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Aussetzer

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Die Krise mal anders. Mauro ist CEO eines großen italienischen Unternehmens. Einer seiner Stellvertreter ist der Sohn des Chefs und hat auch genau nur aus diesem Grund diese Position inne. Eine große Übernahme steht an. So weit so gut. Doch die Zeit will es, dass sich die Übernahme nicht als das größte Übel im Leben Mauros herausstellt. Denn seine Frau ist weg. Alles klar, Andrea Camilleri hat wieder einen großen Krimi über das organisierte Verbrechen geschrieben. Mit der Entführung soll der Chef zum Einlenken gezwungen werden. Weit gefehlt!

Das Verschwinden von Marisa hat auch was mit Guido zu tun. Der wiederum ist der zweite Stellvertreter von Mauro, Personalchef. Marisa und Guido sind ein Paar, oder zumindest haben sie eine Affäre. Doch das Kräfteverhältnis in dieser Beziehung schlägt stärker zu Marisas Seite aus. Sie ist gelangweilt von ihrem Gatten und ihrem Leben. Ob Guido der Richtige ist?

Mauro der Gehörnte? Mitnichten! Denn auch er hat seine Angel bereits ausgeworfen. Einen Blick riskiert. Licia heißt das Objekt seiner Begierde. Und die ist ausgerechnet die Enkelin des Chefs von dem Unternehmen, das Mauro schlucken will.

Doch es heißt auch die Übersicht zu bewahren. Bei der Jonglage mit dreistelligen Millionenbeträgen Vorsicht das oberste Gebot. Da darf man sich keinen Aussetzer erlauben. Zu viele, die einem ans Leder wollen. Zu viele, die den kleinsten Ausrutscher für sich zu nutzen wissen. Wohl dosierte Informationspolitik nach innen und nach außen.

Nicht jeder, der die Fäden in der Hand hält, ist ein Strippenzieher. Das müssen alle Handelnden mehr oder weniger schmerzvoll erfahren. Das Bällezuspielen bleibt bis zur letzten Zeile spannend. Aus einem Wirtschaftskrimi wird eine Liebesgeschichte wird ein Wirtschaftskrimi wird eine menschliche Tragödie.

Andrea Camilleri macht es einen Riesenspaß den Leser mit den zahlreichen Beteiligten an seinem „Aussetzer“ zu beteiligen. Immer tiefer dringt man in die Seilschaften der Macht ein. Wer mit wem? Wer gegen wen? Und warum? – ein köstliches Vergnügen den Zeilen des Großmeisters des stilvollen Wortes zu folgen. Jede Zeile ein Gedicht – übrigens lässt sich Marisa gern mit ebensolchen Gedichten von Guido verführen. Jede Zeile eine Warnung. Übrigens soll an dieser Stelle nicht zu viel verraten werden, denn die Bekanntgabe „zu vieler Teile aus dem Buch könnte den Leser um den Genuss bringen“.

55

55

Es ist aus mit der Ruhe im saarländischen Dürrweiler. Flüchtlinge sollen hier einquartiert werden. Die Krone, Gasthof des verschwiegenen Ortes, soll dafür hergerichtet werden. Vierunddreißig Flüchtlinge sollen hier ihr neues – zeitlich begrenztes – Zuhause finden. Doch es wird für fünfundfünfzig Plätze umgebaut. Eine Bürgerversammlung soll für Aufklärung sorgen, wird aber zur tumultartigen Schreierei. Hauptangriffsziel ist der Landrat. Karlmann wie ihn alle nennen. Einer von hier. Karl-Josef Brix will die Gemüter besänftigen, doch insgeheim weiß er, dass er gegen Windmühlen kämpft.

Der Schwitzgebel David hat einen anderen Gegner ausgemacht: Das Haus des Landrats. Und er weiß wie er seinen Kampf gewinnt. Mit dem Traktor macht der die Behausung Karlmanns platt. Eine Lapalie für Bungert, den Polizisten, im Vergleich zum Tode von Kurt Bosslet. Ziemlich verrenkt liegt auf dem Kellerboden. Herzinfarkt. Seine Frau Helga steht nun allein da. Kinder haben sie keine. Der Kurt, ein Baum von einem Mann, Rennsportfan und Kommunalpolitiker.

Fred, sein alter Kumpan und seit Jahrzehnten erbitterter Widersacher erzählt seinem Enkel Joris von dem Vorfall. In so einem kleinen Ort sprechen sich solche Vorfälle schnell rum. Einst gingen Fred und Kurt gemeinsame Wege. Als Kicker in der saarländischen Nationalmannschaft, die das Wunder von Bern fast verhindert hätte. Doch die Herberger-Elf war cleverer und sicherte sich mit einem Sieg die Teilnahme an der Fußball-WM 1954 in der Schweiz. Ein Jahr später wurde das Saarland wieder Deutschland zugeordnet. Auch auf dem Papier. Daran erinnern nur noch Fotos. Fotos, die Fred nun wieder herausgekramt hat.

