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Stadtansichten

Es ist doch jedes Jahr das Gleiche: Die Urlaubszeit naht und man weiß einfach nicht wohin man reisen soll. In eine Stadt, ans Meer, in die Berge, aktiv oder faulenzen. Es gibt so viele Arten die schönste Zeit des Jahres sinnvoll zu verbringen, dass die Planung schon fast wieder in Arbeit ausartet. Gut, wenn man weiß, dass es die Reisebücher vom Michael-Müller-Verlag gibt. Auch Kochbücher gibt‘s dort. Und nun auch noch einen Kalender. Die Sehnsucht wird mit allen Mitteln verstärkt. Doch dieses Mal sind die Leser und Fans des Verlages selbst schuld. Denn sie haben ihre Eindrücke, die schönsten Fotos ihrer Reisen, die sie mit den City-Guides so  umfassend planen konnten, selbst eingeschickt. Zwölf ganzseitige Fotos haben es nun in diesen Kalender geschafft.

Von der Goldenen Stadt Prag, über das immer noch hippe Barcelona bis ins verträumte Wien. Vom schnörkellosen Dublin übers lebendige London bis ins liebenswerte Lissabon. Doch Kalender aus dem Haus Michael Müller wäre kein echtes Produkt aus dem Hause Michael Müller, wenn es da nicht noch ein paar Tipps geben würde. Im Mai soll ja Hamburg am schönsten sein, sagt man. Der Kalender zeigt in diesem Fall nicht nur die Tage an, sondern auch einen besonderen Feiertag in der Hafenstadt, den Hafengeburtstag. Fällt 2018 zufällig mit Christi Himmelfahrt zusammen. Und wo soll man dann essen gehen, ausgehen oder shoppen gehen? Steht alles schon im Kalender, auch warum der Hafengeburtstag hier so euphorisch herbeigesehnt wird wie andernorts der Karneval. So wird der Kalender nicht nur zum Ansichtsobjekt, sondern auch gleichzeitig zum Absichtsprojekt.

Dieser Kalender beweist, dass es nicht viel Tamtam braucht, um Eindruck zu machen. Kein Hochglanz ist erforderlich, um die Augen zum Glänzen zu bringen. Und er beweist, dass man sehr wohl Kalender noch einmal neu erfinden kann. Während sich die meisten Kalender auf eine hübsche Ansicht beschränken, baut man hier auf Brauchbarkeit und eindrucksvolle Ausblicke. Und zwar so wie sie jeder erleben kann, ohne vorher in schwindelerregende Höhen aufsteigen zu müssen und ungesunde Verrenkungen machen zu müssen. Alles echt!

Ebenso echt wie der karitative Nutzen des Kalenders. Fünf Euro gehen direkt an den Kinder- und Jugendfond der Lebenshilfe Erlangen e.V. Allen, die Hilfe benötigen, um ein normales Leben zu führen, steht der Verein mit Rat und vor allem Tat zur Seite.

Gscheitgut – vegetarische Küche

Man soll aufhören, wenn‘s am schönsten ist! So ein Quatsch! Da legt man erst richtig los! Das dachten sich wohl auch Corinna Brauer und Michael Müller. Ihre „Gscheitgut“-Kochbücher überzeugten von Anfang an mit leicht nachvollziehbaren Rezepten und einer angenehm unaufgeregten Aufmachung. Teil zwei stand dem Erstling in nichts nach. Ein Teil Drei wäre zwar die logische Fortsetzung gewesen, hätte aber die treuen Fans des Michael-Müller-Verlages ein wenig enttäuscht. Also musste was Neues her, dass aber Teil Eins und Zwei lediglich als Vorgänger dastehen lässt. Eine vegetarische Variante – mehr als nur ein Gedankenspiel, ein echter Hingucker und Leckerschmecker … auch für die, „die den Tieren nicht das Futter wegschnappen“.

Saisonal und regional muss es heutzutage ja immer sein. Das ist nicht verkehrt, wird nur allzu häufig übertrieben und falsch bewertet. Wenn der Bauer von nebenan ein Hobbychemiker ist, nützt dem Verbraucher die beste Saisonalität und die beste Regionalität gar nichts. Bei all der political correctness wird viel zu oft das Eigentliche unterschlagen: Es muss schmecken! Und da kann es (wie oft muss jeder für sich selbst entscheiden) auch mal vegetarisch sein.

