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Atlas der verlorenen Sprachen

Im Urlaub steht man oft auf verlorenem Posten, wenn man mit einer Sprache konfrontiert wird, die rein gar nichts mit der eigenen Muttersprache zu tun hat. Wenn dann auch die Schriftzeichen an Kinderkritzeleien erinnern als an das in der Schule erlernte ABC, ist der Ofen aus. Nun gibt es aber auch Sprachen, die selbst den Einheimischen ein Fragezeichen über den Kopf malen. Sprachen, die vom Aussterben bedroht sind, weil sie nur noch von ein paar hundert Auserwählten verstanden und gesprochen wird. Archäologen und Historiker sehen darin eine Herausforderung. Für den Normalsterblichen sind das dann im besten Fall Bücher mit sieben Siegeln.

Der „Atlas der verlorenen Sprachen“ vom Duden-Verlag – von wem sonst – gibt diesen Sprachen eine Stimme. Rund um den Globus gibt es tatsächlich noch Sprachen, für die es bei der UNO keinen einzigen Übersetzer gibt. Die Völker stehen nicht nur im Abseits, sie sind gezwungen eine allgemeinverständliche Sprache zu sprechen, die jedermann versteht, und die eigene Sprache als Relikt von anno dazumal als folkloristisches Schmankerl hinter dem Ofen zu verstecken.

Der Atlas zählt nicht nur Sprachen auf, die nur noch von ganz wenigen gesprochen werden oder gänzlich verschwunden sind. Es ist erstaunlich wie viel trotz aller Widrigkeiten noch über diese Sprachen bekannt ist. Welche Besonderheiten besaßen diese Sprachen? Welche Struktur wiesen sie auf? Und es gibt Wortbeispiele, die man im Bedarfsfall sogar anwenden kann. Beispielsweise, wenn man in Litauen unterwegs ist, und man einen der noch rund achtzig SprecherInnen antrifft, die Karaimisch sprechen. Die sprechen natürlich auch litauisch, doch wer spricht schon litauisch? Ein paar Brocken zieht man sich aus dem Reiseband. Aber ein richtiges Gespräch kann man damit immer noch nicht führen. Karaimisch ist eine so genannte Turksprache, eine Sprachgruppe, die man gemeinhin südlicher erwartet. Der Atlas gibt nicht nur ein paar Wörter preis, die auf alle Fälle als Start in ein Gespräch nutzbar sind, sondern gibt nachvollziehbar preis, wie die Sprache aufgebaut ist.

Von Alaska bis in die Anden, vom südlichen Afrika über die Savannen bis in den hohen Norden Europas und die entlegensten Insel der Südsee spricht oder sprach man Sprachen, die schon in Vergessenheit geraten sind, bevor die Worte Gentrifizierung und Globalisierung aufs Tapet gelangten. Sprache als Kulturmerkmal Nummer Eins einmal anders. Das Faszinosum des Verschwundenen und des Verschwindens beflügelt unsere Phantasie (wobei auch hier sicher bald das Ph verschwindet, um dem F Platz machen muss – so viel zum Verschwinden von Sprache und wie es geschieht).

Der unschickliche Antrag

„Ich hätte gern einen Telefonanschluss, aber ein bisschen pronto, wenn es geht.“ Den Spruch hat man vor Jahren des Öfteren gehört. In Italien hat das Wörtchen „pronto“ eine weitere Bedeutung. Wenn man sich am Telefon meldet, verwendet man es. Doch wenn man der Erste ist, der ein Telefon samt Anschluss beantragt, in Sizilien, im Jahre 1891, also vierunddreißig Jahre bevor der Autor des Buches ebenda geboren wurde, dann ist das schon eine Geschichte wert. Und die kann von keinem anderen geschrieben werden als vom Großmeister des hintersinnigen Humors selbst: Andrea Camilleri.

Im Fußball nennt man es Rudelbildung, und es wird unnachgiebig mit einer gelben, im Ernstfall auch mit einer roten, Karte geahndet. Im hier vorliegenden Fall müssen sich alle Parteien – dieser Vergleich ist nicht unwillkürlich – irgendwie einigen. Und wenn das nicht klappt, schmiedet man Allianzen, ob die nun als heilig oder unheilig zu bezeichnen sind, obliegt dem Leser höchstselbst.

