Barcelona – Metro zum Strand oder die vermessene Stadt

Barcelona

Sie wollen nach Barcelona? Und das schon seit dem Sommer 1992, als die Olympischen Sommerspiele den gesamten Erdball in Verzückung geraten ließen. Nur leider wissen Sie nicht viel von der Mittelmeermetropole. Hier nun trennt sich die Spreu vom Weizen. Jetzt gibt es diejenigen, die sich stundenlang in einem unbequemen Bus in die pulsierende Metropole karren lassen, um dann von einem „hochmotivierten“ Guide sich erzählen zu lassen, dass die halbfertige Kirche die Sagrada Familia ist, und anschließend bei Tapas den Tag ausklingen zu lassen. Das kann man mit der Bildergalerie bei google und einem Einkauf während der spanischen Wochen beim Diskounter um die Ecke billiger haben.

Oder Sie besorgen sich einen Reiseführer und dieses Buch. Markus Jakob lebt in Barcelona. Er kennt die Stadt und ihre Menschen. Und er kann sie einschätzen, ihr Lebensgefühl ausdrücken. Er kann … die Stadt Barcelona erklären. Jetzt erst wird es doch interessant!

Eine Stadt wie Barcelona will erobert werden. Erst mit der Industrialisierung im 19. Jahrhundert erblühte die Stadt, fristete bis zum Ende der Franco-Diktatur ein Mauerblümchendasein mit unterdrücktem Nationalstolz, und sie erblühte mit der Vergabe der Sommerspiele der 25. Olympiade zu einer herzerfrischenden Metropole, ohne die unserem Erdball echt was fehlen würde.

Ein Reiseführer verrät, was man sehen muss, wann es sich lohnt sich aufzumachen, Markus Jakob erläutert das Warum. Das wirklich Angenehme an diesem Buch ist die Tatsache, dass Markus Jakob Barcelona nicht am Beispiel von zwei oder drei durchgeknallten Existenzkünstlern erklärt, sondern die Stadt in „ihrer Dichte und Kompaktheit“ sich selbst erklären lässt. Barcelona abseits der Designerbars und der hippen Restaurants. Barcelona ist mitten im Leben angekommen und dennoch permanent auf der Suche nach Veränderung … und sich selbst. Da ist jeder Tourist bei der Schnitzeljagd willkommen. Mit diesem Buch hat man schon mal mehr als einen Schritt Vorsprung.

Mitleid mit den Ratten

Amila - Mitleid mit den Ratten

Bienvenue – Willkommen bei den Lenfants. Vater Julien arbeitet bei Simca, einer Autofirma. Mutter Yvonne ist Hausfrau und Solange, das  Nesthäkchen besucht das Gymnasium. Eine ganz normale Familie. Merde! Nein, es sind Gauner, Diebe, die Fremden in die Wohnungen steigen und ihnen ihr Hab und Gut wegnehmen. Zugegeben, sie sind geschickt. Julien ist ein exzellenter Kletterer.

Und bei einer dieser Klettertouren passiert, was einmal passieren musste: Gerade als er ein Seil mit einem Teil der Beute herablassen will, trifft ihn ein Lichtstrahl. Und da! Ein Schuss! Julien wird knapp über dem Ohr getroffen.

Jean Amila wäre nicht Jean Amila, wenn er diese Begebenheit als Auftakt zu einer beispiellosen Kriminalgeschichte nehmen würde. Der Leser wird im Dunkeln gelassen. Julien wird verarztet – von seinem Bruder André, der die „Expeditionen“, wie er es nennt, überhaupt nicht gutheißen kann. Nicht zuletzt wegen der 17jährigen Solange. Inständig bittet er Yvonne auf die Nebeneinkünfte zu verzichten, oder zumindest das Geschäftsgebaren zu überdenken.

