Geschichte eines Weißen

Wer mit dem sprichwörtlichen goldenen Löffel im Mund geboren ist, kann sich im engmaschigen Elfenbeinturm leicht die Kauleiste ruinieren. Philippe Soupault wurde mit einem silbernen Löffel im Mund geboren. Und trotzdem ist er früh angeeckt und hat sich so manches Mal gehörig die Zähne dabei verschoben.

1897 war es. Mitten im Fin de Siècle. Da wurde Philippe Soupault in Chaville bei Paris geboren. In seiner Ahnengalerie befinden sich große Männer, wie der Gründer von Renault, den er vortrefflich in „Ein großer Mann“ beschrieb. Die Bourgeoisie war sein Heimathafen. Doch Häfen haben eben auch die Angewohnheit, dass man hier nicht nur vor Anker gehen kann, sondern auch ablegen. Entdecker wollte er werden. Die weißen Flecke von den Landkarten mit Farbe füllen. Doch in Jugendjahren wurde es erst einmal Bad Ems. In Deutschland, beim Erbfeind.

Der Krieg brachte einen weiteren entscheidenden Einschnitt ins Leben des Mannes, der in diesem Buch mit dreißig Jahren zum ersten Mal Rückschau hält. Die Familie flieht aufs Land. Die verzerrten Fratzen der Soldaten sieht er nicht nur sprich- sondern wortwörtlich an sich vorbeiziehen.

Rene Deschamps ist sein Cousin. Es ist nicht das Blut, das sie verbindet, es ist ihre Leidenschaft für das Neue, das Unerwartete, das Verquere, das zwischen ihnen ein unzertrennbares Band bildet. Nur der Tod kann sie entzweien, was er auch tut. Doch die Begegnung mit Deschamps ist der Startschuss für Soupault. Kunst und ihre Auswirkungen auf sich selbst und andere gehören fortan zum Alltag. Der Bourgeoisie entkommen und sich selbst entwickeln, sich formen, neue Ideen entwerfen und umsetzen. Wenn Soupault zu diesem Zeitpunkt wüsste, dass er noch nicht einmal ein Drittel seines Lebens gelebt hat, wie hätte dann „Geschichte eines Weißen“ ausgesehen?

Mit dreißig Jahren beginnen die ersten Zipperlein, sagt der Volksmund. Bei Philippe Soupault zwickt und zwackt es im Gehirn. Er ist frei von den Zwängen der Familie. Seine Schriften werden dank der Fürsprache von Guillaume Apollinaire veröffentlicht, und nicht von eifrigen Händen dem Feuer übergeben.

Es ist erstaunlich wie aktuell dieses Buch, das nun schon seit fast einem Jahrhundert existiert, dank dem Wunderhorn-Verlag seit 1990 auch auf Deutsch, immer noch ist. Die Bourgeoisie in Frankreich ist schonungslos auf dem Weg an die Spitze. Nur heißt sie nun Elite. Keiner aus dem Umkreis von Präsident Macron ist dem System Eliteschulen entgangen. Seilschaften verbinden die einstigen Hoffnungsträger bei ihrer Abschottung gegen Unten. Kurz ist der Text, aber umso eindrucksvoller und aktueller. Wie würde Philippe Soupault seiner Heimat der Jetztzeit begegnen? Viermal so alt wie damals, als die Surrealisten ihn verbannten, obwohl er ihr erstes Werk zusammen mit André Breton schuf? Politisch korrekt vielleicht? Niemals! Anklagend? Vielleicht! Kämpferisch? Entlarvend? Bien sûr!

Die Reise des Horace Pirouelle

Reisepass, genügend Klamotten und Toilettenartikel eingepackt? Na dann kann die Reise ja losgehen! Sobald die Checkliste komplett abgehakt ist, beginnt der Urlaubsstress. Zumindest bei so manchem, der sich seit Wochen und Monaten auf die schönste Zeit des Jahres freut und alles akribisch vorbereitet. Aufbruchsstimmung nennt man das, oft endet es in Abbruchstimmung.

Horace Pirouelle bricht auf um aufzubrechen. Nichts mehr und nichts weniger. Grönland soll es sein. Sein Freund Julien – unter uns: Julien ist Philippe Soupault, der so poetisch diese Reise beschreiben wird, obwohl er gar nicht dabei sein wird – ist überrascht als der Freund ihm berichtet wohin es gehen soll. Denn Horace Pirouelle wurde einst in Liberia geboren. Quasi als Kontrastprogramm will er nun ins ewige Eis. Einfach so. Ja, wirklich, einfach so. Es gibt keinen triftigen Grund warum es ausgerechnet Grönland sein soll.

