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Die Bounty war sein Schicksal

Die Bounty war sein Schicksal

Die Liste der Seefahrer Englands bzw. des britischen Empires enthält eine Menge berühmter und berüchtigter Namen. Sir Francis Drake, der geadelte Pirat zum Beispiel. Oder auch William Bligh, der 1962 in alle Ewigkeit auf Zelluloid gebannter Tyrann der Südsee, der nur von einem Helden gestoppt werden konnte, nämlich Marlon Brando. Ha, denkste! Bligh war sicherlich kein zahmer Stubentiger. Aber tyrannisch? Ein ewig Peitsche schwingender Choleriker? Jann M. Witt hat sich den scheinbar komplett erkundeten Charakter noch einmal vorgenommen und Erstaunliches zu Tage gefördert.

William Bligh wuchs nicht gerade mit dem goldenen Löffel im Mund auf. Dennoch: Als Sohn eines Zolloffiziers waren ihm einige Wege auf der Karriereleiter frei zum Erklimmen. Schon damals, Mitte des 18. Jahrhunderts wurde genau Buch geführt. Und so kommt es, dass er, wenn man sich allein nur auf die Zahlen und Aufzeichnungen verlässt, mit sieben Jahren schon auf den Planken, die für ihn einmal die Welt bedeuten sollten, stand. Jann Witt ist aber nicht so zahlengläubig, und schenkt diesen Aufzeichnungen wenig Beachtung – es machte sich halt gut im Lebenslauf, wenn man schon ein paar Jahre Seemannserfahrung aufweisen konnte, bevor man in See stach. Young Willy – nein, so respektlos wollen wir nicht sein – der junge William Bligh überzeugte schon früh mit mathematischer Begabung. Navigation im 18. Jahrhundert war vor allem ein Glücksspiel. Seine Berechnungen waren außerordentlich gut für die Zeit. Dennoch wurde er bei Beförderungen wegen mangelnder Förderer stets übergangen.

Als er unter James Cook, dem großen Entdecker zur See fährt, wittert er Morgenluft. Das könnte seine große Chance werden. Doch auch Cook streicht zu früh die Segel. Bligh muss weiterhin für seinen Ruhm kämpfen. Ein erster Schritt ist die Heirat mit der richtigen Frau. Sein Schweigervater öffnet dem jungen Offizier durch Geld und Einfluss so manche Tür. Bis Bligh eines Tages die „Bounty“ in die Hände bekommt.

Die Geschichte ist hinreichend bekannt. Die eigentliche Leistung, die im Film nicht so recht rüberkommt, ist die Tatsache, dass der gewiefte Seefuchs Bligh mit spärlichsten Mitteln sich und seine klein Crew sicher übers unendliche Meer manövrierte. Fletcher Christian, der Anführer der Meuterer, ist wohl der eigentliche Tyrann gewesen. Verarmter Adel und eine antiquierte, sture noblesse oblige sind eine gefährlich Mischung.

Jann M. Witt rückt die Welt der Seebären wieder gerade. Bereits nach einem Drittel des Buches weiß man mehr über Bligh als in 178 Minuten Zelluloid-Hollywood-Heldenwahn. Wem Trevor Howards Darstellung den Mund wässrig gemacht hat (Autor Jann M. Witt ging es jedenfalls so), der wird in diesem Buch oft eines Besseren belehrt, zumindest jedoch mit der ungeschönten Wahrheit konfrontiert. Mit diesem Buch geht kein Kinofan wie eine bleierne Ente unter.

