Die Gestalt der Ruinen

Verbrannte Erde hinterlassen oder dass nur Sieger die Geschichte schreiben, kann einen schon manchmal in den Wahnsinn treiben. Die Wahrheit über ein Ereignis zu erfahren ist immer mit einem gewissen Beigeschmack gefüllt.

Carlos Carballo will einen Anzug aus einem Museum in Kolumbien stehlen. Für viele Redaktionen nicht mal eine Meldung auf der letzten Seite wert. Doch wenn es sich um ein historisches Zeitdokument handelt, werden viele hellhörig. Am 9. April 1948 wurde der liberale Politiker Jorge Eliécer Gaitán ermordet. Er galt vielen als Hoffnungsträger. Sein rhetorisches Geschick war legendär. Der Mörder, Juan Roa Sierra, wurde mehr oder weniger an Ort und Stelle gelyncht. Das ist schon eine Meldung wert. Doch warum wollte Carlos Caballo den Anzug stehlen, den Jorge Eliécer Gaitán am Tage seiner Ermordung trug? Fetisch? Oder wollte er damit etwas beweisen? Gut, dass er bewusst einen weiteren Interessenten mit ins Boot holt: Juan Gabriel Vásquez. Den Autor dieses Buches.

Da wird also der Autor eines Buches in sein eigenes Werk hineingezogen ohne dabei groß die Biographie-Keule zu schwingen. Natürlich hat der Roman weitreichende autobiographische Züge, ist aber im Großen und Ganzen fiktional.

Kolumbien ist das Heimatland des Autors. Erst als er ins Ausland geht, erkennt er tiefer gehende Zusammenhänge. Als Kolumbianer in Bogotá weiß er um die besonderen Verhältnisse in seinem Land, die aus der Ferne jedoch viel stärker hervortreten. Das Land ist nicht erst seit dem hinterhältigen Mord an dem liberalen Politiker Jorge Eliécer Gaitán im Umbruch, in einer verzwickten Lage, sondern eigentlich schon länger. Verschwörungstheoretiker stoßen in dem südamerikanischen Land auf fruchtbaren Boden.

Als in Europa der Große Krieg wütete bzw. seine Schatten auch über die Grenzen des Kontinentes  warf, fiel Rafael Uribe Uribe einem Attentat zum Opfer. Einfacher Mord zweier Fehlgeleiteter oder von langer Hand geplantes Attentat? Franz Ferdinand und der Beginn des Ersten Weltkrieges – hier sind sich aber nun mal alle Historiker einig – das war von langer Hand geplant. Doch welche langfristigen Ziele damit einhergingen, kann bis heute nicht vollständig geklärt werden. Der Anschlag auf Kennedy – hier sind wilden Spekulationen Tür und Tor geöffnet. Und zwischendrin die nachträglichen – fiktionalen – Ermittlungen zum Tode von Jorge Eliécer Gaitán.

Juan Gabriel Vásquez begegnet den Verschwörungstheorien mit der einzigen Art und Weise, die es gibt: Mit der Macht der Phantasie und der Literatur. Er befeuert keineswegs  neue Theorien oder behauptet neue – wahrhafte – Erkenntnis zu besitzen. Er lässt Zeugen zu Wort kommen und erlaubt ihnen ihren Gedanken nachzuhängen und sie laut zu äußern. Dem Leser wird schon bald klar, dass Juan Gabriel Vásquez nicht allein mit seinem Dilemma steht. Man selbst ist in einer Geschichte gefangen, die man nur schwer einordnen kann. Mit jeder Zeile dringt man weiter in ein Dickicht vor, aus dem es kein Entkommen zu geben scheint. Doch Vásquez kennt einen Ausweg…

Heimliches Berlin

Heimelig oder heimlich? Franz Hessel entschied sich für heimlich. Wobei sich für ihn nicht die Frage stellte, ob er sich in Berlin jemals heimelig fühlte. Es war seine Heimatstadt. Die Stadt, die so viel Einfluss auf ihn hatte wie nur auf wenige Autoren zuvor.

