Wolf Erlbruchs Kinderzimmerkalender 2016

Kinderzimmerkalender

Übermut tut selten gut – stimmt, aber selten wurde er so eindringlich dargestellt. Wolf Erlbruch zeigt mit seinen satirischen Zeichnungen, dass man nie früh genug an Humor herangeführt werden kann.

Ein Frosch, der keck seine Zunge herausstreckt, normalerweise um einen Käfer sich einzuverleiben, lässt diesen darauf balancieren. Stilecht mit Schirm. Oder ein Hase, der sich im Skispringen versucht. Die wehenden Ohren geben ihm den nötigen Auftrieb. Sämtliche Bilder sind nicht nur wie gemalt, um die kleinen Details zu suchen, sondern sie sind einzig aus diesem Grund gemalt worden. Suchen, finden, sich amüsieren!

Und jeden Monat wartet ein neues spannendes Suchabenteuer auf die großen und vor allem kleinen Entdecker.

Spannend ist auch die Frage, warum die Katze auf dem Geländer die Treppe runterrutschen darf und der Nachwuchs nicht. Liebe Eltern, viel Spaß beim Erziehen! Mit „Übermut tut selten gut“ wird man da nicht weit kommen… Die Gefahren des Kippeln bei Tisch werden da schon eher zum Lehrbild (im April). Zum Brüllen komisch ist der Juni: Ein Schwein, das ins Wasser springt. Das witzige Detail hier: Die Badehose passt sich sogar dem Ringelschwänzchen an.

Mehr wird an dieser Stelle nicht verraten. Nur eines noch: Wolf Erlbruch hat unseren tierischen Mitbewohnern nicht aufs Maul, sondern auf Mimik und Gestik geschaut. Und die ist unserem Tun viel öfter näher als man denkt.

Gebrauchsanweisung für Rom

Gebrauchsanweisung Rom

Gleich zu Beginn fühlt die Autorin Birgit Schönau den Leser auf dem Zahn. Das Buch ist gar keine Gebrauchsanweisung! Wie soll man denn eine Stadt gebrauchen? Schon kurze Zeit später wird klar, dass sie den Römer Humor schon ganz und gar verinnerlicht hat. Ja, den gibt es wirklich, den Römer Humor. Erzählen wird sie ihn das gesamte Buch hindurch und darüber hinaus. Wer meint Rom zu kennen scheint, es immer wieder mit seiner Anwesenheit beehrt hat, die unzähligen, kleinen, versteckten Geheimtipps kennt, wird hier eines Besseren belehrt. Denn Birgit Schönau ist Römerin, zugereist, aber dennoch Römerin. Sie kennt Rom so, wie nur die paar Millionen, die darin wohnen. Doch selbst unter ihnen sticht die Autorin noch heraus. Eine Wanderung durch die Stadt mit den vielen Beinamen führt mit ihr zu einem echten Wissensrausch.

Sie beginnt ihre Rundgänge an Orten, die man erstmal auf sich wirken lassen muss. Auf den Piazze wie der Piazza Navona, Piazza San Pietro oder Piazza Venezia. Vor dem geistigen Auge lässt man sie Revue passieren, verharrt in Erinnerungen. Dann beginnt das, was sich viele nicht trauen: Hinter die Kulissen zu schauen. Hinein in die guten Stuben, die Hinterhöfe betreten, die Geschichte(n) aus der Versenkung holen.

Birgit Schönau ist keine Reiseleiterin, die zum Zeichen des Erkennens einen Schirm hochhält, damit die tumbe Traube von Menschen ihr folgen kann und sie ihren Lehrstoff stumpf herunterbetet. Birgit Schönau ist die Geschichtenerzählerin, die zufällig auch Wissen vermittelt. Nur Wenige hatten das Glück so einen Lehrer zu haben. Mit grandezza und passione weht die Autorin durch die Gassen und Jahrtausende und lässt keinen Besucher / Leser zurück. Jedes Kapitel ist ein Füllhorn an Kurzweil und brisanten Histörchen. Päpste und arbeitsunwillige Nachbarn erhalten die gleiche Aufmerksamkeit wie die Trattoria um die Ecke oder der Messerschleifer.