Das scheinbar sorgenfreie Leben mit den gelegentlichen, doch gut geplanten, Ausflügen in die weitere Umgebung wird durch Michel und später auch seine Kumpane empfindlich gestört. Michel ist auf der Flucht vor der Polizei. Und Duval, sein Freund, macht daraus keinen Hehl. Auch nicht aus der Tatsache, dass er die Kleinganoven Lenfant nicht leiden kann. Deren Geschäfte sind für ihn irrelevant. Der Kampf, den Michel, Duval und die anderen führen, ist viel bedeutender. Denn sie gehören zu einer Organisation, die Frankreich ins Wanken bringen will. Sie benötigen das Haus der Lenfants als Waffenkammer. Dass Michel nicht nur der Tochter, sondern auch Yvonne den Hof macht, verbessert nicht gerade das Verhältnis der Kleinganoven zu den politischen Terroristen.

„Mitleid mit den Ratten“ bringt das Blut des Lesers ab der ersten Seite immer wieder in Wallung. Jean Amila lässt die Familie Lenfant immer wieder durch ein verzwicktes Gefühlschaos waten. Der geheimnisvolle Fremde, der zuerst dem Mann aus einer schier ausweglosen Situation hilft, und ihm so das Leben rettet. Dann gräbt er ungeniert die Frau des Hauses an. Verführt sie zu weiteren Straftaten. Die Lenfants sind Diebe. Sie stehlen materielle Werte. Moralisch verwerflich ist die Tatsache, dass sie ihre Tochter Solange in ihre „Geschäfte“ einbeziehen. Ansonsten haben sie strikte Regeln, an die sie sich halten. Mord gehört nicht zu ihrem Repertoire. Ihre Dankbarkeit zu dem Lebensretter wird mit Füßen getreten, in dem sie ihre Festung für politische Querköpfe löchrig gestalten. Mitleid mit den Ratten?

Mekong – Vom Dach der Welt zum Delta der neun Drachen

Mekong

Der Mekong ist eine der großen Sehnsüchte von Asienbesuchern. Mal gemächlich und sanft, mal wild und ungestüm durchzieht er Südostasien wie ein Herrscher, der keinen Zweifel an seiner Macht aufkommen lässt. Ein Fluss, der viele Länder durchfließt – Tibet, China, Burma/Myanmar, Laos, Kambodscha, Thailand und Vietnam – und unzählige Kulturen an seinen Ufern gedeihen ließ. Und Bernd Schiller hat sie besucht. Nun berichtet er stimmungsvoll und Abenteuer erheischend in diesem Buch.

Mae Nam Khong – so der eigentliche Name – ist der Asien-Highway für Eilige. Beginnend in China führt er seine Passagiere vorbei an öden Berghängen und saftig-grünen Urwäldern. Vorbei an urigen Dörfern und hochmodernen Städten.

Bernd Schiller trifft auf seinen zahlreichen Reisen, dessen Ergebnis nun in Buchform vorliegt die unterschiedlichsten Typen: Vom rheinländischen Würstchen-Fabrikanten über Tuk-Tuk-Chaffeuer bis hin zu Auswanderern, die es mit harter Arbeit doch schafften sich am anderen Ende der Welt eine neue Existenz aufzubauen.

Der Mekong führt all diese Charaktere zusammen, bietet Zuflucht, Nahrung, und ist mächtiger Trampelpfad durch die Geschichte. Denn auch die ist nicht ohne. Die Indochina-Kriege der französischen Kolonialmacht, der verheerende Vietnamkrieg der Amerikaner und die Schreckensherrschaft der Roten Khmer gehören genauso zum Mekong wie die nostalgischen Passagierschiffe, die jedes Jahr Millionen Augenpaare zum Leuchten bringen.

Auf seinen Reisen der vergangenen Jahre hat Bernd Schiller die Entwicklung der Anrainerstaaten genau beobachten können. Wo einst rückständige Dörfer waren, sprießen nun Glaspaläste aus dem Boden. Wo einst die ganze Familie anpacken musste, um den nächsten Tag zu überleben, gedeihen florierende Geschäfte. Asien am Fluss, Leben im Fluss, auf ca. fünftausend Kilometern Länge allerorts Veränderung.

Dieses Buch ist die ideale Reiselektüre für Südostasien. Bernd Schiller bringt dem Leser Kulturen nahe, die man so nur selten erleben kann. Vielschichtig interessiert schildert er das Leben der Menschen am und auf dem Fluss.

