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Küste & Meer Kalender 2019

Das Leben entstand bekanntlich im Meer. Und als es an Land kam, hinterließ „im Kindergarten“ einiges, was bis heute für Überraschungen sorgt. Da schwimmen Fische, die flach wie eine Scholle sind. Oder Seesterne, deren Farbigkeit und Formenvielfalt für offene Augen und Münder sorgen. Oder Muscheln, die in Form und Farbgestaltung jeden Malermeister und jeden Stiftakrobaten vor Neid erblassen lassen.

Jedes einzelne Wochenblatt ist ein Augenschmaus und Glücklichmacher. Die nostalgischen Zeichnungen sind einfach nicht zu übersehen und laden zum Verweilen ein. Schatzsuchen am Strand, Beobachtungen in Meeresnähe und Tauchgänge werden von nun an von der Sehnsucht getrieben die Abbildungen nun endlich einmal in realer Umgebung sehen zu dürfen.

Die kurzen Erläuterungstexte informieren kurz und knackig, sie wecken den Forschergeist im Betrachter.

Da ist es fast schon zu schade, dass das Jahr nach nur zweiundfünfzig Wochen schon wieder vorbei ist. Kreisel- und Purpurschnecken, Schirmquallen (allein dieses Kalenderblatt Mitte August wird sieben Tage lang für Innehalten sorgen – also nichts vornehmen für die Zeit vom 12. bis 18. August), Strandastern oder der Weißschwanz-Tropikvogel im Spiel mit dem Fregattvogel erzählen Geschichten, die man in keinem Buch der Welt so kompakt wiederfindet.

Auf Probe

„Haste Scheiße am Fuß, haste Scheiße am Fuß.“ – ein wahrer Poet, der Andi Brehme. Philipp Gaudi ist momentan der Einzige, der dem deutschen WM-Helden von 1990 Gehör schenkt und ihm heftig kopfnickend applaudiert. Zuerst verliert er seinen Job, dann die Mutter. Ein Neuanfang in den Vierzigern – nicht unmöglich. Aber das Wort Neuanfang nimmt er erst gar nicht in den Mund. Vielmehr will er sich in sein Hobby, seine Band, stürzen. Als Rockmusiker sein Geld verdienen – klingt gar nicht so übel. Doch die Bandkollegen spielen da nicht mit. Für sie ist es ein Hobby, eine musikalische Gelegenheitsgeschäft.

Philipp lässt es ruhig angehen. Ihn drängt nichts. Der Tod der Mutter ist zwar traurig, aber nicht das Ende der Welt. Diese gerät jedoch gehörig ins Wanken als Walter Berlau sich bei ihm meldet. Er müsse mit Philipp reden. Er wüsste was über seine Mutter. Er wird Philipp zum Zuhören bewegen können.

Begeisterung sieht anders aus! Philipp will nicht mit Bärlauch, wie er ihn nennt reden. Warum auch? Der Typ meldet sich bei Philipps Kollegin, die ihm ausrichten soll, dass Bärlauch mit Philipp Gaudi reden muss. Die Angelegenheit an sich ist Stoff für einen Song. Doch Philipp sieht darin keine Chance für eine mögliche Musikerkarriere – er ist einfach nur sauer.

Doch Walter Berlau ist hartnäckig und rückt endlich raus mit der Sprache: Es könnte … könnte … durch aus möglich sein, dass er und Philipp miteinander verwandt seien. Vater und Sohn, um genau zu sein. Dass sein Vater hier da mal am Wegesrand von den Kirschen in Nachbars Garten genascht hat, ist Philipp bekannt. Doch Maria, seine Mutter auch? Das haut ihn dann in gewisser Weise um. Und Bärlauch erzählt noch viel mehr…

Irgendwie scheint sich in Philipps Leben alles nur noch um seine Mutter zu drehen. Thelma eine Jazzpianistin, die erst neulich entdeckt hat, trägt diese Erkenntnis in die reale Welt. Denn das sanfte Klavierspiel seiner Mutter Maria war nur Show. In Wahrheit prügelte sie auf dem Flügel herum, und sein Vater nannte Maria dann immer Selma.