Und – liebe Männer, aufgepasst! – sie spricht über Fußball. Nicht weil, sieSchulball von Fußball unterscheiden kann und deswegen meint Sportjournalistin zu sein, sondern weil sie sich wirklich auskennt. Mehr als so mancher, der bei AS Roma wie in Trance die Spieler anfeuert. Sie kennt das ganze Drumherum wie nur Wenige. Zum Beispiel weiß sie, wann das pane e porchetta am besten schmeckt…

Wer Rom besucht, braucht Hilfe. Die Fülle an Sehenswürdigkeiten erschlägt einen sonst. Kurze Momente der Ruhe werden mit diesem Buch mit Lokalkolorit aus erster Hand bereichert. Erst wer die Menschen der Stadt versteht, ihre Macken kennt, den Rhythmus verinnerlicht hat, wird Rom wirklich kennen. Birgit Schönau ist die Art von Reiseleiterin, der man am liebsten nicht von der Seite weichen möchte. Voller Elan führt sie den Leser durch die Ewige Stadt ohne hektisch zu werden.

Gebrauchsanweisung für das Burgenland

Gebrauchsanweisung Burgenland

Das Burgenland ist das zweitkleinste Bundesland Österreichs. Und das Jüngste. Es grenzt ans die Slowakei, Ungarn und Slowenien. Das sind die wichtigsten Fakten, die Touristen aber eher als Nebeneffekt weitgehend unerheblich erachten. Darin sind sich auch die beiden Autoren Martin und Andreas Weinek einig. Denn nur durch die geographische Lage lässt sich der Reiz des Burgenlandes nicht näherbringen. Sie kommen diesem Reiz über die Menschenauf die Spur. Denn der Burgenländer hat fünf Seelen – glaubt man dem Autorenpaar.

Die erste Seele ist die kulinarische. Zuerst räumen die beiden mit dem Vorurteil auf, dass hier immer noch die einstige XXL-all-inclusive-Küche ihr El Dorado hat. Das war einmal. Unter dem zu viel propagierten Schlagwörtern saisonal und regional wird hier gekocht, gebrutzelt und geschlemmt. Und vor allem verwöhnt. Wem beim Lesen schon das Wasser im Munde zusammenläuft, der kann eines der abgedruckten Rezepte gern selber ausprobieren. Sozusagen als Einstimmung auf zwei Wochen Burgenland. Oder im Anschluss als lukullische Aufarbeitung oder genüssliches Gedächtnistraining. Eine Besonderheit sollte jede Region aufweisen können. Hier im Burgenland ist es der Uhudler. Man kann die Zunge noch so sehr verdrehen, es findet sich kein hochdeutsches Pendant dazu. Der Uhudler ist eine Weinsorte, die es nur hier gibt. Erst seit den frühen Neunzigern darf er wieder angebaut und hergestellt werden. Doch auch die EU-Bürokraten arbeiten schon wieder an einer Modifizierung, verbieten werden sie ihn wohl nicht können.

Die zweite Seele ist die künstlerische: Joseph Haydn wirkte hier am Hofe der Eszterhazys, Franz Liszt wurde hier geboren. Das allein reicht schon, um sich eine künstlerische Seele ans Revers zu heften. Doch die zahlreichen Festivals, Museen und Veranstaltungen machen das Burgenland zu einer Kulturregion.

Unternehmungslustig sans auch, die Burgenländer. Das ist die dritte Seele. Bei solchen Ausflugszielen kein Wunder. Neusiedler See, mittlerweile Teil des UNESCO-Weltkulturerbes, unberührte Wiesen, auf denen man noch ganz old school Schmetterlingen hinterherjagen kann oder … ach was, die Zahl an Möglichkeiten geht schier ins Unendliche.

Fehlen noch zwei Seelen. Die Dunkle und die Versöhnliche. Nach so viel Sonnenschein auch Schatten? Nicht unbedingt. Das Autorenduo Weinek lässt – wie im gesamten Buch – hier der künstlerischen Seele (!) freien Lauf. Nicht alles, was in diesem Buch geschrieben steht, sollte man auf die Goldwaage legen. Ironisch und informativ sind nur zwei Attribute, die man diesem Buch auf keinem Fall absprechen wollte. Übrigens, Burgen gibt es hier auch!

