Der blaue Stift

Poesie zwischen Trümmern und Ruinen ist hart, scharfkantig und roh. Hier wachsen keine Blumen. Hier vernebeln Staub und Angst die Schönheit der Gedanken. Bis Samar Yazbek die Bühne betritt. Ihre Heldin Rima ist ein Mädchen, das in Damaskus aufwächst. Ihr sind Bombenalarm und in Deckung gehen näher als unbeschwertes Herumtollen und freies Leben. Sie ist smart genug, um sich ihre Freiräume selbst schaffen zu können. In die Bibliothek laufen und mit einem Mal ins Leben von Alice einzutauschen, mit ihr durch verzauberte Wälder zu streifen oder mit einem adeligen Jungen immer wieder den Sonnenaufgang zu betrachten. „Alice im Wunderland“ und „Der kleine Prinz“ sind Rimas Lieblingsbücher. Doch nicht nur das. Sie sind ihr Schlüssel ins Paradies. Trotz der Bomben. Trotz der ewigen Kontrollpunkte in der uralten Stadt. Trotz der Enge und scheinbar nie endenden Hoffnungslosigkeit.

Bis … ja, bis … nein, es wird nicht besser! Es wird schrecklicher. Viel schrecklicher. Doch Rima kann dem Schrecken entkommen. Sie schreibt sich in eine andere Welt. Unverständlich für viele um sie herum. Das ist sie schon gewöhnt. Sie war schon immer anders. Wollte weg, wollte laufen. Das ging soweit, dass sie ihre Mutter, wenn sie die Tochter mit zur Arbeit nahm, festbinden musste, weil Rima sonst vollgestopft mit Neugier laufend die Welt erkunden musste. Dieser innere Zwang, diese Neugier, dieser Drang nach Neuem, nach Aufregendem ist ihr Ventil mit der Enge umzugehen ohne Schaden zu nehmen. Dieser eine blaue Stift, nichts Besonderes, ein Massenprodukt ist ihr Weg in ihre Freiheit. Ganz ohne Pathos oder sorgloser Aufschrei nach selbiger im Kanon der Belanglosigkeiten.

Samar Yazbek gelingt es mit einfachen Worten einfache Geschichten zu schreiben, die mit einer Wucht dem Leser entgegenschlagen, dass dieser sich nur allzu gern die Wunden leckt. Oder sind gar nicht erst versucht die Schmerzen zu lindern. Schweiß und Dreck haben bei ihr die gleiche Bedeutung und Sinnfreudigkeit wie Detonationen und zu feste Haltegriffe der Erwachsenen.

Es tut gut zu lesen, dass kein Regime der Welt, kein noch so perfide Restriktion die Gedanken der Menschen, ihre Sehnsüchte derart unterdrücken kann, dass sie im schlimmsten Fall „nur“ verkümmern können. Auslöschen kann man sie nicht.