Mathilda

Der 9. November ist besonders für Deutsche ein besonderer Tag des Gedenkens. Zum Einen ist es der Tag des Mauerfalls, zum Anderen aber auch der Tag, an dem offener und für jedermann legitimierter Judenhass straffrei war, zum Glück für eine begrenzte Zeit. Im Jahr 1819 beginnt eine Frau ihr Tagebuch zu schreiben. Das tut man in heutiger Zeit, um sich selbst auszudrücken – so wie es ursprünglich mal angedacht war. Oder man tut es, weil es hip ist oder weil man einer Tradition folgen will, selbst eine Tradition ins Leben rufen will. Wie auch immer: Dieses Tagebuch ist in tiefes Schwarz getaucht. Denn es ist das Tagebuch von Mathilda. Nicht die, die schon als Kind lernen muss ihre übermenschlichen Fähigkeiten zu kanalisieren – wie im gleichnamigen Film. Auch nicht die junge Mathilda, die den Tod an ihren Eltern rächen will und dafür die Dienste des Profikillers Leon in Anspruch nimmt – ebenfalls wie im Film.

Nein, sie ist die Frucht einer unzerstörbaren Liebe. Einst waren ihre bildschöne, gebildete, empathische Mutter und ihr Vater füreinander bestimmt. Sandkastenliebe mit der Aussicht auf ewiges Glück. So war das damals im England des ausgehenden 18., zu Beginn des 19. Jahrhunderts. Doch schon kurz nach der Geburt der Tochter verstarb die Mutter. Und der Vater war ein gebrochener Mann. Er konnte die Anwesenheit von Mathilda nicht ertragen. Und verschwand. Einfach so. Nach Deutschland, nahm einen anderen Namen an. Mathilda wuchs derweil bei der Tante auf. Liebe und Zuneigung waren fromme Wünsche, nicht mehr und nicht weniger. Als dann auch die Tante im Sterben liegt, schient Licht ins dunkle Leben des Teenagers zu kommen. Der Vater will sie wieder sehen, will sie kennenlernen. Er erklärt sogar, dass es für nichts Sehnlicheres auf der Welt gibt als sich voll umfänglich um sie zu kümmern. Ein Wendepunkt? So wie der Mauerfall am 9. November 1989? Zuerst schon, doch dann wird es doch eher ein Wendepunkt wie der in der Nacht des 9. November 1938.

Mathilda ist voller Hoffnung, nicht aufgekratzt, doch innerlich lodert die Euphorie wie niemals etwas zuvor in ihr. Der Funke erlischt relativ schnell. Vater ist depressiv, zerstörerisch in fast jeder Hinsicht. Sich selbst zu vernichten scheint sein Elixier zu sein. Andere mit zu reißen geht für ihn damit Hand in Hand.

Das bisherige dunkle Leben, das gerade erst mit Licht gefüllt wurde, scheint im ewigen Dunkel der geistigen Nacht zu verenden…

Mary Shelley ist für die meisten die Autorin des wohl bekanntesten One-Hit-Wonders der Literatur, „Frankenstein“ – das geht soweit, dass einige denken, dass der Vorname des Monster „Mary Shelleys“ ist. „Mathilda“ ist das Folgewerk. Und hier beweist sie allen Kritikern, dass „Frankenstein“ keineswegs ein One-Hit-Wonder war. So düster die Geschichte auch sein mag. So klar und präzise zeichnet sie den Niedergang eines Menschen, dem alles genommen wurde, das man mit Geld nicht kaufen kann. Grandios, faszinierend, um immer wieder, immer noch mehr als lesenswert.

