Reportage Iran

Reportage Iran

Vorurteile abbauen – nichts ist dafür besser geeignet als ein Buch. Carola Hoffmeister reiste in den Iran und fand heraus, dass der Iran mit den Meldungen in den Nachrichten nur am Rande in Verbindung steht. Sie traf auf Menschen, nicht auf Meldungen. Menschen, die ihren Alltag genauso meistern müssen wie die Leser dieses einmaligen Buches.

Das Erste, was man im Iran lernt, ist Taroof. Das ist der unermüdliche Austausch von Höflichkeiten. Keine Höflichkeitsfloskeln. Echte, wahre Höflichkeiten. Und als Europäer kann man hier nur verlieren. Carola Hoffmeister passiert es, dass sie ihren Rucksack im langsam schon wieder davon tuckernden Bus vergisst. Atemlos rennt sie dem Bus nach. Sofort springt ihr ein Einheimischer zur Seite und bringt den Bus zum Stehen. Und genauso schnell hat sie einen Reisebegleiter und einen neuen Freund gefunden. Kommt gar nicht in die Tüte, dass sie in einem Hotel wohnt. Privatunterkunft. Anfangs noch etwas mulmig, verfliegt das Gefühl der Befremdung.

Auch als später ein Iraner, der als Deutschlehrer arbeitet ihr den Basar von Isfahan zeigt, sind die wehen Gedanken an Lockvogeltaktiken, um Teppiche an den Mann bzw. in ihrem Fall an die Frau zu bringen schnell vergessen. Anders als Istanbul oder anderen Destinationen wird hier ein Nein akzeptiert. Und eine Einladung zum Tee gibt’s gratis obendrauf.

Der Iran ist so fremd, so freundlich so nah. Angst vor der Fremde, vor der Terrorgefahr, vor grimmigen Extremisten? Nein, niemals.

Sie reist weiter, immer im Gepäck ihre Neugier und der Drang alles aufzuschreiben. Zum Glück für den Leser.

Der Trubel in der Hauptstadt Teheran, die Khaju-Brücke in Isfahan – sie nimmt „alles mit, was es zu sehen gibt“. Doch die Begegnungen mit den Menschen bringen dem Leser den echten, wahren Iran näher.

Sie besucht einen Magier, der einst den Schah und seine Gäste mit Kunststücken verzauberte.

Alkohol ist im Iran offiziell verboten. Offiziell. Trotzdem gibt es ihn auf jeder Party in Hülle und Fülle. Sündhafte teure Markenklamotten gehören zum Status der Mittel- und Oberschicht genauso dazu wie Schönheitsoperationen. Aber alles hinter der Fassade der züchtigen Kleidung des Islam und seiner Wächter.

Der Iran ist ein Land der Gegensätze. Tradition wird mindestens genauso groß geschrieben wie westliche Dekadenz. Der Iran, die iranische Gesellschaft existiert zweimal. Nach außen und nach innen. Wer sich treiben lässt, erlebt beide Seiten. Carola Hoffmeister ist das Bindeglied zwischen Sehnsucht und Neugier. Ihr Buch vermittelt eine Innenansicht Irans, wie man sie sich nicht vorzustellen gewagt hat.

Lesereise Wales

Lesereise Wales

Fassen Sie Ihr Wissen über Wales doch einmal zusammen! Am Ende des vergangenen Jahrhunderts war die walisische Fußballnationalmannschaft ein unangenehmer Gegner der Deutschen. Die Ortsnamen sind ausnahmslos unaussprechbar. Vopn hier stammen erstklassige Rockbands wie die Manic Street Preachers und „The Welsh Potting Machine“ Mark Williams gehört zur Weltspitze im Snookersport. Das ist alles richtig, aber es ist wirklich gar nichts, was man über Wales wissen muss. Michael Bengel nimmt den Leser mit auf eine Reise, die man niemals vergessen wird. Denn Wales ist vielschichtiger und vor allem anders!

