Polly Polydeukes

Da sind sie, die Brandlers. Mama, Papa, Sohn und Tochter. In trauter Einigkeit. Tochter Polly ist ein aufgewecktes Mädchen, das boxt und auch sonst nicht auf die Nase gefallen ist. Und wenn es doch mal blutet, dann rappelt sie sich auf, schüttelt sich und … weiter geht’s.

Weiter geht’s ist gar nicht so verkehrt. Für sie geht der Weg weiter, immer weiter, niemals aufgeben. Besonders, wenn man den eigenen Vater sucht. Nicht Herrn Brandler. Ihren Erzeuger sucht sie. Schon ihr ganzes Leben lang. Jetzt bricht sie endlich auf, ihn nicht nur im Herzen, in ihren Gedanken, sondern ganz real, geographisch zu suchen.

Paraguay ist für viele ein Land, das ganz weit weg liegt, von dem na nichts weiß. Armenhaus Südamerikas. Aber auch ein Land, in dem schon früher einmal Deutsche Zuflucht fanden. Und zwar die, die besser keine Zuflucht im Paradies hätte finden würfen. Nazis. Kriegsverbrecher. Menschenschänder. Abschaum. Doch soll Pollys Vater auch einer von ihnen gewesen sein? Immer wieder trifft sie auf Spuren dieser Deutschen, die ihr mit Freude – wegen der gemeinsamen Sprache und Wurzeln – begegnen. Ihr aber auch Misstrauen entgegenbringen, weil sie mehrere Generationen später weit weg von zu Hause rumzuschnüffeln beginnt. Ihr Bruder ist ihr dabei die einzige Stütze.

Auch als sie mit wahren Wohltätern, Jesuiten, in Berührung kommt. Ihre Missionierung vor mehr als einhundert Jahren war nicht minder blutiger als die Gräueltaten der anderen Deutschen, die nun hier unten im Paradies ihre neue Heimat gefunden haben, und die alte Heimat immer noch triefend im Herzen vor sich hinbluten lassen.

Walter Hönigsberger ist nicht dafür bekannt, schnöde Geschichten voller rührseliger Gefühle aufs Papier zu bringen. Er geht in die Tiefe, wie schon in „Clos Gethseman“, in dem er dem Ursprung der ersten Weinbauern auf den Grund geht. Und so auch in „Polly Polydeukes“. Sie muss sich durchkämpfen – durchboxen – bis sie für sich eine Antwort erhält, die ihr genug ist. Hat sie bisher im Boxstall ihrer Gegner zermürbt und mit dem Gong ihren Kampf beendet, muss sie nun in einen Ring steigen, der keine Seile hat, die nachgeben und sie mit neuem Schwung in die Arena zurückkatapultieren. Jeder Niederschlag tut weh. Und ein Ende dieses Kampfes ist noch lange nicht abzusehen.

Oben Erde, unten Himmel

Cineasten kommt bei diesem Titel sofort „Der dritte Mann“ in den Sinn. Als Paul Hörbiger – des Englischen nicht mächtig – Himmel und Hölle im Fingerzeig verwechselt (in der deutschen Synchronisation wurde der Fehler allerdings behoben).

Suzu lebt in so einer Welt. Hinter dem geheimnisvollen Wort Kodokushi verbirgt sich ein trauriger Begriff. Menschen, die völlig allein lebten, isoliert von der Welt draußen, sterben – wohl die einzige Gemeinsamkeit mit dem Rest der Welt. Doch wie im Leben so im Tod: Niemand nimmt davon Notiz. Wenn der Tod bemerkt wird, kommt die Putzkolonne von Herrn Sakai. Pflichtbewusst und stumm, fast unmerklich beseitigen sie die Reste eines Lebens. Fräulein Suzu ist eine dieser unauffälligen Arbeitsbienen, die Dienst verrichten, aber niemals erkannt werden.

Fräulein Suzu verrichtet ihren Dienst wie man es von ihr erwartet. Sie wischt, fegt, sammelt ein. Ohne groß dabei nachzudenken. Im Laufe der Zeit verfestigt sich in ihr der Gedanke, dass sie doch nicht so allein ist auf der Welt. Im Team arbeiten ist eben doch mehr als nur Arbeit.