Die Reise beginnt. Und fast wie im Märchen, findet sich Horace auch bald in der Eiswüste zurecht. Dem Alltag der Eskimos kann er mühelos folgen. Anschluss findet er schnell. Doch irgendwann erdrückt ihn die Nähe, die man in Grönland so nicht erwartet.

Wer nun eine Reisebeschreibung vielleicht á la Joseph Conrad erwartet, kommt aus dem Staunen nicht mehr raus. Denn Monsieur Pirouelle sucht nicht das Besondere, er ist ja schon mittendrin. Er erinnert auch ein wenig an den Autor selbst. Entdecker wollte er werden, wenn er groß ist, meinte er in jungen Jahren. Und nun schickt er den erfundenen Horace Pirouelle in die Ferne nach Grönland. Alles hier ist anders. Keine Cafés, kein Eiffelturm, keine afrikanischen Rhythmen wie daheim in Monrovia, Liberia.

Philippe Soupault gibt dem Affen Zucker. Mit einer jungenhaften Freude schreibt er seinen Freund in ein Abenteuer, das der so schnell nicht vergessen wird. Sage und schreibe einhundert Jahre ist es her, dass dieser Kurzroman geschrieben wurde. In Europa wütete der Krieg. Revolutionen rückten Länder in den Fokus, die bisher nur am Rande oder in seltenen Fällen als eroberungswürdig wahrgenommen wurden. Schon zwei Jahre später wird Philippe Soupault zusammen mit André Breton den ersten surrealistischen Text „Die magnetischen Felder“ verfassen. Losgelöst von herrschenden Strukturen wollten sie die (Kunst-)Welt verändern. „Die Reise des Horace Pirouelle“ war der selbst gelegte Pfad auf diesem Wege.

Bushäuschen in Georgien

Würde es Katie Melua nicht geben, hätte Eduard Schewardnadse nicht so aktiv an der deutschen Wiedervereinigung mitgewirkt, man wüsste nichts von Georgien. Im Kaukasus liegt das Land. Stalin kam von hier. Fußballfans erinnern sich noch an epische Matches von Dynamo Tblissi. Aber das war’s dann auch schon.

Wer interessiert sich schon für Georgien, könnte man ketzerisch fragen. Finns halten es mit Finnland. Franks mit Frankreich und Georgs mit Georgien – könnte man meinen. In diesem Fall stimmt es aber. Georges Hausemer kennt Georgien, hat viel gesehen und viel darüber geschrieben. Viele Reportagen, die man in Tageszeitungen und Büchern noch einmal nachlesen kann. Vergessen all die Anstrengungen von Politikern (aus welchen Gründen auch immer) verpuffen im Nachrichtenwust des Schreckens. Und da springt Georges Hausemer in die Presche.

Bücher über Georgien gibt es sicherlich viele. Ganz sicher mehr als über andere Kaukasusrepubliken. Da ist es schwer eine Nische zu finden. Trara! Hier ist die ultimative Nische! „Bushäuschen in Georgien“ – auf so eine Idee muss man erstmal kommen. Wer denkt bei Georgien schon an Bushäuschen? Naja, einer, ein Luxemburger, der sein Land als das großartigste Großherzogtum der Welt beschreibt. Der Titel erregt Aufsehen. Und blättert man ein wenig darin herum, ist man überrascht. Denn europäische Nahverkehrsnetze funktionieren (meistens), ihre Haltepunkte sind durchgestylt, austauschbar, bieten Schutz vor Regen und geben Auskunft über die Fahrzeiten. Georgische Nahverkehrsnetze funktionieren meistens nicht. Die Haltstellen oder Bushäuschen sind nicht genormt. Schutz vor Wind und Wetter bieten sie auch nur sporadisch. Und Auskünfte sucht man in der Regel vergebens. Aber, und das kann man gar nicht oft genug betonen und hervorheben: Sie haben Charme. Und eine Geschichte. Nicht immer die Gleiche, zum Glück, nicht immer mit Happy End, doch sie haben Geschichten.