Wendelin von Domrau gehört zu einer Clique von Leuten, die dem Glück nachjagen. Aber ohne dabei ins Stolpern zu kommen. Man lässt das Leben auf sich zukommen. Generation X Null Punkt Null. Die Personen einzufangen, ist schwer. Sind sie Schwerenöter ohne Gewissen? Depressive Gestalten der Nacht? Hedonisten mit Hang zur Morbidität? Ein entschiedenes Jein kann hier nur die Antwort sein.

Wendelin will weg. Aber auch wieder nicht. Der Antriebsmotor stottert. Karola macht ihm ein Angebot nach Italien durchzubrennen. Doch eigentlich gehört Karola zu Clemens, einem Freund. Dann ist da noch ein Fabrikant. Reich, ja, und wie. Auch er könnte für Karola der Startpunkt in ein neues Leben sein.

Und so schreitet man durch das alte Berlin, betrinkt sich und gibt sich mühseligen Diskussionen auf mittelmäßigem Niveau hin. Langeweile? Nicht im Geringsten! Franz Hessel verdichtet einen Tag im Jahr 1924 auf reichlich einhundert Seiten, so dass das von Autoren so gefürchtete L-Wort nicht keimen oder gar Wurzeln schlagen kann.

Die Sprache des Buches ist nicht modern. Und modern zugleich. Resedafarben – das kommt dem Leser schon mächtig altbacken vor. Und den Personen im Buch nicht minder – es ist ein gelbgrüner zarter Farbton. Wendelin sticht aus der Gruppe heraus. Nicht durch besondere Kleidung oder übertriebenes Getue, nein, vielmehr durch seine Gesamterscheinung. Offenbar ist er – zumindest sprachlich – seinen Leidensgenossen um Einiges voraus. Warum also nicht das Erlernte anwenden? Nur um dem Spott zu entgehen? Nein, Wendelin, der in Wahrheit zum größten Teil aus Franz Hessel besteht, geht unbeirrt seinen Weg. Sein Dilemma ist, dass er die Karte verloren hat.

Und so ergötzt sich der Leser an einer Sinfonie der deutschen Sprache, schlicht und präzise, gewählt und rund. Eine echte Wohltat im Dschungel der Moderne.

Pistolen-Franz und Muskel-Adolf

Nostalgie und organisiertes Verbrechen passt nur in Filmen wie „Der Pate“ so richtig zusammen. Da steht jeder für den Anderen ein. Doch wehe, wenn einer mal querschießt! Dann gibt’s was auf die Mütze!

Regina Stürickow kennt sich mit der Berliner Unterwelt vergangener Zeiten bestens aus. Ihre Bücher über Täter und Jäger sind ein Füllhorn an Anekdoten und Fakten. Was bisher in ihren Büchern nur anklang, wird in „Pistolen-Franz und Muskel-Adolf“ genauer unter die Lupe genommen: Die Ringvereine. Ursprünglich und vor allem nach außen waren sie gemeinnützige Vereine, die es entlassenen Strafgefangenen erlaubten die erste Zeit nach dem Knast zu überstehen. Doch im Inneren waren sie straff organisierte Verbrecherorganisationen. Sogar mit Satzung, Strafenkatalog und eigener Gerichtsbarkeit. Sie sorgten in ihrem Kiez für Ordnung. Wer also meinte sich illegal in deren Umgebung eine goldene Nase verdienen zu können, endete oft mit einer blutigen Nase auf dem harten Pflaster der Hauptstadt. Zehn Ringvereine bildeten den Großen Berliner Ring. Zu ihnen gehörten so klangvolle Namen wie „Immertreu“, „Vergnügungsverein Glaube, Liebe, Hoffnung“ oder der „Spar- und Geselligkeitsverein Libelle“. Letzterer trat besonders durch Einbrüche hervor. Die Beute wurde dann gewinnbringend zum Schleuderpreis weiterverkauft. Wodurch die Kasse des Vereins prall gefüllt wurde.