Vom Glück des Umziehens

Da steht man in Paris vor dem Palais Royal, Rue de Beaujolais 9. Ein imposantes Gebäude. Und? Fertig! Ein weiterer Punkt auf der Liste der zu besichtigenden Dinge abgehakt. Kann man machen, muss man aber nicht. Wer da wohl drin wohnt? Wer da wohl mal drin gewohnt hat? Was war da los? Ging hier die Post ab oder fand einer der Bewohner hier sogar seinen Frieden – und das in mehrfacher Hinsicht? Dann zückt man dieses kleine rosa Büchlein. Und blättert noch einmal darin. Ah, hier hat Colette gewohnt, die letzten sechzehn Jahre ihres Lebens verbracht. Hier schrieb sie mit einer eigens für sie angefertigten Schreibunterlage. Sie war am Ende ihres Lebens ans Bett gefesselt. Nur körperlich. Und dann liest man, dass dies hier ihre letzte Wohnung ihres rastlosen Pariser Lebens war. Station Elf.

Ihre erste Wohnung in Paris war vom Sommer 1893 bis zum Herbst 1896 in der Rue Jacob 28. Auf geht’s zur ersten Adresse. Mit dem Auto dauert es 16 min, zu Fuß nur unbedeutend länger. Und dann steht man in einer engen Straße, in der parkende Autos jedes Weiterkommen verhindern. Links und rechts Geschäfte. Man schaut nach oben … diesen Ausblick hat Colette nicht gehabt. Ist ja auch mehr als hundert Jahre her seitdem die berühmte Autorin hier lebte. Aber man versteht warum sie hier leben wollte. Mitten im Leben. Ein wenig Grün fehlt. Das hat Colette – vielleicht nicht hier, doch an anderer Stelle immer selbst in die Hand genommen. Balkone und Hauseingänge waren vor ihrem Gründrang nicht sicher.

Der Anhang dieses Büchleins ist für reisende Leser wie lesende Reisende eine Fundgrube. Manche Adresse sieht heute komplett anders aus – die ursprünglichen Häuser gibt es nicht mehr. Als ausgemachter Colette-Fan wird dieser Tag in Paris unvergessen bleiben.

Elf Wohnungen in der Stadt der Liebe. Elf Tapetenwechsel. Und wenn es mal nicht für den Umzug reichte, dann wurden Möbel gerückt. Umzug Null Punkt Fünf. Die kleinen Geschichten in den vier oder mehr Wänden – je erfolgreicher sie wurde desto größer die Appartements, die Anzahl der Räume und somit auch die der Wände – füllen jede Sehnsucht nach Paris mit noch mehr Sehnsucht. Durch die Detailgetreue sind ihre Stationen auch heute noch nachvollziehbar. Wer jedoch erwartet im Quartier des Ternes, dass sich an den Arc de Triomphe anschließt, Austern für neun Sous zu bekommen, wird herb enttäuscht werden. Und das nicht nur, weil es den Sous nicht mehr gibt…

Die Geschichten vom Zwang Neues zu erleben, sich von Liebgewonnen zu trennen, sich immer wieder ins Abenteuer zu stürzen, sind bis heute ein Leseschmaus. Wohl auch deswegen lesen sie sich bis heute (fast hundert Jahr später) immer noch flüssig und nachvollziehbar. Nicht nur für Paris- und Collete-Fans.

Lago Maggiore

Italien darf sich rühmen eine eigene Art des Reisens entwickelt zu haben: Italienreisen. Obwohl es vorrangig die Engländer waren, die diesen Begriff mehr oder weniger bewusst geprägt haben. Sie kamen, staunten und machten Italienreisen zu einem Must-Have. Geballte Architektur-Ensemble, grandiose Ausblicke, fantastische Küche – und wo geht das wohl am besten? Überall! Aber wo geht es noch ein bisschen besterer? Am Lago. Klar, am Lago ist es immer am schönsten. Und an welchem Lago am schönstesten? Am Lago Maggoire!

Ja, es ist eine Binsenweisheit mit orthographischen Ungereimtheiten. Aber wer einmal am Lago Maggiore tief eingeatmet hat, den Blick schweifen ließ, der weiß, was damit gemeint ist. Für alle anderen gibt’s dieses Buch als Appetitmacher.

