Ragazze di Palermo

Giusi, Rodi, Cettina, Mariola, und Tanina – die Zukunft liegt noch vor ihnen. Diese Fünf sind das Bollwerk für Unabhängigkeit und gegen klassisches Rollensverständnis im Palermo in der Mitte des 20. Jahrhunderts. So verschieden sie auf den ersten blick sind, so verschworen ist ihre Gemeinschaft. Giusi ist sportlich. Mariola erinnert an Ava Gardner. Cettina ist viel „nonnenhafter“. Tanina expressiver Körper lässt den Betrachter zu einem ganz anderen Schluss kommen… Und Rodi, ist einfach Rodi, vielleicht sogar der Kitt, der sie zusammenhält.

Die „Ragazze di Palermo“ sind wie ein rollender Zug, den niemand aufhalten kann. Dabei haben sie kein greifbares Ziel, das den Abschluss einer Reise bilden soll. Sie geben sich gegenseitig Alibis, wenn man sich mit einem Jungen mal ungestört … Vor Schulbeginn tauschen sie die Hausaufgaben aus. Sie spielen Lehrern Streiche. Und wenn ihnen mal jemand dumm kommt, können sie sich jugendlich-keck erfolgreich wehren.

Es ist eine unbeschwerte Kindheit, an der Schwelle zum Erwachsenwerden. Doch die Schatten der Zukunft, was auf sie als erwachsene Frauen zukommen soll, ziehen langsam auf. Die Fünf werden schon bald nicht mehr zu Fünft sein. Ein Unglück, der Lauf der Dinge, Emanzipation wird die Gruppe sprengen. Nicht allmählich, sondern plötzlich und unwiderruflich. Bis zum Schluss nur noch Rodi übrig sein wird.

Der Wandel vom leichten Mitschwingen im Palermo vor siebzig Jahren zum wenig beschaulichen Zeitenwandel mit stets vorhandenen Regeln, die niemals umgestoßen werden, wird von Dacia Maraini mit Eleganz vollzogen. Sie zieht den Leser in einen Sog, dem man nicht entkommen kann. Im Strudel der Ereignisse, nimmt man – nehmen die Fünf – die unweigerlichen Veränderungen kaum wahr. Und wenn doch, dann ist es zu spät!

Teenagerfreiheit trifft knallharte Realität. Wenn selbst eine Reise aufs Festland fast schon zum Politikum wird. Wenn ein kleines Vergnügen das komplette restliche Leben in Dunkelheit hüllen kann. Wenn der freundliche Herr gar nicht freundlich ist. Wenn Schwüre schlussendlich doch gebrochen werden. Es sind nicht einmal einhundert Seiten. Doch jede Seite, jeder Absatz, jedes Wort ist nicht nur mit Bedacht gewählt, sondern durchdringt jede Faser. Fernab der Postkartenidylle erhebt sich vor einem ein Sizilien, ein Palermo, das derart viele Fassaden hat, dass man sich in ihm verliert. Dacia Maraini führt einem in eine verschlossene Welt, weist aber auch den Wieg wieder hinaus.