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Mein Sizilien

Mein Sizilien

Wäre Sizilien ein Eisbecher, so wäre dieses Buch der Eislöffel. Man könnte das Eis auch ohne Löffel schlecken, aber nicht portionieren und schon gar nicht bis zum Boden aufessen. Die größte Insel des Mittelmeeres ist nicht einfach nur eine Insel, auf der es sich aushalten lässt. Sie ist auch die Heimat von Leonardo Sciascia, einem Autor, der mit seinen Geschichten seiner Insel ein Gesicht gab.

Es ist eine Art Hassliebe zwischen Sciascia und Sizilien. Auf der einen Seite die einmalige Natur, auf der anderen Seite die ebenfalls einmalige Kultur und ihre Menschen. Für Fremde schwer einzusehen. Für Einheimische schwer zu beschreiben. Leonardo Sciascia versucht es trotzdem. Die Kultur, seinen Zeilen nachzuerzählen wäre mühevoll. Er schwelgt zwischen Adjektiven wie eine Nussschale in der tosenden See. Als Besucher Siziliens sieht man die Hinterlassenschaften der einstigen Herrscher, man erfreut sich an der Gastfreundlichkeit. Doch Sizilien echt und wahrhaftig zu erleben, das schaffen nur wenige.

Leonardo Sciascias „Mein Sizilien“ hilft beim Verstehen, beim Entdecken der sizilianischen Kultur. Es ist kein Reiseführer im herkömmlichen Sinn. Vielmehr ein Ratgeber, eine Handreichung für mit allen Sinnen Reisende. Die Schilderungen haben schon ein paar Jahre auf dem Buckel. Vieles hat sich seitdem verändert – die gleichen Eindrücke zu sammel wird also schwierig. Doch das Denken der Menschen, ihr Handeln erfolgt langsamer. Insofern sind also die Reisen Sciascias und derer, an die er erinnert, zu den Menschen immer noch nachvollziehbar.

Die zahlreichen schwarz-weiß Fotos unterstreichen den erhabenen nostalgischen Charakter des Buches. Jedes Farbfoto würde eine Herabwürdigung darstellen. Ausdrucksstarke Kontraste wirken beruhigend auf das menschliche Auge. Knallig Bonbonfarben entsprächen weder dem Buch noch Sizilien. Dieses Buch gehört eins Reisegepäck. Auf gemächlichen Bahnfahrten, oder einer Ruhepause in den Weiten der Insel, oder beim Espresso – diese Geschichten verzaubern bei jedem Mal. Dem Geheimnis der Sizilianer kommt man nur schwer auf die Schliche. Ein kleines Geheimnis bewahren sie für die nächste Reise. So soll es sein. Und so bleibt zum Schluss ein Rest im Eisbecher Sizilien. Wie bei gutem Rotwein.

Leere Gräber

06 Leere Gräber

Zwischen Zürich und Buenos Aires liegt eine gewaltige Strecke, die gefüllt werden muss. Gefüllt mit einer Geschichte, einem Kriminalfall, den nur das Ermittler-/Liebes-Duo bestehend aus Staatsanwältin Regina Flint und dem Kriminalpolizisten Bruno Cavalli lösen kann.

Im Zürichsee wird bei Bergungsarbeiten – seit Monaten werden immer wieder Boote in Brand gesteckt – eine Leiche entdeckt. Die muss schon eine Weile im Wasser liegen, denn außer dem Geschlecht lässt sich schwer etwas ermitteln. Mit akribischer Detailversessenheit beschreibt Petra Ivanov die Arbeit der Polizei. Die vielen parallel verlaufenden Fälle, das Warten auf Ergebnisse anderer Abteilungen, und die Animositäten unter den Kollegen. Trotz der Schwierigkeiten bei den Ermittlungen gelingt es dem Team einen Namen zu recherchieren: Ramón Penasso. Journalist aus Buenos Aires, der von Montevideo in Uruguay über Madrid vor einigen Monaten in die Schweiz eingereist ist. Und in Uruguay wird ein Bankier wegen Mordes an Ramón Penasso verhaftet.