Zum Beispiel Stresa – beginnen wir am Anfang, denn hierher kamen die Engländer zuerst. Sie sahen die Borromäischen Inseln. Sie blickten über den See, sahen die Berge, genossen die Sonnenstrahlen. Und errichteten Paläste, die heute als Hotels den Glanz der guten alten Zeit zum Besten geben. Heruntergezogene Mundwinkel sucht man hier vergebens. Alles ein bisschen edler, ein bisschen feiner, reiner und erlebnisreicher.

Eberhard Fohrer und Marcus X. Schmid gehen auf Entdeckungsreise rund um einen der beeindruckendsten Seen Oberitaliens. Vom Schweizer Nordufer – Locarno und Ascona verheißen noblesse und Verwöhnprogramm erster Klasse – bis in den Süden, vorbei am benannten Stresa und den idyllischen Borromäischen Inseln. Doch es gibt noch mehr zu sehen. So viel, dass man erstaunt ist, dass alles, wirklich alles(!), auf reichlich dreihundertfünfzig Seiten Platz findet.

Egal ob man nun das Nordufer bevorzugt, dem Süden noch ein Stück näher kommen will, oder Links und Rechts des Sees auf Erkundungstour geht, es kommt immer darauf an, wo man die ausgetretenen Pfade verlässt. Denn eines steht fest: Allein ist man hier nur selten! Besonders im Sommer. Umso wichtiger ist es, dass man sich auf ein geschultes Auge und unkomplizierte Wissensvermittlung verlassen kann. Die beiden Autoren kann man getrost als alte Maggiore-Hasen bezeichnen. So manche Ecke, so mancher versteckte Schatz wurde durch sie gehoben und dem Publikum zur Begutachtung dargeboten. Wer’s nicht gelesen hat, der läuft eben da lang, wo die Anderen auch langlaufen. Wer außergewöhnliche Orte braucht, um sich erholen zu können, dem steht eine dreihundertachtundsechzigseitige Entdeckungsreise bevor, die erst so richtig beginnt, wenn die letzte Seite, der letzte Abschnitt, der letzte farbig abgesetzte Infokasten, die letzte Info, die letzte Karte gelesen sind. Doppelt reisen – erst lesend, dann per pedes oder mobil. Auf alle Fälle wird es nicht langweilig!

 

Die Zeit der Fliegen

Mehr als fünfzehn Jahre ist es her, dass Inés verdächtige Nachrichten bei ihrem Gatten fand. Ernesto hat sie seit 15 Jahren nicht mehr gesehen. Denn ihr Rachfeldzug hatte Folgen für sie. Nun ist sie wieder in Freiheit. Die Sonne scheint nun wieder klarer für sie. Im Gefängnis hat sie sich bedeckt gehalten. Hat sich an Regeln gehalten – Regeln, die nun nicht mehr für sie gelten. Das Haus ist verkauft. Das Gewinn, was Erlös noch übrig bliebe, reicht ihr, um ein Geschäft aufzubauen. Insektenbekämpfung. Ökologisch unbedenklich. Und nur für das Ungeziefer das Finale des parasitäre Lebens.

Ihre Geschäftspartnerin ist Manca. Sie teilten sich eine Zeitlang die Zelle. Unzertrennlich waren sie von Justizias Gnaden. Unzertrennlich sind sie nun freiwillig. Manca hatte mit Drogen gehandelt.