Und wenn die Kasse mal leer war, wurden Sammelrunden veranstaltet. Wie 1930. Der Geselligkeitsverein Friedrichstraße wollte nach Tirol in die Ferien fahren. Schatzmeister Goldzahn-Bruno (das waren noch Spitznamen!) besorgte die Tickets und … verschwand mit der restlichen Kohle. Dreizehntausend Mark. Mehr als nur eine Stange Geld. Er war sich seiner Sache so sicher, dass er damit durchkommen würde, dass er es nicht für nötig hielt die Stadt zu verlassen. Und es kam wie s kommen musste. Man fand ihn, verfolgte ihn, schnappte ihn und führte ihn seiner „gerechten Strafe“ zu.

Die Nazis schoben den Ringvereinen einen Riegel vor. Viele Ringvereinsmitglieder, Ringer war kaum einer von ihnen, wurden in Konzentrationslager gesteckt. Erst nach dem Krieg sollten ihre Geschäfte kurzzeitig wieder aufblühen.

Es war ein deutsches Phänomen, dass sich Gangster und Ganoven so strukturiert organisierten. Berlin, Dresden, Hamburg – überall gab es diese Vereine. Doch Berlin war die Hochburg. Wurde ein Verein verboten oder verschwand aus welchen Gründen auch immer von der Bildfläche, war schon für Nachrücker gesorgt. „Pistolen-Franz und Muskel-Adolf“ erzählt nicht von der guten, alten Zeit. Es ist ein Archiv dessen, was unter der Oberfläche gärte und gedieh. Regina Stürickow gebührt das Lob sich unbeirrbar Archive zu durchforsten und diesen Wirrwarr an Verflechtungen ans Tageslicht zu holen. Angereichert mit allerlei Geschichtchen ist so ein Buch entstanden, das als Reiseband in eine vergangene Zeit in eine immer noch (oder wieder) spannende Stadt angesehen werden kann. Denn die angegebenen Adressen wurden von der Autorin aktualisiert (nicht jede Straße Berlins hat die Wandlungen ohne Namensänderung überstanden). Die zahlreichen abgebildeten Belege und die heutzutage fast schon zum Schmunzeln anregenden Vereinsbilder runden das Bild des kompletten Kriminalbandes ab.

Leb wohl, Berlin

Der Herbst 2018 stand ganz im Zeichen Berlins. Das babylonische Treiben zog Fernsehzuschauer in Scharen vor die Glotze. Und alle fanden es chic und schnieke diesem Berlin bei einem Kurzbesuch auf die Spur zu kommen. Doch es war halt alles nur Fiktion.

Christopher Isherwood, der Weltreisende mit dem eingebauten Radar fürs Besondere im Alltäglichen, war auch in Berlin. Doch er hat dieses Berlin, das den Herbst noch bunter machte, selbst erlebt. 1929 setzte er zum ersten Mal einen Fuß auf märkischen Boden. Vier Jahre sollte seine Spürnase in Berlin schnüffeln, aufsaugen und seine Hände dieses Berlin in Buchform verewigen.

Auch seine Figuren sind fiktional, orientieren sich aber stark an echten Typen, die Berlin zu jener Zeit den echten Glanz verliehen. Die berühmteste ist zweifelsohne Sally Bowles. „Cabaret“ soll ihr Denkmal werden. Als Isherwood sie trifft – Realität und Fiktion verschwimme in diesem Band auf wundersame undwunderbare Art und Weise – erwacht Berlin im Scheinwerferstrahl des Hedonismus. Mr. Issiwu wie ihn seine Vermieterin nennt, ist ständiger Begleiter und Beobachter dieses Berlins, das sich noch einmal für die große Party rausputzt. Denn schon bald regiert der braune Terror. Die ersten Ausuferungen sind schon da. Prügeleien und Pöbeleien auf offener Straße werfen ihren angsterfüllenden Schatten voraus, während in den Sälen unter den Kronleuchtern Champagner in Strömen fließt, die Bühnen zum letzten Mal ein Beben verkünden, das bald schon Donnergrollen weichen soll.

Es sind aber nicht nur die Zeilen, die dem Leser hier in eine Zeit entführen, die die Phantasie beflügeln. Christine Nippoldt ist die kongeniale Begleiterin an Isherwoods Seite. Ihre Illustrationen helfen dem Leser nicht nur auf die Sprünge das Gelesene vor Augen zu haben, sondern springen den Leser an, dass er eintauchen kann in eine Welt, die so weit weg zu sein schien.

