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Im Wald der Metropolen

Es gibt nicht viele Menschen, die man überall auf der Welt absetzen kann, und die überall auf der Welt zuhause sind. Sie stellen im Handumdrehen Assoziationen her. Ihnen kommen in Windeseile Geschichten in den Sinn, die nur sie und genauso erlebt haben. Karl-Markus Gauß ist einer dieser Auserwählten.

In dem einen Moment rauscht das Koffein von zu vielen Espressi durch seine Adern. Mit dem nächsten Atemzug schwärmt er von einer slowakischen Kleinstadt. Und wenn wir schon mal da sind: In Wien, in der Ungargasse, da war doch was! Hier wurde der Grundstein für den jugoslawischen Staat gelegt.

Puh, was ein Tempo! Und die Geschwindigkeit reißt nicht ab. Immer weiter treibt es den Autor, treibt er den Leser durch die Geschichte Europas. Wie schon in seiner „Abenteuerlichen Reise durch mein Wohnzimmer“ macht er vor keinem Ereignis unseres Kontinents halt. Es sind die kleinen Anekdoten, die den großen Ereignissen vorauseilen, damit diese sich entfalten können. Das steht so in keinem Geschichtsbuch der Welt! Und das ist auch gut so! Denn Karl-Markus Gauß auf seinen Expeditionen begleiten zu dürfen, ist nicht nur ein Privileg, es ist ein Erlebnis. Nur allzu oft übersieht man die wirklich historischen Stätten beim Durchstreifen von Märkten, Boulevards und Gassen. Man ergötzt sich an der Schönheit der Architektur, besucht manchmal die Heimstätte eines großen Namens, oder lässt sich einfach nur treiben. Gedenktafeln nimmt man als Appetithäppchen wahr. Doch die Geschichte hinter der Geschichte bleibt im Dunkeln wie ein Ölfleck in der nächtlichen Wüste.

Der Mann, der Licht ins Dunkel bringt heißt Karl-Markus Gauß. Bukarest, Opole, Arnstadt haben für ihn den gleichen Stellenwert wie Siena, Belgrad und Brüssel. Die Geschichten scheinen ihm förmlich zuzufliegen, er muss kaum suchen. Das ist nur eine Vermutung, die einen überkommt, wenn die Selbstverständlichkeit seiner Zeilen oberflächlich betrachtet. Sie sind jedoch das Ergebnis intensiver Recherchen, die man nur durchführen kann, wenn man weiß, wo man suchen muss.

Im Wald der Metropolen“ ist kein Lehrbuch, in dem es darum geht noch einmal Jahreszahlen abzufragen oder sich wieder in Erinnerung zu holen. Hier trifft ein Wortkünstler auf Geschichte, die wirklich passiert ist. Und jedes Wort sticht jeden Zweifel darüber aus!

Der Name seiner Mutter

Pietro wächst mit der Gewissheit auf, dass seine Mutter ihn niemals in den Arm nehmen wird. Sie ist nicht tot, oder vielleicht doch. Das spielt keine Rolle im Leben von Pietro. Er und sein Vater Ettore Leben irgendwo in der Provinz im Norden Italiens. Das Leben ist trist, aber nicht hoffnungslos. Die Beziehung der Beiden ist nüchtern betrachtet als eben solches zu betrachten. Zuneigung ist nur im herkömmlichen Sinne als solche zu erkennen. Man lebt so vor sich hin. Nebeneinander her. Mehr ist nicht drin. Die Mutter steht zwischen den beiden ohne dass sie körperlich anwesend ist.

Livio und Ester, Pietros nonna und nonno, stehen den beiden fast ebenso emotionslos gegenüber. Auch sie wissen nicht, wo Pietros Mutter ist. Warum sie gegangen ist, so kurz nach der Geburt des bambino – keiner weiß es. Die Mutter ist kein Thema, und doch ist sie immer da. Wie ein Damokles Schwert, dass jeden Moment zu fallen drohnt, lebt sie in ihrer Abwesenheit dauerhaft zwischen Piazza, leeren Gesprächen und der lähmenden Ungewissheit unter ihnen.

Für Pietro ist es wie eine Erlösung als er die elterlichen Gefilde verlassen kann. Zum ersten Mal im Leben ist er frei. Die erdrückende Stille im Herzen löst sich allmählich als er selbst eine Partnerschaft eingeht. Doch auch seine Freundin kann die Leere in ihm nicht vollends füllen. Sie versucht es ohne dabei auf ihr Drängen hinzuweisen. Sie spürt instinktiv, dass Pietro mit einer Last sein Leben bestreitet.

