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Laaanges Wochenende

Die Zeit zwischen zwei Urlauben ist die härteste für alle, die nicht zwischen den eigenen vier Wänden festwachsen wollen. Ein Kurztrip übers Wochenende – oder noch besser das Wochenende ein wenig verlängern – ist der immer mehr in den Fokus der Tourismusmanager rückende Kurzurlaub. Mal ein, zwei, drei Tage raus aus dem Trott und schauen, wo auf der Welt es was zu entdecken gibt. Ob nun einfach mal die Seele baumeln lassen oder auf eine knackige Entdeckertour gehen – in der Kürze liegt die Würze. Nur ein paar Stunden entfernt von Zuhause sieht die Welt oft schon ganz anders aus. Die Auswahl ist riesengroß. Vom irischen Galway bis in die alte polnische Königsstadt Krakow, vom idyllischen Oslo bis ins quirlige Palma de Mallorca, auch mal ohne Komasaufen: Dieser Band wird ein redseliger Ratgeber sein für alle, die dem Grau des Alltags das Bunte der Welt entgegensetzen wollen.

Hält man das Buch erstmalig in den Händen, ist man auf Anhieb fasziniert von der Auswahl der vorgestellten Destinationen. Von Strasbourg über Portofino, von Porto bis Brno sind die Ziele wohlbekannt, doch oft dem Schnellzugriff bei der Urlaubsortfindung entzogen. Weniger bekannte Orte wie Pointe du Raz, der westlichste Punkt Frankreichs, ist von nun an ein Sehnsuchtsort, den man gesehen haben muss. Wenn man vorsichtig an den Klippen wandert und den Blick nach unten schweifen lässt, wird man Zeuge der Urgewalt des Meeres. Wer nur ein wenig nordöstlich reist, landet unweigerlich auf einer der Kanalinseln wie Jersey, die seit ein paar Jahren wieder verstärkt um die Gunst der Besucher buhlt.

In Luzern über die Kapellbrücke schlendern, in Dubrovnik auf der Stadtmauer auf Meer und Altstadt schauen oder originelles Windowshopping im Stockholmer Stadtteil Södermalm – hier wird jeder fündig. Bei jedem Umblättern steigt der Puls und die Zeit bis zu den nächsten freien Tagen wird unerträglich lang. Jetzt hat man aber zumindest ein Ziel vor Augen, beziehungsweise sind es gleich zweiundvierzig in fünfzehn europäischen Ländern.

Italien – Porträt eines fremden Landes

Das Schwierigste am Porträtieren ist wohl das Stillsitzen. Immer wieder muss man zur Sitzung erscheinen und darf sich nicht bewegen. Und wenn der zu Porträtierende auch noch Italien heißt, ist das wohl eine noch größere Herausforderung. Ständig in Bewegung. Denn so gut wie man meint Italien zu kennen, so groß die Überraschung, wenn man dieses Buch Seite für Seite in sich aufsaugt, um festzustellen, dass Italien zwar immer noch ganz nah und doch so fern ist.

Dieses Buch ist ein abwechslungsreicher Sommertag. Er beginnt mit Sonnenschein allenthalben. Das ist die Vorfreude auf das Buch. Es ziehen jedoch schon bald ein paar kleine Wölkchen auf. Man liest und ist stellenweise irritiert. Kündigen die Wolken Sturm oder gar Regen an? Nein. Sie gehören zu einem gelungenen Tag dazu. Denn Italien ist nicht nur das Land, in dem man Urlaub macht, wo die Zitronen blühen und Caffe, Aperitivo, Vino, Pasta und Pizza einzig allein die Kultur ausmachen. Am Abend hat sich die Sturmfront gelegt. Die letzte Seite ist gelesen, das Italienbild hat sich geändert. Ohne den Glanz des Landes erblassen zu lassen.

