

Tanz auf dem Vulkan

Beide waren sicherlich keine Männer, mit denen „gut Kirschen essen“ war. Der Eine – Gustaf Gründgens – ein begnadeter Schauspieler. Der Andere ein nicht minder begabter Schriftsteller. Beide strebten nach mehr. Aus unterschiedlichen Gründen heraus. Eines verband sie jedoch: Der Drang nach Zuneigung. Der Zuneigung der Gegenüber, seien es nun Theaterbesucher und Förderer oder Leser und Familie.

Gründgens wurde stark durch die Mutter geprägt, die dem Jungen schon früh musische Eigenschaften unbewusst einpflanzte. Klaus Mann hingegen fühlte sich stets im Schatten seines Übervaters stehend. Wenn man die Biographie von Klaus Mann liest, kommt einem schnell der Gedanke, dass er das Ersatzleben seines Vaters zu leben begann. Thomas Mann, der sich selbst einen Weg auferlegte, der er ungern, aber pflichtbewusst beschritt, ließ seine Kinder die Freiheiten, die er sich nie eingestehen durfte. Und die nutzten die lange Leine gnadenlos aus.

Es war keine leichte Zeit für Freigeister: Klaus Mann, Jahrgang 1906, und Gustaf Gründgens, Jahrgang 1899, wuchsen in stürmischen Zeiten auf. Kriege und Revolutionen gehörten zum Alltag wie Umbrüche in Kunst und Kultur.

Renate Berger führt zwei Männer zusammen, die durch eine Frau miteinander verbunden wurden: Erika Mann, die ein Jahr ältere Schwester von Klaus. Sie und Klaus waren der Nachbarschaftsschrecke in München. Ihre Beutezüge waren da noch das kleinere Übel. Arroganz und Ablehnung der Konventionen waren da schon andere Kaliber. Klaus‘ Erziehung in Schulen und Internaten (Salem, Odenwaldschule) war für die Erzieher mehr Kampf als Prägung. Gründgens hingegen war gelehrig.

Beide waren auf ihre Art Rebellen. Doch die Zeiten änderten sich. Gründgens wurde hofiert, Schmeicheleien und Opportunismus ebneten seinen Weg unter den Nazis. Klaus Mann blieb, was er war: Ein unbequemer Intelektueller, der der Zeit nichts Gutes abringen konnte. Er flüchtete, nicht freiwillig. Kämpfte wortstark gegen die Verhältnisse in seiner Heimat und somit auch gegen den Schwager, mit dem ihn mehr verband als er sich eingestehen wollte und konnte.

Nach der Schreckenszeit gingen beide Künstlerwege weiter auseinander. Hoffnung wurde für beide ein Wort mit unterschiedlicher Bedeutung. Gründgens wurde mehr gefeiert denn je, Klaus Manns Ende war selbstgewählt.

Die Autorin holt oft und weit aus, um die Charaktere der beiden Männer tiefgreifend zu erkunden. Und das ist auch nötig, um diese Kulturbiester verstehen zu können. Jedes Jahr füllen sich die Regale mit neuen Biographien über die Familie Mann. Dieses Buch gehört an eine exponierte Stelle, denn es öffnet den Mann’schen Kosmos lässt Raum für weitere bedeutende Mitstreiter des kulturellen Lebens der deutschen Vergangenheit.

Als Hemingway mich liebte

Als Hemingway mich liebte

Er gehört zu mir – in der deutschen Schlagerszene ein Stück für eine Person. Im Leben von Ernest Hemingway ein Mehrstimmiges. Mitte der 20er Jahre des vergangenen Jahrhunderts klingt es in den Ohren von Hadley wie ein Hohn. Denn ihr Gatte, der mittlerweile einigermaßen anerkannte Ernest Hemingway, hat schon seit längerem ein Auge auf Fife geworfen. Fife heißt eigentlich Pauline und arbeitet für die Vogue in Paris. In Antibes haben die Hemingways ihr neues Quartier bezogen. Das Haus gehört dem Skandalpaar F. Scott und Zelda Fitzgerald. Bumby zuliebe haben der bullige Schriftsteller und die resolute Hadley eine neue Bleibe gefunden. Bumby leidet unter seinem Keuchhusten und die warme Luft soll ihm Linderung bringen.

Hadelys Sorge kann hier nicht gelindert werden. Immer wieder finden sich Hinweise auf eine Liaison Ernests und Fifes. Ihre Schwester Jinny bestätigt endgültig die Beziehung. Als klar wird, dass es nicht nur eine flüchtige Affäre ist, stellt Hadley ein Ultimatum: Ernest und Fife sollen sich einhundert Tage nicht sehen, nicht schreiben, nicht in Verbindung stehen. Sollten seine Gefühle für Fife unverändert stark sein, würde Hadley sich zurückziehen. Nach ungefähr der Hälfte der Zeit gibt sie sich geschlagen.

