Die Spur des kleinen Prinzen

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Auf dem Papier hat es Julius Wortschmidt geschafft: Eine exzellente Anstellung bei einem Pharmakonzern in den USA, eigene Abteilung. Er ist im Hamsterrad der Zahlenoptimierung gefangen und dreht an seinem eigenen Rädchen. Er fasst Arbeitsprozesse in zahlen und verkauft sie an Leute, die sie sowieso gleich wieder vergessen. Da kommt der Bewerber Paul Anders wie gerufen. Auch Deutscher, aus dem gleichen Bundesland, an der gleichen Schule gewesen wie Wortschmidt, die gleiche Theater AG besucht. Und die gleiche Leidenschaft für „Der kleine Prinz“. Wortschmidt kann sogar noch ganze Passagen auswendig. Doch Anders bekommt den Job nicht – kein neuer Freund im Firmengewand.

Dennoch: Der kleine Prinz bzw. die Erinnerungen daran, setzen in Julius Wortschmidt etwas frei. Damals, der Besuch im Zoo, und am Abend die erste Geschichte aus dem Buch der Bücher. Was in seinem Fall „Der kleine Prinz“ war. Er erinnert sich an die Bandproben mit den Freunden, der trauten Gemeinschaft, die – je älter er wurde – nach und nach zerbrach.

Nun ist er ein angesehener Mitarbeiter eines global players, fügt Zahlen aneinander, weist ihnen ihre Bedeutung zu, doch seine einstige Unbekümmertheit blieb im mathematisch gesteuerten Weg nach oben stecken.

Die kurze Begegnung mit dem Bewerber lässt in Julius Wortschmidt zarte Hoffnung aufkeimen. Immer öfter flüchtet er sich – unbewusst – in die Geschichten des kleinen Prinzen, erinnert sich an unschuldige Zeiten, in denen der Forschergeist noch selbst initiiert war. Das Fanal, das Antoine de Saint-Exuperys Buch in ihm auslöste, beginnt von Neuem zu keimen. Mal im Traum, mal in der Realität, immer häufiger ergreift der kleine Prinz von ihm Person. Um ihn herum ist alles echt und plastisch zugleich. Steril kommen ihm Arbeit und Kollegen vor. Lebendig sind nur die Versatzstücke der Kindheit. Selbst eine wahre Begegnung mit der Vergangenheit verkommt zu einem flüchtigen Hallo!

Wortschmidt sieht ein, dass er erwachsen geworden ist, ohne es zu bemerken. Er ist nicht mehr der kleine Prinz, der aufwachsen darf, wie es ihm beliebt. Er ist Teil des Systems. Doch auf dem Höhepunkt seines Schaffens, gelobt er Besserung. Dank der Sanddüne, dem Stern und dem blonden Jungen, der ihm seit Jahrzehnten begleitet…

City impressions Lissabon

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„Lissabon? Lissabon? Muss irgendwie ein Vorort von Bonn sein!“ Was vor dreißig, vierzig Jahren noch als Nonplusultra des deutschen (bzw. deutschsprachigen) Humors galt, ist längst überholt. Lissabon ist modern, lebhaft und dunkel und geheimnisvoll zugleich. Das kann man nun glauben oder nicht. Es stimmt jedenfalls. Da hat man jetzt zwei Möglichkeiten: Zum Einen – man fährt in die portugiesische Hauptstadt und macht sich ein Bild davon oder, zum Zweiten, man lässt jemanden da hin fahren und einhundertdreiundachtzig Farbfotos schießen. Hübsch verpackt in einem mehrere Pfund schweren Prachtband. Schon der Einband lässt es erahnen, dass hier kreatives Köpfe am Werk sind. Denn ein typsicher Schnappschuss lugt vorwitzig durch ein – auf den ersten Blick willkürlich – gestanztes Loch. Bei genauerer Betrachtung ist dieses „Loch“ der Umriss der Stadt, um die es auf den folgenden dreihundert Seiten geht: Lissabon. Weit weg von Bonn und gähnend langweiligen Jahrzehnte alten Fernsehwitzen.

Bernd Rücker ist der Reiseleiter für alle neugierigen Gäste der Stadt, die mit Perspektivwahl, Kameraeinstellung, Motivkomposition und Lichtsetzung sich in Stimmung bringen wollen. Seiner Reisegruppe / Leserschaft rät er „Augen auf“, er selbst schließt die Augen und wartet geduldig auf den Moment die Kamera exakt in der Sekunde in Bereitschaft zu halten, wenn alles stimmt.