Selbst Einheimische wie Dato, der Fahrer und Dolmetscher des Weltreisenden Hausemer sind erstaunt, was da alles in der Gegend rumsteht. Sie sehen aus wie eine Guillotine, sind aus Baggerschaufeln wild zusammengeschustert worden, bieten Eseln einen trostlosen Rastplatz oder wurden im wahrsten Sinne des Wortes in (nicht auf oder vor oder neben) der Natur erbaut. Die süffisanten Texte von Georges Hausemer erlegen den letzten Zweifler am Nutzen dieses Buches, sofern es sie je gab. Nie wurde ein Land – übrigens Partnerland der Frankfurter Buchmesse 2018 – so eindrucksvoll durch die Hintertür einem breiten Publikum zugängig gemacht. Im Jahr 2017 ging der bedeutendste Literaturpreis Luxemburg, der Prix Batty Weber an Georges Hausemer für sein Lebenswerk. Und während in Georgien so mancher beim Warten auf den nächsten Bus – und das kann dauern – darüber nachdenkt, was der neugierige Ausländer, der so eifrig die avantgardistischen Hinterlassenschaften der UdSSR aus Beton, die wellblechbedachten Treffpunkte der Busnutzer, die verlassenen Orte des Stillstands fotogarfiert, so treibt, hat der bestimmt schon wieder den nächsten Coup in Gedanken fast abgeschlossen. Die georgischen Buchmesseteilnehmer 2018 werden aus dem Staunen nicht mehr rauskommen.

Begegnungen mit Dichtern und Malern

Philippe Soupault kannte sie alle: Guillaume Apollinaire, Marcel Proust, James Joyce, Blaise Cendrars. Und er huldigte ihnen. Auch und gerade in diesem Band. Der einleitende Beitrag zu Guillaume Apollinaire wurde eigens für dieses Buch geschrieben.

Philippe Soupault schrieb André Breton den ersten surrealitsischen Text der Geschichte, „Les Champs magnétique“, „Die magnetischen Felder“. Doch hielt es ihn nicht lang bei den Surrealisten. Als Verleger machte er sich einen Namen. Die Wurzeln, die Wurzeln seines literarischen Schaffens konnte er noch selbst schaffen. Den Dünger stellte Guillaume Apollinaire zur Verfügung. Soupault schickte ihm eines Tages selbst verfasste Gedichte zu. Apollinaire war für seine Güte gegenüber denen, die er mochte bekannt. Aber eben auch für seine scharfe Zunge, für diejenigen, die nur Spott und Hohn für ihn und seine Freunde übrig hatten. Und dieser Apollinaire gibt freimütig den Kontakt zu seinem Verleger weiter. Kurze Zeit später ist Apollinaire tot. Für Philippe Soupault war dies nicht nur eine denkwürdige Begegnung (der noch ein paar folgen sollten). Es war auch nicht nur eine nervenaufreibende Begegnung – Soupault wollte schon seine sieben Sachen packen und verschwinden als Apollinaire ihn am Ärmel davon zurückhielt. Es war der Beginn einer besonderen Karriere für Philippe Soupault, die bis über seinen Tod im Jahre 1990 hinaus nachwirkt.

Die Begegnungen in diesem Buch waren real, bis auf die mit Henri Rousseau, dem Douanier. Der Impressionist verstarb als Soupault gerade mal dreizehn Jahre alt war. Soupault besuchte Künstler und Freunde, die Rousseau gekannt hatten. In den wenigen Absätzen setzt er dem Maler ein Denkmal aus Ehrfurcht und Lebensfreude.

Über James Joyce schreibt Soupault wie über einen Übermenschen ohne dabei die Realität zu verletzen. Für ihn war Joyce der einzige Künstler, der sein Leben über sein Werk stellte. Marcel Proust schwebt über den Memoiren/Begegnungen wie eine feenhafte Erscheinung. Wo Proust war, war Ruhe, teils angespannt, teils respekteinflößend.

Diese Begegnungen lesen sich wie ein geordneter Landeinwärtsritt durch die Kunstgeschichte des frühen zwanzigsten Jahrhunderts. So wild und ungestüm die Köpfe manchmal waren, so liebevoll, fast zärtlich sind die Beschreibungen des fast schon als Jünger zu bezeichnenden Philippe Soupault. Auffallend ist, dass viele der Künstler nicht alt wurden: Apollinaire starb im 38. Lebensjahr, Proust im 51. und René Crevel konnte nicht einmal sein 35. Lebensjahr vollenden. Philippe Soupault kannte sie alle, über lebte sie alle – er starb sicherlich als zufriedener Mann im hohen Alter von 92 Jahren.

