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Vintage

Zweihundertzweiundzwanzig Millionen für einen Kicker, der, wenn es gut läuft vielleicht zwei Jahrzehnte die Fans in den Stadien begeistern kann. Welchen Preis ist man bereit hinzublättern, wenn es um eine Gitarre geht, die weitaus mehr Jahrzehnte den Fans rund um den Globus und mehr als nur anderthalb Stunden am Stück in andere Sphären entführen kann? Und wer soll diesen Preis bezahlen?

Thomas Dupré soll es bald erfahren. Er spielt in einer Band, die kaum jemand hören will und schreibt Konzertkritiken, die kaum jemand liest. Und er jobbt in einem, Nein, DEM Gitarrenladen von Paris. Im Prestige Guitars. Wer hier kauft, kommt auch wegen der Les Paul Goldtop, Sonderedition All Gold von 1954. Ein Schotte – von wegen Schotten sind geizig – bezahlt Flug und Spesen für den jungen Gelegenheitsverkäufer. Alles ist geregelt.

Charles Dexter Winsley heißt der geheimnisvolle Käufer der All Gold. Ein mehr als passionierter Sammler, der in einem Anwesen wohnt, das Thomas sofort bekannt vorkommt. Es gehörte einmal Jimmy Page, dem Gitarristen von Led Zeppelin. Anders als viele Rockmusiker, die gern behaupten „sie alle gehabt zu haben“, ist Lord Winsley ein Sammler, der alle hat. Alle bis auf eine. Eine Gibson Moderne. Die fehlt ihm noch in der Sammlung, und Thomas soll ein gefälliger Helfer sein! Nicht für die Beschaffung derselben, sondern nur für den Beweis, dass es dieses Prachtstück, das angeblich Jimi Hendrix und Jimmy Page spielen durften, auch wirklich (noch) gibt. Lord Winsley benötigt nur den Beweis. Ein Wunder? Oder doch zum Scheitern verurteilter Höllentrip? Oder einfach nur die Story seines Lebens?

Die Suche nach der Vintage-Gitarre beginnt ganz zeitgemäß im Internet. Zu viele Spinner, die sich über ihren Schatz auslassen. Denn wer wirklich eine echte 57er Moderne besitzt, behält das für sich. So viel weiß Thomas schon. Denn wenn es eine echte Moderne ist, ist es ein Prototyp. Und der ist mehrere Millionen wert.

Sydney ist der erste Anhaltspunkt. Lord Winsley hat den entscheidenden Tipp gegeben. Ein japanischer Sammler rühmt sich das begehrte Sammlerstück zu besitzen. Doch die Spur führt zu einer wild zusammengewürfelten, nicht mal als Fake zu bezeichnenden Klampfe. Memphis scheint da schon eher eine heiße Spur zu sein. Bruce, ein abgehalfterter Elvis-Psychobilly-Bandleader liefert sich in einem Forum ein heißes Wortgefecht unter der Gürtellinie mit anderen Gitarrenexperten. Dank der Finanzspritzen vom Lord aus den Highlands ist der Trip gesichert. Doch Bruce unterlag beim Kauf einem folgenschweren Irrtum.

Grégoire Hervier schickt Thomas auf einen Rock-‘n-Roll-Roadtrip durch die Musikgeschichte und jagt ihn von Memphis den Mississippi entlang bis ins Delta, dann nach Chicago und New York. Die Zweifel werden größer und jeder Hinweis wischt diese schlagartig hinfort. Rock ‘n Roller wie Abenteurer werden ihre helle Freude am glockenklaren Klang der Worte haben. So sehr, dass das Ergebnis der Suche in den Hintergrund rückt. Die Fakten, die Grégoire Hervier auftischt sind echt. Die Story entspringt der Phantasie des Autors, fast schon wie die Legende von der Gibson Moderne von 1959…

Die Stille von Chagos

Seesucht. Sehsucht. Sehnsucht! Eine kleine Inselgruppe im Indischen Ozean, das Chagos-Archipel könnte man mit diesen drei Worten umschreiben. Doch man wäre nicht einmal annähernd an der Wahrheit dran. Fünfundfünfzig Inseln, die einmal zu Mauritius gehörten. Nachdem Mauritius unabhängig wurde, 1968, behielten die britischen Kolonialherren die Inselgruppe, um sie für fünfzig Jahre an die USA zu verpachten. Denn von hier aus ist man mit dem B-52-Bombern schneller im Nahen Osten. Keine Fiktion – knallharte Realität. Und was macht man mit den Menschen, den Chagossianern? Umsiedeln. Ins Paradies, nach Mauritius.