Simbabwe – Die Sehnsucht des Schlangengottes

Simbabwe

Weltenbummler kann man in zwei Arten unterteilen: Die Einen, das sind die Rastalockenköpfe, die mit selbstgedrehten Zigaretten und Che-T-Shirts Asien unsicher machen. Die Anderen sind die wahren Entdecker und Bewahrer der Welt. Und sie berichten in der Reihe Lesereise des Picus-Verlages. Andrea Jeska ist so eine weltbewahrende Weltenbummlerin. Sie zog es nach Simbabwe im südlichen Afrika. Die Victoria-Wasserfälle sind der größte Exportschlager des vom Mugabe-Clan so geplagten Landes. Hier ist die Welt noch in Ordnung – wenn man Tourist ist. 120 Dollar und man kann sich todesmutig an einem Gummiseil in die Fluten stürzen. Aber wehe man ist Einheimischer uns versucht mit allerlei Mitteln (und Tricks) seinen Lebensunterhalt zu bestreiten. Sofort eilt die allgegenwärtige Miliz herbei, um den Touristen aus der Umklammerung des Unholds zu befreien.

Simbabwe als Land der Gegensätze zu bezeichnen, wäre nicht ganz falsch, aber eben nicht einmal annähernd die Hälfte der gesamten Wahrheit.

Andrea Jeska liebt dieses Land. Das spürt man mit jeder Silbe. Doch sie verschließt nicht die Augen vor dem, was Tag für Tag vor sich geht. Korruption und Folter, aber auch atemberaubende Naturereignisse. Sie sucht nicht die Hotspots, die werden von ihr gefunden.

Immer wieder trifft sie Menschen, die ihr den Zauber des Landes zeigen und vorleben. Expedition ins Paradies, wenn man sich darauf einlassen kann. Geschichte und Geschichten vermitteln auf den 132 Seiten einen Einblick in ein Leben, das nicht nur wegen der klimatischen Unterschiede hier absolut unmöglich wäre.

Sie gibt keine Reisetipps, gibt keine Ratschläge, was man gesehen haben muss und was nicht. Dafür ist die Buchreihe auch nicht konzipiert. Vielmehr ist dieses Buch ein Amuse gueule, ein Appetitanreger auf Simbabwe. Viele der Geschichten wird man nie selber erleben. Darum ist es um so anregender sich an den Erfahrungen der Autorin zu erfreuen. Weltenbummlerin mit Herz und Verstand – ohne revolutionäre Umsturzgedanken. Nicht einfach faul in der Sonne liegen und vom großen Kampf träumen. Andrea Jeska packt an, in dem sie ein Land durchstreift, sich fernab des Touristenprogramms mit denen unterhält, die Simbabwe ausmachen. Den Menschen vor Ort. Und wir Leser dürfen hautnah dabei sein.

Das Luxemburger Tagebuch

Das Luxemburger Tagebuch

Es gibt schon seltsame Jubiläen. Und noch seltsame sind die Rituale diese zu feiern. Im Frühjahr 1983 verkündete das Magazin „Der Stern“ die Tagebücher von Adolf Hitler entdeckt zu haben. Ein Scoop, wie es im Fachjargon heißt. Ein echter Knüller! Die Geschichte lehrte uns etwas anderes: Alles Lug und Trug!

Der Verlag Capybarabooks aus Luxemburg feiert dieses eigenartige Jubiläum – 30 Jahre Hitlertagebücher – mit schwarzer Satire. Denn erst kürzlich ist das Tagebuch von Eva Braun aufgetaucht. Das, das über ihre kurze Zeit in „Lützelburg“ Aufschluss gibt.

Im Hochsommer 1942 ist Eva Braun langweilig, so langweilig. Boah, wat is ihr langweilig! ER verspätet sich, wie so oft. Sie will verreisen. Paris soll es sein, doch Albert (Speer) rät ihr davon ab. Nicht, weil man dort nicht mit Reichsmark bezahlen kann, wie sie vermutet, sondern weil man dort den Deutschen nicht so unbedingt folgen will, wie ER es gern möchte. Das Gau Moselland wäre ja auch ganz hübsch. Und Lützelburg liegt gleich um die Ecke. Dort habe man sehr viel französisches, obwohl die Sprache dort verboten sei, seitdem Lützelburg heim ins Reich geholt worden sei.