Die Gartenlandschaften verdienen ihren Namen. Es sind nicht einfach nur wohlgestaltete Pflanzanlagen. Hinter jeder Hecke lauert Geschichte. So manch einer hat eine Jagdhütte, die zumal auch als Stecknadelfabrik taugte, über mehrere Dutzende Meilen sich in den Garten gesetzt.

Hotels verströmen ein historisches Flair. Fernab moderner Interieurskunst ist Handarbeit gefragt. Rustikaler Charme, der wie gemacht ist, um sich von der Ruhe einfange zu lassen.

Als Kontrastprogramm stürzt man sich todesmutig von den Klippen, um dann anschließend, adrenalingepeitscht aus der schäumenden Irischen See die Klippen kletternd wieder ans Festland zu gelangen. Coasteering nennt man das, und es wurde hier erfunden.

Allein diese drei Geschichten lassen Großes erahnen – dabei ist man erst auf Seite 32, noch einhundert liegen vor dem Leser. Wales ist anders. Michael Bengel wird nicht müde seine These mit jeder Zeile zu unterstreichen. Für Besucher gerät dieses Buch zur Bibel des Außergewöhnlichen. Erfährt man in Reisebänden, was es alles an Gebäuden und Aussichtspunkten gibt, so kann man diese Lesereise als Kulturwegweiser durch Wales adeln. Kaum eine Eigenart Wales‘ und der Waliser die nicht erwähnt wird.

Und wer noch nicht genug hat vom Lesen über Wales, der geht zum Lesen in Wales über, und zwar in Hay-on-Wye, dem ersten Bücherdorf der Welt. Stunden-, ach was wochenlang kann man hier in alten Büchern schmökern. Und gleichzeitig die Ruhe des kleinen Örtchens genießen. Als Einstimmung dient Buch.

Lola Montez – Ein Leben als Bühne

Lola Montez

Lola Montez zählt bestimmt nicht zur ersten Garnitur der deutschen Prominenten. Sie lebte im 19. Jahrhundert und ist manch einem durch den gleichnamigen Film mit Peter Ustinov bekannt. Heute wäre sie wohl eher ein C-Promi, der mit allerlei wüsten Geschichten die Klatschspalten der Presse füllt. Doch ihr Leben ist es wert erzählt zu werden.

Um ihr Geburtsdatum ranken sich viele Mythen. Sie selbst machte sich gern jünger, doch gilt es fast als erwiesen (die Geburtsurkunde ist leider verschwunden), dass sie am 17. Februar 1821 im irischen Grange das Licht der Welt erblickte. Die Kindheit verlief „normal“, ihre Mutter schaffte es allen Widrigkeiten zum Trotz der Kleinen ein relativ sorgenfreies Leben zu bescheren. Schon früh entdeckte die kleine Lola, die eigentlich Elizabeth Rosanna Gilbert hieß, ihre Liebe zur Selbstdarstellung. Nach zwei gescheiterten Ehen und Reisen ins Ausland (unter anderem kam sie bin Indien) überkam sie der Drang Schauspielerin zu werden. Doch dazu fehlte es an Einigem. Doch tanzen konnte sie.

Die Legende, dass sie eine feurige Spanierin aus dem Süden der iberischen Halbinsel war, ihr freizügiger Tanzstil, und ihr Temperament sprach sich schnelle herum. Im Gegensatz zu ihren Liebschaften und Ehen funktionierte diese Karriere bedeutend besser als ihr Privatleben. Sie reiste quer durch Europa. Paris, Sankt Petersburg, Warschau, Dresden. Hier war sie zuhause. Hier empfing sie ihre Gönner. Auch der damalige Superstar Franz Liszt verfiel ihrem Charme.