Bald schon ist es soweit, dass Pietro die Geschichte sich wiederholen sieht: Er wird selbst bald Vater! Er kehrt zurück zu Ettore. Mit Frau und Kind. Doch noch immer ist diese Distanz zwischen den beiden erwachsenen Männern. Was wenn, …? Nein, Pietro will sich diesen Fragen momentan nicht stellen. Doch schon bald muss er sich eingestehen, dass Wegsehen, Weglaufen keine echte Option sein kann…

Roberto Camurri legt den Mantel des Schweigens über eine Familie, die die Frau im Hause nur von Anderen kennt. Eine Frau, deren Aufgabe es sein sollte Mutter zu sein. Doch sie zog es vor andere Pfade zu beschreiten. Da niemand Fragen stellt, gibt es wohl auch niemals Antworten. Erst auf der letzten Zeile des Buches leuchtet das Licht am Ende des Tunnels wie ein Stern in dunkler Nacht. Der Leser bleibt zurück mit seinen eigenen Gedanken. Soll Pietro endlich beginnen zu suchen? Doch warum? Er ist selbst Papa. Sein Kind wird all die Liebe erfahren, die er selbst nie bekam. Alte Wunden aufreißen? Auch hier kann die Antwort nur Nein lauten. Als Leser auf eine Fortsetzung hoffen? Nein. Dieser Roman steht allein für sich da. Jedes Wort mehr, wäre eines zu viel. Die Kraft der Worte, auch der, die nicht gesagt werden, haut einen um. So sehen große Romane aus!

Giganten der Gelehrsamkeit

Da ist man schnell dabei, wenn es darum geht Leonardo da Vinci als Universalgenie zu bezeichnen. Er war Maler, Bildhauer, Brückenbauer im herkömmlichen Sinn (ein beliebtes Spielchen bei Assessment-Centern) und und und. Dass er Zeit seines Lebens Schwierigkeiten hatte Latein zu schreiben, übersieht man dabei gern einmal. Doch es geht hier und in diesem Buch nicht darum die Götter des Wissenschaftsolymps vom Sockel zu stürzen, sondern darum einmal genau aufzuzeigen, dass eben nicht nur der Gelehrte aus dem toskanischen Vinci ein solcher Universalgelehrter war.

Peter Burke geht mit dem ganz feinen Kamm durch die Archive der Welt und durchkämmt sie mit Akribie und Hingabe. Bemerkenswert ist dabei die Tatsache, dass er seine Kapitel nicht nach Namen, sondern nach der Zeit aufbaut. So umgeht er den Stallgeruch des neuerlichen Versuches einmal „alle Universalgenies noch einmal aufzuzählen“, so dass jeder mit Zahlen und Daten um sich schmeißen kann, der eigentlich gar nichts von der Materie versteht. Wer also meint nach dieser Lektüre ALLE Genies aufzählen zu können, muss sich schon die Mühe machen auch zwischen den Zeilen zu lesen. Vielmehr bedarf es einer gewissen Vorbildung. Denn Burke verkneift es sich noch einmal kurze Abrisse der Biographien zum Besten zu geben. Er ordnet die Arbeit der Giganten der Gelehrsamkeit ein. Auch wenn man im Physikunterricht zum Beispiel mehr mit der Stirn auf dem Pult lag als den Blick gen Tafel zu richten, liest man sich schnell in einen Rausch. Denn wer sein Handwerk versteht, kann als Experte bezeichnet werden. Wer darüber hinaus sein Wissen auch noch einem breiten Publikum zugängig machen kann, rückt zweifelsfrei in die Nähe eines Genies. Somit haben wir es hier mit einem Genie zu tun, das über Genies schreibt!

Peter Burke versteht es scheinbar mühelos seine in jahrzehntelangen Forschungen erbrachten Kenntnisse dem Leser näherzubringen. Seine Ausführungen gehen dabei über die pure Aufzählung und Einordnung der Genies und ihres Werkes hinaus. Peter Burke zieht Bilanz und wagt im Nachgang einen Ausblick auf das, was wir noch zu erwarten haben. Denn mit dem Ende der Renaissance, der Hochzeit der Universalgelehrten – das kann man unumwunden schon so behaupten – ist diese außergewöhnliche Spezies nicht ausgestorben.

