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Venexia

Venedig und Klischees – gehört irgendwie zusammen. Hoffnungslos überlaufene cale und Brücken, Überschwemmungen und der Karneval. Aber auch Romantik, zauberhafte Aussichten und ein Füllhorn an einzigartigen Eindrücken. Doch all das ist ein Stück harte Arbeit. Mit dieser Einsicht kommt man diesem Prachtband schon ein gewaltiges Stück näher. Denn Venedig ist eben nicht nur Romantik in bella italia und ein Espresso zu exorbitanten Preisen. Hier leben Menschen, echte Venezianer, die die Stadt zu dem machen, was sie ist.

Stefan Hilden hat immer die Kamera im Anschlag. Was so martialisch klingt, war es anfangs auch. Er war auf Bilderjagd. Doch er merkt schon bald, dass er so nicht sehr weit kommt. Denn als Venezianer will man nicht auf Schritt und Tritt für die Ewigkeit eingefangen werden. So kam er ins Gespräch mit den Einwohnern der Serenissima. Und bald schon kamen diese einzigartigen Bilder zustande. Hochglanz, ja. Prospektmaterial, bedingt. Denn Venedig öffnet sich nur dem Aufgeschlossenen.

So darf Stefan Hilden den Palazzo Mora besuchen. Nicht einfach nur mal reinschauen, so wie viele andere auch. Nein, er durfte Türen öffnen, die sonst verschlossen bleiben. Immer schön am Rand bleiben, wurde ihm gesagt. Da weiß man schon, dass das Knarzen im Boden nicht einfach nur Nostalgie ist, sondern eine echte Warnung. Und ab jetzt verschlägt es dem Leser den Atem! Man riecht förmlich den Verfall, atmet Geschichte, sieht, was die Zeit mit dem Gebäude gemacht hat. Aber vor allem, was immer noch zu sehen ist! Lichtpunkte, die durch die brüchigen Fensterläden ihren Weg finden. Patina an kunstvoll geschmiedeten Geländern und Beschlägen. Aussichten, die so selten sind, dass man vor Neid erblassen könnte.

Manche Gebäude werden heutzutage als Ateliers genutzt. Mal expressionistisch wie im Cabinett des Dr. Caligari, mal verwunschen wie in einem Märchenschloss. Immer voller Leben, das sich auf den Straßen abspielt.

Aber auch Orte der Ruhe findet Stefan Hilden bei seinen Fotostreifzügen, die keine Jagd mehr sind. Keine auf Hochglanz polierte Gondeln findet den Weg vor die Linse, sondern genutzte Wasserfahrzeuge, die ihre Pflicht vor langer Zeit getan haben. Pures Mauerwerk kündet von dem, was mal war. Und immer mit im Bild: Die Sehnsucht, die Grandezza der Stadt, die einmal die Meere beherrschte. Deren Ruhm seit Jahrhunderten an- und die Besucher in Atem hält.

„Venexia – Hinter den Kulissen von Venedig“ spiegelt dem Betrachter nichts vor, wie es so manch Unerfahrenen in der Lagunenstadt ergeht. Die Stadt ziert sich etwas ihre nicht ganz so prächtigen Seiten zu offenbaren. Stefan Hilden leistet exzellente Überzeugungsarbeit und lässt sie bei aller fehlender oberflächlicher Eleganz erstrahlen. Venedig mal anders – dieser zu oft missbrauchte Satz trifft bei diesem Buch auf jeder der 180 Seiten zu.

Tagebuch eines Überflüssigen

Wenn Tschulkatorin nur wüsste, welch Schnippchen er dem Schicksal noch schlagen wird. Irgendwas um die Dreißig hat ihm der Arzt salbungsvoll gerade mitgeteilt, dass es mit ihm bald zu Ende gehen wird. Der Landbesitzer, den keiner wirklich braucht. Der sein Auskommen hat. Alles vorbei, bevor das Leben richtig begonnen hat. Es ist Ende März im Jahr achtzehnhundertirgendwas. Tschulkatorin, der Mann ohne Vornamen, ohne Zweitnamen, in Russland immer der Name des Vaters mit einem –witsch hintendran, hat nicht mehr viel zu erwarten. Auch niemandem, dem er gegenüber Rechenschaft ablegen muss. Im engeren Sinne ein freier Mensch. Doch er ist nicht glücklich. In der Blüte des Lebens einsehen zu müssen, dass man bald verblüht, dass die Blüte nicht einmal richtig stattgefunden hat, ist hart.