Und die Schicksale der Menschen, deren Leben sie schematisch wegwischt? Ein Mann, der schon vor Jahren aus dem System ausgestiegen ist, wie es in den Medien heißt, ist allem Anschein nach doch nicht selbst gewählt aus dem Leben geschieden. Er hinterlässt einen Sohn. Einen behinderten Sohn. Und schon ist ein Kamerateam zur Stelle, das die Arbeit der Reinigungsbrigade begleiten soll. Suzu zögert erst. Was, wenn ihre Familie sie erkennt? Die weiß nichts von ihrem außergewöhnlichen Job. Aber wie soll sie erkannt werden in ihrem anonymen Outfit, das so anonym ist wie sie selbst? Sie willigt ein sich filmen zu lassen.

Es ist Sommer, die wärmste Jahreszeit. Alles blüht. Man reckt sich nach dem Leben. Und Suzu? Sie auch, und das obwohl ihr ganzes Leben in einem stillen Umbruch begriffen ist. Wann wird sie es bemerken?

Milena Michiko Flašar wacht wie eine alles überschauende Mutter über das Wohl ihrer Protagonistin. Ruhig und behutsam erlaubt sie ihr erste Schritte in die „Welt da draußen“. Die Welt ist nicht schön – schnell verliert man sich in ihr. Fräulein Suzu ist aber nicht allein. Sie muss es nur einmal erfahren, um sich komplett in ihr verwirklichen zu können. Denn dann dreht sie sich weiter.

Aminas Lächeln

Jeder hat mit seinem ganz persönlichen Druck zu kämpfen. Ein Gerüstbauer spürt sicher einen ganz anderen Druck, wenn er die Bauteile auf seinen Schultern trägt als eine junge Tunesierin – Amina – die jeden Tag, jede Stunde, jede Minute daran erinnert wird, dass sie rein äußerlich nicht „von hier ist“. Und irgendwann hält auch das stärkste Ventil nicht mehr stand. Dann platzt es aus einem heraus.

Im Falle von Amina ist dieses Es so, dass sie einen Mann in der U-Bahn zusammenschlägt. Sie ist Boxtrainerin, weiß also, wie sie zuschlagen muss. Weiß, wo es weh tut. Und wenn er, der sich nun am Boden vor Schmerzen krümmt, ihr zuvor ins Gesicht gespuckt hat, ist das alles zum Teil auch nachvollziehbar. Wenn es denn so war.

Wenn der Samenspender sich plötzlich von der Vaterfigur zum Vater entwickeln soll, ist das für eine der beiden weiteren beteiligten Personen ein ähnlicher Fall. Ada und Eva sind ein Paar. Ihre Kinder wurden von Ingo gezeugt. Der ist ständig präsent. Doch nicht als Vater, sondern als Freund. Als Eva vorschlägt, dass ihr Nachwuchs Ingo Papa nennen kann, bricht eine Welt zusammen. Nicht für die Kids. Nicht für Ingo. Ada wurde nicht gefragt. Nun läuft sie weg. Weg aus München. Weg ach Hamburg. Doch auch hier ist die Sache nicht aus der Welt. In ihrem Kopf spielen ihr die wüstesten und wütendsten Gedanken einen Streich.

Alles nur Einbildung? Oder alles wahr? Björn Bicker gibt den Personen in seinen Kurzgeschichten einen Raum, den sie nicht kennen. Sie treten ein und werden von sich selbst in eine Rolle gedrängt, die sie nie wahrnehmen wollten. Die sie nicht kannten. Und schon gar nicht wussten, dass sie diese Rolle mit Leben füllen können. Sie sind nicht von dieser Welt, diese Rollen. Aber die Menschen sind von dieser Welt. Nur aus verschiedenen Ecken, Ländern, Städten, aus verschiedenen Kulturen. In ihnen rattert der unaufhörliche Zug des Gewissens. Und manchmal stoppt er an Orten, die sie nicht kennen. Nun stehen sie im Nirgendwo und wissen nicht wie ihnen geschieht. Der Ausbruch aus dem einen Leben als Einbruch in ein Loch, das sie nicht ausfüllen können.

Manchmal muss man im Buch ein paar Seiten zurückblättern, um sich zu vergewissern, dass man tatsächlich hier gelandet ist. So eigenwillig sind die Gedanken des Autoren. Immer wieder findet man sich in einer Welt wieder, die man den Akteuren nie zugetraut hätte. Und das ist wahre Spannung!

