Chamäleon Cacho

Chamäleon Chaco

Um es gleich vorweg zu nehmen: Dieses Buch ist kein Leichtgewicht! Obwohl kurz an Seiten, birgt es eine Fülle an Verwirrung wie kaum ein anderes Werk.

Manuel Carraspique liegt im Krankenhaus. Er hatte einen Unfall, zu tief ins Glas geguckt. Nun liegt er hier irgendwo in den Weiten Argentiniens im Spital. Er kann sich kaum bewegen, reden kann er. Auch denken. Und diese Fähigkeit wird er auch brauchen, um die Geschehnisse der nächsten Tage verarbeiten zu können.

Die Ärzte schauen nach ihm, die Schwestern, die er kaum voneinander unterscheiden kann, sind fürsorglich, die Polizisten zu neugierig, die Presse zu aufdringlich. Die Presse, seine Kollegen. Manuel ist auch Journalist. Zurzeit jedoch ist der Erfolg überschaubar. Ein Scoop, ein Knüller, könnte ihn aus der Misere befreien.

Im nachbarbett liegt auch schon einer, der ihm einen Ausweg zeigen könnte. Márquez, Prudencio Márquez, liegt neben ihm. Die beiden kommen ins Gespräch. Das heißt, Prudencio spricht, Manuel reagiert und … ist verwirrt. Dieser Typ da neben ihm, scheint allerhand erlebt zu haben. Und jedes Mal, wenn er zum Sprechen ansetzt, kommt eine neue Geschichte zum Vorschein. Sie handeln in der Endkonsequenz alles von einem Mann oder Wesen: Cacho. Einem echten Chamäleon. Cacho nimmt viele Gestalten an. Drogendealer, Bibelverkäufer, General. In Manuels Kopf hämmert es unaufhörlich.

Raúl Argemí taucht mit dem Leser ein in die Welten zwischen den Welten. Das Chamäleon ist sympathisch, oder doch nicht? Ist es ein gewissenloser Killer? Oder ein Opfer? Wer meint, dass die 160 Seiten mal schnell zwischendurch zu lesen seine, irrt gewaltig. Immer wieder blättert man zurück, um sich zu vergewissern, auch nichts verpasst zu haben. Keine leichte Kost, so unfassbar spannend, dass man am Ende sich wünscht es noch einmal so unvoreingenommen lesen zu können.

Die Bilderwelt von Lascaux

Die Bilderwelt von Lascaux

Zuerst malen wir das, was uns möglich ist. Dann das, was wir sehen. Nur wenigen ist es vergönnt ihre Beobachtungen und ihre Phantasien in Bildern auszudrücken. Die Bilderwelt von Lascaux ist eine der ersten Galerien der Welt, und die Künstler bekommen nicht mal Tantiemen. Und zu besuchen sind die Originale auch nicht. Denn durch die ausgeatmete Luft der Besucher würden die Exponate leiden und letztendlich auf Nimmerwiedersehen verschwinden.

Ein trauriges Schicksal, dass durch Lascaux II, den originalgetreuen Nachbau nur wenige hundert Meter von der eigentlichen Höhle, kompensiert wird. Nur wenige Jahre nach ihrer Entdeckung und Erschließung wurden das Höhlenmuseum wieder geschlossen, weil sich Algen und Schimmel gebildet hatten.

Vor rund 15.000 Jahren entstanden in einer Höhle im Tal der Vézére in der Dordogne diese detailreichen Abbildungen des Alltags des so genannten Cro Magnon Menschen, ein Begriff, den nur die europäische Wissenschaft benutzt. Anhand der Kunstfertigkeit werden sie als moderne Menschen bezeichnet. Moderne Kunst unter der Erde!

Iris Newton geht den Ursprüngen auf den Grund, deutet die Malereien, versucht Techniken und Hilfsmitteln zu ergründen und macht die Bedeutung der Höhlen deutlich. Sie geht einer ganzen Epoche auf den Grund, setzt das Vorhandene in den richtigen Kontext. Die Höhlen im Original zu betrachten, ist lediglich Forschern vorbehalten. Doch seit über dreißig Jahren Besucher die Möglichkeit die exakte Kopie zu besichtigen. Die Abbildungen zeigen Wildtiere, die es zum Teil heute gar nicht mehr gibt. Ur, Damhirsche und Höhlenlöwen sind derart lebendig abgebildet, dass man sich wie im 3D-Film fühlt.