Der Fred und Kurt waren einst vereint im Kampf um den Anschluss des Saarlandes an Deutschland. Sie verteilten Propagandamaterial und verteidigten ihre Sachen wenn nötig auch mit Fäusten. Joris als junger Mensch, der vielleicht mal studieren möchte, ist sehr an den Geschichten von Opa Fred interessiert. Und er beginnt zu recherchieren. Zu recherchieren, warum der rote Fred und der schwarze Kurt irgendwann getrennte Wege gingen. Oder gehen mussten?!

Marcus Imbsweiler verwebt mit „55“ saarländische Geschichte und einen waschechten Krimi zu einer fesselnden Geschichte. Immer wieder unterbricht er die Gegenwart, um dem Leser ein Stück saarländische und somit deutsche Geschichte zu vermitteln. Man ist mittendrin, wenn Fußballmannschaften aufeinandertreffen, wenn Flugblätter in einer Nacht-Und-Nebel-Aktion beschafft werden, wenn der politische Kampf noch als solcher zu bezeichnen ist. Die Parallelität der Ereignisse vor sechzig Jahren und so manchem Unmut der Gegenwart ist frappierend. Der Autor beweist aber auch, dass Geschichte niemals zu Ende gehen wird.

City impressions Rom

City Impressions Rom

Wer Rom verschläft, hat die Welt nicht gesehen. Jahrein, jahraus reisen, ja pilgern Millionen von augendurstigen Touristen in die Ewige Stadt. Und alle sind mit Kameras – teils – bewaffnet. Und alle machen das Bild ihres Lebens! Doch nur ein verschwindend geringer Prozentsatz kann seine gepixelten Ergebnisse hinterher auch wirklich vorzeigen. Und noch weniger als Buch drucken lassen. Und zu denen gehört Bernd Rücker.

Selbst in einer Reihe wie City impressions von vagabond books sticht der Band über Rom nicht durch Quantität, sondern durch Qualität heraus. Sicher hätte Bernd Rücker auch ein Werk mit eintausend Seiten machen können. Doch er entschied sich für die „schmale Variante“ von dreihundert. Wie immer darf der Leser schon auf Anhieb einen Schlüssellochblick durch den Einband werfen. Die Silhouette der Stadt gibt den Blick frei auf ein Abenteuer.

Ein Bildband über Rom ist eine Herzensangelegenheit. Jede Sparte der Buchkunst kann mit einem Bildband aufwarten. Von der Archäologie über die Kunst bis hin zu Reiseführern – Rombücher verkaufen sich wie geschnitten Brot. Und ab und zu finden sich auch wahre Kleinode unter den Neuerscheinungen. Dieses Buch gehört nicht dazu, es ist ein Großod – wenn es denn dieses Wort überhaupt gibt. Mächtig die Ausmaße (325 mal 300 mm), beeindruckendes Gewicht (ca. drei Kilo) – doch das sind nur die oberflächlichen Merkmale. Wie in einer guten Beziehung geht es um die inneren Werte. Hier gibt es kein Gut oder Böse, kein Schwarz oder Weiß. Dieses Buch ist einzigartig (gut) in all seinen Schattierungen. Der Hell-Dunkel-Kontrast als Symbol des Unverfälschten. Keine Bonbonfarben, die den Blick trüben und die Konturen verwischen lassen. Licht und Schatten als Denkschrift des Details.

Und Details findet man bei jedem Durchblättern immer wieder aufs Neue. Ein Kinderlachen, graziler Alltag, pures Leben, eine Mauerspalte. Und auf jeder Seite die Aufforderung die kleinen grauen Zellen anzustrengen und sich selbst eine Geschichte auszudenken. Bernd Rücker tut dies auch und liefert wie beiläufig eine Geschichte gleich mit.

Zwei Männer – der Eine hätte sich nie zu träumen gewagt diese Stadt, Rom, je besuchen zu können. Der Andere will eigentlich weg, aus familiären Gründen, doch kann sich nicht lösen. Ihre Geschichten bilden den Rahmen um die oft doppelseitigen Bilder. Keine Stadtrundfahrt mit „Schauen Sie links, rechts sehen Sie …“ – nein es sind Spaziergänge, die den Alltag bestimmen und erst bei genauerem Hinsehen diesen zu einem Höhepunkt machen. So wie einst Tom Ripley als er in Rom den Halt suchte, den er brauchte, um sich seinen Häschern stellen zu können. Er durchstreifte schon nach wenigen Tagen die Stadt wie ein alter Hase. So ergeht es auch dem Betrachter dieses Buches.