Zeitsprung. Die letzte Hälfte der 30er Jahre wird vom spanischen Bürgerkrieg bestimmt. Auch Hemingway ist vor Ort. Als Korrespondent. Pauline, Fife, ist die Hüterin des Hemingway’schen Hauses auf den Keys vor Florida. Ihr Heim ist eine Zierde, das eleganteste Haus auf dem Eiland. Doch immer öfter ist sie allein. Physisch wie seelisch. Oft ist Ernest Hemingway in Spanien. Ist er in der Heimat, muss Fife dafür sorgen, dass er schreibt. Nicht des Geldes wegen. Nein, nur wenn ihr Mann schreibt, schweifen seine Gedanken nicht ab zu Anderen. Eine Andere ist Martha Gellhorn. Eine neue Eroberung? Oder doch mehr? Ihre alte Freundin und niemals als Rivalin erachtete Hadley kennt das. Sie hatte Hemingway auch geliebt und verloren. An Fife. Jetzt ist sie Ratgeberin. Doch Fife hat nicht die charakterliche Stärke von Hadley. Ihr Temperament ist überbordender.

Martha ist Frau Nummer Drei im Reigen der ménage à cinq. Während Hadley und Fife sich den Umständen entsprechend ganz gut verstehen, hat Marty, wie Hemingway sie nennt, kein Verständnis für derartige Verbrüderungen. Hadley ist ihr zu weich, zu nachgiebig, und Fife könnte ihr noch gefährlich werden. Die beiden leben Mitte der 30er Jahre in Havanna, in den 40ern ist Paris der Schauplatz der Ehe und deren Ende. Als großer Befreier des Ritz ist Hemingway in aller Munde und bald auch schon im Schoß einer Anderen. Paris ist frei, Marty auch bald.

Mary ist der Schoß, in den sich Ernest Hemingway nun legen wird. Kriegsreporterin wie Hemingway und Marty es waren und sind. Der Kampf ist Hemingways Geschäft. Ist irgendwo Krieg auf der Welt, ist er nicht weit. Er kennt die Welt, und die Welt kennt ihn. Martha warnt Mary noch. Doch Mary ist unwissentlich dem Macho schon verfallen. Während Europa in Trümmern liegt, baut Mary eine neue Beziehung zu Ernest Hemingway auf.

Sie wird die einzige Ehefrau sein, die ihn nicht an eine Andere abgeben muss. Verlassen wird er sie dennoch. Ob freiwillig oder nicht, ist bis heute nicht ganz geklärt.

Die vier Frauen, die Ernest Hemingway ehelichte, rauben in diesem Buch nicht den Ruhm des großen Schriftstellers. Dafür ist er zu übermächtig. Die Wucht seiner Präsenz lässt sie erschauern und zu Kämpferinnen reifen. Doch nicht bis zum bitteren Ende. Sie wissen, wenn sie weichen müssen. Echte Gewinner gibt es in keinem Krieg – auch nicht in den Ehen Hemingways.

Im Hotel Régina

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Menschen im Hotel. Das geht es oft chaotisch zu, wenn man Hollywood glauben darf. Im Hotel Régina in Nizza ist die Stimmung auch ziemlich angespannt. Wir schreiben das Jahr 1954. Frankreich will schon länger einen seiner größten Künstler mit einer Medaille ehren. Eine Gedenkmünze für Henri Matisse. Doch alle Entwürfe weist er entschieden zurück. Als die Prägestätte einen neuen Versuch unternimmt den Künstler zu einer Zusammenarbeit zu bewegen, stimmt der nur unter einer Bedingung zu: Er selbst will den Künstler auswählen. Und ihm schwebt da auch schon ein Name vor. Alberto Giacometti. Wer in den vergangenen Monaten eifrig die Nachrichten verfolgt hat, weiß, dass seine Skulpturen mittlerweile zu den gefragtesten und vor allem zu den teuersten der Gegenwart zählen. Einhundertsechsundzwanzig Millionen Euro bot 2015 ein Sammler für die anderthalb Meter hohe Bronzeskulptur „Man Pointing“.

Und begab es sich, dass der Schweizer Künstler einige Tage im Sommer bei Matisse an der Côte d’Azur zubringen durfte. Matisse saß regungslos auf seinem Stuhl oder am Tisch. Von schwerer Krankheit gezeichnet, ließ er sich portraitieren. Er wollte die Skizzen nicht sehen. Das beeinflusse ihn und den Künstler.

Giacometti ritzte mehr als dass er malte – nach Matisse könne eh niemand malen, auch er nicht. Millionen von Museumsbesuchern sehen das wahrscheinlich anders. Wenige Striche genügten, das kann man heute noch in zahlreichen Museen betrachten, um dem großen Meister gerecht zu werden. Die Kunstfertigkeit erschließt sich nicht jedem auf Anhieb. Die einleitenden und abschließenden Texte von Gotthard Jedlicka, einem Freund Giacomettis, dem Giacometti-Spezialisten Casimiro di Crescenzo und Kunsthistoriker Michael Lüthy geben den abgebildeten Skizzen die passenden Erläuterungen und füllen die Wissenslücken mehr als kenntnisreich auf.