Wachtmeister Studer – Erwin Schlumpf Mord

Der Kaufmann Witschi ist ermordet worden. Und dreihundert Franken hat man ihm gestohlen. Verdächtig ist Erwin Schlumpf. Einer zu dem das Verbrechen passt. Gelegenheitsarbeiten wechselten sich mit Gefängnisaufenthalten ab. Und außerdem hat er kurz nach dem Mord im „Bären“ einhundert Franken gewechselt. In seiner Tasche befanden sich noch mehr als 280 Franken. Klar, dass er es war. Außerdem war mit Sonja liiert. Die ist die Tochter des Opfers. Alles sonnenklar: Der war’s!

Nur einer zweifelt. Wachtmeister Studer von der Kantonspolizei Bern. Der gemütliche Bulle mit dem analysierenden Stigma hat ihn als Erster vernommen. Irgendwie scheinen die Ausführungen des Delinquenten plausibel. Die Handlungen Schlumpfs nicht. Als er befragt werden soll, haut er ab. Spricht nicht gerade für jemanden, der unschuldig ist. Nun liegt er da, schnappt nach Luft – nach einem Selbstmordversuch nicht Ungewöhnliches. Studer hält ihm Händchen, versucht Informationen aus ihm herauszubekommen.

Den Untersuchungsrichter hat Studer schon fast auf seine Seite gezogen. Der ist mittlerweile auch nicht mehr hundertprozentig von Schlumpfs Schuld überzeugt. Witschi lag kopfüber im Dreck. Auf den Tatortfotos sieht man keinen einzigen Krümel auf dem Rücken des Opfers. Seine Taschen waren leer. Da stimmt was nicht! Und warum sollte der Täter, also Erwin Schlumpf, das Opfer, Witschi, anhalten, in den Wald scheuchen, ausrauben und ihn dann hinterrücks erschießen?

Als dann auch noch Cottereau vermisst wird, kommt Schwung in den Fall. Cottereau war es, der den Toten entdeckt hat. Studer bekommt Hilfe, von Kommissar Zufall. Er entdeckt Cottereau. Doch der hält lieber sein Maul als dem Fahnder zu helfen. Auch das Verhalten Sonjas kommt Studer komisch vor…

Studer ist einer, der sich einmischt. Einer, der sich nichts vormachen lässt und einer, der sich nur einer Sache verpflichtet fühlt: Der Gerechtigkeit. Wer ihm nichts sagen will, ist zwar nicht automatisch verdächtig, doch bekommt er eine Sonderbehandlung. Diskret versteht sich. Studer ist ein Meister der Beobachtung. Die Lebenserfahrung hilft ihm die Dinge ins rechte Licht zu rücken.

Friedrich Glauser führte selbst ein unstetes Leben, arbeitete in vielen Berufen an verschiedenen Orten, war morphiumsüchtig. Seinem Kommissar Studer kommen diese Erfahrungen zugute. Der Leser wird augenblicklich zum Komplizen des Ermittlers und rätselt Kapitel für Kapitel mit dem träge wirkenden Studer, um letztendlich durch Beharrlichkeit und Kombinationsgabe den wahren Täter zu ermitteln.

Wachtmeister Studer- Matto regiert

Borstli und Pieterlen sind fort. Was wie aus einem Kinderreim klingt, ist besorgniserregend. An diesem Wort – „besorgniserregend“ – hätte Jakob Studer seine Freude. Zu nachtschlafender wird er mit dieser – besorgniserregenden – Situation aus Morpheus Armen gerissen. Dr. Laduner wird ihm Näheres erklären. Laduner, Laduner, den Namen kennt er. Doch der Treibsand in seinen Augen lässt noch keine Schlüsse zu.

Borstli ist der Direktor der Nervenheilanstalt in Randingen, Pieterlen Kindsmörder. Beide sind nicht mehr da, wo man sie vermutet. Während Wachtmeister Studer sich die Fakten berichten lässt, dämmert es ihm. Laduner – klar, der war doch damals in Wien dabei als Studer das Bauernopfer spielen musste und strafversetzt wurde. Dass das mehr als nur eine Randnotiz ist, wird einige Seiten später klar als Studer in der Anstalt auf Caplaun trifft. Dessen Vater, der Oberst, war damals, in Wien, auch mit von der Partie. Na, das kann ja heiter werden.