Thomas Steinfeld, ehemaliger Literaturchef bei der Frankfurter Allgemeinen und später Literaturressort- und Feuilletonleiter bei der Süddeutschen, reist vom Piemont über Ligurien durch die Toskana und Rom bis Neapel und Sizilien, um über Marken, die Emilia Romagna, die Poebene gen Norden, also Veneto und Mailand seine Reise abzuschließen.

Vieles, was er sieht, wird hinterfragt. Wie beispielsweise das farbenprächtige und vor allem lautstarke Spektakel des Palio in Siena. Die einzelnen Stadtteile, contrada genannt, schicken je einen Reiter samt Ross in einen rasanten Wettkampf. Der Mutigste, der Schnellste, der Ehrbarste wird wie ein Held gefeiert. Für Besucher die pure Verkörperung des Mittelalters und eine Verneigung vor „der guten alten Zeit“. Falsch! Das, was da Anfang Juli und Mitte August stets für überfüllte Gassen und Hotels sorgt, hat seinen Ursprung  vor langer Zeit. Doch die heutige Form des Reiterwettkampfes kann erst in ein paar Jahren auf ein Jahrhundert zurückblicken. In Italiens Landwirtschaft wird mittlerweile mehr Hindi und in der Industrie mehr Ibo gesprochen als italiano. Die Rettung Venedigs wird immer teurer. Neapel verweigert sich standhaft der weltweiten Gentrifizierung. All das ist Italien. Divers, strikt, und nicht einzufangen.

Man muss nicht enttäuscht sein, wenn Thomas Steinfeld mit Wissen, Wortwitz und Grandezza die Oberfläche des touristischen Italiens zerkratzt. Im Gegenteil: Man muss ihm dankbar sein, dass endlich einmal alles ins rechte Licht gerückt wird. Sicherlich sind Sehnsuchtsorte immer Orte, die verklärt werden. Doch dieser Schein verblasst schnell, wenn man sich einmal darin gesonnt hat. Schaut man jedoch unter die oberste Schicht, kommt Geschichte zu Vorschein. Und das ist es doch letztendlich, was man sucht! Dieses Buch liest sich so leicht wie man ein Gelato schleckt. Und das ist der Verdienst des Autors.

Die Sekte der Engel

Palizzolo, Sizilien, 1901. Siebentausend Einwohner werden von einer Handvoll Barone und Grundbesitzer regiert. Und einem Mafioso, dessen Namen aber keiner aussprechen will. Ach, was soll’s, is ja nur Fiktion: Sein Name ist zù Carmineddru. Man lebt so vor sich hin, regelt in erlauchtem Kreis, was zu regeln ist. Nur Matteo Teresi, der Anwalt, passt nicht so recht ins Stadtbild. Seine aufwieglerischen Schriften in seiner von ihm verlegten Zeitschrift stören das Gleichgewicht in den Gemeinden. Allen Pfarrern, allen ehrenwerten Leuten ist er ein Dorn im Auge. Dem kleinen Mann hingegen ist er ein Segen. Ein Segen, den sie von höherer Stelle niemals zu erhoffen wagten, gingen sie auch alle noch so fromm und regelmäßig in die Kirche.

Nun begab es sich zu dieser Zeit – ach ja, so ganz erfunden ist die Geschichte gar nicht, Andrea Camilleri bedient sich ein weiteres Mal in der Geschichte seiner sizilianischen Heimat – dass ein wenig Aufruhr Palizzolo ergriff. Die Cholera verbreitet sich schlagartig. Viele verlassen ihre eigenen vier Wände. Bis sich herausstellt, dass eigentlich gar nichts passiert ist, um eine derartige Stadtflucht auszulösen. Aus Respekt und aus Berufsethik hat der Doktor, der plötzlich mehrere gleichlautende Diagnosen stellen musste, den Mund gehalten über die wahren Gründe seiner Hausbesuche. Auch gegenüber den Familien, die wiederum aus Unwissenheit das Gerücht eines Choleraausbruchs in die kleine Welt Palizzolos setzten. Der wahre Grund ist eigentlich ein erfreulicher. Gleich mehrere junge Damen sind schwanger. Und das seit zwei Monaten. Alle zur gleichen Zeit schwanger geworden. Alle jungen Damen schweigen sich über die Vaterschaft aus. Da stimmt was nicht! Doch was?