Die Scheu vor dem Neuen, dem Fleischlosen muss wohl kaum noch jemandem genommen werden. Dennoch ist die vegetarische Küche für die meisten ein Bermudadreieck, in das man sich nicht verläuft. Das kulinarische Dreieck dieses Buches befindet sich zwischen Memmelsdorf, Marloffstein und Bärnfels. Nie gehört? Na dann auf zum fröhlichen Schmausen durch die Jahreszeiten!

Spätestens wenn die ersten Sonnenstrahlen wieder Gemüt und Natur erwärmen, wird es Zeit Neues auszuprobieren. Auf den ersten Seiten erwartet den Leser zum Beispiel ein Brennnesselflan mit Tomatenragout. Dafür benötigt man 100 Gramm junge Brennnesselblätter (kann man selbst “jagen“), ebenso viel Spinat, eine halbe Zwiebel, eine Knoblauchzehe, 80 Gramm Butter, 400 Gramm Sahne, sechs Eier, Muskatnuss sowie Salz und Pfeffer. Allesamt Zutaten, die man mühelos besorgen kann. Auch für das Ragout sind alle Ingredienzien generell verfügbar: Tomaten, Knoblauch, Zwiebel, Olivenöl und Basilikum. Zum Abschmecken wie immer Salz und Pfeffer. Brennnessel- und Spinatblätter (ohne Stiel) waschen, blanchieren, abschrecken, ausdrücken und hacken. Zwiebel und Knoblauch glasig dünsten und würzen. Sahne rein, pürieren und die Eier untermixen. Wieder abschmecken. Nun vier Förmchen ausbuttern, die Masse bis zum Rand einfügen und im Wasserbad im Backofen eine Viertelstunde bei 170 Grad stocken lassen.

In der Zwischenzeit kann das Ragout zubereitet werden. Naschen erwünscht und erlaubt! Tomaten schälen und vierteln. Öl erhitzen, Zwiebeln und Knoblauch dazu, und wenn alles glasig ist, die Tomaten dazugeben. Abschmecken und das Basilikum untermischen. Nun müssen nur noch die Flans darüber gestülpt werden. Alles keine Hexerei, geht schnell und schmeckt.

Wer es nicht erwarten kann, wirft schon mal einen Blick voraus in den Sommer: Dort wartet ein leichtes Thymian-Zitronen-Mousse mit Minzgelee. Oder im Herbst eine Blumenkohlsuppe mit Birnen. Im Winter wird es wieder traditionell bei einem Pfannkuchen mit Apfel-Zimt-Kompott.

„Gscheitgut“ ist die Kochbuchreihe zum Verreisen. Eine Wanderung durch Franken zwischen Bamberg, Erlangen und Bayreuth, auf der sich jede Einkehr lohnt. Auch für Vegetarier. Und für alle, die mal was Neues probieren wollen. Den beiden Autoren merkt man die Lust am Entdecken, Naschen und die Hingabe zum „leckeren Buch“ auf jeder Seite an. Und wer es partout nicht lassen kann, nicht zu kochen, der benutzt „Gscheitgut – vegetarische Küche“ eben als Wanderführer. Denn alle Rezepte wurden auf den zahlreichen Erkundungstouren gesammelt. Kartoffelrisotto mit Pilzen und Petersilienpesto, Beerenlasagne oder Salat vom Bamberger Hörnchen und Birnen mit Hagebuttenschaum gibt es vielleicht nicht überall, aber es gibt sie. Man muss nur wissen, wo man sucht. Lösungsansätze stehen im Buch!

Chaplin

In Kindertagen entkam man dem eindringlichen Wunsch der Eltern nach weniger Fernsehkonsum nur mit einer Ausrede: „Aber es läuft doch gerade Charlie Chaplin“. Ein unschlagbares Argument, dem sich niemand verwehren konnte. Als Erwachsener kommt der Bitte dieses “Buch doch endlich beiseite zu legen“ auch nicht nach, denn es geht wieder einmal um Charlie Chaplin. Über 900 Seiten paradiesisches Papier über den Mann, der Film- und Schauspielkunst wie kein anderer beeinflusst hat.