Der Leser ist an dieser Stelle schon weiter als die Ermittler. Denn in Montevideo hat sich Ramón mit Elena Alvarez getroffen. Sie waren ehemals ein Paar, hatten jedoch unterschiedliche Vorstellungen vom Leben. Ramón bat Elena ein Päckchen aufzugeben, wenn er sich in den nächsten 30 Tagen bei ihr meldet. Er wolle in die Schweiz. Zu ihrem Schutz wollte er nicht mehr preisgeben…

Staatsanwältin Regina Flint fliegt nach Südamerika. Das Hilfeersuchen hat lang genug gedauert. Jetzt hofft sie auf Antworten. Doch der argentinische Staatsapparat und die Ermittlungsbehörden haben eine weitgehend andere Arbeitsauffassung als Regina Flint es von Zuhause kennt. Hier ist immer Politik und Machterhalt im Spiel. Wem kann sie trauen? Wen muss sie hinterfragen. Das der Bankier der Schuldige ist, steht nur für die argentinischen Behörden fest. Flint zweifelt. Erst recht als sie Elena Alvarez kennenlernt. Sie berichtet ihr von der pedantischen Recherchearbeit Penassos und seiner Loyalität. Und der Suche nach seiner Schwester, die ihn in die Schweiz führte. In den verheerenden Jahren der Diktaturen verschwanden tausend junger Leute. Einige wurden illegal adoptiert. Eine heiße Spur?

Petra Ivanov inszeniert diesen Krimi. Wendungen – privat wie dienstlich – sind Bestandteil ihrer Story, sie dienen dem Verständnis und wirken niemals aufgesetzt. Die Stadt Zürich kann sich glücklich schätzen solch ein Ermittlerduo mit solch einer geistigen Mutter zu haben.

Diamanten Eddie

Diamanten Eddie

Diamanten Eddie – hätte es ihn nicht gegeben, man müsste ihn erfinden. Kurz nach Kriegsschluss landet Edward Kraj, den die Nazis den Namen Kray gegeben haben, im Rheinland. Der Schwarzmarkt blüht. Ein Pelzmantel wechselt für drei Stangen Zigaretten den Besitzer. An guten Tagen gibt Eddie auch schon mal vier Stangen. Er hat connections zu den neuen Besatzern, amerikanischen britischen Soldaten und Offizieren. Die sind immer an einem guten Geschäft interessiert. Eddie auch. So mancher Bruch bleibt nicht unerkannt, doch ungesühnt. Eddie wird zu einer festen Größe im „Handel“.

Doch hat Eddie auch eine Geschichte, eine traurige, tragische. Er ist gerade mal 15 Jahre alt der Krieg beginnt, und er sich als Waise durchschlagen muss. Die Gestapo nimmt ihn in Gewahrsam und schickt ihn nach Köthen, wo er in einer Kistenfabrik schuften muss. Die Arbeit stellt für Edward keine Gefahr dar. Vielmehr die Wärter, Aufseher und Vorgesetzten. Schachspielen mit Freunden wird zu seiner Flucht. Wenn abends die Knochen schmerzen sind es die strategischen Finessen, die so manche Pein verblassen lassen.

Ihm gelingt die Flucht aus dem Arbeitslager. Er schlägt sich bis Minden durch, wo er abermals gefasst wird. Im neuen Lager herrscht die Hölle auf Erden. Die Aufseher machen sich einen Heidenspaß daraus die Gefangenen zu drangsalieren, wann immer es geht. Scheinhinrichtungen zehren an den Nerven, auch von Edward.

Sabine Kray hat jahrelang recherchiert, um die Lebensgeschichte von Eddie Kray aufzuschreiben. Sie hatte einen guten Grund: Eddie Kray war ihr Opa. Ihr Vater Achim erfuhr im Teenageralter von den Geschäften seines Vaters. Wuchs er zuerst ohne den nötigen Vater auf, so beängstigte ihn nun die Vorstellung den Rest des Lebens wieder ohne Vater da zu stehen. Die Besuche des Bökelbergs, als die Borussia aus Mönchengladbach zu den bestimmenden Fußballclubs in Europa gehörte, waren die Höhepunkte der gemeinsamen Zeit. Da hatte der Vater aber schon zwei Haftstrafen hinter sich. Und nicht den Willen sich zu bessern.