Wer sich noch nicht eingehender mit Matisse und Giacometti beschäftigt hat, kommt bei der Lektüre dieses Buches nicht mehr aus dem Staunen heraus. Wissenschaftliche Betrachtungen zu einem Künstler sind oft etwas sperrig zu lesen. Denn jeder Betrachter hat eine andere Sichtweise auf das Kunstwerk. Hier sprechen nun aber echte Experten, die in der Kunst mehr sehen als ein gefälliges Objekt. Sie überlegen nicht, ob es zur Wohnungseinrichtung passt. Sie rücken das Objekt gerade, ziehen Parallelen zum Leben, ordnen es ein. Spannend wie ein Glauser, detailreich wie ein Mosaik, unter der Lupe des Wissens erklärt.

Henri Matisse starb nur kurze Zeit nach der letzten Sitzung am 3. November 1954 in seinem Haus Cimiez. Alberto Giacomettis Todestag jährt sich am 11. Januar 2016 zum fünfzigsten Mal.

Das Zeitalter des Sonnenkönigs

Das Zeitalter des Sonnenkönigs

Vor dreihundert Jahren erlosch die Sonne Ludwig des Vierzehnten und warf einen gewaltigen Schatten in der Geschichtswelt. Er schuf Versailles, ihm schrieb man „L état, c’est moi!“ zu. Und charakterisierte ihn mit „Er glänzte wie die Sonne und stank wie eine Sau“. Ist das alles, was von dem über ein halbes Jahrhundert regierenden Sonnenkönig übrig bleiben sollte? Von ihm, dem Enkel von Henri quatre und Maria de Medici? Von Louis quatorze.

Sieben Autoren beleuchten ihn, den strahlenden Herrscher und die Zeit, die er so sehr prägte, auch über die Grenzen seines Reiches hinaus.

Das Buch beginnt auch gleich mit einem Paukenschlag. Der junge Monarch ist gerade mal ins Teenageralter geschlüpft als sein Vater stirbt. Der Adel begehrt auf, so dass sich seine Mutter gezwungen sieht aufs Land zu flüchten. Nur zwei Jahre später stehen die Aufrührer im Schlafzimmer des noch jungen Königs. Wieder entkam er nur denkbar knapp. Und dann das! Sein Finanzminister Fouquet erlaubte es sich ein prächtiges Schloss zu bauen. Prächtiger als das des Königs. Die königlich geforderte Todesstrafe konnten die Richter noch einmal abwenden, doch zwei Jahrzehnte Gefängnis sind auch kein Zuckerschlecken. Versailles entstand und stürzte Frankreich in eine Finanzkrise, die erst mit dem Tod des Monarchen ausbrach. Von den 54 Jahren, die Louis XIV. regiert, führte er 34 Jahre Krieg. Nach all dem Leid, dass Krieg mit sich bringt auch ein finanzielles Desaster. Doch der König ließ sich nicht beirren. Eine seiner herausragendsten Eigenschaften. Versailles verschlang so viel Geld, dass es jeden Bankchef heutzutage wie einen besonnen Volkswirt aussehen lässt. In Versailles scharte Louis XIV. den Adel um sich, hielt sie mit Festen bei Laune. Wer ausbüchste, wurde mindestens mit Nichtachtung bestraft.

Louis XIV. war der lang ersehnte Thronfolger. Damals durften Frauen noch nicht den Thron besteigen, was einige Monarchien bis heute durchhalten. Ein Gottesgeschenk war er, sollte strahlen wie die Sonne. Seine Mutter schenkte seinem Vater bislang keinen Sohn, was ihr den Status einer Gefangenen einbrachte, der erst mit der Geburt des Nachfolgers und dem Tod des Vaters enden sollte. Sie geriet zu einer glühenden Französin, die ihre österreichischen Wurzeln und ihre spanischen Bande mit einem Mal löste. Jules Mazarin wurde der neue mächtigste Mann im Land – ihm unterstand die Erziehung des neuen Königs. Lesen, Schreiben, Rechnen, Zeichnen sowie Unterricht in Italienisch und Spanisch standen auf dem Stundenplan. Die Stunden im Tanzen waren wohl die nachhaltigsten. Denn später, während der Zeit der Feste in Versailles ließ es sich der Regent nicht nehmen selbst eine kesse Sohle aufs Parkett zu legen. Was Nero einst verwehrt blieb, brachte Louis XIV. Achtung und Respekt ein. Echt oder gekünstelt? Ihm war‘s egal, er war der unumstrittene Herrscher Frankreichs.

Louis XIV. ist kein Mythos. Er war echt. Und er wirkt bis heute nach. Die Abhandlungen in diesem Buch zeichnen den Weg eines Menschen nach, der auf den ersten Blick widersprüchlich erscheint: Musisch begabt und höllisch machtversessen, Feingeist und Geldverschwender zugleich, Förderer der Musen und Kriegsherr gleichermaßen, gebildet und roh mit gleichbleibender Intensität.