Heute ist die Forschung so weit, dass man die verwendeten Materialien bestimmen kann, weiß woher sie kamen. Die einzigen Fragen, die nicht beantwortet werden können, sind die nach dem warum und wer sie gemalt hatte. Signaturen gab es damals noch nicht. So kann jeder, der die Höhlen besucht sich seine eigene Geschichte zur Geschichte zusammenreimen. Oder er liest dieses Buch! Die Autorin schafft es in eindringlichen Sätzen ihre Begeisterung in allgemein verständliche Leidenschaft umzusetzen. Für alle, denen Pleistozän, Holozän, Kaltzeiten, Magdalénien und andere Fachbegriffe nicht so geläufig sind, findet auf den letzten Seiten eine sehr aufschlussreiche Einordnung, zu der man anfangs des Öfteren hinblättert. Doch schon nach wenigen Seiten fühlt man sich zuhause in der Welt der Wissenschaft. Zur Entspannung beim Lesen – das Buch ist eben kein Roman, sondern ein Sachbuch – tragen die zahlreichen Abbildungen bei, oft erstrecken sie sich über eine Doppelseite.

Algier-Trilogie: Morituri – Doppelweiß – Herbst der Chimären

Morituri - Doppelweiß - Herbst der Chimären

Morituri

Kommissar Brahim Llob ist ein Schnüffler wie man ihn sich wünscht, wenn man Hilfe braucht. Er ist der ärgste Feind, wenn er einen am Beinkleid zerrt. Der Freund, auf den man immer zählen kann, mit dem man auch mal etwas derbere Scherze macht. Der Feind, den man nicht einschätzen kann, der aufmüpfig ist, die Meinung (manchmal auch die Faust) ungefiltert entgegen schleudert. Korruption überlässt er generös den Anderen.

Und nun soll ausgerechnet dieser Mann, dem Anbiedern ein Graus ist, dem großen Ghoul Malik, einer Ikone der Vetternwirtschaft Algiers und ganz Algeriens, zu Diensten sein? Dessen Tochter Sabrine ist seit Wochen verschwunden. Der Ruf als exzellente Spürnase eilt Llob voraus. Nun ja, es ist sein Job Leute wieder aufzuspüren. Doch bitte schön, auf seine Art.

Doch das ist nicht der einzige Fall, an dem er arbeitet. Ein Komiker, der erpresst wird, fällt genauso einem Anschlag zum Opfer wie einige andere Verdächtige. Ein Club, der sich als Bordell herausstellt. Eine mögliche Verbündete segnet das Zeitliche. Und mittendrin Brahim Llob.Die Mörder machen auch vor der Polizei nicht halt. Ein Teammitglied wird ermordet.

Die Mächtigen des Landes haben überall ihre Finger im Spiel. Sie berufen sich auf ihre Ruhmestaten während des Befreiungskrieges, geiseln aber ihre Heimat, um die sie einst kämpften (zumindest gaben sie es vor), wie es nie zuvor der Fall war. Dass er aufpassen muss, weiß Llob seit Jahren. Er ist der Bulle. Viele würden ihn lieber heute als morgen tot sehen. So ist jeder Tag ein Geschenk für ihn. Schmeicheleien perlen an ihm ab. Einflussnahme riecht er schon lange bevor sie sein Ohr erreicht. Sarkasmus lässt ihn die auferlegte Untätigkeit und die Korruption im Lande ertragen.

Kommissar Llob schlägt sich durchs Leben. Nicht mal mehr oder weniger gut, sondern immer wieder, tagein, tagaus. Er verzweifelt nicht an den oft so aussichtslosen Situationen. Er sucht sich dann eben ein Schlupfloch, durch das er entschwinden kann, um der Gerechtigkeit zum Sieg zu verhelfen. Dass er dazu auch manchmal über die Stränge schlägt, macht ihn sympathisch. Und letzten Endes findet er, was er sucht. Die Auflösung des Falles ist in „Morituri“ ein gelungenes Happy end für den Leser und Genugtuung für den schreibenden Kommissar.

 

 