Wenn man die fünf Seelen der Burgenländer sich erlesen hat, ist es nur noch ein Katzensprung ins Burgenland. Man ist bestens präpariert, um das einstige Bollwerk am Eisernen Vorhang zu erleben. Die „Gebrauchsanweisung für das Burgenland“ versteht sich nicht als Reiseführer im herkömmlichen Sinne, es ist das Buch, das man braucht, um die Bilder im Kopf ins rechte Licht zu rücken. Viele Zeilen geben erst vor Ort ihre wahre Bedeutung preis. Die ideale Zusatzlektüre zum Reisebuch!

Das Gelbe Haus – van Gogh, Gauguin: Neun turbulente Wochen in Arles

Das gelbe Haus - van Gogh, Gauguin

Genialität im Doppelpack – für viele der einzige Weg, um sein Potential vollständig zu entwickeln. Man denke nur an Laurel und Hardy, die nur als „Dick und Doof“ zu Weltruhm gelangen konnten. Für Vincent van Gogh und Paul Gauguin war eine Zusammenarbeit nicht von Nöten. Zumindest nicht für ihre Genialität. Neun Wochen sollten sie zusammensein. Sehen, Malen, Diskutieren, Streiten, aber auch Genießen. Martin Gayford war nicht dabei, damals im Herbst/Winter 1888. Doch er lässt den Leser in diese Zeit reisen und mit den beiden Maler-Göttern am Tisch sitzen, gewährt Blicke auf die Staffeleien und in deren Seelen.

Alles begann am 23. Oktober 1888. Der Impressionismus muss seit Jahren durch eine handfeste Krise gehen. Die Absätze und die Akzeptanz schwinden. Van Gogh hat sich – auch dank der Unterstützung seines Bruders – in Arles in der Provence niedergelassen. Das Gelbe Haus ist sein neues Zuhause. Seit ein paar Monaten arbeitet er hier, seit ein paar Wochen wohnt er auch hier. Doch van Gogh ist einsam. Dank seines Bruders kann er hier leben. Doch ihm fehlt das Leben. Das Leben, das er hofft sich zurückholen zu können, in dem Paul Gauguin, der zur Zeit auch in der Nähe des Meeres, allerdings des rauen Atlantiks, in Pont Aven wohnt. Beide Maler verbindet ein gemeinsames Schicksal: Beide verdienen mit ihrer Kunst nicht gerade viel Geld (man stelle sich vor, dass man heutzutage auf dem Flohmarkt einen echten Gauguin oder van Gogh finden könne…). Ihre Reputation ist mehr als zweifelhaft. Ihr Selbstbewusstsein ist stark angeknackst. Und diese beiden sollen nun in den letzten Wochen des Jahres 1888 hier vor der spätherbstlichen Kulisse der Provence zusammenarbeiten, leben und sich entwickeln? Ob das was wird?

Immer wieder flechtet der Autor kleine Begebenheiten aus dem Leben der beiden Künstler ein, um den Charakteren typische Züge zu verleihen. So werden die abgebildeten Werken in den entsprechenden Kontext gesetzt. Schon nach wenigen Seiten kann sich der Leser als „kleiner Experte in Sachen Gauguin und van Gogh“ bezeichnen.

Die Zeit verrinnt. Der Herbst in der Provence, das unvergleichliche Licht und die letzten kräftigen Sonnenstrahlen des Jahres lassen die beiden Künstler tagein, tagaus die Gegend auf Leinwand bannen. So gegensätzlich die beiden waren, so einvernehmlich sind ihre Studien und Bilder. Noch! Der selbstbewusste Gauguin mit Talent und der in sich gekehrte, unausgeglichene van Gogh mit dem überbordenden Talent. Van Gogh profitiert von Gauguin insofern, dass er ihm die Ruhe liefert konzentriert arbeiten zu können. Gauguin ist von van Gogh Sichtweise beeinflusst. Manchmal sitzt van Gogh in der ersten Reihe und malt, Gauguin platziert sich nur wenige Meter hinter ihm.

Die Poesie der Gemeinsamkeit sitzt auf einem brodelnden Vulkan. Die Unterschiede sind kaum sichtbar, da treten sie mit geballter Macht hervor. Das Ende ist bekannt: Eine der berühmtesten Anekdoten und die berühmteste Flucht der Kunstgeschichte. Dem Einen fehlt ein Ohr, der Andere flüchtet in die Südsee. Das kennt jeder. Doch wie es dazu kam, weiß kaum jemand. Dank Martin Gayford rücken zwei Maler wieder in den Fokus des Interesses. Exzellent recherchiert, spannend geschrieben und reich bebildert.