Aus dem Dunkel heraus taucht sich das Straßenleben in sattes braungelb, im Hintergrund LEDs gleich die endlosen Lichterketten der Ponte 25 de abril. Sich auftürmende Wolken sind die Leinwand, die er wie bestellt zur Hand hat, wenn der Tag erwacht. Lange Schatten werfen die Abenteuer des Tages an die Häuserfassaden und künden von Stunden voller Erlebnisse.

Marcos ist einer, der an diesem besonderen Tag Besonderes erleben wird. Er ist immer vorn dabei, wenn es darum geht Lissabon zu erobern. Denn Marcos führt eine der zahlreichen Straßenbahnen der Linie 28E vom Bairro Alto über die Baixa und die Alfama bis nach Graça. Er ist der wichtigste Mann für viele Touristen, denn er führt sie durch verwinkelte Gassen, über steile Anstiege, enge Passagen, die jeden Besucher den Mund offen stehen und die Kameras zücken lassen. Nüchtern betrachtet ein langweiliger Job: Jeden Tag die gleiche Route auf exakt den gleichen Wegen. Kein links oder rechts Entkommen. Immer nur stur geradeaus, Richtungswechsel sind nicht willkürlich, sondern erforderlich und vorhersehbar. Er tut seinen Dienst, ruhig und stoisch. Auch Julia ist hier unterwegs. Sie darf links und rechts der Route schauen, sie muss es sogar. Denn sie gehört zur „Kundschaft“ von Marcos, ist Touristin, neugieriger Gast, lebendiger Besucher. Sie sieht das, was Marcos schon längst abhanden gekommen ist: Die Schönheit der Stadt.

Das ist nur eine von fünf Geschichten, die zwischen den Bildabschnitten den Leser innehalten lassen. Prachtvolle Bilder und bildhafte Anekdoten sind die Maulsperren des Betrachters. Erst, wenn die Sonnenstrahlen einmalige Einblicke in die Stadt freigeben, drückt Bernd Rücker ab. So entstehen Eindrücke, die viel Besucher niemals erleben werden.

Wie die gesamte Reihe City impressions (über Rom, Marrakesch, Venedig, Paris, Barcelona und Istanbul) ist auch dieser Bildband in zwei Varianten zu erstehen, deutsch/englisch und französisch/spanisch. Jeder Bildband taugt ohne Zweifel als persönliches Fotoalbum, um Plätze und Straßen, einmalige Erlebnisse und faszinierende Aussichten noch einmal Revue passieren zu lassen. Und als exquisites Geschenk stiehlt man jedem die Show…

Französisch ganz leicht – Jubiläumsausgabe – Sprachkurs für Anfänger

Französisch ganz leicht Jubiläumsausgabe

Bongschur, Bongsoah, orevoahr. Sieht nicht gut aus! Klingt aus nicht besonders professionell! Aber der Wille ist zu erkennen. Wenigstens etwas. Für alle, die sich vom Buchstabensalat beirren lassen: Bonjour, Bonsoir, Au revoir! Guten Tag, Guten Abend, auf Wiedersehen. Dafür braucht man keinen Sprachkurs! Sofern man es nicht schreiben muss…

Es ist immer ratsam auf Reisen ein paar Brocken der Landessprache zu beherrschen. Das erleichtert den Zugang zum Land, zu den Menschen, zur Kultur. Außerdem … nein … keine Vorurteile. Viele Reisebücher werben damit ein paar Brocken Französisch auf ihren Seiten den Leser mit auf den Weg zu geben. Das ist löblich, doch schon bei einfacher Konversation stößt man an seine Grenzen. Doch extra nur für einen Urlaub sich noch einmal wochen- oder gar monatelang auf die Schulbank zu setzen und Vokabeln zu pauken, nur um im Urlaub ein wenig glänzen zu können? Ist auch übertrieben.

Der Sprachkurs für Anfänger „Französisch leicht gemacht“ findet spielerisch das überzeugende Mittelmaß. Nicht zu viel, nicht zu wenig, doch genug, um im Falle plötzlich einsetzenden Interesses weiterzumachen. Echte Szenarien, denen man garantiert begegnen wird, bilden die Grundlage des Einsteigerkurses. Vorbildung braucht man nicht. Von Nöten sind nur ein wenig Zeit und der Wille sich ein wenig auf die neue Sprache einzulassen.