Doppelweiß

Das Schreiben ist für Brahim Llob mehr als nur ein bloßer Zeitvertreib. Seine Bücher werden ja schließlich auch gelesen. Unter anderem von Ben Ouda. Der arbeitete sich einst vom armen Bauernjungen zum erfolgreichen Diplomaten hoch. Er war so erfolgreich, dass man ihm einst mit übler Nachrede das Leben mehr als schwer machte. Damals, da war Kommissar Llob noch nicht Kommissar. Irgendwo im Nirgendwo versah er seinen Dienst. Und er hielt große Stücke auf Ben Ouda. Denn der Intellektuelle schien die richtigen Ideen für die Entwicklung Algeriens parat zu halten. Doch dann trennten sich ihre Wege. Llob ging nach Algier, wurde Kommissar. Ouda stieg immer weiter auf und wurde … am auffälligsten … fett. Doch seine Ideen keimten immer noch. Die beiden treffen sich. Ouda kann sich beim besten Willen nicht an den jungen Llob erinnern und schon gar nicht an dessen Heldentaten. So philosophieren die beiden. Bis Ouda endlich mit der Sprache rausrückt und dem sich fragenden Llob den Grund ihres Zusammentreffens mitteilt. Er will mit Llobs Hilfe ein Buch schreiben, in er große gesellschaftliche Veränderungen vorstellen möchte. Auch hat er geheime Papiere. Llob will es sich überlegen.

Doch zu lange. Denn schon bald ist Ouda tot. Nachdem das Team um einen Ermittler dezimiert wurde, kommt eine echte Verstärkung zu Llob und seinem Leutnant Lino: Ewegh Seddig, ein Hüne, ein Schrank von einem Kerl. Und er weiß um seine (Schlag-)Wirkung… das Trio ermittelt und stößt relativ schnell auf den Namen Dahmane Faïd. Der hat es geschafft in all den Jahren nach der Befreiung Geld und Macht im Überfluss anzuhäufen. Der schienbare Sozialismus Algeriens kam ihm dabei anfangs entgegen, später musste er sich Verbündete suchen. Faïd gehört zu der Sorte Menschen, mit denen sich Llob besonders gern anlegt. Typen, die meinen alles und jeden kaufen zu können. Leider gibt ihnen die Realität oft genug recht. Doch Llob ist da anders.

Günstlingswirtschaft und Bereicherung am Reichtum des Volkes – stehen im Fokus von „Doppelweiß“. Das alles scheint so weit weg, in einem Land, das so gut wie gar nicht in den Medien auftaucht. Doch schon beim Lesen tauchen erste Parallelen zur Gegenwart auf. Machtgierige Geier, die sich allen Richtungswechseln zum Trotz mehr als lebensnotwendig über Wasser gehalten haben und immer und überall ihre Finger im Spiel haben. Ein perfider Plan zum Umsturz der Gesellschaft ohne Folgen für diejenigen, die daran so gar kein Interesse haben, bildet den Auftakt zu einer Mordserie, bei der es letztendlich keinen Gewinner gibt. Aber Einen, der das Rätsel löst.

 

Herbst der Chimären

Man hätte es ahnen können, vielleicht sogar müssen: Ein schreibender Kommissar, der die Missstände im Land anprangert – das kann nicht lange gutgehen. Und wird ihm, Brahim Llob, eines seiner Werke zum Verhängnis und der Gang zum obersten Chef zu seinem Letzten. Die Dienstmarke ist futsch. Aus und vorbei der ewige Kampf um Ordnung auf den Straßen Algiers. Vorbei der Kampf für die Gerechtigkeit. Haben die Oberen gesiegt? Die Schlacht vielleicht…

Beim Besuch seines Freundes Arezki Naït-Wali, einem Intellektuellen, wird es ihm klar: Die, die sich Gedanken machen, sind Fluch und Segen zugleich. Ein Segen für jedes Land und jede Gesellschaft, die sie analysieren und verbessern wollen. Fluch für diejenigen, die das zu verhindern wissen. Denn Veränderungen ohne deren Einflussnahme ist keine gute Veränderung. So einfach ist die Welt!

„Herbst der Chimären“ gerät zu einer Art Abrechnung und Abgesang auf die Hoffnung für ein friedliches und lebenswertes Algerien. Die religiösen Fanatiker sind zum Spielball von denen geworden, denen sie nützlich sind: Finanz-Mafia, -Haie, -Jongleure wie auch immer man sie nennen mag.

Wem es nicht schon zuvor aufgefallen war: Brahim Llob ist Yasmina Khadra und die / der ist Mohammed Moulessehoul. Als hoher Offizier in der algerischen Armee hatte er schon Bücher in seinem Heimatland veröffentlicht. Doch mit der Algier Trilogie konnte er unmöglich in Algerien unter seinem eigenen Namen in Erscheinung treten. Seine Frau (Llobs Ehefrau heißt Mina) stellte ihm ihren Namen zur Verfügung, um der Nachwelt ein Zeugnis über den Bürgerkrieg in Algerien in der 1990er Jahren hinterlassen zu können. Ihr und ihrem Mann ist es zu verdanken, dass man heute so detailliert über diesen Krieg, der mehr als einhunderttausend Opfer forderte, Bescheid weiß.