Jedem Ende wohnt ein Anfang inne. Ob es Philipp nun passt oder nicht, er ist im Kreislauf des Lebens angekommen. Noch fühlt es sich so an als ihn der Strudel in den Abgrund zu ziehen droht, doch die Gleichmäßigkeit der Drehungen haben auch etwas Beruhigendes. Volker Kaminski stellt Philipp Gaudi – für die Kreation dieses Nachnamens allein muss man dem Autor schon dankbar sein, denn auch Gaudis Leben verlief wenig geradlinig – auf die Probe. Was heißt auf eine Probe. Permanent probiert Philipp Neues, probt das Leben am laufenden Band und ist für den Leser der beste Proband vom Kuchen des Lebens zu probieren. Die leisen Zwischentöne in den Gesprächen zwischen Walter Berlau und Philipp Gaudi beim Whiskey sind die Melodien des Soundchecks für den großen Auftritt.

Eine dieser Nächte

Es gibt Typen, die kann man nur erfinden. Typen, die sich einfach den Tisch setzen und sich permanent und enervierend in jedes Gespräch einmischen. Sie kenne alles und jeden, sind der Nabel der Welt und müssen sich selbiger ununterbrochen mitteilen.

Emma wartet auf dem Flughafen Bangkok auf ihren Flug nach Zürich. Ihr fällt Bill nicht auf. Bill fällt über jeden herein, der sich in Hörweite und darüber hinaus aufhält. Das Smartphone am Ohr festgeklebt, brüllt er unaufhaltsam Unwichtiges in den digitalen Äther. Ein typischer Amerikaner. Sicher ein Sextourist. Emma ertappt sich dabei diesen unappetitlichen Typen sofort zu typisieren, zu stigmatisieren. Genauso geht es anderen Passagieren. Das Vorurteil des Sextouristen haben sie alle sofort im Kopf.

Doch es kommt noch schlimmer: Emma hat einen Fensterplatz ergattert. Der Mittelsitz bleibt frei. Doch dann kommt schon … Bill. Chic wie ein Krabbeltisch beim Discounter, laut wie ein Megaphon, verschwitzt wie triefender Schwamm. Und dieser Schwamm sondert nun seine gesammelten Weisheiten ab. Vom Zuhause in .. wo war das gleich? Kansas? Auch das schwule Pärchen ein paar Reihen weiter kann dem Dampfplauderer nicht entgehen. Und gerät darüber hinaus in Streit.

Das kann ja heiter werden. Endlose Stunden und endloser Weite und stockfinsterer Nacht, die nicht einmal das Sternenlicht als Hoffnungsschimmer aufblitzen lässt. Ein Johnnie Walker jagt den nächsten und Bill kann einfach nicht aufhören zu erzählen. Nixon, Vietnamkrieg, Kindheit … ein endloser Schwall an nutzlosem Zeug fließt unaufhörlich aus seinem schwulstigen Mund.

Es ist eine dieser Nächte. Der Urlaub ist vorüber. Unweigerlich steht die Heimreise an. Die Erinnerungen der vergangenen Tage sind noch frisch, im Gegensatz zu einem selbst. Der Alltag hat einen noch nicht wieder eingeholt, doch steht er schon mit schwingender Sense in Sichtweite und verbreitet bereits in leichtem Grau die Zukunft. Da müsste man doch für jede Ablenkung / Abwechslung dankbar sein. Müsste man. Wenn diese Ablenkung nicht gerade Bill heißt und fortwährend die eigenen Stimmbänder und die Gehörgänge der unfreiwilligen Zuhörer malträtieren würde.