Dieses Berlin hat nichts mit der so genannten Hipsterkultur der Berliner Gegenwart zu tun. Man trank richtigen Alkohol ohne exotische Zutaten, rauchte puren Tabak, kein flüssiges Gemisch, dessen Namen mehr an Pornodarsteller als Markennamen erinnern, und man feierte aus ganzem Herzen, weil man es wollte und nicht nur, damit das Social-Media-Profil einen hübschen Zuwachs verzeichnen kann. Jede Zeile in diesem Buch, jede Abbildung lässt den Wunsch im Leser erwachen, sich frisch frisiert und im besten Zwirn der Lebenslust hinzugeben.

Die Allee der Zähne

Ihm geht es wie vielen, die dieses Land besuchen: Alle sind fasziniert von der Gastfreundlichkeit und den Geheimnissen des Handelns. Und wenn ein Händler beispielsweise Tomaten als Geschenk anbietet, dafür aber ein Gedicht als Gegenleistung fordert, sagt man brav seine Verse auf. Phantastisch! Aber leider die falsche Sprache, die der Händler nicht versteht. So muss man bezahlen. Lokalkolorit nennt man das dann wohl. Ihm, das ist Guy Helminger, und dieses Land ist der Iran, wohin Helminger 2007 reiste.

Seine Tagebuchaufzeichnungen sind in diesem Buch zu einer Reiseimpression verschmolzen, die Geheimnisse aufdeckt, zum Schmunzeln anregt und vor allem Appetit auf mehr machen. Der Iran des Jahres 2007 ist nicht der Iran der Gegenwart. Es regierte zu dieser Zeit Mahmud Ahmadineschād, ein Präsident, der den Iran wieder in den Fokus der Weltöffentlichkeit rückte, dabei aber leider ein vollkommen verzerrtes Bild zeichnete. Ein Bild von einem rückschrittlichen Land, das jedweden Fortschritt westlicher Lesart verteufelte, das eigene Volk knechtete und die Errungenschaften der Geschichte auf ganz eigene Art interpretierte. Der Iran von heute ist weltoffener, doch nicht minder traditionsbewusst.

Guy Helminger erzählt von einem Land, das sich in seiner Gegensätzlichkeit von den meisten absetzt. Auf der einen Seite strenge Revolutionsgardisten, die sich im Glanze ihrer Macht sonnen. Auf der anderen Seite Jugendliche, die mit Religion nicht so viel am Hut haben wie allgemein angenommen. Revolution allerorten. Es sind die täglichen Begegnungen mit echten Menschen, die ihm – und somit auch dem Leser – den Iran näherbringen. Näher als es reisebände vermögen, intensiver als jeder Fernsehbericht von zehn Minuten Länge. Immer wieder lacht man mit dem Autor über die Sprachbarrieren und deren unvermeidliche Irritationen.

In „Die Allee der Zähne“ erzählt Guy Helminger keine erfundenen Geschichten. Alles echt, alles genau so passiert. Und deswegen gehört dieses Büchlein zur Pflichtlektüre für alle, die den Iran besuchen wollen. Schreckensszenarien wie die von seinem Rückflug, als er erfährt, dass sein Sitzplatz bereits wieder vergeben wurde, da er sich nicht rechtzeitig (was auch immer rechtzeitig bedeuten soll) gemeldet hat, sind nur Randnotizen privater Natur (schlussendlich ging aber alles gut). Teheran und Isfahan standen auf dem Reiseplan des Autors sowie ein Abstecher in ein Dorf, das sich einer Besonderheit rühmen darf. Besteigt man eines der Minarette der Moschee und bringt sie leicht zum Schwanken, wackelt auch der Geschwisterturm. Mittlerweile gibt es dort auch Souvenirminiaturen dieser Besonderheit. So unaufgeregt dieses Buch geschrieben ist, so unaufgeregt sollte man auch die News über Iran annehmen.