Der Holzhändler Filippo Genuardi, von allen nur Pippo genannt, will einen Telefonanschluss für den privaten Gebrauch. Die monatlichen Schreiben an den Präfekten von Vigáta sind an Unterwürfigkeit kaum zu überbieten. Man stell sich vor, dass man heute solche Anträge schreiben würde – der Großteil der empfangenden Sachbearbeiter wäre überfordert, zumindest würden sie sich auf den Arm genommen fühlen. Wozu braucht Pippo einen Telefonanschluss? Dazu noch für den privaten Gebrauch. Nicht einmal die Stadtoberen besitzen solch eine Errungenschaft. Pippo kämpft auf verlorenem Posten. Doch er lässt sich nicht unterkriegen. Er wird proaktiv, wie man es heutzutage huldvoll nennen würde. Denn er kennt so manches schmutzige Geheimnis von Leuten, die ihm helfen könnten sein Ziel zu erreichen. Weil die jemanden kennen, der jemanden kennt, … etc. etc. Man kennt das vielleicht aus eigenen Erfahrungen?

Pippo ist schon eine echte Marke. Er ist weit und breit der Einzige, der einen Phonographen besitzt. Vor Kurzem hat er sich sogar einen Vierräder besorgt. Extra für ihn importiert aus dem feinen Paris. Auf Deutsch: Er hat sich ‘ne Karre besorgt. Französisches Fabrikat. Und das mitten in Sizilien. Dort, wo weit und breit nichts als Natur und Landschaft ist. Hier wird gearbeitet, gedarbt, geflucht, und ein bisschen gelebt. Luxus ist für andere da. In Sizilien sieht man zu, dass man mit dem Hinterteil die Wand berührt. Was passiert aber, wenn die eine Hand die Andere wäscht? Werden Träume wahr?

Andrea Camilleri zieht mit der Wortwitzpeitsche über das karge Land. In und zwischen den Zeilen blitzt es an jedem Wortende auf: Das raffinierte Spiel um Macht mit den Werkzeugen der Mittellosen. Was man weiß, muss man nicht preisgeben. Die Andeutung allein reicht, um dem Gegenüber ein mulmiges Gefühl zu geben. Der darf sich nun darum kümmern der Misere den eigenen Stempel aufzudrücken. Als Außenstehender erlebt man ein Schauspiel erster Güte.

Spaghetti al pomodoro

Sie sind die Universalwaffe, wenn der Nachwuchs bei Tische wieder einmal den Aufstand probt: Spaghetti. Mit Tomatensauce hat man die Schlacht automatisch schon gewonnen. Rund um den Erdball sind die dünnen Fäden – ob nun aus Eiern oder Hartweizen hergestellt – der Renner auf den Tellern. Sie waren immer da, sind es bis heute und werden es auch immer bleiben. Den Ruf als globales Mahl wird ihnen keiner streitig machen können. Auch wenn so genannte Fernsehköche (ist das überhaupt ein Ausbildungsberuf? Und wenn ja wie hat er sich im „Spiegel der Zeit“ mit der Erfindung der Flachbildschirme entwickelt?) in so genannten „Kochsendungen für Männer“ den Burger als Synonym für Fleisch als Allheilmittel des lukullischen Aha-Erlebnisses propagieren.

Massimo Montanari taucht hinab in die Tiefen der Geschichte dieses Gerichtes. Woher kommen denn nun eigentlich die Nudeln, die die Welt beherrschen? China? Weil Marco Polo, ein Italiener, eigentlich Venezianer, was zu seiner Zeit noch einen bedeutenden Unterschied ausmachte, im Osten herumschipperte und sie angeblich einschleppte? No. Nudeln wurden schon immer irgendwo auf der Welt hergestellt, wo Weizen angebaut wurde. Die Methode des Trocknens, um sie haltbar zu machen, war ebenso verbreitet, die das Wissen darum, dass, wenn sie in Wasser gekocht werden, sie nicht nur schmackhaft, sondern vor allem auch nahrhaft sind. Auch dem Mythos al dente rückt Montanari auf den Pelz. Stundenlang sollen sie vor Jahrhunderten gekocht worden sein. Nix mit cinque minuti und ab an die Wand klatschen.