Ohne viel Anlaufzeit geht es schon los. Begrüßung, Vorstellung und dazwischen immer wieder die Eigenheiten der französischen Sprache. Denn das deutsche und das französische Alphabet sind zwar gleich auf dem Papier, doch fließen Vokale und Konsonanten ganz anders aus den Mündern – ganz am Ende des Buches werden die Ausspracheunterschiede noch einmal klar aufgegliedert, das erleichtert in mancher Situation das mühselige Nachschlagen.

Die einzelnen Kapitel werden immer wieder von Hinweisen zu den beiden mitgelieferten CDs unterbrochen. Das dient nicht nur der Auflockerung, sondern vor allem dem Verstehen. Keine Angst, wenn es nicht sofort klappt. Denn nicht immer geht es darum jedes einzelne Wort exakt zu bestimmen. Manchmal ist es völlig ausreichend den Gesamtzusammenhang zu erfassen. Oft reicht es schon aus, wenn man ungefähr weiß worum es beispielsweise bei einer Durchsage auf einem Flughafen oder Bahnhof geht.

Wer sich die Mühe macht und Kapitel für Kapitel in regelmäßigen Abständen durchzuarbeiten, wird schnell auf den Geschmack kommen. Dann kann man Frankreich viel entspannter genießen und hat nicht immer nur die Wahl zwischen vin blanc oder vin rouge, sondern kann exakt seinen Wunsch vortragen. Und vielleicht klappt’s dann in der Hauptstadt der Liebe auch mit der Liebe, wie bei den beiden auf dem Cover der Box…

Die Ballade vom Wunderkind Carson McCullers

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Ben Jackson ist ein exzellenter Kenner der amerikanischen Literatur der 40er Jahre (des vergangenen Jahrhunderts). Einige Schriftsteller konnte er stolz zu seinen Freunden zählen. Wie zum Beispiel Carson McCullers. Und nun erzählt er wie Carson McCullers wurde, was sie war: Ein Wunderkind!

Der Anlass, der in bewegt seine Gedanken niederzuschreiben, ist traurig. Denn Carson McCullers hat nur wenige Tage zu vor ihre Augen für immer geschlossen. Und Ben Jackson soll nun ein paar Worte auf der Beerdigung sagen. Es fällt ihm schwer. Und so zieht er sich immer mehr in die Vergangenheit der viel zu früh verstorbenen Carson McCullers zurück:
Dass sie einmal ein Wunderkind zur Welt bringen würde, war Marguerite Waters Smith schon immer klar. Deshalb sollte der Stammhalter auch den Namen Caruso bekommen. Caruso Smith – der Hang zur absolut unpassenden (weil unmelodischen, und frei von jedwedem sozialen Zusammenhang) Namenswahl ist also keine Erfindung der Neuzeit. Doch dann kam es anders – aus Caruso wurde Lula Carson, später einfach nur Carson. Als Carson noch Lula Carson war, setzte sie sich ans Klavier der Eltern. Freunde hatte die Kleine keine, zu schäbig, nicht gut für sie, unpassend für ein Wunderkind. Kinderliebe kann schon seltsame Blüten treiben… Und sie klimperte nicht einfach nur so herum, sie spielte Melodien, Lieder. Ein echtes Wunderkind eben! Ihre Mutter sollte recht behalten.

Doch auch Wunderkinder haben ihren eigenen Kopf. Schriftstellerin will sie werden. Auch als an der renommierten Juilliard School of Music in New York angenommen wird, verflüchtigt sich dieser Wunsch nicht. Sie schreibt schon als Teenager Geschichten. Und als sie das Schulgeld verliert, sich aber nicht getraut es zuzugeben, muss sie sich – allein in New York – irgendwie über Wasser halten. Sie schreibt, bekommt sogar Geld dafür und landet mit „Das Herz ist ein einsamer Jäger“ ihren ersten Erfolg.

Aus Lula Carson Smith, der Wunderkind von Gottes Gnaden, wird Carson McCullers, die bedeutendste Autorin Amerikas, wenn es nach Tennessee Williams geht. Doch um ihre Gesundheit ist es nicht gerade gut bestellt. Die Rückschläge gesundheitlicher Art werden immer häufiger. Die Erfolge auf schriftstellerischer Ebene lassen nicht lange auf sich warten. „Spiegelbild im goldnen Auge“, „Die Ballade vom traurigen Café“ knüpfen nahtlos an „Das Herz ist ein einsamer Jäger“ an.