Es ist sicherlich nicht einfach heutzutage Universalgelehrte von Blendern zu unterscheiden. Die immense Flut von Informationen kann gar nicht so schnell verarbeitet werden. Wer in vergangenen Zeiten lesen konnte, hatte schon mal die unumstrittene Grundlage sich viel Wissen aneignen zu können. Dass wir heute noch von Pythagoras und da Vinci reden, ist kein Zufall. Sie waren oft die Ersten, die ihre Erfindungen anpriesen. Man kann an ihrem Ruf kratzen, aber der Lack wird deswegen noch lange nicht abfallen. Peter Burke legt der Schickt Glanz noch eine mehr als dicke Unterschicht Wissen bei. So scheint alles in einem noch helleren Licht.

 

Pasta mia

Spielt der Mann da oben links auf dem Cover etwa mit dem Essen? Das darf man doch nicht! Gennaro Contaldo darf das! Wer ihn noch nicht kennt … er war der Lehrer von Tim Mälzer und Jamie Oliver. Das reicht, um in Kochkreisen als Legende zu gelten. Doch dieser Ruf gründet nicht allein auf dieser Tatsache, sondern darauf, dass dieser sympathische Koch sein Können nicht alle Nase im Fernsehen unter Beweis stellen muss, sondern, dass er dies gar nicht nötig hat. Und in seinem neuen Kochbuch geht es um Pasta, basta!, sein Lieblingsessen. Und mit dieser Einstellung steht er nicht alleine.

So ein einfaches Gericht, mögen einige nun vorschnell behaupten. Wasser kochen, Pasta in den Topf, fertig. Und da liegt schon der erste Fehler. Wo ist die Zeit? Wie lange kocht man welche Pasta? Schließlich gibt es nicht nur Spaghetti und Penne. Die Lösung ist dann doch einfacher als man denkt, meint Gennaro Contaldo. Ein großer Topf mit reichlich Wasser, denn die Pasta zappelt gern im Wasser herum. Das ist die Basis des guten Geschmacks. Und lässt den Genießer schon vor Aufregung wild auf seinem Stuhl herumzappeln. Das Salz gibt man hinzu kurz bevor das Wasser kocht. Anderthalb bis zwei Teelöffel pro Liter Wasser. Und das Geheimnis um al dente lüftet der Meister auch gleich noch mit.

Ist die Pasta fertig, stellt sich nur noch die Frage der richtigen Sauce. Wie aus dem Handgelenk schüttelt Contaldo die Antwort(en). Ob Rigatoni, Orecchiette oder Conchiglioni – zu jeder Pastaart passt eine Sauce und/oder eine Zubereitungsart.

Liest man sich schon nur die einführenden Kapitel, läuft einem das Wasser im Mund zusammen. Doch wie bei jedem leckeren Essen, liegt auch hier das Erfolgsrezept in der Ruhe. Schließlich liegen noch über 150 Seiten feinsten Gustos vor dem schmachtenden Leser. Wie zum Beispiel Pastacini, Pastakroketten. Ja, da muss man zweimal hinschauen, um sicher zu gehen, dass man sich nicht verlesen hat. Meersalz, Tagliatelle, Butter, Parmesan Kochschinken, Mozzarella, Eier, Semmelbrösel und Pflanzenöl. Mehr braucht man nicht. Kein Wort zu viel, aber – und das ist bei der Fülle an Kochbüchern nicht immer gegeben – auch kein Wort zu wenig. Gennaro Contaldos Rezepte sind Anleitungen zum Glücklichsein. Da ist es fast schon egal, ob man sich beim Kosten einmal die Zuckerschnute verbrennt. Es schmeckt, dass man alles um sich herum vergisst. Garantiert.

Es ist doch nicht so leicht Pasta so zuzubereiten, dass aus den einfachen Zutaten ein wirklich außergewöhnliches Mahl entsteht. Doch einmal dem Rezept gefolgt, wird man schnell zum Sprengmeister der Geschmacksexplosion. Schon allein die Namen der Gerichte laden zu vacanza in italia ein ohne die eigenen vier Wände zu verlassen: Pisarei e Faso‘, Nocken aus Pasta ohne Ei mit Bohnen. Linguine con tonno fresco e briciole, Linguine mit frischem Thunfisch und Semmelbröseltopping. Mezzelune con zucca e taleggio, Mezzelune mit Butternusskürbis und Taleggio. Da kann man nicht anders: Nachkochen und sich wie in bella italia fühlen. Wenn es Kochbuch gegen die Folgen des Lockdowns gibt, dann dieses!

