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… und morgen werde ich Dich vermissen

Anniken Moritzen ist das passiert, was man seinem ärgsten Feind nicht wünscht: Sie muss den Tod eines nahen, jüngeren Angehörigen verschmerzen. Und nun brauchen Arne Villmyr, ihr Ex-Mann und sie ein Grab, um trauern zu können. Rasmus war Leuchtturmwärter, hoch im Norden, im norwegischen Norden. Dort, wo die Sonne vor Arbeitswut den Tag unendlich erscheinen lässt.

Unendlich hoffnungslos ist momentan auch das Leben von Thorkild Aske. Jetzt arbeitet er als Privatermittler. Er soll den Mord an Rasmus aufklären. Offiziell ist Rasmus bei einem Tauchunfall (prr … im Norden in der norwegischen See sind Wassertemperaturen von 20 Grad wohl nur im Lexikon zu finden). So sehen es auch die Behörden. Doch Thorkild ist der richtige Mann dafür. Er passt in die rauhe Landschaft. Gerade aus dem Knast entlassen, fristet er ein Leben zwischen Hoffnungslosigkeit und psychiatrischer Behandlung. Ist er wirklich der richtige Mann für diesen knochenharten Job?

Einst war Thorkild Polizist, Spezialeinheit, interne Ermittlungen, Verhörspezialist. Lücke. Knast. Entlassung. Neuanfang. Was genau geschah, was ihm fast das Genick brach, bleibt noch verborgen.

Den Job im Norden wurde Thorkild von Ulf besorgt, Freund und Psychiater. Und Thorkild kennt den Auftraggeber. Von früher, als er noch bei der Internen war. Als er frei kennengelernt hat, als er sich in sie verliebte. Arne Villmyr. Thorkild beginnt innerlich zu zittern. Ausgerechnet Arne. Er will ihn, den gefallenen Ermittlerengel, bezahlen, er soll nur den wahren Schuldigen am Tode Rasmus‘ ermitteln. Mehr nicht… mehr nicht?

Thorkild macht sich auf den Weg in den Norden. Und er wird fündig. Er findet eine Leiche, doch es ist nicht Rasmus – immer noch kein Grab für die trauernden Auftraggeber. Ein weiterer Rückschlag in der Therapie des verwundeten Ex-Polizisten? Von wegen! Ein Fanal. Die Spürnase nimmt Witterung auf.

Heine Bakkeid hat mit Thorkild Aske einen Ermittler geschaffen, der seinen Tiefpunkt bereits erreicht zu haben scheint. Doch er gibt ihm immer wieder einen Stoß, um ihn in tiefere Abgründe zu stoßen. Umso überraschender der Wendepunkt. Instinkte verliert man niemals. Eine Liebesgeschichte, eine dunkle Vergangenheit, eine unwirtliche Umgebung – Thorkild Aske muss sich durchbeißen. Arbeit als Therapie, das funktioniert. Doch noch nie wurde so eine Therapie so kraftvoll, so anziehend beschrieben.

„… und morgen werde ich Dich vermissen“ ist der Auftakt zu einer Krimireihe, die – und das steht schon nach dem ersten Fall eindeutig fest – den Leser mit jedem Mall immer wieder und immer fester fesseln wird. Thorkild Aske ist der geborene Romanheld, irgendwo zwischen John McClane und Kurt Wallander.

Der Flügelschlag einer Möwe

Der Titel klingt auf den ersten Blick wie eine Liebesschnulze. Eine Möwenfeder fällt herab – auf Sie – in dem Moment als er ihr seine Liebe gestehen will – zärtlich fährt er durch ihr Haar… Nee, Patricia Brooks hat einen knallharten Krimi geschrieben. Das Verbrechen ist klar. Jemand wird ermordet. Jahrzehnte später wird bei Bauarbeiten ein Skelett gefunden. Und eine Clique aus Gymnasiumszeiten gerät ins Visier des Lesers.