Wer zum ersten Mal Rom besucht, findet kaum die Zeit den Alltag der Metropole einzufangen. Zu groß das Angebot an Geschichte – jede Ecke erzählt vom einstigen Ruhm des allmächtigen Römischen Reiches. Wer zum zweiten Mal nach Rom reist, holt nach, was er beim ersten Mal verpasst hat. Die ersten Eindrücke Roms bekommen langsam Konturen. Die City impressions Rom vermitteln sofort den Eindruck als kenne man die Stadt am Tiber schon seit Ewigkeiten. Gelato in historischer Kulisse. Espresso vorm Palazzo. Siesta dort, wo es sich einst der Adel gutgehen ließ. Grandezza auf höchstem Niveau für nicht minder höchste Ansprüche.

Bleibt noch die Frage offen, für wen dieses Buch gemacht ist. Für alle, denen Formensprache und Ästhetik nicht einerlei sind. Für alle, die Rom ins Herz geschlossen haben. Für alle, die Rom noch einmal – auch anders – erleben wollen. Für alle, die feststellen mussten, dass Rom doch mehr als Pantheon, Colosseum und Petersplatz ist. Für alle, die Rom nicht nur als Reiseziel betrachten, sondern als Fest für alle Sinne. Die City impressions Rom sind Augenschmaus und Herzschmerz zugleich. Das Auge erfreut sich aufregenden Perspektiven, expressionistischen Einstellungen und grandiosen Bildkompositionen. Das Herz blutet, weil der nächste Flieger gen Roma ohne es abhebt. Wenn es heißt, dass in Rom Licht und Schatten oft eng beieinanderliegen, so hat sich Bernd Rücker dies zu Herzen genommen. Er passt genau den Augenblick ab, in dem das Gut-Und-Böse-Spiel von Hell und Dunkel zur vollen Entfaltung kommt. Das ist der Augenblick, in dem er abdrückt und das Drama seinen Lauf nimmt… Der Leser darf dieses Drama beobachten. Ein Auf und Ab der Gefühle gibt es bei ihm nicht. Es dominiert das Auf.

Dieses Buch einfach nur anzuschauen, ist ein Fest. Doch es reicht nicht. Man muss Rom nun endlich selbst sehen, es schmecken, es in sich aufsaugen. Als Urlaubslektüre empfiehlt sich „Der talentierte Mr. Ripley“. Wer genau liest, erkennt den einen oder anderen Ort aus den City impressions wieder…

Wie immer sind die Bücher in zwei Sprachausgaben erhältlich – deutsch/englisch und französisch/spanisch. Auf der Suche nach dem besonderen Geschenk kommt man nur schwer an diesem Bildband vorbei.

Skandale in Berlin

Skandale in Berlin

Skandale und Berlin. Das passt, wenn man sich die aktuellen Ereignisse um den Flughafen betrachtet. Doch Skandale und (und in) Berlin sind keine Erfindung der Gegenwart. Regina Stürickow reist zusammen mit dem bis ans Ende des 19. Jahrhunderts. Schon damals erschreckten underschütterten Skandale die Hauptstadt.

Und zum Beginn gleich eine saftiger Aufreger: Sex im Königshaus! Doch nicht Wilhelm II. und seine Angetraute sind darin verwickelt – naja irgendwie schon, aber erst im Nachgang, also zumindest er, der Kaiser – sondern seine Entourage, der Adel, die Schmeißfliegen, die sich gern im Glanze des Staatsoberhauptes sonnen. In diesem Falle muss es wohl eher heißen: Sich im Glanze des Kaisers suhlen. Es ist Januar im Jahre 1891. Der Grunewald ist schneebedeckt. Er ist der einzig Jungfräuliche in dieser Geschichte. Über ein Dutzend Männer und Frauen treffen sich zu einer, heute würde man Party sagen. Es wird königlich gespeist. Man ist gesättigt und doch noch hungrig. Der Magen ist gefüllt, das Blut in Wallung, und schon ist man in einer wüsten Orgie. Wer mit wem, wie oft, warum, in welcher Konstellation – das war, ist und bleibt verborgen. Doch dass es stattgefunden hat, daran wird jeder einzelne bald und eindringlich erinnert. Denn schon kurze Zeit später tauchen Briefe auch. Briefe an die Teilnehmer. Wer ist denn nun der Übeltäter? Oder ist es eine Übeltäterin. Charlotte von Hohenau soll angeblich hinter den Briefen stecken. Wenn das rauskommt! Oh je. Doch eine weitere Charlotte, die Schwägerin des Kaisers, hat ihre Finger im Spiel. Ihr ist das (liebs-)tolle Leben ihrer Namensvetterin ein Dorn im Auge. Auch der Zeremonienmeister des Hofes von Kotze – wie er wohl die ganze Sache empfindet? – ist verdächtig. Und wird auch angeklagt. Aber freigesprochen. Es kommt zum ersten Duell. Später folgen weitere. Wenn man ihm etwas anhaben will, ist nun der Zeitpunkt gekommen ihm einen Strick zu drehen. Denn Duelle sind verboten. Doch der Kaiser wiegelt ab. Von Kotze wird zwar nicht verurteilt, doch all seiner Ämter enthoben. Außer Spesen nichts gewesen? Nicht ganz. Die Beteiligten, ob nun bekannt oder nicht, haben einen der ersten Skandale produziert. Dank der Skandalpresse – warum verwendet man dieses eindeutige Wort heute eigentlich nicht mehr? Regenbogenpresse klingt so harmlos! – werden auch die Berliner darüber mehr oder weniger detailreich informiert. Heute würde so ein Skandal nur noch zum Schmunzeln taugen. ’Ne Orgie bei Hofe – na und! Lass sie doch!

