Riccardo Muti gehört zweifelsohne zu den Dirigenten, deren Aufführungen man besucht, um dem Maestro bei der Arbeit zuzuschauen. Da die Kartenkontingente schnell ausverkauft sind, muss es zwangsläufig heißen: „ihm bei der Arbeit zuschauen zu DÜRFEN“. Kirsten Liese hat ihn jahrelang begleitet, seiner Arbeit gelauscht, ihn interviewt, mit Musikern gesprochen, Kollegen zu ihm befragt.
„Maestro Muti“ ist der einzig geltende Titel für ein Lebenswerk, das so umfangreich ist, für seine Herzenswärme, die ihresgleichen sucht und für die Konsequenz klassischer Musik eine Bühne zu bieten, die seit einigen Jahren effekthascherisch und verbiegend Opium fürs Volk ist.
Dieses Buch ist nicht die ultimative Biographie über den Napolitaner, der die Welt eroberte. Es ist die ultimative Begleitung zu einer Biographie, die noch nicht geschrieben wurde. Am 28. Juli 2026 wurde Riccardo Muti 85 Jahre alt. Die Mailänder Scala, die Wiener Philharmoniker, Orchester in London, Philadelphia, Chicago und Florenz waren und sind ohne seine Anwesenheit, seine Impulse sicherlich denkbar, aber um einige gefeierte Höhepunkte ärmer. Verdi und Mozart würden sich vor ihm verneigen, um ihm mit demütiger Geste zu signalisieren, dass sie in ihrem Schaffen sich ihre Werke genauso vorgestellt hatten. Das wird einmal das Vermächtnis des Riccardo Muti sein. Ein Klassiker unter den Klassikern der Klassischen Musik.
In diesem Buch sprechen, nein, es schwelgen unter anderem Diana Damrau, Edda Moser und Mark Stevenson. Sie alle sind Weltstars, ihnen werden Bühnen und Brücken gebaut, um ihrer Kunst Einzigartigkeit zu verleihen. Doch auch sie sind immer noch beseelt vom ersten Treffen mit dem Maestro, von Proben vor großen Aufführungen und von der Erhabenheit mit ihm Premieren zu spielen und Vorstellungen zu geben.
Doch nicht nur die großen Orchester dieser Welt, die klangvollen Konzerthäuser sind Mutis Zuhause. Mit seinem Orchestra Giovanile Luigi Cherubini und der italienischen Opernakademie bietet er dem Nachwuchs die Möglichkeit wachsen zu können. Er überwand mit Konzerten Grenzen, wo starre Mauern die Köpfe vieler Menschen verrammelten.
Doch Muti war und ist immer auch streitbar. 2024 weigert sich Muti eine Passage aus Verdis „Un ballo in maschera“ zu streichen, weil sie eine Passage enthält, die immer wieder (immer noch?!) als rassistisch gegenüber Napolitanern angesehen wird. Nun ist Muti selbst in der Stadt am Vesuv geboren. Und Verdi Rassismus vorzuwerfen, entbehrt nur wirklich jeder Grundlage. Also lässt er sie (bewusst9 im Stück. Entwaffnet aber die in den Startlöchern schon hechelnden Kritiker mit der Macht der Musik.
Klassische Musik ist vielleicht nicht Jedermanns Sache. Das leben Riccardo Mutis ist auf jeden Fall Lesenswert, und die Meinungen und Erinnerungen seiner Kollegen sind ein wahres Fest.