Und Reeves, ihr Mann, Namensgeber? Auch er wollte Schriftsteller werden. Mit ihrer ersten Gage kaufte er sich von der Army los. Sie war er ehrgeizig und erfolgreich, er nur ehrgeizig. Reeves und Carson waren füreinander gemacht, doch schafften es nicht im eigenen Glück zu baden…

Das ist alles nur … fiktiv. Kein Ben Jackson! Leider! Doch Barbara Landes nimmt man jedes Wort in ihrer Romanbiographie ab. Jedes Wort, jedes Komma, jedes Adjektiv sitzt und pulsiert. Als ob das einstige Wunderkind Carson McCullers selbst die Feder gehalten hätte. Wenn Romane wie diese Sinnbild für den Spätsommer sind, lassen sie den noch so heißesten Sommer wie eine laue Brise erscheinen.

Sich an eine Biographie zu wagen, die das Objekt der Begierde selbst schon verfasst hat, grenzt an eine Herkulesaufgabe. Von vorneherein zum Scheitern verurteilt, wenn es sich um jemand wie Carson McCullers handelt. Die Leichtigkeit, mit der Barbara Landes der Schriftstellerin gegenübertritt (oder sollte man sagen „neben ihr herschreitet“?) überrascht. 2017 jährt sich Carson McCullers Geburtstag zum hundertsten Mal. Wer jetzt noch vorhat die Schriftstellerin mit einem Buch zu ehren, muss mehr als einen Kniff im petto haben. Ben Jackson, Barbara Landes und Carson McCullers, zwei real, einer erfunden, sind das trio infernale des literarischen Herbstes 2016.

Amsterdam – Eine literarische Einladung

Amsterdam - Eine literarische Einladung

Mal ganz ehrlich: Amsterdam ist in den Köpfen vieler eine Aneinanderreihung von Klischees. Überall Fahrräder mit Personal, Coffeeshops mit entsprechender Klientel und das Rotlichtviertel. Ein Schmelztiegel der Kulturen, also auch sehr tolerant. Und man kann in die Wohnungen hineinschauen, weshalb Gardinenverkäufer in Amsterdam im Speziellen und in Holland im Allgemeinen zum Scheitern verurteilt sind. Tja, mit den Klischees ist das so eine Sache. Irgendwas ist immer dran. Doch die Realität zeigt das ganze Spektrum der Problematik. Ja, Amsterdam kann sich rühmen eine Menge Nationalitäten, und somit auch Kulturen, beherbergen zu können.

Robert Vuijsje bringt es in seiner Geschichte der literarischen Einladung in die holländische Hauptstadt auf den Punkt: Ja, es gibt viele Ausländer, noch mehr, die so aussehen … doch auch untereinander ist man sich nicht immer grün. Oft reicht es sogar aus dem falschen Viertel zu kommen, um kruden Vorurteilen entgegentreten zu müssen.

Auch das lockere Bild der radelnden Amsterdamer wird durch die wilde Fahrweise vieler (der meisten) in die Realität gerückt. Anrempeln ist Volkssport. Vorfahrt gewähren deutet auf etwas hin, das neu und unverständlich wirkt.

Doch blättert man weiter, unternimmt mit Charlotte Mutsaers einen Rundgang durch Jordaan. Oder erlebt mit Annie M. G. Schmidt das Amsterdam der Klischees. Die Giebel, die langjährige Amsterdamer kaum noch wahrnehmen, rücken in den Vordergrund, Grachten werden zu Naturschauspielen, die Touristenträume wahr werden lassen und das lockere, freie Amsterdam bahnt sich den Weg ins Gedächtnis.

Die Stadt scheint wie geschaffen für einen Kurztrip. Alles schnell erreichbar, übersichtlich, durchstrukturiert. Doch erst, wer aus den geplanten zwei, drei Tagen ein, zwei Wochen macht, wird die Stadt kennenlernen können. Die Autoren dieses Buches kennen die Stadt – man kann sich auf ihr Urteil verlassen. Schon längst haben sie die rosarote Brille beiseitegelegt und schauen nun, mal mit Tränen in den Augen, mal mit Zorn, mal mit Wehmut auf „ihr Amsterdam“. Als Leser staunt man, welch Spektrum an Möglichkeiten hier schon immer existierten und sich bis heute darbietet. Wenn der Titel schon eine Einladung verheißt, sollte man sie annehmen. Es erwartet einen ein unterhaltsames Menü mit deftigen Fakten, perfekt gewürzten Appetitanregern und entspanntem Plauschen vor einzigartiger Kulisse.