Gewisse Momente

Die Vierzigerjahre waren für Andrea Camilleri schmerzvolle Jahre. Nicht nur wegen des Krieges, auch wegen der Tritte in den Unterleib. Erst der Minister für Volkskultur, Allessandro Pavolini und später als die Alliierten das Heft in der Hand hielten, ein amerikanischer Offizier.

Mit Pier Paolo Pasolini konnte Camilleri nicht so recht warm werden. Pasolinis und Camilleris Vorstellungen über die Besetzung eines Stückes von Pasolini passten Camilleris nicht ins Konzept. Pasolini wollte Laien von der Straße, Camilleris ausgebildete Sprecher, die man auch in der letzten Reihe noch hört. Man einigte sich auf ein letztes – klärendes – Gespräch. Was nie stattfand. Pasolini wurde ermordet.

Dem Patriarch von Venedig allerdings bot Camilleri eine anders Vorstellung. Eine Gruppe von Geistlichen wohnte einer Probe bei, die Camilleri leitete. Es lief nicht alles wie geplant und so wurde der Autor zuerst ungeduldig und dann laut. Am nächsten Tag wollte er sich bei dem Patriarchen entschuldigen. Mit zitternden Knien schritt er zu Kreuze, doch der Patriarch zeigte Verständnis. Wenige Tage später wurde aus dem Patriarchen von Venedig Papst Johannes XXIII.

Und doch eine Begegnung ist Camilleri in Erinnerung geblieben, und sie wird dem Leser nicht minder eindrucksvoll zurücklassen. Die Federala war ein faschistische Institution, eine Person, die Königsgleich die Geschicke einer Region in der Hand hielt und leitete. Sie war es, die Camilleri, der damals schon gegen die Faschisten schrieb, ein Buch in die Hand gab, das es gar nicht geben durfte…

Es sind diese gewissen Momente, die einen Menschen formen. Kleine Geschichten, plötzliche Begegnungen, unverhofft, selten geplant – doch sie brennen sich ins Gedächtnis ein ohne Narben zu hinterlassen. Die Taubheit der Narben weicht tief sitzenden Erinnerungen. Sie sind das Salz in der Biographie eines jeden. Andrea Camilleri hat das Glück all diese Erinnerungen noch präsent zu haben. Und der Leser strahlt, dass er sie niedergeschrieben hat.

„Gewisse Momente“ ist keine Biographie im eigentlichen Sinne. Es sind Bruchstücke im Leben eines Mannes, der dem Leben verpflichtet ist ohne dies als Verpflichtung anzusehen. In jeder dieser kurzen Kapitel gibt er ein bisschen von sich preis. Wer wissen will, wie manche Geschichten aus der Feder Camilleris entstanden sind, warum er immer noch Scharen von Lesern mit einem Handstreich verzaubern kann, wird in diesem Buch eine Ahnung erhaschen können warum dem so ist.

Queen Victoria

Der Neunte Neunte Fünfzehn war ein historisches Datum. An diesem Tag brach Queen Elizabeth II. einen Rekord, der nach Ansicht vieler Experten ewig Bestand haben sollte. An diesem Tag überholte sie ihre Ururgroßmutter als die Regentin mit der längsten Regierungszeit. Und der Rekord wird minütlich verbessert. Vierundsechzig Jahre thronte Queen Victoria auf dem Thron des britischen Empires und war – das hat sie allerdings ihrer Ururenkelin voraus – unumstrittene Herrscherin über das größte Reich der Welt.

Die australische Historikerin Julia Baird setzt der epochemachenden Regentin mit diesem nicht in seinen Ausmaßen beträchtlichen Buch ein würdiges Lese- und Denkmal. Auf knapp sechshundert Seiten zeichnet sie ein Leben nach, das wirklich alles zu bieten hatte. Wie beispielsweise die Hochzeit mit Albert. Einem Deutschen. Arrangierte Hochzeiten haben immer einen bitteren Beigeschmack. Bei Victoria und Albert nicht! Sie schienen füreinander geschaffen. Gerade zur Adventszeit erinnert man auf beiden Seiten des Kontinents an die schöne Tradition des Weihnachtsbaumes. Alber brachte diese Tradition mit über den Kanal und dort wird er bis heute genauso gern geschmückt wie hierzulande.