Die zahlreichen Abbildungen und die umfangreich recherchierten Texte ebnen den Weg zu Louis XIV. Und sie geben den Blick frei auf das, was heute Europa ausmacht. Alles, was heute als neu verkauft wird, basiert auf einem Mann: Louis quatorze. Der, der bis heute in Sprache, Ballett, Architektur und vielen anderen Aspekten des kulturellen Lebens fortlebt.

Meine Skandale

Meine Skandale

Wenn man den Namen Gabriel Astruc auf der deutsche Seite von Wikipedia eingibt, sieht man den Namen rot unterlegt. Kein Artikel. Eine kurze Nennung, mehr nicht. Er erbaute das Théâtre des Champs Èlyssée, das 2013 in Paris sein hundertjähriges Bestehen feiern konnte – der Name erinnert an den ursprünglich gedachten Platz. Fast vier Jahre dauerte der Bau des imposanten Gebäudes, von der Genehmigung bis zur Eröffnung, das vom ersten Tag an Erfolge feierte bzw. Skandale produzierte wie kaum ein anders Haus.

Claude Debussy und  Richard Strauss dirigierten hier ihre Werke. Das Ballett Russes wurde frenetisch bejubelt. Es waren die letzten Jahre der Belle Epoque. Paris war auf dem Höhepunkt der künstlerischen Schaffenskraft. Die Impressionisten waren anerkannt, der Kubismus und Expressionismus waren auf dem Sprung. In den Cafés traf man Künstler, deren Namen heute zu Synonymen geworden sind. Dennoch war es eine traditionelle Zeit. Man konnte sich nicht alles erlauben. Das musste auch Gabriel Astruc schmerzvoll lernen. Der zeitgenössischen Musik galt sein Herz, was ihm doch sehr schnell gebrochen wurde.

Zur Eröffnung des Tempels der Moderne wagte er das Risiko und hob „Benvenuto Cellini“ von Hector Berlioz auf den Premierenspielplan. Ein Stück, das bei der Uraufführung schon für Furore sorgte und dem keine lange Spielzeit vergönnt war.

Das Théâtre des Champs Èlyssée war zwei Monate geöffnet. Claude Debussys „Jeux“ sorgte nicht gerade für Begeisterungsstürme, um es milde auszudrücken. Ende Mai 1913 sollte Igor Strawinskys „Le sacre du printemps“ uraufgeführt werden. Im Publikum saßen Picasso und Chanel. Auf der Bühne wirbelten die Tänzer zur Choreographie von Vaslav Nijinsky. Im Foyer, nach der Vorstellung, tobte das Publikum. Eine Fraktion war begeistert, und sah sich den Anfeindungen der Gegner ausgesetzt.

Gabriel Astruc hatte bereits Jahre zuvor im Théâtre du Châtelet einige Skandale auszuhalten. Er war sich seiner Sache immer sicher, weswegen auch kaum schnöde Beschimpfungen seiner Kritiker in seinen Memoiren zu lesen sind. Die Zeit gab ihm recht. Er hatte ein glückliches Händchen für Skandale. Für sich selbst übersetzt er Skandal mit Stolperstein.

Seine Biographie „Meine Skandale“ ist kein Handbuch des Scheiterns. Es ist vielmehr die Bibel des Mutes. Man konnte ihn beschimpfen, anfeinden, sich über ihn beschweren. Doch Kleinkriegen ließ er sich nicht. Das ist sein Vermächtnis.

Manet, ein Streit und die Geburt der modernen Malerei

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Man stelle sich die Welt vor 150 Jahren vor und dazu die heutige Medienlandschaft. Frauke Ludowig würde wie von Manni dem Mammut gehetzt von einem Skandal biblischen Ausmaßes stammeln. C-, D-, E-Promis würden in beschämender Bigotterie nach den passenden Formulierungen suchen, weil sie denken sie kommen in DIE Bild, dabei geht es um EIN Bild. So genannte Experten würden vor Bücherwänden den Zusammenhang von Nacktheit und Verrohung der Jugend erklären und zur Zensur aufrufen. Bundestagshinterbänkler wollten die Scharia einführen, von wegen Hand abhacken und so.

Und das nur, weil Eduouard Manet im Jahr 1865 in einer Ausstellung eine nackte Frau gemalt hat. Ein Schwarze reicht ihr Blumen. Mehr nicht. Okay, die Dame war nicht gänzlich unbekannt. Sie hatte gewisse Talente, die sie gegen entsprechende Entlohnung feilbot. Sie war eine Prostituierte. Andere Begriffe sind ja bis heute nicht schicklich. Die Dame wurde allerdings nicht in einem mythischen oder noch besser religiösen dargestellt, sondern an ihrem Arbeitsplatz. Uff’m Sofa. Skandal!

Die Reaktionen reichten von reichlich Kichern über amüsiertes Auslachen bis hin zu tumultartigen Szenen. Nicht nur „normale“ Besucher ließen sich darüber aus, auch Malerkollegen wie Courbet distanzierten sich von Manet und seiner „Olympia“.