Montagnet, eine Ermittler aus dem Norden, einer nicht minder verlassenen Gegend wie Palizzolo, trifft auf eine Horde Verdächtiger und schweigsamer Wissender. Auf Mörder und Ermordete. Auf Vergewaltiger und Vergewaltigte. Alle schweigen und versuchen nur die Ordnung im Ort wieder herzustellen. Und dann noch der Aufwiegler Teresi, der seine politischen Ambitionen verfolgt und dabei in ein Wespennest sticht, das weder der Leser noch der Ermittler sich vorzustellen wagen. Denn die wahren Schuldigen dienen …

Andrea Camilleri lässt kein gutes Haar an den Beteiligten. Sie handeln alle unter einem anderen Vorwand. Eigene Interessen weisen alle weit von sich. Doch tief im Inneren – allerdings nicht tief genug, dass man es nicht doch noch erkennen kann – tut sich ein Höllenschlund auf. Bei aller Abscheu schafft es Camilleri dennoch, dass dem Leser nicht schlecht wird. Das liegt zum Einen an der exakten Faktenlage, zum Anderen an der ihm eigenen Art zu schreiben.

Mailand MM-City

Besonders unterhalb des so genannten Weißwurst-Äquators ist es scheinbar eine Art6 Volkssport zu sein „mal eben zum Shoppen“ nach Mailand zu fliegen. Das ideale Ziel für all diejenigen, die der Unterstützung des Einzelhandels noch etwas abgewinnen. Doch allein nur wegen des Auffüllens des Kleiderschrankes die lombardische Perle zu besuchen, wird der Stadt nicht gerecht. Das findet auch Beate Giacovelli. Ihr Reiseband muss zwar auch erst einmal erworben werden – warum also nicht doch den Einzelhandel mit dem Kauf dieses Buches unterstützen?

Und dann kann die Reise, die einem garantiert noch lange im Gedächtnis bleiben wird – losgehen. Auch Beate Giacovelli kommt nicht umhin die üblichen Hotspots zu besuchen und zu beschreiben. Warum auch nicht den Dom besichtigen und in der Galeria Vittorio Emanuele ein bisschen Windowshopping betreiben, zu mehr sind die meisten Geldbeutel eh nicht in der Lage. Aber ein Augenschmaus ist die Einkaufsmeile auf alle Fälle. Den Dom darf man einfach nicht links liegen lassen. Am besten gleich zu Beginn des Reisetages, denn sonst beginnt dieser mit Schlangestehen vor dem riesigen Sakralbau. Innen ist er überwältigend. Und wer ganz genau hinschaut, und vor allem vorher im Buch geblättert hat, findet das Eine oder Andere, was die meisten übersehen. Nicht übersehen sollte man das Angebot das Dach des Doms zu besteigen. Bei guter Sicht, kann man bis an die oberitalienischen Seen blicken. Der Ausblick ist der Stadt mehr als würdig!

Das war das, was man machen muss! Die restlichen Seiten des Buches, und das sind immer noch weit über einhundert, sind das eigentliche Highlight der Reise. Man könnte vermuten, dass nun auf jeder Seite eine Sehenswürdigkeit angepriesen wird, doch da irrt der Laie. Nicht ein, nicht zwei, sondern Dutzende Tipps drängeln sich vor dem Auge des Lesers und buhlen um die Gunst besichtigt zu werden. Fast schon kein Geheimtipp mehr ist das Viertel Navigli. Ein kleiner Hafen – und das, obwohl Mailand weder an einem bedeutenden Fluss liegt noch einen direkten Zugang zu einem naheliegenden Meer aufweisen kann – und das umgebende Viertel putzt sich jeden Tag schöner heraus, um Augen, Nasen und Münder der Besucher zu verzücken.