Als Albert jedoch zu früh starb, trauerte Victoria. So sehr, dass sie nie wieder eine andere Farbe als schwarze tragen wollte. Die meisten Portraits zeigen sie demzufolge fast ausschließlich in der Trauerfarbe. Londonbesucher und Musikfans vergnügen sich bis heute in der Royal Albert Hall und lauschen von den Stones bis Eric Clapton in der königlichen Konzerthalle.

Das ist für die meisten auch schon alles, was über Queen Victoria bekannt ist. Doch schon die erste Umschlagseite zeugt von einem reichen Leben: Der Stammbaum der Familie Windsor, angefangen bei George III. bis hin zu Elizabeth II. Fruchtbar waren die Jahre zwischen 1840 und 1857. Fast eine Fußballmannschaft Kinder – die englische Football association vergab 1889 erstmals den Meistertitel an Preston North End FC, den Lilywhites – gebar Queen Victoria. Edward VII. wurde einer ihrer Nachfolger. Er hielt sich allerdings nur neun Jahre auf dem Thron.

Diese Buch ist vollgepackt mit Anekdoten und Fakten zu einer der bekanntesten Herrscherinnen der Welt. Sie steht auf einer Stufe mit Alexander dem Großen oder Dschingis Khan. Himmelhochjauchzend und zu Tode betrübt würde nur annähernd die Gemütsverfassung Queen Victorias beschreiben. Ihr Reich war stabil. Die Industrielle Revolution griff immer weiter nach Futter und Europa war in Begriff auseinanderzudriften. Sie hielt das Steuer fest in der Hand, ihre Methoden waren immer siegreich, doch oft zweifelhaft. Wer Englands Auffassung von Geschichte verstehen will, kommt an diesem Buch nicht vorbei. Klatsch und Tratsch lockern die politischen Ränkespiele genauso auf wie die zahlreichen Abbildungen und Karten. Nicht nur für Geschichtsfans das ideale Weihnachtsgeschenk!

Geschichte Belgiens

Wenn die Tage kürzer und die Abende kälter werden, bleibt Zeit schon mal die nächste Reise im Kopf zu planen. Schließlich will man vorbereitet, und in der schönsten Zeit des Jahres nichts verpassen. Und wer weiß, vielleicht kommt dem Einen oder Anderen dabei noch eine Idee für ein Weihnachtsgeschenk.

Die „Geschichte Belgiens“ ist auf den ersten Blick erstmal kein Buch, das unterm Weihnachtsbaum für große Augen sorgt. Sollte man meinen, diese Meinung ist aber falsch und wird durch eben diesen Titel von Christoph Driessen umgehend, umfänglich und vor allem ab der ersten Seite widerlegt. Denn Geschichte kann spannend sein, auch ohne schreckenshafte Bilder vor den Augen. Es dauert nur noch ein reichliches Jahrzehnt bis Belgien seinen 200. Geburtstag feiern kann. Und jeder, der bis Seite einhundertdrei dieses Buches gekommen ist, kennt jetzt schon einen Programmpunkt der Feierlichkeiten. Wenn dann zum Beispiel die Oper „Der Stumme von Portici“ aufgeführt wird, werden Erinnerungen wachgerufen an die erste belgische Flagge und die Bedeutung ihrer Farben.

Das Bemerkenswerte an diesem Buch mit dem unscheinbaren Titel „Geschichte Belgiens“ ist die verständliche Sprache des Autors. Prägnant trifft in jedem Satz den richtigen Ton ohne den Zeigefinger zu heben. Kein wilder Ritt durch ein Wirrwarr an Jahreszahlen, die selbst Belgier kaum im Kopf haben, sondern ein angenehmer Flug durch die wilde Geschichte eines Landes, das seit ein paar Jahren erst wieder beispielsweise im Sport wieder für Furore sorgt und dessen Geschicke jahrelang führungslos geleitet wurden.