Sabine Krays Buch beginnt mit Kapiteln voller Verluste. Erst Diamanten in der Disco, dann die Eltern, die Todesanzeige einer Freundin, und der Verlust der Freiheit durch die Gestapo. Das Buch ist nicht chronologisch aufgebaut. Immer wieder springt sie zwischen der Nazizeit und den 70er und 80er Jahren. Die Entwicklungen Edwards und Eddies tragen gemeinsame Züge. Immer wieder plagen Eddie Erinnerungen an Edwards Schicksalstage in Schlamm und Elend. „Diamanten Eddie“ ist keine bloße Aufzählung der Streifzüge eines galanten, eloquenten Gauners, der die Frauen liebte, dennoch keinen echten Familiensinn erleben konnte. Es ist eine Denkschrift an Millionen Strafarbeiter und das eines einzelnen, der später mit aller Macht sein Glück suchte. Es leider nur kurzzeitig fand.

Durch das Herz Englands

Durch das Herz Englands

Das Herz Englands ist nicht London! Es liegt viel weiter im Norden. Dort, wo es kaum Premier League Clubs gibt. Und es gibt dort einen Wanderweg von Westen nach Osten (oder umgekehrt, ganz wie es beliebt), der außerhalb der Insel kaum bekannt ist. Zeit ihn zu erkunden.

Dreihundertzwanzig Kilometer zu Fuß. Nicht auszudenken wie dick das Buch wäre, wenn sich Erik Lorenz Russland vorgenommen hätte. Oder wie dünn, wäre die Wahl auf Panama gefallen. So sind es knapp 400 Seiten geworden. Wenn man so will: Eine Seite für eine halbe Meile.

Erik Lorenz unternimmt die Reise zusammen mit seinem Vater. Die raue Irische See im Rücken, dreißig Kilo Gepäck auf den Schultern kämpfen sie sich langsam ostwärts. Vorbei an pittoresken Ortschaften, durch den Lake District. Einen Plan haben die beiden nicht. Wozu auch? Wer weiß schon wie viel Wegstrecke man pro Tag zurücklegen kann? Und dann hätten die beiden schon sechs Monate im Voraus buchen müssen. Als Abenteuer wäre diese Reise nur bedingt durchgegangen. Außerdem wusste Erik Lorenz vor einem halben Jahr noch nicht, wo er sich jetzt befinden würde.

Immer wieder treffen die beiden Menschen, die sich in dieser regendurchnässten Gegend eingerichtet haben. Bestimmten hier einst Minen den Alltag und die Landschaft, so ist es kaum fassbar, dass sich die Natur ihren Besitz zurückerobert hat. Windumspülte Gipfel, rutschige Abstiege und ein wolkenverhangener Horizont – das sind die Zutaten der Wanderung von Vater und Sohn. Während der Junior schnell anfängt zu schwächeln – dreißig Kilo Gepäck hinterlassen halt Spuren – ruft der Senior zur Disziplin. Den Eindrücken tun die Schmerzen keinen Abbruch. Immer wieder findet Erik Lorenz die Zeit die Erlebnisse mit Menschen Kaum ein Detail, das er nicht niederscheibt. Bis … ja bis die Reise unvermittelt ins Stocken gerät. Stillstand. Sein Vater hatte einen Unfall, muss zurück in heimische Gefilde. Die Wanderung zum Scheitern verurteilt? Das Experiment West-Ost-Durchquerung am Ende? Nein, es pausiert. Nach Wochen der Erholung hat Erik Lorenz wieder Kraft getankt und nimmt die verbleibenden Meilen in Angriff. Allein. Unterwegs schließt er sich das eine oder andere Mal Gruppen an. Allein ist es aber, den Eindruck gewinnt der Elser, doch am einfachsten.