Das Büro des Direktors, Borstli, ist verwüstet. Das Mobiliar liegt verstreut, Fensterscheiben sind zerbrochen, Blut auf dem Boden. Beim Rundgang durch die Anstalt lernt Studer schnell, dass hier nur mit Zucht und Ordnung ein geregelter Tagesablauf möglich. Die Ärzte sind die Könige, die Insassen bedauernswertes Volk. Sie sind aus unterschiedlichen Gründen hier, Kriminelle und Kriegsversehrte. Das dem Borstli was zugestoßen ist, freut den Einen mehr als den Anderen. Kurz bevor Studer die Leiche des Direktors entdeckt, hört er das erste Mal von einem Geist, der in der Anstalt wohnt. Studer – ganz in seinem Element – nimmt es zur Kenntnis, tut es allerdings nicht ganz als Spinnerei eines Insassen ab. Gut so, Studer!

Bei seinen Rundgängen und Ermittlungen taucht Studer immer tiefer in die „heiligen Hallen“ der Anstalt ein, er fährt wie mit psychisch Kranken heutzutage verfahren wird. Neue Behandlungsmethoden versprechen Linderung, doch haben die auch Nebenwirkungen. Auch die Vergangenheit ruht nicht …

Matto, der Geist, der alle Formen annehmen und Unheil verbreiten kann, ist allgegenwärtig und allmächtig. Studer ermittelt nicht mehr nur in einem Mordfall und sucht nicht mehr nur einen Flüchtigen, einen Geisteskranken. Er taucht ab in bis für ihn bis dahin unbekannte Welten.

Wachtmeister Studer – Die Fieberkurve

Da man diesen Titel im Buchhandel niemals unter Sachbüchern finden wird, und bei Friedrich Glauser die Krimi-Glocken schellen, kann der geneigte Leser sich auf eine rasante Mörderjagd gefasst machen. Der Mörder wird in die Enge getrieben, Schweiß tritt auf die Stirn – jetzt bloß keinen Fehler machen. Das Adrenalin wird brockenweise in die Adern gepumpt – ruhig Blut. Das wird schon. Dem Jäger geht es ähnlich. Auch bei ihm pumpt das Herz wie verrückt. Wann macht der Mistkerl endlich einen Fehler? Ich rieche ihn schon.

Jakob Studer ist kein Heißsporn. Er wittert den Ganoven. Und wenn er sich festbeißt, dann geifert und sabbert er nicht. Vielmehr ist Wachtmeister Studer ein analytischer Geist. Die Fakten werden ihn schon auf die richtige Spur bringen. Und der Leser erfährt dieses Mal sogar etwas Persönliches. Wachtmeister Studer wird befördert. Vom unermüdlichen Ermittler zum liebevollen Opa. Studers Tochter ist Mama geworden. Viel Gefühlsregung verursacht das bei ihm aber nicht.

Denn Studer hat einen kniffligen Fall zu lösen. Im fernen Marokko wurde einst ein Mann ermordet. In Basel eine Frau. Und nun auch in Bern. Und die drei Fälle haben alle was miteinander zu tun. Friedrich Glauser diente auch einmal in Marokko, in der Fremdenlegion. Drei Jahre lang. Eine nachhaltige Zeit, wenn man den detaillierten Beschreibungen trauen darf.

Der Tote aus Marokko hat ein doppeltes Spiel gespielt. Was ihm seine Auftraggeber übel nahmen. Und die beiden Damen standen in engem Kontakt zu ihm. Wenn an dieser Stelle zu viel verraten wird, ist die Spannung weg. „Die Fieberkurve“ ist einer der spannendsten Krimi aus der Feder von Friedrich Glauser. Denn nur wer sich auf das Wesentliche besinnt, kommt der Lösung auf die Schliche. Eine Fieberkurve ist nicht nur die dramaturgische Zuspitzung einer – misslichen – Lage. Es ist auch eine grafische Abbildung eines Krankheitsbildes. Aus einer Fieberkurve kann eine Diagnose und demzufolge auch eine Prognose abgegeben werden. Wenn Diagnose und Fieberkurve nicht übereinstimmen, muss eines von beiden falsch sein…

Wachtmeister Studer – Der Chinese

Selbstmord? Wachtmeister Jakob Studer glaubt nicht, dass der Chinese sich selbst gerichtet hat. Herzschuss. So viel steht fest. Aber wie um alles in der Welt soll der Tot sich dann noch das Hemd wieder feinsäuberlich zugeknöpft haben? Anna Hungerlott hat es auch dahingerafft. Darmgrippe. Naja, passiert. Doch in ihrem Taschentuch finden sich Spuren von Arsen. Anna war die Frau vom Hausvater der Armenanstalt in Pfründisberg, zu der zwei Bauernhöfe und eine Gartenbauschule gehören. Zufall? Mord? Gibt es gar einen Zusammenhang zwischen den beiden … Unglücksfällen?

