Wenn man sich in Marlons Charakter eingelesen hat, ist man erstaunt, dass der Anfang der Geschichte so reibungslos verlief. Er wartet im Wagen – so wie man ihm es gesagt hatte. Zur verabredeten Zeit steht er dort, wo er stehen soll – so wie man es ihm gesagt hat. Okay, das Wegfahren war ein wenig hektischer als … man ihm gesagt hat. Aber im Großen und Ganzen lief alles so wie man es ihm gesagt hat. Selbst er kann s kaum glauben, dass alles so verlief …
Kurze Planänderung. Die Beute wird erst in drei Wochen aufgeteilt. Beute? Ja, Marlon war Fahrer beim einem Banküberfall. In Hamburg. 1975. Zu einer Zeit, in der gern mal Autos „einfach so“ (was natürlich nicht stimmt, selbst 1975 konnte die Polizei nicht „einfach mal so“ anhalten und durchsuchen) durchsuchte. RAF, Terror – insgesamt unsichere Zeiten, im Vergleich zu den Jahren zuvor. Ok, Beute erst in drei Wochen. Gary hielt das für besser. Er konnte sich lebhaft vorstellen wie seien Mitstreiter sofort nach Auszahlung losgehen und die Kohle gnadenlos auf den Kopf hauen. Das ruft nicht nur Neider auf den Plan, sondern auch die Polizei. Drei Wochen warten – erstmal knacken, zuhause, drei Wochen irgendwie rumbringen. Bis hierhin läuft alles so wie man es ihm gesagt hat.
Als Marlon um die letzte Ecke biegt, den ersehnten Schlaf schon fast greifen kann, läuft nichts mehr so wie man es ihm sagte und schon gar nicht wie er es sich erträumte. Denn da stehen Typen – zweimal so große wie er, dreimal so breit und x-mal entschlossener als er jemals sein wird. Er schafft es gerade noch zwei Fotos seiner Oma und eine Erinnerung an seinen Vater an sich zu reißen. Doch wo soll er hin? Sein Kumpel wurde krankenhausreif geschlagen. Dessen Freundin, die Marlon eh nie leiden konnte (was auf Gegenseitigkeit beruhte) sieht auch nicht besser aus. Und auf den Titelseiten der Zeitungen prangen die Visagen der vier Bankräuber, inklusive dem von Marlon. Bloß gut, dass Marlon ein steter Rumtreiber war. Er kennt Hinz und Kunz und die kennen ihn. Doch so gut ist das auch wieder nicht. Denn es in unruhigen Zeiten ist sich jeder selbst der Nächste. Besonders, wenn der Gesuchte von einer Horde Krimineller und den Behörden gesucht (später sogar von denjenigen, denen das ganze Land die unruhige Zeit zu einem großen Teil zu verdanken hat) sowie von seiner eigenen Vergangenheit verfolgt wird.
Jürgen Heimbach schreibt nicht einfach nur einen Krimi. „Straßenköter“ ist eine Zeitreise in einer Raumkapsel, an der so manche Erinnerung schon abzuprallen droht. Er holt Geschichte zurück ins Bücherregal, ohne die Klischees von Manifesten, Verschwörungstheorien und abartigem Terror noch einmal bildhaft zu wiederholen. Die Jagd auf die RAF hatte zahlreiche Auswirkungen. Im Großen sowieso, aber erst recht im Kleinen. Im Strom mitschwimme – so wie Marlon es immer machte – ist nicht mehr drin. Große Veränderungen schwappen überall drüber und rein, wo man es nicht vermutet. Selbst Herumtreiber, Tagediebe und ja, auch Straßenköter müssen sich der neuen Zeit anpassen…
