Der Minutenschläfer

Was ein Name: Hartung Siegward Graf von Quermaten zu Oytinghausen. Ganz altes Adelsgeschlecht. Tief in deutscher Geschichte verwurzelt. Piekfein. Weiß nicht, was „die da unten“ alles so treiben. Sollte man meinen, wenn man den Namen liest. Doch Hasi, so wird Hartung Siegward Graf von Quermaten zu Oytinghausen von allen gerufen, schlägt ein wenig aus der Art. Neunundzwanzig Jahre, Radfahrer, abgebrochenes Studium, dem Geldsegen abgewandter Hans-Guck-In-Die-Luft. Ein Freund bietet ihm an in seiner Immobilienfirma zu arbeiten. Ohne Erfolg. Hasi ist zu ehrlich. Statt seinen potentiellen Kunden die Vorzüge der gezeigten Immobilie anzupreisen, weist er auf die Mängel hin. Auch dazu scheint er nicht gemacht. Und dann auch noch das: Ein Wagen schneidet ihn, Hasi liegt im Gebüsch. Und die Polizei, die zufällig gerade vorbei patrouilliert, hält ihn für einen Dieb, der gerade seinen nächsten Coup plant.

Nur kurze Zeit später muss Lydia Klimm, die Chefin der achten Mordkommission die Leiche einer jungen Frau identifizieren. Sie kennt die Eltern des jungen Dings, das auch nicht gerade vor Ehrgeiz strotzt. Den Silberlöffel im Mund will sie lieber mit ihrem Freund am Mittelmeer eine Kampfschule eröffnen. Kämpfen kann sie, nur eben nicht gut genug, um einer Diebesbande (dieses Mal ist es echt!) das Handwerk zu legen. Das japanische Küchenmesser teilt ihre Kehle. Und nun kommt Hasi wieder ins Spiel.

Lydia Klimm passt eher zum Ruf von Hasis Familie, oberflächlich betrachtet: Für die Witwe ist es bis zur Rente nicht mehr weit, sie fährt einen noblen Sportwagen, und sie ist in der Berliner High Society bzw. mit ihr vertraut.

Ebenfalls gut vernetzt ist Hasi. Alle mögen ihn, bieten ihm ihre Hilfe an, doch Hasi ist ein Schlawiner. Wenn’s brenzlig wird, also eine Arbeit in Aussicht ist, sucht er das Weite. Doch jetzt hängt er am Haken. Ein Sommerjob. Wie aufregend. Er soll eine Villa hüten. Eine Villa mit Stil und so mancher Kostbarkeit. Also keine richtige Arbeit. Blöd nur, dass in der Nachbarschaft eine junge Frau ermordet wurde und Hasi irgendwie auf die Fahndungsliste gekommen ist. Sogar an erster Stelle.

Und dann wird ein Matisse gestohlen. Eine Frau liegt in einer Blutlache. Hasi ruft die Polizei, die jedoch wenig erfreut ist als sie feststellt, dass da gar keine Leiche liegt. Alle sehr mysteriös in Milljöh!

Hasi hat es nicht leicht, doch nimmt es ebenso. Noblesse oblige. Der Geldadel hingegen, die Neureichen, die protzig-prolligen irgendwie zu Geld gekommene Mischpoke, juckt Hasi wenig. Wie alles im Leben nimmt er sie hin. Manchmal profitiert er von ihnen, manchmal aber auch kann sie ihm sehr gefährlich werden.

Sue und Wilfried Schwerin von Krosigk – kein Wunder, dass ihr Held Hartung Siegward Graf von Quermaten zu Oytinghausen heißt – haben einen Helden geschaffen, der nicht so recht ins Bild passt. Wohl erzogen, stilsicher, ehrlich in einer Welt, die besonders letzteres überhaupt nicht zu sein scheint. Nein, sie ist es nicht. Irgendwie wünscht man sich so einen zu kennen. Andererseits sind solche Schnorrer aber auch eine Plage. Als Leser schaut man zu und amüsiert sich über die Tolpatschigkeit von Hasi, ist baff von seiner Überlebenskunst und fasziniert von den Gedankengängen der erfahrenen Ermittlerin, die ihre Kollegen gern mal „Ihr Lieben“ nennt. Und wer weiß, vielleicht wird aus Hasi ja noch was?! Mal sehen, wie es weitergeht.

Das letzte Spiel

Jeder kennt diese Typen: Sie sonnen sich im Glanze der Anderen, hecheln ihnen nach, begrüßen die eigentliche Fremden wie vertraute Freunde, die man ewig nicht mehr gesehen hat und grinsen permanent grenzdebil in jede Kamera. Julien, um den es in diesem Buch geht, meint, dass er der einzig starre Punkt im Universum ist. Und sich alles um ihn zu drehen hätte. Er ist Schriftsteller, und er arbeitet gerade an seinem „großen Roman“. Ein Denkschrift, eine Trauergeschichte … sein Leben. Denn, wenn er einmal nicht mehr ist, wird man merken wie wertvoll sein Leben war.