Autor David Robinson beginnt – wie es sich in einem Bericht, eine Biographie über einen Gott gehört – im biblischem Ausmaß die Ahnenreihe der Chaplins (deren Herkunft wohl den Hugenotten zuzuschreiben ist, weswegen wohl ein „Schapleng“ auch nicht ganz so falsch klingen würde) auseinander zu dividieren. Eine Herkulesaufgabe. Dennoch nötig, um die ersten Jahre von Charles Spencer Chaplin einordnen zu können. Diese waren nicht zwingend von Freud, mehr von Leid geprägt. Der Vater oft fort, bis er endgültig verschwand. Als er wieder da war, war sein Verfall sichtbar und das Ende absehbar. Armenhäuser, harte Arbeit, aber auch Theaterbesuche (ein Holzfäller schenkte dem kleinen Charles die erste Theaterkarte – die besuchte Vorstellung bescherte der Truppe später ihren umjubelten Star) und das karge Leben eines Künstlers. Alle Details dieser Zeit, oder fast alle, sind Charlie Chaplin in Erinnerung geblieben. Die ersten Seiten lesen sich wie die künftige Rolle des Tramps auf die Zuschauer wirkte: Zum Schmunzeln, bitter real und unabwendbar. Manche Rollennamen, die Chaplin später benutzte, hatten hier im armen London der Künstler ihren Ursprung.

Chaplin wurde von der Kritik geliebt und vor allem gelobt. Sein Spiel war intensiv und wirkte lange nach. Er verlieh so manchem mittelmäßigen Stück einen gewissen Glanz. Liefen die Stücke oft nur ein paar Wochen, so war es sein Talent, das nachhallte. Auf Tourneen wie beispielsweise in die USA wurde man auf ihn aufmerksam. Bei einer Tournee war unter anderem ein Schauspieler dabei, der Chaplin in nichts nachstehen sollte und zusammen mit einem weiteren Kollegen das am längsten spielende Duo der Welt bildete: Stan Laurel.

Hollywood steckte noch in den Kinderschuhen, die im Schlamm dahin wateten als Charlie Chaplin die ersten Schritte vor der Kamera tat. Wie er zum Film kam, kann auch David Robinson nicht endgültig aufklären. Aber er kann die Puzzlestücke, die alle Beteiligten hinterlassen haben, auf den Tisch legen, so dass man sich selbst ein Bild machen kann. Es steht jedoch außer Frage, dass Chaplin zuerst an eine Erbschaft dachte als an ein ernsthaftes Filmangebot als er einem Vorstellungsgesuch in einem Gebäude in New York nachkam, in dem ausschließlich Anwälte ihrer Arbeit nachgingen. Umso größer die Überraschung.

Selbstbewusstsein konnte man ihm noch nie absprechen. Die Studiobosse erkannten den Ehrgeiz und statteten ihn mit Geld und Einfluss aus. Die erste Fassung seines Vertrages mit Keystone (die unter die Keystone Kops, die chaotischen Polizisten, und Fatty Arbuckle, den gefallenen Engel, produzierten), der ihm einhundertfünfzig Dollar pro Woche (schon kurze Zeit später hing man gern ein paar Nullen mehr dran) sicherte, ließ Chaplin zurückgehen und eine Kündigungsfrist einfügen. Man wusste, was man an ihm hat. Und benötigte dringend einen neuen Star(anwärter).

Als später der Tramp geboren wurde, auch hier kam ihm wieder seine harte Kindheit in den Sinn – zugute kam sie ihm bestimmt nicht, das wäre wohl zu viel des Guten gewesen – war es ums Publikum geschehen. Charlie Chaplin war nun mehr als ein Schauspieler, er war eine Marke. Eine Marke, die es ihm erlaubte Gagen zu fordern, die für die damalige Zeit astronomisch waren. Aus dem jungen Talent aus dem schäbigen London war der pedantische Star aus Hollywood geworden. Einer, der gegen alle Widerstände auch einen Film wie „Der große Diktator“ machen konnte. Die Nazis hatten damals perfide Verträge mit Hollywood – auch und gerade mit jüdischen Produzenten – gemacht, um Einfluss zu nehmen. Der Schnauzbart aus Hollywood drehte dem Schnauzbart aus der Wolfsschanze gewaltig eine Nase!

David Robinson ist der autorisierte Biograph Charlie Chaplins. Er allein durfte das Privatarchiv durchforsten. Er recherchierte jedes noch so kleine Detail. Sprach mit Weggefährten und ihm selbst. Das Ergebnis: Diese faktenreiche Biographie, die keine Fragen offen lässt. Es ist ein Fest das Leben eines Mannes nachzuvollziehen, der seit über einhundert Jahren Kinderaugen zum Leuchten bringt, Zuschauer zu Tränen rührt und Filmwissenschaftler begeistert. Charlie Chaplin, der Tramp, der außerordentliche Schauspieler wird nie in Vergessenheit geraten – wegen seiner Filme, aber auch dank David Robinsons Hingabe, die in jeder Zeile des Buches spürbar ist. Als Zugabe gibt es zahlreiche Abbildungen seiner Verträge, eine Karte Londons mit den Wohnorten der Chaplins und einer Ahnengalerie der Menschen, die Charlie Chaplin formten. Das Komplettpaket zum Glücklichmachen!