ER kümmert sich um den Osten, Eva Braun zieht es nach Westen.

Am 23. Juli 1942 kommt sie am Hauptbahnhof in Luxemburg, wie es die Einheimischen nennen an. Ein Riesenradau ist da auf der Straße. Alle schreien „Wolle“. Eva Braun ist verwirrt – das scheint sich den Zeilen nach durch ihr gesamtes Leben zu ziehen. Albert hatte doch gemeint, dass man hier deutsch sprechen würde. Vielleicht ein Dialekt? Nee, nee, die Luxemburger wollen nur bleiben, was sie sind.

Des Weiteren lernt Eva Braun nicht nur den Schriftsteller Norbert Jacques, einem breiten Publikum als der Erschaffer des Dr. Mabuse bekannt und den Mercier-Champagne kennen, und letzteren sogar lieben. Und so viele hübsche Straßen gibt es hier in Lützelburg. Die meisten heißen wie ER.

„Das Luxemburger Tagebuch“ ist satirischer Geschichtsunterricht auf ganz hohem Niveau. Die Welt drehte sich auch in der düstersten Periode Europas und Luxemburgs weiter. Seitenhiebe auf Bücherverbrennung, Görings Körperumfang und Blondi (SEIN Schäferhund), das depperte Viech, gepaart mit bitterbösem, schwarzen Humor, verleihen diesem Buch das Prädikat „Besonders wertvoll“. Kein Schenkelklopfer, vielmehr ein hintersinniger – und zudem gelungener – Versuch ein dunkles Kapitel der Landesgeschichte mit einer lachenden Träne im Knopfloch zu begreifen.

Aleppo – Ein Krieg zerstört Weltkulturerbe

Aleppo

Ist man ein glücklicher Mensch, wenn man die Schrecken des Krieges nicht kennt? Nein, man kann sich nur als glücklicherer Mensch betrachten. Wie ein Hohn muss das in den Ohren der Bewohner Aleppos klingen. Seit zwei Jahren vergeht kein Tag ohne Angst, ohne das irre Pfeifen der Granaten. Kein Tag, an dem nicht ein Kulturerbe im Namen der Freiheit willkürlich beschädigt oder gar zerstört wird. Vorbei das quirlige Leben in den Souks, vorbei die Pracht der Umayyaden Moschee, vorbei das süße Leben in einer der ältesten Städte der Welt.

Aleppo erlangte erst durch den grausigen Bürgerkrieg des Assad-Regimes gegen die – wahrscheinlich nicht viel besser agierenden – Rebellen traurige weltweite Berühmtheit. Schon das allein ist eine Schande. Muss denn immer erst was passieren, damit man Notiz nimmt? Aleppo hatte die Voraussetzungen Metropolen wie Damaskus, Paris und New York den Rang streitig zu machen oder zumindest in ihre Bedeutungsnähe zu gelangen. Und nun? Einschüsse so weit das Auge reicht. Verängstigte Menschen aller Altersklassen. Zerstörte Kulturgüter, die die Eroberungszüge Alexander des Großen, die marodierenden Horden der Mongolen und französische Besatzungszeit überstanden haben.

Mamoun Fansa setzt dieser Perle des Orients mit diesem Buch zumindest ein literarisches und bildstarkes Denkmal, das kein Verblendeter zerstören kann. Kein Kriegstreiber wird den Siegeszug dieses Buches aufhalten. Kein Hetzer wird das Andenken an Aleppo jemals komplett auslöschen. Deswegen sind die Beiträge der Autoren so wichtig und in ihrer Vielschichtigkeit so bedeutend.