Tote Engel

Tote Engel

Damit hätte Amanda nie gerechnet! Ihr Onkel, den sie nur aus und in ihrer Erinnerung kennt, vererbt ihr sein Hotel im Herzen Regensburgs. Ein echtes Patrizierhaus, das so manche Geschichte erlebt hat. Sie kniet sich richtig rein, gibt ihren heißgeliebten Job als Restauratorin auf und ist mit noch nicht einmal 30 Jahren eine Expertin auf ihrem Gebiet. Dabei blieb aber leider die Liebe auf der Strecke. Mit Hans-Peter, der ehemaligen rechten Hand ihres Onkels, scheint sie nun aber auch auf diesem Gebiet Erfolg zu haben. Alles läuft wie geschmiert. Erst recht als Hans-Peter ihr einen Heiratsantrag macht. Wie zur Selbstbelohnung sich ihn endlich „geangelt“ zuhaben, beschließt Amanda sich zu beschenken. An alter Wirkungsstätte fällt ihr eine jahrhundertealte Ausgabe eines Pflanzenbuches in die Hände. Perfekt, wie gemalt, so wie ihr derzeitiges Leben. Aus dem Buch fallen Liebesbriefe, die sie Verzückung geraten lassen. Wenn es einmal läuft, dann läuft’s, denkt sich Amanda.

Auch im Hotel. Jetzt hat sogar ein Gast Quartier bezogen, den sich jeder Hotelier wünscht: Exzellentes Aussehen und Auftreten, keine Preisnachfragen, distinguiert. Das Glück scheint vollkommen.

Doch genau eben dieser Gast, Bernd Manikowsky, wird tot im Badezimmer des Hotels gefunden. Erhängt! Er war Programmierer, schrieb Programme für Arztpraxen. Im „Schwarzen Hund“ – Amandas Hotel – fand zur Tatzeit ein Ärztekongress, veranstaltet von einer Pharmafirma, statt.

Für Amanda bricht eine Welt zusammen. Selbst ihre beste Freundin Rebecca benimmt sich jetzt, in dieser schwierigen Zeit, irgendwie komisch. Eben war Amanda noch voller Vorfreude über die anstehende Hochzeit, über ihr selbstgemachte Geschenk und die tiefe Freundschaft zu Rebecca. Und jetzt? Alles futsch! Vorbei die zärtlichen Liebesbriefe aus dem sündhaft teuren Buch. Vorbei das innige Verhältnis zur Freundin. Vorbei der wirtschaftliche Erfolg.

Dagmar Isabell Schmidbauers „Tote Engel“ überzeugt mit jedem Wort. Der Leser wird hin- und hergerissen vom Auf und Ab der Hauptfigur Amanda. Diese Frau hat sich alles hart erarbeitet. Nichts wurde ihr in die Wiege gelegt. Mit akribischer Finesse spinnt die Autorin eine, ach was gleich mehrere spannende Geschichten, die dem Leser den Atem rauben. Fast vergisst man darüber hinaus die eigenen Recherchen zum Mörder. Immer tiefer ziehen die scheinbaren Randgeschichten den Leser in einen Strudel aus dunklen Machenschaften, verschlungenen Geheimnissen und bedingungsloser Liebe. Man möchte Amanda zu Hilfe eilen. Ihr Trost spenden.  Man könnte vieles über dieses Buch, über Dagmar Isabell Schmidbauer schreiben. Doch dann wäre man selbst ein Engelmacher…

 

Tote wie Sand am Meer

Tote wie Sand am Meer

Bad Saarow, Kieler Förde, Teneriffa, die Irische See. Malerische Orte. Orte die zum Verweilen einladen. Das denken sich auch die dunklen Gesellen. Hier bleiben! Und zwar für immer!

Der einen geht der Ex gehörig auf die Nerven. Sie nahm Reißaus. Floh in die Sonne. Und nun steht der Alte schon wieder auf der Matte. Und hat sich keinen Deut gebessert. Immer noch der unsensible Pascha, der maßlos Forderungen stellt. Schlaf sanft!

Wenn Dein Chef Dir Steine in den Weg legt, Du nicht arbeiten kannst wie es sich gehört, muss man eben seine eigenen Regeln schaffen. Auch wenn’s schwer fällt. Eine pensionierte Kommissarin erfährt zu spät, wer hinter einem ungelösten Fall steckt. Viel zu spät. Ruhe sanft!