Und weiter geht der wilde Ritt durch die Geschichte(n) Berlins. Friedrich Ebert in Badehose, Unterschlagungen und Erpressung – alles Histörchen, die heute in Vergessenheit geraten sind und erst durch dieses Buch wieder ans Tageslicht geholt werden. Und einige kommt einem seltsam bekannt vor: Wetten, Bauskandale … Berlin ist halt immer für einen Skandal gut!

„Skandale in Berlin“ ist das Schwesterbuch von „Verbrechen in Berlin“, beide aus der Feder von Regina Stürickow. Mit akribischer Recherche und einer ordentlichen Portion Neugier ist sie den Skandalen, die Berlin und oft darüber hinaus erregten. Sie skizziert die Gesellschaft der Zeit und zeigt somit dem Leser die Parallelen zur Gegenwart auf. Vieles hat sich seit den ersten Skandalen geändert, so manches ist auch heute noch für einen Skandal zu gebrauchen.

Prag

Prag MM-City

Literatur aus Prag – da klingelt bei vielen das Kafka-Glöckchen: Alles irgendwie ein bisschen verschroben, verwirrend, Nichts für Mal-Eben-Zwischendurch-Ein-Paar-Zeilen-Lesen.

Literatur aus Prag – da klingelt bei erfahrenen Reisenden das Michael-Müller-Glöckchen: Klare gegliedert, immer wieder ein paar „bunte“ (im doppelten Sinne – bunte Meldungen bzw. Hinweise, die farbig unterlegt sind) eingestreute Anekdoten, die, wenn man vor Ort ist mit einem Schmunzeln goutiert. Schließlich ist man der Einzige, der sie kennt, weil man eben einen Reiseband aus dem Michael-Müller-Verlag besitzt und gelesen hat. Selbst Einheimischen kann man mit der einen oder anderen Geschichte noch etwas erzählen.

Michael Bussmann und Gabriele Tröger erweisen auch dem großen Meister – Franz Kafka – ihre Ehre, doch nicht indem sie ihren Reiseband als Rätsel anlegen, sondern als wiederkehrenden Part in ihren zahlreichen Spaziergängen durch die Stadt an der Moldau, die sie so kenntnis- und detailreich beschreiben. Prag ist wohl die Hauptstadt der ehemaligen östlichen Hemisphäre, so es sie denn jemals gab oder noch gibt, die am häufigsten von Deutschland aus besucht wurde und wird. Sie ist das Synonym für Tschechien. Die Architektur der Stadt und der teils noch vorhandene rustikale Charme der Jazzkeller, die knatternde U-Bahn-Ansage, dass man jetzt den Hauptbahnhof erreicht („Hlavní nádraži“) sind die prägendsten, im Unterbewusstsein abgespeicherten Eindrücke von Prag. Oder ist es das süffige Bier, das man mit ein „bisschen fester Nahrung“ zu sich nimmt, das Pistazien-Eis am Rathaus schleckt, um dem mittäglichen Figurenspiel zu folgen, gefolgt vom Gewühl in der Masse im Goldenen Gässchen? Egal, wie man Prag wahrnimmt – es war, ist und wird immer eine pulsierende Metropole bleiben.