Wir sind im Paris der 20er Jahre des vergangenen Jahrhunderts. Julien geht es finanziell gut. Arbeiten im eigentlichen Sinne muss er nicht. Er treibt Sport, um die Glieder geschmeidig zu halten, schreibt im Café ein paar Zeilen, nur um sie dann lautstark wieder zu verteufeln. Es ist ein hartes Leben. Für ihn.

So schnell wie sich an einem Apriltag das Wetter drehen kann, ändert sich Juliens Leben. Er muss die Seiten wechseln, vom Schreiber zum Beschriebenen. Nach einem (durchorganisierten – ja, das kann Julien) Kurzurlaub in der Bretagne zusammen mit Berthe, seiner Freundin, fiebert Julien. Und zwar gewaltig. So sehr, dass er sein eigenes Ende kommen sieht. Er beschließt im wahrsten Sinne des Wortes sein Leben … zu ordnen. Hektisch kritzelt er sein Testament aufs Papier. Sein unehelicher Sohn, der aus einer kurzen, aber heftigen Liaison einst an der Côte entstand, soll alles erben. Während seine Mutter in der Küche für ihn kocht, soll sein Freund Alfred Juliens Werke zurückkaufen. Ohne den „großen Roman“ vollendet zu haben, ist es nicht anzuraten, dass andere sein Werk lesen. Noch immer dreht sich Juliens Welt nur um einen Punkt.

Julien ist so von sich überzeugt, dass er keinerlei Ratschläge annimmt. Er suhlt sich gern im eigenen Leid. Mögen Freunde, Familie, Ärzte sagen, dass es ihm über Kurz oder Lang wieder gutgehen wird – Julien wird sterben. Er weiß das. Und er will in Ruhe sterben. Doch es kommt anders. Der leidende Literat erholt sich. Und doch ist alles anders. Die Freunde sind passé. Julien hat niemanden mehr, dem vom „großen Roman“ erzählen kann, dem er sein Leid klagen kann. Das unbeschwerte Leben verliert an Reiz. Selbst Maud, in die er sich verguckt, kann ihn nicht aus der Reserve locken. Eine Affäre würde beiden nichts bringen. Der Fieberwahn hat seine Auswirkungen hinterlassen.

Philippe Soupault gibt seinem Helden die Sporen des Lebens. Und des Leidens. Als betuchter Bohème lebt Julien in den Tag hinein. Alles hat seinen Platz, alles ist durchdacht, straff organisiert. Mit einem Mal ist alles anders. Planungen streifen die Reichweite seiner Arme. Freundschaften befinden sich außerhalb selbiger. Und wenn einem doch einmal eine helfende Hand gereicht wird, kann man sie aus unerfindlichen Gründen nicht greifen. Julien reift in „Das letzte Spiel“ vom lästigen Angeber zum mitleiderregenden Verlierer, der scheinbar doch nicht alles hatte.

Ein großer Mann

Wo Licht ist, ist auch Schatten. Und jede auch noch so strahlende Familie muss sich mit einem schwarzen Schaf herumplagen. Der Seidenfabrikant Gavard gehört zu den Oberen Zehntausend im Frankreich des beginnenden 20. Jahrhunderts. Eines Tages werden seine Söhne Guillaume und Michel den Laden übernehmen und den Reichtum mehren. Lucien hingegen, der Nachzügler wird wohl eher nicht ins Geschäft einsteigen. Er ist das schwarze Schaf, der Taugenichts. Doch aus dem Taugenichts, der an Wochenenden nicht mit Spazierengehen darf, der aus der Schule genommen wird (sollte eine Strafe sein … der Schuss sollte gewaltig nach hinten losgehen), der aber handwerkliches Geschick wie kaum ein Zweiter besitzt, soll einmal ein großer Mann werden.

Ein kleiner Schuppen dient Lucien als Experimentiergarage. Eines Tages tost er mit einem nicht nur sprichwörtlich großen Knall aus dieser Garage heraus. In einem Auto, einer Teufelsmaschine, jedoch von ihm selbst entworfen und gebaut. Wird doch noch was aus dem Jungen? Der Vater stirbt, Michel steigt bei Gavard, der Autofabrik, zu der sich die Garage mittlerweile gemausert hat, ein. Guillaume wird bald folgen. Bei einer Verfolgungsjagd während eines Autorennens stirbt Michel. Ein trauriger Tag im Privatem, geschäftlich ein Scoop. Jede Zeitung berichtet vom tragischen Unfalltod. Die Auftragsbücher sprengen die Vorstellungskraft. Fehlt nur noch der private Erfolg.