Und wieder wird ein Vorhaben auf eine harte Probe gestellt. Mitten in den Mooren verläuft sich Erik Lorenz. Selbst die Einheimischen sind keine große Hilfe. Kartenlesen – alles gut und schön. Aber wenn man nicht weiß, wo man sich befindet, ist es ein schwieriges Unterfangen den rechten (richtigen) Pfad zu wählen.

Mit unbändiger Neugier erobert der Autor das unbekannte England. Geschichten von unterwegs bereichern die Wanderwege einige Male. Kein Wanderführer – vielmehr ein Wanderappetitanreger mit Substanz.

Fußball Fanfare

Fußball Fanfare

Törrröööö. Es ist wieder Fußball-WM. Arbeitszeiten werden nach den Spielplänen ausgerichtet. Ganze Landstriche hüllen sich in den Nationalfarben des jeweiligen Teams. Freude und Gezeter, Torschreie und Frustration. Und zwischendrin: Törrröööö. Die kleine unscheinbare Tröte macht ordentlich Alarm. Was auf den ersten Blick wie eine Sambatrommel wirkt – logisch: Schließlich versuchen 32 Mannschaften am Zuckerhut die Trophäe an sich zu reißen – entpuppt sich schnell als lautstarkes Feierinstrument. An der Seite ist ein kleines Loch, in das man kräftig pusten muss. Achtung, Physik. Die ausgeatmete Luft versetzt die Membran in Schwingung, durch den hohlen Resonanzkörper entsteht ein infernalischer Krach. Liebe Eltern, jetzt wegschauen – liebe Kinder, jetzt weiterlesen! Auch nach der WM könnt Ihr mit dieser Fanfare Eurer Freude vollen Lauf lassen. Aber sagt es Euren Eltern nicht. So liebe Eltern, jetzt dürft Ihr weiterlesen. Ob die Fanfare auch nach der WM  noch in Betrieb bleibt, ist fraglich. Aber vielleicht in vier Jahren wieder. Dann, wenn sich wieder 32 Mannschaften zum wochenlangen Wettstreit um die begehrteste Trophäe der Welt treffen. Dann in Russland. Vielleicht wird dann auf Matrjoschkas gepfiffen….

Lesereise Amalfi / Cilento

Lesereise Amalfi Cilento

Das nostalgische Italienbild in unseren Köpfen haben wir einem einzigen Küstenstreifen zu verdanken: Der Amalfi-Küste. Die tosende See, die Gicht, die gegen die schroffen Felsen klatscht, die märchenhaften Villen mit Meerzugang. Cilento hingegen – nur wenige Kilometer südlich – ist weitgehend unbekannt. Hier sind Naturliebhaber an der richtigen Stelle. Die „Lesereise Amalfi / Cilento“ nimmt den Leser mit auf eine Reise zwischen Postkartenidylle und unbezahlbarer „silenzio assoluto“.

Im Cinquecento durch die Gassen, ein gelato schlecken – hier lässt es sich leben. Hier ist man dem Himmel so nah wie nirgends sonst. Das weiß auch einer der Wegbegleiter der Autorin.

Gennaro Pisacane, der Präsident der Hotelvereinigung lernt sie die praktische Engstirnigkeit kennen. An der Amalfiküste könnte schon längst ein schicker Yachthafen stehen. Aber die Investoren kamen aus Neapel. Das bedeutet meist Mafia bzw. Camorra. Und die würde sich dann krakenmäßig ausbreiten. Da bleibt man liebr unter sich. Wird ein Hotel verkauft, dann nur an Leute aus der Umgebung. Das hält zum einen die Preise stabil (und die sind teilweise so gesalzen, dass so manche Sardelle wie eine fade Nudel daherkommt) und bewahrt den Charme der Region. Zum Beispiel werden die hier angebauten Zitronen heute für 50 Cent an di Händler verkauft, vor dreißig Jahren waren es 500 Lire. Was in etwas auf dasselbe hinausläuft. Tradition wird großgeschrieben.