Nun sitzt er da. Aber er lässt den Kopf nicht hängen. Er beginnt Tagebuch zu schreiben. Ob es eine dicke Lebensbeichte wird oder nur ein fast leeres Blatt Papier, kann er nicht wissen. Trotzdem schreibt er. Nur für sich. Wie er meint. Doch an so mancher Stelle, tritt Zorn zu Tage. Spricht er Menschen an. Sie werden ihn nicht erhören.

Tschulkatorin erinnert sich an die gefühlskalte Mutter. Und an den Tag, an dem der geliebte Vater röchelnd verstarb. Und an Lisa! Ja, sie war es. Die große Liebe seines Lebens. Unbeachtet ließ sie ihn sie im Arm halten, entschied sich für einen Anderen. Beim Tanz ließ sie ihn abweisen, entschied sich für einen Anderen. Und Tschulkatorin? Er konnte Lisa nicht vergessen. Kein noch so harter Schlag konnte ihn jemals verletzen. Er war sowieso ein Überflüssiger – in der russischen Literatur ein gern gewählter Charakter.

Schon bald entfaltet sich der Frühling in seiner ganzen Pracht. Die Vögel werden singen, die Knospen sprießen, das Leben wird zurückkehren. Nicht für Tschulkatorin. Der erste April (vielleicht wird es auch der zweite sein, doch der erste klingt für ihn natürlich viel besser) wird der Tag sein, an dem sein Schicksal besiegelt sein wird. Er wird abtreten. Wird es jemand merken? Sei’s drum. Er wird gehen, das weiß er. Draußen scheint die Sonne grell und bricht das Grau des Winters entzwei. Tschulkatorin wird aufbrechen in eine neue Zeit…

Iwan Turgenjew lässt einmal mehr einen Helden scheitern, ihn aber nicht zerbrechen. Tschulkatorin weiß, dass er gehen muss. Es ist weder Erlösung noch Angst, die ihn umtreibt. Er schreibt, um sich sein eigenes Leben vor Augen zu führen. Ob es jemals von jemand anderem gelesen wird, ist ihm gleich. Er wertet nicht, warum auch? Er war und ist ein Mensch, den es gab und gibt. Nicht mehr, nicht weniger. Dieses Tagebuch hingegen ist ein kurzweiliges Erinnerungsstück an einen Menschen, den man schnell vergisst. Aber von einem Autor, der nicht in Vergessenheit geraten darf!

Christabel

Es ist schon seltsam, vielleicht sogar ein bisschen schaurig. Christabel, die schöne Tochter vom Schloss so weit weg von der väterlichen Heimat. Mitten im Wald. Es ist dunkel. Und wir alle wissen aus Märchen, dass das nicht gut ist. So ein zartes Geschöpf, im tiefschwarzen Wald, mutterseelenallein. Denn im Wald, da sind die Räuber! Genug der Klischees.

Samuel Taylor Coleridge gilt zusammen mit William Wordsworth (da war der Name mehr als Programm) als Begründer der englischen Romantik. Und schon sind wir wieder bei einem gerüttelt Maß an Schaurigkeit, Mystik, Geheimnissen. Denn die schöne Christabel trifft die erschöpfte, aber nicht minder Fremde Geraldine. Mit schwachen Lauten berichtet sie von einer Entführung. Da haben wir’s: Im Wald, da sind die Räuber! Es ist kalt und die beiden Grazien nicht wettergerecht gekleidet. Christabel beschließt die verkühlte Geraldine mit zu sich aufs Schloss zu nehmen. Der Schlossherr, Sir Leoline, wird schon nichts dagegen haben.

Unterwegs allerdings mahnen schon die Schatten der Vergangenheit vor einer unheilvollen Zukunft. Doch in so einer Situation ist Christabel dem gegenüber zwar aufgeschlossen, erkennt jedoch nicht die Gefahr. Vor dem Zubettgehen jedoch wird auch der geschmeidigen Christabel etwas anders. Da, an Geraldines Körper, was ist das? Christabel schauert vor der Nacht, die die beiden gemeinsam in ihrem Bett verbringen werden. Wenn es doch nur die Nacht wäre, die die großen Veränderungen in sich trägt.