Als alte Industriestadt tat sich Mailand einmal schwer dem Betrachter ein Lächeln zu entlocken. Die alten Boulevards und das Castello Sforzesco hatten da schon bessere Ausgangsbedingungen. In vielen alten Fabrikhallen zieht seit Jahren ein Hauch von Kunst durch die alten Gemäuer. Je nach Gusto kann man sich an alten Meistern in altehrwürdigen Gebäuden oder an moderner Kunst in nicht viel älteren Hallen erfreuen.

Ob zu Fuß oder mit einer der zahlreichen mahagoniverzierten Trams, ob mit der Nase gen Himmel oder dem Auge auf den Horizont gerichtet, für jedwedes Interesse hat Mailand etwas zu bieten. Und Beate Giacovelli kennt jedes auch noch so versteckte Geheimnis der Stadt. Da läuft man ohne groß nachzudenken an einem gigantischen Stinkefinger vorbei, schleckt nur ein paar Meter weiter ein leckeres Eis, flaniert auf Jahrhunderte altem Pflaster und … wundert sich über ein Meer an Leuten, die dafür gar keinen Sinn haben, weil sie mit den Unmengen an Einkaufstüten zu kämpfen haben. Dann doch lieber Mailand mit Reiseband, oder?!

Die Münze von Akragas

Das Aufregende an historischen Romanen – aufregend im Sinne von „sich aufregen“ – ist doch, dass die Autoren in ungehörigem Maße unsauber recherchierten und unbedacht die Gegenwart in der Zeitachse nach vorn verlagern. Bei Andrea Camilleri muss man sich da keine Gedanken machen. Die Legende der Münze von Akragas ist mehr als nur Hörensagen, die Münzen existierten tatsächlich. Die handelnden Personen hat sich der Autor ausgedacht, ohne dabei den Pfad der Realität zu verlassen.

Alles beginnt vor rund zweieinhalb Jahrtausenden. Akragas, das heutige Agrigent, wird von einer riesigen Streitmacht der Kartharger dem Erdboden gleichgemacht. Das konnte nur durch Verrat geschehen. Der Söldner Kalebas kann dem Gemetzel entkommen. Im Gepäck hat er seinen Goldschatz, der heutzutage als Portemonnaie bezeichnet werden würde. Denn jede der Goldmünzen entsprach genau einer Tagesration Weizen. Auf der Flucht beißt ihn eine Viper, was ungewöhnlich ist, da zu diesem Zeitpunkt sozusagen keine „Jagdzeit“ für Vipern ist. Einen Arzt kann er nicht rufen, ihn würde eh keiner hören. Sofern man noch davon sprechen kann, wirft er geistesgegenwärtig die Münzen so weit weg wie er noch kann.

Die Zeit vergeht, Wind, Schnee, Regen lassen Gras und andere Vegetation über die Sache und die Münzen wachsen. Bis im Jahr 1909 ein Bauer etwas Glänzendes bei der Verrichtung seines harten Tagwerkes entdeckt. Es ist eine Goldmünze mit einem Greifvogel, der einen Hasen erlegt und einer Krabbe auf der Rückseite. Die sagenumwobene Münze von Akragas ist durch Pflug und Zeit wieder ans Tageslicht zurückgekehrt. Der Bauer weiß auch schon wem er die Münze vermachen wird. Einem Arzt. Der hat ihm einmal vor der Schande der Amputation bewahrt.

Dieser Doktor erkennt sofort den Wert der Münze. Und jetzt beginnt ein Spiel um Münze, Mord und Meineid. Mit vielen Opfern, aufgetretenen Türen und dem ewigen Spiel mit der Moral. Und sogar einem echten König!

Andrea Camilleri waren seine historischen Romane die liebsten. Commissario Montalbano brachte ihm Weltruhm ein, doch Geschichten wie diese lagen ihm mehr am Herzen als alles andere. Und das spürt man in jeder Zeile. Hintersinnige Humor gepaart mit harten Fakten packen den Leser am Sinneszentrum. Münzjagd, Familiengeheimnisse, bürokratisches Wirrwarr, Untreue – ein Füllhorn menschlichen Versagens. Doch immer mit einem Schmunzeln auf den Lippen, das Camilleri unweigerlich beim Schreiben getragen haben muss. Anders lässt sich das Ergebnis seiner Gedanken nicht erklären.