Wie bei Laurel und Hardy waren die beiden Maler unterschiedliche Charaktere. Laurel und Hardy hielten es Jahrzehnte miteinander aus – mal besser, mal weniger gut. Van Gogh und Gauguins Zusammenarbeit war eher ein Intermezzo von wenigen Wochen. Ihre Liaison bzw. das Ergebnis daraus ist heute Millionen wert.

Dieses Buch liest man als Unterhaltungslektüre am Baggersee, um die Lichtstimmung der herbstlichen Provence annähernd zu genießen oder als Tagebuch im Rhythmus des Kalenders ab dem 23. Oktober bis in die Weihnachtszeit. Beides hat seinen Reiz. Wer sich bisher nicht recht für die Kunst der beiden Helden begeistern konnte, wird Sonnenblumen und Landschaftsaufnahmen von nun an mit anderen Augen sehen.

22 schönste Radeltage an Main und Tauber

RaMT-Umschlag 256

Über achthundert Kilometer mit dem Rad? Da braucht man schon mehr als stramme Waden. Zum Beispiel damit aus den 861 Kilometern nicht schnell doppelt so viele Kilometer werden, braucht man mindestens einen Reiseband, der einem kenntnisreich an die schönsten Orte führt. Zugegeben an Main und Tauber ein leichtes Unterfangen.

Doch dieses Buch ist kein Reiseband im eigentlichen Sinne. Er ist speziell für Pedalisten konzipiert. Das heißt, dass hier vorrangig die Radwanderwege vorgestellt werden. Wer will schon immer einen nervösen Bleifuß hinter sich spüren? Neunzehn Touren werden vorgestellt – im Titel stehen doch zweiundzwanzig, fehlen da nicht drei? Nein, denn so manche Tour ist nur für geübte Pedalritter an einem Tag zu schaffen. Aber dieses Buch ist kein Reiseband für sportive Kilometerschinder, sondern für alle, die rollend sich an Flora und Fauna erfreuen wollen. Ab und zu mal etwas kräftiger in die Pedale treten kann nicht schaden, doch hier stehen die Erlebnisse links und rechts der Touren im Vordergrund.

Die beiden Autoren kennen die Gegend zwischen Würzburg, Tauberbischofsheim, Rothenburg ob der Tauber und Aschaffenburg in- und auswendig. Besonders die exzellent erschlossenen Radwege. Und sie wissen, was man beachten muss und wo man einkehren kann.

Jede Tour wird zu Beginn kurz vorgestellt: Länge und Profil der Strecke werden kurz skizziert, so dass jeder einschätzen kann, ob diese Tour machbar ist oder in Etappen in Angriff genommen werden muss. Eine Tour ausfallen lassen, erübrigt sich, da jeder Ausflug, jeder Abschnitt sehens- und erradelnswert ist.

Wer die einzelnen Streckenpunkte genauer erkunden will, für den sind die farbig abgesetzten Kästen im Buch eine willkommene Abwechslung. Hier werden dem Leser, der von nun an nur noch radeln will, einige Hintergrundinfos geliefert. So erfährt man auch, wo Schneewittchen wirklich zu Hause war oder was es mit Grünkern auf sich hat.

Ob allein, zu zweit oder in Familie – Radeln ist eine Wohltat für Körper und Geist. Ganz abgesehen vom ökologischen Aspekt. Wer sich klimatisiert auf vier Rädern fortbewegt sieht viel, wer die müden Knochen in Bewegung hält, hält auch Augen und Ohren offen. Und sieht noch mehr. Kann beim Entschleunigen die Zeit vergessen und sich an Main und Tauber vom Reiz der Landschaft gefangen nehmen lassen.

Cervelat – Die Schweizer Nationalswurst

AS Verlag

Das Suchen hat ein Ende: Das ungewöhnlichste Buch des Jahres ist auf dem Markt! Und es geht um die Wurst. Nicht irgendeine Wurst. Um eine Nationalwurst. Die Cervelat-Wurst. Was macht eine Nationalwurst aus? Beispielsweise, dass jeder Durchschnitt alle zwei Wochen einmal einhundert Gramm Cervelat zu sich nimmt. Jeder Metzger, der etwas auf sich hält, ein eigenes (Geheim-)Rezept hat. Oder das jedes Volksfest ohne sie nicht als Volksfest bezeichnet werden kann. Oder dass sich Künstler damit beschäftigen. Oder dass sie immer weiter entwickelt wird. Ja, der Cervelat ist eine Nationalwurst. Genauso wie feststeht, dass wer ein Buch zu diesem Thema veröffentlicht, es aus tiefstem Herzen tut.