Dieses Gedicht ist ein Gedicht! Die ungewohnte Art der Präsentation – zusätzlich auch noch im englischen Original – versetzt den Leser prompt in die richtige Stimmung. Die Geschichte, wurde in zwei Etappen geschrieben. Der erste Teil wurde 1797 beendet. Nach einem Aufenthalt in Weimar, schloss Coleridge sein Gedicht der schönen Christabel 1800 ab.

Ein für die meisten vergessener Text, der nachfolgende Schriftsteller (-generationen) stark beeinflusst hat. „Christabel“ umweht auf jeder Zeile ein geheimnisvoller Schleier, den der Leser lüften darf. Doch die Braut dahinter hat ein schweres Schicksal zu ertragen. Kein vor Glückstränen erhelltes Gesicht, vielmehr Gram und Angst, vielleicht sogar ein bisschen Scham verbirgt dieser Schleier. Samuel Taylor Coleridge schleift so lange an seinen Worten bis kein Zweifel mehr besteht, dass jeder Buchstabe am richtigen Ort sitzt.

Asche und Sand

Manchmal komprimiert sich die Geschichte eines ganzen Landes in einer kleinen Gruppe. Auf einem Fluss in Mosambik durchpeitschen die Ruder das Wasser. In dem kleinen Boot sind Imani, die als Übersetzerin ihr Volk mit den Besatzern aus Portugal zusammengeführt hat. Germano, dessen Militärposten angeführt wurde, der sich in Imani verliebte. Und der Sargento Melo, verletzt durch einen Schuss, den Imani abgab, weil ihren geistig zurückgebliebenen Bruder – auch mit an Bord – vor Schlimmerem bewahren wollte. Und Bianca, die Freundin des Sargento, der es immer noch nicht fassen kann, dass ausgerechnet ihm in die Hand geschossen wurde. Bianca kann ihn davon überzeugen, dass Imani ihn gerettet hat. Außerdem ist Katini an Bord, Imanis Vater, der Musiker, der wie kein Anderer die Leute in eine fröhliche Stimmung versetzen kann, wenn er spielt. Doch im Moment ist niemandem nach feiern zumute.

Sie wollen das nächstgelegene Krankenhaus erreichen, um zu retten, was zu retten ist. Doch Mosambik ist vom Krieg zerfurcht. VaCopi und VaNguni bekriegen sich bis auf den letzten Tropfen Blut. Portugal, die Kolonialmacht, dessen Soldaten einen Kampf führen, den sie gar nicht führen wollen. Die Kultur ist ihnen fremd, die Temperaturen sind zu hoch. Und die gigantische Armee der Einheimischen setzt ihnen mehr zu als die Generäle es erahnen können.

Für Imani und ihre Gefährten ist es doppelt gefährlich. Diese Mischung als Tradition, Pflichtbewusstsein und Liebe spiegelt das zerrissene Land auf unnachahmliche Art und Weise wider. Für jede Seite der kämpfenden Parteien sind sie Feind und Freund gleichermaßen. Eine List könnte Frieden bringen, kurzfristig. Imanis Vater schlägt vor Imani mit dem Anführer der Ngungunyane, die Imanis Volk mit unbeschreiblicher Grausamkeit bekämpfen, als Frau anzubieten. Nicht allein, um Frieden zu säen, um den Herrscher friedlich zu stimmen. Nein, er hat einen ganz anderen Plan…

Mia Coutos Trilogie zeigt beeindruckend, dass man doch noch nicht alles, was es zu lesen gibt, gelesen hat. In seinen Worten schwingt stets die Hoffnung mit, dass das Gute immer siegen wird. Dabei muss man die festgetretenen Pfade verlassen und darf im unwegsamen Gelände nicht den Mut verlieren. Diese Trilogie verrät mehr über Afrika als so mancher eindrucksvoller Reisebericht, da er der Kultur auf den Grund geht.

Eine kurze Geschichte des Romans

Ein mutiges Anliegen ein Buch zu schreiben über die wichtigsten Romane. Denn natürlich unterliegen Romane dem persönlichen Geschmack. Manch einer sucht sein Glück im Wühltisch beim Discounter und liest sich in die heile Welt vor wunderschöner Kulisse. Andere suchen die Herausforderung in Allegorien, historischen Romanen und finden in  Schlüsselromanen den Schlüssel zum eigenen Glück. Und jeder hat seine eigene Liste von Büchern, die er für Immer und Ewig im Regal stehen haben wird.