Christina Viragh leiht den Stimmen der Boeing 777 ihre Augen, ihre Ohren. Und ist ihr Sprachrohr an die, die erfreulicherweise nicht an Bord sein können bzw. müssen. Bill ist ein echtes Scheusal. Asozial im wahrsten Sinne des Wortes, wobei er sich selbst als das sozialste Wesen unter Gottes Sonne wähnt. Er ist der, der die Unerträglichkeit der Langeweile auf einem Langstreckenflug hinwegzaubern kann. Doch Bill redet nicht wie ein Wasserfall, um zu unterhalten und die Langeweile zu bekämpfen. Er redet, weil er es kann. Doch nicht alle sind damit einverstanden und so werden einige zu Kämpfern. Und nicht jeder Kampf endet gut und bekommt nicht jedem gut…

Schöne Berlinerinnen

Na das ist ja schön, dass Franz Hessel sich die Zeit genommen hat die schönen Berlinerinnen zu beschreiben! Die Damen – seien sie nun prominent wie Marlene Dietrich oder eben nicht – sind selbstbewusste junge Damen, die sich das Prädikat Berlinerinnen nicht nur durch ihren Geburtsort verdient haben.

Ein junger Mann verkuckt sich unversehens in Lisbeth. Sie nennt ihn Rolf II, weil er sie an Rolf I erinnert. Sein Kumpel, der immer an seiner Seite zu stehen scheint, gibt Lisbeth den schmeichelhaften Beinamen Nephertete. Eine eigenwillige Umsetzung der Nofretete, die französische Variante. Die Verbindungen Frankreichs mit der märkischen Erde sind seit Friedrich dem Großen en vogue. Sie genießen die Zeit zusammen. Er führt sie aus. Sie lässt sich gern ausführen. Doch dann muss Rolf II sich entscheiden: Sichere berufliche Zukunft in Hamburg oder Nephertete. Lisbeth/Nephertete ist nicht auf Rolfs Ausführabende angewiesen. So lässt sie ihn ziehen, nicht jedoch ohne die Zeit vor der Abreise in Berlin gebührend zu feiern.

Franz Hessel hatte das unfassbare Glück auch der berühmtesten Berliner Göre begegnen zu dürfen. Sie war schon ein Hollywood-Star als sie für ein reichliches Vierteljahr nach Berlin zurückkehrte: Marlene Dietrich. Sie genoss es von Hessel interviewt zu werden. Und dass es ihm eine nicht minder währende Freude war, liest man sofort aus seinen Zeilen heraus. Mit Respekt und Ab-/Anstand verleiht er dem Star des Blauen Engel die passenden Flügel ohne dabei ins Kitschige abzurutschen.

„Schöne Berlinerinnen“ ist ein wahres Schmökerbuch. Immer wieder wird man sich an den wohl formulierten Passagen erfreuen und lesen wie Sehnsucht ohne schnöde und offensichtliche Passion – heute würde man es politisch korrekt nennen – Frauen und Beobachter den Raum für Selbstverwirklichung einräumt. Ein Handkuss für die Zuneigung ohne Speichelleckerei.

Die Frauenporträts über die Künstlerin Renée Sintenis oder Jack von Reppert-Bismarck sowie der Damen ohne besonderen Wohlklang in den Ohren der Yellow-Press-Zeitungsleser machen Appetit. Appetit Berlin einmal aus einer anderen Sicht zu erobern. Doch Vorsicht: Berlinerinnen sind keine leichte Beute!

Das fremde Gewürz

Spricht man es Englisch aus, sorgt man für Verwirrung, wenn man erzählt, dass man in Georgia war. Sofort fallen einem Baumwollplantagen ein, schneeweiße Herrschaftsanwesen. Doch es gibt ein weiteres Georgia. Georgien. Im Kaukasus. Dort, wo der Wein zum ersten Mal kultiviert wurde. Wo Prometheus an den Felsen gekettet war. Wo fremde Gewürze den Gaumen verwöhnen.

Davon kann Eva Dietrich berichten. Vier Monate verbrachte sie in Tiflis, der Hauptstadt des Landes, das 2018 für Furore sorgen wird, wenn es als Gastland der Frankfurter Buchmesse sein literarisches Füllhorn über den Lesern ergießen wird.

Dieses fremde Gewürz, das dem Leser neugierig machen wird, nennt sich utskho Suneli. Es wird zum allen und reichlich und immer hinzugefügt. Je nach Köchin schmeckt es verschieden. Doch fehlt es, wird man es merken. Es wird aus dem blaublühenden Bockshornklee gewonnen. Nachdem Eva Dietrich auf Märkten und bei Besuchen immer wieder davon hörte, ließ es sie nicht mehr los. Sie musste unbedingt ihrem Forscherdrang nachgeben und die Felder der Umgebung besuchen, so der so besondere Klee wächst, dessen Samen selbst den Georgiern das Attribut fremd wert ist.