In Lauro findet man eine Gelateria namens „Norge“ und eine Pizzeria, die auf den klangvollen Namen „Nobile“ hört. Beides Überbleibsel bzw. Ehrerbietungen an Umberto Nobile, der 1926 als erster Mensch den Nordpol sah, leider nicht erreichte. Er hat auch hier seine Spuren hinterlassen.

Geschichte, Tradition, umwerfende Naturschauspiele (sommerliche Sonnenuntergänge auf den Hügeln des Cilento lassen einen an den lieben Gott glauben) und eine gesunde, regionale – und dazu noch leckere – Küche verwandeln den Cilento und die Amalfiküste 365 Tage im Jahre in einen Garten Eden. Italien wie es in der Vorstellung erscheint, nimmt hier Form und Gestalt an.

Dieses Buch kann man – auch wenn es nur 132 Seiten stark ist – nicht in einem Rutsch lesen. Immer wieder muss man es absetzen und tief durchatmen. Mit völliger Hingabe verbreitet Barbara Schaefer ein Gusto von Entspannung, manchmal kommt sogar ein wenig Neid auf. Hier irgendwo müssen die Wurzeln des Paradieses liegen.

INFO: Mehr zum Cilento finden Sie unter www.cilentomania.it.

Rio de Janeiro – Eine literarische Einladung

Rio de Janeiro

Anpfiff. Die erste Seite wird aufgeschlagen. Eine tolle Aufstellung, seine großartige Aufstellung. Sechzehn Spieler und Spielerinnen drängen sich auf dem Spielfeld. Rodrigo Lacerda führt den Anstoß aus. Mit seinem Bully streift er durch die Nacht. Düster und unwirtlich frisst sie ihre Jünger. Jetzt der Pass zu Sergio Santanna. Er dribbelt, verführt den Gegner, doch er gibt nicht ab. Zwanzig Seiten lang fantasiert er sich durch eine Bild Rios in den Zwanziger Jahren. Straßenszenen wie sie heute undenkbar sind. Kaum Verkehr, elegante Herren in Anzügen. Machoszenerie. Und zwischendrin eine junge Frau, Eduarda. Ein Frau aus gutem Hause, die sich zu benehmen weiß. Ein Maler soll, will sie portraitieren. Zwischen Schamgefühl, Lust und Neugier schwankt die Dramatik vor dem geistigen Auge des Lesers. Der Autor ist nur das Sprachrohr der Phantasie des Betrachters. Sie gibt sich ihm hin.

Kurze Verschnaufpause. Poetisch schüttet Carlos Drummond de Andrade sein weites Herz aus. Weiter geht’s.

Doch was ist das? Clarice Lispector verlässt einfach den heiligen Rasen des Maracana. Verläuft sich in den Gängen des riesigen Stadions, um Frau Xavier zu folgen. Die scheint auch nicht gerade eine Ausgeburt an Ortskenntnis zu sein. Roberto Carlos soll jetzt übernehmen. Das gibt garantiert eine Nachspielzeit!

Nach Wiederanpfiff darf nun Adriana Lunardi ist Zauberstücke zeigen. Offenen Auges spielt sie sich durch die Stadt. Das Auge des Lesers kann kaum folgen. (Für Besucher ein besonderer Reiz diesen „Spielzug“ nachzuvollziehen) Am Ende muss sie sich ungläubig eingestehen, dass ihre Passgeberin ihre letzte Ruhestätte schon gefunden hat.

Letzter Spielzug vor der Pause: João Antônio ist ein harter Brocken. Man merkt ihm die Vielzahl seiner Berufe an. Sein Ausdrucksweise ist ruppig, aber ehrlich … eigentlich müsste jetzt Pause sein … nein, vier Seiten Nachspielzeit. Er hurt, er raucht, er frisst, er säuft. Seine Gegner sind Nutten, Luden, Arschgeigen und Gesocks. Puh, endlich Pause.

Die zweite Halbzeit muss sich der Leser selbst erarbeiten. Denn nichts ist schlimmer als ein ganzes Spiel noch einmal erzählt zu bekommen.