Der kommt in Form von Claire daher. Hübsch ist gar kein Ausdruck für die zarte Fünfundzwanzigjährige, die das Herz des Fünfzigjährigen Lucien erobert. Hübsches Beiwerk zum hübschen Anwesen, das ganz hübsch ins hübsche Bild des erfolgreichen Unternehmers im Glanze des Erfolges passt. Doch das Gesetz von Licht und Schatten kann auch Lucien nicht außer Kraft setzen…

Seine Arbeiter – er betrachtet sie wirklich als „seine“ – streiken. Steine fliegen, Scheiben gehen zu Bruch, wer sich den Arbeitern in den Weg stellt, wird verprügelt. Claude ist ihm in dieser Zeit nur im Weg. Er hat nur eine Liebe, und hat Schornsteine, verpestet die Luft und sorgt für Bewegung.

Ralph Putnam ist die Rettung für die junge Strohwitwe, die sich nicht damit abfinden kann nur als schmückendes Beiwerk des Großindustriellen, des großen Mannes zu gelten. Ganz Paris schwärmt von Putnam, dem charmanten Tenor, dessen Gesang verzaubert und dessen Aussehen die Frauen scharenweise schwärmen lässt. Dass er ein „Negertenor“ ist, verstärkt nur den Reiz. Einen Reiz, dem sich auch Claude nicht vollends entziehen kann. Derweil geht Lucien neue Wege…

Wem die Geschichte des Autobauers ein wenig bekannt vorkommt, dem sei versichert, dass Philippe Soupault sehr wohl ein reales Vorbild für seinen Romanhelden im Auge hatte. Und zwar seinen Großonkel. Vielen ist der als Louis Renault bekannt.

Das Gesicht Deutschlands

„Das Gesicht Deutschlands“ – ein Sittengemälde, eine Abrechnung mit den vorherrschenden Meinungen? Nein, dieses Buch ist das, was es vorgibt zu sein. Es zeigt das, was man tagtäglich sehen kann. Nicht alle zugleich, aber jeder für sich. Wen es in die Ferne zieht, der bekommt einen anderen Blick auf das, was vor der eigenen Haustür wächst, gedeiht, blüht, welche Pracht es entfalten kann. Bernd-Jürgen Seitz, promovierter Biologe und Leiter des Referats Naturschutz und Landschaftspflege beim Regierungspräsidium Freiburg i. Br., zeigt die Charakteristika dessen, was sichtbare Heimat ist.

Deutschland ist dicht besiedelt. Echte naturbelassene Landschaften sind spärlich gesät und somit schützenswert, aber – und vor allem – sehenswert. Jeder hat schon mal den Urlaub, egal, ob kurz oder lang, in Deutschland verbracht. Und jeder hat dabei – egal, wo dieser Urlaub nun stattgefunden hat – mindestens einen Ort für sich entdeckt, der etwas Besonderes darstellt. Das kann ein Aussichtspunkt sein, eine Schlucht, ein Berg, dicht bewachsener Wald, aber auch eine grüne Oase im hektischen Großstadtdschungel. Und dieser Ort hat sich tief ins Gedächtnis eingegraben, ihn wird man niemals wieder vergessen können.

Bei Bernd-Jürgen Seitz sind diese Orte gleich mehrfach vorhanden. Doch ihm geht es nicht zu zeigen, wo er sich am wohlsten fühlt, er will darüber hinaus auch noch zeigen, wie diese Landschaften entstanden sind, was sie so charakteristisch macht und vor allem, wie prachtvoll sie sich dem Besucher präsentieren. Und das alles gepaart mit einer ordentlichen Portion Wissen über Entstehungsgeschichte und Entwicklung. Die Bilder sprechen jedes für sich. Eindrucksvoll und oft überraschend. Die Darstellungsdiagramme vermitteln auf eindringliche Art und Weise ein Gesamtbild, das man sich so eigentlich niemals vorstellt. Zum Beispiel ist Sachsen ein fast exaktes Spiegelbild Gesamtdeutschlands. Wenn man nur die Bevölkerungsdichte betrachtet. In Deutschland leben rund 227 Menschen pro Quadratkilometer. In Sachsen sind es 220.