Cold case nennt der Fachmann sowas. Ein Fall, der eigentlich schon zu den Akten gelegt wurde. Oft ungelöst. Irgendein Auslöser bringt die Behörden, einen Ermittler wieder dazu die Akten hervorzukramen und noch einmal von vorn zu beginnen.

Die Ermittlerin ist in diesem Fall Patricia Brooks. 1980 machen sich ein paar junge Leute nach der Matura auf den Weg nach Triest. Es soll ein letztes Mal sein, dass sie unbeschwert das Leben genießen. Denn schon bald beginnt der harte Arbeitsalltag oder das Studium. Eines Abends treffen sich alle in einer Disco. Tati geht an diesem Abend nicht gut. Sie beschließt die Partynacht abzubrechen und sich ins Bett zu legen. Auf dem Weg dorthin wird sie unfreiwillig Zeuge eines Mordes an einer Tankstelle. Der Mörder entdeckt sie und ergreift erschrocken die Flucht. Kurze Zeit später treffen Georg und Willi, die ebenfalls nicht mit in die Disco gegangen sind, an einer Tankstelle (!) ein, um zu tanken. Niemand da, nur ein Mann, der am Boden liegt. Regungslos! Und ein Päckchen. Willi schaut rein und entdeckt einen Batzen Geld. Heimlich versteckt er es unter seiner Jacke. Sagt Georg kein Sterbenswörtchen.

Jahre später – jedes Kapitel wird mit Ort und Jahreszahl eingeleitet – liest man von Rosanna. Sie durchlebt ein widerwärtiges Martyrium. Als Junkie ist sie ihrem Dealer gnadenlos verfallen und hilflos ausgeliefert. Er schlägt sie, vergewaltigt sie und quält sie unentwegt. Das hört erst auf, als er eines Tages nicht mehr nach Hause kommt. Denn er hatte noch einen Nebenjob. Als Erpresser, Geldbote und Mörder. Da lief wohl was schief, an diesem Abend an der Tankstelle. Rosannas Weg kennt von nun an nur noch eine Richtung: Vorwärts nach oben. In einem Sozialisierungsprogramm gibt man ihr eine Chance. Als ihr doch einmal der Kragen platzt, scheint alles vorbei zu sein, doch eine der Schwestern, die das kirchliche Projekt unterstützt, vermittelt sie nach Wien. Und hier scheinen wieder alle Fäden der besagten Nacht zusammenzulaufen…

Der so genannte Butterfly-Effekt besagt, dass es theoretisch möglich ist, dass unter bestimmten Umständen, kleine Veränderungen zu Beginn eines Ereignisses enorme Auswirkungen in der Zukunft haben können. Wir alle kennen das von Zeitreisen! Wäre Tati damals nur länger in der Disco geblieben, oder gar nicht erst mitgegangen, könnte sie heute ruhig schlafen. Und Willi wäre wahrscheinlich noch so erfolgreich mit seiner Firma. Er hätte allerdings auch nicht Rosanna kennengelernt. Erstes Newtonsches Gesetz: Aktion=Reaktion. Doch so weitreichend, spannend und nachvollziehbar wird es nur von Patricia Brooks beschrieben.

Kunst 2.0 Kalender

„Das ist doch … na wie heißt er gleich. Der mit den Farben. Ach nee, is er doch nich!“ Oder doch? Nein, ist er nicht, könnte er aber sein. Und das da, das ist doch … aber nicht von dem mit den Farben. Stimmt. Könnte aber sein! Die Kunstwelt ist in Aufruhr. Neue Werke von längst verstorbenen Künstlern zieren auf einmal die Wände der Nation. Ein Manet, ein van Gogh oder ein Klee. Wer kann sich das schon leisten. Selbst Drucke sind oftmals unverschämt teuer. Zwölf Mal Kunst in seiner modernsten Form. Am Computer entstehen oft die dollsten Dinge. Und dieser Kalender ist eines davon. Stadtimpressionen von Paris im Stile von Gustav Klimt, London mit den Augen von Henri Rousseau oder Rom in Anlehnung an Hioeronimus Boschs „Garten der Lüste“. Die Monatsblätter nehmen nicht nur Anleihen von den großen Meistern, sondern sogar von einem bestimmten Werk.