Natürlich zaubert das Buch erstmals ein Schmunzeln ins Gesicht des Betrachters. Der erste Schritt ist getan. Ein Buch über ‘ne Wurst. Dann nimmt man es in die Hand – zweiter Schritt. Ein bisschen darin herumblättern. Spieße? Wie das? Weiterblättern! Ah ja, Wurst – Feuer – Grillen – Spaß haben. Jetzt wird’s klar! Die Wurst als Sozialisationsinstrument.

Die Wurst als Kunstobjekt, auch das ist Cervelat. Madame Tricot nennt sich eine Künstlerin, die – der Name verrät es – alles Essbare strickt. Ein ganzer Kühlschrank voll kulinarischer Köstlichkeiten. In der Schweiz darf da der Cervelat nicht fehlen! So lebensecht, dass man gleich reinbeißen möchte.

Der mehrfache Schweizer Grilliermeister Ueli Bernold erhebt den Cervelat mit seinem Fachwissen in den Stand einer Gourmet-Mahlzeit. In der Boucherie Droux & Fils in Estavayer-le-Lac im Kanton Freiburg wird das Handwerk zur Kunst erhoben.

Ob nun als Luxusobjekt, hübsch dekorativ angerichtet auf feinstem Porzellan oder auf die Hand (oder, wie das Buch, auf Pappe) der Cervelat ist aus dem Schweizer Alltag nicht mehr wegzudenken. Herausgeber Heinz von Arx hat mit Beat Caduff (Rezepte), Peter Krebs (Texte) und André Roth und Marc Schmid (Fotos) ein Buch kreiert, das nach anfänglichem Schmunzeln zu einem ernstzunehmenden Werk reift. Die gesamte Bandbreite der Betrachtung erstaunt mit jedem Umblättern den Leser mehr und mehr. Was alles möglich ist, wenn man ein Thema gefunden hat?! Bei über vierhundert Sorten Wurst, die in der Schweiz hergestellt werden, beweist dieses Buch, warum ausgerechnet der Cervelat so beliebt ist. Und noch beliebter werden wird. Denn jetzt kann jeder, der diese Wurst noch nicht kennt – das können eh nur Zugereiste sein – der Wurst auf den Grund gehen. Leider hat dieses Buch auch mal ein Ende, im Gegensatz zur Wurst: Die hat zwei.

In Liebe, Muschelkalk

In Liebe, Muschelkalk

Muschelkalk, ein ungewöhnlicher Kosename für eine Frau, um die man sich so bemüht hat und die man bedingungslos liebt. Ja, Hans Bötticher ist um einiges älter als sie, Leonharda Pieper. Doch was ist so besonders an ihr und den beiden, dass ihnen eine Biographie gewidmet wird? Nun, Hans Bötticher war Humorist im besten Wortsinne und als Joachim Ringelnatz schon zu Lebzeiten bekannt und geschätzt. Und hätte sich ohne seinen Muschelkalk bei Weitem nicht so frei entfalten können wie er es tun konnte.

Muschelkalk war die Tochter eines Bürgermeisters aus Rastenburg in Ostpreußen, aus gutem Hause wie man so sagt. Als junges Mädchen ging sie nach Eisenach, um Französisch und Englisch zu lernen. Ihre Mentorin war mit eben diesem Hans Bötticher bekannt. Der war erst gar nicht so sehr angetan von der jungen Maid am dem Osten. Der nicht gerade als Kostverächter bekannte Hans hatte hier und da seine Liebeleien, eine Eigenschaft, die er ein Leben lang nicht ablegen konnte. Doch fanden Muschelkalk und Bötticher dennoch zusammen.