Eine Küstenstraße, endlose grüne Weideflächen. Das Navi gibt die Richtung vor. Geradeaus! Rechts abbiegen! Sie haben ihr Ziel erreicht! Das kühle Nass beruhigt das schwere Gemüt. Treibe sanft dahin!

Die zwölf Geschichten der Mörderischen Schwestern können einem die Lust auf den Urlaub nicht vermiesen. Vielmehr verstärken sie die Lust auf Sonne, Strand und Meer. Es gibt doch nichts Erholsameres als den müden Körper in den weichen Sand zu betten, den Wind im Haar zu spüren und sich einem gepflegten Krimi zu widmen.

Oder eben gleich einem Dutzend Krimis. Spurensuche im Sand. Jede kurze Geschichte ein Kleinod der verzweifelten Seelen. Wortstark und gewitzt wird das laborierte Hirn wieder auf Normaltemperatur heruntergefahren. Urlaubsstimmung mal anders! Gefühlskalt und emotional angespannt sind die Täter, ahnungslos die Opfer. Jede Geschichte ein Volltreffer.

Die Sonne brennt nicht überall gleich heiß. Doch die Motive sind global. Ob rauschende Meeresgischt oder pulvriger Sand am anderen Ende der Welt – gemordet wird überall und zu jeder Zeit.

Die Herausgeberinnen Josephine Rosalski und Angela Hüsgen machen sich einen Riesenspaß daraus den Urlaub zu versüßen. Bitterböse, raffinierte Pläne durchkreuzen die Wege der Sonnenhungrigen. Sie sind die Einzigem, denen der Urlaub ordentlich versalzen wird. Einhundertvierzig Seiten Spannung, einhundertvierzig Seiten Lesespaß, einhundertvierzig Seiten Miss Marple, Thelma & Louise, Columbo. Alle in einem Buch. Ein Buch, das an jedem Sonnentag dazu einlädt aufs Neue gelesen zu werden.

Reportage Iran

Reportage Iran

Vorurteile abbauen – nichts ist dafür besser geeignet als ein Buch. Carola Hoffmeister reiste in den Iran und fand heraus, dass der Iran mit den Meldungen in den Nachrichten nur am Rande in Verbindung steht. Sie traf auf Menschen, nicht auf Meldungen. Menschen, die ihren Alltag genauso meistern müssen wie die Leser dieses einmaligen Buches.

Das Erste, was man im Iran lernt, ist Taroof. Das ist der unermüdliche Austausch von Höflichkeiten. Keine Höflichkeitsfloskeln. Echte, wahre Höflichkeiten. Und als Europäer kann man hier nur verlieren. Carola Hoffmeister passiert es, dass sie ihren Rucksack im langsam schon wieder davon tuckernden Bus vergisst. Atemlos rennt sie dem Bus nach. Sofort springt ihr ein Einheimischer zur Seite und bringt den Bus zum Stehen. Und genauso schnell hat sie einen Reisebegleiter und einen neuen Freund gefunden. Kommt gar nicht in die Tüte, dass sie in einem Hotel wohnt. Privatunterkunft. Anfangs noch etwas mulmig, verfliegt das Gefühl der Befremdung.

Auch als später ein Iraner, der als Deutschlehrer arbeitet ihr den Basar von Isfahan zeigt, sind die wehen Gedanken an Lockvogeltaktiken, um Teppiche an den Mann bzw. in ihrem Fall an die Frau zu bringen schnell vergessen. Anders als Istanbul oder anderen Destinationen wird hier ein Nein akzeptiert. Und eine Einladung zum Tee gibt’s gratis obendrauf.

Der Iran ist so fremd, so freundlich so nah. Angst vor der Fremde, vor der Terrorgefahr, vor grimmigen Extremisten? Nein, niemals.

Sie reist weiter, immer im Gepäck ihre Neugier und der Drang alles aufzuschreiben. Zum Glück für den Leser.