Schon bevor das neue Jahr beginnt, kann man ein Quiz veranstalten, wem denn nun der Juli oder der September zugeschrieben werden kann. Die seltsame Pinselführung mit dem kräftigen Gelb … mmh, erinnert an Sonnenblumen, an südliche Gefilde. Irgendwie ein bisschen verrückt. Schon erraten, wer da Dezember und das Titelbild gestaltet haben mag?

„Die Frau mit Sonnenschirm im Garten“, ein Bild von Pierre-August Renoir. Doch was sucht die chinesische Mauer da im Hintergrund. Also doch kein echter Renoir. Doch nicht minder beeindruckend.

Alles Kunst, alles falsch, alles umso beeindruckender, da sich der Künstler seine Kollegen genau angeschaut und deren Stile studiert hat. Hier sind nicht zwölf Fälschungen im Umlauf, sondern es sind zwölf Kniefälle vor dem Hohen Gericht des guten Geschmacks. Jeder Monat eine Verbeugung vor dem Werk der Farbenmeister der vergangenen Jahrhunderte.

Wenn die Golden Gate Bridge in Flammen zu stehen scheint, hat August Macke seine farbverschmierten Finger im Spiel. Wenn ein Sturm über dem Burj al Arab aufzuziehen scheint, lässt William Turner grüßen. Und wenn Rot und Blau Rom regieren, lugt Ernst Ludwig Kirchner um die Ecke. Ein Museumsspaziergang ganz ohne zu laut eingestellte Audioguides, einfach nur Kunst für jeden Tag und jede Jahreszeit. So haben es sich die meisten Künstler sicher irgendwann mal vorgestellt. Jetzt wird ihr Traum wahr. Auf alle Fälle nicht zu spät!

City Maps – Die Metropolen der Welt in alten Stadtplänen

Es gibt Dekogegenstände, die muss man sorgsam aussuchen. Denn sie begleiten einen das ganze Jahr hindurch. Sie sollen im Winter wie im Sommer Freude bringen. Die Suche kann anstrengend sein. Aber wenn man dann das Richtige gefunden hat, ist die Freude umso größer und anhaltender. Drei Viertel unserer Lebenszeit soll diese Freude dreihundertfünfundsechzig Tage andauern. So ist es zum Beispiel bei einem Kalender. Die Tage soll er anzeigen. Diese Funktion haben nunmal Kalender. Wandkalender sollen hingegen noch ein bisschen mehr. Sie sollen so richtig was hermachen. Ausdrucksstarke Bilder sollen Sehnsüchte wecken, motivieren, vielleicht sogar ein (Reise-)Ziel schmackhaft machen.

Landkarten und Stadtpläne sind seit der digitalen Revolution zu blassen Linienformationen in einfachen Farben geworden. Sie sollen einen ans Ziel bringen mehr nicht. Es gab Zeiten, da waren Karten wahre Kunstwerke. Eben echte Handarbeit von echten Künstlern. Achtung Phrase: So was gibt’s heute nicht mehr!

Doch! Und zwar das ganze Jahr über. „City Maps – die Metropolen der Welt in alten Stadtplänen“ nennt sich ein Kalender, der großformatig (50 mal 66 Zentimeter) das historische Auge schult. Wer weiß schon wie Sydney im 19. Jahrhundert aussah. Kleiner Tipp: Wer die Oper sucht, tut dies vergeblich. Als die Karte, die den Mai 2018 ziert, erstellt wurde, war Jørn Utzon, der Architekt der Oper, noch nicht einmal geboren, auch Harbor Bridge sucht man vergebens. Dafür findet man im März ganz leicht die Verbotene Stadt in Peking oder im April die Tower Bridge und Tate Gallery.

Das Großformat erlaubt es die Karten durchaus als naturgegeben anzusehen. Einzelne Spazierfahrten und –gänge können teils noch einmal mit dem Finger abgegangen werden. Von schachbrettartigen Stadtplanungen wie New York oder Mexico-City über dreidimensionale Abbildungen von Los Angeles bis hin zum königlichen Oslo und dem habsburgischen Wien legen die Städte ihre geheimsten Wege frei.