Der Blutchor

Dieuswalwe Azémar hat Urlaub. Es lebe die Kurzgeschichte! Und Gary Victor ist ihr König! „Der Blutchor“ ist mehr als eine Fingerübung, um Großes folgen zu lassen. Die neun Kurzgeschichten in diesem Band – man kommt ausnahmsweise nicht umhin auf den Preis zu verweisen: Weniger als ein Euro pro story, die eindeutig mehr wert sind – fesseln alle Sinne des Lesers. Naja, vielleicht bis auf den Geruchssinn.

Mitten im Haïti Duvalliers, wobei es fast schon egal ist, welcher nun gerade an der Macht ist, ob nun Papa oder Baby Doc (oder ist es doch ein anderer Präsident, der das Volk unter seiner Knute quält?), wächst einem Günstling des Präsidenten ein Schwanz. Und zwar dort, wo man ihn nicht vermutet oder eben gerade da. E nachdem wie ernsthaft man gerade drauf ist. Ein Skandal? Nein! Eine Schmach? Zumindest für Corneille Soisson. Der Name an sich ist schon einen Literaturpreis wert: Die Krähe sei sein. Und dieser besagte Soisson macht sich berechtigte Hoffnungen auf einen Ministerposten. Der Präsident ist dem eifrigen Wahlzettelfälscher zum Dank verpflichtet. Wäre da nicht diese Sache mit dem verflixten Schwanz! In Bohio, einer volkstümlichen Bezeichnung Haïtis, ist ein Schwanz nicht nur ein Schwanz, sondern ein Fluch, den nur ein bòkò, ein schwarzer Voodoopriester wieder lösen kann. Doch Corneille ist zu feige und springt in den sicher geglaubten Tod. Blöd nur, dass unter dem Fenster ein Müllwagen wartet und seine geheime Fracht auf der Deponie ablädt. Die Geschichte vom schwanzangehängten Günstling macht die Runde. Als das Ungetüm – so muss Corneille mittlerweile aussehen – eines Tages von Arbeitern entdeckt wird, scheint die Lage zu eskalieren…

In einer anderen Geschichte dringt Gary Victor ganz tief in die Seele eines Menschen ein. Frau und Kind sind weg. Bald auch sein Leben. Doch sein Tagebuch offeriert ein dunkles Geheimnis. Ameisen treiben den Junkie in den Wahnsinn. Nicht sein Schöpfer, sondern sein Programmierer scheint etwas Besonderes mit ihm vorzuhaben.

Und wenn Kokosnüsse wirklich den Weg vorzeichnen, sollte man Frauen mit Macheten aus dem Weg gehen. Dieser Ansicht ist der Autor der ersten Geschichte in diesem Buch.

Es bedarf einer ungeheuren Phantasie solche Geschichten zu erfinden und wunderbar vertraute Worte kleiden zu können. Wie ein Magier webt Gary Victor seltsame Begebenheiten in ein Netz aus feinster Gefühlsseide. Die Akteure halten die Webfäden teils mit zittrigen Händen fest, so dass dem Leser nichts anderes übrig bleibt als offenen Mundes Seite für Seite zu verschlingen. Angst sich zu verschlucken muss keiner haben. Den Heimlichgriff beherrscht der Autor wie kein Zweiter. Blutüberströmt ohne vulgär zu sein, erregt ohne die Grenzen des guten Geschmacks auch nur anzukratzen und mystisch und schonungslos geradlinig zugleich sind die Geschichten in „Blutchor“.

Was sich auf dem ersten Blick wie die Biographie der Background-Sänger von Madonnas „Like A  Prayer“ anhört (schwarzer Jesus, der Blut weinnt – einer der inszenierten Skandale der 90er Jahre) , entpuppt sich schnell kurzweilige Meisterstücke der Stimme Haïtis, der von Gary Victor. Man hört die Stimmen, geht auf die Knie, schließt die Augen und seufzt wie ein Engel:  Fluchen sei an dieser Stelle bitte erlaubt: Verdammt, schon wieder ein Buch, das zu schnell ein Ende findet!