Der Pariser Salon zeigte ausgewählte Werke von Künstlern der Gegenwart. Eine Fachjury wählte unter den Gesichtspunkten der damaligen Zeit die Werke aus, die einem breiten Publikum zugängig gemacht wurden. Zwei Jahre zuvor schon erregten sie die Gemüter. Viele Künstler, deren Werke heute unbezahlbar sind, durften nicht ausstellen. Napoleon III. regte den Salon de refuses an, das Gegenstück zum Salon, in dem alle Abgelehnten ihre Werke zeigen durften. Besonders hart traf es die Impressionisten (hierzu empfiehlt sich „Das private Leben der Impressionsiten“ von Sue Roe, ebenfalls beim Parthasverlag erschienen).

Dino Heicker hat daraus keinen Haudrauf-Roman gemacht, in dem bagarres dans les bars den Ton angeben, sondern die öffentlichen niedergeschriebenen Reaktionen gesammelt. Briefe von Manet an Baudelaire (und die Antwort darauf), Kunstkritiken und ausgewählte Texte zu dem skandalösen Bild, unter anderem von Zola, führen den Leser in die Mitte des 19. Jahrhunderts.

Aus heutiger Sicht wirkt die Aufgeregtheit etwas sonderbar. Eine nackte Frau auf’m Sofa. Selbst der Nippelblitzer von Hildegard Knef war Jahre später kaum noch der Rede wert. Sophie Marceaus „Nippelgate“ in Cannes störte schon wenige Sekunden später niemanden mehr. Es war eher (unfreiwillig?) komisch. Und doch sind die Art und Weise wie argumentiert wurde, heute noch geläufig. Niedermachen, weil man es nicht anders kennt und weil man es scheinbar kann. Um fast jeden Preis. Manet war streitbar – in vielerlei Hinsicht. Doch ohne ihn, seinen Mut, würden wir wahrscheinlich noch vor Historienschinken schmachten, verklärte Landschaften als erhaben bezeichnen oder gar Tiere auf Wände schmieren.

Jackson Pollock

Jackson Pollock

Los Angeles, 25. März 2001, Shrine Auditorium. Im Publikum sitzt ein Mann, der als Charakterdarsteller sich schon längst einen Namen gemacht hat. Vor Kurzem hat er auch Regie geführt. Und die Hauptrolle übernommen. Nun ist er für die begehrteste Trophäe der Filmbranche nominiert: Ed Harris. Der Mann, den er verkörperte: Jackson Pollock. Er geht leer aus. „Gladiator“ ist der große Gewinner des Abends.

Doch die Oscar-Verleihung hat einen gewaltigen Nebeneffekt. Der Maler Jackson Pollock wird nun einem viel breiteren Publikum bekannt. Das ist doch der mit den riesigen Klecksereien, meinen die Einen. Der mit der Macke die Anderen. Beide Seiten werden nicht annähernd dem Werk und Wirken Jackson Pollocks gerecht. Bülent Gündüz setzt mit seiner umfassend, exzellent recherchierten Biographie dem besessenen Maler ein gedrucktes Denkmal.

Wenn das Leben ein einziger Marsch ist, mit einem Anfang und einem – in Jackson Pollocks Fall viel zu frühen – Ende, dann fragt man sich unweigerlich, was im Leben des Künstlers passiert sein muss, dass solche Bilder dabei herauskommen. Vorausgesetzt man hat nur die Dripping-Paintings im Sinn. Zum einen war das Frederick John St. Vrain Schwanovsky, Kunstdozent, der seinen Schülern zeigte welche famose Muster Farben entwickeln können, wenn sie mit anderen Chemikalien gemischt auf einer rotierenden Scheibe gemischt werden. Zum Anderen war dies Krishnamurti, ein religiöser Lehrer, der dem jugendlichen Jackson Pollock lehrte, dass Inspiration vor Ausbildung kommt und Gefühle mit der Kunst in Einklang zu bringen sind. Nach Jahren des Herumreisens von Wyoming nach Arizona und Kalifornien und wieder nach Arizona, um dann doch wieder in Kalifornien zu landen, die ersten festen Weisheiten, an die sich ein junger Mann klammern konnte.

Die Mutter hatte sich früh gewünscht, dass ihre fünf Kinder sich künstlerisch betätigen. Zuneigung war spärlich gesät im Hause Pollock. Der Vater meist weg, die Mutter verzweifelt auf der Suche nach Selbsterfüllung. Als Nesthäkchen hatte der kleine Jackson den Vorteil der Narrenfreiheit. Wobei immer noch nicht klar ist, ob die Betonung auf dem ersten oder dem letzteren Teil des Wortes liegen soll. Schon als Jugendliche suchte er Anerkennung in so genannten Männlichkeitsritualen wie sich betrinken.