Susana Bonar ist die vorletzte Kundin für Inés an diesem Tag. Sie kennt sie kaum, die Bonar umso besser. Inés ist erstaunt als sie zum Plausch in dem vornehmen Anwesen gebeten wird. Wein und Wasser … und eine ungeheuerliche Überraschung warten schon auf sie als sie die Terrasse betritt. Die Bonar kennt sie. Weiß wer sie ist, wie sie heißt … was sie getan hat. Damals, vor mehr als fünfzehn Jahren. Und sie hat auch gleich Verwendung für die Frau, die die Nebenbuhlerin aus dem Weg schaffte und dafür anderthalb Jahrzehnte einsaß. Denn auch Susana Bonar verdächtigt ihren Gatten eine Affäre zu haben. Und die stört oder besser: Muss aus dem Weg geschafft werden. Ein Bündel Dollar, ein dickes Bündel soll Inés überzeugen noch einmal ihre Fähigkeiten einzusetzen. Doch Inés zögert. Da ist ihre Tochter, die ihr Leben allen Widrigkeiten zum Trotz gut meistert. Ihre Tochter, die sie eigentlich nicht kennt. Die aber glücklich ist.

Manca ist Feuer und Flamme ob der Aussicht auf finanzielle Erlösung. Sie würde den Job sofort übernehmen. Doch die Expertin ist aber Inés. Doch die hat ein Gewissen. Was tun?

Claudia Piñeiro hat die Figur der Inés schon vor über zwanzig Jahren erfunden. Hin und Her gerissen folgte man damals schon Inés auf ihren Weg durch die Straßen auf der Suche nach Erlösung. Die Verurteilung war rechtens, aber Gerechtigkeit sieht anders aus – Inés’ Schicksal bewegte. Nun der Weg zurück ins Leben. Ein Jahre gönnt ihr die Autorin Ruhe bis die Vergangenheit wieder die Kontrolle über Inés’ Leben gewinnen will. Doch Inés ist älter geworden, reifer, schlauer, gewiefter. Ein Segen für alle, die schon einmal mit ihr gelitten haben. Ganz die Eine, die dem Leser nie mehr aus dem Sinn gehen wird!

Es lebe die Republik!

Es ist nie zu spät noch dazuzulernen. Einem wie Thomas Mann konnte man das natürlich nicht direkt ins Gesicht sagen – dafür thronte er einfach zu hoch über den Lesern und Zuhörern. Aber es stimmt. War er einst ein glühender Verehrer der kämpferischen Auseinandersetzung, war die Ermordung Walther Rathenaus ein Wendepunkt im Denken des bis dahin stramm unpolitischen Schriftstellers.

„Es lebe die Republik!“, der Satz. Ort: Der Beethovensaal der Alten Philharmonie in Berlin. Zeit: Oktober 1922. Anwesend waren unter anderem Gerhard Hauptmann, Literatur-Nobelpreisträger und Vater Ebert, wie ihn Thomas Mann nicht müde werdend immer wieder nannte, Friedrich Ebert, Reichspräsident.

Und das, was er zu sagen hatte, ließ die Kritiker erzürnen, die Vaterlandsliebenden ihn als Verräter kennzeichnen und Demokarten ihn ins Herz schließen. Kalkül oder Überzeugung? Beides.

Wer Thomas Mann nur als den über allen schwebenden gesamtdeutschen Schriftsteller-Übergott sieht, wird überrascht sein, dass ausgerechnet dieser Grübler, dieser stets überlegende Mensch einst deutsche Freikorps mit strammen Winkehändchen in den Krieg verabschiedete und dem der deutsche König näher war als die Rätestände.

Vom Saulus zum Paulus? Mitnichten! Thomas Mann war ein Kopfmensch. Gedanken, und seien sie erst einmal nur gespielt, waren sein Metier. Bauchentscheidungen gab es nicht. Alles hatte Hand und Fuß. Disziplin galt mehr als Gefühlsleitstände.

Kurt Oesterle ist Thomas-Mann-Experte, der sich nicht vor einer Bücherwand ablichten lassen muss, um ernstgenommen zu werden. Er nimmt den Ausruf „Es lebe die Republik!“ zum Anlass die Wandlung Thomas Manns unter die Lupe zu nehmen. Heimat, Demokratie, Vertreibung, aber auch Mannsche Anmaßung sind nur einige Eckpunkte, die er ins Feld führt, um in einem Versuch wie er es nennt, ein weiteres Schlaglicht auf den großen deutschen Dichter zu werfen. Es hilft bei der Lektüre sich ein wenig im Werk Manns auszukennen. Doch auch ohne die Verlinkungen von Haupt- und Nebencharakteren Bescheid zu wissen, wird schnell klar, wie allgemeingültig die Gedankengänge Thomas Manns waren. Und wie aktuell!