Der Trubel in der Hauptstadt Teheran, die Khaju-Brücke in Isfahan – sie nimmt „alles mit, was es zu sehen gibt“. Doch die Begegnungen mit den Menschen bringen dem Leser den echten, wahren Iran näher.

Sie besucht einen Magier, der einst den Schah und seine Gäste mit Kunststücken verzauberte.

Alkohol ist im Iran offiziell verboten. Offiziell. Trotzdem gibt es ihn auf jeder Party in Hülle und Fülle. Sündhafte teure Markenklamotten gehören zum Status der Mittel- und Oberschicht genauso dazu wie Schönheitsoperationen. Aber alles hinter der Fassade der züchtigen Kleidung des Islam und seiner Wächter.

Der Iran ist ein Land der Gegensätze. Tradition wird mindestens genauso groß geschrieben wie westliche Dekadenz. Der Iran, die iranische Gesellschaft existiert zweimal. Nach außen und nach innen. Wer sich treiben lässt, erlebt beide Seiten. Carola Hoffmeister ist das Bindeglied zwischen Sehnsucht und Neugier. Ihr Buch vermittelt eine Innenansicht Irans, wie man sie sich nicht vorzustellen gewagt hat.

Lesereise Wales

Lesereise Wales

Fassen Sie Ihr Wissen über Wales doch einmal zusammen! Am Ende des vergangenen Jahrhunderts war die walisische Fußballnationalmannschaft ein unangenehmer Gegner der Deutschen. Die Ortsnamen sind ausnahmslos unaussprechbar. Vopn hier stammen erstklassige Rockbands wie die Manic Street Preachers und „The Welsh Potting Machine“ Mark Williams gehört zur Weltspitze im Snookersport. Das ist alles richtig, aber es ist wirklich gar nichts, was man über Wales wissen muss. Michael Bengel nimmt den Leser mit auf eine Reise, die man niemals vergessen wird. Denn Wales ist vielschichtiger und vor allem anders!

Die Gartenlandschaften verdienen ihren Namen. Es sind nicht einfach nur wohlgestaltete Pflanzanlagen. Hinter jeder Hecke lauert Geschichte. So manch einer hat eine Jagdhütte, die zumal auch als Stecknadelfabrik taugte, über mehrere Dutzende Meilen sich in den Garten gesetzt.

Hotels verströmen ein historisches Flair. Fernab moderner Interieurskunst ist Handarbeit gefragt. Rustikaler Charme, der wie gemacht ist, um sich von der Ruhe einfange zu lassen.

Als Kontrastprogramm stürzt man sich todesmutig von den Klippen, um dann anschließend, adrenalingepeitscht aus der schäumenden Irischen See die Klippen kletternd wieder ans Festland zu gelangen. Coasteering nennt man das, und es wurde hier erfunden.

Allein diese drei Geschichten lassen Großes erahnen – dabei ist man erst auf Seite 32, noch einhundert liegen vor dem Leser. Wales ist anders. Michael Bengel wird nicht müde seine These mit jeder Zeile zu unterstreichen. Für Besucher gerät dieses Buch zur Bibel des Außergewöhnlichen. Erfährt man in Reisebänden, was es alles an Gebäuden und Aussichtspunkten gibt, so kann man diese Lesereise als Kulturwegweiser durch Wales adeln. Kaum eine Eigenart Wales‘ und der Waliser die nicht erwähnt wird.

Und wer noch nicht genug hat vom Lesen über Wales, der geht zum Lesen in Wales über, und zwar in Hay-on-Wye, dem ersten Bücherdorf der Welt. Stunden-, ach was wochenlang kann man hier in alten Büchern schmökern. Und gleichzeitig die Ruhe des kleinen Örtchens genießen. Als Einstimmung dient Buch.