Gestapelte Frauen

Diese eine Ohrfeige. Nur dieses eine Mal. Von wegen nur. Nur eine Ohrfeige – das ist es, was die junge Anwältin, die diese Geschichte erzählt zu neuen Ufern aufbrechen lässt. Nur eine Ohrfeige? Ohrfeige ja, aber „nur“? Es ist nicht nur eine Ohrfeige, es ist eine Ohrfeige. Amir hat sie ihr verpasst. Vielleicht nicht die stärkste Gewalttätigkeit, die ihr angetan wurde. Rein physisch. Aber die Auswirkungen sind noch nicht abzusehen. Sie will weg. Weit weg. So weit weg wie nur irgendwie möglich. Cruzeiro do Sul. Das ist der Ort, der am weitesten von São Paulo, ihrem Heimatort entfernt ist. Kein schöner Ort. Schon gar kein ruhiger Ort. Als Frau, in der Gegenwart … die Hölle wäre wahrscheinlich noch ein feuchtwarmes Plätzchen gegen diese Stadt im Nordwesten Brasiliens an der Grenze zu Peru. Ein nicht einmal wenig schmeichelhafter Ruf (vielmehr ein grauenvoller Ruf) eilt ihr voraus. Hier ist der Ort mit den meisten ermordeten Frauen.

Machismo, Hoffnungslosigkeit, Dummheit und Brutalität gehen hier einstimmig Hand in Hand. Und sofern es die Täter – Männer – betrifft, lässt es sich hier ganz gut aushalten. Das klingt hart, ist es auch. Patricía Melo nimmt in „Gestapelte Frauen“ kein Klischee aufs Korn, sie nimmt die steinharte Realität zum Anlass den Opfern der Realität in ihrem Roman eine Stimme zu geben.

Diese Anwältin, die vor der Ohrfeige von Amir geflüchtet ist – sie weiß, dass es wohl nicht bei dieser einen Ohrfeige geblieben wäre – und nimmt als Prozessbeobachterin an den Gerichtsverhandlungen teil. Ihre Kollegin Carla ist auch dabei. Sie recherchiert zur Gewalt an Frauen für ein Forschungsprojekt ihrer Kanzlei. Doch schon bald wird sie zum Objekt ihrer eigenen Forschung…

Die junge Anwältin taucht immer tiefer in die Geschichten der Opfer ein, die ihren Peinigern, ihren Mördern wenig bis gar nichts entgegenzusetzen hatten. Immer weiter zieht es sie in den Sumpf der Hoffnungslosigkeit. Sogar soweit, dass sie den Seelen der Verstorbenen näherkommt als so mancher Ermittler. In diesem Zustand zwischen den Welten geht sie weiter und weiter. Bis sie selbst ins Geschehen eingreift.

Zwischen den fiktiven Kapiteln streut Patricía Melo originale Meldungen über Morde an Frauen ein. In kurzen knappen Sätzen wird die Abscheulichkeit und Stringenz der Morde schnörkellos dargestellt. Starker Tobak für zartbesaitete Leser. Diese Meldungen sind unabdinglich für den Fortgang der Geschichte. Zwar ist jeder Fall ein Einzelfall mit einem Einzelschicksal verbunden. Dennoch scheint hinter diesen Taten ein System dafür verantwortlich zu sein. Diesem System hat die Autorin ihre Wortgewalt entgegenzusetzen. Einige Abschnitte werden viele vor den Kopf stoßen. Viele Gedanken werden in den Köpfen hängenbleiben. Wohl gemerkt nicht das ganze Land Brasilien steht hier am Pranger. Frauen und Männer bestehen zwar aus dem gleichen Gen-Material, aber da hören die Gemeinsamkeiten in den Augen mancher auch schon auf. Die Krone der Schöpfung erhebt mit aller Macht und Ungeduld Ansprüche, die man sich nicht erkämpfen kann. Dennoch werden sie eingefordert. Ohne Rücksicht auf Verluste. Die Direktheit der Worte erschreckt anfangs und überzeugt dann bis zur letzten Seite.