Brief an Matilda

Es ist nicht vielen vergönnt die Urenkel beim Erkunden der Welt zusehen zu dürfen. Auch Andrea Camilleri fühlte sein Ende nahen. Doch Matilda, seine Urenkelin, durfte er noch in den Arm nehmen. Im Bewusstsein, dass auch seine Zeit begrenzt ist, er und Matilda sich wahrscheinlich nie ernsthaft miteinander unterhalten können, fasste er den Entschluss und verfasste einen – sehr langen – Brief an sie. Auch wenn sie ihn nicht sofort lesen könne, so soll er ihr, wenn die Zeit reif ist, Uropas Entscheidungen nachvollziehbar machen.

„Brief an Matilda“ ist das Resümee eines der größten Schriftsteller Italiens, Europas und der Welt. Die Schlichtheit der Worte fällt dabei gar nicht so sehr ins Gewicht. Matilda ist die Adressatin, sie soll ihn verstehen. Dass Andrea Camilleri die Welt an seinem Leben noch einmal teilhaben lässt, ist einmal mehr ein Indiz dafür, dass er ein Menschenfreund durch und durch war.

Auch er hatte dunkle Zeiten zu durchleben. Den Musolini-Faschismus durchschaute er rasch. Und er wurde Kommunist, was er bis ans Lebensende blieb. Auch das brachte ihm so manche Knüppel ein, der ihm zwischen die Beine geworfen wurde. Im Gegenzug hatte er aber auch Gönner und Freunde, die sein Talent erkannten und vor allem förderten, so dass er eine lebenslange Anstellung bei der RAI, dem staatlichen italienischen Rundfunk innehatte.

Seine Anfänge als Schriftsteller waren steinig und schwer. Bis ihm Montalbano über den Weg lief. Ein, zwei Romane. Mehr sollten es nicht werden. Doch die Fernsehserie und die Buchreihe ließen ihn umstimmen.

Von den Studentenrevolten der 68er über die Entführung des Ministerpräsidenten Aldo Moro bis hin zur Machtergreifung Berlusconis hat Andrea Camilleri die unterschiedlichsten Epochen Italiens miterlebt und teils mitbestimmt. Nur als Politiker wollte er sich nicht instrumentalisieren lassen. Ein Wahlerfolg wäre mehr als vorhersehbar gewesen. Doch wollte Camilleri nicht seine Leidenschaft – das Schreiben – an den Nagel hängen. Über hundert Bücher hat er geschrieben. Den Mund hat er sich allzu oft verbrannt. Mit der Mafia hat er sich angelegt. Mit einer Krimireihe erlangte er Weltruhm. Die historischen Romane waren ihm seine liebsten.

Jede Zeile, jedes Wort in diesem sehr langen Brief an seine Urenkelin Matilda sitzt unverrückbar. Es ist die Liebe, die in den Zeilen und sogar in den Zwischenräumen allgegenwärtig ist. Sie ist es auch, die man stets mit dem im Sommer 2019 verstorbenen Charmeur und Romancier in Verbindung bringen wird.

Der letzte Satz des Buches, in dem er Matilda auffordert ihm zu berichten, treibt einem die Tränen in die Augen. Denn Matilda lernt nun erst Lesen. Wann sie den Brief – dieses Buch – lesen kann, es verstehen kann, wird noch ein wenig dauern. Doch auch sie wird in dem Autor einen Menschen erkennen, den man gekannt, zumindest jedoch gelesen haben muss!

Kalabrien Basilikata

Wenn man den Ball mit besonders viel Pfiff spielen will, muss man ihn am Spann nehmen. Dort entwickelt er dann die meiste Energie. Alte Fußballerweisheit.