Die Auswahl, die Henry Russell für dieses Buch getroffen hat, kann sich aber durchaus sehen lassen und den Geschmack der meisten treffen. Wobei es der Autor vermeidet sich anzubiedern. Denn unstrittig gehören „Moby Dick“, „Der Zauberberg“ oder „Hundert Jahre Einsamkeit“ ebenso in den gut sortierten Bücherschrank wie „“Wer die Nachtigall stört“, „Der Prozess“ und „Im Westen nicht Neues“.

Um es nicht nur bei der bloßen Aufzählung der Werke zu belassen, erhält man eine kurze Einleitung über die verschiedenen Genres – die Welt der schönen Worte besteht nicht nur aus Liebe und Verbrechen. Wer schon einmal einen Briefroman gelesen hat, weiß um die Informationen aus erster Schreiberhand und wird die Fiktion als echter wahrnehmen. Erst dadurch wirkt „Dracula“ von Bram Stoker so richtig düster.

Es handelt sich bei diesem Buch um einen Schmöker, den man auf den ersten Blick gar nicht als solches wahrnimmt. Doch je mehr man sich in die Welt der Bücher vertieft – und nur dafür gibt es diese Welt – desto mehr findet man Lücken im eigenen Regal. Die Empfindungen reichen von „Ach ja, das Buch gibt es auch noch!“ bis hin zu „Was? Davon habe ich noch nie gehört. Muss ich lesen!“. Denn Henry Russell gibt kleine Seitenhiebe ins „Habenwollen-Zentrum“ von Bücherwürmern.

Kleine Geschichte des Gardasees

Es ist sicher keine Erfindung der Moderne, dass es am Gardasee ziemlich wenig Platz gibt. Diese saloppe Erkenntnis gewinnt man schon auf den ersten Seiten dieses Buches. Denn der Gardasee war schon immer ein begehrtes Ziel. Nicht nur für Touristen, sondern für Weltmächte, Herrscher und Machthungrige aller Zeiten. Die Römer, die Lombarden, Hunnen, Barbaren und schlussendlich die auspuffbegasten, motorisierten Sonnenhungrigen der Welt. Der Gardasee – wer einmal da war, weiß warum – sehnen sich nach dem Gardasee.

Karin Sechneider-Ferber macht sich auf den langen Weg der langen Geschichte des lang ausgestreckten Sees in Oberitalien, dem größten Italiens. Zum Erstaunen vieler, die hier nur ihren Stellplatz suchen wollen, um postwendend ihr kleines eigenes Reich zu errichten, fördert sie dabei einiges zu Tage, das bisher kaum bekannt gewesen sein könnte. Selbst der Vinschgauer „Ötzi“ hätte sich hier einen Augenschmaus gönnen können. Möglich wäre es gewesen, aber da er es nicht mehr mitteilen kann, werden wir es nie erfahren. Am Gardasee entlang führten Handelsstraßen, die – und das ist bis heute nicht minder wichtig – einen bedeutenden Beitrag zum Wohlstand leisten.

Die Hinterlassenschaften der einstigen Herren sind bis heute sichtbar. Die Grotten des Catull auf der Halbinsel von Sirmione sind die weithin sichtbaren Überbleibsel eines herrschaftlichen Gebäudes. Wozu es diente, gibt bis heute Rätsel auf. Und der Name, der auf den Dichter Catullus zurückgeht, ist mehr als fraglich. Er lebte bevor es errichtet wurde.

Als die Könige und Kaiser Jahrhunderte später ihren Frieden mit der Region gemacht hatten, kamen die Menschenmassen in ihren Fahrzeugen, um sich an Berg und Meer satt zu sehen. Auch dies ist nur allzu verständlich. Einfach mal schauen!

Die „Kleine Geschichte des Gardasees“ ruft die wilden, harten, beschaulichen, glorreichen Zeiten am Gardasee noch einmal in Erinnerung. Beim nächsten Spaziergang am See, beim nächsten Stadtbummel, bei der nächsten Tour um und am See, erinnert man sich an einzelne Kapitel oder Abschnitte und sieht den Gardasee nun mit ganz anderen Augen.

Der Irrweg

Vom rechten Weg abzukommen, heißt nicht automatisch, den falschen Weg einzuschlagen. Lars ist Zivi in der Psychiatrischen Anstalt von Linderstedt. Seine Mutter hat ihn ganz gut im Griff. Meint sie. Dass sie ihren Filius mit ihrer Art ihn zu drangsalieren nicht zwingend auf dem vermeintlich rechten Pfad halten kann, stört sie keineswegs. Lars leidet jedoch unter ihr wie ein frisch geschorenes Lamm im Frühjahrswind.