Vorboten

Der Krieg ist vorüber. Nichts ist und wird mehr so sein wie es war. Doch die Rückkehr von Wieland Göth aus den Schlachtfeldern des Ersten Weltkrieges ist um Einiges anders als die der meisten, die als Kanonenfutter in den Schützengräben um ihr Leben bangen mussten. In zerschlissener Kleidung, abgemagert ist Rombelsheim, ist die Heimat kein freundlicher Ort, an dem man ihn mit offenen Armen empfängt. Seine überstürzte Abreise ist vielen noch im Gedächtnis. Und fast ebenso vielen immer noch ein Rätsel. Auch wo er all die Jahre – immerhin sieben an der Zahl – verbracht hat, lässt die Phantasie Purzelbäume schlagen. Ja, er hat viel Leid gesehen und erfahren. Doch das ist jetzt vorbei!
Ist es nicht! Das Erste, was er sieht ist ein Plakat mit dem Konterfei einer vermissten Frau. Gleich daneben das Gesicht des mutmaßlichen Entführers. Und Mörders! Denn der Russe Oleg kann die Frau, Josepha, Wielands Schwester, nur ermordet haben. Da sind sich alle einig. Der Russe war’s!
Bauer Neubert war für Wieland sehr lange mehr Vater als der eigene. Doch Bauer Neubert ist tot. Erhangen. Wieland schneidet den Unglücklichen höchstpersönlich vom Seil. Zuhause wartet sein Bruder auf ihn. Mit einer gehörigen Portion Wut im Bauch und einem Schwall böser Worte. Auf dem Dachboden vegetiert der wenig geliebte Vater vor sich hin. Und dass der Graf auf den Heimkehrer ungeduldig wartet, schürt die Feindseligkeiten gegenüber Wieland. Was will der Graf nur von ihm? Dicke Freunde waren sie nie. Wohl auch, weil der Graf mehr als nur eine Auge auf Wielands Mutter geworfen hatte. Sie wird es nicht mehr verraten können. Mutter ist tot. Und täglich liegen auf ihrem Grab frische Blumen. Wer die wohl dort hingelegt hat?
Der Graf bekommt schlussendlich seinen Willen und Wieland zu Gesicht. Er will Wieland für sich gewinnen, für seine Sache. Die ist gegen den so genannten aufgezwungenen Friedensvertrag von Versailles. Die linksrheinischen Gebiete, also auch Rombelsheim, sind in französischer Hand. Das kann ein guter Deutscher nicht akzeptieren. Doch Wieland ist so viel Politik, so viel Hasse, so viel Verblendung ein Graus. Ihn interessiert vielmehr das Schicksal seiner Schwester. Und dann ist da auch noch die Vergangenheit in Gestalt einer Frau. Wie soll Wieland agieren? Kann er erklären, warum er vor sieben Jahren Hals über Kopf das Dorf verlassen hat? Und wie wird sich die Zukunft entwickeln?
Jürgen Heimbach bringt Spannung ins fiktive Rombelsheim, indem er der einstigen Realität die Bühne gibt, die in der Nachbetrachtung gemieden wird. Vor dem Hintergrund einer erstarkenden Revanchistenidee fixiert er den Fokus des Lesers auf das Schicksal eines Dorfes. Eines Dorfes, das durch Grabenkämpfe und Missgunst nichts mehr von Idylle und Gemeinsinn hat. Der Krieg, der große und die kleinen, haben tiefe Gräben hinterlassen, in denen das Vergessen keinen Platz mehr hat.

Jeder geht für sich allein

Momoko war immer die brave Frau an der Seite ihres Mannes. Der ist mittlerweile nicht mehr bei ihr. Auch die Kinder haben das Haus schon längst verlassen. Momoko ist 74. Einmal im Leben hat sie den Ausbruch gewagt. Damals, vor einem halben Jahrhundert, als sie das elterliche Dorf im Nordosten Japans verließ. Raus aus dem Trott. Die Einöde hinter sich lassen. Der Perspektivlosigkeit die Stirn bieten. Rein in ein neues Leben voller Aufregung und Abenteuer.

Es wurde Tokio. Die Metropole bereitete sich auf die Olympischen Spiele vor. Das war 1964. Doch so aufregend war es dann doch nicht. Die Träume machten dem Alltag Platz. Die Kinder wurden geboren. Ihr Mann brachte das Geld nach Hause. Die Mitte war von nun an ihr Zentrum. Das Haus mitten im Viertel. Nicht zu weit oben auf dem Berg, nicht unten im Tal. Links und rechts Nachbarn mit denen sich kaum trifft.