Studer kennt den Chinesen, Farny heißt … hieß er. Hatte ihn schon mal getroffen. War viel rumgekommen. Kanada, Japan, Amerika. Und jetzt Pfründisberg. Damals, als Studer seine Bekanntschaft machte, der Chinese ihn „Bruder-Studer“ nannte, was Studer gar nicht gefiel, juxte der Chinese, dass man Studer wohl einmal bitten würde seinen Tod zu untersuchen. Nun wird aus dem Lacher bitterer Ernst. Zumal, wenn man bedenkt, dass Jakob Farny, der Chinese, einen Zeitraum von drei Monaten angegeben hat, in dem er wohl das Zeitliche segnen wird. Um einen Monat zu seinen Gunsten verrechnet, denkt sich Studer.

Bei den ersten Ermittlungen lernt Studer den Neffen des Chinesen kennen, Ludwig Farny. Der führte ein Leben, das auch nicht gerade von einer behüteten Kindheit überschattet war. Weggegeben, Verdingbub, Prügel. Der Onkel hatte ihn zu sich geholt, weil er der Meinung war, dass bald etwas Schlimmes passiere. Wie recht er doch hatte!

Alle Beteiligten scheinen was zu verbergen. Was wohl auch daran liegt, dass der Begriff der Vetternwirtschaft hier seinen Ursprung zu haben scheint. Jeder ist über weniger oder mehrere Ecken mit dem Anderen verbandelt. Ein Dickicht aus Abhängigkeiten verübelt Studer so manches Mal die Lösung der beiden Fälle. Der beiden Fälle? Es soll nicht bei den beiden bedauernswerten Opfern bleiben…

Friedrich Glauser gibt seinem Wachtmeister Studer eine echte Kopfnuss. Hin und Her gerissen von stückchenweise hingeworfenen Wissenshappen, der Gedanken an das eigene Scheitern – und einer möglichen persönlichen Befriedigung selbiger – und dem Drang den oder die Täter zu finden, ist Studer letztendlich ganz allein auf sich gestellt. Am Anfang des Buches wird Agatha Christie erwähnt, deren Hauptfigur Hercule Poirot am Ende des Buches von Studer fast schon Besitz ergreift.

Wachtmeister Studer – Die Speiche

Jede Medaille hat zwei Seiten. Wachtmeister Studers Tochter hat geheiratet, welche Seite der Medaille das nun ist, weiß Studer noch nicht. Auf alle Fälle hat Studer jetzt einen Schwiegersohn, den Albert. Auch hier ist ihm auch noch nicht recht klar, zu welcher Seite der Medaille der Albert gehört. Der ist nämlich bei der Kantonspolizei. Beim Fest gibt es – und das ist zweifelsohne die schlechte Seite der Medaille – eine Leiche. Stieger liegt erstochen im Garten. Mit einer Velospeiche. Auch die hat zwei Seiten: Eine stumpfe und eine angespitzte. Senkrecht in den Körper gerammt. Erst beim Abtasten des Rückens fällt Studer das Mordwerkzeug auf. E fehlt jedoch das Zusatzteil, mit dem die Speiche in den Körper getrieben wurde. Tja, die Feierstimmung ist wohl dahin.

Die Brissago im Mund, sich den Kopf kratzend schnaubt Studer seinem letzten Fall entgegen. Der örtliche Fahrradhändler (von Glauser so herrlich für uns altmodisch Velohändler genannt) ist einer der Hauptverdächtigen. Motiv: Eifersucht. Stieger und Graf waren in die gleiche Frau verknallt. Fräulein Loppacher. Es gibt halt immer zwei Seiten.

Die Loppacher arbeitet bei einer Privatdetektei, die Stieger und Krock gehört. Sie war vor Kurzem erst vom Graf zum Stieger „gewechselt“. Nun ist einer der Detektive tot. Bald schon auch der Zweite. Krock fällt mit Schaum vorm Mund vom Hocker als er gerade am Klavier saß. Dr. Salvisberg kann nur noch den Tod durch Vergiftung feststellen.