Doch zu Pasta gehört – der Titel des Buches verrät es ja bereits – auch eine Sauce. Aus Tomaten. Bringt Farbe ins Spiel. Und Geschmack. Zucker und Zimt waren eine Zeitlang die bevorzugten Zugaben – wenn man das heute Kindern erzählt, ist das Thema gesunde Ernährung auch durch.

Die Tomate kam mit den rückkehrenden Eroberern Amerikas über Spanien auf den Apennin. Selbst die Medici ließen sich mit den roten Früchten, immer noch als Zierde eines jeden Gartens oder generell als Schmuckstück gehandelt, beschenken. Nach und nach wurden dem weißen Teig und der roten Sauce Zutat um Zutat beigefügt. Pfeffer und Käse haben sich bis heute gehalten.

Nun ist es nicht so, dass mit dem Genuss des Buches der Genuss der Pasta im Allgemeinen und der Spaghetti al pomodoro im Speziellen beeinträchtigt wird. So viel Einfluss hat auch der belesene Autor nicht. Doch wenn es bei Tisch darum geht ein bisschen über das Essen zu philosophieren, hat man ein Pfund in der Hand, im Mund, aber garantiert im Kopf, mit dem man wuchern kann. Einfach mal die Worte „lakhsha“ und „risnatu“ in die Runde werfen. Wenn man Glück hat, kann sich unter dem Eindruck des Erstaunens die eine oder andere Nudel mehr vom Teller des Gegenübers klauen. Na, das ist es doch wert, oder?!

Das kleine Licht

Wenn einem ein Gedanke nicht mehr aus dem Kopf geht, muss man was dagegen tun. So denkt auch der einsame Mann, in den einsamen Bergen, in seiner einsamen Berghütte. Und zwar als er auf der gegenüberliegenden Seite des einsamen Tales ein Licht sieht. Jeden Tag. Jeden Tag zur gleichen Zeit erscheint es. Und es lässt ihm keine Ruhe. Was ist das? Was ist dort? Ist es hier vielleicht doch nicht so einsam wie vermutet? Er entschließt sich dorthin zu fahren, von wo das kleine Licht ihm die Nerven zerbrechen lässt. Auf dem Weg trifft er Menschen, die noch nie was von dem Licht gehört haben, geschweige denn es selbst je gesehen haben. Nur einer hat es ebenfalls schon mal gesehen. Für ihn sind es Außerirdische. Naja, eine befriedigende Antwort hört sich anders an.

Der einsame Mann findet die Stelle und ist überrascht, was er da sieht – was er erhofft hat zu finden, kann er eh nicht in Worte fassen. Ein kleiner Junge lebt dort. Er wäscht ab, bügelt seine Sachen, macht Hausaufgaben. Mama und Papa sind nicht da, sind weg. Einfach nicht existent. Und jeden Tag geht der kleine Junge durch den dunklen Wald zur Schule. Er lernt fleißig, doch die Lehrer verzweifeln an ihm. Die Mitschüler hänseln ihn. Er scheint keine Leuchte zu sein.

Doch die Szenerie ist irgendwie geladen. Das spürt der Mann sofort. Der Junge will sich nicht helfen lassen. Sein Fatalismus ist erschreckend, aber auch mutmachend. Der Kleine braucht keine Hilfe, so sehr sie ihm von dem Mann auch angeboten wird. Das ist verstörend … für den Mann. Doch es soll noch unerklärlicher werden als er es sich jemals ausmalen könnte.