Von wegen Paradies. Den Chagossianern ist es verboten die eigene Heimat zu besuchen. Und auf Mauritius die eigene Sprache zu sprechen, die Kultur zu pflegen ist – wie fast überall auf der Welt – sehr schwierig bis unmöglich. Auch das das ist real.

Shenaz Patel wurde auf Mauritius geboren und bettet diese belegbaren Fakten in eine gefühlvolle, leise Geschichte. Da ist Charlesia. Tag für Tag steht sie am Ufer ihrer aufgezwungenen Fremde, schaut süchtig auch die See und ist süchtig danach zu sehen, ob ihre Sehnsucht nach Chagos eines Tages doch gestillt werden kann. Das Paradies ist für sie nur eine leere Worthülse. Kein Kalous, der Saft der Kokosnuss, den sie so gern trank, um Abkühlung herbeizutrinken. Die Männer mochten ihn lieber gegoren, dann war er deren Rauschmittel. Diego Garcia, so der Name ihrer Heimatinsel ist unendlich weit weg und wird es wahrscheinlich auch immer bleiben. Doch träumen und ein bisschen kämpfen kann man ihr nicht verbieten. Ihr Mann war krank und nur auf Mauritius konnte ihm geholfen werden. Der Rückweg war ab diesem Zeitpunkt für sie tabu. Antworten auf ihr Warum bekam sie nie.

Raymonde wurde nach Mauritius vertrieben. Unterwegs kam ihr Sohn Désiré zur Welt. Auch er hat Sehnsucht nach der Heimat, die er nie kennengelernt hat. Nun lebt er auf Mauritius und ist immer noch der Fremde.

Tony, der Hafenarbeiter, kennt die Hintergründe der Fremden, die Tag für Tag am Ufer steht, nicht. Jeden Tag kommt sie hier her und starrt auf die weite See.

Drei Geschichten, die exemplarisch für das Desaster von Okkupation und Willkür im Indischen Ozean stehen. „Die Stille von Chagos“ rührt an und auf. Die Hingabe, mit der die Autorin vom Schicksal dreier Menschen erzählt, die sich fremd und doch so eng verbunden sind, berührt. Die Gründe für ihr Schicksal sind perfide, widerwärtig und durch nichts zu entschuldigen. Großbritannien hat mittlerweile den „Pachtvertrag“ um weitere zwanzig Jahre verlängert. Dann sind es siebzig Jahre, die vergangen sein werden, bis Chagos vielleicht doch wieder einmal von Chagossianern bewohnt werden kann. Bis dahin wird aber eine ganze Generation die eigene Wurzeln nie kennengelernt haben…

Vorspeisen zum Jüngsten Gericht

Antreten zum Ohrfeigen-Abholen! Alles in Reih‘ und Glied?! Zack, bäm, aua! Das tut weh! Schon das erste Newtonsche Gesetz besagt, dass jede Aktion eine Reaktion hervorruft. Also ist dieses Buch die eigene Rechtfertigung uns Deutschen nicht nru den Spiegel vorzuhalten, sondern sofort nach der Anklageverlesung die Strafe zu verabreichen.

Dietmar Wischmeyer übertreibt gern. Und derb! Beschämt zieht man den Kopf ein, versteckt sich hinter der Lektüre, nur, um bloß nicht noch eine gescheuert zu bekommen. Vergebens. Wischmeyer kriegt sie alle! Und alle bekommen eine auf die Rübe, in die Fr… oder einen Tritt in den Allerwertesten.

Dietmar Wischmeyer befürchtet, dass, wenn es einen Gott gibt, der auch Buch darüber führt wie wir uns aufführen. Und wenn er das tut, hat er sicher auch einen Grund dafür. Und der kann eigentlich nur Auswertung heißen. Oder auf Neudeutsch: Wir haben ein Audit! Schon allein für diese Formulierung gibt es von Wischmeyer einen Doppelschlag ins Sprachzentrum. Nun ja, dann sitzen wir alle auf der Anklagebank. Allein die Verlesung der Anklagepunkte dauert wohl bis zum Jüngsten Gericht, wenn es denn nicht schon da wäre.