In Paris schien ihr Leben eine weitere Wendung zu vollziehen. Ein Theaterbesitzer sollte ihre große Liebe sein. Doch der sah sich einem Duell gegenüber, das er nur verlieren konnte. Denn Waffen waren nicht gerade seine Leidenschaft. Gerade als Lola Montez sich am Ende ihres Weges sah, machte ein Schuss ins Gesicht ihres Liebsten dem ein Ende.

Wieder auf der Straße zog es sie nach München. Da war sie gerade mal 25 Jahre alt, hatte die Welt gesehen, so manchen Reichtum und Luxus genossen, und doch war sie ganz allein auf der riesigen Welt. König Ludwig I. von Bayern war es, der Lola Montez fürs Erste die Würde zurückgab. Er wurde ihr Liebhaber und vor allem ihr Gönner, er kaufte ihr ein Haus, das leider 1912 abgerissen wurde. Er gab Unsummen für seine Mätresse aus, so dass alsbald des Volkes Zorn (und auch der seiner Regierung) Lola Montez‘ Wanderlust einmal mehr die Sporen gab.

Lola Montez war sicherlich eine der ersten Frauen der jüngeren deutschen Geschichte, die durch ihre Reize sich ein Leben in Saus und Braus erfüllen wollte. Marita A. Panzer wertet das Leben der zeitweilig königlichen Kokotte nicht. Vielmehr versucht sie (und das erfolgreich) die unzähligen Geschichten, die sich um die reizvolle Lola ranken ins rechte Licht zur rücken. Eine Biographie, die einen Einblick in das Leben der Stars und Sternchen gibt, die heute kaum einer mehr kennt. Aber das ist wohl das Schicksal, das alle Sternchen teilen.

Ein Galgen für meinen Vater

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Wow, was ein Titel! Liebe Väter der Welt, keine Angst! Hier will niemand jemand anderen umbringen. Tief im Inneren wohl manchmal schon, aber irgendwie auch wieder nicht.

Tom ist in einer verzwickten Lage. Es kommt der Moment, der jedes Kind einmal irgendwann ereilt. Ein Elternteil liegt im Sterben. Doch so recht will sich Gevatter Tod den Auserwählten nicht holen. Toms Vater ist nur noch ein Schatten seiner selbst. Einst bestiegen die beiden die höchsten Berge. Ein eingespieltes Team. Und jeder schaute sich vom Anderen etwas ab. Erst der Kleine vom Vater, später dann auch der Alte vom Sohnemann. Beide hatten ein erfülltes Leben. Der 84jährige war (und ist) Ingenieur, der Sohn Bergführer. Er hat seine Leidenschaft zum Beruf gemacht. Beim Vater war das anders. Er war im Krieg, Ostfront. Gefangenschaft und Flucht aus dem sowjetischen Lager. Ganz unten hat er angefangen, als Zeichner.

Als die Kinder klein waren, wurde ein Haus gebaut. Später kam noch der Balkon hinzu. Es ging immer aufwärts. Bis Toms Vater von Jetzt auf Gleich seine Beine nicht mehr spürte. Toms Mutter ist schon länger körperlich beeinträchtigt. Und jetzt auch noch der Vater. Toms Bruder ist immer nur sporadisch da. Er verbringt viel Zeit in Neuseeland.

Tom muss mit ansehen wie sein Vater langsam die Lebensgeister entwischen. Ist er zuerst nur körperlich nicht mehr voll einsetzbar, kommen immer öfter auch geistige Aussetzer hinzu.

Tom stellt eine Pflegekraft ein, ein Nachbar aus dem Ort hat gute Erfahrungen mit der Litauerin Nijole gemacht. Sie kümmerte sich rührend bis zum des Vaters. Doch gleich von Anfang an, gibt es Probleme. Die Stütze entpuppt sich bald als Belastung.