Die zarten Farben machen den Kalender passend für jeden Wohnungstyp, von antik über rustikal bis zur modernen Wohnungseinrichtung: Dieser Kalender ist eine Zier für jeden Haushalt. Wer reist, braucht Orientierung. Wer außerdem noch geschmackvolle Erinnerungsstücke sein eigen nennt, wird an diesem Kalender seine helle Freude haben.

Archäologischer Kalender 2018

Wie lang dauert eine Weltreise? Ein paar Monate sollten es schon sein, um von China und Griechenland über Syrien, Italien und Persien bis nach den Irak bis nach Mali zu reisen. Und wie lang dauert dann eine Zeitreise, die mehrere Jahrhunderte, so gar Jahrtausende zurückreicht? Ca. ein Jahr! Genauer gesagt vom ersten Weihnachtsfeiertag 2017 bis zu Heilige Drei Könige 2019. Dazwischen hat man im –Zwei-Wochen-Rhythmus immer wieder Reiseziel, die so nicht, ja sogar niemals wieder so zu sehen sind.

Der archäologische Kalender aus dem Philipp-von-Zabern-Verlag ist eben mehr als nur ein A4-Wandschmuck, den Gäste sich gern betrachten, der einen selbst immer wieder zum Anhalten und Bestaunen anhält, sondern der ein ganzes Jahr lang Reisen in ferne Welten parathält. Zwei Wochen hat man jeweils Zeit, um vielleicht eine kleine Museumstour zu erstellen. Denn die abgebildeten Objekte entspringen nicht der Phantasie, sondern sind hier und da tatsächlich in Museen rund um den Globus zu betrachten.

Amulette, eine Wangenplatte einer Pferdetrense, Mosiaken, antike Flaschen und ein wahres Füllhorn an archäologischen Fundstücken erster Klasse machen es schwer nicht schon mal weiterzublättern, um die Neugier zu stillen.

Es passiert zum ersten Mal, dass ein Montag so sehnsüchtig erwartet wird. Dann darf endlich – beim Adventskalender darf man ein weiteres Türchen öffnen, allerdings nur vierundzwanzig Mal – umgeblättert werden. Die Rückseite wird als detailreiches Infoblatt genutzt. Kurze Texte geben einen exzellenten Einblick in das, was Geschichte ausmacht: Spannende Alltagsgeschichten zu den abgebildeten Objekten und eine zeitliche Einordnung. Ägypter, Paestanier und Babylonier haben viel zu erzählen. Da sie es nicht mehr können, machen sich seit Ewigkeiten Wissenschaftler daran die Geheimnisse der verschwundenen Reiche aufzudecken. Und das auch anhand von Hinterlassenschaften. Und die sind in diesem Kalender ein Jahr lang zu bestaunen.

Barcelona

Und weiter geht die wilde Hatz! Sagrada familia, schnell ein paar Tapas, playa, ramblas – puh das stresst. Aber man hat in wenigen Stunden alles gesehen, was es Sehenswertes in Barcelona gibt. Könnte man meinen. Doch dann fällt einem der Reiseband „Barcelona“ von Baedeker in die Hände. Dreihundert Seiten stark – da muss es also noch mehr geben als die extravagante Architektur von Antoni Gaudí und Fressmeilen. Aber wer reist schon so. Und Barcelona im Speziellen hat durchaus mehr zu bieten. Da tut es Not sich zumindest ein wenig im Vorfeld zu informieren, was es alles zu erobern gibt. Und dieser Baedeker ist ein auskunftsfreudiger Reisebegleiter!