Ende 1941 organisierte der Kunsthändler John Graham eine Ausstellung in New York, in der er französische und amerikanische Künstler gemeinsam präsentieren wollte. Ein Bild von Jackson Pollock sollte zwischen Picasso, Matisse, Braque. Auch ein gewisse Lee Krasner wurde eingeladen ein bIld auszustellen. Als sie den Ausstellerkatalog las, sagte ihr der Name Jackson Pollock gar nichts. Sie machte sie auf den Weg, um ihre Neugier zu stillen. Sie traf auf einen ruhigen, schüchternen Mann, der ihr sofort gefiel. Die Ausstellung geriet zum Desaster, die Beziehung Krasner/Pollock gedieh hingegen prächtig. Sie nahm seine Geschäfte in die Hand, er malte völlig losgelassen vom Geschäft. Doch auch sie schaffte es nicht Jackson Pollock von der Flasche loszueisen. Auch nach seinem Tod sah sie es als ihre große Aufgabe an den Namen Jackson Pollock in Ehren zu halten. Sie trug entscheidend zu seiner Legendenbildung bei.

Nur fünf Jahre nach der Nacht von Los Angeles wurde „No. 5, 1948“ für sagenhafte 140.000.000 $ bei Sotheby’s versteigert. Für fast ein Jahrzehnt war es das teuerste Einzelgemälde der Welt. Durch Jackson Pollocks Adern floss der ungebremste Strom der Leidenschaft, doch auch der Teufel Alkohol. Ihn nur als wahnsinnig – egal, ob positiv der negativ gemeint – zu bezeichnen, klänge nach Ausreden. Hinter seine Fassade, wenn es denn eine gab, zu schauen, bringt viel Licht und viel Schatten hervor. Bülent Gündüz schafft den Spagat zwischen Wissensansammlung spannender Schreibweise.

Montparnasse und Montmartre

Montparnasse und Montmartre

Für viele ist Paris mit Montmartre oder Montparnasse gleichgesetzt. Und tatsächlich sind die beiden Hügel nicht aus dem Stadtleben wegzudenken. Anfang des 20. Jahrhunderts bebte hier das künstlerische Herz Frankreichs, Europas, wenn nicht sogar der Welt. Wer sich hier die Klinke in die Hand gab, dessen Name hallt bis heute nach. Picasso, Satie, Proust, Cocteau sind nur ein geringer Teil derer, die Paris fast allein nur durch ihre Präsenz zum künstlerischen Epizentrum der Welt krönten. Dan Franck bringt Licht ins mittlerweile verblasste Paris des Post-Fin-de-Siècle. Wer heute durch Paris schlendert, muss schon ganz genau wissen wonach er sucht. Dieses Buch ist der Reiseführer für Erwachsene, die Paris poetisch, impressionistisch, expressionistisch, kubistisch, intellektuell, aufrührerisch, avantgardistisch erleben wollen.

Nicht jede Stadt auf der Welt kann sich rühmen derart geballt so viele führende Köpfe einer Epoche und so vieler Genres einmal beherbergt zu haben. Sie lebten, litten und wirkten auf einem Areal, das flächenmäßig kaum erwähnenswert ist. Mit kindlicher Freude schreibt der Autor vom Leben wie es kaum woanders möglich war. Hier war Paris am französischsten, aber auch multikulturell. Keine explosive Mischung, eher eine befruchtende. Man half sich untereinander aus. Agenten, Galeristen und Kunstsammler halfen so manchem Künstler über eine Durststrecke hinweg.

Wer Kunst sammelte, für den lag hier der heilige Gral. Für ein paar Francs konnte man Kunstwerke erwerben, deren Wert sich bis heute millionenfach auszahlt. Ein France entspricht heute ca. sechs Euro. Kaum zu glauben, dass ein Pablo Picasso für einen zweistelligen oder niedrigen dreistelligen(Franc-)Betrag Auftragsarbeiten erledigte.

Detailreich und ungeheuer aufwendig recherchiert nimmt dieses Buch den erfahrenen Parisbesucher mit auf eine Reise durch das Paris des beginnenden 20. Jahrhunderts. Die zahllosen Anekdoten machen dieses über fünfhundert Seiten starke Buch zu einem Juwel unter den besonderen Parisgeschichten. Die Preisverhandlungen mit Clovis Sagot sprechen Bände. Anfangs bot er Picasso 700 Francs. Der Maler zögerte und verkaufte ein Bild schlussendlich für weniger als die Hälfte.

Ein weiterer ausgefuchster Kunsthändler war Ambroise Vollard. Eines Tages spazierte Gertrude Stein in sein Geschäft. Wie er der später bekanntesten Kunstsammlerin gekonnt die Franc aus der Tasche zog, bringt den Leser mehr als nur zum Schmunzeln. Doch keine Angst, die resolute Dame hat auch ihren Schnitt gemacht.