Der verlorene Krieg verbot es Kriegsteilnehmern sich an dem Ort niederzulassen, an dem sie zuvor tätig waren. Ringelnatz – wie er sich schon bald nennen wird – muss eine gut bezahlte Stelle aufgeben. Muschelkalk arbeitet im hunderte Kilometer entfernten Godesberg im Rheinland. Ihre neue Heimat wird München. Hier tritt Ringelnatz auf, schreibt und ist so was wie eine lokale Berühmtheit. Das erlaubt ihm Muschelkalk zu sich zu holen. Bald wird geheiratet.

Ihr Leben ist von fast vollkommener Harmonie geprägt. Er bringt das Geld nach Hause (oft reicht es dennoch nicht), sie wird zur Hüterin der guten Stube. Eine Aufgabe, die sie erst lernen muss. Er schreibt ihr herzige Briefe von unterwegs, sie lernt kochen, waschen und den Haushalt führen. Seine Liebschaften verzeiht sie ihm, denn er ist es, der ihr das Leben zeigt. Aus heutiger Sicht ein eher unzumutbarer Zustand, doch befinden wir uns in den 20er Jahren des 20. Jahrhunderts.

Nach mehreren Schicksalsschlägen binnen weniger Jahre – die eine Schwester ertrinkt, eine andere begeht Selbstmord, der Vater stirbt – muss Muschelkalk auch ihren geliebten Joachim Ringelnatz ziehen lassen. Die Nazis hatten ihm Auftrittsverbot erteilt, die Einnahmen schwinden rapide. Ein Jahr nach der Machtergreifung Hitlers verstirbt Ringelnatz.

Muschelkalk hat zu diesem Zeitpunkt Kaiserreich, Krieg, Republik, Inflation und aufkommenden Nationalismus erlebt – immer starke Männer an ihrer Seite – da ist sie gerade mal Mitte dreißig. Kurz vor der Hälfte ihres Lebens.

Sie arbeitet in Berlin als Lektorin für Rowohlt, übersetzt Thomas Wolfe, zu dessen Ruf in Deutschland sie entscheidend beigetragen hat. Kurze Zeit später heiratet sie erneut. Julius Gescher, Arzt und Freund, der Ringel und Muschelkalk schon vor Jahren kennenlernte. Doch er überlebt den Krieg nur wenige Tage.

Den Nachlass von Joachim Ringelnatz verwalten, den Dichter nicht in Vergessenheit geraten lassen, wird ihre große Aufgabe. Immer wieder gibt es Ringelnatz-Abende und Neuauflagen mit seinen Werken. 1977 stirbt auch Leonharda Ringelnatz, geborene Pieper, Muschelkalk genannt. Sie wird im Grab ihres zweiten Mannes begraben. Ringelnatz‘ Grab ziert seit jeher eine Platte aus … Muschelkalk.

Barbara Hartlage-Laufenberg gibt der besseren Hälfte Ringelnatz‘ ein Gesicht und eine Stimme. Bis war sie unbekannt, selbst Wikipedia erwähnt sie nur im Zusammenhang mit anderen Artikeln. Sie war mehr als nur die Frau hinter dem großen Dichter. Ihr ist es zu großen Teilen zu verdanken, dass bis heute Ringelnatz-Abende veranstaltet werden und der Dichter hüben wie drüben nicht in Vergessenheit geraten ist.

Die geheimnisvolle Welt der Pilze

Die geheimnisvolleWelt der Pilze

Auch wenn dieses Buch für Kinder geschrieben ist, so ist es nicht allein nur für Kinder gemacht. Auch die Erwachsenen können – ja, sie sollten – dieses Buch in die Hand nehmen bevor es in die Pilze geht. „Das Natur-Mitmachbuch…“ heißt es im Untertitel. Eigene Aufzeichnungen und Bilder sind in diesem nicht nur willkommen, sie sind wichtig, um dieses Buch zu komplettieren. Ein unfertiges Buch? Nein, aber die eigenen Aufzeichnungen machen es erst zu einem wertvollen Nachschlagewerk, das jede Pilzsaison immer wieder zu Rate gezogen werden kann.

Pilze wachsen nicht in Konservendosen, sondern in der freien Natur – für viele die erste Erkenntnis. Gleich auf Seite Sechs ist der Leser zum ersten Mal gefragt. Wo wurden die ersten Pilze gefunden? Da viele Angst vor den schwer zuzuordnenden Pilzen haben, war es für die Autoren Frank Lüder wichtig diese Angst zu nehmen. Pilze kann man anfassen, essen nicht. Schon gar nicht roh!