Das Kapitel „Was liegt wo in Deutschland“ sorgt bei allen Geographie-Muffeln für Besorgnis. Doch keine Angst, eine Eignungsprüfung für dieses Buch muss man nicht ablegen. Vielmehr ist es anders herum. Wer eine Prüfung zur Biologie, in Geographie oder Sachkunde vor der Brust hat, kommt mit diesem Buch, bzw. mit der intensiven Lektüre des Buches, ziemlich weit. Wie natürliche Ländergrenzen teilen Flüsse und Gebirge Deutschland. Administrativ sieht es da natürlich anders aus.

Landschaft bedeutet aber auch, und vor allem in Deutschland Nutzfläche. Je weiter man in den Norden vordringt, desto geringer wird der Anteil des Waldes an der Gesamtfläche. Bayern ragt mit rund 37 Prozent aus der Masse hervor. Bremen als kleinstes Bundesland kann nur zwei Prozent vorweisen. Selbst das am dichtesten besiedelte Nordrhein-Westfalen wartet noch mit 26 Prozent auf.

„Das Gesicht Deutschlands“ ist nicht nur ein Bilderbuch, das man sich in Ruhe immer mal wieder auf den Schoß legt, um darin ein wenig zu blättern. Es ist darüber hinaus auch ein Lehrbuch, ohne den obligatorisch erhobenen Zeigefinger, das zeigt, dass Deutschland schon immer bunt war, wie farbenfroh es ist und dass es wert ist genau so bunt zu bleiben…

Der Neger

Die Geschichte ist schnell erzählt: Ein Mann bringt eine Prostituierte um, wird aber nicht bestraft. Punkt. Aus. Ende. Das ist dann aber kein Stoff für eine Geschichte. Auch wenn der Titel noch so sehr für Aufregung sorgen sollte.

Der namenlose Ich-Erzähler dieser Geschichte trifft eines Tages Edgar Manning. Er ist der Neger. Ein großer, grober Kerl, der das Leben genießt. Laut und kräftig, rauchend und trinkend. Es war Schicksal ihn zu treffen. Ein Freund, ein Reverend, hat ihn kurz vor seiner Abreise vor diesem Edgar Manning gewarnt. Er, Edgar, hat die Angewohnheit Menschen in seinen Bann und mit in den Abgrund zu ziehen.

Doch es kommt anders. Da steht er: Breitbeinig, breitschultrig, bereit das Leben mit seinen Pranken zu verschlingen. Die Frauen liegen ihm zu Füßen. Edgar ist Drummer in einer Jazzband. Das sagt er, wenn man ihn nach seinem Beruf fragt. Doch sein Geld verdient er mit Drogen und Mädchen. Beides verkauft und benutzt er.

Edgar, der Neger, der Afrika nur symbolisiert und mit Nichtem im Herzen trägt trifft Europa. Sie ist Prostituierte und ihm anfangs willig, später ist sie tot.

Alles geht rasend schnell in diesem Kurzroman. Philippe Soupault hetzt in seinem Erstling den Erzähler von ein Ah zum nächsten Oho. London, Paris, Barcelona, Lissabon – egal, wohin der Erzähler auch geht, Edgar Manning ist schon da. Mal Musiker, mal schwer schuftender Malocher. Und immer mit einem Geheimnis gesegnet. Und immer mit offenen Armen für den Freund. Oder doch Fremden? Edgar ist ein Außenseiter, ein Exot, Outlaw, immer jemand, der die Gesetzmäßigkeiten missachtet und eigene Regeln aufstellt. Freunde hat er nicht. Dem Erzähler begegnet er mal distanziert, ein anderes Mal überhäuft er ihn überschwänglich mit Umarmungen. Dem Erzähler schwinden die Kräfte Edgar Manning einordnen zu können. Und so schaut er ihm mit großen Augen beim Leben zu.

Philippe Soupault ist der vergessene Mitbegründer der Surrealisten um André Breton und Louis Aragon. Guillaume Appolinaire gehörte zu seinem Freundeskreis, ihm verdankte er seinen Durchbruch als Literat. „Der Neger“ ist ein Gleichnis. Nicht umsonst heißt die Ermordete Europa und der Mörder ist der Neger. Heinrich Mann lobt im Vorwort die Tiefe dieses Romans im Speziellen und die des Werkes im Allgemeinen. Philippe Soupault zu lesen, bedeutet vor allem eines: Eine Nähe zum Autor und seinen Protagonisten aufzubauen ohne zu viel Vertrautheit aufkommen zu lassen. Der Widerspruch zwischen Nähe und Distanz wird bei Soupault wie durch Zauberkraft aufgehoben. Edgar Manning ist keiner, mit dem man am Tisch sitzen möchte. Aber es bereitet eine diebische Freude ihm zuzusehen. Sympathie? Nicht unbedingt. Neugier? Auf alle Fälle.