Ein Einzelfall

Strathdee, Australien, irgendwo zwischen Sydney und Melbourne – hier ist alles ein bisschen strathdee. Strathdee-gut, strathdee-lecker, strathdee-hübsch. Mittelmäßig, aber in einer angelegten Skala am unteren Rand der Mittelmäßigkeit. Strathdee-hübsch war auch Bella, 25 Jahre. Sie war es. Denn ist sie tot. Ermordet. Und ihre ältere Schwester Chris sitzt im Polizeiwagen, um die Leiche, auf die die Beschreibung von Bella passt zu identifizieren. Es gibt bessere Gründe chauffiert zu werden, auch in Strathdee.

Chris kann Bella identifizieren. Aber das hilft nun auch nicht mehr. Das macht Bella nicht wieder lebendig. Nate, Chris’ Ex ist zur Stelle. So wie er es immer war, wenn sie ihn brauchte. Und wie es nun mal in Strathdee so ist, zerreißt man sich schon bald das Maul darüber, dass der Ex Nate wieder bei Chris ist. In so einer schlimmen Zeit für Chris. Doch dieses Mal ist er wirklich eine Hilfe. Denn mittlerweile rollt eine Lawine auf das Kaff zu, die gewaltig Staub aufwirbeln wird.

Mit einem Mal – nach einem aufwühlenden Artikel am Tag nach Bellas Auffinden – wird Strathdee zum Mittelpunkt der Welt. Nach und nach tauchen Reporter auf. Die Kameras stehen nicht mehr still. Unzählige mit bunten Senderlogos geschmückte Mikrofone setzen Farbakzente in der Einöde.

Unter ihnen auch May Norman. Die Frau, die die erste Meldung über den Tod einer 15jährigen Pflegerin aus Strathdee abgesetzt hat. Sie war die Erste. Reporter-Ehrgeiz. Und sie will noch mehr Kapital aus ihrer Pole-Position schlagen…

Emily Maguire macht aus einer Mücke einen Elefanten – um im Jargon zu bleiben. Nein macht sie natürlich nicht! Ein Mord ist immer eine Sensation. Leider auch für die, die damit ihren Lebensunterhalt finanzieren und eigentlich nur unterhalten (und natürlich informieren wollen). Doch in Strathdee ist man auf nichts und niemanden vorbereitet. Bella war ja auch nicht auf ihren Mörder vorbereitet. Das Kaff ist so elend langweilig, dass sogar das wiedermalige Zusammensein von Chris und Nate eine Sensation ist. Bellas Tod rückt immer weiter in den Hintergrund. Bald schon dreht sich alles um den Ort, das ungleiche Paar und … am Rande dann doch wieder um Bellas Tod. Die Heuchelei der einfallenden Heuschrecken ist aber auch eine Chance für den Ort, zumindest für Einige. Der Pub war noch nie so voll. Der Pub, in dem Bellas Schwester arbeitet – Saufabende, die man als Gesprächsrecherche absetzen kann… Der Einzelfall als dauerhafter Fall der Perfidität im freien Fallen in den Abgrund.

Der Schamaya-Palast

In seinen eigenen vier Wänden ist man sicher. Unter dem eigenen Dach ist man sein eigener Herr. In einem Palast … ist man nicht allein. Ahmad lernt das sehr früh. Mit seiner Familie ist er im einstigen Prachtpalast, dem Schamaya-Palast in Damaskus untergebracht. Ja, untergebracht. Seine Familie ist auf der Flucht. Weil sie Palästinenser sind und nirgendwo eine Heimat haben. Und nun sind sie ein Teil der großen „Familie“, die in diesem herrschaftlichen Gebäude im jüdischen Viertel von Damaskus Unterschlupf gefunden hat. So wie auch George, christlicher Palästinenser. Der Zusatz ist in dieser Situation immer noch zu erwähnen…

Gemeinsam machen sie allen Umständen zum Trotz das, was man in ihrem Alter macht: Das Haus, die Straße, die Stadt, sich austesten, einen tiefen Atemzug vom Leben nehmen und noch einen und noch einen. Bis Ahmad eins Tages verschwindet. Und das Labyrinth, das beiden bisher als sicherer Hort ihrer Unbeschwertheit galt zu einem Wirrarr an Anschuldigungen, Verdächtigungen. Die Geräusche und Gerüche sind nun nicht mehr der Teppich auf dem sie barfuß laufen, sondern ein steiniger Pfad ins Erwachsensein, das noch weit entfernt sein sollte.