Die in diesem Buch versammelte Mannschaft von Autoren, die aus Rio kommen und / oder über Rio schreiben zeichnet das Bild einer Stadt, die immer in Bewegung ist. Sie ist mehr als ein torloses Unentschieden, dessen Doppelpunkt durch einen G-String symbolisiert wird. Wer Rio außerhalb des Karneval- und fußballverrückten Klischees kennenlernen will, dem sei dieses Buch ans Herz gelegt. Kure Auszüge und Geschichten, die den urbanen Rhythmus fernab jeglicher Vorurteile wiedergeben.

Die Straßen um Pisa

Die Straßen um Pisa

Pisa ohne den schiefen Turm? Unvorstellbar! Jährlich bestaunen hunderttausende Besucher den Trotz der Physik. So far, so good. Die Autorin Tania Blixen – weltweit eher für ihre Geschichten in wärmeren Gefilden bekannt – haben es die Straßen um Pisa angetan.

Graf Augustus von Schimmelmann verbringt die schönsten Tage des Jahres in der Toskana, in Pisa. Fast schon bestätigt sie mit ihrem Buchtitel das Klischee, dass es außer dem schiefen Turm ja eh nichts weiter zu sehen gibt. Was natürlich nicht stimmt! Doch der Graf erkundet, getrieben von Unruh und Neugier, das Umland auf fast kindliche Weise. Er spricht auch schon mal eine Dame mit „verehrter Herr“ an. Die Affäre mit einer älteren Dame von Rang hingegen meistert er souverän.

Graf Augustus ist nicht unbedingt ein Mann von Welt. Gedankenverloren träumt er sich zurück in die Zeit, in der er als Student das sorgenfreie Leben genießen durfte. So sitzt er auch über einen Brief an einen ehemaligen Kommilitonen. Doch der Schluss will nicht recht gelingen. Er sucht Zerstreuung auf offenen und verschlungenen Wegen.

Märchenhaft mutet die pisanische Toskana an. Durchgehende Pferde, ein Duell und elegant perückte Damen kreuzen nicht nur seine Wege, sondern auch seine Gedanken. Hier und Her gerissen vom Ränkespiel der Beteiligten erkennt er langsam, wer eine Rolle spielt, und wer nicht.

Drei Wochen Pisa – für heutige Begriffe eine Ewigkeit – bereiten ihm nach anfänglichem Zögern immer mehr Freude. Sein Herz erwacht und öffnet ihm die Augen. Vorbei die Melancholie, herbei mit dem Abenteuer.

Tania Blixens Geschichte besticht durch eine präzise Sprache und verführt den Leser zum Träumen. Träumen und Toskana, das gehört einfach zusammen. Wenn man nicht gerade in einer Warteschlange an einem der zahlreichen Souvenirstände stehen muss.

„Die Straßen um Pisa“ sind Bestandteil der 1934 erschienenen „Seven Gothic Tales“. Sie bilden in der dänischen Originalausgabe den Auftakt. In dieser – im typischen wagenbach’schen Rot gehaltenen – Urlaubsbuchausgabe werden dem Leser die Poesie Tania Blixens und die romantische Sicht der Toskana als Appetithäppchen angeboten. Der Zauber der Toskana wird von der unvergleichlichen Schreibweise Tania Blixens vereinnahmt. Die ideale Urlaubseinstimmung! Wenn es denn noch eine braucht.

Ketzer

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In London taucht in einem Auktionskatalog ein Bild von Rembrandt auf. Doch die Versteigerung kann verhindert werden, weil Elias Kaminsky Ansprüche auf dieses Bild erhebt. Es gehörte einst seiner Familie, die als Juden vor den Nazis flüchten musste.