Lola Montez – Ein Leben als Bühne

Lola Montez

Lola Montez zählt bestimmt nicht zur ersten Garnitur der deutschen Prominenten. Sie lebte im 19. Jahrhundert und ist manch einem durch den gleichnamigen Film mit Peter Ustinov bekannt. Heute wäre sie wohl eher ein C-Promi, der mit allerlei wüsten Geschichten die Klatschspalten der Presse füllt. Doch ihr Leben ist es wert erzählt zu werden.

Um ihr Geburtsdatum ranken sich viele Mythen. Sie selbst machte sich gern jünger, doch gilt es fast als erwiesen (die Geburtsurkunde ist leider verschwunden), dass sie am 17. Februar 1821 im irischen Grange das Licht der Welt erblickte. Die Kindheit verlief „normal“, ihre Mutter schaffte es allen Widrigkeiten zum Trotz der Kleinen ein relativ sorgenfreies Leben zu bescheren. Schon früh entdeckte die kleine Lola, die eigentlich Elizabeth Rosanna Gilbert hieß, ihre Liebe zur Selbstdarstellung. Nach zwei gescheiterten Ehen und Reisen ins Ausland (unter anderem kam sie bin Indien) überkam sie der Drang Schauspielerin zu werden. Doch dazu fehlte es an Einigem. Doch tanzen konnte sie.

Die Legende, dass sie eine feurige Spanierin aus dem Süden der iberischen Halbinsel war, ihr freizügiger Tanzstil, und ihr Temperament sprach sich schnelle herum. Im Gegensatz zu ihren Liebschaften und Ehen funktionierte diese Karriere bedeutend besser als ihr Privatleben. Sie reiste quer durch Europa. Paris, Sankt Petersburg, Warschau, Dresden. Hier war sie zuhause. Hier empfing sie ihre Gönner. Auch der damalige Superstar Franz Liszt verfiel ihrem Charme.

In Paris schien ihr Leben eine weitere Wendung zu vollziehen. Ein Theaterbesitzer sollte ihre große Liebe sein. Doch der sah sich einem Duell gegenüber, das er nur verlieren konnte. Denn Waffen waren nicht gerade seine Leidenschaft. Gerade als Lola Montez sich am Ende ihres Weges sah, machte ein Schuss ins Gesicht ihres Liebsten dem ein Ende.

Wieder auf der Straße zog es sie nach München. Da war sie gerade mal 25 Jahre alt, hatte die Welt gesehen, so manchen Reichtum und Luxus genossen, und doch war sie ganz allein auf der riesigen Welt. König Ludwig I. von Bayern war es, der Lola Montez fürs Erste die Würde zurückgab. Er wurde ihr Liebhaber und vor allem ihr Gönner, er kaufte ihr ein Haus, das leider 1912 abgerissen wurde. Er gab Unsummen für seine Mätresse aus, so dass alsbald des Volkes Zorn (und auch der seiner Regierung) Lola Montez‘ Wanderlust einmal mehr die Sporen gab.

Lola Montez war sicherlich eine der ersten Frauen der jüngeren deutschen Geschichte, die durch ihre Reize sich ein Leben in Saus und Braus erfüllen wollte. Marita A. Panzer wertet das Leben der zeitweilig königlichen Kokotte nicht. Vielmehr versucht sie (und das erfolgreich) die unzähligen Geschichten, die sich um die reizvolle Lola ranken ins rechte Licht zur rücken. Eine Biographie, die einen Einblick in das Leben der Stars und Sternchen gibt, die heute kaum einer mehr kennt. Aber das ist wohl das Schicksal, das alle Sternchen teilen.

Ein Galgen für meinen Vater

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Wow, was ein Titel! Liebe Väter der Welt, keine Angst! Hier will niemand jemand anderen umbringen. Tief im Inneren wohl manchmal schon, aber irgendwie auch wieder nicht.