Apropos touristische Highlights, die „man gesehen haben muss“. Klar, Altstädter Ring, Hradschin und Karlsbrücke gehören zu Prag wie Bier mit Knedlíčky und Braten. Doch Praha nur darauf zu reduzieren wäre ein Frevel, den der Golem postwendend „korrigieren würde“. Denn der Golem wurde der Legende nach von Rabbi Löw in Prag gestaltet und zum Leben erweckt. Babelsberg und Hollywood haben ihm dann später für ein breites Publikum mit allerlei Tricks lebendig gemacht. Und wenn wir schon bei jüdischen Legenden sind, das Jüdische Viertel mit dem leider viel zu oft maßlos überlaufenen Friedhof, lädt trotz aller Massen zum Verweilen und zum Verschnaufen ein. Gleich am Rathaus vorbei, die Kutschen rechts liegen lassen (für einen Fotostopp reicht’s gerade noch, höflich mal nachfragen, ob man mit den Pferden oder in der Kutsche ein schnelles Bild machen darf lohnt sich), halb links halten und schon ist man in einer anderen Welt. Wenn Schulklassen unterwegs sind, wird’s naturgemäß etwas lauter. Doch das Erinnerungszentrum sorgt schon für eine angemessene Lautstärke. Wem’s trotzdem zu laut ist, der kommt eben später noch einmal vorbei. Sollte man auch.

Eine Millionenstadt wie Prag birgt natürlich eine Menge Schätze in sich. Doch die Prager verstehen es die wahren Schätze zu behüten und nicht so stark nach außen zu tragen wie die Offensichtlichen: Das Brauhaus U flekú war schon vor Jahrzehnten die personifizierte Wiedervereinigung. Hier feierten in entspannter Atmosphäre Bielefelder und Münchner mit Leipzigern und Rostockern… Lokalkolorit ist heute hier nur noch sehr wörtlich zu nehmen. Einheimische sind in der Minderheit, dafür ist der Bierpreis hier doppelt so hoch. Da geht man lieber ins Containall. Hier stehen zwei Container. In dem einen wird ausgeschenkt, was man im anderen wieder entsorgen kann. Ist urig und typisch Prag.

Dieser Reisebegleiter muss mit – egal wie. Knapp dreihundert Seiten, vollgestopft mit dem Prager Leben. Wer das Gewicht reduzieren will, kann sich – Achtung jetzt kommt’s! – kostenlos das Buch aufs Smartphone laden. Einfach den QR-Code scannen und dem in der ersten Umschlagseite angezeigten Code eingeben und schon ist man Prag-Reisender mit Spezialkenntnissen. Ob als Familie, als Single oder in der Gruppe. Ob als Kulturschnüffler, Feierbiest oder Spaziergänger. Ob als Architekturliebhaber, Leckermäulchen oder Geschichtsfanatiker. Prag zeigt gern was es hat. Oft muss man suchen, um das Richtige zu finden. Oft werden einem Sachen als Geheimtipp  angeboten, die eh auf der Hand liegen. Ob man dieses Buch in gedruckter oder digitaler Form nutzt, ist jedem selbst überlassen. Prag sich selbst überlassen, wäre unklug. Besser man hält sich an jemanden, der sich damit auskennt. Und das sind zweifelsohne Michael Bussmann und Gabriele Tröger. Schon beim ersten Durchblättern kann man eine erste Route ohne Probleme zusammenstellen. Mit allem Drum und Dran: Vom Aha-Erlebnis für die Augen – Architektur, auch verborgene Objekte – über die notwendige Wegzehrung – Bier gilt als Grundnahrungsmittel, der Braten als Beiwerk – und Museumsbesuche, Spaziergänge und Ratsmöglichkeiten bis hin zum chilligen Ausklang eines erlebnisreichen Tages – bei Gegrilltem und wie soll es anders sein Bier.

Man weiß gar nicht wo man zuerst hinschauen soll, ins Buch oder auf Prag. Im Zweifelsfall natürlich immer auf das Original…

Do schmeckts!

Do schmeckt's!

Jedes Jahr das gleiche Spiel: Was kochen wir an Weihnachten? Etwas Besonderes soll’s sein, etwas, was wir sonst nie essen. Ein echter Festbraten. Man denkt zurück an das fast vergangene Jahr, erinnert sich an erholsame Tage in fernen Ländern, in denen man exotische Speisen genossen hat. Doch um die zuzubereiten, benötigt man mehr eine Landkarte als einen Einkaufszettel, denn nicht alles ist im Supermarkt um die Ecke zu bekommen. In den Kochshows im Fernsehen reden immer alle von regional und saisonal einkaufen und kochen. Das wäre eine Alternative! Jetzt fehlt nur noch die zündende Idee wie diese relativ leicht zu besorgenden Zutaten zu einem köstlichen Mahl zusammengefügt werden. Und zwar so, dass alle sagen: „Es schmeckt“. Do, im Bücherregal, ja, genau do, do steht die Antwort auf diese eine spezielle Frage nach der besonderen Zubereitung. „Do schmeckts!“. Wenn’s der Titel sagt, wird’s schon stimmen.