Wird nun durch dieses Buch das Bild Amsterdams zerstört? Nein, alles nur das nicht! Dieses rote Büchlein trägt seine Farbe nicht umsonst. Es zeigt eine Stadt, die nach und nach ihr altes Kleid der Toleranz abstreift, nicht um es gegen die Uniform der Ablehnung zu tauschen, und sich und dem Leser / Besucher ein neues farbenfrohes Kleid der Aufmerksamkeit und Akzeptanz überzustreifen.

Die kleine Raupe Nimmersatt – Mein erstes Geschirr

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Ein Löffel für die Mami, ein Löffel für den Papi … Kinder zum Essen zu bewegen ist kein Kinderspiel. Da werden Ratgeber gewälzt, Onkel und Tanten befragt, das Internet durchstöbert. Und jeder hat die richtige Antwort parat. Fast wie beim Fußball, wenn 80.000 Trainer auf den Tribünen sitzen. Und was hilft letztendlich – außer dem Hunger? Eigenes Geschirr. Ja klar, Tasse, Teller, Löffel und Gabel sollen helfen, dass der Nachwuchs prächtig gedeiht? Ausprobieren!

Jeder, der als erstes Besitzgut Geschirr angeben kann, wird es bestätigen: Eigener Herd ist zwar Goldes wert, aber eigenes Geschirr lässt das Edelmetall verblassen. Der erste eigene Teller! Wow! Jetzt bin ich groß! Und Großwerden ist nun mal das Ziel aller, die es noch nicht geschafft haben. Und außerdem ist es doch ein Riesenspaß den Teller leer zu löffeln und dann einen gefräßigen Konkurrenten bloß zu stellen. Da ist sie – die nimmersatte Raupe.

Ja, die Raupe Nimmersatt hat schon so manchem auf die Sprünge geholfen. Seien es erste Bücher über Zahlen und Buchstaben, Plüschraupen oder andere Artikel mit der lebenslustigen Raupe. Ihr Hunger ist unstillbar. Als Löffelmeister der nimmersatten Raupe gehören natürlich auch die entsprechenden Utensilien zur Ausübung der Tischmacht. Links die Gabel, rechts der Löffel, oder umgekehrt. Und wenn der Schmaus so richtig in Gang kommt, das Füttervolk in Laune ist, dem Mahl an den Kragen zu gehen, kann  schon mal etwas daneben gehen. Ängstliche Königseltern achten dann immer darauf, dass ja nichts zu Bruch geht. Schließlich ist das erste Geschirr ein bleibender Wert. Die Geschenkbox wischt diese Bedenk mühelos beiseite. Porzellanscherben, die Glück verheißen sollen und doch nur Ärger machen, sind passé. Alle vier Bestandteile dieses Sets sind aus bruchsicherem Plastik. Und lebensmittelecht es auch. Sollte tatsächlich noch was zurückbleiben vom köstlichen Mahl, dann ab in die Spülmaschine. Auch das Besteck und die Tasse.

Das farbenfrohe Design und die unverkennbare Raupe machen den regelmäßigen Gang an den Tisch zum Erlebnis. Und zwischendurch kann man sich sein Geschirr anschauen und lernen, dass Erdbeeren rot, Birnen grün und Pflaumen blau sind. Niedlicher kann man als großer Kleiner nicht verköstigt werden.

Guter Junge

Guter Junge

Was ein Sommer! Michael Donnelly ist ein aufgewecktes Kerlchen. Anfang der 80er Jahre in Belfast aufzuwachsen, ist kein Zuckerschlecken für einen, der zwischen Phantasie und Pflichtbewusstsein hin- und hergeschubst wird. Auf der einen Seite ist Maggielein, die kleine Schwester, auf die er aufpassen soll. Wenn die was anstellt, bekommt er eine Abreibung. Die Mutter führt ein hartes, und nicht immer faires Regiment, versucht das wenige Geld sinnvoll zu nutzen. Der Vater – naja – er ist da. Paddy ist nicht nur das schwarze Schaf in der Familie, für Mickey ist er einfach nur der dumme Hund. Fartin‘ Martin ist der einzige Freund Mickeys. Doch ihre Wege sollen sich bald trennen. Denn Mickey soll auf eine Eliteschule. Die ist teuer, zu teuer, wie er am Ende des Schuljahres erfahren soll. Glück für ihn, denn so kann er weiterhin mit Fartin‘ Martin zusammen die Schulbank drücken. Auch der ist „was ganz Besonderes“ und darf deswegen auf eine besondere Schule. Wieder ein Traum, der zerplatzt. Noch neun Wochen, um sich auf das neue Leben in der neuen Schule vorzubereiten. Als guter Junge tut man das!