Das Rätsel von Paris

Das Rätsel von Paris

Die Weltausstellung 1889 war nicht nur wegen des eigens dafür errichteten Eiffelturms eine Sensation, sondern auch deswegen, dass sie bis heute nachwirkt. Denn zu eben dieser Weltausstellung wollen sich erstmals die Zwölf Detektive treffen. Leider kann der Initiator Renato Craig aus Buenos Aires nicht persönlich anreisen. Er schickt dafür seinen Adlatus Sigmundo Salvatrio.

Sigmundo ist der Sohn eines Schuhmachers, der f eine Zeitungsannonce hin bei dem großen Detektiv meldet. Dieser will sein Wissen weiterreichen, denn er spürt, dass die Zeit gekommen ist abzutreten. Zwanzig wissbegierige junge Männer machen sich munter daran den Meister nicht zu enttäuschen. Doch nur einer scheint das Rennen machen zu können. Sozusagen als Abschlussprüfung sollen sie dem Magier Kalídan das Handwerk legen. Denn in jeder Stadt, in der er auftrat, verschwanden junge Frauen. So auch dieses Mal. Einer der Schützlinge schafft es sich als Assistent in die Show einzuschleichen. Keine gute Idee. Denn der Magier kommt ihm auf die Schliche und das war’s. Der erfolgversprechendste und von allen am meisten beneidete Kandidat ist tot.

Nach einigem Zögern nimmt Sigmundo das Angebot an und reist nach Paris, um am Treffen mit Arzaky, Magrelli, Lawson, Hatter, Darbon, Madorakis, Rojo, Zagala, Novarius, Castelvetia und Sakawa teilzunehmen. Eine auserlesene Mischung von gescheiten Köpfen, von London bis Tokio, von Amsterdam bis Madrid.

Ein echter Abenteuerroman für große Jungens scheint dieser Detektivroman zu werden. Pablo de Santis macht sich einen Riesenspaß daraus die grauen Zellen der Helden und des Lesers zum Hüpfen zu bringen. Es klingt anfangs wie der Beginn eines typischen Detektivromans mit all seinen Klischees. Ein Dutzend Detektive, aus aller Welt, dann sind es nur noch elf usw. Doch Pablo de Santis beherrscht die Klaviatur des Bösen und der Ironie meisterhaft. Alle Detektive haben einen Assistenten. Außer Arzaky, dessen Schatten ist erkrankt. Und Castelvetias Helfer wurde noch von keinem einzigen gesichtet. Craig kann gar nicht erst kommen und schickt daher Sigmundo. Bei einem Treffen der ergehen sich die Detektive in Selbstbeweihräucherung. Jeder gibt seine besten Fälle zum Besten. Fälle, die sich – natürlich – allesamt gelöst haben! Dann ist auf einmal Darbon tot. Vom Eiffelturm gestürzt … worden. Arzaky bittet Sigmundo sein Assistent zu sein. Dabei scheint Arzaky derjenige zu sein, der am meisten vom Tode des Pariser Detektives profitiert. Denn nun ist er der Detektiv von Paris. Dazu muss er allerdings das Rätsel von Paris lösen.

Und dieses ist ein köstliches Lesevergnügen. Nicht nur für großes Jungens! Alle Spürnasen haben eine besondere Methode ihre Fälle zu lösen. Lawson aus London, beispielsweise, hat ein Gerät, um auch im Nebel zu sehen. Und der Nürnberger Hatter hat ein Spielzeug (!) entwickelt. Wer in der Welt der Krimis, der klassischen Krimis zu Hause ist, wird hier aus dem Lachen (vor Freude) nicht mehr raus kommen. Wer selbst gern Rätsel löst, braucht Grips und Durchhaltevermögen, gepaart mit einer Portion Organisationstalent. Wer sich an wohl formulierten Sätzen erfreuen kann, dem wird „Das Rätsel von Paris“ dazu verleiten im Bücherregal einen Ehrenplatz für dieses Buch freizuräumen.

Gebrauchsanweisung für Zürich

Gebrauchsanweisung für Zürich

Den Ruf als teuerste Stadt der Welt hat Zürich verloren. Den Ruf als eine der schönsten, lebenswertesten nicht. Wie auch, wenn es solche Bücher über die Stadt gibt?! Milena Moser ist hier geboren und aufgewachsen. Mittlerweile liegt ihr Lebensmittelpunkt woanders, doch immer wieder zieht es sie für mehrere Wochen in ihr Zürich zurück. Es ist dann jedes Mal wie der Besuch bei Tante Turica. Allgemein ist Zürich wie Tante Turica, so der alte Name der Stadt.