Die Geschichte der Medizin in 50 Objekten

Ganz praktisch gesehen, ist man mindestens einmal im Jahr froh über die Errungenschaften der Medizin. Nämlich dann, wenn der Zahnarztbesuch ansteht. Man stelle sich vor, der Bohrer würde noch handbetrieben sein. Das Wort Sterilität wäre eine Waffe aus „Game of Thrones“. Oder Schmerzmittel wären in erster Linie dazu da selbige zu verursachen…

50 Mal staunen, Kopfnicken und ein kräftiges Durchschnaufen. Der Titel lässt zuerst einmal die Neugier hochkochen. Dann einen Schauer über den Rücken laufen. Doch dann siegt doch der Wissensdurst und man blättert ein wenig im Buch herum. Oh weh, Chamberlens Geburtszange. Ein fieses Instrument. Und damit sollen Kinder auf die Welt gebracht werden? Doch spannender ist die Geschichte dahinter. Fest steht, es war ein Peter Chamberlens, der im 17. Jahrhundert diese Geburtszange erfand. Nur welcher? Es gab nämlich zwei. Zwei Peters. Und die waren auch noch Brüder. Nicht sonderlich einfallsreich, was da die Eltern bei der Namensvergabe abzogen. Umso einfallsreicher Peter, welcher auch immer. Der Ältere saß sogar im Knast, Verstoß gegen das Betäubungsmittelgesetz, oder was man damals in England dafür hielt. Die Erfindung brachte erst einmal die Hebammen auf. Gebären war Frauensache, Geburtshilfe ebenso. Und mit Werkzeug bei diesem fast schon heiligen Moment hantieren, das ging gar nicht. Nichts hat’s geholfen, die Zange ist heute noch in modifizierter Form in Benutzung.

Gruseliger ist da schon eher der Anfang des Buches. Trepanierte Schädel. Sieht aus als ob jemand versucht hätte aus einem menschlichen Schädel eine Bowlingkugel zu basteln. Medizinisch sind es Bohrlöcher, die man immerhin bei fünf bis zehn Prozent der gefundenen Schädel von vor viertausend bis zehntausend Jahren entdeckt hat. Ob es da schon dieses Buch gegeben haben könnte? 50 Objekte, die die Geschichte der Medizin darlegen? Wohl kaum. Die Bilder erschrecken, dennoch wird das Verfahren noch heute angewandt, nennt sich aber Kraniotomie.

Wer jetzt Angst hat, dass dieses Buch einem sprichwörtlich den Boden unter den Beinen wegzieht, kann beruhigt werden. Es gibt auch weniger blutrünstige Verfahren und Objekte. So wie die Tontafeln aus Mesopotamien. Die enthielten nämlich auch medizinisches Wissen, das eine der ersten niedergeschriebenen Grundlagen bildete. Oder der Chinarindenbaum. Der enthält Chinin, wird bevorzugt in der Malaria-Prophylaxe und –Behandlung eingesetzt. Der Begriff Malaria stammt von den Römern – mala aria, schlechte Luft. Schon im 18. Jahrhundert hörte man von der „Wunderwirkung“, doch erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts war es „salonfähig“. Von der Petrischale über die künstliche Niere bis zur Insulinspritze liest man sich in diesem Buch durch die Jahrtausende der Heilung und der Prävention. Die Illustrationen untermauern die historische Bedeutung der im Buch vorgestellten Errungenschaften, die Texte enthüllen so manches Geheimnis. Nur die Angst vorm Zahnarzt kann auch diese Buch nicht nehmen…

Iran – Tausend und ein Widerspruch

Die Besucherzahlen steigen in erheblichem Maße. Vorurteile werden als solche demaskiert. Und in den Nachrichten wird der Iran immer noch als repressiv und aggressiv verteufelt. Nur ein Widerspruch. Lässt man Politik und religiösen Stillstand außer Acht, gehört der Iran jedoch zu den fortschrittlichsten Ländern. Und zu den reichsten. Nicht allein nur wegen des Öls, nein, wegen der unermesslichen kulturellen Hinterlassenschaften eines Jahrtausende alten Strebens nach Fortschritt.

Die Fotografen Samuel Zuder und Mina Esfandiari sowie der Journalist Stephan Orth haben den Iran besucht. Nicht einfach nur, um mal zu schauen, ob und wie schön es denn im Iran sei. Das wussten sie schon vorher. Ihnen ging es darum den Alltag einzufangen. Einen Alltag, der in unseren Augen voller Widersprüche steckt.

Zuallererst fallen die intensiven Bilder auf. Sie bestechen durch Motivwahl und die Wirkung. Grandiose Lichtermeere künden vom regen Leben in den Großstädten wie Teheran. Strukturierte Architektur sind Zeugnisse städteplanerischer Notwendigkeit. Diese Bilder sind jedermann zugänglich, der den Iran besucht.