Die Idylle der abgeschiedenen Berge ist für Antonio Moresco der ideale Nährboden für seinen Kurzroman. Die einfache Sprache passt ins Bild der Einöde in den einsamen Bergen. Hier ist nicht viel los. Arbeit und nochmal Arbeit bestimmen den Tagesrhythmus. Keine Zeit zur Klage, keine Zeit, um über Dinge grübeln, die eh nicht zu verändern sind. Doch hier oben ist die Welt nicht so in Ordnung (im wahrsten Sinne des Wortes) wie es sich so mancher Teilzeitaussteiger gern vorzustellen wünscht. Und schlussendlich ist die Begegnung mit dem Jungen, der den Kitt aus den Fenstern der Schule aß, ein Treffen mit einem sehr vertrauten Menschen…

Spaziergänge in Bologna

Die Fette, die Gelehrte – so nennt man Bologna. Zum einen wegen der kulinarischen Spezialitäten, zum Anderen wegen der ältesten Universität Europas, die hier das Stadtbild prägt. Man kann die Stadt – mit einem Augenzwinkern – aber auch als die Missverstandene nennen. Denn, wenn man schon mal hier ist, muss man doch das Lieblingsgericht aus Kindheitstagen probieren, oder?! Spaghetti bolognese. Doch groß ist die Enttäuschung, wenn man diese Speise auf den Menükarten vergeblich sucht. Tagliatelle gibt‘s allerorten. Meist mit ragù. Ziemlich schnell wird klar, dass Spaghetti und gekochtes Rinderhack hier den viel saugfähigeren Breitbandnudeln und dem echten ragù weichen.

Ulrike Rauh kennt diese Falle und tappt gar nicht erst hinein. Vielmehr klärt sie das Missverständnis umgehend auf. Sie ist wieder einmal in ihrem Lieblingsland Italien unterwegs. Mailand, Venedig, Neapel, Triest, Ischia, Rom, Florenz, Sizilien und Verona hat sie zahlreichen Lesern mit ihren Spaziergängen schon nähergebracht. Nun also Bologna, die Stadt der Arkaden. Anfangs verdecken diese von Oben angeordneten Überbauten der Autorin und Spaziergängerin Italiens die Sicht auf die Stadt. Doch sie trotzt der Stadt doch noch ihre Schönheiten ab. Und das schafft sie, in dem sie sich nicht von Souvenirläden und allerlei anderem Touristenkram ablenken lässt, sondern ihre Augen immer in die Höhe richtet. So entgeht ihr nicht der kleinste historische Hinweis mit denen Bologna so reich beschenkt wurde.

Sie besucht Hauskonzerte, besteigt Türme, genießt es sich in dieser Stadt willkommen zu fühlen. Und das überträgt sich schlagartig auf den Leser. Bologna muss man einmal im Leben gesehen haben – es gibt keine andere Schlussfolgerung als diese, wenn man das Buch zuklappt. Es wieder zu öffnen, liegt auf der Hand, denn wenn man dann endlich Bologna besucht, sind diese Reiseimpressionen unverzichtbarer Wegbereiter und Sinnesschweifer in einem.

Alle Spaziergänge von Ulrike Rauh zeichnen sich im wahrsten Sinne des Wortes durch ein weiteres Merkmal aus: Die Autorin hält ihre Eindrücke und Erinnerungen nicht nur mit der Schreibfeder fest, sondern auch mit Farben und Pinsel. Kleine Farbtupfer, die einzelne Kapitel noch einmal farbenfroh untermalen.

Das Buch hat sogar ein happy end. Der anfänglichen Enttäuschung dem Originalrezept für Tortellini und dem klassischen ragù einfach nicht auf die Spur zu kommen, weicht die Freude darüber einen Übersetzer des Rezeptes in ihrem Begleiter Marc gefunden zu haben. Dem Leser freut‘s und das Nachkochen wird eine lukullische Einstimmung auf die eigene Reise nach Bologna.