Jette, Jakob und die andern

Bilderbuch, paradiesisch, sorgenlos – stellt man diese Worte vor das Wort Kindheit, ist alles in Ordnung. Jette und Jakob können davon ein Lied singen. Ihre Kindheit ist paradiesisch, frei von Sorgen, wie im Bilderbuch. Doch die Idylle bröckelt. Sie sind in den 30er Jahren des vergangenen Jahrhunderts in Norddeutschland geboren.

Im Radio tönt der „Braune“ wie Mama ihn immer nennt. Das Leben geht weiter. Dann schickt der „Braune“ auch noch seine Männer auf den Hof. Das Leben geht weiter. Auf dem Hof wird’s eng. Immer mehr Familien suchen Unterschlupf, der ihnen bereitwillig geboten wird. Das bedeutet für Jette und Jakob mehr Spielkameraden. Gerade und besonders, wenn Papa wieder mal im Krieg unterwegs ist – Margret Steckel versteht es brillant und bisher kaum gekannt die vordergründigen Auswirkungen des Krieges auf ein Kind zu beschreiben.

Schule war bisher nur der Ort, vor dem man Angst hatte, weil dort so viel Neues war. Zum Glück hat Jette in Uschi eine Klassenkameradin, die auch außerhalb ihre Freundin ist. Das mildert den Eintritt in den neuen Lebensabschnitt. Denn Papa ist ja wieder mal im Krieg unterwegs. Doch die Zeit, in der der Krieg dann auch wirklich nicht da war, genauso wie Papa, ist vorbei. Stalinorgeln ist nicht nur ein neues Wort für die Kinder in der Schule und auf dem Hof. Es sind die dezibelüberschlagenden Boten einer grauen Zukunft.

Die kommt schneller als erwartet. Der Krieg ist aus. Die Briten stehen vor der Tür. Nette Typen, die Jette die ersten Fremdwörter beibringen. Dann kommen die Russen. Und mit ihnen ein weitreichende Veränderung.

Margret Steckel wurde in den 30er Jahren in Mecklenburg geboren. So wie Jette, Jakob und die andern. Somit steckt sicher auch eine ordentliche Portion Eigenerleben in diesem kleinen Büchlein. Sie erzählt die Zeit vor, während und nach dem Zweiten Weltkrieg als Außenstehende aus der Sicht der Kinder. Die sollten „so was“ nie erleben! Ohne zu verniedlichen oder gar zu verharmlosen umschreibt sie eine Zeit, die eh schon düster genug war. Da muss sie nicht auch noch in die gleiche Kerbe hauen, möchte man meinen.

„Jette, Jakob und die andern“ ist ein mahnendes Buch. Auch wenn Kinder nicht alles und sofort einordnen können, nehmen sie Veränderungen wahr. Das „Wie sie damit umgehen“, ist die große Herausforderung für alle, die Verantwortung tragen. Margret Steckel nimmt diese Herausforderung an. Ihre Novelle macht Mut, lädt zum Schmunzeln, im gleichen Maße regt sie auch zum Nachdenken an.

Der schöne Heilige

Blasphemie! Heilige sind nicht schön, sie sind heilig! Doch das ist nicht die einzige Neuerung, die von diesem Roman ausgeht. Es ist Philippe Soupaults erster Roman, ein neuer Star am Literaturhimmel. Und – und das ist noch viel bedeutender – ein Hauch von Surrealismus schwingt in ihm mit.

Jean X und Philippe Soupault – einer der Hauptakteure heißt genauso wie der Verfasser – kennen sich von Kindesbeinen an. Sie mögen sich. Sind unzertrennlich. Und doch entwickeln sie sich in unterschiedliche Richtungen. Der eine will schreiben, der andere die Welt aus den Angeln heben. Jean X wird den ganzen Roman über unter dem Deckmantel des Pseudonyms Jean X verborgen bleiben. Wer jedoch schon ein paar Texte von Philippe Soupault gelesen hat – es empfiehlt sich also nicht mit „Der schöne Heilige“ die Entdeckungsreise ins Werk Soupaults anzutreten – kennt Jean X in und auswendig. Es ist der Autor selbst! Zusammengefasst: Philippe Soupault schreibt einen Roman über zwei Freunde, die beide gleichermaßen er selbst sind. Puh, das ist echt neu!

Soupaults (im Roman) Bewunderung für Jean X ist grenzenlos. Er ist fasziniert von dessen Ehrlichkeit und Forscherdrang. Ihr Dreh- und Angelpunkt ist Paris. Hier treffen sie Michel Palmyre, der im echten Paris Guillaume Apollinaire hieß und Philippe Soupault, den Autor, zu seinen ersten Veröffentlichungen verhalf.