Der Rundumschlag beginnt bei denen, die jede Ausdünstung mit der Welt teilen müssen. Angefangen bei den sozialen Netzwerken bis hin zu denen, die sich gern selber quälen müssen, um sich lebendig zu fühlen bzw. einen Grund brauchen endlich mal ein Buch zu veröffentlichen. Er nennt keine Namen, doch das Elend ist jedermann bekannt.

Die brachiale Sprachgewalt – Deutsch ist ein schöne Sprache, eine abwechslungsreiche Sprache, eine vielschichtige Sprache – bringt den Leser oft an den Rand der Verzweiflung. Denn nicht einer ist frei von Schuld, auch Wischmeyer nicht. Er steht aber nun mal vorn am Pult und wedelt mit der Rute der Vergeltung. So mancher Peitschenhieb hinterlässt Spuren. Der Schmiss der Egomanie lässt sich nicht abwaschen. Und so wandern wir gebrandmarkt durch den Alltag der Unzulänglichkeiten. Wischmeyer pfeift uns zurück, lässt uns in den Lehrbüchern des Lebens einzelne Passagen noch einmal lesen. So lange bis wir kapieren.

Die „Vorspeisen zum Jüngsten Gericht“ sind kein Zuckerschlecken. Bittere Medizin für sensible Gemüter, Lachkrampfanfälle auslösende Zeilen für alle, die sich selbst nicht so ernst nehmen.

Wenn alles so kommt, wie von Wischmeyer prognostiziert, dann können wir in unseren letzten Tagen benehmen wie die Axt im Walde. Jede angestrengte Verbesserung würde wie eine Seifenblase zerplatzen. Holt die Knüppel raus, das Ende ist nah. Und dann stehen wir da, mit den Füßen schon in der Sintflut und keine Stimme flüstert zärtlich: „Komm her, is ja gut!“. Das Ende ist nah, das Urteil schon gesprochen. Und als letzte Mahlzeit … dieses Buch! Zufrieden sterben mildert die Schmach, wenn auch nur ein wenig.

Leonard Erlbruchs Kinderzimmerkalender 2018

Wenn man klein ist, findet man das Kleinsein als nicht besonders vorteilhaft. Da braucht es schon ein wenig Unterstützung, um die das Nach-Oben-Schauen in ein Nach-Vorn-Schauen für sich ummünzen kann. Und diese Unterstützung kommt für ein Jahr aus der Feder von Leonard Erlbruch. Ein Jahr lang Anregungen das Kleinsein als etwas Schönes anzusehen.

Schon das Deckblatt zeigt einen gewaltigen Vorteil. Auf einem Tandem kann man es sich auf dem Rücksitz bequem machen während der Große die ganze Arbeit erledigt. Oder eine Rutschpartie im Tiefschnee. So was funktioniert aber nur als Duo! Und wenn man gerade so an die Tischkante reicht ist der Weg zum Futternapf nicht mehr so weit … Anregungen hierzu im März.

Der großformatige Kalender lädt in ein ganzjährig rund um die Uhr geöffnetes Museum ein. Kräftige Farben, ausdrucksstarke Charaktere in alltäglichen Situationen. Die Großen werden schmunzeln, wenn nicht sogar sich auf die Schenkel schlagen vor Freude. Die Kleinen erkennen vielleicht die eine oder andere Begebenheit aus ihrem kurzen Leben wieder. Wenn Hilfestellung gegeben wird, wenn einfach nur das Leben ein wenig näher herangeholt wird als man es sich jemals erträumen dürfte. Ganz egal, ob die Augen wieder mal größer waren als der Mund oder versucht wird in die Fußstapfen zu treten, die man früher als erhofft ausfüllen können wird.

Der Kinderzimmerkalender gehört seit Jahren schon an jede Wand, die von Kinderherzen erhellt wird. Die Fröhlichkeit der Bewohner spiegelt sich so unangestrengt in den Bildern wider, dass man einfach nicht anders kann als ein tief empfundenes „Ja, so ist es!“ herauszublasen.

Kleine haben immer bestimmt Privilegien. Das war so, das ist so, und das soll auch immer so bleiben. Wenn man es so sehen will, ist dieses Kunstwerk auch der Denkanstoß, gerade dieses Privileg nicht zu ändern. Denn nur wer als Kleiner Großes erlebt hat, wird als Großer die Kleinen (Dinge) zu schätzen wissen.