Tom ist in einer verzwickten Lage. Es kommt der Moment, der jedes Kind einmal irgendwann ereilt. Ein Elternteil liegt im Sterben. Doch so recht will sich Gevatter Tod den Auserwählten nicht holen. Toms Vater ist nur noch ein Schatten seiner selbst. Einst bestiegen die beiden die höchsten Berge. Ein eingespieltes Team. Und jeder schaute sich vom Anderen etwas ab. Erst der Kleine vom Vater, später dann auch der Alte vom Sohnemann. Beide hatten ein erfülltes Leben. Der 84jährige war (und ist) Ingenieur, der Sohn Bergführer. Er hat seine Leidenschaft zum Beruf gemacht. Beim Vater war das anders. Er war im Krieg, Ostfront. Gefangenschaft und Flucht aus dem sowjetischen Lager. Ganz unten hat er angefangen, als Zeichner.

Als die Kinder klein waren, wurde ein Haus gebaut. Später kam noch der Balkon hinzu. Es ging immer aufwärts. Bis Toms Vater von Jetzt auf Gleich seine Beine nicht mehr spürte. Toms Mutter ist schon länger körperlich beeinträchtigt. Und jetzt auch noch der Vater. Toms Bruder ist immer nur sporadisch da. Er verbringt viel Zeit in Neuseeland.

Tom muss mit ansehen wie sein Vater langsam die Lebensgeister entwischen. Ist er zuerst nur körperlich nicht mehr voll einsetzbar, kommen immer öfter auch geistige Aussetzer hinzu.

Tom stellt eine Pflegekraft ein, ein Nachbar aus dem Ort hat gute Erfahrungen mit der Litauerin Nijole gemacht. Sie kümmerte sich rührend bis zum des Vaters. Doch gleich von Anfang an, gibt es Probleme. Die Stütze entpuppt sich bald als Belastung.

Martin Bettinger beschreibt die Geschichte der beiden Männer als Reise hinaus aus der Welt. Auch Toms Welt gerät ins Wanken. Auf einmal muss er den Vater pflegen, vierundzwanzig Stunden erreichbar sein. Und immer darauf achten, dass der Vater nicht wieder querschießt. Denn der verlässt öfter das Bett, schleift sich selbst über den Boden. Reißt sich die Füße auf, Blutspuren führen schlussendlich immer wieder zu ihm. Toms Eltern sind mit der Situation maßlos überfordert. Nun muss Tom der starke Mann sein, der Entscheider. Konnte er sich bisher immer auf seine Eltern verlassen, wird ihm diese Sicherheit mit einem Mal entrissen.

Ein Happyend kann und darf es nicht geben. Wie auch? Es ist eine Erlösung für alle Beteiligten, dass der Vater endlich sterben darf. Die Ärzte konnten auch nichts mehr tun. Was für die eine Diagnose gut ist, wäre für andere Diagnosen tödlich gewesen. Wenn alles zusammenkommt, hilft nur noch klarer Menschenverstand. Rationalität muss Gefühlen weichen. Und was den Galgen betrifft – der ist für das Bett des Vaters bestimmt.

Elagabal

Elagabal

Es ist schon erstaunlich wie viel wir heute über die Geschichte wissen. Über die römischen Kaiser wissen wir fast alles. Ihre Taten, ihre Gewohnheiten, ihre Kleidung, ihre Lieblingsspeisen. Trotzdem kennen wir nur wenige von ihnen. Julius Caesar, den kennt jeder. Der hat schließlich in den Asterix-Filmen mitgespielt. Nero, der Wahnsinnige, brennt einfach seine Bude und seine Stadt ab (was nachweislich nicht so war, aber immer noch in den Köpfen verankert ist). Augustus, ohne den würden wir im Hochsommer Silvester feiern. Dann wird’s für Viele schon eng. Diokletian kennt, wer in Kroatien Urlaub machte. Konstantin kennen viele aus dem Istanbul-Reiseband. Wer noch mehr römische Kaiser kennt, hat über sie gelesen. Wer Elagabal nicht kennt, muss dieses Buch lesen.