Und nun darf sich der Leser zurücklehnen und den Besuchen bei der Tante lauschen. Hinhören, ausgiebig schwelgen, vom Reisefieber gepackt werden ausdrücklich erwünscht. Jeder einzelnen Zeile merkt man die Liebe der Autorin zu ihrer Heimatstadt an. Dabei sieht sie aber nicht nur die Dinge, die „man gesehen haben muss“, immer noch kritisch, mit den Augen einer Außenstehenden mit Insiderwissen verführt sie den Leser Zürich zu entdecken.

Klar, Zürich ist teuer. Doch muss man ja nicht immer gleich einen Schtutz oder mehrere rausblasen, um eine Stadt zu genießen. Schtutz sagen die Einheimischen zu ihrer Währung. Wer Fränkli sagt, gibt sofort seine Herkunft preis. Milena Mosers Reise beginnt am Bahnhof. Wie in vielen Großstädten der Sammelpunkt für alle, die irgendwie irgendwelchen Träumen nachhängen. Ein Sammelbecken der Nonkonformierten. Über die Bahnhofstraße, dem Konsum-Mekka, gelangt sie zum See, dem Herzen der Stadt. Und damit ist die Stadt schon erstklassig beschrieben. Hier liegt das komplette Spektrum der Träume auf engstem Raum.

Als Leser hat man nun zwei Möglichkeiten: Weiterlesen und sich nach der Stadt verzehren oder Koffer packen, Buch einstecken und ab an die Limmat. Selbst die oft lieblos beschriebene Geschichte einer Stadt, gerät bei Milena Moser zu einer launischen Anekdote. Mit allem, was dazu gehört: Abgeschlagene Köpfe, wehrhafte Ritter und der Wankelmut der Züricher. Ja, die Autorin blickt nicht durch die rosarote Brille auf ihre Geburtsstadt. Als Gast fallen einem nur die Ergebnisse auf. Der steinige Weg mit all seinen Schikanen, Haken und Ösen bleibt den Stadtbewohnern vorbehalten. Das ändert dieses Buch. Erst mal dagegen sein, scheint das Credo der Züricher sein. Dass es dann doch mit dem einen oder anderen Projekt klappt, freut schlussendlich auch die anfänglichen Skeptiker.

Zürich gibt sich nicht gern preis. Jeder Besucher muss für sich selbst entscheiden wie er die Stadt sich aufnehmen lässt. Klischees sind dazu da auf sich aufmerksam zu machen. Bücher wie die „Gebrauchsanweisung für Zürich“ sind dazu da die Seele einer Stadt zu absorbieren und einen Aufenthalt so angenehm wie möglich zu gestalten. Es gibt keinen besseren Stadtführer als Milena Moser. Sie verrät nicht nur zwischen den Zeilen, was Zürich so lebenswert macht und wie man es „gebraucht“.

Die Straße der Pfirsiche

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Es hätte keinen besseren Veröffentlichungszeitpunkt für diese Geschichte geben können: Draußen türmen sich die Wolken zu einem fast undurchdringlichen Dickicht auf, das nur sporadisch und gefiltert das Sonnenlicht durchlässt. Im Sommer 1920, auf einer Strecke von über eintausend Meilen (laut google maps heute in ca. sechzehn Stunden zu bewältigen), mit einer Rostlaube als Gefährt, war die Sonne nicht der einzige erhellende Punkt im Leben von F. Scott Fitzgerald und seiner frisch Angetrauten Zelda.

Das Glamourpaar, seine großen Erfolge liegen noch vor ihm, fasst spontan den Entschluss nach Alabama zu fahren. Hier, wo er einst stationiert war, seine Zelda kennenlernte, werden die leckeren Biscuits gebacken. Es duftet nach Pfirsichen. Ein unstillbarer Hunger überkommt sie. Und der muss gestillt werden. Alle Spottrufen zum Trotz ihr Auto werde eh nicht bis ans Reiseziel durchhalten, macht sich das exaltierte Paar auf die Reise.

Bei alle den Querelen, die ihnen der Wagen macht – Reifenplatzer, ein abfallendes Rad, defekte Bremse – findet Fitzgerald immer noch Zeit der Landschaft seinen literarischen Stempel aufzudrücken. Die Reise ist Road trip und Abenteuer in einem. Links und rechts hat das Ehepaar Fitzgerald noch Zeit und Muse die Landschaft zu bestaunen, andererseits fährt immer die Angst mit es nicht bis Alabama zu schaffen und Zeldas Familie zu überraschen. Und die köstlichen Biscuits mit Pfirsichen zu genießen.