Wer sich in seinem Leseleben durch die Literatur gelesen, Tagebücher, Aufsätze und Reden aufgesogen hat, der wird ein ums andere Mal in den Zeilen Bestätigung finden und hier und da Erstaunliches entdecken.

Ein Seidenfaden zu den Träumen

Ein Buchstabe, noch einer, noch einer … sie bilden Silben. Silben bilden Worte. Worte formieren sich zu Halbsätzen, zu einem Ganzen. Am Ende gehen sie eine Symbiose ein, die schwer zu fassen ist. Sie wirken. Einfach so. Manchmal gleichen sich ihre Enden und bilden einen Wohlklang, der im Gedächtnis bleibt. Ist das das Wesen der Poesie? Mmmh, vielleicht. Im Arabischen ist sie eine Schreibweise mit der man mit wenigen Worten etwas schreibt, was man sonst nur mit vielen Worten sagen kann. Das muss man auf sich wirken lassen. Und kopfnickend in diese Lektüre eintauchen.

Usama Al Shahmani durfte in allen Lyrikbänden des Limmatverlages – immerhin 64 Bände – bei dem er schon drei Bücher verlegen ließ, schmökern. Und ausjedem Buch ein Gedicht aussuchen für diese Jubiläumskompilation. Poesie in allen Sprachen der Schweiz. Poesie, die in teils mühevoller Arbeit ins Deutsche transferiert wurden. Und immer wieder hat er dabei neue Seiten der Buchstaben, Silben, Wörter entdeckt. Das sind wie wieder bei viele Wörter sagen und mit wenigen Worten beschreiben. Übersetzungen sind ein schmaler Grat.

Für Usama Al Shahmani war es ein Glücksfall im Verlagsfundus der feinen Sprache zu stöbern. Eine Ehre. Für diesen Lyrikband sammelte er fleißig und gewissenhaft die Schönsten, die Besten, die Eindrucksvollsten von ihnen zusammen. „Ein Seidenfaden zu den Träumen“ – einen besseren Titel hätten alle an diesem Band Arbeitenden nicht finden können! Und mit Usama Al Shahmani konnte es nur ihn treffen die Auswahl zusammenzustellen. Die Titel seiner Bücher „In der Fremde sprechen die Bäume arabisch“, „Im Fallen lernt die Feder fliegen“ und „Der Vogel zweifelt nicht an dem Ort, zu dem er fliegt“ sind pure Poesie.

Wer sich mit Poesie noch nie auseinandergesetzt hat, bekommt hier einen Eindruck davon, was es heißt „über den Tellerrand zu schauen“. Poesie hat die Kraft eigene Vorstellungen zu kreieren und in dieser Phantasie nicht zu verharren, sondern sie auszubreiten. Sie ist ein Teppich, der unter den Fußsohlen ein wohliges Wandern erlaubt. Ihre Wortflut reinigt von Innen. Sie öffnet Horizonte und darüber hinaus.

Vielleicht wirken die Gedichte (wenn vorhanden im Original und in deutscher Übersetzung) nicht bei jedem und sofort. Doch schon beim zweiten Durchlesen, verströmen sie einen Liebreiz, dessen Sog man sich nicht entziehen kann. Sprache ist ein mächtiges Werkzeug. Es geduldig und behutsam einzusetzen, ist eine Kunst. Dieses Kunst beherrscht Usama Al Shamani wie kau mein anderer.