Zuerst zum Standard. Jeder Reiseband ist mit einer Karte, in diesem Fall mit einem aussagekräftigen Stadtplan versehen. Ebenso zum guten Ton gehört eine informative Einführung in die Stadt mit einem kurzen Abriss zur Geschichte – so manches Aha-Erlebnis wird erst so zu Selbigem. Zum Beispiel, wenn man am 15. oder 30. August, 24. September, am ersten Sonntag im Oktober oder den Sonntag nach dem 22. Oktober oder am 1. November oder am dritten Sonntag im November in der Stadt ist. Dann werden die Castells, die berühmten menschlichen Kathedralen allerorten zu sehen sein. Ein Erlebnis, das im Fernsehen schon beeindruckend ist – live fiebert man mit jeder neuen Etage mit den Casteller mit. Schon auf der Umschlagseite wird auf diese Tradition hingewiesen.

Architektonisch ist Barcelona eine Sensation. Nicht nur die Sagrada familia, das unvollendete Bauwerk Gaudís, sondern ganze Straßenzüge, die im katalonischen Jugendstil, der Modernisme genannt wird, erhellen die Herzen der Besucher. Muss man gesehen haben. Das nötige Hintergrundwissen gibt’s im Buch.

Ein Städtetrip nach Barcelona ohne vernünftigen Reiseband wäre wie Strandurlaub im Hotelbett, wie ein McDonalds-Besuch in Lyon oder Wassertreten in der Sahara – unnötig und sinnlos. Ausflüge ins nur wenige Kilometer entfernte Montserrat mit seinem Kloster, oder in die traditionsreiche Fußballgeschichte der Stadt oder eine (Rad-)Tour zum Museu Marítim oder oder oder – die Stadt bietet so viele Möglichkeiten sich für immer an sie zu erinnern, dass es schon an ein Wunder grenzt, dass so viele in diesem Buch vereinigt werden konnten.

Wer den Reiseband verschenken will, dem sei noch empfohlen, dass zum „Rundum-Sorglos-Paket“ ein Prachtband und ein wenig Belletristik gehören. Der ewige Dank des Beschenkten ist einem hundertprozentig sicher. Und ein Souvenir als Dankeschön aus der Hafenstadt am Mittelmeer kann schon mal eingeplant werden…

City impressions Barcelona

Für alle diejenigen, die die City-Impressions-Reihe noch nicht kennen, sei es noch einmal gesagt: Man erkennt sie an der Silhouette der Stadt auf dem Buchcover und der Dicke des Buches. Äußerlich. Die inneren Werte, der Name nimmt es vorweg, lauert im Inneren. Lauern ist auch nicht das richtige Wort: Sie springen einem Seite für Seite mitten ins Gesicht! Schon nach wenigen Seiten präsentiert sich die lebhafte Metropole als Panorama. Es wird nicht das erste Mal sein, dass man beim rhythmischen Durchblättern ins Stocken gerät. Als „Schon-Mal-Da-Gewesener“ sucht man auf dem Panorama die Plätze, wo man schon war. Als „Hoffentlich-Bald-Mal-Dort-Gewesener“ fiebert man der Zeit entgegen diese Plätze endlich mal besuchen zu können.

Autor, Photograph und Herausgeber Bernd Rücker zeigt dem Leser, der sich wie in einem lebendigen Museum vorkommt, erst einmal einen Rundumschlag seiner Stadt. Wer jetzt noch nicht auf den Geschmack gekommen ist, hat noch viele, viel Seiten Zeit, sich Appetit zu holen. Für alle, die eh nicht mehr für Barcelona begeistert werden müssen, kommt nun eine kleine optische Abkühlung. Denn immer wieder wird dem Auge eine Auszeit gegönnt – kurze, romantische, auf alle Fälle barceloneske Geschichten lockern den Bildband auf. So wie unter anderem auch – unbedingt als Pflichtlektüre für kommende Barcelona-Trips zu empfehlen – die Kurzgeschichte „Gute Nachrichten auf Papierfliegern“.