Kilometer 123

Wahrlich kein romantischer Ort, hier am Kilometer 123. Ein Wrack liegt im Graben. Darin ein Mann. Schwer verletzt. Und doch hat die Szenerie etwas romantisches. Denn der Mann, Giulio, hat gerade eine SMS von seiner geliebten Ester bekommen. Doch er kann sie nicht mehr lesen. Er liegt im Krankenhaus, wo sich Pfleger rührend um ihn kümmern. Besonders Giacomo. Er ist ein Engel. Ein Liebesengel. Ein Liebesengel, der Nachrichten übermittelt. Nachrichten von Ester an Giulio. Nachrichten von Giulio an Ester. Giulio bezahlt ihn aber auch gut dafür. Das hat seine Gründe. Denn Giuditta, Giulios Ehefrau, darf nichts von der Affäre wissen.

Tut sie aber. Denn sie hat inzwischen das Telefonino ihres Gatten in die Hände bekommen. Und sie sinnt auf Rache! Und wie! Wer sie betrügt, muss zahlen. Und wie! Sie zeigt ihn an. Als Bauunternehmer weiß er wie man vertuscht, betrügt und so manche Regel umgeht. Die Finanzpolizei ist hocherfreut über die tatkräftige Unterstützung. Die Beweggründe sind den Ermittlern egal. Noch!

Die Anzeige bringt eine Lawine ins Rollen, die niemand aufzuhalten in der Lage ist. Ester ist verzweifelt. Sie kann ihren Giulio nicht besuchen. Nicht einmal in das gemeinsame Liebesnest kann sie sich flüchten. Denn ihr Gatte Stefano scheint sie in Verdacht zu haben, dass sie ihm nicht immer treu ist.

Einzig Maria scheint in diesen schweren Zeiten ihr beistehen zu können. Die beste Freundin, die vor einiger Zeit mit ihrem Mann Rom verließ, um in Mailand noch einmal neu anzufangen, ist momentan die glücklichste Frau der Welt. Der Neuanfang steht unter einem – oder besser: mehreren – guten Stern. Gern ist sie die gute Zuhörerin und verständnisvolle Freundin. Doch auch ihr spielt das Schicksal einen Streich. Francesco, ihr Gatte kommt bei einem Unfall ums Leben. Nun ist Ester die Freundin in der Not, die ein offenes Ohr hat.

Währenddessen laufen die Ermittlungen gegen den Bauunternehmer Giulio auf Hochtouren. Als er sich in die Schweiz absetzen will, wird er verhaftet. Kontaktaufnahme mit ihm, ist für Ester ein für allemal unmöglich. Es zerreißt ihr das Herz. Nicht zum letzten Mal! Denn Ispettore Bongioanni weiß mehr als den Turteltäubchen lieb ist. Er weiß zum Beispiel, dass Giulio nicht nur seiner Frau Giuditta, sondern auch seiner Geliebten Ester untreu war. Gianna heißt die gute Frau und sieht ihre Affäre erstaunlich nüchtern. Anders als Giuditta… Ein weiterer Unfall macht den Kilometer 123 an der Via Aurelia zu einem traurigen Ort, der seine Romantik, hat er sie je besessen, nun vollends verloren hat…

Andrea Camilleri lässt in Gesprächen, Briefen, Notizen, SMS, Mails, Telefonaten die Quadratur des Kreises auferstehen. Wer mit wem? Das Warum steht außer Frage. Motive hagelt es en masse. Möglichkeiten zum Mord, Mordversuch, gibt es zahlreich. Den Mut so etwas durchzuziehen, hat jedoch nur eine Person! Die fast schon als nüchtern zu bezeichnende Aufzeichnung der Fakten, verbunden mit der ihm eigenen Art die Spielarten der Liebe so nuancenreich darzustellen, machen „Kilometer 123“ zu einem Leseerlebnis für Liebende, Betrogene sowie für außenstehende Leser. Hier – und nur hier! – darf der Gaffer ganz er selbst sein.