Es ist die Zeit, in der Mickey weiß, dass Belfast aus zwei Teilen besteht: Dem Katholischen und dem Protestantischen. Und als Vertreter der Einen geht man nicht in den Stadtteil der Anderen. Das ist Gesetz! Wer’s trotzdem versucht, wird schmerzhaft erfahren, warum es so sein soll und warum es so ist.

Und so vergehen die Ferienwochen. Das Haus der Donnellys wird von der britischen Armee gestürmt, Paddy, der dumme Hund, abgeführt. Killer, der echte Hund der Familie, den Mami nicht wollte, Papi aber trotzdem besorgte, musste allein zurückbleiben. Nichts passiert, zum Glück! Mickey spielt mit seiner Schwester, aber nicht zu weit weg vom Haus, Mickey weiß warum. Und der Vater fängt wieder einmal an zu saufen. Ferienidylle sieht anders aus.

Zwischen Razzien und Pubertät, explodierenden Bomben und Ferienende flieht Mickey in seinen Tagträumen oft in seine eigene Welt. „Der Zauberer von Oz“ ist sein Lieblingsfilm. Mit seinen neuen Sneakers, nur er benutzt das moderne Wort für Turnschuhe, wie cool, tanzt er die Schritte aus dem Film nach und weiß, dass, wenn er groß ist, er nach Amerika gehen wird. Es ist seine Strategie der brutalen Welt, den von Sicherheit geprägten Regeln zu entkommen. Stumpfe Waffen im Kampf gegen chromblitzende und feuerspuckende Ungetüme. Mickey ist und bleibt der gute Junge!

Autor Paul McVeigh liest am 15. September in Berlin beim Internationalen Literaturfest, am 18. September im Kölner Literaturhaus und ist im November an diesen Tag zu Gast:

15. November – Olpe – Buchhandlung Dreimann

16. November – München – Buchhandlung Lehmkuhl

17. November – Regensburg – Buchhandlung Dombrowsky

Leinwandgöttinnen

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Sie sind die einzigen Wesen, an die man glaubt, die man anbetet, die wahrhaftig sind – man sieht sie und wirft jeglichen Atheismus über den Haufen: Leinwandgöttinnen. Oscarprämierte zweidimensionale Geschöpfe, die mit ihrer Kunst und Ausstrahlung selbst einem Fahrradfahrer Benzin verkaufen können. Schon das Buchformat gibt den Rahmen vor: Groß(artig), ein Taschenbuch könnte nur Fakten aufreihen. Der vergoldete Leineneinband am Buchrücken lässt einen Hauch von Kinoatmosphäre aufkommen.

Auf dem Titel prangt der Inbegriff der Göttin: Audrey Hepburn. Würden Lexika nur aus Bildern bestehen, so würde man ihr Bild unter Anmut finden. Ihre Verkörperung der Holly Golightly ist das perfekte Gegenstück zum Entwurf der Figur (ursprünglich hatte Truman Capote Marilyn Monroe die Rolle auf den üppigen Leib geschrieben), denn allein sie prägte das Bild des leichtlebigen, und dabei nie bewusst verletzenden Freigeistes für Generationen.

Ihre Namensvetterin Katherine hingegen bekam gleich viermal den Oscar. Sie ist die unangefochtene Göttin unter den Göttinnen. Ebenfalls aus eher wohlhabenden Verhältnissen stammend, waren ihr Ehrgeiz und ihre Sturheit ihr Markenzeichen. Sie verwandelte die Leinwand in ein Zelluloidfeuer, das heute nur noch wenige ihrer Nachfolgerinnen im Stande sind nachzuzeichnen. Resolutes Auftreten, die eigene Meinung vehement zu vertreten und die Abneigung sich als Star bezeichnen zu lassen, gaben ihr das Attribut Göttin.