Doch der Expenso, ihr rolling junk chauffiert die beiden bis ans Ziel, wenn auch mit letzter Kraft. Doch dann die Überraschung …

„Die Straße der Pfirsiche“ liest sich hintereinander weg. Zwei, die ihren Ruhm in vollen Zügen genießen, das einfach Leben einfach nicht zu händeln wissen. Selbst ein simpler Radwechsel gerät zum Ereignis. Die Sprachgewalt täuscht über so manchen Mangel hinweg. Der Leser muss schmunzeln, wenn die Weiterfahrt an einer Werbemarkierung auf der Karte scheitert, an den neuralgischen Punkten klebt Werbung statt die Richtung erkennbar zu machen.

In einer Zeit, in der Prominente jeder Kategorie auf roten Teppichen mit ihren Schwächen laut kichernd kokettieren, scheint diese Geschichte so zeitlos und zeitgemäß wie kaum zuvor. Fitzgerald verarbeitet in dieser Geschichte von 1922 seine Eindrücke einer Sommerreise zwei Jahre zuvor. Bis auf das Ende und einige Übertreibungen ist alles so passiert.

Und der Engel spielt dein Lied

Und der Engel spielt dein Lied

Ein paar Drogen von Chile nach Argentinien schaffen, lautet der Auftrag für El Negro. Polaco hat ihm diese leichte Aufgabe übertragen. Das Militär hat in dieser Gegend seine Aktivitäten fast eingestellt, die Polizei wird in eine andere Richtung schauen. Leicht verdientes Geld, denkt sich El Negro. Alles ganz einfach. Die die Wagen, vollgestopft mit der gewinnbringenden Ware, erreichen nicht wie geplant ihr Ziel.

El Negro muss eine Zwangspause einlegen. Die Zeit mit Irma wird ihm die Zeit versüßen. Das Prachtweib wickelt ihn um den kleinen Finger, anfangs wehrt er sich noch.

Raúl Argemí spielt mit seinen Helden eine perfekte Partitur des Ungewissen. Wer mit wem, wofür, gegen wen, warum – der Leser wird durch die Zeitebenen gejagt, dass er bald schon gar nicht mehr weiß, wem seine Sympathien gelten sollen. Argentinien ist zu dieser Zeit ein Land non grata. Die Fußball-WM, bei der der Gastgeber erstmals als Sieger hervorgehen wird, lässt erstmals ein wenig Hoffnung aufkeimen. Doch es lähmt auch das Land. Alle sind im Fußballfieber. Ganoven, Gangster, Kriminelle verbünden sich in diesem Buch mit den Machthabern. Wer auch nur einen Funken Hoffnung sieht, den Repressalien zu entkommen, und vielleicht den einen oder anderen Peso in die eigene Tasche zu wirtschaften, vergisst die Gräueltaten der Junta.

Polaco ist ein Schlitzohr und El Negro ist ihm ausgeliefert. Irma hingegen schwebt im rechtsfreien Raum über den beiden Kampfhähnen. Sie weiß um ihre Reize, die sie gewinnbringend einsetzt.

Polaco und El Negro stehen sich dann doch noch einmal gegenüber. El Negro hat ein paar im Gefängnis verbracht. Er wurde verraten. Polaco versichert ihm, dass er nicht die Ratte gewesen sei. Die haben vieles gemeinsam erlebt. Der Drogenschmuggel, der Münzschwindel mit den goldenen Münzen… Die Zeit der Rachegedanken und des Hasses ist vorbei. Showdown oder Vergebung? Der letzte Akt oder ein neuer Versuch? Beide sind älter geworden. Das Leben hat seine Spuren in und an ihnen hinterlassen.

Der Leser muss sich anstrengen, um hinter das Geheimnis von Polaco und El Negro zu geraten. Ein, wenn nicht der Schlüssel ist die Person, die beide miteinander verbindet. Irma!

50 Dinge, die ein Wiener getan haben muss

50 Dinge die ein Wiener getan haben muss

Sich einmal so fühlen wie ein Wiener, die Stadt genauso gut kennen wie die Bewohner der Stadt an der Donau. Als Tourist hat man meist nur das im Auge, was Prospekte groß ankündigen: Hofburg, Kunsthistorisches und Stephansdom. Doch selbst die Wiener kennen ihre Stadt meist nicht so gut wie man meint.