Wer durch den Wald stromert, wird früher oder später auf den einen oder anderen Pilz stoßen. Was nun? Anschauen erwünscht. Anfassen – dass weiß der Leser ja schon – erlaubt. Abbrechen – muss nicht sein. In den Mund nehmen – bloß nicht, wenn man nicht weiß, welcher Art der Pilz angehört! Aufschreiben, wann und wo man den Pilz gefunden hat: Erwünscht!

Die detektivische Pilzreise trägt die ersten Früchte, wenn man liest, dass manche Pilze nur an bestimmten Bäumen leben können. Kleine Rätsel machen die Jagd zu einer echten Wissensreise. Die Lösungen gibt es am Ende des Buches.

Ein kleines Einmaleins der Speisepilze, den richtigen Umgang, Arten, Merkmale, Regeln beim Sammeln und viele andere Kriterien rund ums Pilzesammeln führen den Leser in die geheimnisvolle Welt der Pilze ein. Ob nun Groß oder Klein jeder wird mit jeder gelesenen Seit zum Experten. Immer wieder kann (und sollte) man eigene Entdeckungen niederschreiben. Wenn das Buch in der ersten Saison nicht vollständig wird, hat man in der Folgezeit immer wieder die Möglichkeit die Seiten zu vervollständigen.

Dieses Buch ist ein Buch für Generationen. Jede Aufzeichnung trägt dazu bei das angeeignete Wissen zu konservieren und auszubauen. Die zahllosen Abbildungen erlauben eine genaue Bestimmung und Einordnung der Funde. Und selbst, wenn man nicht die nötige Sorge walten ließ, gibt es in diesem Buch Hilfe unter anderem in Form von Links zum richtigen Verhalten bei Vergiftungen.

Schlangentanz – Reisen zu den Ursprüngen des Nuklearzeitalters

Schlangentanz

Wenn man eine Stadt oder eine Region mehrmals bereist hat, aber immer noch der Meinung ist Neues erleben zu können, dann ist es an der Zeit seine Urlaubsplanung thematisch auszurichten. Paris auf den Spuren Picassos. Oder Sizilien kulinarisch. Oder Belgien auf den Schlachtfeldern, ist ja gerade sehr angesagt. Doch wie plant man eine Reise in die Vergangenheit, zurück zu einem schrecklichen Ereignis? Zeitreisen sind und bleiben Phantasie.

„Schlangentanz“ ist real, Patrick Marnham auch. Und er macht eine Reise, die seit siebzig Jahren unternommen werden kann, auf die aber jeder Humanist gern verzichten kann: Eine Reise zu den Ursprüngen des Nuklearzeitalters. Oder zu den Wurzeln des Übels, den Atombombenabwürfen auf Hiroshima und Nagasaki.

Das Verblüffende ist, dass er nicht in Laboratorien seine Reise beginnt, oder mit Interviews mit Hinterbliebenen von Opfern und Wissenschaftlern, sondern in Belgien. Brüssel genauer gesagt. Im Justizpalast. König Leopold verleibte sich durch einen geschickten Schachzug Kongo ein. Belgisch-Kongo war jahrelang der dunkelste Ort auf Erden. Völkermord, gnadenlose Ausbeutung der Bodenschätze und ein nahezu rechtsfreier Raum entstanden. Hier wurde auch das Uran gefördert, das zu Forschungszwecken in die USA geliefert wurde und aus Angst vor dem „bösen Russen“ und den noch viel verachtenswerteren Naziregime in Deutschland die Grundlage der ersten beiden Atombomben diente. Das Ergebnis ist bekannt: Bis heute sind die Nachwirkungen von „Little Boy“ und „Fat man“ spürbar.

Die Reise führt ihn weiter nach New Mexico. Einen Staat, einer Region, dessen Geschichte auch nicht immer nicht immer von strahlender Zukunft geprägt war. Kriege, Massaker, Zankapfel zwischen Streitmächten gehören genauso zu New Mexico wie Jahrtausende alte Indianerkultur. Hier wurden die beiden Bomben mit den unverfänglichen Namen ersonnen.

Auf seiner Reise wird der Autor von vielen seiner Kollegen begleitet. Joseph Conrad und Aby Warburg waren genaue Beobachter der von ihnen besuchten Regionen und Kulturen. Conrad im Kongo, Warburg in New Mexico.