Der syrische Schriftsteller und Journalist Ali Al-Kurdi malt anfangs ein Mandarla aus allen Farben des Regenbogens. Zwei Jungen, die froh sind in der verzweifelten Lage ihrer Eltern einen kleinen Ausbruch zu wagen in der Gewissheit am Ende des Tages wieder in den liebevollen Schoß der Familie zurückkehren zu können. Im Laufe der Zeit dreht sich die Welt um sie herum aber in eine andere Richtung. Nicht unbedingt langsamer, dennoch sind die Vorzeichen für die, die sensibilisiert sind, unübersehbar. Die Mahner sollen Recht behalten. Die, die aus verschiedenen gründen wegsehen, werden tiefer in ein Schwarz getaucht als sie es sich vorstellen konnten.

Die Unschuld der lebensfrohen Tage weicht einem quälenden Schmerz, der nicht einzuordnen ist. Hüften und sprangen an einem Tag noch zwei Kinder durch die Gassen, wabert nun einer von ihnen durch den dichten Qualm der Ungewissheit. Wo einmal Obststände waren, zerbricht die perfide Politik der Hausherren die Gemeinschaft entzwei.

Flüchtlingsgeschichten sind im Allgemeinen von Trauer und Hoffnung, von Zurückblicken und Leid sowie von Licht und Veränderung geprägt. Ali Al-Kurdi fügt diesen Geschichten mehr als nur eine Prise Blumigkeit hinzu ohne den bitteren Geschmack des Blutes zu überdecken. Immer wieder zieht er den Leser in ein Dickicht, um ihn geschützt zuschauen zu lassen wie verdorben Menschen sein können.

Spaziergänge durch hundert Jahre Mode. Von der Gründerzeit bis in die Moderne

Es geht immer noch ein bisschen mehr. Oder weniger. Und alles kommt irgendwann wieder zurück – Weisheiten, die in keiner Modesendung fehlen dürfen. Ist es nur der fehlende Einfall zu ganz Neuem oder ist einfach schon alles erzählt worden?

Ob dieses Buch alle Antworten darauf hat, muss man selbst für sich entscheiden. Denn eines steht fest: Geschmack kann man zwar kaufen, aber ob es denn wirklich auch stilsicher ist… Die Frage, ob alles irgendwann mal wieder kommt, ist längst schon beantwortet – ja. Auch Schulterpolster und Neonfarben. Aber wo liegt der Ursprung? Vielleicht war das, was anscheinend wiederkommt zuvor schon einmal da?

Wer weiß (es)? Dieses Buch! Hier stehen die Ursprünge der modernen Mode Seite für Seite hübsch aufgereiht hintereinander.

Doch hier geht es nicht darum einfach nur aufzuzählen, wann welche Mode in Mode kam. Es geht um das, was uns alltäglich umgibt. Denn Mode ist nicht einfach nur ein paar Bahnen Stoff zusammenzuklöppeln, sich ein Image auszudenken und dann die Kasse klingeln zu lassen. Obwohl bei manch einer Shoppingtour dieser Gedanke nicht so abwegig erscheint. Nein, Mode ist harte Arbeit. Arbeit, die man nicht sieht. Wer weiß schon wieviel Vorbereitung nötig ist bis beispielsweise eine Bluse wirklich auf einem Kleiderbügel hängt? Die Geschichte dahinter, die eigentlich die Geschichte davor ist, ist nicht minder spannend.

Schon mal ein Schnittmuster in der Hand gehabt? Das lineare Stück Hochgefühl vermittelt auf den ersten Blick erst einmal keinen Eindruck von dem, was hinterher maschinell zum Leben erweckt wird. Es erinnert eher an Mixtur aus exakter Wissenschaft und einem Bild von Jackson Pollock. Willkür und Planeinhaltung in Einem.

Und so spaziert man stilvoll von den Zwanzigern, in denen eh alles erlaubt war (oder doch nicht), liftet höflich den Zylinder, wenn man an Moderfotografen wie Cecil Beaton und Horst P. Horst vorbeischlendert, taumelt im Irrgarten der Schnittmuster und schaut Modezeitschriftenmachern über die Schulter, wenn Sie Mode erschaffen.

Ein kurzweiliger, sehr lesenswerter Streifzug durch das, was uns anzieht.