Immer werden jedoch Bilder eingestreut, die man selbst auch wahrnehmen kann, deren Einordnung einer gewissen Vorbereitung (von nun an auch durch dieses Buch) bzw. Erklärungen bedürfen. Sechs Holztüren. Folklore kommt dem Betrachter da erst einmal in den Sinn. Doch neben dem Glanz, der Kunstfertigkeit, der Schlichtheit und der Funktionalität treten Geheimnisse zutage, die man so nie vermutet hat. Zwei Türklopfer pro Eingang. Beide reich verziert. Der Eine erzeugt einen tiefen, dumpfen Klang und der Andere ein helleren … Geschlechtertrennung auf iranisch.

Das Leben im Iran ist geprägt von Regularien, die sich in unseren Breiten fremd bis unterwerfend anhören. Dann liest man vom hohen Bildungsgrad der Menschen, auch bei Frauen. Dass sie, die Frauen, diesen nicht oft ausnutzen können, ist so widersprüchlich wie die Bilder in diesem Buch. Da stehen Beinprothesen an einem Strand und nur wenige Seiten später erstrahlt die Imam-Moschee in Isfahan in einem Farbenmeer, dass kein Kirchenfenster der christlichen Welt nachahmen könnte. Nasenkorrekturen sind im Iran so alltäglich die Märtyrerverehrung. So selbstverständlich Schleier getragen werden, die Revolutionswächter kommen sonst vorbei – im günstigsten Fall „nur mit einem bunten Staubwedel“ – so selbstverständlich ist es unbeobachtet Selfies ohne die Verschleierung online zu stellen.

Man mag den Kopf schütteln über die Ignoranz gegenüber den vermeintlich falschen Werten. Man mag es faszinierend finden wie ein so riesiges Volk immer noch scheinbar altertümlichen Riten brav folgt. Fakt ist, dass der Iran ein Land ist, dass wir trotz aller Reiseerleichterungen immer noch nicht ganz verstehen. Dieses Buch ist der richtige Schritt, um Vorurteile abzubauen und mit beeindruckenden Bildern die Augen für eine wahrhaft fremde Welt zu öffnen. Es kann nur im Falschen enden, wenn man Vergleiche mit sich selbst anstellt, um etwas schön, interessant oder bemerkenswert zu finden. Manchmal reicht es einfach nur sich zurückzulehnen und ein bisschen über den Tellerrand schauen zu können.

Mehr über Mina Esfandiari gibt’s hier.

Die Zeit der Mörder

Am Abend des 12. März 1942 kommt Philippe Soupault an sein Haus. Das Tagwerk ist vollbracht – da steht plötzlich ein Mann hinter ihm. Elegant, wie aus einem Gangsterfilm entsprungen. Er lupft sein Revers. Polizei. Zwei weitere Gestalten halten sich ohne ein Wort, stoisch und deswegen bedrohlich im Hintergrund. Sie wollen ein paar Fragen beantwortet haben, sich ein wenig umschauen. An der Wende zum Freitag, dem 13. März 1942 muss er ihnen aufs Revier folgen. Zeugenbefragung. Ganz vorsichtig ist man von nun an auf beiden Seiten. Soupault braucht den geforderten Anwalt nicht, er solle ja nur als Zeuge befragt werden. Mehr nicht. Wäre er abergläubisch, wüsste er, was auf ihn am Folgetag zukommt.

Kurzer Prozess. Er wird inhaftiert. Wegen Landesverrat. Er habe – wir sind im unter französischer (Vichy-Regime, wohlgemerkt!) Protektion stehenden Tunesien – wichtige Papiere an den Feind – England – weitergegeben, wodurch ein Versorgungsschiff für die Truppen Rommels nicht seiner Aufgabenerfüllung gerecht werden konnte.

Philippe Soupault hatte Jahre zuvor den Auftrag bekommen in Tunis einen Radiosender zu installieren und zu leiten, der der Mussolini-Propaganda durch Radio Bari entgegenwirken sollte. Léon Blum, der erste sozialistische Ministerpräsident Frankreichs persönlich gab dem Journalisten und Künstler Soupault den Auftrag. Es ist immer die Wahrheit, die das erste Opfer des Krieges bildet. Das weiß Soupault. Er weiß von auch, was ihm blüht, wenn die Geheimpolizei, das Vichy-Regime, die Pétain-Schergen ihn in die Finger bekommen.