Nun erwacht die künstlerische Ader des Photographen. Alle Fotos sind auf schwarzen Papierseiten gedruckt. Das wirkt nicht nur edel, sondern hat den Effekt, dass Fotos, die mit dem Spiel von Hell und Dunkel ihre Wirkung entfalten, so erst richtig zur Geltung kommen. Denn eine echte Begrenzung der Bilder ist nicht erkennbar. Lichtpunkte funken aus dem scheinbaren Nichts optische Reize an den Empfänger. Details, die man im Vorbeigehen garantiert übersehen würde, rücken in den Fokus des Betrachters. Die Stadt erwacht, menschenleere Plätze (soll’s tatsächlich geben, muss man aber suchen – oder man blättert ein wenig im Buch…), Schnappschüsse, Wolkenformationen, die schon kurz nach der Aufnahme nie mehr so zu sehen sein werden, erstaunen mit jeder neuen Seite.

Jedes einzelne Bild ist eine besondere Komposition mit sorgsam ausgewähltem Motiv, geschickt ausgesuchtem Ausschnitt und exquisit arrangierter Platzierung. Fast könnte man meinen, die Stadt nicht mehr besuchen zu müssen, weil man eh schon alles kennt. Ein weiterer Grund (und es gibt weitaus mehrere Gründe) sich dieses Buch zuzulegen, ist die Tatsache, dass man mit diesem Buch jemandem eine Riesenfreude macht. Als Appetizer für denjenigen oder diejenige, die Barcelona als Traumziel ansieht. Und nicht nur wegen der Maße und des Gewichtes (>2kg), auch und besonders wegen der unglaublichen Fülle an erstklassigen Aufnahmen. Als Zugabe (neben der eingangs erwähnten Kurzgeschichte) legt man einen Reiseband bei und vielleicht noch eine Anthologie. Als perfekter Appetitmacher für einen perfekten Urlaub.

Warum soll man nicht auf bessere Zeiten hoffen

Da fehlt doch was! Ein Fragezeichen, oder ein Ausrufezeichen. Oder doch nicht. Victor Klemperer, der große sprachgewaltige Humanist, Idealist und Philologe lässt das Ende des Satzes offen. Das schelmige Lächeln trägt er nicht nur auf dem Buchcover – auf jedem Bild, das man von ihm kennt, kann er seiner zeitweisen Hoffnungslosigkeit immer noch einen Funken Positivität abgewinnen.

Ja, warum soll man denn unbedingt aufhören auf bessere Zeiten zu hoffen.?! Schlimmer kann es nicht werden. Das dachte er, als der erste Weltkrieg begann. Auch als er – studiert, voller Tatendrang, arbeitsbesessen – keine Anstellung fand. Als die Nazis immer breitere Bevölkerungsschichten erreichten. Und schließlich die Macht errangen. Als ganz Europa in Schutt und Asche lag. Schlimmer konnte es nicht kommen. Als man ihm Arbeitsverbot, Publizierungsverbot auferlegte. Es kam schlimmer. Und doch schwebte ein Funken Hoffnung im täglichen Leben mit.

In den Briefen, die er schrieb – an Mitstreiter, Familie, Freunde – wird sein Leben so greifbar wie kaum zuvor. Kurze Einblicke in einen kurzen Lebensabschnitt sind es, die den Leser in eine Zeit versetzen, in der man nicht an seiner Stelle gewesen sein möchte. Und trotz alledem stechen die wohl gewählten Worte wie glühende Eisen ins Augenlicht des Lesers. Höflichkeit ist Trumpf. Keine abgehackten auf wenige Zeichen limitierten Tiraden gegen etwas oder wen, sondern exakt formulierte Bitten, Klagen und dabei so voller Zuversicht und Ehrerbietung dem Empfänger und voller Respekt der deutschen Sprache gegenüber. Eine echte Wohltat dem Künstler, der aus tiefster Überzeugung gar nicht anders konnte als dem am breitesten Kulturgut eines Volkes, der Sprache, zu folgen.