Ackermanns illustriertes Culinarium Kalender 2024

Mmmmh … lecker. Das ist der erste Gedanke, der einem durch den Kopf schießt, wirft man einen ersten Blick auf die Wochen des Jahres 2024. Auf bis ins kleinste Detail dargereichte Gaben der Natur, mit feinsten Pinselstrichen in Szene gesetzt. Und alles vor der Haustür bzw. direkt an der Wand!

So muss es sein. Schon am Morgen, wenn der Tag erwacht, wissen, was selbiger für einen parat halten kann. Ein Ideengeber für den abendlichen Kochgenuss oder einfach nur eine Augenweide und Stimmungsaufheller für den grauen Alltag. Knallbunt kann auch beruhigend sein.

Als es noch keine permanent verfügbaren Momentaufnahmen gab, waren Zeichnungen das einzige Mittel, um der Mitwelt zu zeigen wie vielseitig Mutter Natur ihren Gaben präsentiert. Fast schon ein bisschen beeindruckender als das Original … fast.

Ein Hauch von Nostalgie weht einem um die Nase, wenn man sich die vollreifen Melonen, frisch auf den Zeichentisch gebrachten Pilze oder der Auswahl verschiedener Zwiebeln anschaut. So genau hat man sich seinen Einkauf noch nie betrachtet. Es wird also Zeit. 2024 bietet sich einmal mehr die Gelegenheit dazu. Und das jeweils für zwei Wochen.

Mythos Wald Kalender 2024

Im Wald, da sind die Räuber. Und sie rauben Dir die Sinne. Ein so sattes Grün, rauschende Wasserfälle, das bunteste Laub, das man je gesehen hat und ein Lichteinfall, der seinesgleichen sucht. Das ist das Jahr 2024, wenn… ja, wenn der Wandbehang aus diesem Kalender besteht.

Atemlos steht man vor den in die Länge gezogenen Waldansichten und staunt, dass es den gesunden Wald noch gibt. Natürlich (!) wurde an der einen oder anderen Stelle nachgeholfen. Doch nicht, um mögliche Schadstellen zu vertuschen, sondern um dem Wald das Prädikat Sehnsucht anzuheften.

Wenn der Bach milchig trüb in die Tiefe rauscht, kann man nur an eine heile Welt glauben. Sie zu finden, ist eine andere Sache. Ein Lichtstrahl, der das morgendliche Dickicht durchdringt, ist ein Hoffnungsschimmer. Und das willkürliche Wachstum eines Baumes, der scheinbar schon immer dort stand, macht die Macht des Menschen überflüssig.

Man muss einfach innehalten und nicht daran vorübergehen. Dann entfaltet dieser Kalender seine unbeschreibliche Wirkung.

Zeus oder der Zwillingston

Wenn eine Pflegeanstalt Narrenwald heißt, dann ist der erste Schritt für eine amüsante Geschichte schon getan. Wenn dann auch noch Zeus auf einem geflügelten Pferd die heiligen Hallen betritt, gibt es keinen Zweifel mehr, dass im Himmel Jahrmarkt ist. Als Klamaukrebellen fungieren hier die Anstaltsherren Gottlob Abderhalden und Bonifazius Wasserfallen. Bei den zahlreichen Umtrunken im Kollegenkreis sind ihre Zöglinge, die Dauerbewohner von Narrenwald willkommene und viel beschriebene Objekte der Begierde.

Nun an, Zeus ist also im Narrenwald und hat die Nase voll von der Unsterblichkeit. Oder doch nicht? Wankelmütigkeit beweist er seit Äonen, das kann man überall nachlesen. Abderhalden und Wasserfallen sind mehr als erfreut über die Ankunft des Titanensprosses. Das ist ’ne Type, wähnen sie die beiden Anstaltsleiter doch einmal mehr auf der Comedybühne des Kollegenkabaretts. Sie hätten es besser wissen müssen.

Als Halbgötter in Weiß – also Zeus nicht ganz unähnlich – sind sie gebildete Menschen. Sterblich, im Gegensatz zu ihrem Patienten. Und wer auf diesem Niveau agiert, sollte doch schon mal von Zeus und seinen Taten gehört bzw. gelesen haben. Haben sie anscheinend nicht, denn dann wäre ihnen sofort aufgefallen, dass Zeus sehr wohl die Begabung besitzt Menschen in seinen Bann zu ziehen. Beim Zeus, hätten sie doch bloß mal aufgepasst!