Es ist ein rechtes Auf und Ab in der Beziehung der beiden. Jean X treibt immer wieder in die Ferne. Als er endgültig verschwindet, ist Soupault betrübt, als einzige Hinterlassenschaft an den Freund hat der ihm sein Tagebuch hinterlassen. Dieses dient als Rechtfertigung über ihre Freundschaft öffentlich zu reden und zu schreiben. Denn Ereignisse, die man gemeinsam erlebt, haben nun mal zwei Seiten, von denen sie betrachtet werden können.

Wer erkannt hat, dass Jean X und Philippe Soupault ein und dieselbe Person ist, jeder mit einem eigenen Charakter ausgestattet, wird sich an „Der schöne Heilige“ nicht satt lesen können. Man streift durch das Paris der literarischen Avantgarde wie über ein Feld gerade frisch erblühter Blumen. Alles duftet so unschuldig. Man ist der erste, der zwischen den Blättern hindurch wandert. Und wenn man mal nicht weiter weiß, hilft einem der Autor Soupault den Hauptakteur Soupault zu verstehen. Wenn es noch einen Grund bedurfte Philippe Soupault anzupreisen – bitte sehr, hier ist er!

Die letzten Nächte von Paris

Es könnte schlimmer sein! Nur noch eine letzte Nacht in Paris. Und dann ganz viele Nächte nicht in Paris. Doch der namenlose Erzähler hat noch mehrere vor sich. Und die verbringt er mit Georgette. Beziehungsweise verbringt er sie nicht neben Georgette, sondern meist hinter ihr. Sie zu verfolgen, ihrem Sirenengesang zu folgen, ist sein Elixier.

Georgette ist des Nachts der schillernde Schmetterling, der das Dunkel der Nacht vergessen lässt. Tagsüber ist jedoch die graue Maus, die man sehr wohl wahrnimmt, aber nicht mit übermäßiger Beachtung beschenkt. Nicht Georgette allein machen die Nächte von Paris so eindrücklich. Es ist das Drumherum, das den Erzähler unmerklich in einen Strudel hineinsaugen, dem er nicht entkommen kann. Er befindet sich auf einer Reise, die man so nirgends buchen kann, auch wenn Georgette sich sonst für vieles bezahlen lässt.

Wir sind im Paris der 20er Jahre des 20. Jahrhunderts. Andernorts sind diese Jahre golden oder roaring. In Paris treibt der Erzähler in eine krimireife Zeit. In der Zeitung liest er von einem Matrosen, den die Polizei dingfest machen hat. Er den Freund seiner Freundin ermordet, zerstückelt und die Reste dessen menschlicher Existenz in der Seine entsorgt.

Octave, Georgettes Bruder, ist auch so ein Früchtchen. Wie einst Nero will er sich ein flammendes Denkmal setzen. Doch es wird dann doch die letzte Ruhestätte.

Und Volpe schießt den Vogel im Skurrilitätenkabinett ab. Er kann alles, kennt jeden, hat überall seine Finger im Spiel. Doch greifbar wird er niemals sein. All diese Typen und noch einige mehr trifft der Erzähler bei seinen Erkundungen Georgettes. Autark ist er schon lange nicht mehr. Das Milieu hat ihn gefangengenommen. Nur noch ein kleiner Schritt bis er selbst dazugehört…

„Die letzten Nächte von Paris“ sind Philippe Soupaults Liebeserklärung an Paris. Die Poesie seiner Worte hallen noch lange nach. Beispielsweise wenn er Georgettes Schatten als das wahre Licht ihrer Schönheit beschreibt. Oder wenn er vom albernen Xylophon der Bummler spricht. Wer Paris wie es einst war kennenlernen will, wer dem heutigen Paris auf den Grund gehen will, kommt an diesem Buch nicht vorbei. Picasso und die anderen spielten in Paris nicht mehr lange die große Rolle wie vor zehn, zwanzig Jahren. Montmartre und Montparnasse waren vom Künstler-Walhalla zum Spektakel für allerlei schaurige Gestalten verkommen. Der Mythos Paris kränkelte. Und Philippe Soupault kritzelt eifrig seine Fieberkurve.