Sein Hauptwerk „LTI – Lingua Tertii Imperii“, in dem er die Sprache des so genannten Dritten Reiches unter die Lupe nahm, ist erschreckend, wenn man die Verformungen heutzutage wahrnehmen muss. Ein Buch, das heute mehr denn je gelesen – und vor allem – gelehrt werden sollte. Denn Sprache ist Leben und Tod zugleich. Twitternachrichten als Regierungserklärung, die für jedermann sofort und ungefiltert erreichbar sind, bergen mehr als nur ein Risiko. Denn die Reaktionen folgen postwendend. Und meist im gleichen Stil. Ohne nachzudenken reagiert man auf das, was einfach mal so rausgeblasen wird. Oder man reagiert nicht minder langsam, auf Provokationen, statt selbst zu agieren, und dem Stumpfsinn eigene Ideen und Argumentationen entgegenzusetzen.

Es ist eine Freude den Gedankengängen Victor Klemperers zu folgen. Man erschrickt vor so viel Courage und Zuversicht in der dunkelsten Zeit, man staunt über die Vielfalt der Worte der eigenen Sprache und hofft wie in einem spannenden Thriller auf ein gutes Ende. So wie der Autor, der sich letztendlich doch bestätigt fühlen konnte: Irgendwann ist dann doch Schluss mit dem „Schlimmer geht’s immer“.

Paradies der falschen Vögel

Was, glauben Sie, passiert, wenn Wolfgang Beltracchi in ein Museum geht? Alle, vor allem die elektronischen, Augen sind auf ihn gerichtet. Zuckt sein Auge, wenn er vor einem Turner steht? Lächelt er verschmitzt, wenn er vor einem – sagen wir – van Gogh steht? Zeigt er eine besondere Reaktion bei einem Michelangelo? Denn er weiß, wo seine Fälschungen noch hängen.

Anton Velhagens Lebensweg scheint vorgezeichnet. Sein Onkel ist begnadeter Fälscher. Er erfindet Ayax Mazyrka, einen Barockmaler. Doch dem nicht genug: Er erfindet auch noch dessen Biografen. Und Anton? Schon im Alter von fünf Jahren „fälscht“ er die Überreste des Misthaufens des Prager Fenstersturzes.

Alles Lüge? Alles Lüge! Führen wir uns die Geschichte vor Augen: Ein Autor (wahr) lässt einen Fälscher die Geschichte seines Onkels Robert Guiscard erzählen, der ein Fälscher war. Dieser wiederum hat einen Maler erfunden und einen Biografen gleich dazu. Das nennt man dann wohl Vielschichtigkeit. Und wie ein Maler Schicht für Schicht auf die Leinwand trägt, so lässt Wolfgang Hildesheimer (der Echte) Anton Velhagen die Lebenslüge seines Onkels wieder abtragen. Im Orientexpress trifft er eine Spionin, die unumwunden zugibt, welcher Tätigkeit sie nachgeht. Ein weiterer Mitreisender, ein wasch-echter(!) Procegoviner, deren Nationalheld Ayax Mazyrka war, lässt Robert alle Vorsätze über Bord werfen. Auch den, dass man seinem Gegenüber immer ausführlich und bis ins kleinste Detail antworten sollte. So verliere der die Lust am Nachfragen. Raffinierte Technik! Onkel Robert und seine Zugfahrt – Kauzige Vögel trifft man da. Doch nicht nur da…

Und schon haben wir den Titel des Buches zum Thema gemacht, „Paradies der falschen Vögel“. Falsche Fuffziger könnten es auch sein. Doch dann … ja dann wäre das Buch aber nicht so beeindruckend zu gestalten gewesen. Monika Aichele hat den Titel wortwörtlich genommen und zahlreiche Exemplare der Gattung birdus fakus beigefügt. Also Vögel, die es nie gab, nicht gibt, und aller Voraussicht nach auch niemals geben wird. Genauso wie es birdus fakus nie geben wird. Fake birds, gefälschte Vögel. Das ist mal ‘ne echte Fake news.