Martin Bettinger beschreibt die Geschichte der beiden Männer als Reise hinaus aus der Welt. Auch Toms Welt gerät ins Wanken. Auf einmal muss er den Vater pflegen, vierundzwanzig Stunden erreichbar sein. Und immer darauf achten, dass der Vater nicht wieder querschießt. Denn der verlässt öfter das Bett, schleift sich selbst über den Boden. Reißt sich die Füße auf, Blutspuren führen schlussendlich immer wieder zu ihm. Toms Eltern sind mit der Situation maßlos überfordert. Nun muss Tom der starke Mann sein, der Entscheider. Konnte er sich bisher immer auf seine Eltern verlassen, wird ihm diese Sicherheit mit einem Mal entrissen.

Ein Happyend kann und darf es nicht geben. Wie auch? Es ist eine Erlösung für alle Beteiligten, dass der Vater endlich sterben darf. Die Ärzte konnten auch nichts mehr tun. Was für die eine Diagnose gut ist, wäre für andere Diagnosen tödlich gewesen. Wenn alles zusammenkommt, hilft nur noch klarer Menschenverstand. Rationalität muss Gefühlen weichen. Und was den Galgen betrifft – der ist für das Bett des Vaters bestimmt.

Elagabal

Elagabal

Es ist schon erstaunlich wie viel wir heute über die Geschichte wissen. Über die römischen Kaiser wissen wir fast alles. Ihre Taten, ihre Gewohnheiten, ihre Kleidung, ihre Lieblingsspeisen. Trotzdem kennen wir nur wenige von ihnen. Julius Caesar, den kennt jeder. Der hat schließlich in den Asterix-Filmen mitgespielt. Nero, der Wahnsinnige, brennt einfach seine Bude und seine Stadt ab (was nachweislich nicht so war, aber immer noch in den Köpfen verankert ist). Augustus, ohne den würden wir im Hochsommer Silvester feiern. Dann wird’s für Viele schon eng. Diokletian kennt, wer in Kroatien Urlaub machte. Konstantin kennen viele aus dem Istanbul-Reiseband. Wer noch mehr römische Kaiser kennt, hat über sie gelesen. Wer Elagabal nicht kennt, muss dieses Buch lesen.

Denn Elagabals Leben ist heute noch lesenswert. Und aktuell. Auf Roms Republikverständnis berufen sich fast alle Republiken weltweit. Er wurde in Syrien (in Emesa, dem heutigen Homs) geboren, einem Land, über dessen vielschichtige Schändung jeden Tag berichtet wird.

Im Jahr 218 erklimmt ein 14jähriger Knabenpriester den römischen Kaiserthron. Der Sonnengott Elagabal sollte Namensgeber und Richtungsweiser seiner Regentschaft sein. Vier Jahre hielt er sich auf dem Thron. Am Ende wurde sein Körper durch die Straßen Roms geschleift und in den Tiber geworfen. Doch zwischen der Thronbesteigung und dem jämmerlichen Ende lagen Jahre voller Lebenslust. Es gibt kaum komplette Schriften über ihn. Anekdoten zuhauf.

Die Großmutter Elagabals behauptete, dass ihr Enkel ein uneheliches Kind von Kaiser Caracalla sei. Ein weiterer Kaiser, der durch ein Buch des Zabernverlages nicht mehr ganz so unbekannt ist. Die Thronbesteigung verlief blutig. Durch Versprechungen auf Ruhm und vor allem Reichtum ließen die Soldaten zu ihm überlaufen, sie ermordeten ihre Offiziere. Der Senat unterwarf sich dem Dogma der Armee und krönte den jüngsten Kaiser aller Zeiten.

Ein Hohepriester auf dem Thron – göttliche Zeiten drohen. Und fromme, möchte man meinen. Das Gegenteil war der Fall. Wieder so eine Parallele zur Gegenwart, wenn man an das Bistum Limburg denkt… Elagabal war kein Kostverächter. Orgien, schlimmer als bei Caligula, mit beiderlei Geschlecht. Eine gnadenlose Selbstdarstellung. Er allein hätte die Facebook-Server der Antike zum Glühen gebracht. Doch was ist wahr und was ist erfunden?