Nimmt man Italien am Spann, trifft einen auch gleich die gesamte Wucht des Stiefels. Und genau dort ist Kalabrien. Dummerweise in der jüngsten Vergangenheit von vielen Medien als Ausgangsort der Kriminalität verteufelt. Sicher spielt die ’Ndrangheta hier eine gewichtige Rolle. Doch deshalb auf einen der schönsten Flecke der Erde verzichten? Keine Angst – als Besucher der Region, der seine Nase nur in den Wind steckt, muss man nichts und niemanden fürchten.

Peter Amann hat die südlichsten Zipfel Italiens – Kalabrien und Basilikata – genau erkundet und auf fast sechshundert Seiten das zusammengefasst, was sehenswert ist, was man unbedingt sehen muss und an welchen Stellen man besonders die Augen offenhalten sollte. Sechshundert Seiten, das liest man nicht mal eben schnell durch, reist und kehrt zufrieden zurück. Solch einen Reiseband liest man mit Bedacht. Oder man nutzt ihn als Wegweiser, um die Reiseroute so genau wie möglich zu erstellen. Hat man diese erste Hürde genommen, hält man einen spannenden Reiseband in den Händen, der einem in ruhigem Fahrwasser die schönste Zeit des Jahres genießen lässt. Selbst wenn man einfach nur so die Seiten durch die Finger rinnen lässt und zufällig auf einer Seite stoppt, gerät man in Erklärungszwang, warum man so geistesabwesend vor sich hingrinst. Beispiel gefällig? Cosenza. Keine Stadt, die man auf dem Plan hat, wenn man nicht schon einmal intensiver eine Karte von Süditalien inspiziert hat. Gotenkönig Alarich soll hier seinen sagenumwobenen Schatz verloren haben. Wir reden hier von Tonnen von Gold! Bisher wurde der Schatz noch nicht gefunden. Aber so ein bisschen Legende schürt die Abenteuerlust enorm. Ein Dutzend Seiten widmet der Autor der scheinbar unbekannten Stadt, und schon bekommt man das Gefühl, dass man mehrere Tage hier verbringen kann, ohne auch nur eine Sekunde der Langeweile anheim zu fallen. Allein die Kirchengemäuer können stundenlang aus ihrem ereignisreichen Leben berichten. Die Stadt ist immerhin fast zweieinhalb Jahrtausende alt.

Karten, Skizzen, unendlich viele Abbildungen und eine Unmenge an Informationen dazwischen machen es einem leicht Kalabrien und Basilikata in vollen Zügen – ohne selbst in selbigen zu sitzen – genießen zu können. Immer wieder wird der Informationsaustausch zwischen Autor und Leser durch kleine Infokästen mit Anekdoten und Hintergrundwissen unterbrochen. Die Lese-Aha-Balance ist immer in der Waage.

Stadtabenteuer Rom

Überall nur alte Steine und Gemäuer! Naja, ist halt Rom. Doch die Stadt am Tiber nur als Sammelsurium von rundgelaufenem Granit zu sehen, ist mehr als ein Frevel. Denn hier lauert hinter jeder Ecke Geschichte, Kultur und eine Unmenge an Abenteuern. Ein Stadtabenteuer Rom – das muss man sich gönnen!

Fangen wir bei diesem Stadtabenteuer am Ende an. Das empfiehlt sich in Rom wie in keiner anderen Stadt. „7-5-3 – Rom schlüpft aus dem Ei.“ Würde man wirklich am Beginn anfangen, würde aus dem Stadtabenteuer Rom eine ewige Reise werden. Obwohl das auch schon wieder passen würde … Wie in jedem Stadtabenteuer der neuen Reisebuchreihe des Michael-Müller-Verlages geben auch hier die Autoren, Sabine Becht und Sven Talaron, einen kleinen Ablauf vor, den man einhalten kann, aber nicht muss. Was kann man am Morgen erledigen, was am Mittag, und wie kann man den Abend gehaltreich in jeder Hinsicht gestalten? Das reicht dann von schmutzigen Füßen über Knochenjobs bis hin zu Ochsenschwanzpasta. Die beiden Autoren hatten sichtlich Spaß bei den Recherchen zu ihren Stadtabenteuern in Rom. Und den teilen sie nun mit dem Leser.

