Oh wie „oh no, und ich dachte, dass ich Venedig kenne!“ – oh wie „oh, das habe ich wohl verpasst!“ – oh, wie schade, dass es noch so verdammt lange dauert bis ich endlich wieder dort bin!“. Da hält man wohl ein Hilfebuch in den Händen, das Reisefieber hebt und einen in Sicherheit wiegt, dass der nächste Besuch garantiert ein Volltreffer wird.
Und das trotz des Verhältnisses 280.000 zu 15.000.000. Das bedeutet 280.000 Einwohner und 15 Millionen Besucher jährlich. Da muss man fliehen, und zwar dorthin, wo man nicht zwischen Handysticks und „Folge-Mir-Wimpeln“ hindurchluken muss, um mal was Schönes zu sehen. Und einem nicht permanent auf den Kopf gek… wird, von den Tauben, versteht sich! Bei diesem Verhältnis – Eins zu fast 54 – kann man sich der Masse anschließen, überteuerte Souvenirs mad(e) in China erwerben, an jeder Ecke mit gebühren ins Jammertal der Finanzen gestoßen werden, und sich somit so manches Erlebnis gehörig zu ruinieren. Oder man wirft einen ersten scheuen Blick in dieses Buch, lässt sich verleiten (dieses Mal zu 100% gerechtfertigt) und gönnt sich Schritt für Schritt ein Aha!-Erlebnis, das in einem nicht enden wollenden „Oh Venedig“ endet. Die Wahl ist keine wirkliche Wahl. Es ist eine emotionale Vernunftentscheidung. Basta!
Man muss ja nicht gleich die ganze Stadt verteufeln und das Weite suchen. Zum Beispiel auf einem Boot durch die Lagune schippern. Doch wenn, dann auf einem Boot mit Geschichte. Eines, auf dem schon Prominente vor den Massen flohen. Das wieder entdeckt wurde. Und originalgetreu wiederhergestellt wurde. Das wäre doch was! Doch welcher Promi soll es sein?! Wie wäre es mit der Callas – oberste Promischublade. Die traf sich mit Pasolini auf seinem Boot. Und mit dem kann man heute wieder durch die Lagune schippern. Das ist das ein oh-Erlebnis, oder?!
Wer dem Massentrubel doch nicht ganz abgeneigt ist, kann entlang des Zickzackwanderns so manches Kleinod entdecken. Und wer den Gondoliere auf die Füße geschaut hat, entdeckt – wenn er dem manchmal falschen Singsang eine gewisse Routine abgerungen hat – eine einzigartige Fußbekleidung. „Furlane“ nennen sich die bequemen Schuhe, die wohl das einzige Mittel der Wahl sind, um der Qual des venezianischen Pflasters zu entkommen. Flach, simpel, bequem. Gibt’s aber nicht überall zu kaufen, zumindest nicht in entsprechender Qualität. Aber dafür an der Rialto-Brücke. Dort kommt man eh vorbei, wenn man Venedig besucht. Ist und bleibt fester Bestandteil des Programms in der serenissima – na ja ruhig und gelassen, das war einmal. Besonders, wenn alle fünf Meter ein Jüngling vor seiner Angebeteten niederkniet, um ihr einen Antrag zu machen, weil er das bei Insta schon soooo oft gesehen hat…
Maria Wiesner fand für ihr Buch Orte und Plätze, die jeden Venedig-Besuch nicht mit einem Oh-No-Erlebnis enden lassen. Mit entsprechender Gelassenheit und erfrischender Recherche durchläuft man ein Venedig, das vielen verborgen bleiben wird.