Ein weiterer Deutscher – Warburg war Deutscher, der Pole Conrad schipperte von England aus nach Afrika – Joseph Oppenheimer gehört zu illustren Reisegesellschaft. Als Vater der Atombombe sollte er in die Geschichte eingehen, ein Ruf, der ihn ein Leben lang anhaftete und der ihm nicht schmeckte.

Alles was mit Atom zusammenhängt, hat einen bitteren Beigeschmack. Hiroshima und Nagasaki sind Synonyme für die perfide Verwendung der im Grunde fortschrittlichen Entdeckungen. Wohl auch daher rührt die Angst vor dieser Technologie. Erst vor wenigen Jahren wurde es wieder einmal offensichtlich, dass Forschung und Fortschritt auch gravierende negative Nebenwirkungen haben: Fukushima. Bis in eine weit entfernte Zukunft wird dieser Fleck Erde nicht mehr zu besiedeln sein.

John Marnham ist nicht der Erste, der durch das Atomzeitalter reist. Viele haben sich versucht und sind daran zerbrochen. Marnham ist aber kein Forscher auf dem Gebiet der Nukleartechnologie, er ist Beobachter, Geschichte-Erzähler in der reinsten Form. Er wertet nicht, er beobachtet und notiert. Dem Leser wird eine neue Sichtweise auf das Thema Atom eröffnet. Spannend wie nie zuvor, einem Krimi gleich – Marnham hat unter anderem auch eine Biographie über Georges Simenon veröffentlicht – reist der Leser zu fremden Kulturen, in ferne Länder und durch die Labore der Welt.

Wiener Witz

Wiener Witz

 

Einen Hang zum Morbiden sagt man den Wienern nach. Todessehnsucht. Naja, so arg ist es dann doch nicht. Aber einen ganz eigenen Witz und Charme kann man den Bewohnern der österreichischen Hauptstadt nicht absprechen. Den Beweis liefert Richard Weihs mit seinen eintausenddreihundertdreiunddreißig Wuchteln. Achtung Wortspiel: Sie sind alle eine Wucht. Sie stammen nicht alle aus der Feder des Autors, er hat sie gesammelt und für alle Wiener und Wienbesucher in diesem Buch vereint.

Dieses Buch ist eine langwierige Aufgabe. Denn alle Seiten komplett und auf einmal zu lesen, würde dann doch jedes Zwerchfell zum Bersten bringen. Immer stückchenweise, maximal eine Seite pro Tag. Dann ist man auf der sicheren Seite, wenn beim Heurigen gefrotzelt wird: „A so a hundsgemeiner Hundling, des Hundstuttl, des hundsordinäre!“. Oder man hält es mit Georg Kreissler: Wenn einer fragt, was denn heute noch so ansteht, kann man – mit Wiener Zungenschlag am besten mit „Geh’n mer Tauben vergiften im Park“ kontern. Bitte nur als Zitat verwenden!

Witz, also das Wort Witz, bedeutet im Wienerischen nicht zwangsläufig einen Schenkelklopfer, vielmehr ist es ein anderes Wort für Frechheit. Wer also WitzE erwartet, kann seine Erwartungen gleich auf dem Zentralfriedhof begraben. Wer aufmerksam liest, kommt schnell dahinter was sich hinter dem Schmäh, den man den Wienern nachsagt, verbirgt. Wer sich „Wiener Witz“ zulegt, bekommt einen echten Ratgeber für Wiener Umgangsformen. Doch sollte man es nicht übertreiben! Wer permanent mit Sprüchen um sich wirft, könnte in den Verdacht des Anbiederns kommen. Und dann haben die Wiener Sprüche drauf, bei denen jedem Touristen die Ohren schlackern werden. „Er hot vü mitgmocht – owa do kummt a nimma mit!“, versteht jeder und ist wohl eher noch die harmlose Variante der dann folgenden Tiraden. Dieses kleine Büchlein ist als Ergänzung zur Vorbereitungslektüre auf die Donaumetropole zu verstehen. Ein Leckerli zum gebundenen Infopaket. Immer wieder gern kramt es heraus und amüsiert sich über die Sprüche. Diese sind zweisprachig abgedruckt: Einmal im Original, und einmal auf Hochdeutsch. Das versteht dann wirklich jeder!