Martijn Icks versucht Wahrheit von Fantasie zu trennen und entwirft ein spannendes Bild des ehemaligen Hohepriesters, der zu Ehren Elagabals Tänze aufführte, als Kaiser Menschenopfer darbrachte und sogar einen Selbstmordturm errichten ließ. Die Biographie dieses außergewöhnlichen Kaisers liest sich wie ein spannender Roman, mal wie ein Krimi, mal wie ein episches Drama.

Der Ball ist rund

Der Ball ist rund

Der Ball ist rund – sofort fünf Euro ins Phrasenschwein! Vorbei die herbergerseeligen Kampfparolen, die bedeutungsschwanger mit gebremster Nachkriegseuphorie über die Sportplätze der Republik hallten. Ja, ja, ein Spiel dauert neunzig Minuten, elf Freunde müsst Ihr sein, das nächste Spiel ist immer das Schwierigste. Haben wir jetzt alles? Gut, dann können wir zum angenehmen Teil des Spiels übergehen.

So profan der Titel des Buches anmutet, so grazil und sprachgewandt dribbelt Eduardo Galeano übers 300 Seiten starke Spielfeld der Fußballideologien und –träumereien. Wer erinnert sich nicht gern an Maradonas Jahrhunderttor, als einen Engländer nach dem anderen stehen ließ und aus spitzem Winkel dem Mutterland den Todesstoß versetzte. Ausgerechnet 1986 als Thatchers England Argentiniens Malvinas völlig unnötig besetzte. Oder Uwe Seelers Hinterkopfballtor 1970 im Viertelfinale (wieder) gegen England. Oder die endlosen Ballstafetten der Spanier bei der WM 2006.

Eduardo Galeano gibt dem Fußball sein künstlerisches Gesicht zurück. Vorbei die Zeiten als pure Zahlenspieler das weltumspannende Spiel zerpflückten und Mathematiker das Ruder übernahmen. Die Analysen, Rückblicke und Liebeserklärungen sind der Beweis, dass Fußball mehr ist als zweiundzwanzig Idioten, die dem einen Ball nachhächeln.

Er lässt Legende wie Ferenc Puskás wiederauferstehen, der die nationale Tragödie – wir nennen es das Wunder von Bern – bis zu seinem Tod nie so recht überwunden hatte. Glorreiche Momente der Weltmeisterschaften erstehen vor unserem geistigen Auge wieder. Zum Schmunzeln, zum Weinen, zum Jubeln – das sind die Geschichten, aus denen Helden gemacht werden. Helden Pelé, Maradona, Beckenbauer, Sokrates, Kempes. Namen, die in Vergessenheit gerieten und nur vor großen Turnieren wieder hervorgekramt werden wie Garincha, Hurst oder Fontaine.

Die kurzen Kapitel von meist nur ganz wenigen Seiten erlauben es das Buch als Einleitung zur kommenden WM als Einstimmungs-Almanach zu verschlingen. Meist liest man mehrere Kapitel hintereinander, denn dem Charme der Artikel kann man einfach nicht widerstehen.

Vergessen Sie alle Rückblenden der Vergangenheit. Die Wahrheit liegt nicht auf dem Platz, sie liegt in diesem Buch. Das einzige Buch, das Fußballfans wirklich lesen müssen!

Lesereise Emilia Romagna

Lesereise Emilia Romagna

Emilia Romagna – das klingt verheißungsvoll wie der Name einer schönen Unbekannten. Eine Unbekannte, die kochen kann. Mmmmh leckere Pasta mit ragú, dass wir als Bolognesesauce kennen – die aber in Wahrheit nichts mit der ragú zu tun hat, rein geschmacklich. Und die man niemals zu Spaghetti isst! Die dünnen Nudelchen können die Sauce doch gar nicht erfassen. Jetzt muss aber mal ein Machtwort gesprochen werden.