Und in diesem Fall stimmt’s auch! Schlagen wir das Buch auf: Eine Landkarte, auf der die Quellen der Rezepte eingezeichnet sind. Freiburg und Umgebung. Die Nähe zu Frankreich und der Schweiz verheißt schon exquisiten Geschmack. Auf Seite Drei wird dieses Vorurteil um ein weiteres ergänzt. Das Buch wurde von Corinna Brauer und Michael Müller gestaltet. Die beiden „Gscheitgut“-Bände mit leckeren Gerichten aus Franken waren der Beweis, das Reisen und Schlemmen unverzichtbar einhergehen. Nun also Freiburg, Kaiserstuhl, Markgräflerland. Wer den Sommer in Freiburg einmal genießen durfte, weiß, dass es ein ganz besonders entspanntes Leben zu leben gilt. Die klimatische Sonderstellung in Deutschland lässt die Sonne nicht nur am Himmel strahlen. Die beiden Herausgeber stromern immer der Nase nach durch die Jahreszeiten und diese besonders reiche Gegend. Hier und da stecken sie ihre Nasen in die Töpfe der Köche der Region, entlocken den Küchenzauberern ihre Geheimnisse und lassen dem Leser keine andere Wahl – man greift ganz automatisch zu Stift und Papier, um den Einkaufszettel für den nächsten Einkauf zu schreiben. Wer hat schon Schnecken zuhause, um eine Badische Schneckensuppe zu kochen. Klingt erstmal für Viele gewöhnungsbedürftig, ist aber der Kracher bei jedem Essen. (Viele halten es erstmal für ein Pilzsüppchen, lassen Sie sie in dem Glauben bis die Teller leer geputzt sind.) Und weiter geht die Schnitzeljagd. Wildkräuter-Tiramisu, Spargelmousse, Lammrücken mit Tomatenkruste, Balsamico-Jus und Kartoffelgratin. Wer das jeden Tag auf den Tisch zaubern kann, verdient damit garantiert sein Geld. Doch als Hobbykoch, und vor allem als Gast, geraten die Geschmacksnerven gehörig in Wallung. Und zum Dessert ein Sauerampfereis.

Doch zurück zum Winter, und zum Weihnachtsmenü. Es soll ja was ganz Besonderes werden. Ohne Wertung hier ein paar Vorschläge aus dem Buch: Rotkohlcremesuppe, Linsen-Kartoffelsalat, Schwarzwurzeltörtchen mit Rehfilet und Pinienkern-Vinaigrette … kurz innehalten, schlucken, und weiter geht’s … Schweinefilet in Backpflaumensauce, Kaiserstühler Baeckeoffe, und als krönenden Abschluss Mohnparfait oder Lebkuchentiramisu oder Kirschwasserbömble mit warmen Sauerkirschen.

Wer jetzt noch nicht weiß was am Ende des Jahres selbiges kulinarisch verabschiedet, der liest das Buch noch einmal. Wer dann immer noch nichts findet, feiert Weihnachten bei Wasser und Brot.

Das Buch hat einen bzw. noch viel mehr Vorteile. Die Frage, was in den nächsten Wochen auf den Tisch kommt, wird gleich mit beantwortet. Und weil’s so gut schmeckt, fängt man immer wieder von vorn an…

Berlin – satirisches Reisegepäck

Berlin - Satirisches Reisegepäck

Wer auf Reisen geht, muss einiges in seine Tasche(n) packen. Zahnbürste, Klamotten zum Wechseln, ein Reisebuch (am besten vom Michael Müller Verlag). Wer nach Berlin reist, muss gut zu Fuß sein oder zumindest U-Bahn- und Busfahrpläne lesen können. Und er muss neugierig sein! Tilman Birr war neugierig. Er hatte ein bisschen mehr als Zahnbürste und Klamotten im Gepäck als er Anfang des Jahrtausends (klingt mächtig bedeutsam) nach Berlin zog. Nach Mitte. Wohin sonst. Mitten ins neue In-Viertel, als es jedoch schon diesen Ruf hatte. Die Stadt ist ihm ans Herz gewachsen. Doch die rosarote Brille hat er – wenn er sie denn je aufgesetzt hatte – beiseitegelegt.

Mit seinem satirischen Reisegepäck setzt und hält er der Hauptstadt ein weiteres literarisches Werk und den Spiegel vor. Der Schmelztiegel, der Innovations-Hotspot, der Place to be hat es in sich. Wer sich nicht darauf einlässt, ist verloren. Mit einem lockeren Spruch auf den Lippen bzw. in den Fingern, denn Gedanken werden nicht mehr mit der Feder niedergeschrieben, sondern mit den Fingern ins Laptop, Notebook oder Tablet getippt. Und für alle Puristen gibt es die geistigen Ergüsse nun als Buch zu erhaschen.

Wer des Lesens müde ist, wem dies zu old school ist, der kann am Ende einiger Kapitel den QR-Code laden und sich die Texte vom Autor höchstpersönlich vorlesen lassen.