Bleiben wir beim allgemein sichtbaren Wahrzeichen der Stadt, dem Steffl, oder Stephansdom. Ein imposantes Gebäude, ohne Zweifel. Von da aus die der Stadt „auf den Kopf spucken“, ist nur wenigen vorbehalten. Arbeitern, die das Dach instandhalten, zum Beispiel. Nicht nur. Denn in den Sommermonaten, samstags, ab 19 Uhr, bei schönem Wetter, kann man den Dachboden besichtigen und … in der Dachrinne „spazieren gehen“. Ja, das geht tatsächlich! Die Rinne ist kein handelsübliches Blech von ein paar Zentimetern Breite, einen halben Meter ist sie breit. Damit nichts passiert, ist sie mit Balustrade umzäunt. Zehn Euro kostet das einzigartige Vergnügen, das selbst nur wenige Wiener überhaupt kennen. Dieser Geheimtipp bildet den Auftakt zu neunundvierzig weiteren Dingen, die man in Wien erleben kann. Egal, ob man nun Einheimischer oder Gast ist. Und was für Wiener gut ist, muss für die Besucher der Stadt ja nicht schlecht sein.

Die Autoren Alexandra Gruber und Marliese Mendel geben dem Begriff „Geheimtipp“ einen ganz besonderen Glanz. Die kokettieren nicht mit dem abgedroschenen Klischee des Geheimtipps, sie zeigen sie auf, führen den Leser an sie heran und können sich der ewigen Dankbarkeit der Leser sicher sein.

Wer durch Wien schlendert – hetzen ist keine gute Idee in einer Stadt, die derart viel Kultur zu bieten hat – hat sie bestimmt schon bemerkt: Die Schlange vor der Staatsoper. Meist schon in den frühen Morgenstunden. Und das fast täglich in der Saison von September bis Juni. Klar, die stehen alle nach Karten an. Und jeder bekommt nur eine. Warum? Sie warten auf Stehplatzkarten. Die kosten nur ein paar Euro und garantieren Operngenuss auf höchstem Niveau. Wer eine Karte ergattert hat, stellt sich gleich in der nächsten Schlange an. Denn es geht bald los.

Unterirdisch, ebenerdig und überirdisch sind die Tipps, die in diesem Buch dem Leser offeriert werden. Selbst bei dem eher nicht so preiswerten Julius Meinl, einem der edelsten Kalorientempel Wiens, kann man sich mit einem nicht ganz so prall gefüllten Geldbeutel kulinarisch verwöhnen lassen.

Ein Teil des Autorenhonorars wird an das unbegleitete Mädchen im Haus Ottakring gespendet, einer Einrichtung für Mädchen im Alter von 14 bis 18 Jahren, die ohne Eltern auf der Flucht waren.

Susana – Requiem für die Seele einer Frau

Susana

Pater Antonio muss sich in seiner kleinen Gemeinde irgendwo im Argentinien der Schreckensherrschaft des Militärs um seine Schäfchen kümmern. Es ist nicht das Argentinien ausgelassener Fußballfeste, auch nicht das Argentinien melancholischen Tangos. Es ist das Argentinien, indem jeder jedem misstraut, Menschen grund- und spurlos verschwinden. Sein Vorgesetzten und Kollegen raten ihm fortwährend, dass es sich nicht lohnt sich mit den Oberen anzulegen.

Eines Tages – wieder einer, an denen er die Predigt las, mehr nicht – fällt ihm eine junge Frau auf. Er kennt sie nicht, doch sie scheint ihn zu kennen. Nach langem Zögern – sie weiß nicht, ob er der Gesuchte ist, und er weiß nicht, ob er ihr vertrauen kann – übergibt sie ihm eine Schachtel. Dann ist sie fort. Verschwunden in der Staubwolke eines Fahrzeugs. Zögerlich öffnet er die Schachtel. In ihr liegen zusammengeknüllte Zettel, ohne jede Ordnung. Nach und nach setzt er die Puzzleteile zusammen. Die Wortfetzen lösen in ihm blankes Entsetzen aus. Er beginnt die Zettel zu ordnen. Es ist das Tagebuch von Susana. Sie wurde eines Morgens ohne Ankündigung aus dem elterlichen Haus gezerrt, verschleppt, vergewaltigt, bestialisch gefoltert und … da die Notizen eines Tages abrupt abbrechen, aller Wahrscheinlichkeit ermordet.

Der Pater sieht seine Arbeit unweigerlich nicht mehr nur als pure Seelsorge an. Die Aufzeichnungen, die er abschreibt und so für die Nachwelt erhalten will, politisieren ihn zusehends. Er muss erkennen, dass er die Autorin kennt und fragt sich, ob er ihr Schicksal positiv hätte beeinflussen können. Immer öfter plagen ihn die Gedanken an das, was er möglicherweise verhindern konnte. Schweißgebadet wacht er nachts auf.