Ámbar

Die fünfzehnjährige Ambar weiß, was es heißt, ihr Leben immer wieder von Vorne zu beginnen. Ihr krimineller Vater hat ihr dieses Mal versprochen, dass sie an einem Ort bleiben werden – doch dann kommen ihm seine Machenschaften wieder einmal in die Quere. Verletzt und mit einem Toten im Schlepptau heißt es wieder einmal zu fliehen. Doch dieses Mal scheint er auf Rache zu sinnen. Je weiter Ambar ihn dabei begleitet umso mehr Gedanken macht sie sich über sich selbst und ihren Vater.

Das Buch wird als Thriller angepriesen. Als solchen habe ich es nicht empfunden. Es ist eher ein Drama rund um Ambar. Sie erzählt die Geschichte selbst. So erfährt man viel über ihr Leben an der Seite des kriminellen Vaters. Über ihren Wunsch nach einem ganz normalen Leben und ihre Sehnsüchte, die denen anderer Teenies gleichen. Allerdings ist sie kein „normaler“ Teenager. Sie kennt sich mit Waffen aus, kann Wunden versorgen und hat gelernt, dass sie niemandem vertrauen kann – schon gar nicht den Versprechungen ihres Vaters. So wirkt sie einerseits bemitleidenswert, andererseits wieder sehr abgebrüht.

Die Geschichte folgt Ambar und ihrem Vater auf ihrem neuesten Roadtrip durch Argentinien. Könnte nach Abenteuer klingen. Für Ambar ist es aber nur eine erneute Zumutung mit unbestimmten Ausgang. Hier aber wächst sie über sich selbst hinaus und beginnt sich selbst Fragen zu stellen und Entscheidungen zu treffen, die nicht immer nur den Vater in den Vordergrund stellen.

Obwohl ich durch die Beschreibung (als Thriller) etwas anderes erwartet habe, hat mir die Geschichte zugesagt. Sie ist sicher nicht leicht zu lesen: Weniger wegen der vielen blutigen und brutalen Szenen als vielmehr wegen dem, was Ambar all die Jahre mitmachen musste. Dennoch merkt man hier, dass sie einen Schritt weitergehen wird und hofft natürlich mit ihr mit, dass sich die Situation ändern wird.

Fazit: Ein krimineller Roadtrip durch Argentinien, bei dem es um die Frage geht, ob sich Ambar aus dem immer drehenden Hamsterrad befreien wird oder nicht.

Das Vaterland

An Weihnachten vor dem grauen Winterwetter fliehen. Sich in der Sonne des Südens erholen … ach, es ist ein Traum. Je näher jedoch die Rückkehr rückt, umso trüber verfinstert sich die Stimmung. Wenn man jedoch länger, viel länger, so um die drei Monate weg von zu Hause ist, steigert sich die Vorfreude auf die Heimkehr. Endlich wieder was Vertrautes sehen zu können. Vertraute Düfte, vertraute Menschen, vertrautes Umfeld.

Für die Besatzung der Kulm, einem Dampfschiff, wird die Rückkehr ein echtes Abenteuer. Ein wild zusammen gewürfelter Haufen, der in den heimatlichen Hafen einfährt. Der schroffe Ton auf See ist nicht jedermanns Sache. Da fallen auch schon mal Worte, die verletzen. Zumal, wenn das Abfahrtsdatum der 26. Dezember 1932 ist. Und das Schiff am 28. März 1933 in Hamburg festmacht.

Es hat sich viel verändert. Der Schnauzbart ist nun doch an die Macht gekommen. Für einige an Bord (und bald an Land) ein Segen, ein Hoffnungsschimmer. Für viele jedoch die größte Katastrophe ihres Lebens. Kaum etwas ist so wie es vor einigen Wochen noch war. Juden dürfen öffentlich angepöbelt, verprügelt, ausgegrenzt und gescholten werden. Die allgemeine Stimmung ist aggressiv. Man muss aufpassen, was man sagt. Jeder könnte ein Spitzel mit Beziehungen sein. Willkürliche Brutalität ist salonfähig geworden. Die Prügeleien zwischen Betrunkenen auf der Reeperbahn sind dagegen Kinderkram. Echte Matrosen scheuen einen ehrlichen Kampf nicht. Doch das, was jetzt vor sich geht, ist für viele ein Rund-Um-Die-Uhr-Kampf ums Überleben.