Weihnachtlich glänzet der Wald

Der Tod muss a Wiener sein. Es war nur eine Frage der Zeit bis die Weihnachtskrimis aus dem Hause Edition Karo in der Wohlfühloase des Jenseits Einzug halten. Nirgendwo sonst wird mit so viel Grandezza und Schmäh gemordet. Zum vierten Mal wurde der KaroKrimiPreis für Weihnachtskrimis ausgelobt und dieser blutrünstige Adventskalender mit vierzehn Türchen gestaltet.

Die Mariahilferstraße ist eine verkehrsberuhigte Zone wie der Amtsschimmel es so freudlos nennt. Trotzdem wuselt es hier an allen Ecken und Enden. Vom Ring kommend erklimmt man die leichte Steigung und ist verzaubert vom Lichterglanz der Weihnachtszeit. Doch in den Ecken brodelt die Wut, sie brodelt. Das Blut kocht, es kocht. Und zappzarapp ist ein Lichtlein schon ausgepustet.

Wien steckt voller Prachtbauten. Herrschaftliche Paläste zeugen vom Glanz des Habsburger Reiches. Auf ihren Treppen und Stufen tummeln sich die Pärchen. Und zwischendrin liegt auch ab und zu mal a scheene Leich. Kümmert’s wen? Naa, warum denn. A Leich is a Leich. Helfen kannst eh net.

Die Anthologie steckt voller Mordsideen.

Die Autoren verstricken ihre Opfer und Täter in Situationen, die nur einen Ausweg kennen. Einen absoluten, einen endgültigen. Und es gibt kein Zurück. So manches Weihnachtsgebäck bleibt einem da schon mal im Halse stecken. Oder soll es das gar nicht? Alles doch nur eine nette Geste?

„Weihnachtlich glänzet der Wald“ ist die ideale Einstimmung auf die grauen Tage. An diesen Kurzkrimis – der Champions League unter den Krimis – spürt man das Lokalkolorit und die Verbindung der Wiener zum Tod. Alles hat das besondere Etwas. Die Fluchtwege, die Spaziergänge durch die Donaumetropole, die ausgeklügelten Taten können nur hier angesiedelt sein. Die Verbindung der Wiener zum Tod ist legendär – erklären lässt sie sich nur schwer. Vielleicht liegt es am Schmäh, am fast schon britischen schwarzen Humor, am Umgang mit dem Unausweichlichen.

Denn unausweichlich sind auch die Verbrechen. Als Leser wird man zum Komplizen, zum verständnisvollen Mitwisser. Ja, Schuld lädt auf sich, wer dem Täter die Hand reicht. Aber alles nur Fiktion. Kein Grund zur Sorge und zu Selbstzweifeln.

Die drei Gewinner des KaroKrimiPreises eröffnen den Reigen der weihnachtlich rot (tot?) geschmückten Stadt. Ein Stadtrundgang durch körperwarme Lebenssäfte in vierzehn Etappen wartet darauf entdeckt zu werden. Und wie es an Weihnachten nun einmal ist, tritt dabei so manche Überraschung zutage…

African Queen

Da kommt man schon mal ins Straucheln: Allein in einer fremden Stadt, einem fremden Land, auf einem fremden Kontinent. Mutterseelenallein. Rose Sayer ist in dieser Situation. Ihr Bruder, der als Missionar in Afrika tätig war, ist von ihr gegangen. Nur das Rauhbein Charlie Allnutt ist an ihrer Seite, bzw. steht ihr gegenüber (und manchmal auf im Weg). Auf der Flucht vor dem Weltkrieg, der nun auch Afrika erreicht hat. Auf einem teils gefährlichen Fluss. Auf der African Queen, einem klapprigen schwimmenden Untersatz, der raucht, zischt, um sich schlägt. Zwischen den beiden raucht es auch. Sie zischt ihn an. Er schlägt zurück.

Der Weltkrieg kam in Gestalt der deutschen Truppen in die Mission von Rose und ihrem Bruder, dem Reverend. Sie schlugen alles kurz und klein. Der Reverend ist nicht mehr.

Charlie ist ein Gauner par excellence. Charmant und zupackend zugleich- Verschwiegenheit ist sein zweiter Name. Sicher ist sicher. Anpacken kann er. Reden und Manieren sind nicht gerade seine Stärken. Und so kommt es, dass die Reisegesellschaft auf der African Queen sich spinnefeind ist, aber als Schicksalsgemeinschaft einen Weg finden muss, das rettende Ufer (im wörtlichen als auch im übertragenen Sinn) erreichen muss.