Wer Paris als riesige Einkaufsmeile betrachtet, wird mit diesem Buch eines Besseren belehrt. Wer die Hotspots von Paris wie seine Nachbarschaft kennt, wird hier ein wahres Wunder erleben. Mit genauen Adressangaben kann man anhand dieses Buches durch Paris flanieren, den Hauch der Kunst-Geschichte atmen und sich darüber freuen, dass La Butte („das Hügelchen“, so nennen die Parisienne Montmartre) und Montparnasse sicherlich als Sinnbild für ganz Paris herhalten, aber man nun ganz genau weiß warum. Über zweihundert Abbildungen unterstreichen den von der ersten Seite an exzellenten Eindruck.

Das private Leben der Impressionisten

Das private Leben der Impressionisten

Unvorstellbar! Paris ein stinkendes Loch, keine Boulevards, keine Prachtbauten. Und zwischendrin Maler, die für ein paar Francs Monatsgebühr malten und malten und malten, nur um des Malens willen. Das Erscheinungsbild hat sich gewandelt: Paris ist eine der meist besuchten Städte der Welt. Und die Bilder von Claude Monet, Camille Pissaro und Paul Cezanne erzielen regelmäßig schwindelerregende Preise. Dieses Bild ist gerade mal reichlich anderthalb Jahrhunderte her. Monet malte Karikaturen und konnte schon gut davon leben. Cezannes Aktbilder erregten damals schon Aufsehen, öffentlich, weil die Damen nackt waren, bei Kollegen wegen des groben Stils. Hier im Atelier von Pere Suisse begann das, was alsbald als Impressionismus die Welt veränderte.

Sue Roe unternimmt mit dem Leser einen umfassenden bild- und wortgewaltigen Rundgang durch das Leben der Impressionisten. Sie führt an Orte, die vielfach auf Gemälden festgehalten wurden. Sie malt buchstäblich Bilder vom Schicksal einer Gruppe Künstler, die erst zweieinhalb Jahrzehnte später mit einer Ausstellung in Amerika den Ruhm zugesprochen bekam, der ihr zustand.

Cezannes Ankunft in Paris blieb Monet verborgen, er musste seinen Militärdienst in Algerien leisten. Nach seiner Rückkehr an die Seine besuchte er die Schule von Charles Gleyre. Dort studierten zu der Zeit auch Pierre-Auguste Renoir und Alfred Sisley. Das halbfertige Paris und die halbfertigen Impressionisten – eine brodelnde Zeit. Alle Künstler hatten sich bei ihren Studien kennengelernt. Edouard Manet hingegen stieß durch den von Napoleon III. angeregten Salon des Refusés der illustren Truppe. Hier wurden alle von der Akademie abgelehnten Bilder ausgestellt. Galeristen und Agenten gab es damals kaum bis gar nicht. Edouard Manet brachte Edgar Degas in die Gruppe ein. Die war nun fast komplett…

Paris als Lehrstätte war gerade gut genug. Ihrer Kunst gingen die Künstler vor den Toren der Stadt nach. Hier tummelten sie sich unter den Vergnügungssüchtigen der Stadt. Nach und nach bekommen ihre Bilder Struktur, werden durch Zolas Artikel einem breiteren Publikum zugängig. Anerkennung von der Akademie? Fehlanzeige! Werden zu Beginn des Buches die Grundlagen für den Leser gelegt, damit er Impressionismus, die Zeit, die Moralvorstellung erkennt, nimmt das Buch ab dem zweiten Viertel richtig Fahrt auf. Kleinere Streitereien – Degas liebt es Manet zu foppen, der wiederum ist genervt, das Monet von dessen Ruf zu profitieren scheint – bringen Schwung in die immer noch starre Gruppe.

Eine Biographie über einen Künstler zu schreiben, ist eine Aufgabe, die man nicht eben so erledigt. Archive müssen gewälzt, Experten befragt werden. Bei einer Biographie einer ganzen Künstlergruppe gibt es zwei Möglichkeiten: Man schreibt zu jedem der Mitglieder eine Biographie und versucht dann Parallelen und Schnittpunkte zu finden oder man macht es wie Sue Roe. Sie lässt das Leben der Mitglieder Revue passieren. Oft sind sie gemeinsame Wege gegangen, haben in den gleichen Cafés das Leben beobachtet und gemalt, diskutiert, später ihre Kunst hinterfragt und ihren eigenen Weg beschritten.

„Das private Leben der Impressionisten“ ist keine Aufzählung markanter Ereignisse im Leben einer Gruppe von Künstlern, die unverstanden erst spät in den Fokus der Öffentlichkeit traten. Sie waren zu Lebzeiten bekannte Künstler, mal mehr, mal weniger erfolgreich. Anerkannt bzw. bekannt waren sie allemal. Was dieses Buch von allen anderen derart hervorstechen lässt, ist die genüssliche und faktenreiche Erzählweise. Wie in einem fortschreitenden Roman treten reale Personen auf, die wie Du und Ich ihrer Leidenschaft frönten. Alle Anekdoten sind belegt, ihre Intensionen nachvollziehbar. Wer, wann, warum welchen Weg einschlug, bebildert Sue Roe mit Worten, die sich nicht hinter den Werken der Protagonisten verstecken müssen.