Denn Elagabals Leben ist heute noch lesenswert. Und aktuell. Auf Roms Republikverständnis berufen sich fast alle Republiken weltweit. Er wurde in Syrien (in Emesa, dem heutigen Homs) geboren, einem Land, über dessen vielschichtige Schändung jeden Tag berichtet wird.

Im Jahr 218 erklimmt ein 14jähriger Knabenpriester den römischen Kaiserthron. Der Sonnengott Elagabal sollte Namensgeber und Richtungsweiser seiner Regentschaft sein. Vier Jahre hielt er sich auf dem Thron. Am Ende wurde sein Körper durch die Straßen Roms geschleift und in den Tiber geworfen. Doch zwischen der Thronbesteigung und dem jämmerlichen Ende lagen Jahre voller Lebenslust. Es gibt kaum komplette Schriften über ihn. Anekdoten zuhauf.

Die Großmutter Elagabals behauptete, dass ihr Enkel ein uneheliches Kind von Kaiser Caracalla sei. Ein weiterer Kaiser, der durch ein Buch des Zabernverlages nicht mehr ganz so unbekannt ist. Die Thronbesteigung verlief blutig. Durch Versprechungen auf Ruhm und vor allem Reichtum ließen die Soldaten zu ihm überlaufen, sie ermordeten ihre Offiziere. Der Senat unterwarf sich dem Dogma der Armee und krönte den jüngsten Kaiser aller Zeiten.

Ein Hohepriester auf dem Thron – göttliche Zeiten drohen. Und fromme, möchte man meinen. Das Gegenteil war der Fall. Wieder so eine Parallele zur Gegenwart, wenn man an das Bistum Limburg denkt… Elagabal war kein Kostverächter. Orgien, schlimmer als bei Caligula, mit beiderlei Geschlecht. Eine gnadenlose Selbstdarstellung. Er allein hätte die Facebook-Server der Antike zum Glühen gebracht. Doch was ist wahr und was ist erfunden?

Martijn Icks versucht Wahrheit von Fantasie zu trennen und entwirft ein spannendes Bild des ehemaligen Hohepriesters, der zu Ehren Elagabals Tänze aufführte, als Kaiser Menschenopfer darbrachte und sogar einen Selbstmordturm errichten ließ. Die Biographie dieses außergewöhnlichen Kaisers liest sich wie ein spannender Roman, mal wie ein Krimi, mal wie ein episches Drama.

Der Ball ist rund

Der Ball ist rund

Der Ball ist rund – sofort fünf Euro ins Phrasenschwein! Vorbei die herbergerseeligen Kampfparolen, die bedeutungsschwanger mit gebremster Nachkriegseuphorie über die Sportplätze der Republik hallten. Ja, ja, ein Spiel dauert neunzig Minuten, elf Freunde müsst Ihr sein, das nächste Spiel ist immer das Schwierigste. Haben wir jetzt alles? Gut, dann können wir zum angenehmen Teil des Spiels übergehen.

So profan der Titel des Buches anmutet, so grazil und sprachgewandt dribbelt Eduardo Galeano übers 300 Seiten starke Spielfeld der Fußballideologien und –träumereien. Wer erinnert sich nicht gern an Maradonas Jahrhunderttor, als einen Engländer nach dem anderen stehen ließ und aus spitzem Winkel dem Mutterland den Todesstoß versetzte. Ausgerechnet 1986 als Thatchers England Argentiniens Malvinas völlig unnötig besetzte. Oder Uwe Seelers Hinterkopfballtor 1970 im Viertelfinale (wieder) gegen England. Oder die endlosen Ballstafetten der Spanier bei der WM 2006.

Eduardo Galeano gibt dem Fußball sein künstlerisches Gesicht zurück. Vorbei die Zeiten als pure Zahlenspieler das weltumspannende Spiel zerpflückten und Mathematiker das Ruder übernahmen. Die Analysen, Rückblicke und Liebeserklärungen sind der Beweis, dass Fußball mehr ist als zweiundzwanzig Idioten, die dem einen Ball nachhächeln.