Monika Aichele setzt dem ganzen Spiel um Wahrheit und das, was als diese angesehen wird, noch einen drauf. Als Hüterin der „Enzyklopädie der falschen Vögel“ – sie selbst hält es nicht für ein Werk von Robert Guiscard, obwohl es eindeutig aus dessen Familie zu ihr gelangt ist – gibt sie ihren Zeichnungen der Nachtschrecke, des Palmenschwanzes oder des Kanzelschwammbrüters legendäre Biografien. Man merkt ihr den diebischen Spaß an, den sie hatte als die den Kettenhemdkauz, den Moonbird (nicht zu verwechseln mit dem Mohnvogel) oder den Teppichkehrer zeichnete.

Wolfgang Hildesheimer zeichnet ein sarkastisches Bild der Kunstszene, Monika Aichele liefert die nüchternen Tatsachen. Das einzig echte an diesem Buch ist die Faszination, die es auslösen wird. Elegant, handhabbar, witzig, nachdenklich, exzellente Gestaltung – so muss ein Buch sein. Und wer so richtig auf den Geschmack gekommen ist, der kauft sich ein Ticket für den Bernina-Express. An der Haltestelle Poschiavo im Schweizer Kanton Graubünden. Denn anders als das Fürstentum Procegovina, lebte hier eine echter Künstler: Wolfgang Hildesheimer.

Kalender „Two Of Us“

„Let’s Talk“, „Telling Time“ und nun „Two Of Us“. Soll die Kalender-Trilogie mit Werken von Mehrdad Zaeri und Freunden schon zu Ende sein? Dann wäre 2018 ein trauriges Jahr. Zwei Jahre haben seine Kalender den Betrachter durchs Jahr begleitet, haben die Bilder zum Nachdenken angeregt, ein Schmunzeln ins Gesicht gezaubert, die Kunstwelt bereichert. Doch sind wir optimistisch und wagen schon mal schon mal einen Blick ins neue Jahr.

In jedem Monat zeigen Mehrdad Zaeri und einer Freunde wie Reza Riahi, Ellie Zahedi, Marie Lafrance und Nelleke Verhoeff, wie sie sich Zweisamkeit vorstellen. Und wie in jedem guten „Schöner-Schreiben-Seminar“ kommen unterschiedliche Ergebnisse heraus. Schwarz-Weiß, knallbunt, Skizzen, Farbexplosionen, skurrile Charaktere, stilistische Brüche – die ganze Vielfalt der künstlerischen Phantasie wird auf Papier gebannt. Man kann es kaum erwarten nach zwei Wochen endlich umblättern zu dürfen.

Auch wenn man sich in Bildergalerien nicht heimisch fühlt, kommt man dem Geheimnis der Bilder schnell auf den Grund. Es sind die Perspektiven, die die Protagonisten einnehmen. Wenn zwei Schiffbrüchige sich auf dem Meer begegnen, ein Riese und ein Zwerg, dann erwartet man, dass der Zwerg flehentlich um Hilfe bettelt. Bei „Two Of Us“ wird die Welt auf den Kopf gestellt.

Apropos auf den Kopf stellen. Derzeit scheint ja nichts mehr sicher zu sein. Prognosen fallen ins Wasser wie ein riesiger Felsen am Meeresrand. Alle Analysten werden vollgespritzt mit dem Ergebnis dieses Falls. Ist die Welt aus dem Lot? Ganz so schlimm scheint es doch nicht zu sein. Solange der Humor noch atmen kann, ist Rettung noch in Sicht, ist sie greifbar. So sehen es auch die an diesem Kalender beteiligten Künstler. Mag die Welt auch noch so grau sein, es geht immer weiter. Man muss sich nur aufeinander einlassen können. Ob nun zu Zweit wie in „Two Of Us“ oder im „wahren Leben“.

Dieser Kalender ist zeigt wie man es machen kann, dass zwei mit-, neben- und füreinander da sind. Jedes Bild erzählt gleich mehrere Geschichten. Und jedes Mal, wenn man an diesem Kalender vorbeikommt, fällt einem eine andere Story ein.

Und vielleicht wird ja aus der Trilogie mal eine Tetralogie, Pentalogie, Hexa… Oder es kommt etwas ganz Neues – Hauptsache, dass Mehrdad Zaeris sinnliche Reisen weitergehen.