Das satirische Reisegepäck ist eine wohltuende Ergänzung des ohnehin schon lesens- und reisenswerten Programms des Michael Müller Verlages. Wortgewaltig und manchmal überspitzt dreht Tilman Birr seine Runden durch seinen Kiez, erkundet die Burgerexplosion Berlins, gibt Verhaltensratschläge beim Überqueren von Brücken, zeigt, wo der Berliner noch Berliner sein darf und wo man als Tourist sich nicht als selbiger zu erkennen geben sollte.

Fernab von Langem Lulatsch, ostalgischen Schwärmereien und Touristennepp stößt der Leser auf das lebhaft schlagende Herz einer Stadt, die allzu gern als das größte Dorf Deutschlands bezeichnet wird. Das Buch passt locker in jede Tasche, die Kapitel sind innerhalb von zwei, drei U-Bahn-Stationen zu lesen. Herzhaftes Lachen garantiert und erwünscht. Der Berliner Witz – gibt es ihn überhaupt? – reist immer mit. Schnodderschnauze und Herumnörgeln gehört zu Berlin wie Goldelse und Currywurst. Wer meint nur bei Konnopke seine echte Currywurst verspeisen zu müssen, wird Berlin nie richtig erleben. Derjenige wird auch über den Untertitel nicht lachen können „On se left you see se Siegessäule“. Wer den Witz darin erkennt und ihn gut findet, wird dieses Buch bei jedem Capitol-Trip dabei haben. Poetry Slam für die Arschtasche und tröge Unterweltfahrten!

Masuren – Im Land der tausend Seen

Masuren - Im Land der tausend Seen

Da meint man, man kenne Europa, habe ihm all seine Geheimnisse entrissen und müsse – um Neues zu finden – den Kontinent verlassen. Und dann kommt ein Buch wie „Masuren – Im Land der tausend Seen“ daher. Masuren: Diese Region in Polen, das, oberflächlich betrachtet, aus deutscher Sichtweise immer wieder erkundet wird. Hier kämpften im Krieg Deutsche gegen Russen. Hier liegen die Wurzeln vieler Entwurzelter, die nach dem Krieg ihre Heimat verlassen mussten. Hier ist die Heimat der Helden von Siegfried Lenz.

Und dann blättert man neugierig durch das Buch. Das Magazin National Geographic ist ja bekannt für seine aufregenden Fotoreportagen aus den entlegensten Ecken der Erde. Und dann tritt etwas zutage, das man so nicht erwartet hat: Umwerfende Landschaftsaufnahmen, fremdelnde Lichtschauspiele, baumüberspannte Alleen, beeindruckend illuminierte Stadtansichten. Europas Geheimnisse? Ja, es gibt sie noch!

Die Masuren haben keinen Zugang zum Meer – das unterscheidet sie von so vielen Regionen, „die man gesehen haben muss“. Auch mit Bergen wurden sie kaum bedacht, allenfalls ein paar Hügelchen. Doch sie haben trotzdem Wasser und idyllische Aussichtspunkte, um übers Wasser zu schauen. Und mit Danzig eine Weltstadt, die immer noch einem steten Wandel unterworfen ist.

Touristen finden sich hier kaum ein. Die Sommermonate sind die einzige Zeit, in denen man auch andere Sprache wahrnimmt. Von See zu See paddeln, sorgt dann hier und da für einen leicht erhöhten Geräuschpegel. Ansonsten ist hier das El Dorado für alle, die die Ruhe und Geborgenheit der Hektik und dem Nach-Attraktionen-Hecheln-Und-Hetzen den Vorzug geben. Nur ab und zu trommelt ein seltenes Geräusch klar und unaufdringlich die Ruhe des Morgens. Langsam kommt es näher, ein Schnauben stiebt durch den erwachenden Tag. Wildpferde wirbeln den Morgentau auf, durchschneiden den zarten Nebel. Ein Naturschauspiel, das nur wenigen vergönnt ist.

Dirk Bleyer hat auch dieses Abenteuer in seinen Bildern festgehalten. Geduld braucht man, um die Seele der Masuren in Pixel zu bannen. Ein startender Storch, zufrieden weidende Kühe, das Licht- und Schattenspiel der Marienburg, entspanntes Segeln, ein filigranes Spinnennetz – Masuren ist ein Ort für jeden, der noch echten Abenteuergeist in sich spüren kann.

Ein Bildgewaltiger Reiseband mit echten Geschichten von echten Menschen, die das echte Leben noch leben dürfen.

Venedig von oben

Venedig von oben

Venedig sehen und … den Tag mit einem Lächeln beginnen! Eine halbe Million Venezianer können das 365 Tage im Jahr, und ein „paar Millionen“ Besucher können das an ein paar Tagen im Jahr. Es von oben zu erkunden, vielleicht noch die zurückgelegten Wege erkunden, in Erinnerungen schwelgen – das kann man 2016 das ganze Jahr durch.