Zorn, Verzweiflung, Selbstaufgabe umgeben den Gefangenen im „Fall de R.“ – Soupault – von nun an. Die Aussicht bald die Einzelzelle gegen das Sonnenlicht einzutauschen schwindet mit jedem Tag. Doch er bewahrt sich seien Auffassungs- und Beobachtungsgabe. Mehr als einen Monat sitzt er zu Beginn in Einzelhaft. Seiner Frau verschweigen die Behörden die Festnahme. Erst Tage danach darf sie ihren Mann im Gefängnis besuchen.

Soupault findet Freunde – Vertraute – begegnet aber solchen, denen man lieber aus dem Weg geht. Denunzianten gibt es überall. Im Gefängnis ist ihre Macht jedoch stärker, wie einige Mitgefangene leidvoll erfahren müssen.

Die Zeit verrinnt. Die Hoffnung einmal wieder seine Familie zu sehen, ist für ihn kein Thema. Er hätte zu sehr unter enttäuschten Hoffnungen zu leiden. Doch eines Tages geschieht das Unerwartete: Philippe Soupault kommt frei! Als freier Häftling darf wieder hinaus in die Welt. Ja, ein Häftling wird er immer bleiben, da ist er sich ganz sicher. Aus alter Verbundenheit besucht er regelmäßig seine ehemaligen Leidensgenossen. Was für Unruhe sorgt. Genauso wie die bevorstehende Invasion der Alliierten. Soupault schafft es rechtzeitig die Stadt zu verlassen. Doch zu welchem Preis?

Philippe Soupaults Erinnerungen an die Gefängniszeit sind düster und erhellend zugleich. Die Zustände beklemmen in erster Linie ihn, den Schreiber, den Gefangenen, aber auch den Leser. Der zaghafte Optimismus, der nie offen zur Schau getragen werden darf, lässt Hoffnung aufkeimen. Dennoch bleibt „Die Zeit der Mörder“ ein bedrückendes Zeitdokument, das für den Autor Fluch und Segen zugleich war. Das Buch erschien1945 in den USA. Es dauerte siebzig Jahre (!) bis es auch in Frankreich, seiner Heimat erschien, obwohl er wieder dort lebte und maßgeblich im Widerstand arbeitete. Nur zwei Jahre dauerte es bis das Buch auf Deutsch erschien…

Die Entstehung der Arten

Bei all den Alleinstellungsmerkmalen, die man sich so ausdenkt, haben die meisten Hotelzimmer eines gemeinsam: Die Bibel im Nachttischchen oder offen präsentiert auf selbigem. Das Gegenstück würde sich ebenfalls gut an dieser Stelle machen. Im Gegensatz zur Bibel ist in diesem Fall der Autor bekannt: Charles Darwin. Und sein Werk heißt „Die Entstehung der Arten“. Alles, was in der heutigen Biologie erforscht wird, fußt auf seinen Erkenntnissen über die Entstehung dessen, was auf unserer Welt lebt. Und wenn man sich Portraits des Forschers aus seinen letzten Lebensjahren ansieht – weißer langer Rauschebart – kommt einem der Vergleich mit der Bibel und dessen Hauptakteur gar nicht mehr so abwegig vor…

Das erste Drittel des 19. Jahrhunderts war für Darwin die Zeit, in der er getrieben vom Wissensdurst sich aufmachte neue Welten zu entdecken und zu erkunden. Ihm reichte es nicht als erster seinen Fuß auf unbekanntes Territorium zu setzen. Er wollte dem Artenreichtum auf den Grund gehen.

Ihm fiel – vielleicht als einem der Ersten – auf, dass bei all den Unterschieden in der Tierwelt, immer wieder Gemeinsamkeiten untereinander hervortraten. Das muss doch irgendwie Ursachen haben, dachte er sich. Nach und nach entwickelte er seine Theorien unter anderem zur Anpassung, Mutation oder natürlicher Auslese. Bei Letzter überlebt nicht der Stärkste überlebt, sondern der Anpassungsfähigste – ein Schlag ins Gesicht von so manchen „Propaganda-Spezi“.

Als „On the origin of species“ erschien, war das Geschrei groß. Darwin, der Verrückte, der Phantast, hieß es. Heute ist sein Hauptwerk, nicht mehr nur allein sein Werk, es ist Lehrbuch, vergöttertes Standardwerk und Fibel für die Kleinsten in Einem. Besonders diese Ausgabe erfüllt diese drei Kriterien. Inhaltlich ist es das Buch, das so manchen lernbefreitem Schüler die Lust an der Biologie wieder zurückgibt, gestalterisch ist es ein Kunstwerk, das sich nur in einem Prachtband wie diesem richtig entfalten kann.