Mitten im August

Alles richtig gemacht, und trotzdem gibt’s ein Donnerwetter vom Chef. Eben noch erntete Enrico Rizzi zusammen mit seinem Vater Pfirsiche, nahm den alten Cinquecento unter die Lupe und schon rauscht die Hand von Ispettore Lombardi auf den Tisch. Ein Toter auf Capri, mitten im August! Den hätte doch die Küstenpolizei mit nach Neapel nehmen können. Dann wäre hier nicht so ein Aufruhr. Und dass ihm Antonia Cirillo zur Seite stehen soll, findet Enrico auch nicht gerade prickelnd. Sie wurde hierher versetzt. Warum, weiß keiner. Sie ist die Neue, die Fremde. Das weiß sie, das spürt sie. Und Enrico? Ordnungshüter am schönsten Platz der Welt – und nun das! Ein Mord! Straßenmusiker, der oft mit seiner Freundin stand, musizierte und den vielen bemerkten, der aber niemandem auffiel.

Jack Milani – so heißt der junge Mann, der mit fünf Messerstichen am Strand von Capri tot aufgefunden wurde – stammt aus dem Piemont und hatte hier im Haus seiner Familie gewohnt. Also doch ein Fall für die Polizei auf Capri. Die Meinungen über ihn gehen auseinander. Für die einen war der charmante Straßenmusiker, für andere ein sturer Hund, der immer seinen Kopf durchsetzen musste. Er interessierte und setzte sich aktiv für den Umweltschutz ein. Die Methoden, die er dabei bevorzugte, waren aber nicht immer die geeigneten Mittel. Feuer mit Feuer zu bekämpfen, das war sein Elixier.

Was Enrico Rizzi und seinen Kollegen, allen voran Antonia Cirelli, Kopfzerbrechen bereitet, ist die Tatsache, dass Jack immer mit Sofia zusammen gesehen wurde. Doch die ist wie vom Erdboden verschwunden. Auf so einer kleinen Insel dürfte es doch kein Problem sein jemanden wie Sofia ausfindig zu machen. Denn sie ist die Verdächtige Nummer Eins. Nummer Zwei ist sicher ein Mitarbeiter des Meeresbiologischen Instituts, dem Jack seine hanebüchene Idee den CO2-Ausstoß des Meeres mit einer Chemikalie zu verringern (die Folgen sind nicht absehbar) vehement vorgeschlagen hat. Es gibt aber noch weitere Verdächtige…

Luca Ventura siedelt seinen Ermittler, der gern gärtnert und auf den ersten Blick so gar nicht wie ein Polizist wirkt, auf einer paradiesischen Insel an. Die Postkartenidylle steht hier aber nicht im Vordergrund. Das wird eh schon viel zu viel von Besuchern überprüft. Es geht vielmehr darum dieses Idyll zu beschützen und weiterem Verfall vorzubeugen. Capri ist gerade in den Sommermonaten derart überfüllt, dass an Erholung kaum noch zu denken ist. Die Neue im Team verspricht für die Fortsetzungen für Überraschungen sorgen zu können. Sie hat ein kleines Geheimnis, das am Ende des Buches nur andeutungsweise zur Sprache kommt.

Die Mühlen des Herrn

Is‘ doch ganz nett hier! Ein hübsches Häuschen, geschmackvoll eingerichtet. Hier lässt es sich aushalten. Giovanni Bovara ist als Mühleninspekteur nach Vigata geschickt worden. Hier wurde er geboren, doch schon im Alter von ein paar Monaten zogen er und seine Eltern in den Norden. Das Haus, in dem er bis zur Beendigung seiner Inspektion wohnen wird, gehört Donna Trisìna Cicero. Sie ist Witwe. Ihr Gatte hinterließ ihr eine ganze Menge irdischer Schätze. Mit allem anderen wurde sie von Mutter Natur gesegnet. Und das nicht zu knapp.

Das ist Padre Artemio Carnazza auch schon aufgefallen. Ihm gelüstet dann und wann nach Donna Trisìna. Sie lässt es geschehen. Aber nur bis zu einer gewissen Grenze. Und auch nur für einen entsprechenden Gegenwert! Silberlöffel, Betttücher etc. So staffiert sie unter anderem auch die Wohnung des Mühleninspektors aus. Bald schon wird auch einen funkelnden Kerzenleuchter bekommen. Denn der Padre ist auf einen besonderen (ihm lange verwehrten) Handel eingegangen.