Zwölf Mal Venedig, zwölf Mal beeindruckende Ein- und vor allem Draufsichten auf eine Stadt, die ohne Zweifel als Sehnsuchtsort bezeichnet werden kann. Markusplatz, Canale Grande, Burano sind Orte und Plätze, die man kennt. Aber nicht aus der Vogelperspektive. Das Großformat lässt die Stadt real erscheinen. Da möchte man sofort weiterblättern. Doch dann verrinnt die Zeit wie im Flug und man muss Abschied nehmen von dieser Stadt und den einzigartigen Aufnahmen. Also, jeden Tag genießen! Jeden Tag diese Aussichten als Quelle der Kraft für den Tag nutzen und sich auf die schönste Zeit des Jahres vorbereiten. Vielleicht geht es ja dieses Mal (wieder) nach Venedig?! Und bis es soweit ist, erfreut man sich jeden Tag daran, dass die Technik so weit fortgeschritten ist, diese Aufnahmen jedem zugänglich zu machen. Es wie in einem Museum, nur mit dem Unterschied, dass man sich nicht anstellen muss, um eingelassen zu werden und man stets freie Sicht auf die Stadt hat.

Zum Kalender gibt es einen fast fünf Pfund schweren Bildband, mehr als ein Jahr lang die schönsten Stadtansichten präsentiert. Also, Strg. V drücken und Venedig zu Hause einfügen!

Marie spiegelt sich

Marie spiegelt sich

Doro hat’s seit einiger Zeit nicht leicht. Erst die Scheidung von ihrem Mann, dann ging ihr Friseursalon pleite – jetzt arbeitet sie dort als Angestellte – schlussendlich ihre geliebte Tochter, die ihre Pubertät in vollen Zügen auskostet. Marek, ein Flirt, scheint im Moment auch nur ein Funken Hoffnung zu sein. Marie ist auch nicht gerade glücklich mit und in ihrem Leben. Dreizehn ist sie. Ihre Mutter steht ständig unter Strom. Seit der Scheidung ihrer Eltern wohnen sie am anderen Ende von Köln, der Schulweg ist immer ein Marathon. Und ihre Mutter ist in ihrem Job als Friseurin auch nicht sonderlich glücklich. Marie verkriecht sich in ihr Tagebuch, dem sie alles poesievoll anvertraut. Verknallt ist sie. Doch er weiß es nicht. Ein ganz normales Teenagerleben. Bis, ja bis eines Tages Marie nicht wie versprochen vor der Schule wartet, wo Doro sie abholen sollte (und wollte). Und ans Handy geht die Göre auch nicht. Doros Feierabendentspannung ist mit einem Mal dahin.

Marie wurde entführt! In ein dunkles Verlies gesperrt! Es hat es getan! Ob Es nun weiblich oder männlich ist, spielt für Marie keine Rolle. Um sie herum: Das schwärzeste Schwarz, das sie sich vorstellen kann. Sie flieht in ihre Wörterwelt. Draußen in der richtigen Welt, voll Sonnenschein, voll Licht, voller Farben, wird Willa Stark mit der Suche nach Marie betraut. Im Austauschprogramm von Europol ist die Grazer Kommissarin nach Köln gewechselt. Doch ihre Zeit in der Domstadt soll bald ablaufen. Ihre Chefs haben es versäumt ihre Verlängerung zu beantragen.

Maries Mutter Doro ist dem Ende nah. Doch sie bekommt Hilfe von unerwarteter Seite. Robert Hellmann steht ihr bei. Seine Tochter Tessa wurde vor fünf Jahren entführt. Für Tessa gab es kein gutes Ende. Er erzählt ihr von einem Mann, der damals verdächtigt wurde Tessa entführt zu haben. Der hatte sich mit verschiedenen Gelegenheitsjobs über Wasser gehalten. Unter anderem wollte er mit Bildern von Kindern in verführerischen Posen den einen oder anderen Euro verdienen. Die Sache ging schief! Nun ist er wieder in Köln. Dieser Mann ist Marek. Der Flirt von Doro. Nimmt das Unheil denn nie ein Ende?!

Isabella Archan führt den Leser in die verzweifelten Welten von Entführungsopfern. Wills Stark macht ihrem Namen alle Ehre. Auch sie sieht sich einer neuen Situation gegenüber. Ihr neues, lieb gewonnenes Leben wird kräftig durcheinander gewirbelt. Gerade in Köln heimisch geworden, soll sie wieder nach Graz. Für viele eine willkommene Gelegenheit die Füße hochzulegen und das Unausweichliche anzunehmen. Willa Stark stürzt sich in den Fall. Doro schöpft trotz der misslichen Lage unverhofft immer wieder Hoffnung und Marie erlebt das, was sie nie in Worten ausdrücken können wird.