Da sitzt man nun und fragt sich insgeheim, was man über Belgien weiß. Da Land liegt nicht tausende Kilometer entfernt in einer anderen Zeitzone. Es liegt gleich nebenan. Und welche Antworten muss man sich selber geben? Tim und Struppi, Pommes frites und Schokolade. Manch einem fällt vielleicht noch der koloniale Wahnsinn im Herzen Afrikas ein. Ein Skandal hier, eine Affäre da – aber ansonsten sieht es so aus wie das linke Drittel der Fahne: Ziemlich düster bis schwarz.

Diese Geschichte liest sich wie ein Krimi. Immer wieder unerwartete Wendungen, die Christoph Driessen mit einer Selbstverständlichkeit erklärt, dass sie dem Leser wie der natürliche Fortgang der Geschichte erscheinen. Kein Wort zu viel, kein Ereignis, das ausgespart wird. Und wer für den nächsten Frage-und-Antwort-Spieleabend noch ein paar Anregungen braucht, bekommt gleich noch eine Portion Promiflüstern beigelegt. Man kann ja schon mal anfangen: Wie viele (fiktionale wie reale) Belgier kennt man selbst? Poirot, Brel, Wilmots …

Kleine luxemburgische Literaturgeschichte

Um es vorweg zu nehmen: Dieses Buch ist ein Roman. Rein fiktiv, bis auf eine Figur. Und er erscheint bereits zum zweiten Mal. Vor dreißig Jahren hatte Georges Hausemer dieses Buch schon einmal veröffentlicht. Die Zeit war reif dieses Buch umzuschreiben und zu ergänzen, um es noch einmal einer breiten Leserschaft vorzulegen.

Es ist keineswegs eine Abhandlung, wann welcher luxemburgische Autor seine Werke vorgelegt hatte. Es ist ein satirischer Einblick ins Verlagswesen Luxemburgs. Der namenlose Ich-Erzähler macht einen Cut, zieht einen Schlussstrich. Beziehungsweise macht seine Freundin mit ihm Schluss und er die Herausforderung an einiges zu ändern, was sie an ihm zu bemängeln hatte. Spötter könnten jetzt meinen, warum nicht gleich so? Dann wäre Hammond, so der Name der Ex, noch bei ihm. Bleibt die Frage, ob er es auch so haben wolle.

Luksbuks ist der neue Arbeitgeber. Luxuriös ist hier nichts. Aber luxemburgisch. Frisch ans Werk heißt es für den Erzähler. Neuer Job, neues Leben, neue Herausforderung – wie man heutzutage gern (und zu oft sagt), wenn man nicht weiß, was einen erwartet, wie man sich selbst dazu positionieren soll. Der Knackpunkt ist, dass der Erzähler und Bücher bisher keine Beziehung zueinander hatten. Nicht mal als Dekorationsobjekte kamen sie ihm unter die Augen. Hammond war da anders. Obwohl sie so weit weg von ihm ist, blitzen immer wieder Gedanken in ihm auf, die Hammond klar und deutlich und gar nicht weit weg erscheinen lassen.

Doch Bücher lesen und lieben und sie als Vertreter an den Mann, die Frau, die Geschäfte zu bringen sind zweierlei. Glück gehabt! Oder doch nicht? Wie soll man etwas verkaufen, das man selbst kaum bis wenig – wenn überhaupt – kennt?

„Kleine luxemburgische Literaturgeschichte“ ist eine Geschichte zum Schmunzeln. Die Nebensätze zielen genau auf die Lachmuskeln des Lesers. Was soll man schon mit der Information anfangen, dass das Fahrzeug einen Heckscheibenwischer mit Intervallschaltung hat? Es sind diese Untertöne, die dieses Buch so unterhaltsam machen. Man muss als Leser nicht zwingend das Verlagswesen, und schon gar nicht das von Luxemburg kennen. Es genügt vollkommen sich den Zeilen des Autors hinzugeben und ihm Schritt für Schritt in eine fremde Welt zu folgen. Der Erzähler tut auch nichts anderes.

Autoren schreiben immer wieder einzelne Passagen um, fügen etwas hinzu, streichen Stellen. Die Zweitauflage ist ein paar Jahre näher an die Gegenwart gerückt. Die Hitparade von 1989 – da erschien dieses Buch erstmals – ist im Buch ein rückblickender Seufzer. Mit diesem Wissen im Hinterkopf werden die zweihundertdrei Kapitel – ungelogen, das Buch hat tatsächlich so viele Abschnitte – zu einem wilden Ritt auf der Klaviatur des hintersinnigen Humors.