Omar Rivabella schreibt über das düsterste Zeitalter argentinischer Geschichte. Unter General Videla und der Militärjunta wurden innerhalb von wenigen Jahren zehntausende Menschen verschleppt und auf Nimmerwiedersehen verscharrt. Bis heute demonstrieren die Madres de Plaza de Mayo, damit die Namen ihrer Kinder nicht vergessen werden. Die Zerrissenheit des Paters ist exemplarisch für Millionen von Argentiniern, die während der Diktatur Vermutungen hatten, aber keine Möglichkeit sahen ihr Wissen kund zu tun. Die Schergen der Junta konnten plötzlich in der Tür stehen und Tragödien unermesslichen Ausmaßes anrichten. Doch es gab auch Lichtblicke wie sie Susana erlebte. Einer der Wächter war mitverantwortlich, dass ihre Aufzeichnungen nach draußen gelangten.

„Susana – Requiem für die Seele einer Frau“ ist von solch beklemmender Nüchternheit, schonungslos und erbarmungswürdig, dass es einem schon ab den ersten Seiten die Kehle zuschnürt.

CityTrip Danzig

Danzig

Wer Richtung Osten reist, wird jedes Jahr aufs Neue überrascht wie schnell sich Städte und Umland verändern. Danzig war nach der Wende eine der ersten Städte, die man wegen ihrer geografischen Nähe unter die Lupe genommen hat. Hier wurde schon immer Geschichte geschrieben, die über die Grenzen hinaus ihre Wirkung zeigte. Danziger Werft, Westerplatte und der Dom gehören zum festen Programm einer jeden Stadterkundung. Doch darüber hinaus hat die Stadt an der Ostsee noch eine ganze Menge mehr zu bieten. Mehr und Meer!

Der Reiseband beginnt gleich mit den wichtigsten Informationen für alle, die nur mal eben schnell die Stadt besuchen. Drei Tage sind nicht viel für Danzig. Deshalb ist es umso wichtiger nichts auszulassen. Ein farbig unterlegter Kasten zeigt an, was es nur hier und nirgendwo anders gibt. Bernstein ist eines der unerlässlichen Mitbringsel, die ins Reisegepäck gehören. Wer zuvor das Bernsteinobjektiv und den Bernsteinaltar bewundert hat, ist sofort in den Bann gezogen. Wer sich ihm doch entziehen kann, hat dieses Buch auch einige Tipps parat, um echtes Danziger Flair für die Daheimgebliebenen sich einpacken zu lassen. Am bekanntesten dürfte wohl das Danziger Goldwasser sein.

Die Autoren Anna Blixa und Martin Brand machen es dem Neugierigen nicht einfach die Stadt zu erkunden. Soll man als Genießer, als Kauflustiger oder Kunstsinniger Danzig entdecken? Auf jeden Fall ist man gut beraten dieses Buch immer dabei zu haben. Von Tipps für die typisch polnische Einkehr über erholsame grüne Oasen bis hin zur geruhsamen Nacht haben die beiden alles recherchiert, was man benötigt, um in Danzig die schönste Zeit des Jahres zu verbringen, egal wie lange sie nun dauert.

Die Ostseelage bietet es geradezu an, dass man auch auf dem Seeweg die Stadt in den Fokus rückt. Oder sich umgekehrt den Seeblick am frühen Morgen gönnt. Extratipps befinden sich in den einzelnen Kapiteln und sind gelb unterlegt.

Beim ausgiebigen Frühstück (mit Seeblick natürlich, am besten im Restauracja Cała Naprzód, gefunden auf Seite 43) kann man dann im Buch blättern und mit dem beiliegenden herausnehmbaren Stadtplan die Route für den Tag festlegen. Das handliche Buch gehört einfach ins Ausflugsgepäck. Er passt locker in die Gesäßtasche und ist so immer zur Hand. Praktische Tipps und Hinweise auf die Besonderheiten der Stadt lassen es allerdings kaum zu ihn zu verstauen. Es gibt so viel, was es zu entdecken gibt. Die kurzen Texte geben die Richtung vor, schauen muss man schon selber. Und staunen!

Wer doch nicht auf die elektronische Handfessel verzichten will, kann über den abgedruckten QR-Code den Mini-Audiotrainer verwenden, Danzig von oben betrachten, die Routenführung planen und Infos erhalten, die bei Redaktionsschluss noch nicht vorhanden waren.