Schon bei seiner Ankunft wird Giovanni Bovara mit den örtlichen Gepflogenheiten vertraut gemacht. Als Inspekteur des Staates darf er selbstredend keine Geschenke in Empfang nehmen. Es empört ihn umso mehr als er von Don Cocò Afflitto zum Essen eingeladen wird. Was er nicht minder empört ausschlägt. Seiner Arbeit will er nachgehen, nicht in irgendwelche Geschäfte, Intrigen oder ähnliches hineingezogen werden. Doch weit gefehlt!

Schon bald ist Bovara mitten im Geschehen. Er erfährt nach und nach wie die Dinge hier laufen. Der Padre und sein Cousin stehen im ewigen Streit. Geldverleih und Kanzelreden sind hier einerlei. Frömmigkeit und Sündenfall liegen hier so eng beieinander wie nirgends anders. Wer einen Vorteil für sich sieht, beißt auch gern mal die Hand, die einen füttert. Doch Vorsicht! So ein Biss kann tödlich sein!

Das wird der Padre am eigenen Leib erfahren müssen. Zufällig ist gerade auch der Mühleninspekteur zur Stelle. Röchelnd bekundet der Sterbende Padre dem gewissenhaften Bovara seinen Mörder. Blöd nur, dass Bovara des Dialektes nicht ganz Herr wird. Will der Sterbende ein Kissen oder war es sein Cousin, der ihm die tödliche Kugel verpasste? Für die Behörden – je nachdem wessen Hand sie gerade halten oder beißen – sind eifrig bei der Sache. Denn es gilt die eigenen Schäfchen ins Trockene zu bringen. Dass dabei auch gleich noch das Verschwinden einer Mühle ans Tageslicht kommt, macht es allen Beteiligten nicht einfacher…

Andrea Camilleris Geschichte fußt auf einer wahren Begebenheit. Er nimmt sie zum Anlass seiner sizilianischen Heimat einmal mehr ein literarisches Denkmal zu setzen, dass den Leser in ein Land führt, dessen Beben unter der Oberfläche nur allzu oft falsch verstanden wird. Es brodelt allenthalben. Und die Mühlen des Herrn mahlen … wie auch immer … sie mahlen!

Turin ist unser Haus

Hereinspaziert, hereinspaziert! Kommen Sie! Schauen Sie sich in Ruhe um! Diese Wohnungsbesichtigung wird niemand so schnell vergessen. Die Wohnung hat sogar einen Namen: Turin.

Jahrelang als Industriestadt ohne jeglichen Charme verschrien, lässt es sich nicht verleugnen, dass Turin Mailand, der prachtvollen Metropole gleich um die Ecke, immer wieder das Wasser abgräbt. Turin ist eine Industriemetropole. Das lässt sich nicht leugnen. Doch das kulturelle Erbe muss und darf sich nicht verstecken. Giuseppe Culicchia ist Turiner – mittlerweile der Liebe wegen Immi-Mailänder – und sein Herz wird immer an Turin hängen. Nicht an Juventus, sondern am FC Turin, granatrot nicht schwarz-weiß. Und so ist auch sein Buch, seine Liebeserklärung an die Stadt.

Eine Wohnung betritt man durch eine Tür, eine Pforte. In Turin ist das der Bahnhof. Porte Nuova heißt der. Riesig. Von kommt man überall hin, außer zu m Flughafen. Wenn man auf den Zug wartet, muss man stehen, Bänke sucht man vergebens. Porta Susa, der zweite große Bahnhof ist die Hintertür. Kleiner, gemütlicher, mit Bänken.

Schlendert man durch den Korridor, die Via Roma, bekommt man einen Vorgeschmack auf das, was noch kommen wird. Hier hat sich viel getan in den vergangenen Jahren. Fußgängerzonen haben das allabendliche Geprotze mit getunten Autos verdrängt. Doch auch die typischen Weinbars sind verschwunden. Schuh- und Jeansläden haben das Regiment übernommen. Giuseppe Culicchia sieht seine Stadt nicht durch die rosarote Brille – wenn überhaupt durch die granatrote des FC – er sieht wie sich Turin verändert hat und es noch weiter tun wird.