Heute sind der Postbote und der Zeitungsausträger fast schon die einzigen Kontakte, die sie pflegt. Die Mäuse in ihrem Haus werden immer agiler seit ihr Hund, der sie lange Jahre begleitete, verstorben ist. Sie stören nicht. Die Geräusche, die sie machen, vernimmt Momoko. Mehr aber auch nicht.

Doch seit einiger Zeit scheint ihr die Erinnerung immer öfter ein Schnippchen zu schlagen. Oder vielmehr sich in den Vordergrund zu drängen. Mit ihm einher geht der Dialekt ihrer Kindheit. Ein Zeichen von Rückbesinnung. Bisher hat sie sich in Büchern Wissen angeeignet, das sie in einem Heft niederschrieb. Es war ihre Flucht aus der Einsamkeit.

Momoko ist keineswegs verrückt wie man vermuten möchte als sie Stimmen vernimmt. Sie weiß, dass sie es ist, die zu ihr spricht. Doch immer wieder, immer öfter sprechen diese Stimmen im Dialekt ihrer Heimatregion mit ihr. Sie bringen Momoko dazu sich zu erinnern. Wie es war als sie in die Hauptstadt kam. Wie es war Mutter zu werden. Wie es war an der Seite ihres Mannes zu stehen. Sie zwingen sie aber auch darüber nachzudenken, was fehlt.

Chisako Wakatake geht mit dem Leser und ihrer Momoko einen Stück des Weges gemeinsam. Der Dialekt Momokos ist in der deutschen Übersetzung – und man muss ihn ebenso übersetzen wie das Hochjapanisch ins Hochdeutsch – eher dem Dialekt des Erzgebirges und des Vogtlandes ähnlich. Es dauert ein paar Seiten bis man sich an die raschen Wechsel in der Sprachfarbe gewöhnt hat. Aber dann ergießt sich ein Schwall voller Poesie und Nostalgie über den Leser. Momoko ist keine Rebellin. Sie ist eine ganz normale Frau, die den Regentropfen auf der Fensterscheibe mehr abgewinnen kann als so manch anderer. Sie lebt zurückgezogen allein mit ihren Gedanken. Das Sprachgefühl und die penible Übersetzung machen diesen kleinen Roman zu einem großen Stück Literatur.

Nachtstücke

Vielleicht hat der Eine oder Andere schon mal das beklemmende Gefühl gehabt in einem Raum eingesperrt gewesen zu sein. Nicht wirklich, nur das Gefühl! Es ist so seltsam einsam. Aber in einer noch seltsameren Art und Weise auch irgendwie bekannt. Für viele fühlt es sich an wie in einem Film. Für wenige ist es eine Erinnerung, die im Bücherschrank steht. Edgar Allan Poe heißt der Ausgangspunkt für diese Angst. Er beeinflusste mit seiner – zur damaligen Zeit – neuen Art Suspense, das gewisse Knistern in den Synapsen herzustellen, darzustellen Generationen von Künstlern. Von Charles Baudelaire über Alfred Hitchcock bis hin zu Roman Polanski und seinen nachfolgenden Kollegen ist Edgar Allan Poes Werk die Grundlage ihres Genres.

Auch das Rätsel des locked room, also eines Raumes, aus dem niemand herauskommt bzw. herauskam, kann als Poe’sche Erfindung angesehen werden. Ein Mord in einem Raum, der absolut leer ist – außer dem Opfer, das darin liegt. Der Täter kam anscheinend nicht von außen herein. Und schon gar nicht wieder heraus. Wie also um alles in der Welt, wurde die Tat verübt?

Es sind diese Art Rätsel, die den Leser fesseln und in eine Stimmung versetzen, für die der Schlaf die ersehnte Lösung ist. Ob nun ein gefiederter Geselle, der wortreich beschrieben wird wie in „Der Rabe“. Dieses Gedicht bildet in jeder Geschichtensammlung von Poe den Auftakt. Oder der Klassiker, der jeden Kriminalkommissar als Pflichtlektüre noch vor der ersten Unterrichtsstunde neben das Bett gelegt werden sollte, „Doppelmord in der Rue Morgue“. Oder das dunkle Familiengeheimnis wie das der Ushers in deren seltsamen Haus. Oder das Unglück einer Schiffbesatzung im gefährlichen Maelström. Oder „Das verräterische Herz“, dessen Geschichte sogar bei den Simpsons Einzug gehalten hat. Jeder kennt Edgar Allen Poe. Noch immer, obwohl er vor über hundertfünfzig Jahren gestorben ist.