Das Gelbe Haus – van Gogh, Gauguin: Neun turbulente Wochen in Arles

Das gelbe Haus - van Gogh, Gauguin

Genialität im Doppelpack – für viele der einzige Weg, um sein Potential vollständig zu entwickeln. Man denke nur an Laurel und Hardy, die nur als „Dick und Doof“ zu Weltruhm gelangen konnten. Für Vincent van Gogh und Paul Gauguin war eine Zusammenarbeit nicht von Nöten. Zumindest nicht für ihre Genialität. Neun Wochen sollten sie zusammensein. Sehen, Malen, Diskutieren, Streiten, aber auch Genießen. Martin Gayford war nicht dabei, damals im Herbst/Winter 1888. Doch er lässt den Leser in diese Zeit reisen und mit den beiden Maler-Göttern am Tisch sitzen, gewährt Blicke auf die Staffeleien und in deren Seelen.

Alles begann am 23. Oktober 1888. Der Impressionismus muss seit Jahren durch eine handfeste Krise gehen. Die Absätze und die Akzeptanz schwinden. Van Gogh hat sich – auch dank der Unterstützung seines Bruders – in Arles in der Provence niedergelassen. Das Gelbe Haus ist sein neues Zuhause. Seit ein paar Monaten arbeitet er hier, seit ein paar Wochen wohnt er auch hier. Doch van Gogh ist einsam. Dank seines Bruders kann er hier leben. Doch ihm fehlt das Leben. Das Leben, das er hofft sich zurückholen zu können, in dem Paul Gauguin, der zur Zeit auch in der Nähe des Meeres, allerdings des rauen Atlantiks, in Pont Aven wohnt. Beide Maler verbindet ein gemeinsames Schicksal: Beide verdienen mit ihrer Kunst nicht gerade viel Geld (man stelle sich vor, dass man heutzutage auf dem Flohmarkt einen echten Gauguin oder van Gogh finden könne…). Ihre Reputation ist mehr als zweifelhaft. Ihr Selbstbewusstsein ist stark angeknackst. Und diese beiden sollen nun in den letzten Wochen des Jahres 1888 hier vor der spätherbstlichen Kulisse der Provence zusammenarbeiten, leben und sich entwickeln? Ob das was wird?

Immer wieder flechtet der Autor kleine Begebenheiten aus dem Leben der beiden Künstler ein, um den Charakteren typische Züge zu verleihen. So werden die abgebildeten Werken in den entsprechenden Kontext gesetzt. Schon nach wenigen Seiten kann sich der Leser als „kleiner Experte in Sachen Gauguin und van Gogh“ bezeichnen.

Die Zeit verrinnt. Der Herbst in der Provence, das unvergleichliche Licht und die letzten kräftigen Sonnenstrahlen des Jahres lassen die beiden Künstler tagein, tagaus die Gegend auf Leinwand bannen. So gegensätzlich die beiden waren, so einvernehmlich sind ihre Studien und Bilder. Noch! Der selbstbewusste Gauguin mit Talent und der in sich gekehrte, unausgeglichene van Gogh mit dem überbordenden Talent. Van Gogh profitiert von Gauguin insofern, dass er ihm die Ruhe liefert konzentriert arbeiten zu können. Gauguin ist von van Gogh Sichtweise beeinflusst. Manchmal sitzt van Gogh in der ersten Reihe und malt, Gauguin platziert sich nur wenige Meter hinter ihm.

Die Poesie der Gemeinsamkeit sitzt auf einem brodelnden Vulkan. Die Unterschiede sind kaum sichtbar, da treten sie mit geballter Macht hervor. Das Ende ist bekannt: Eine der berühmtesten Anekdoten und die berühmteste Flucht der Kunstgeschichte. Dem Einen fehlt ein Ohr, der Andere flüchtet in die Südsee. Das kennt jeder. Doch wie es dazu kam, weiß kaum jemand. Dank Martin Gayford rücken zwei Maler wieder in den Fokus des Interesses. Exzellent recherchiert, spannend geschrieben und reich bebildert.

Wie bei Laurel und Hardy waren die beiden Maler unterschiedliche Charaktere. Laurel und Hardy hielten es Jahrzehnte miteinander aus – mal besser, mal weniger gut. Van Gogh und Gauguins Zusammenarbeit war eher ein Intermezzo von wenigen Wochen. Ihre Liaison bzw. das Ergebnis daraus ist heute Millionen wert.

Dieses Buch liest man als Unterhaltungslektüre am Baggersee, um die Lichtstimmung der herbstlichen Provence annähernd zu genießen oder als Tagebuch im Rhythmus des Kalenders ab dem 23. Oktober bis in die Weihnachtszeit. Beides hat seinen Reiz. Wer sich bisher nicht recht für die Kunst der beiden Helden begeistern konnte, wird Sonnenblumen und Landschaftsaufnahmen von nun an mit anderen Augen sehen.