Als erstes fallen die beeindruckenden Bilder dem Leser auf. Geschickt werden Einst und Jetzt gegenübergestellt. Wow und Oje befeuern das Wechselbad der Gefühle beim Durchblättern. Widerwarten und Abscheu gegen die Zerstörer kommen auf, wenn man sorgsam die Texte liest. Doch es zeigt auch – wie es der Untertitel ankündigt – auch Perspektiven auf, Hoffnung keimt auf. Und schon ertappt man sich dabei, dass man sich das Ende des Krieges wünscht, auch um endlich diese einzigartige Stadt kennenzulernen. Und vielleicht gibt es bald auch Berichte über die Stadt, die nicht auf den Zeitungsseiten unter Aktuelles erscheinen, sondern im Sonderteil bei den Reiseseiten. Es wäre zu allererst den Bewohnern Aleppos zu wünschen.

Kennedy sagte: „Ich bin ein Berliner“, Reagan: „Mr. Gorbatschow, tear down this wall!“. Jetzt ist es am Leser zu sagen: „Mister Obama (oder Towarisch Putin, Frau Merkel, Monsieur Hollande) read this book!“

Wir müssen die Welt verändern

Wir müssen die Welt verändern

„Wir müssen die Welt verändern“ – na dann mal los! Attacke. Oscar Niemeyer kennt man meist „nur“ als genialen Architekten, der eine ganze Hauptstadt dem Dschungel Brasiliens abtrotzte und ihre mit seinen Visionen seinen Stempel aufdrückte. Als er im Jahr 2012, nur zehn Tage vor seinem 105. Geburtstag (!) starb, hinterließ er auch eine Reihe von Interviews mit Alberto Riva. Diese, zusammen mit der abschließenden Betrachtung Niemeyers über sein eigenes Leben und Empfinden, geraten in diesem Buch zu der Erkenntnis, die gleichzeitig den Titel des Buches trägt. Stillstand ist immer Rückschritt. Oscar Niemeyer war Kommunist, tief im Inneren. Genauso wie Idealist. Und Künstler. Als Handwerker sah er sich weniger. Ihn verband eine herzliche und dauerhafte Freundschaft mit Sartre und Castro. Er fühlte sich mit Che Guevara verbunden wie mit Albert Camus. Ähnlich wie Stéphane Hessels „Indignez-vous!“ (Empört Euch!), jedoch nicht ganz so kämpferisch, rüttelt er auf. Schon allein das handliche Format wird dazu beitragen, dass dieses kleine Büchlein den Siegeszug durch die Seitentaschen von Weltenbummlern antreten wird. Es immer mal wieder rausholen, darin blättern, sich der gegenwärtigen Situation bewusst werden – dafür ist dieses Buch gemacht. Jedes Jahrzehnt hat „sein kleines Büchlein“. Das Bolivianische Tagebuch in den 60ern, die Mao-Bibel in den 70ern … nur dieses Jahrzehnt hat schon zwei. Eben das von Hessel und nun Niemeyers „Wir müssen die Welt verändern“. Lesen, verstehen, handeln.

Sacher – Das Kochbuch

Sacher - das Kochbuch

Wien besuchen, ohne auch nur einmal im Sacher gewesen zu sein – das ist wie Paris zu erkunden ohne den Eiffelturm zu erklimmen. Oder den Italienurlaub ohne leckeres Gelato zu genießen. Oder in Amsterdam … naja lassen wir das! Nun ist es so, dass das Sacher als Touristenattraktion auch gern mal überfüllt ist, und man einfach keinen Platz ergattern kann. Und in absehbarer Zeit muss die Rückreise angetreten werden oder man hat noch ein hartes Erkundungsprogramm vor sich. Wien bietet ja so viel!

So muss man sich das Sacher eben nach Hause holen. Aber wie? In den Koffer stecken, geht nicht! Da bietet sich dieses – so lapidar als Kochbuch angepriesene – Buch an. „Die feine österreichische Küche“. Das klingt nach mehr. Mehr lecker, mehr Genuss am Gaumen.

Auf vierhundert Seiten hat Herausgeberin Alexandra Winkler das Beste aus dem schier unendlichen Küchenfundus des Hotels Sacher in der Philharmonikerstraße 4 in 1010 Wien zusammengetragen. Und warum? Weil sie es kann! Denn sie ist seit 2004 die Geschäftsführerin des Hotels. Und wie sie es kann. Sie hat wohl den schönsten Job in der Donau-Metropole. Denn sie darf, wann immer sie will in die Töpfe schauen, kosten und genießen. Sie muss sich maximal ankündigen. Dem Leser erlaubt sie mit diesem Buch einen fast so gehaltvollen Blick hinter die Kulissen des Betriebes. Der einzige Unterschied besteht darin, dass der Leser nun selber kochen … muss, nein darf!