Sein Leben war kein Zuckerschlecken. Früh die Mutter verloren, kam er mit dem Vater nie so recht klar, überwarf sich mit ihm als junger Mann. Die einzige Konstante in seinem Leben war wohl der Alkohol. Der ihm letztlich sicher auch das Leben kostete.

Die Kraft, die seinem Werk innewohnt, ist ungebrochen. Sie bricht sich nicht in Wellenbewegungen immer mal wieder frei, sie ist gleichbleibend vorhanden. Diese Nachtstücke sind die Betthupferl, die es braucht, um des Nachts in süße Träume zu versinken. Die Wortgewalt, der intellektuelle Anspruch und die dadurch verursachte Gänsehaut sind die Zutaten, dies man braucht, um in Morpheus Armen selig dem Alltag zu entschlummern.

Dresden MM-City

Es ist unbestritten, wenn es eine Stadt in Deutschland gibt, die seit Jahren stetig wachsende Besucherzahlen zu vermelden hat, dann ist es Dresden. Die Neueröffnung der Frauenkirche war ein Fanal, das in die Welt hinaus hallte. Das bedeutet für Besucher aber auch, gutes Wartefleisch zu besitzen. Denn einfach mal so die Frauenkirche zu besuchen, ist in der Hauptsaison das Ziel der meisten Gäste. Dann vertreibt man sich die Zeit mit dem überaus üppigen „Nebenprogramm“, dass die Stadt an der Elbe noch zu bieten hat. Zwinger, Brühlsche Terrassen sind so fester Bestandteil eines Dresdenbesuches wie der Eiffelturm und Paris oder Ramblas und Barcelona – es geht nicht ohne.

Autorin Angela Nitsche empfiehlt danach noch ein wenig zu verweilen und Dresden noch intensiver kennenzulernen. Oder man macht es umgekehrt: Als Appetitanreger erst die vermeintlich versteckten Höhepunkte besichtigen und dann die Touri-Tour. So hat man schon ein wenig Dresdenluft geschnuppert und ist bestens gewappnet für die Postkartenerlebnisse des Barock. Doch wo anfangen?

Beispielsweise mit Tour 7. Wilsdruffer Vorstadt und Friedrichstadt. Wer Pech hat, erfährt schon bei der Anreise von Wilsdruff. Eine sehr unbeliebte Strecke bei allen, die auf der Autobahn die Zeit im Stau verbringen müssen. Die Autobahnabfahrt Wilsdruff gehört sicher zu den am meisten genannten Staupunkten des Freistaates. Ist man am Ziel angekommen, eröffnet sich eine Welt, die man vielleicht erwartet hat. Schließlich ist Dresden trotz seines Spitznamens „Tal der Ahnungslosen“ – was mit der geographischen Lage und der damit bis in die 1990er Jahre verbundenen schlechten Fernseh- und Radioprogrammversorgungslage zusammenhing – ein Juwel städtebaulicher Kunst. Diese Tour macht den Besucher zum Kenner der Stadt. Vom Sächsischen Landtag, einer Mischung aus Alt und Neu (mit grandiosem Elbblick), über historische Hinterlassenschaften eines gewissen Herrn Semper (der mit der Oper, ein weiteres Must-See Dresdens) am Eingang zu ehemaligen Orangerie bis hin zu einem Bauwerk, das schon immer im Inneren etwas ganz anderes verbirgt als es von außen vorzugeben scheint: Die Moschee. Was drin ist? Erst Tabakfabrik, dann Bürogebäude.

Dresden hat sich gemausert. Einst barocke Perle, dann zerstörtes Mahnmal gegen Krieg und Willkür, nun wieder blühende Metropole und Ausgangspunkt für einzigartige Ausflüge in die Umgebung.

Auch die lässt die Autorin nicht außen vor: Meißen, die Porzellanstadt sowie  Radebeul, das durch seine Architektur und Karl May die Besucher anzieht. Nicht zu vergessen – ganz im Gegenteil – die Sächsische Schweiz. Mit dem Dampfer der Weißen Flotte stilecht wie ein König die schrillen Felsformationen entdecken und per pedes zu erklimmen bis hinauf zur Festung Königstein. Auch eine Zugfahrt entlang der Elbe sorgt für Ahs und Ohs.