Nur ein Jahr jünger war Bette Davies. Ein Biest, wenn man nur ihre Rollen betrachtet. Und das ist es, was bis heute nachwirkt. Sie war nie das Glamour-Girl, das es durch massenwirksame Äußerlichkeiten in die Klatschspalten brachte. Sie war böse, gemein, hinterhältig … in ihren Rollen. Für Produzenten und Studiobosse ein Albtraum. Doch ihre Baby Jane und ihre Jezebel sind bis heute der Inbegriff der Teufelin.

Den Autoren gelingt es in kurzen Texten die Anbetungswürdigkeit von fünfzehn herausragenden Schauspielerinnen und Oscar-Preisträgerinnen ins rechte Licht zu rücken. In jedem ihrer Sätze spürt man die Leidenschaft, die die beiden Autoren für Film und ihre Akteure entwickelt haben. Der Leser taucht tief ein ins Leben der Diven (im Englischen wirkt diese Formulierung besser (dive=tauchen, Diva=Göttin) und hat augenblicklich das Verlangen unvermittelt sich Klassiker wie „Rat mal, wer zum Essen kommt“, „Bonnie und Clyde“ oder „Still Alice“ als Abendunterhaltung zu wählen. Meryl Streep, Julianne Moore, Sophia Loren, Liz Taylor, Grace Kelly und andere haben sich schon ihren Platz im Kinoolymp erkämpft. Sie thronen über vielen anderen, die sich noch si abrackern können und nie die Meriten ihrer großen Vorbilder erhalten werden. Die Leinwandgöttinnen stachen durch ihr außergewöhnliches Talent, aber auch ihr Engagement außerhalb der Studios hervor. Manche waren politisch aktiv wie Jane Fonda und Susan Sarandon, sahen ihr eigentliches Lebensziel darin mit ihrer Reputation die Welt ein kleines bisschen besser zu machen. Andere hoben ihre Kunst auf eine neue, höhere Stufe. Bloße Effekthascherei schnell durchschaut und führt nur auf den kurzen Weg des Ruhmes. Lang anhaltenden, immer währenden Ruhm erhält nur wer Außergewöhnliches leistet. So wie diese Leinwandgöttinnen.

Kubas Hähne krähen um Mitternacht

Kubas Hähne krähen um Mitternacht

Kein Urlaub, keine Entspannung, keine Erholung sucht Tierno Alfredo Diallovogui, als er Kuba besucht. Er ist über Paris eingereist. Doch zu Hause ist er in Guinea in Westafrika. Er sucht die Wurzeln seiner Mutter, und somit auch seine eigenen. Als er noch ganz klein war, verließ seine Mutter Guinea und ließ ihn bei seinem Vater zurück. Juliana hieß sie und hatte immer ein bestimmtes Lied auf den Lippen.

Nun steht er da: Fremdes Land, fremde Sprache, fremde Menschen und – Ignacio. So einen Typen braucht man ganz zu Beginn eines Aufenthaltes. Er ist neugierig, aber auch auskunftsfreudig. Später wird er nervig und ist irgendwie seltsam. Als Fremdenführer ist Ignacio eine Fundgrube, doch genauso tief ist auch das Misstrauen, dass Tierno dem aufdringlichen Ignacio nach und nach immer mehr entgegenbringt. Ein Schnüffler ist in der Stadt! Was will er? Wem will er an den Kragen? Dass Tierno „in friedlicher Absicht kommt“, auf den Gedanken kommt erstmal keiner. Ein Unruhestifter ist er, und wenn er es noch nicht ist, dann wird er es. Davon ist man überzeugt.

Tierno kommt seiner Mutter immer näher – sie ist tot, das weiß er. Doch ihr Weg ist sein Ziel. Sie soll, sie muss für ihn schließlich Konturen annehmen. Er kennt sie nicht, hat kaum Erinnerungen. Die Stadt ist in Aufruhr. Juliana war bekannt, fast schon berüchtigt.