Die resolute gottesfürchtige, aber bei Weitem nicht naive Rose Sayer und der ungeschliffene Charlie Allnutt und eine Ladung Sprengstoffgelatine auf einer klapprigen Barkasse – das ist eine Mischung! Eine Mischung, die einfach hochgehen muss. Denn das Abenteuer hat erst begonnen…

In „African Queen“ prallen zwei Welten aufeinander, die nur schwerlich ohne Getöse auskommen. Charlie Allnutt gefällt sich in der Rolle des Helfers, der Sachen von A nach B bringt und ansonsten in Ruhe gelassen werden will. Rose Sayer ist erfüllt vom Leben an der Seite ihres Bruders. Nächstenliebe gibt sie mit besonderer Hingabe ohne eine Gegenleistung einzufordern. Sie als weltfremd zu bezeichnen wäre fatal. Denn sie kann anpacken. Die Stromschnellen des Ulanga-Flusses meistern beide mit Bravour – sie haben ein Ziel vor Augen, für das sich die Strapazen der Reise lohnen. Sich zusammenzuraufen ist da schon eine weitaus größere Herausforderung.

Der Roman erschien 1935, 1951 wurde er verfilmt. Katherine Hepburn war von der ersten Zeile des Buches an begeistert. Kein Wunder, denn die Rose Sayer kann durchaus als alter ego der Leinwandgöttin gesehen werden. Für Bogey in der Rolle des Charlie Allnutt gab es einen Oscar. Im Film werden die Charaktere überspitzt dargestellt. Autor C.S. Forester schuf mit den beiden Protagonisten die Prototypen der Afrika-Abenteurer und einen echten Schmöker, den man erst beiseitelegt, wenn die letzte Zeile gelesen ist.

Künstlerinnen Kalender 2018

Sie sind Königinnen, Göttinnen der Leinwände, Herrscherinnen über Phantasie und strahlende Botschafterinnen der Kunst. Doch wie wird man zur Königin, Göttin, Herrscherin? Durch bloße Anwesenheit? Nur vereinzelt und das erst seit Kurzem. Diese Damen, deren Halbwertzeit sich stetig verlängert wird man in diesem Kalender vergebens suchen. Hier kommen wahre Heldinnen zu Wort. Viele kennt man, manche wiederum sagen nur Wenigen etwas. Gleich zu Beginn eine dieser Unbekannten: Loïe Fuller. Nicht nur ein außergewöhnlicher Name, sondern auch eine Wegbereiterin des modernen Tanzes. Mit einem flackernden Brennmittel in der Hand leuchtete sie sich und anderen den Weg. Die Anderen, das waren diejenigen, die heute den modernen Tanz nicht als das ausüben könnten ohne Loïe Miller.

Die im Juli 2017 verstorbene Jeanne Moreau war scheinbar ihr Leben lang eine Kämpferin für sich und ihre Ideen. Für sie war das Glas immer halb voll, hat sie eines Tages beschlossen. Truffaut war ihr verfallen, die große Liebende war ihre Rolle, sie selbst sah sich als Sphinx.

Von Nina Simone und Bette Davis über Isabelle Huppert und Audrey Hepburn bis hin zu Simone de Beauvoir und Artemisia Gentileschi reichen die kurzen knackigen Aussagen der abgebildeten Damen, die teils bis heute den Männern den Kopf verdrehen oder Altgestrige immer noch zur Verzweiflung bringen.

Ihnen ist gemein, dass ihre Gedanken stärker waren als so manches Schwert. Sie hatten und haben eine Meinung, die oft gegen den Strich „der Anderen ging“. Die Damen hatten den Mut und die Möglichkeit ihre Meinung zu verteidigen. Und das taten sie. Anna Magnani ließ sich nicht vom Geschwätz der Leute beirren – ihre Falten gehörten ihr, schließlich hatte sie sie sich schwer erarbeitet. Das Gerede darum quittierte sie mit einem Lächeln und einen derben Spruch.

Selbstbewusstsein war keine Erfindung der Neuzeit. Bereits Hildegard von Bingen wusste früh sich durchzusetzen. Ihr Antrieb war die Neugier, der Drang nach Erkenntnis. Heute ein fast selbstverständlicher Vorgang, zu ihrer Zeit fast schon skandalös.