Heinz Liepman verließ im Juni 1933 Deutschland. Er wurde verfolgt, seine Bücher verbrannt. Er hegt keinen Groll. Er bedauert nicht. Er erhebt seine Stimme. Aus scheinbar sicherer Entfernung.

„Das Vaterland“ ist einer der ersten Exilromane. Nur kurze Zeit nach der Machtergreifung der Nazis ist dieses Pamphlet, wie er es nennt, erschienen. Alles echt, alles wahr, alles genauso passiert. Nichts hinzugefügt, nichts beschönt. Nur in der Reihenfolge der Dramaturgie des Lesen angepasst.

Fast hundert Jahre sind seit Erscheinen des Buches vergangen. Der aufkommende Nationalismus im Schulterschluss mit Militarismus und Faschismus ist untersucht und dennoch sind die Anfänge in den Augen vieler nur Geschichte von damals. Die Parallelen zur Gegenwart sind frappant. Nein, offensichtlich. Immer öfter muss man den Finger auf die Lippen legen, um nicht anzuecken oder gar Schlimmeres zu erleiden. Gleichzeitig jedoch sind Aussagen, die seit jeher – schon immer – als verpönt galten oder es zumindest sollten, fast schon in den Alltagsslang übergegangen. Klar sichtbare Hinweise werden als Gedanken von Spinnern abgetan. Und so dürfen verbotene Gesten fast ohne Sühne publiziert werden. Wohin das führt, wird auch in diesem Buch eindrücklich beschrieben. Eines steht fest. Heinz Liepman war sicher kein Visionär. Doch dieses, sein Buch ist stellenweise so aktuell wie nie!

 

Fünf unlösbare Rätsel der Mathematik

„Eins und Eins, das macht Zwei … denn Denken schadet der Illusion“ – Na bitte. Da haben wir’s! Der schwere Kopf, der in jungen Jahren im Matheunterricht auf die Tischplatte sank, war die logische Konsequenz (und niemals falsch!) auf das, was da im Lehrbuch oder an der Tafel stand. Mathe kann so einfach sein!

Spaß beiseite! Ja, Mathe kann einfach sein. Aber nicht immer. Will man beispielsweise einen Behälter mit einem Kubikmeter Fassungsvermögen bauen, müssen die Innenseiten jeweils einen Meter lang sein. Und bei zwei Kubikmetern? Sind die Innenseiten dann zwei Meter lang? Nö. Nur in der Kneipe beim x-ten Bierchen, wenn das Denkvermögen irgendwo zwischen Eichstrich und Pinkelpause verloren gegangen ist.

Kehr am nächsten Tag der Denkalltag wieder ein, könnte man sich diesem Problem zuwenden. Allein der Rechenweg (drei Seitenlängen Malnehmen) zeigt die Schwierigkeit auf exakt zwei Kubikmeter zu erlangen. Es bleibt immer etwas übrig. So ungefähr ein kleines bis größeres Bierchen – womit sich aber keineswegs der Kreis schließt.

Fragt man Edmund Weitz, der ist Mathematiker, wird auch er keine zufriedenstellende Antwort parat haben. Aber er weiß, dass es sich dabei um das Delische Problem handelt. Das kennt man schon seit Jahrtausenden. Trotz Taschenrechner, ultraschneller Computer und seitdem erlangtem Wissen, ist es bis heute nicht möglich die exakten Längen des Zwei-Kubikmeter-Behälters zu berechnen. Und selbst wenn, wie soll man das denn dann auch noch herstellen. Also gibt’s immer einen Zuschlag.

Mathematik heißt „Kunst des Lernens“ – so die Altgriechen, die die Mathematik nicht erfunden haben, aber ihr (sie also weiblich?!) einen Namen gegeben haben.