Und sie ist eine gebildete Unbekannte. Die älteste Universität des Westens befindet sich hier. Aus roten Ziegeln gemauert steht sie fett und gelehrt da. Allesamt Attribute für Uni und Stadt. Umgeben von unendlichen Alleen flaniert man durch die Stadt, die Düfte der Küchen dauerhaft im Gepäck. Hier lehrte unter anderem auch Umberto Eco, der Autor von „Der Name der Rose“ und „Das Foucaultsche Pendel“.

Die Emilia Romagna ist auch eine Cineastin. In Brescello schluegn sich einst ein katholischer Priest und ein kommunistischer Bürgermeister gegenseitig die Köpfe ein und treiben so manch derben Spaß mit dem jeweils Anderen. Klar, die Rede ist von Don Camillo und Peppone. Fnf Filme wurden in den 50er und 60er Jahren hier gedreht, ein Museum mit allerlei Film-Memorabilia erinnert daran.

Im wohl berühmtesten Ort der Emilia Romagna wurde einer der berühmtesten Regisseure der Welt geboren: Frederico Fellini.

Und die schöne Unbekannte ist auch eine Auto-Närrin. Maranello und Modena – allein der Klang dieser beiden Städte lässt das Herze eines jeden Auto-Ästheten höher schlagen. Denn hier stehen die Schmieden von Ferrari und Maserati. Der Dreizack von Maserati stammt übrigens aus Bologna. Das Teufelswerkzeug – samt Teufel – ziert hier einen Brunnen.

Die Emilia Romagna ist keine Unbekannte … mehr, wenn man Stefanie Bisping 132 Seiten lang gefolgt ist. Sie lässt sich einfangen vom Reiz der Region und fängt den Leser mit Sprachbilder und Wortgewalt ein, so dass es kein Entrinnen gibt. Strandspaziergänge, aber bitte nicht während der Hochsaison, laden zum Träumen ein. Genauso wie ausgedehnte Wanderungen durch die prächtige Natur. Lukullische Abstecher, die allenthalben zur Rast einladen. Berauschende Architektur und Geschichte, wo man hinschaut. Gute Reise!

Lesereise Provence

Lesereise Provence

Das Licht der Provence zog schon vor Jahrhunderten Maler in diese … ja, malerische Gegend. Hier, wo die Sonne flirrt, die massiven Berge den Horizont begrenzen, das Meer den Blick frei gibt, fühlt sich auch Michael Bengel wohl. Und weil er sich so wohl fühlt, hat er seine Eindrücke niedergeschrieben. Er nimmt den Leser mit auf eine Reise, bei der Lavendelduft und Sehnsucht ständige Begleiter sein werden.

In den Bergen der Provence gibt es noch eines der letzten Abenteuer für jedermann: Den Mont Ventoux. Wenn im Juli der Tross der Tour de France anrollt, gibt es kein Halten mehr. Unmengen an Menschenmassen säumen die Wegstrecke, feuern die Pedalritter an, schieben sie und sich nach vorn. Sobald der Besenwagen die Strecke passiert hat, kehrt nur ein wenig Ruhe ein. Denn jetzt kommen die Amateure. Auch sie wollen den Ventoux bezwingen. Auch Michael Bengel – ihm geht’s mehr um das Links und Rechts des Weges. Vorbei am Mahnmal des ersten Dopingtoten am Ventoux, durch den Vegetationswechsel, sich dem Wind entgegenstemmen. Rekordverdächtige 320 Kilometer pro Stunde wurden hier schon gemessen, nicht die eines Autos, die des Windes.

Auch die Stars und Sternchen gehören zur Provence. Das Nord-Pinus war einst das erste Haus am Platz in Arles. Davon zeugt aber nur noch die Patina. Pablo Picasso, Helmut Newton, Jean Cocteau und Jean Marais waren hier einst Bewohner der einst stilvoll eingerichteten Räume. Wer sich traut, wird ihre Aura noch vernehmen können. Aber man muss schon sehr konzentriert sein.