Jede Woche eine neue Dame, die sich nicht verbiegen ließ. Jede Woche eine neue Erkenntnis, ein neuer Antrieb als Startrampe in die Woche. Ausdrucksstarke Bilder, kernige Sprüche und eine Kurzbiographie – das Jahr 2018 wird lehrreich und zum Anbeten schön!

Memoiren eines alten Arschlochs

Wer kennt sie nicht?! Die Alleskönner, die jeden kennen, ihren „Beziehungen spielen lassen“, und das Gefühl vermitteln an der Kasse noch etwas rauszubekommen. Aufschneider könnte man sie nennen. Angeber. Auch Arschloch. Das darf man sagen, schließlich hat Roland Topor die Erlaubnis gegeben.

Sein namenloser Held ist so ein Aufschneider, Angeber, Arschloch. Und er ist sich auch dessen bewusst. Zugeben würde er es natürlich niemals. Er lebt schließlich in seiner eigenen Welt, die ihm nicht erlaubt über die selbst abgesteckten Grenzen zu treten.

Er – der Namenlose – ist schon früh von der Kunst beseelt. Dann, als Jugendlicher, junger Mann, bringt er die Kunstwelt zum Kochen. Picasso läuft ihm hinterher wie ein läufiger Hund. Breton wird durch ihn zu seinem surrealistischen Manifeste du Surréalisme animiert. Er zockt Einstein beim Poker ab. Und mit Grock, dem Clown, verbrachte er Nächte hinter den Kulissen eines Tanztheaters auf den Hügeln von Paris. Welches er selbstredend erfunden hatte.

Ja, er ist ein Aufschneider, als größenwahnsinnig kann und muss man ihn beschreiben. Solange er einem nicht auf die Pelle rückt, ist es zu ertragen. Aber wehe, wenn er vor einem steht und man die offensichtlich erfundenen Geschichten über sich ergehen lassen muss. Zum Glück ist alles nur Fiktion. Übertrieben, überbordend vor Lebenslust, überquellender Drang sich in den Vordergrund zu spielen. Und zum Glück (nur) als Buch erhältlich.

Denn so kann man, wenn es zu viel wird, die Seiten schließen und sich selbst ein wenig Ruhe gönnen. Doch die Sucht hat schon vom Leser Besitz ergriffen. Nun will – man muss – einfach mehr erfahren. Will wissen, was er sich als nächstes ausgedacht hat, wen er zum Handeln angetrieben hat. Das wie und warum ist nebensächlich. Ihm geht es einzig allein nur um eine Sache: So schnell wie möglich das Natürlichste von der Welt selbiger kundzutun. Er ist die Triebfeder des Fortschritts. Ohne ihn wäre die Kunst nur Beiwerk des Teufels. Er allein hat die Moderne angeregt, ins Rollen gebracht. Ihren Fortgang kann er nicht mehr beeinflussen- er hat Besseres zu tun.

Der Titel macht auf sich aufmerksam wie selten ein Buch zu vor. Darf man das A-Wort sagen, es sogar auf den Titel drucken? Ja, natürlich. Die Selbstverständlichkeit des fiktiven Ichs fordert die Nennung geradezu heraus. Die Zeilen lassen kein Auge trocken sein. Wer auch nur ansatzweise ein wenig (Kunst-)Verstand besitzt, kommt dem Lügengemäuer schnell auf die Spur. Na und?! Ist doch alles nur ein Spaß.

Für Roland Topor muss es ein Vergnügen gewesen sein. Er selbst war ein Tausendsassa. Bühnenbilder und Prosa, Filmrollen und Bücherillustrationen bestimmten sein Lebenswerk. Regisseure wie Fellini waren von ihm beeindruckt. Polanski gab seinem „Mieter“ das darstellende Pendant zur Schrift. Ob Er nun wirklich ein Arschloch war, muss der Leser entscheiden. Die Stories sind teils so hanebüchen, dass man ihn eher bedauert – auf alle Fälle sich aber köstlich amüsiert.