Bitte schweigt

Hat man schon das eine oder andere Buch von Philippe Soupault gelesen, ist man geneigt ihm alles abzukaufen. Die Glaubwürdigkeit liegt über all seinen Werken. Ob er nun einen Glücksritter portraitiert, der das System, die Gesellschaft für sich selbst bestimmt und Bestehendes den Spiegel vorhält oder er sich mit seinen Verwandten anlegt, weil er schonungslos (ohne bewusst provozierend selbigen ein Bein zu stellen) ihr Leben aufdeckt – Philippe Soupault hat die political correctness in ihrer reinsten Form zur Kunstform erhoben.

Ein Chronist seiner Zeit, die er selbst verändern wollte und es auch tat – mit André Breton verfasst er „Die magnetischen Felder“, den ersten surrealistischen Text überhaupt – wollte er nie gewesen sein. Die autobiographischen Züge in seinen Werken sind unverkennbar. „Bitte schweigt“ kann getrost in „Bitte schwelgt“ umbenannt werden. Denn schweigen, diesen Wunsch muss man Soupault abschlagen, kann man nicht.

Gedichte, Poesie ist schwer einzuordnen, schwer zu beschreiben oder gar zu bewerten. Viele versuchen es immer wieder, doch der Kreis der Rezipienten, die die Wertung auch verstehen, bleibt überschaubar. Denn Gedichte verstehen ist das Eine, sie zu interpretieren das Andere. Beides wird niemals vollständig entschlüsselt werden.

Und so kommen die Gedichte wie ein frischer Wind daher. Kein „Reim Dich oder ich beiß Dich“, sondern wohlformulierte Zeilen, die zum Nachdenken anregen. Arthur Rimbaud umschrieb das Dichten als Fähigkeit zum Sehen. Ja, schon dieser kurze Satz ist nicht einfach in Alltagssprache zu übersetzen. Sehen kann jeder, dessen Augen funktionieren. Eine naturwissenschaftliche Voraussetzung. Doch Dichten, (Ge-)Dichten ist mehr als pure „Formuliererei nach Formeln“. Die Fähigkeit Gesehenes mit Gefühlen in Verbindung zu setzen, ist mehr als nur eine Grundvoraussetzung. Womit wir schon wieder bei Formeln und Regeln sind.

Die Gedichte und Lieder in diesem Buch, die Philippe Soupault vielen seiner Weggefährten wie Guillaume Apollinaire, Blaise Cendrars, Tristan Tzara oder André Breton widmete, liest man mehrmals. Nicht ums sie einfach nur „verstehen zu können“, sondern weil sie es wert sind öfter gelesen zu werden. Und wenn man dann irgendwann einmal in Montparansse oder Montmartre an den Wirkungsstätten dieser Köpfe vorbeischlendert, wünscht man sich dieses Buch zur Hand zu haben und das eine oder andere Gedicht zu lesen.

 

Geschichte eines Weißen

Wer mit dem sprichwörtlichen goldenen Löffel im Mund geboren ist, kann sich im engmaschigen Elfenbeinturm leicht die Kauleiste ruinieren. Philippe Soupault wurde mit einem silbernen Löffel im Mund geboren. Und trotzdem ist er früh angeeckt und hat sich so manches Mal gehörig die Zähne dabei verschoben.

1897 war es. Mitten im Fin de Siècle. Da wurde Philippe Soupault in Chaville bei Paris geboren. In seiner Ahnengalerie befinden sich große Männer, wie der Gründer von Renault, den er vortrefflich in „Ein großer Mann“ beschrieb. Die Bourgeoisie war sein Heimathafen. Doch Häfen haben eben auch die Angewohnheit, dass man hier nicht nur vor Anker gehen kann, sondern auch ablegen. Entdecker wollte er werden. Die weißen Flecke von den Landkarten mit Farbe füllen. Doch in Jugendjahren wurde es erst einmal Bad Ems. In Deutschland, beim Erbfeind.

Der Krieg brachte einen weiteren entscheidenden Einschnitt ins Leben des Mannes, der in diesem Buch mit dreißig Jahren zum ersten Mal Rückschau hält. Die Familie flieht aufs Land. Die verzerrten Fratzen der Soldaten sieht er nicht nur sprich- sondern wortwörtlich an sich vorbeiziehen.

Rene Deschamps ist sein Cousin. Es ist nicht das Blut, das sie verbindet, es ist ihre Leidenschaft für das Neue, das Unerwartete, das Verquere, das zwischen ihnen ein unzertrennbares Band bildet. Nur der Tod kann sie entzweien, was er auch tut. Doch die Begegnung mit Deschamps ist der Startschuss für Soupault. Kunst und ihre Auswirkungen auf sich selbst und andere gehören fortan zum Alltag. Der Bourgeoisie entkommen und sich selbst entwickeln, sich formen, neue Ideen entwerfen und umsetzen. Wenn Soupault zu diesem Zeitpunkt wüsste, dass er noch nicht einmal ein Drittel seines Lebens gelebt hat, wie hätte dann „Geschichte eines Weißen“ ausgesehen?