In ausgedehnten Gesprächen mit denen, die Juliana kannten, mit Ignacio, mit sich selbst kommt er ihr näher. Vieles, das schon längst dem Vergessen anheimgefallen schien, tritt erneut ans Tageslicht. Seilschaften, die jeder kannte, doch niemand auszusprechen sich wagte, bahnen sich den Weg nach draußen, in die Öffentlichkeit der Stadt. Ein gefährliches Spiel, das Tierno da treibt, wenn ein Spiel wäre…

Niemand anderes als der Autor selbst ist der Protagonist des Buches. Die Gespräche sind Zeitzeugen eines Landes, das sich von Tag zu Tag verändert. Kuba, das einst abgeschottete sozialistische Vorzeige-Eiland zwischen Palmenparadiesen und knallharter Aggressionspolitik, zwischen starrer Haltung und unendlicher Lebenslust, wird zum Spielgrund für ein allzu verständliches menschliches Verlangen. Dem nach den eigenen Wurzeln.

Ohne große Vorbereitungen stürzt der Autor / Hauptakteuer den Leser ins dunkle Nichts seiner Vergangenheit. Als Leser muss man dranbleiben, sich in Geduld üben. Kapitel für Kapitel dringen immer mehr Sonnenstrahlen der Klarheit ins Dickicht des Familiendramas. Gewalt trieb Juliana einst zurück in die Heimat. Doch das rettende Ufer entpuppte sich nicht als der Sehnsuchtsort der Ruhe, der er zu sein schien, den sie zu finden hoffte. Tierno hat die Gnade der späten Geburt auf seiner Seite. Ein Vorteil?

Brunos Küchenkalender 2017

Brunos Küchenkalender

Bei Philip Marlows denkt man eine raffinierte femme fatale, ausgebuffte Betrüger und rauchende Knarren. Bei Guido Brunetti sind es die leisen Töne, die die Szenerie bestimmen. In Venedig löst man Fälle ohne viel Geballer. Und bei Bruno Courrèges im Périgord? Erfahrenen Lesern läuft schon bei der bloßen Erwähnung des Namens das Wasser im Munde zusammen. Verworrene Seilschaften, Motive, deren Ursachen oft weit zurückreichen, eine Menge Verdächtiger und … ein reichlich gedeckter Tisch. Wenn Bruno einlädt oder eingeladen wird, wird’s deliziös. Einer der Gründe warum die Krimis von Martin Walker um den rührigen Chef de police so erfolgreich sind.

Im Jahr 2017 feiert Martin Walker seinen 70. Geburtstag. Und seine Bruno-Reihe den neunten Fall. Und der Leser sitzt am Kopf der reich gedeckten Tafel und ergötzt sich kulinarisch an Truite fumée au raifort, Vichyssoise et crème d’oseille oder Cèpes & cie en persillade. Klingt erstmal verlockend und vor allem exotisch, wenn man kein Französisch spricht. Dabei handelt es sich um geräucherte Forelle mit Meerrettichsauce, eine kalte französische Kartoffel-Lauch-Cremesuppe und Sauerampfer-Cremesuppe und Steinpize & Co. mit Knoblauch und Petersilie. Raffiniert wie der Autor dem Leser – oder in diesem Fall Betrachter – das Wasser im Munde zusammenlaufen lässt.

Am besten serviert an einem der zwölf in diesem Kalender abgebildeten Orte, die allesamt Handlungsorte der Krimis waren bzw. sind. Excellent!

Jedes Gericht (wie passend, schließlich droht den meisten Tätern dasselbe Schicksal) wird eingehend beschrieben, so dass die eventuell fehlende Location fast schon vergessen werden kann. Und für die Trüffelschweine unter den Lesern gibt’s auch das Motiv für dieses Rezept: Den entsprechenden Auszug aus dem Roman, in dem es schon literarisch für Furore sorgte. Bruno höchstpersönlich gibt Ratschläge wie man das ohnehin Zunge schnalzende Mahl noch verfeinern kann.

Mit knurrendem Magen kann man keinen Tag und auch kein Buch genießen. So ist es nur logisch, dass der gemütliche Ermittler einen genießerischen Kalender seiner treuen Leserschaft als kulinarische Schnitzeljagd zum Geschenk macht. Voller Spannung kann man es kaum erwarten den nächsten Monat beginnen zu können, um ein neues Rezept auszuprobieren. So viel Geduld muss man schon aufbringen, Bruno tut es schließlich auch, immer wieder. Und immer wieder mit Erfolg! Dann wird man mit atemberaubenden Landschaftsaufnahmen und lukullischen Extravagenzen belohnt. Wie zum Beispiel mit Lammstelzen mit Knoblauch und Monbazillac-Wein, was im Original noch viel verführerischer klingt: Manchons d’agneau à l’ail et au Monbazillac.