Zum Landstrich, über dem so üppig das Füllhorn der Sinnesfreuden ausgeschüttet wurde, gehört auch eine Wüste. Crau, die Steinwüste verblüfft mit ihrer Lebensfreude und Exklusivität. Die Merinos fressen nur das beste Heu, übrigens das einzige Heu weltweit mit einem Herkunftszertifikat.

Michael Bengel fleht vor den Touristenströmen der Provence, die ihre Reize mit dem Massengeschmack teilen müssen. Er entdeckt die Provence neu, für sich und für den Leser. Mit chirurgischer Präzision seziert er Mensch und Landschaft. Neugierig wie ein kleiner Junge, forschend wie ein Wissenschaftler und belebend wie die frische Brise des Mistral taucht er ein in den Süden Frankreichs, dessen Schreibweise – Provence – schon allein zu Träumen einlädt.

Die Provence einmal anders, voller Geheimtipps, für diejenigen, die die Augen offen halten.

Ehrenwerte Leute

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Wenn einer einem dumm kommt, dann setzt es was. Für viele ein willkommener Anlass sich wie die Axt im Walde zu benehmen. Elena ist da anders. Sie ist Lehrerin. Und sie hat eine Stelle in einem sizilianischen Bergdorf angenommen. Fans dieses Plots wissen jetzt worum es geht: Omerta, das Gesetz des Schweigens. Elena ist sieht sich auf raffinierte Weise diesem Gesetz ausgesetzt. Jeder, der ihr nicht wohlgesonnen ist, stirbt. Nicht eines natürlichen Todes! Sie ist verzweifelt. Niemand kann ihr helfen. Denn niemand traut sich etwas zu sagen. Zu groß die Angst der Nächste zu sein.

Im Strudel der Gefühle schwankt die junge Frau zwischen Abkehr und Aufgabe und Trotz und Widerstand. Montenero Valdemone – mit ein bisschen Italienischkenntnissen kommt man dem Geheimnis dieses Ortes auf die Schliche. Monte – Berg, nero – schwarz, Val – das Tal, demone – der Teufel. Alles hier ist anders. Die Kinder schmutzig und ungebildet. Die Männer, besonders einer, aufdringlich. Doch sie scheint willkommen. Ein eigentümlicher Anwalt, der älter aussieht als er anscheinend ist, bietet ihr eine sehr hübsche Bleibe an. Ein Kollege hilft ihr sich einzugewöhnen. Alles doch nicht so schlimm?

Der aufdringliche Typ, der keine Gelegenheit ausließ Elena bei ihrer Ankunft zu „umschmeicheln“, wird tags darauf erschossen mit einer Blume im Mund für alle sichtbar auf dem Marktplatz drapiert. Jeder weiß um die Symbolik der Blume. Doch damit nicht genug. Auf einmal ist Elena eine geachtete Frau. Sie wird gegrüßt, man wünscht ihr alles Gute für den Tag. Nur die Polizei ist misstrauisch. Die muss doch was mit den Toten zu tun haben!

Mario Puzo und sein Pate haben wenig zu tun mit den „ehrenwerten Leuten“ des Giuseppe Fava. Bei Puzo haben sie ein Gesicht, eine Geschichte. Favas Mafiosi sind unerkannt. Von Opfern und Jägern gleichermaßen. Die zelluliodselige Verfremdung, die zum Mythos Mafia mehr beigetragen hat, als Regisseur Francis Ford Coppola es wollte, ist eine perfide Gesellschaft, die bei Giuseppe Fava Konturen bekommt. Mehr leider nicht. Aber der Mythos bekommt Kratzer, wird entthront, wird fratzenartig verzerrt. Die Opfer sprechen und klagen ihr Leid. Wie soll man sich wehren, wenn es keiner hören will? Ein Opfer, dem kein Haar gekrümmt wird, ist das überhaupt ein Opfer? Misstrauen macht sich breit.