Nach und nach wird Studer klar, dass Graf nicht der Mörder von Stieger sein kann, und auch, dass es doch keiner besonderen Kraftanstrengung benötige, um die angespitzte Speiche in einen Körper zu jagen. Vielmehr interessiert den Ermittler warum der zweite Tote, Krock, an den Polizeipräsidenten in Mannheim einen Brief geschrieben hat. Von der Stadt, in der der Hotelbesitzer, und jetzige Ehemann von Anni, einer Schulfreundin von Studer, und jetziger Gastgeberin, sein Vermögen gemacht hatte. Viele Fragen, viele Seiten, zwei Morde.

Und dann gerät auch noch die Anni ins Fadenkreuz seiner Ermittlungen. Denn der ermordete Stieger hatte zweitausend Franken für sie dabei bevor das Zeitliche segnen musste. Doch Habgier?

Das so fröhliche Ereignis – die Hochzeit der eigenen Tochter – und dann so ein verzwickter Fall – Studer schlittert fast in seine eigene Ermordung. Für die Schönheit der Umgebung hat Jakob Studer keine Zeit. Der Berner trifft im Appenzeller Land auf seine eigene Vergangenheit, muss sich mit der Situation abfinden, dass er fernab von zuhause ein Fest feiern muss, und wird schlussendlich wieder in seinen alten Trott zurückgeworfen. Jede Medaille hat halt immer zwei Seiten …

Was macht Sie glücklich?

Einfache Frage – aber verdammt schwere Antwort. Schon seit Jahrtausenden suchen die großen Denker ihrer Zeit nach der universellen Antwort auf die Frage nach dem Glück. In letzter Zeit leider auch immer mehr Pseudoforscher. Aber von denen kommt hier keiner zu Wort. Es sind Menschen, die – wenn man reist, viel reist, weit reist, lange reist – treffen kann. Sie sind echt! Genauso wie ihre Vorstellung vom Glück.

Für den elfjährigen Damian aus Buenos Aires ist es ganz einfach: Fußball, Videospiele, Fernsehen. Und ein Geld verdienen. Mit seiner Fertigkeit die Bälle geschickt im Spiel aneinander zu reihen, verdient er für sich und seine Familie, immerhin hat er noch sechs Geschwister, einen kleinen Beitrag zum Leben dazu.

Ein grimmiges Gesicht erwartet den Leser nur ein paar Seiten weiter. Pape aus Senegal ist Schaukämpfer. Und genauso kämpferisch ist seine Antwort: Erfolg. Nichts ist einfach im Leben, das hat er schon früh lernen müssen. Selima aus Ägypten ist in Eile, Gold kann sie dem Autor noch als Antwort zuwerfen. Die Eile kommt nicht von ungefähr. Selima ist Beduine. Und mit Fremden reden, könnte gefährlich werden. Für beide Seiten…

Und weiter geht die wilde Fahrt über den Globus. Monica aus Angola betrachtet ihre Freunde als das größte Glück. Swamit Dandi Gowind aus Nepal empfindet es als Glück so netten Besuch empfangen zu können. In Kamerun fühlt sich Ngodi August nur glücklich, wenn er in Gesellschaft anderer ist. Ruth aus Vanuatu, also rund siebzehntausend Kilometer entfernt, sieht das ähnlich. Sie lebt in einem ruhigen Dorf, fest in der Gemeinschaft verankert.

Daniel R. Gygax gehört nicht nur zu den glücklichsten Menschen der Welt, sondern zu den reichsten. Mit Warren Buffetts oder Bill Gates‘ Konto kann er nicht konkurrieren, aber sein Glücksfaktor ist um einiges höher. Er trifft Menschen, überall auf der Welt. Erzählt von sich (und seinen Buchprojekten) und stellt immer nur eine Frage. Und so kommt ein universelles Buch wie „Was macht sie glücklich?“ auf den Leser zu, dass so unscheinbar und schillernd zugleich fasziniert. Die Gesichter der Welt vereint im Ringen nach der einen Antwort. Eines steht fest: Wer Freunde hat, dem fällt es leichter dem Drang nach materiellen Werten zu streben zu entsagen. Und das gilt überall auf der Welt. Von New York bis Rio, von Nairobi bis Caracas.