Aus der Wohnungsbesichtigung wird schnell eine Rundreise durch Geschichte und Alltag in der piemontesischen Stadt, die mehr als nur Fiat zu bieten hat. Alte Pallazzi, weite Plätze und eine kulinarische Tradition, die einen jeden guten Vorsatz vor der Tür ablegen lässt. Naschen erlaubt heißt das Gebot der Stunde. Wenn er von der detailverliebten Haselnussauswahl eines Schokoladenherstellers spricht, läuft einem nicht nur das Wasser im Munde zusammen, man muss – egal in welchem der zwanzig beschriebenen Zimmer – einfach einmal im Leben die Stadt mit allen Sinnen erobert haben.

Einen Reiseband braucht man, um nichts zu übersehen, um zu erfahren wie man ohne Sinnesverlust von A nach B kommt. Mit „Turin ist unser Haus“ hat man die Einheimische in der Tasche. Beziehungsweise immer bei und in der Hand. Allwissend, zuvorkommend, am laufenden Band vor sich hinplappernd ist dieser außergewöhnliche Band eine Offenbarung, derer sich nur wenige Städte rühmen dürfen.

Aktueller Nachsatz (14. März 2020): Derzeit ist Turin wie ganz Italien Sperrzone. Das wird sich ändern – keiner weiß wann. Nur dass es so sein wird, steht fest. Und dann ist man froh, dass es jetzt schon dieses Buch gab. Turin wird für jeden Besucher, der dieses Buch gelesen hat, wieder eine offene Stadt sein.

Lesereise Toskana

Wenn man schon ein Reisebuch schreiben will, warum dann nicht gleich über eine der schönsten und eindrucksvollsten Regionen der Welt? Julia Lorenzer ist nicht die typische Reiseführerin, die durch die wundervolle Architektur der toskanischen Städte wandert und links und rechts des Weges auf das eine oder andere Schmuckstück hinweist.

Ihr Anliegen ist es Geschichte und Gegenwart zusammenzuführen. Zu wissen wie etwas entstand – und warum – ermöglicht es erst die Gegenwart einzuordnen. Von überzeugenden Filmkulissen, die schon und noch lange von der Einzigartigkeit dieses Landstriches zeugen über mehr oder weniger erfolgreich herrschende Bewohner der prächtigsten Palazzi, die man jemals sah bis hin zu lukullischen Genüssen, die den Geschmack Toskana so nachhaltig prägen, findet die Autorin immer einen Weg den Leser für diese Region einzufangen.

Meer, Berge, endlose Aussichten, gespickt mit kulturellen Hinterlassenschaften, die jeden Hobbyfotografen zum Profi reifen lassen – die Toskana bietet für jeden Geschmack das passende Ambiente. Mit gleichbleibender Empathie berichtet Julia Lorenzer von der berühmte Mille Miglia, von die Übernahme der Toskana durch die Habsburger und stellt einen Koch vor, der der Liebe folgte, um einer weiteren Liebe zu begegnen.

Diese Lesereise macht Appetit auf Toskana, auf noch mehr Toskana. Wenn Julia Lorenzer beschwingt von Thermalbädern berichtet, läuft einem ein wohliger Schauer über den Rücken. So als ob man mitten im gesunden Wasser liegen würde. Beim Waten durch einen eiskalten Bach hingegen schüttelt es wohl die meisten. Auch das ist eben die Toskana.

Auf einer Reise durch die Toskana begegnen einem auf Schritt und Tritt historische Persönlichkeiten – allen voran die Medici – deren Namen einem geläufig sind. Doch ihr Wirken ist im Laufe der Zeit hinter einen mehr oder weniger dichten Schleier getreten. Dieses Buch weht diesen Schleier immer wieder an und lässt so Geschichte wieder aufleben.  Auf einer Bank in den Hainen um Piesola oder in einem der zahlreichen Täler auf dem Weg von Pisa nach Livorno oder einfach nur an den Ufern des Arno kommt man damit dem Geheimnis der Toskana auf die Spur.