Der weitreichende Arm der Mafia (oder wie auch immer man die ehrenwerten Leute der Insel nennen will) erreichte auch den Autor Giuseppe Fava. In seinem Theater wurde gerade sein Stück „L’ultima violenza“ (wie vielsagend: „Das letzte Verbrechen“) aufgeführt, als sein – lange unbekannter – Mörder zuschlug.

Der Kampf gegen die Mafia ist auch für Leoluca Orlando zur ungeliebten, aber leidenschaftlichen Aufgabe geworden. Der Bürgermeister von Palermo (seit 2012 wieder) manifestiert in seinem Vorwort zu diesem Buch die Notwendigkeit der Mafia den Kampf anzusagen, ihr Paroli zu bieten wo und wann immer man kann. Der Kampf beginnt beim Vorwort und endet noch lange nicht auf der letzten Seite.

Tot in München

Tot in München

Gute Freunde kann niemand trennen – Niemals geht man so ganz – I am stretched on Your grave. Mehr oder weniger schöne Lieder, alle zu einem Thema: Dem Tod. Der Gevatter begleitet uns ein Leben lang. Und wenn es dann so weit ist, liegen wir neben uns völlig Unbekannten, in Reih und Glied auf mehr oder weniger hübsch gestalteten Grünanalgen. Der Kreis des Lebens.

In München findet dieser Kreis insgesamt 29 einen Ausgang. So viele Friedhöfe gibt es in der bayrischen Landeshauptstadt. War München Anfang des 19. Jahrhunderts noch eine kleine Ansiedlung mit 40.000 Einwohnern, so verzwölffachte sich deren Zahl innerhalb eines Jahrhunderts. Und so benötigte man dementsprechend auch eine größere Anzahl an letzten Ruhestätten. Denn wer sich einmal hier eingenistet hat, geht nicht mehr fort. Wenn man den bayerischen Ministerpräsidenten der vergangenen Jahrzehnte glauben darf, gibt dafür „ja auch goar koin Anlass ned.“

Eine Stadt ohne einen Friedhof gibt es nicht. Manchen Städten würde dann zum Beispiel auch eine Touristenattraktion fehlen. Was wäre Paris ohne den Pere Lachaise? Oder Wien ohne den Zentralfriedhof? München kann zwar nicht mit prall gefüllten Liegestätten weltbekannter Prominenter punkten, wohl aber mit einer Vielzahl fein gestalteter finaler Unterkünfte. Michael Kubitza hat sich der Friedhofgeschichten Münchens angenommen. Mit in Archiven erlangtem Detailwissen und launiger Schreibweise führt er den Leser ins Reich der Toten. Hier stehen aber auch die Macher, Anstoßgeber und Gestalter im Blickfeld des Autors. Jeder noch so kleine Stein wird umgedreht und dem Licht der Erkenntnis zugefügt.

Spaziergänge über Friedhöfe sind entspannend. Die letzte Bastion bürgerlichen Anstands. Kein Geschrei. Kein Industrielärm. Kein Handygebimmel (naja meistens jedenfalls, aber vielleicht gehört Handy ausschalten nicht zum „guten Ton“). Man flaniert, man schreitet bedächtig, liest hier und da eine Inschrift, macht sich Gedanken. Der Tod schreitet mit, an jedem Tag unseres Lebens kommen wir ihm ein Stück näher. Vielen bereitet er Kopfschmerzen, das sie am liebsten gleich … Doch so unumstößlich er kommen, so endgültig er auch sein mag – schlussendlich wohnen wir alle zusammen in einer großen Kommune, six feet under. Die Zurückgebliebenen erfreuen sich auch an der liebevollen Zuwendung des Themas in diesem Buch.