Die sorgfältig ausgewählten Hinweise, wo man sich getrost niederlassen kann, um den Gaumen weitere Erlebnisse zu gönnen, sind mehr als nur nachahmenswert, sie bilden den krönenden Abschluss eines jeden Tages. Ob nun Partygetümmel in der Neustadt oder Museumsbesuch im Hyienemuseum (den gläsernen Menschen muss man gesehen haben!) oder ausgedehnte Bummel entlang alter und neugestalteter Alleen und Bauwerke – neben Neugier, Entdeckerlust und Kamera sollte man unbedingt diesen Reiseband dabei haben.

Ariane – Liebe am Nachmittag

Ariane Nikolajewna Kuznetzowa kann einem Fahrradfahrer Benzin verkaufen. Sie ist ein Charmebolzen, eine Intelligenzbestie und Wildfang in einem. Und sie wie das auch! Bei ihrer Abschlussprüfung lässt sie ihre Lehrer nicht zu Wort kommen und brilliert mit einem Vortrag, der alle verstummen lässt. Dass ihr Lehrer mehr als offensichtlich in sie verknallt ist, gerät darüber hinaus zu Nebensache. Die Schule ist vorbei, sie wird studieren. Was ihrem Herrn Papa – wie er ihr in einem Abrief mitteilt – gar nicht gefällt. Ihre Intelligenz und ihre Empathie wären am Herd zu Hause besser angelegt als in einem lotterhaften Leben an der Uni. Ob er weiß, dass er damit bei Ariane auf Granit beißt?

Die Zeit bei Tante Warwara neigt sich dem Ende zu. Schule vorbei, es wartet das Leben. Vorbei auch die Zeiten, in denen Ariane die Männer um den Finger wickeln konnte wie keine Andere. Selbst der aktuelle Freund von Tante Warwara – auch sie ein Freigeist der besonderen Art – schafft es nicht Ariane zu überzeugen, dass sie bei ihm das Paradies auf Erden hätte. Ariane ist viel zu schlau, um die – besser: Den – Hintergedanken zu erfassen. Wer sie will, ist auf ihren Willen angewiesen. Das kann man Emanzipation nennen, oder Frechheit oder Freiheitsdrang. Das Ergebnis bleibt dasselbe.

Nach Moskau zieht es das Mädchen, dem bisher alles und alle (Herzen) zugeflogen sind. Auch in Moskau scheint alles so weiterzugehen wie bisher. Nicht ganz so einfach, aber dennoch zu einer großen Zufriedenheit Arianes. In der Oper lernt sie Konstantin kennen. Wohl erzogen, vorschnell, gewitzt, forsch. So erobert er ihr Herz. Doch an Liebe denken werde er noch sie. Konstantin ist das männliche Gegenstück zu Ariane. Ob das gut geht?

Die selbstauferlegte Liebesabstinenz muss bald schon echten Gefühlen weichen. Ja, Ariane und Konstantin sind ein Paar. Das erstaunt niemand mehr als die beiden selbst. So war das nicht geplant. Das Drehbuch des Lebens sah vielleicht eine Affäre vor, aber doch keine endgültige Beziehung. Und schon bilden sich Risse im harmonischen Geflecht der Irrungen und Wirrungen der Liebe. Und finde sie auch nur am Nachmittag statt…

Ein Skandal war dieser Roman als er 1920 erschien. Die Leser liebten ihn. Die Kritiker auch, weil sie endlich genug Pulver für ihre Moralkanonen bekamen. Eine Frau, die sich die Männer aussucht wie der Züchter das Vieh. Eine Frau, die mit den Männern spielt. Und es auch noch zugibt. Eine Frau, die einfach nur eine Frau sein will. Mit den Rechten wie ein Mann. Doch dazu gehören eben nun auch einmal die Pflichten. Und da gerät der Motor ins Stottern. Wenn kein Mechaniker zur Hand ist, muss man selbst Hand anlegen. Ohne Werkzeug und ohne Lehrmeister kein leichtes Unterfangen. Und Konstantin? Er war begeistert von den Stunden im Hotel. Von der Routine der Treffen, die ihn (und in seinen Augen auch Ariane) glücklich machten. Jetzt wir die Routine von Grenzen und Enge bestimmt. Das freie Leben ist auch für ihn vorbei. Was beide nicht wissen, was auch Claude Anet nicht zu Papier brachte, ist die Zukunft der beiden. Werden sie jemals wieder so glücklich werden wie im Hotel National? Wird die Liebe den Nachmittag überstehen?