Der Zivildienst ist für ihn mehr als nur eine Möglichkeit die Zeit zu überstehen bis sich „was anderes ergibt“. Es ist eine Flucht. Dass auch hier in den Werkstätten der Wahnsinn an jeder Ecke lauert, ist ihm klar. Spätestens als ihm bewusst wird, dass die Arbeitstherapeuten, die sich nicht ausstehen können, ihn als Spielball missbrauchen. Sagt der Eine Hü, sagt er Andere Hott. Ein Irrenhaus! Im wahrsten Sinne des Wortes.

Doch Lars fügt sich. Er findet Gefallen daran zu erkennen, wie er die Bewohner des Heims, die Arbeiter, die Angestellten zu nehmen hat. Schnell schließt er sogar so etwas wie Freundschaften. Zum Beispiel mit Hanna. Sie zeigt ihm ziemlich eindeutig und eindrucksvoll, was sie erwartet. Vom Leben, von sich selbst und von Lars.

Ja, diese Hanna hat das Zeug Lars’ Leben komplett auf den Kopf zu stellen oder besser gesagt: In Flammen aufgehen zu lassen! Er ist Feuer und Flamme für sie. Sie für ihn. Sie hat das Rüstzeug, um die ganze Welt, besonders die von Lars – vielleicht so gar die vom Chef, zumindest sein Auto? Wer weiß … – in ein Flammenmeer zu verwandeln.

Lars wurde bisher in seinem kurzen Leben immer gesteuert. Selbstantrieb war ihm bisher fremd. Die Mutter, die keine Möglichkeit ausließ, ihm ein schlechtes Gewissen einzureden. Die Zivistelle, die ihm bisher auch kein Glück brachte, sondern zeigte, dass Machtfantasien von tieferer Stelle aus fiesere Auswirkungen haben könne, als wenn sie von Oben kommen. Und dann diese Hanna. Kein Links, kein Rechts. Immer gerade heraus. Immer geradeaus. Was ist eigentlich, wenn man den Irrweg, den man bisher beschritten hat, verlässt? Kommt man dann automatisch auf den richtigen Weg? Oder lauert dann schon der nächste Irrweg?

Mit viel Gefühl und brachialem Wortwitz stellt Martin Lechner dem Leser seine Vision von Linderstedt vor. Linderung kann hier wirklich niemand erwarten. Linderung wovon? Das ist wohl auch die entscheidende Frage. Wenn alles Leid „normal“ ist, wovon soll man dann geheilt werden? Wenn das, was man kennt, nicht nach Linderung schreit, ist die Stätte der Linderung ein weit entfernter Ort. Keine Angst vor großen Gefühlen, keine Angst vor schrägen Gedanken, keine Angst vor Linderstedt – „Der Irrweg“ ist ein Weg, den man nicht verlassen kann, weil er den Leser fesselt. Mit angenehmen Nebenerscheinungen.

Subterranea

Warum in die Ferne schweifen, sieh, das Gute liegt so … tief! Da soll es doch tatsächlich Leute geben, die manchem Ort auf der Erde das Klischee andichten, dass es unter der Erde Interessanteres gibt als darüber. Was als Scherz gemeint sein mag, trifft jedoch für viele Orte der Erde wirklich zu. Schon allein das Titelbild dieses Bildbandes ist ein glänzendes Beispiel dafür.

Zu sehen ist eine so genannte Cenote. Sie findet man durchaus zahlreich auf der Halbinsel Yucatan in Mexiko. Hier hat sich die Erde aufgetan und die darunter liegenden Seen zwar nicht an die Oberfläche geholt, sie jedoch freigelegt. Sie waren die Wasserreservoire der Maya, die wohl ohne das Wissen um ihre Existenz nicht überlebensfähig gewesen wären. Mitten in der Kargheit der Wüste Wasser zu finden, ist wie ein Sechser im Lotto.