Dann hätten sie vielleicht nicht zwingend vorhersehen können, dass ausgerechnet Rosa Zwiebelbuch sich in Zeus festbeißt. Und das wortwörtlich. Fest umklammert ihr Gebiss die Wade des Göttervaters. Die sie bisher umgebende Stille weicht einem nicht stillstehenden Gebrabbel wirrer Gedanken. Abderhalden und Wasserfallen sehen sich einer für sie neuen Herausforderung gegenüber: Sie müssen arbeiten.

Mariella Mehr lässt in ihrem Psychiatrieroman „Zeus oder der Zwillingston“ die Puppen tanzen. Dieses Buch als rein lustiges Buch zu sehen, würde nicht einmal die Oberfläche berühren, die man zu kratzen scheint. Sie schickt Menschen in die Arena, die etwas zu sagen haben. Ihr Tun, ihre Worte, ihre Gedanken sind der schuldige Schund als Ergebnis wahlloser Heilmethoden wohlgefälliger Eliten auf dem Boden der Heilmacht. Sie alle klagen ihr Leid und wen auch immer an. Sie werden niemals gehört werden, finden aber durch dieses Buch mehr als nur Gehör. Witzig, tiefgreifend und nachhaltig!

Die Leipziger Passagen und Höfe

Wer Gäste hat, die zum ersten Mal Leipzig besuchen – so was soll’s ja tatsächlich noch geben – der zeigt als Erstes die Passagen der Innenstadt, der City, der Stadt wie der Leipziger sagt. Olle Goethe hat im Auerbachs Keller in der Mädlerpassage oft genug gezecht – bestimmt auch so manche zeche geprellt – das muss man zeigen, muss man gesehen haben. Stimmt! Aber, und dieses Aber kann man gar nicht groß genug schreiben, damit ist die Tour noch nicht einmal annähernd am Anfang einer großartigen Tour durch die Passagen und Höfe der Messestadt.

Jeder Stadtobere Leipzigs hält etwas auf die Messetradition in der Stadt. Hier wurden schon vor Jahrhunderten Salz, Gewürze, Felle … eigentlich alles, womit sich der Geldbeutel füllen lässt, Märkte und Messen abgehalten. Das erwirtschaftete Geld floss zu einem gewissen Prozentsatz auch ins Stadtsäckl. Und nach und nach wuchs die Stadt, zeigte, was man sich leisten konnte und ließ Marktplätze (überdacht) entstehen, die bis heute zum Bummeln einladen. Von der Luxusuhr bis zum handgebastelten Mitbringsel im Pop-Up-Store fand man schon immer alles innerhalb des Stadtkerns. Und nach der Wende erstrahlten die alten Handelsplätze, auch dank einiger (zu vieler) unseriöser Geschäftspraktiken im neuen Glanz. Die Geschädigten können dem sicher nur wenig abgewinnen. Besucher hingegen werden noch Wochen nach de Besuch von der Eleganz schwärmen.

Wolfgang Hocquél setzt dem unverwechselbaren Wahrzeichen der Stadt Leipzig ein neuerliches Denkmal. So schmal das Buch auf den ersten Blick aussehen mag, so prall gefüllt sind seine fotografischen Schätze. Das Füllhorn an Bling-Bling ist endlos. Als ob extra für das Fotoshooting jede einzelne Scheibe noch einmal auf Hochglanz poliert wurde. Kenner wissen, dass es hier immer so aussieht. Man zeigt, was man hat und schmückt sich gern damit.

Selbst Leipzig-Kenner werden hier und da in Staunen geraten. Die großen Passagen sind jedermann bekannt. Speck’s Hof, die bereits erwähnte Mädlerpassage und sicher auch Oelßner’s Hof lassen aufhorchen. Aber Jägerhof und Kretschmanns Hof – da muss man schon nachdenken. Obwohl man bei jedem Spaziergang durch die City daran vorbeiläuft. Ab sofort hält man kurz inne.

Auch Leipzig lässt den Fortschritt nicht spurlos an sich vorbeiziehen. Die neu geschaffenen Höfe am Brühl haben in diesem Buch ebenso ihre Daseinsberechtigung (der Mix aus neuerem Bestand und totalem Neubau war anfangs umstritten, mittlerweile nimmt man es in Leipzig als gegeben hin), wie die verschwundenen und versteckten architektonischen Perlen links und rechts von Brühl, Katharinenstraße und Marktplatz. Einfach nur Durchblättern ist bei diesem Buch nicht möglich. Lesen, Staunen, Stehenbleiben und nochmals Staunen – anders geht’s halt doch nicht.