Imani

Imani ist eine privilegierte junge Frau. Sie spricht Portugiesisch. Ein Vorteil, den Imani zu nutzen weiß. Die Fronten zwischen VaChopi, ihrem Volk und den VaNguni, dem Volk des Königs Ngungunyane und der Besatzungsmacht Portugal sind verhärtet. Der Feind meines Feindes ist mein Freund. Und so sind die VaChopi den Besatzern halbwegs wohlgesonnen im Mosambik am Ende des 19. Jahrhunderts. Das Reich Gaza im Süden des Landes gehört zu dieser Zeit zu den größten des Kontinents. Wer nun eine exakte Abhandlung über die kriegerischen Auseinandersetzungen der verfeindeten Truppen erwartet, muss ganz genau zwischen den Zeilen lesen können.

Denn in erster Linie ist Mia Coutos Buch eine Liebeserklärung an die Geschichte seines Heimatlandes. Imani ist höflich, gebildet, zuvorkommend, aber niemals unterwürfig oder aufmüpfig. Und sie kann im Handumdrehen das Herz des Portugiesen Germano erobern. Der kann diese Liebe aber niemals zugeben oder gar öffentlich machen. Nur in Briefen an sein Hauptquartier schwingt mehr als nur ein wenig Bewunderung für Imani mit.

Das Volk der VaChopi ist, wenn man es mit anderen Völkern vergleicht und den Maßstäben unserer Zivilisation misst, ein fortschrittliches Volk. Frauen und Männer arbeiten gleichsam auf den Feldern, obgleich mit Vehemenz das Patriarchat gepflegt wird. Doch insgeheim sind die Frauen die heimlichen Herrscher.

Ihr Dorf minimiert den großen aufopferungsvollen Kampf auf den kleinsten gemeinsamen Nenner: Die Familie kämpft auf beiden Seiten des Krieges, und innerhalb der Familie sind sich die Brüder – Vater und Onkel von Imani – nicht grün.

Mia Coutos Heldin Imani ist hin und hergerissen zwischen Achtung den Familienoberhäuptern gegenüber – wie gesagt, es gibt nicht nur einen Mann, der hier bestimmt, sondern eben auch die Frauen, die auf ihre eigene Art wissen wie man Einfluss nimmt – und der Pflichterfüllung als Übersetzerin / Vermittlerin zwischen den Kriegsparteien. Am Ende weicht die Unbekümmertheit der Jugend der nüchternen Realität.

„Imani“ ist der Auftakt einer Trilogie, die von den letzten Tagen des Gaza-Reiches in Mosambik erzählt. Hier treffen Poesie und historische Fakten in nie zuvor gekannter Symbiose aufeinander und verzaubern aber der ersten Zeile.

Maxima und ich

David ist ganz traurig. In der Schule wurde er wegen seiner Hautfarbe gehänselt. In Nigeria, wo er geboren wurde, gab es solche Probleme nicht. Sein Papa war dort Arzt. Als es zu gefährlich wurde, gingen seine Eltern mit ihm zurück nach Deutschland. Mama und Papa sind nämlich nicht seine richtigen Eltern, doch irgendwie schon. Und Mama weiß immer wie sie ihren Sohn beruhigen kann. Dann weiß David noch besser wo er zuhause ist.

Die blöden Junges in der Schule sind schnell vergessen. Und erst recht als Maxima ihm ihre Liebe gesteht. Sie malt ein Herz und schreibt ihrer beider Namen rein. Von nun an sind David und Maxima ein Paar. Sie darf sogar bei ihm übernachten. Sie tauschen die Schlafanzüge, was zu Verwechslungen am Tisch sorgt. Denn David will auf einmal gar nicht mehr so viel essen. Und Maxima dafür umso mehr. Doch die Liebe währt nicht lang…

Hanna Jansen gelingt es mit spielerischer Leichtigkeit ein Kinderbuch zu schreiben, das nicht nur Kinder, sondern vor allem auch deren Eltern begeistert. Wo einst Regenwolken den Tag, die Woche, ja das gesamte folgende Leben noch zu verdunkeln drohten, lacht postwendend nicht minder langanhaltend wieder die Sonne. Und egal, welche Hautfarbe man hat, sind die Probleme der Kinder doch immer und überall dieselben.

Die Zeichnungen zum Buch hat Leonard Erlbruch erstellt. Mit minimalistischer Farbgestaltung schafft er das Bindeglied zwischen Text und Leser.

„Maxima und ich“ ist ein Kinderbuch ab sieben Jahren, das immer wieder gelesen werden kann. Autorin Hanna Jansen drückt den Finger in die Wunde, die Kinder leicht schließen können und ihren Eltern oft genug ein Vorbild sein können.