Zum Beispiel eine gelbe Paprikaschaumsuppe. Mit einer gehörigen Portion Schlagobers. Oder Stürzerdäpfel. Kartoffeln kochen und über Nacht stehen lassen. Dann reiben und in Schmalz oder Öl braten. Zum Martinigansl passen am besten Maroni, Quittenrotkraut und Erdäpfelknödeln. Schon diese kleine Auswahl aus diesem Prachtband verrät, was da auf den passionierten Koch und Leser zukommt: Eine geballte Ladung Lebenslust und Kochkunst, die man aber zu Hause leicht nachvollziehen kann. Über die Desserts legen wir am besten den Mantel des Schweigens, sonst sabbert man noch auf das so liebevoll gestaltete Buch. Denn Germgugelhupf, Kaiserschmarren und Holunderblütenparfait sind nicht dazu geeignet, dass man einfach nur die Rezepte liest. Die muss man sofort nachkochen bzw. nachbacken. Und dann verpasst man vielleicht ein weiteres Rezept. Und dann noch eines und noch eines. Wer zu Weihnachten gern ein Kochbuch an einen geliebten Menschen verschenkt, der dieses Geschenk auch zu schätzen weiß, wird sich mit diesem Buch im Herzen des Beschenkten für immer einen Platz reservieren.

London

London

Städtereisen mit Kindern? Ein Wagnis. So viele Eindrücke strömen auf die wissbegierigen Kleinen ein. Zu viel. Da ist guter Rat teuer. Nicht immer. Denn mit diesem erstklassigen Buch ist man bestens gerüstet für eine Reise in eine der schönsten und eindrucksvollsten Städte der Welt. Einst war sie die unumstrittene Weltmetropole: London. Miroslav Sasek hat bereits 1959 dieses Buch veröffentlicht. Und es war ein Riesenerfolg. Di eNew York Times kürte es zum am besten illustrierten Kinderbuch. Verständlich. Denn die Zeichnungen in diesem Buch sind kindgerecht und auch bei Erwachsenen erstehen vor dem geistigen Auge Bilder, die man gern in der Realität sehen möchte. Die kurzen Texte umreißen das zu Erwartende in der britischen Hauptstadt.

Nun ist es beim Verlag Antje Kunstmann in einer Faksimile-Ausgabe  neu erschienen. Das heißt, es wurde nichts verändert. Der nostalgische Schleier von einem halben Jahrhundert umweht diese Ausgabe.

Der Autor sieht London durch die Augen von Kindern. Das heißt, man eigentlich nichts, denn in London herrscht immer Nebel. Ein Klischee. Aber so lockert man die Stimmung gleich zu Beginn auf. Farbenfroh geht die Reise weiter. Als erstes fallen einem die Bobbys auf. Die Polizisten in ihren schneidigen Uniformen und den für London so typischen Mützen. Nicht vergessen – das Buch wurde vor über 50 Jahren zum ersten Mal veröffentlicht. Heute sind die Polizisten immer noch auffällig, aber bei weitem nicht mehr so ungewöhnlich gekleidet. Bank of England, St. Pauls Cathedrale, Billingsgate und die Börsianer mit ihren Bowler-Hüten prägen das Stadtbild heute wie damals. Okay, die Bowler sind eher Casual-Wear gewichen. Doch ab und zu sieht man diese Uniform doch noch. London ist halt doch traditionell.