In Liebe, Dein Vaterland I: Die Invasion

Japan in einer gar nicht so sehr zurückliegenden Zukunft: Im Jahr 2007 liegt die Wirtschaft brach. Die Regierung hat jedem Einwohner 40 Prozent der Ersparnisse entzogen. Die Arbeitslosigkeit steigt an. Die Kriminalitätsrate explodiert. Obdachlose bevölkern ganze Stadtteile. Hilfsorganisationen lassen sich ihre Hilfe selbst von denen, die gar nichts mehr haben noch gut bezahlen. Der Regierungsapparat und seine untergeordneten Stellen sind chronisch unterbesetzt. Wer noch Arbeit hat buckelt nach Oben und tritt nach Unten.

Nordkorea in einer gar nicht so sehr zurückliegenden Zukunft: Im Jahr 2007 hat sich das Verhältnis zu den USA verbessert. Die Elite des Landes hat sich weltweit gebildet und ist nun bereit den nächsten Schritt zu wagen. Einige ausgewählte Experten auf ihren jeweiligen gebieten, Emporkömmlinge und Günstlinge bleiben außen vor, wollen einen perfiden Plan in die Tat umsetzen. Japan soll Nordkorea einverleibt werden. Zunächst will man zusammen mit einigen in Japan lebenden Agenten das Land erkunden und die aktuellen Gepflogenheiten erlernen. In Phase Zwei werden schlussendlich über einhunderttausend Soldaten das Land besetzen.

In Japan gibt es immer mehr Proteste gegen die Übersprunghandlungen der Legislative. Terrorgruppen sprießen aus dem Boden wo sonst zwischen Kirschblüten flaniert wurde. Die Enttäuschten und Geprellten der Zeit formieren sich, um mit Nadelstichen das Land zu befreien. Und so merkt man gar nicht wie nach und nach die kleinen Nadelstiche immer größere blutende Wunden verursachen…

Das vollbesetzte Baseballstadion in Fukuoka soll das erste Ziel sein. Sobald die Stadt erreicht ist, wird die Kunde verbreitet, dass sich nordkoreanische Truppen auf Tokio zubewegen. Fukuoka würde dann abgeriegelt werden und die Aggressoren hätten freies Feld. Ein perfekter Plan … allerdings mit gravierenden Fehlern.

Autor Ryū Murakami bereitet es einen Riesenspaß in diesem ernsten Umfeld die Akteure mit Spott und Satire zu übergießen. Zum Beispiel, wenn der Leiter der Aktion sich beschwert, dass seine durchtrainierten nordkoreanischen Agenten niemals ans wissbegierige südkoreanische Touristen im Land der aufgehenden Sonne durchgehen könnten. Sie lachen einfach nicht. Weil sie es nicht kennen und können. Und ihr starrer Blick es nicht zuließe. Und so kommt es dann auch zu einigen – wenn auch nicht witzigen – Begebenheiten, die alles auffliegen lassen könnten. Aber auch auf japanischer Seite ist man nicht besonders effektiv, eher unbeholfen. Etwa als der Krisenstab ernsthaft darüber nachdenkt gegen die schwerbewaffneten Terroristen die stadioneigenen Wasserwerfer einzusetzen.

Ein düsteres Szenario, das Ryū Murakami entwirft. Er siedelt die Geschichte nicht in einer fernen Zukunft an, die keiner seiner aktuellen Leser jemals erreichen wird, sondern in die noch allzu präsente Vergangenheit. Ein Kunstgriff, der mit keiner Silbe unglaubwürdig erscheint. Wenn der Staat nur noch um sich selbst kreiselt und das Volk aufbegehrt, können ganze Systeme umknicken wie Grashalme. Das geflügelte Wort von demjenigen, der zu spät kommt … ist heute aktueller denn je.

Teil Zwei der Dystopie – ein gutes Ende ist somit wohl ausgeschlossen – erscheint im März 2019.