Schon Jules Verne war von der Möglichkeit fasziniert unter der Erde überlebensfähig zu sein. Dass er dabei seiner Phantasie freien Lauf ließ, beflügelte die Leselust bei der Lektüre von „Die Reise zum Mittelpunkt der Erde“ vortrefflich. Als Graf Sandorf aus seinem Gefängnis flieht und seinen Verfolgern als von der Erde verschluckt durch die Lappen geht, ist alles weitaus realistischer. Denn in Slowenien, in Postojna, gibt es Flüsse, die einfach mal so von der Erdoberfläche verschwinden. Und an anderer Stelle wieder auftauchen. Wer hingegen abtaucht, trifft auf eine Welt, die die Erinnerungen an Jules Vernes Reise zum Mittelpunkt der Erde wachruft. Hier lebt zwar kein Monster, das sein Territorium mit brachialer Macht verteidigt. Aber ein Wesen, das in Ausnahmefällen über hundert Jahre alt wird. Der Grottenolm. Es dauert ein paar Jahre bis alle Eier befruchtet sind. Bis zu zwölf Jahre kann er ohne Nahrung auskommen. Und seine Augen sind eigentlich mehr Staffage als nutzbare Organe. Viertausend ihrer Art sollen hier noch vorkommen.

Wer noch mehr Superlative braucht, um sich ein Leben unter der Erde vorzustellen, muss nach Georgien reisen. Die Werjowkina-Höhle ist mit über zwei Kilometern Tiefe die Höhle, deren Grund man erst nach sehr langer Zeit erreicht. All diese Höhlen wurden von Mutter Natur erschaffen. Der Mensch erstarrte lange Zeit vor Ehrfurcht vor ihnen, bevor er sich traute sie zu erkunden.

Nicht minder gefährlich sind die unterirdischen Gänge beispielsweise in Berlin. Von Menschenhand erschaffen. Und mit Schicksalen auf ewig verbunden. Die rede ist vom berühmten Tunnel 57. Durch ihn gelangten viele des Sozialismus überdrüssige Freiheitssuchende in den verheißungsvollen Westen. Nur knapp hundertfünfzig Meter lang, und nicht mal einen Meter hoch und tief. Am Ende wartete das Licht der Freiheit. Doch der Weg war entbehrungsreich. Die stickige Luft, das zurückgelassene Leben.

Dieser Bildband besticht durch seine exzellenten Abbildungen und die detailgenauen Karten, die heute vom Leben untertage zeugen und eine Welt zeigen, die vielen verborgen bleibt. Nur wer sich an und über der Oberfläche auskennt, kann die Schönheit unter ihr verstehen. Ein Reiseappetitmacher für Fortgeschrittene.

Der Kurfürstendamm

Ab Hausnummer Eins immer weiter den Schlammpfad runter. Vorbei an den Windmühlen und dem umgestürzten Gartenzaun und schon ist man auf der Straße, auf der Maurer ihrer Phantasie freien Lauf lassen konnten. Noch ein Stück weiter und dann hört man schon die Massen sich amüsieren, wenn sie die größte Wasserrutsche Europa hinuntersausen. Das ist der Ku’damm. Nein, das war der Kurfürstendamm. Ein Schlammweg mit Windmühlen. Die große Straße hinaus aus der Stadt Berlin, mitten durch den Vorort Charlottenburg. Heute kaum mehr vorstellbar.

Aber der Ku’damm war halt nicht immer der Prachtboulevard, der er heute ist. Er hat sich entwickelt. Auch und vor allem seine Anwohner und Besucher prägten das Bild. Hier speisten, tratschten, diskutierten, tranken, rauchten, beratschlagten Bertolt Brecht, Max Liebermann, Karl Liebknecht … ach einfach alle, die in Berlin ihr Glück(ver-) suchten.

Regina Stürickow gelingt auf so wunderbare Art und Weise dem ein paar Kilometer langen Stück Asphalt mit diesem Buch immer wieder Leben einzuhauchen.

Und sie weiß so manche Anekdote zu erzählen. Zum Beispiel welche Hausnummern es nicht mehr gibt, und warum. Denn heutzutage beginnt der Ku’damm mit der Nummer Zehn. Die ersten Nummern wurden der Budapester Straße geopfert. Im Kapitel über die 20er Jahre nimmt das Buch so richtig Fahrt auf. Berlin wurde zu Groß-Berlin, zu dem, was es heute ist. Und auf dem Ku’damm feierte man dies mit Champagner-Fontänen, die heute noch für große Augen sorgen.