Dass Rom nicht gänzlich aus altem Gestein besteht, beweist ein Besuch des Palazzo Valentini. Ein multimediales Spektakel, an das man sich erst einmal gewöhnen muss. Doch es lohnt sich, weiß das Neugier-Duo Becht/Talaron zu berichten. Nobel war die Gegend schon immer, was den Begriff Upper-Class-Immobilie plastisch werden lässt. Nichts für Puristen, die Rom lieber Stein für Stein erkunden wollen. Meint man, doch allein dieses Kapitel im Buch lässt so manchen Experten in Sachen archäologischem Fachwissen verstummen.

So mancher Rombesucher hat sich schon über Eintrittspreise für so manche Errungenschaft geärgert. Da tun Tipps gut, die das Portemonnaie nicht weiter belasten. Die Giulia 19-21 sollten sich kulturinteressierte Pfennigfuchser notieren. Wohlige Klänge zur Mittagszeit an einem Sonntag. Der Ort: Ein kleines Theater. Live on stage: Schüler des Conservatorio Santa Cecilia.

Zum Schluss noch ein Tipp für alle, die dann doch nicht auf das „übliche Touriprogramm“ verzichten wollen, was in Rom durchaus nicht mit einem Qualitätsmangel zu tun hat. Den Eintritt in die Vatikanischen Museen kann man sich zwar nicht schenken, dennoch kann man sich ein paar Euro sparen, wenn man online reserviert. Selbst die Onlinegebühr reißt da kein Loch mehr in den Sparstrumpf.

Rom muss man erleben. Die Fülle an Abenteuern lässt den Leser erstmal erstaunen. Die sollen alle in diesem 240-Seiten-Buch sein? Vielleicht nicht alle. Ganz bestimmt nicht! Aber die wichtigsten! Zusammen mit auserlesenen Tipps für Leib und Magen sowie den „Wenn man schon mal hier ist“-Infokästen wird Rom nun mehr kein Buch mit sieben Siegeln sein, sondern die Stadt auf sieben Hügeln, die dank Sabine Becht und Sven Talaron einige ihrer eindrucksvollsten Abenteuer preisgegeben hat.

Neapel oder Das Schweigen der Sirene

Der Titel des Buches nimmt die Reaktion des Lesers vorweg: Man hält inne und suhlt sich im Gelesenen. Nicht weil Autor Marc Buhl die geheimsten Geheimtipps offenlegt oder lauschigsten Hotspots ans Tageslicht befördert. Sondern weil er es schafft auf knapp zweihundert Seiten die Seele einer Stadt greifbar zu machen.

Ein hundert Jahre alter Baedeker ist der Startschuss für eine Reise, die er niemals vergessen wird und die dem Leser eine Stadt zeigt, die immer noch mit einem unheimlichen Image behaftet ist: Neapel. Nirgends auf der Welt ist man so sehr darauf bedacht seine Habseligkeiten immer im Auge oder in der Hand zu halten. Denn Langfinger gehören zu Neapel wie die Pizza Margherita. Was sicherlich zum Teil stimmen mag. Auch hier ist es auch nicht gefährlicher als in den dunkelsten Ecken von Moskau bis Rio.

Neapel ist für Marc Buhl wie ein Magnet. So wie Odysseus der Sirene Parthenope widerstehen musste, um mit seinen Gefährten den heimischen Hafen erreichen zu könne, so sehr erliegt Marc Buhl dieser Stadt. Die Sirene mag schweigen, doch der Ruf der Stadt ist stärker.

