Hat man einmal seine Lieblingsreihe oder seinen Lieblingsschriftsteller gefunden, kommt man schnell in einen Rausch. Man will alles lesen. Nach und nach will man auch sehen, wo Fiktion und Realität Schnittpunkte haben. Sherlock Holmes in London, Nestor Burma in Paris etc. Bei Schriftstellern wird es da schon schwieriger. Man will sehen, was sie sahen. Man will die Spannung erfühlen können, die den Autor erfüllte. Es ist eine Schnitzeljagd auf höchster Gefühlsebene.
Und wenn man dann noch in einer Zeit lebt, die Isolation zur Maxime erkoren ließ, schießen die Gedanken in den Himmel. Pierre Adrian muss es wohl so gegangen sein. Das Jahr 2020. Corona. Kontaktbeschränkungen. Was macht man als Autor? Man widmet sich dem, was man schon kennt, versucht noch tiefer in die Materie – im vorliegenden Fall ins Leben seines Vorbilds – einzutauschen. Cesare Pavese ist für Pierre Adrian fast schon ein Heiligtum. Er kennt sein Werk in. Und auswendig. Und er bedauert den viel zu frühen (selbst erwählten) Tod des Schriftstellers… Solche Ideen, die am Reißbrett der Sehnsucht entstehen, sind vom Erfolg gekrönt, wenn keine Ablenkung das Vorhaben stört. Wie gesagt, es ist Coronazeit. Ablenkung Fehlanzeige.
Es soll ein Roman werden. Fast schon ein Roadtrip. Der Erzähler – es muss Adrian sein! – will und muss sich mit seiner großen Liebe treffen. Das ist eine Frau, die aus Rom eintreffen wird. Gemeinsam wollen sie…
Als Leser von Cesare Pavese kennt man sich schon nach wenigen Kapiteln seiner Bücher ziemlich gut aus im Piemont und in Turin. Man weiß, wo man sich wohlfühlen kann und wo er, der Autor Cesare Pavese, sich quälte und seine Figuren ebenfalls. Und diese Orte besucht der Erzähler. Er sucht Bestätigung seiner Vorstellungen seines Idols. Er taucht in eine Welt ein, die er nie erleben konnte – die Gnade der späten Geburt.
Natürlich spielt das Hotel Roma in „Hotel Roma“ eine entscheidende Rolle. Der Ort, an dem Pavese seinem viel zu kurzen Leben ein Ende setzte. Hierhin zog er sich zurück – hier wurde er in eine andere Welt gezogen. Sein Ableben wurde erst spät bemerkt. Die Tage und Wochen zuvor sind nicht weniger spannend als das gesamte Leben des Künstlers, der unter anderem moderne amerikanische Literatur in die italienische Kulturlandschaft transformierte und selbst nicht mehr verwischbare Spuren hinterließ. Der Erzähler findet Weggefährten oder Angehörige von ihnen. Er entwirft ein Bild eines Mannes, das trotz der kaum bis gar nicht vorhandenen Bilder so klar ist wie man es sich nur wünschen kann.
„Hotel Roma“ ist mehr als eine Ergänzung zum Werk Cesare Paveses. Es ist essentieller Bestandteil eines literarischen Erbes, das immer noch viel zu wenige kennen. Hier wird nicht einfach eine Chronologie aufgestellt, hier wird ein Leben erlebbar gemacht!