Er lässt Legende wie Ferenc Puskás wiederauferstehen, der die nationale Tragödie – wir nennen es das Wunder von Bern – bis zu seinem Tod nie so recht überwunden hatte. Glorreiche Momente der Weltmeisterschaften erstehen vor unserem geistigen Auge wieder. Zum Schmunzeln, zum Weinen, zum Jubeln – das sind die Geschichten, aus denen Helden gemacht werden. Helden Pelé, Maradona, Beckenbauer, Sokrates, Kempes. Namen, die in Vergessenheit gerieten und nur vor großen Turnieren wieder hervorgekramt werden wie Garincha, Hurst oder Fontaine.

Die kurzen Kapitel von meist nur ganz wenigen Seiten erlauben es das Buch als Einleitung zur kommenden WM als Einstimmungs-Almanach zu verschlingen. Meist liest man mehrere Kapitel hintereinander, denn dem Charme der Artikel kann man einfach nicht widerstehen.

Vergessen Sie alle Rückblenden der Vergangenheit. Die Wahrheit liegt nicht auf dem Platz, sie liegt in diesem Buch. Das einzige Buch, das Fußballfans wirklich lesen müssen!

Lesereise Emilia Romagna

Lesereise Emilia Romagna

Emilia Romagna – das klingt verheißungsvoll wie der Name einer schönen Unbekannten. Eine Unbekannte, die kochen kann. Mmmmh leckere Pasta mit ragú, dass wir als Bolognesesauce kennen – die aber in Wahrheit nichts mit der ragú zu tun hat, rein geschmacklich. Und die man niemals zu Spaghetti isst! Die dünnen Nudelchen können die Sauce doch gar nicht erfassen. Jetzt muss aber mal ein Machtwort gesprochen werden.

Und sie ist eine gebildete Unbekannte. Die älteste Universität des Westens befindet sich hier. Aus roten Ziegeln gemauert steht sie fett und gelehrt da. Allesamt Attribute für Uni und Stadt. Umgeben von unendlichen Alleen flaniert man durch die Stadt, die Düfte der Küchen dauerhaft im Gepäck. Hier lehrte unter anderem auch Umberto Eco, der Autor von „Der Name der Rose“ und „Das Foucaultsche Pendel“.

Die Emilia Romagna ist auch eine Cineastin. In Brescello schluegn sich einst ein katholischer Priest und ein kommunistischer Bürgermeister gegenseitig die Köpfe ein und treiben so manch derben Spaß mit dem jeweils Anderen. Klar, die Rede ist von Don Camillo und Peppone. Fnf Filme wurden in den 50er und 60er Jahren hier gedreht, ein Museum mit allerlei Film-Memorabilia erinnert daran.

Im wohl berühmtesten Ort der Emilia Romagna wurde einer der berühmtesten Regisseure der Welt geboren: Frederico Fellini.

Und die schöne Unbekannte ist auch eine Auto-Närrin. Maranello und Modena – allein der Klang dieser beiden Städte lässt das Herze eines jeden Auto-Ästheten höher schlagen. Denn hier stehen die Schmieden von Ferrari und Maserati. Der Dreizack von Maserati stammt übrigens aus Bologna. Das Teufelswerkzeug – samt Teufel – ziert hier einen Brunnen.

Die Emilia Romagna ist keine Unbekannte … mehr, wenn man Stefanie Bisping 132 Seiten lang gefolgt ist. Sie lässt sich einfangen vom Reiz der Region und fängt den Leser mit Sprachbilder und Wortgewalt ein, so dass es kein Entrinnen gibt. Strandspaziergänge, aber bitte nicht während der Hochsaison, laden zum Träumen ein. Genauso wie ausgedehnte Wanderungen durch die prächtige Natur. Lukullische Abstecher, die allenthalben zur Rast einladen. Berauschende Architektur und Geschichte, wo man hinschaut. Gute Reise!