Die Außenansicht der Dinge verwandelt sich rasch in eine tiefgehende Innenansicht. Und das nicht nur in den Abschnitten über die Unterwelt der Stadt am Golf. Der malträtierte Begriff von den Streifzügen bekommt in Marc Buhls eine neue Bedeutung. Er läuft durch die Straßen und Gassen, streift hier und da umher und ist stets mittendrin. Einmal so sehr, dass er sich wünscht nicht so tief eingetaucht zu sein. Am Ende dieses Erlebnisses blutet die Nase, ist da Portemonnaie leer, aber dafür sitzt er anschließend an einem reich gedeckten Tisch.

Realität und Fiktion laufen in diesem Buch nicht nebeneinander her, sie bedingen sich und verschmelzen im Reigen der Worte zu einem Gesamtwerk, das man als potentieller Neapelbesucher unbedingt gelesen haben muss. Die Bilder, die Christian Seeling zu diesem Buch beigesteuert hat, sind mehr als Beigabe zu den einzigartigen Texten. Sie unterstreichen das Geschriebene und bereiten ein fruchtbares Beet für Neugierige. Faszinierende Nahaufnahmen und doppelseitige, an Suchbilder erinnernde, Aufnahmen rotzen den Klischees der dahinsiechenden Stadt und vermitteln ein wahres Bild einer großartigen Stadt.

Italienische Weihnachten

Weihnachten und Wunder – das Passt. Eine wundervolle Zeit, in der man garn an Wunder glaubt. Überall auf der Welt! Und wenn dann auch noch Wunder in Erfüllung gehen, sieht die Welt schon wieder ganz anders aus.

So wie bei Luigi Malerba. Gaspare wird von einem Propheten dazu verleitet nach Massa Martana zu fahren. Dort stünde nämlich demnächst ein Wunder ins Haus, bzw. in den Stall. Seine Frau hat nur ein müdes Lächeln für die Hirngespinste ihres Gatten übrig. Lässt ihn aber gewähren. Sie vertreibt währenddessen die Zeit im Kino. Gaspare fährt also aufs Geratewohl los, um dem Wunder beizuwohnen. Ein Goldkettchen hat aus dem heimischen Schrank noch schnell stibitzt. Denn schließlich soll man niemandem ohne Geschenk die Aufwartung machen. Und er selbst sieht sich in seiner Rolle auch als etwas ganz Besonderes. Allerdings muss er bald feststellen, dass er nicht der Einzige ist, der sich auf die Reise in den entfernten Ort macht. Zwei weitere Männer haben das gleiche Ziel. Auch sie mit Geschenken im Gepäck. Der Eine hat sogar was ganz Praktisches dabei: Etwas gegen den Gestank am Ort des Geschehens, hier riecht es doch penetrant nach Stall…

Andrea Camilleri nimmt eine Zeitungsmeldung zum Anlass sich ein paar Gedanken über Weihnachten zu machen. In South Dakota wohnt ein Mann für den Weihnachten an 365 Tagen im Jahr stattfindet. Er zelebriert das nicht, in dem er einfach die üppige Weihnachtsdeko am Haus nicht abnimmt, sondern in dem er seiner tiefsten Überzeugung Leben einhaucht: Er ist der Weihnachtsmann. Drei rentiere hat er auch, zwei Weibchen und einen Bock. Als letztem jedoch im Laufe des Jahres nach ein bisschen Zweisamkeit zumute ist, und er mit ansehen muss, wie der Weihnachtsmann mit einer der Auserwählten schmust – ohne dabei jedoch die Regeln des Anstands zu verletzen, damit das mal klar ist – ist es mit der Illusion schnell vorbei. Er nimmt den Rauschebart ins Visier und anschließend aufs Geweih.

Luciano de Crescendzo lässt Baum- und Krippenliebhaber – in Neapel mehr als nur eine Frage des Geschmacks – aufeinander losgehen. Leonardo Sciascia lässt Kinderstimmen zum Leben erwachen. Kurzum: „Italienische Weihnachten“ kommt 2019 in der zweiten Auflage in die Läden. Mehr als nur eine hübsche Idee, um anderen eine Freude zu machen. Wenn der Weihnachtskonsumwahnsinn überhandnimmt, sind diese Geschichten das Wunder, das Weihnachten innewohnen sollte.