Mit dreißig Jahren beginnen die ersten Zipperlein, sagt der Volksmund. Bei Philippe Soupault zwickt und zwackt es im Gehirn. Er ist frei von den Zwängen der Familie. Seine Schriften werden dank der Fürsprache von Guillaume Apollinaire veröffentlicht, und nicht von eifrigen Händen dem Feuer übergeben.

Es ist erstaunlich wie aktuell dieses Buch, das nun schon seit fast einem Jahrhundert existiert, dank dem Wunderhorn-Verlag seit 1990 auch auf Deutsch, immer noch ist. Die Bourgeoisie in Frankreich ist schonungslos auf dem Weg an die Spitze. Nur heißt sie nun Elite. Keiner aus dem Umkreis von Präsident Macron ist dem System Eliteschulen entgangen. Seilschaften verbinden die einstigen Hoffnungsträger bei ihrer Abschottung gegen Unten. Kurz ist der Text, aber umso eindrucksvoller und aktueller. Wie würde Philippe Soupault seiner Heimat der Jetztzeit begegnen? Viermal so alt wie damals, als die Surrealisten ihn verbannten, obwohl er ihr erstes Werk zusammen mit André Breton schuf? Politisch korrekt vielleicht? Niemals! Anklagend? Vielleicht! Kämpferisch? Entlarvend? Bien sûr!

Die Reise des Horace Pirouelle

Reisepass, genügend Klamotten und Toilettenartikel eingepackt? Na dann kann die Reise ja losgehen! Sobald die Checkliste komplett abgehakt ist, beginnt der Urlaubsstress. Zumindest bei so manchem, der sich seit Wochen und Monaten auf die schönste Zeit des Jahres freut und alles akribisch vorbereitet. Aufbruchsstimmung nennt man das, oft endet es in Abbruchstimmung.

Horace Pirouelle bricht auf um aufzubrechen. Nichts mehr und nichts weniger. Grönland soll es sein. Sein Freund Julien – unter uns: Julien ist Philippe Soupault, der so poetisch diese Reise beschreiben wird, obwohl er gar nicht dabei sein wird – ist überrascht als der Freund ihm berichtet wohin es gehen soll. Denn Horace Pirouelle wurde einst in Liberia geboren. Quasi als Kontrastprogramm will er nun ins ewige Eis. Einfach so. Ja, wirklich, einfach so. Es gibt keinen triftigen Grund warum es ausgerechnet Grönland sein soll.

Die Reise beginnt. Und fast wie im Märchen, findet sich Horace auch bald in der Eiswüste zurecht. Dem Alltag der Eskimos kann er mühelos folgen. Anschluss findet er schnell. Doch irgendwann erdrückt ihn die Nähe, die man in Grönland so nicht erwartet.

Wer nun eine Reisebeschreibung vielleicht á la Joseph Conrad erwartet, kommt aus dem Staunen nicht mehr raus. Denn Monsieur Pirouelle sucht nicht das Besondere, er ist ja schon mittendrin. Er erinnert auch ein wenig an den Autor selbst. Entdecker wollte er werden, wenn er groß ist, meinte er in jungen Jahren. Und nun schickt er den erfundenen Horace Pirouelle in die Ferne nach Grönland. Alles hier ist anders. Keine Cafés, kein Eiffelturm, keine afrikanischen Rhythmen wie daheim in Monrovia, Liberia.

Philippe Soupault gibt dem Affen Zucker. Mit einer jungenhaften Freude schreibt er seinen Freund in ein Abenteuer, das der so schnell nicht vergessen wird. Sage und schreibe einhundert Jahre ist es her, dass dieser Kurzroman geschrieben wurde. In Europa wütete der Krieg. Revolutionen rückten Länder in den Fokus, die bisher nur am Rande oder in seltenen Fällen als eroberungswürdig wahrgenommen wurden. Schon zwei Jahre später wird Philippe Soupault zusammen mit André Breton den ersten surrealistischen Text „Die magnetischen Felder“ verfassen. Losgelöst von herrschenden Strukturen wollten sie die (Kunst-)Welt verändern. „Die Reise des Horace Pirouelle“ war der selbst gelegte Pfad auf diesem Wege.