Wer heute über den Boulevard schlendert, wird vieles aus dem Buch vermissen. Nicht nur die bereits erwähnten Windmühlen. Das Image prägen vor allem die großen Namen der Modebranche. Je leerer der Laden, desto bekannter die Marke – Völkerwanderungen wie vor hundert Jahren gibt es hier nicht mehr. Auch der Luna-Park musste schließen. Die Nazis haben dem Ruf des Boulevards den Garaus gemacht. Zu dekadent das Gehabe.

Dass hier es hier nicht nur „Hoch die Tassen“ hieß, beweisen die zahlreichen historischen Marksteine auf und um den Ku’damm herum. Stolpersteine zeugen von einer stolzen Zeit, die allzu abrupt endete. Eine Gedenktafel erinnert an das feige Attentat auf Rudi Dutschke. Das Büro des Sozialistischen Studentenbundes befand sich auf dem Ku’damm.

Der Mythos Kurfürstendamm ist ein wenig verblasst. Noch immer zieht es – verdientermaßen – viele hier hin. Doch der Nimbus der unbesiegbaren Partymeile ist futsch. Selbst das renommierte Theater musste dem Spekulantentum weichen. Doch die Geschichte wird immer in Erinnerung bleiben. Auch dank dieses Buches.

Gesang vom Leben

Etwas großspurig konnte man behaupten: „Hier waren sie alle!“ Leipzig, die Stadt der Hochkultur, der Musik lässt sich gern dieses Image gefallen. Der Thomanerchor. Bachs Wirken in der Thomaskirche. Mendelssohn-Bartholdy Engagement am Gewandhaus. Schumann, Wieck, die hier nicht nur heirateten, sondern wunderbare Werke schufen. Wagner, der hier geboren wurde und seine Werke uraufführte. Bis hin zu Demonstrationen für Beatmusik, der unüberschaubar großen Kneipenmusikszene, Jazzfestival und – damit schließt sich der Kreis – Klassik unter freiem Himmel.

Die Liste der Namen großer Meister ließe sich schier endlos fortsetzen. Gustav Mahler wirkte zwar nur kurz in Leipzig, er stand im Konkurrenzkampf mit dem Kapellmeister Nikisch, dessen Namen ein idyllischer Platz im Zentrum immer noch trägt. Er wird wohl mit wenig Wehmut an seinen Abschied aus der Musikstadt denken.

Wien und Paris waren und sind wohlklingende Namen in der Welt der Musik und Musiker. Wer hier arbeitet, kann Großes vollbringen. Leipzig steht in der Rangliste sicher nicht weit dahinter. Schon zu Beginn des 19. Jahrhunderts gründeten sich zahlreiche Chöre. Durch den Mitgliedsbeitrag sicherte man sich Engagement und Können. Nicht jedermann konnte einen Taler für die Kunst entbehren.

Hagen Kunze beschreibt in seiner Biographie der Musikmetropole Leipzig – so der Untertitel des Buches – eine Stadt, deren Bürger beseelt sind vom Gedanken sich kulturell auszudrücken. Oft probiert, doch nie erreicht, könnte man den anderen Städten zurufen. Denn Leipzig kann bis heute mit einem weltberühmten Chor und einem weltberühmten Orchester auftrumpfen. Sobald der Thomanerchor eine Tournee ankündigt, ist sie ausverkauft. Und das Gewandhausorchester, das so ganz nebenbei auch einen mehr als vorzeigbaren Chor aufweisen kann, steht nur mit ganz wenigen Orchestern der Welt auf einer Stufe. Auf der obersten, natürlich.

Dieses Buch gibt einen tiefen Einblick in das Leben als Künstler. Es ist ein hartes Brot, das es sich zu verdienen gilt. Eine Erkenntnis, die bis heute Gültigkeit besitzt. Auch darüber berichtet Hagen Kunze.

Und belässt es nicht bei der Klassik. Im Herzen der Stadt steht der älteste Studentenclub Europas, die Moritzbastei. Die Klassikaufführungen auf dem Marktplatz unter freiem Himmel finden regen Zulauf. Das Gewandhaus sorgte beim Bau in den 80er Jahren für Erstaunen auf beiden Seiten des Eisernen Vorhangs. Architektonisch ein Hingucker von außen, von innen ein Genuss höchster Qualität. Wer mit diesem Buch im Gepäck durch Leipzig schlendert, trifft auf Schritt und Tritt auf Musik. Denkmäler, Büsten, Straßenschilder, Gebäude – hier wirkte, wer etwas auf sich hielt und / oder Großes vorhatte.