Und dieser Elias Kaminsky sitzt nun vor Mario Conde in Havanna und erzählt ihm seine Geschichte. Er will Licht ins Dunkel der Familiengeschichte bringen. Denn 1939 sollte das Bild den Neuanfang der Familie auf Kuba symbolisieren. Am 27. Mai 1939 stand Elias‘ Vater Daniel mit einem Verwandten am Pier von Havanna und erwartete den Vater, die Mutter und die Schwester, die an Bord der MS St. Louis die teuer bezahlte Freiheit aus Nazideutschland erkauft hatten. Mit im Gepäck: Der Rembrandt. Doch aus der sehnsüchtig erwarteten Familienzusammenführung wurde nichts. Geldgier und politisches Kalkül machten dem Glück den Garaus. Daniel sollte seine Familie nie wieder sehen. An Land ging jedoch der Rembrandt. Als Daniel Jahre später in die USA ausreisen – und somit Elias ein sorgenfreies Leben bescheren – konnte, war das Bild noch in Kuba. Doch es klebte Blut an ihm.

Das Bild hatte eine verhängnisvolle Geschichte. Als Kind ging Elias Ambrosius Montalbo de Ávila in die Schule des großen Meisters Rembrandt van Rijn. Doch auch er – Jude – wurde verjagt. Als Mitgift schenkte Rembrandt seinem Schüler das Bild des Christus, das über dreieinhalb Jahrhunderte später die Fachwelt in Erregung versetzen sollte.

Als Dritte im Bunde – wir sind wieder in der Gegenwart – wird Judy zum Puzzleteil im Bild des plötzlich aufgetauchten Rembrandts. Sie ist verschwunden. Seit zwei Wochen weiß niemand wo sie ist. Gerüchte und Spekulationen helfen Conde erstmal nicht weiter. Auch hat das Rätsel um das Verschwinden Judys originär nichts mit der Bildersuche zu tun. Doch führt es Code auf die richtige Spur…

Die Geschichten von Daniel, Ambrosius und … verschmelzen als logische Konsequenz miteinander. Sie alle verleugneten auf die eine oder andere Art ihren Glauben, ihre Herkunft. Mit ganz unterschiedlichen Ergebnissen.

Leonardo Padura wagt erstmals den Sprung in die fernere Geschichte. Wieder ist Mario Conde beteiligt. Eigentlich sucht er sein Glück als Buchhändler. Doch die alte Spürnase juckt immer noch.

Mit gewandter und selten erreichter Sprache zieht er unaufhörlich den Leser in seinen Bann. Ist es zuerst die Frage nach den Umständen, warum die Kaminskys nicht wieder zusammenfinden konnten, wählt er später eine philosophische Weiterführung. Wer Geschichte liebt, kommt an Padura nicht vorbei. Er schafft mit einfachen Worten Sprachgebilde von enormer Sprengkraft. Wer dieses Buch beiseitelegt, ist selber schuld. Noch nie war eine Welt(en)reise so spannend!

Ohne Haufen, dumm gelaufen

Ohne Haufen dumm gelaufen

Es passiert nicht häufig, dass man ein wirklich neues Spiel entdeckt. „Ohne Haufen dumm gelaufen“ ist die rühmliche Ausnahme im massenhaften Ausstoß neuer Spiele. Es handelt sich um ein Anlegespiel für zwei bsi vier Spieler. Vier Leittier-Karten liegen vor den Spielern. In der ersten Runden (von sieben) muss jeder drei Dromedare-Karten an das farbig passende Dromedar anlegen. Die Spielkarten liegen verdeckt auf einem Stapel. Es gibt immer einen Stapel mehr als Spieler. Jeder Spieler nimmt sich einen Stapel, durch sucht ihn nach er passenden Karte. Auf den 72 Karten ist jeweils ein Hinterteil und ein Vorderteil eines Dromedars zu sehen. Wer als Erstes drei Dromedare zusammen hat, ist noch lange nicht Sieger. Jetzt fehlt noch das Abschlussstück der Karawane. Diese Karten zeigen das Hinterteil eines Dormedars und … ein Häufchen. Erst wenn die letzte Karte liegt („ohne Haufen dumm gelaufen“), geht es in die nächste Runde. Durch die arabisch angehauchten Spielsteine wird nun ermittelt wie lang die nächste Karawane sein muss. Die kann bis zu sechs Dromedare lang sein. Ein köstlicher Spielspaß für alle ab sechs Jahren. Vor allem, weil die Dromedare sooooo niedlich sind.