Der Einband lässt die Vermutung keimen, dass sich in diesem Buch noch mehr eindrucksvoll gestaltete Abbildungen verbergen. Diese Annahme ist nur zum Teil richtig: Sie verbergen sich nicht, sondern sie präsentieren sich ganz schamlos dem Leser. Neben Abbildungen aus der Originalausgabe glänzen Photographien, teils historisch, teils aktuell, und begeistern den Leser. Das Highlight sind aber zweifelsohne die zahlreichen Zeichnungen von Lebewesen, die in ihrer Detailtreue und vor allem Detailfülle den Froscherdrang im Leser anheizen. Die Erläuterungen, die Texte, die Theorien sind nicht nur ausgemachte Experten verständlich, sondern machen Darwins Erkenntnisse greifbar.

Diesen Prachtband nur als Weihnachtsgeschenk anzusehen, wäre fatal. Klar ist, dass man mit diesem Geschenk unumschränkten Beifall ernten wird. Doch der Ruf des Buches ist weitaus lauter als man es vermutet. Reich bebilderte Bände gibt es zuhauf. Doch Wissensvermittlung mit exzellenter Aufbereitung des Inhaltes wurde nie so umfangreich und eindrucksvoll an den Leser gebracht. Nicht nur wegen des Gewichtes und der Maße ein echtes Schwergewicht, sondern vor allem inhaltlich und gestalterisch.

München und das Auto

Das Oktoberfest ist vorüber, die Wunden sind geleckt und der Verkehr in der bayrischen Landeshauptstadt läuft wieder „normal“. Was man halt so als „normal“ bezeichnet. Denn Großstädte haben keinen „normalen“ Straßenverkehr, bestenfalls „normalen“ stockenden Verkehr.

Für Verkehrsplaner ist es eine Mischung aus Methusalem- und Sisyphosaufgabe diesen Fluss zu leiten, Historisches an Ort und Stelle zu belassen sowie diesen Fluss nicht der eigentlichen Bedeutung zu berauben. Seit der Vergabe der Olympischen Sommerspiele 1972 an München hat sich die Stadt gravierend geändert. Ein Dorf mit einer Million Einwohnern bekommen sie Spiele, lästerten die Spötter damals. Heute ist aus dem Dorf von einst eine Stadt mit weit über eine Million Einwohner geworden, die den Standard in puncto Lebensqualität für den Rest Deutschlands vorgibt. Die nördlichste Stadt Italiens nennen es die Tourismuslenker. Doch wer Touristen beherbergen will, muss sie ziehen lassen (können). München hat viel zu bieten, was lohnt besucht zu werden. Flexible Mobilität in Zeiten erhöhter PKW-Zahlen ist essentiell für eine Stadt wie München.

Axel Winterstein wirft einen Blick zurück auf die Veränderungen in der Stadt mit besonderem Augenmerk auf die verkehrstechnische Entwicklung. Wer vom Hirschgarten  zum Stachus fährt auf die Fahrbahn hinausschaut, sieht nur wenige Vehikel rollen. 1900, als in München die erste Fahrprüfung weltweit absolviert wurde (20 Prozent der Prüfling fielen durch, weil ihr Gefährt den Anforderungen der Prüfer nicht standhielt), waren weniger Fahrzeuge zugelassen als heute in einer Spur an einer roten Ampel stehen.

Kriege verändern überall auf der Welt das Antlitz einer Stadt. Der Wiederaufbau bot den Stadtplanern die Chance nicht Zerstörtes, Bewahrenswertes, Wiederaufzubauendes in die neue Zeit zu integrieren. Immer mehr Fahrzeuge „bevölkerten“ die Wege, wo nur ein paar Jahrzehnte zuvor dampfende Pferdehäuferl die Luft verpesteten. Bereits 1905 sollte Pläne erstellt werden eine U-Bahn in München zu installieren. Der Plan wurde verworfen, da sich eine Bahn wie in Paris und Berlin erst ab einer Einwohnerzahl von einer Million rechnet. Könnten Verkehrsplaner alles so genau voraussehen, würde das Wort Stau auf der Liste der bedrohten Wörter stehen.

„München und das Auto“ ist sicher kein Reiseratgeber im herkömmlichen Sinn. Die „Kleinen Münchner Geschichten“, die durch dieses Buch zweifelsohne bereichert wird (unter anderem handeln sie vom Fußball oder dem Tod, also den Friedhöfen, in München), sind ideale Zusatzlektüre für einen Besuch – egal wie lang – in Weltstadt mit Herz. Kleien Anekdoten lockern die faktenbeladenen Kapitel auf, so dass sich dieses Buch in einem Ritt durchlesen lässt. Ohne ins Stocken zu geraten, zeigt sich München so wie es sich gern nach außen präsentiert: Offen, modern, zugängig. Eine Rundfahrt ohne die Umwelt zu belasten, die dem Leser mehr als nur einen Blick hinter die Kulissen des Fortschritts erlaubt.