Mit Hingabe und sehr unterhaltsam beschreibt Edmund Weitz von fünf Problemen, die die Mathematik – nicht nur nach heutigem Wissensstand – niemals beweisbar lösen kann. Es ist die Quadratur des Kreises. Manches kann man einfach nicht lösen – viele kennen das … aber aus anderen Bereichen…

Dieses Buch ist sicher kein Buch, das man ab und zu in die Hand nimmt, ein paar Seiten liest und dann wieder beiseitelegt. Nein! Auch wenn man die Lösung kennt (dass es keine Lösung gibt), ist es doch spannend zu erfahren wie die Mathematiker seit Jahrtausenden sich daran die Zähne ausbeißen, ohne das dabei Schadenfreude aufkommt. Grenzen ausloten, und trotzdem nicht aufgeben – darin liegt der Reiz des Forschens. Und des Lesens!

Tizianas Rosen

Na das ging ja schnell: Nicht einmal vier komplette Seiten gelesen und schon ein Geständnis der Täterin. Tiziana Mara hat Ulrich Vanderhoff ermordet. Wie will man da als Autor Geld verdienen?! Stefan Györke muss nun nur noch reichlich einhundertsiebzig Seiten füllen, um aus dem „Ich war’s“ einen Krimi zu kreieren, der auch ab Seite Fünf Spannung verspricht und den Leser bis zur letzten Seite fesseln wird. Soviel sei schon mal verraten: Er schafft es! Spielerisch!

Tiziana lebt in Zürich, ihre Eltern stammen aus Sizilien. Sie kommt sich wie in einem Film vor als sie von einer renommierten Anwaltskanzlei zum Vorstellungsgespräch eingeladen wird. Alle sind freundlich zu ihr. Das Arbeitsklima schient erstklassig zu sein. Viel Arbeit, die obendrein auch noch Spaß macht – was will sie mehr. Ulrich Vanderhoff ist ihr neuer Chef. Ein Charmebolzen, eine elegante Erscheinung … und nicht abgeneigt auch außerhalb der Arbeitszeit Tiziana zu umwerben. Sie ebenfalls. Doch aus der anfänglichen Schwärmerei, der atemlosen Phase des Kennenlernens wird schnell Routine. Arbeit, Arbeit, Arbeit. Kein Lächeln mehr. Kein Schmachten. Seinerseits. Tiziana fügt sich dem Schicksal und tut, was man ihr aufträgt. Auch als sie einem anderen Partner der Kanzlei zugewiesen wird – Ulrich scheint alle Verbindungen zu ihr durchgeschnitten zu haben – ergibt sie sich ihrem Schicksal. Zudem nähert sie sich auch wieder ihren Eltern an. Der Abnabelungsprozess von Mama und Papa (und ihren Geschäften!) ist in ihren Augen abgeschlossen.

Und dann … auf einmal … Rosen vor ihrer Tür … von Ulrich … und dann … ist … Ulrich … tot! Schnell erkennt sie, was zu tun ist. Das Geständnis überzeugt die Ermittler. Zunächst. Doch nichts ist wie es scheint…

„Tizianas Rosen“ rauscht wie eine Freccia rossa durchs Hirn des Lesers. Eine Liebesgeschichte, die furios beginnt und Knall auf Fall endet. Eine nebulöse Verbindung zu Tizianas Eltern. Eine Anwaltskanzlei im noblen Zürich. Und eine Hauptakteurin, die mehr weiß und mehr kann als man an der Oberfläche sieht. Wer spielt hier eigentlich Spielchen? Der Gentleman, der einst als Schwertschlucker durch Sizilien zog? Die Eltern, die immer nur das Beste für ihre Tochter wollten? Kommissar Zufall? Dunkle Machenschaften sind der Nährboden für diesen einzigartigen Krimi, der sich gar nicht wie ein Krimi verhält.