Am Ende des Buches werden einige in diesem Buch dargestellte Fakten in die Gegenwart transformiert. Denn trotz allem Traditionsbewusstseins, entwickelt sich London weiter. Nicht nur die Bowlerhüte sind fast verschwunden. Auch die Fleetstreet ist schon lange nicht mehr das Mekka der schreibenden Zunft. Rupert Murdoch sei Dank. Geblieben sind jedoch die Wachposten mit ihren Bärenfellmützen. Anhand ihrer bunten Federn kann man ihre Regimentszugehörigkeit erkennen: Rot, das sind die Coldstreams, Weiß die Grendaiere, Blau für die Irish Guards, die Welsh Guards haben ein weiße Feder mit einem grünen Streifen. Nur die Schotten sind federlos. Ja, auch wir Erwachsene können aus diesem Buch lernen.

Ein köstlicher Lesegenuss für Groß und Klein. Klare Linien und knappe Texte. So wird London zum Erlebnis.

Der Tod des Landeshauptmanns

Der Tod des Landeshauptmanns

Was in Deutschland der Ministerpräsident, ist in Österreich der Landeshauptmann. Und es gab einen Landeshauptmann, dessen Bekanntheit weit über die Grenzen seines Bundeslandes Kärnten hinaus ging: Jörg Haider. Er regierte exakt 26 Monate in den 80er und 90er Jahren und noch einmal vom Frühjahr 1999 bis zu seinem bis heute zu wilden Spekulationen Anlass gebenden Tod im Herbst 2008. Und genau um diesen – für viele mysteriösen – Tod geht es im Buch des ORF-Journalisten Eugen Freund. Auch wenn dieser Roman nach eigenem Bekunden einzig allein der Phantasie des Autors entsprungen ist, weiß jeder um wen es darin geht. Denn der Begriff Landeshauptmann fand in Deutschland erst durch Jörg Haider wieder Einzug ins den Sprachgebrauch und wird noch immer mit ihm in Verbindung gebracht.

Jasmin Köpperl ist Journalistin. Ihr Freund Stefan Stragger ist … tot. Der Ermittler beim Heeresnachrichtendienstes schrieb gerade an einem echten Thriller, dessen Fortschritte er seiner Freundin regelmäßig als Mail zu lesen gab. Besteht etwa ein Zusammenhang zwischen Themenrecherche und seinem Ableben?

Die Trauer überwunden macht sich Jasmin Köpperl auf die Suche nach dem Mörder. Nach und nach kommt sie einem Geheimnis auf die Spur. Der Tote, den ihr die Polizei präsentiert, ist nicht Stefan, sondern sein wenige Wochen zuvor verstorbener Bruder. Je länger sie in den Kapiteln von Stefans Buch stöbert, umso mehr keimt in ihr der Verdacht, dass die darin beschriebenen – fiktionalen – Zusammenhänge gar nicht so weit von der – realen – Wahrheit entfernt sein könnten. In dem Buch geht es um den Tod des Landeshauptmanns Haider, Verstrickungen seiner Familie während der Nazi-Okkupation, Beziehungen zum kroatischen Regierungsapparat und der Mossad. Die gemeinsamen Urlaube mit dem mittlerweile verschwundenen Stefan waren Recherchen für sein Buch. Oder gar mehr? Jasmin erkennt so vieles wieder und stochert doch so sehr im Trüben.

Eugen Freunds Wissen um die Brennpunkte der Weltpolitik und ihrer Hintermänner verschmelzen in diesem Roman zu einer vollkommenen Einheit von Fiktion und Fakten. Es besteht mancherorts die Gefahr beides miteinander zu verwechseln. Und das sollte man als Lob anerkennen.

Es ist ein Privileg von erfolgreichen, machtbesessenen Alpha-Tieren, dass sie meinen unbesiegbar zu sein, sich alles herausnehmen zu können. Jörg Haider war so ein Machtmensch. Die Herzen und Wählerstimmen flogen ihm zu, seine politischen Ansichten waren grenzwertig, um es milde auszudrücken. Der Tod des Landeshauptmanns löste verschiedene Reaktionen aus. Die Einen waren erleichtert, weil es nun einen geistigen Brandstifter weniger gab. Die Anderen waren entsetzt ob der tragischen Umstände seines Todes. Einen politischen Feind bekämpft man lieber mit Argumenten als durch eine Tragödie. Und die war es schlussendlich. Jörg Haider hinterließ eine Frau und zwei Töchter.

Eugen Freund hinterlässt dem Leser einen erstklassigen Thriller.