Bei einer anderen Gelegenheit traf sie die Nonnen des Klosters von Phoka. Sie sind wahre Feinschmeckerinnen, auch ohne utskho Suneli. In ihrem Kloster, das von außen nach allem aussieht, aber nicht nach einem Ort der Ruhe und Einkehr, verköstigen sie sich und Fremde Käse, Schokoladen und Wein. Die erstgenannten Dinge stellen sich höchstpersönlich her. Marmeladen aus Melone, Zitrone und Estragon lassen den Gaumen schon beim Lesen in Haps-Acht-Stellung gehen.

Dies sind nur zwei Geschichten aus dem körperlich kleinen, doch inhaltlich riesigen Buch der Schweizerin Eva Dietrich. Georgien greift gern nach der Hand aus dem Westen, was zur Folge hat, dass die Eigenständigkeit dem globalen Markt ein wenig das Feld überlassen wird. Streift sie durch Afrika, ist sie keineswegs unter sengender Sonne unterwegs, sondern in einem Ort, der tatsächlich so heißt. Ihre Bewohner haben es längst aufzugeben sich mit unnützlichen Gedanken zu beschäftigen. Das Hier und Jetzt zählt. Für alles andere ist keine Zeit. Es kommt eh anders als man denkt. So trist das Leben auf den ersten Blick erscheint, so reichhaltig ist die Kultur, die immer noch gelebt wird. Die goldenen Zeiten der Seidenproduktion sind vorbei. Doch still und heimlich drückt die Poesie der Georgier durch den chinesischen und europäischen Beton der Neuzeit. Georgien ist es wert erkundet zu werden. Und als Beigabe, nein als Appetithappen, als Triebfeder ist dieses Buch ein unermüdlicher Kämpfer für ein Land, das gar nicht so weit weg ist von dem, was wir tagtäglich um uns herum haben.

Die 92 Büsten der Eva Perón

Hose runter. Die Unterhosen auch. Das erste Kennenlernen von Ernesto Marroné und seinem zukünftigen Chef Fausto Tamerlán verläuft schon etwas seltsam. Besonders als dann noch der Chef seinen neuen Einkaufsleiter mit seinem Finger da näherkommt, wo andere gern mal Luft ablassen.

Und nun hält Ernesto Marroné vielleicht sogar diesen Finger in den Händen. Verpackt in einer Blechschachtel.

Was ist passiert? Zunächst einmal muss man wissen, dass das Vorstellunggespräch erfolgreich verlief – für beide Seiten. Ernesto hat in der aufstrebenden Firma einen Posten, der es ihm eines Tages erlaubt noch weiter aufzusteigen. Marketing, das ist sein Traum. Seit einigen Monaten ist jedoch der monströse Schreibtisch des Chefs allerdings nicht besetzt.

Denn Fausto Tamerlán ist entführt worden. Und zwar von der linksperónistischen Montonero-Bewegung, einer Bewegung, die im Argentinien der 70er Jahre, hier spielt der Roman, die Junta gehörig unter Druck setzte.

Ernesto ist der misslichen Lage die Forderungen der Entführer entgegenzunehmen und die Neueste in die Tat umzusetzen. Denn Tamerláns Entführer wollen neben den üblichen Geldforderungen auch noch, dass in jedem Raum der Firma eine Büste von Eva Perón aufgestellt wird. Schnelles Kopfrechnen: Zweiundneunzig Stück müssen so schnell wie möglich rangeschafft werden. Denn sonst … zimperlich sind die Entführer ja nicht gerade, wie der Finger beweist.

Ernesto gelingt es auch postwendend eine Firma zu finden, die die zweiundneunzig Büsten herzustellen in der Lage ist. Nur haben die Gewerkschaft und die Angestellten gerade beschlossen ein bisschen Revolution zu spielen und den Betrieb zu bestreiken und selbigen einzustellen. Die neue Fabrik mit dem Namen der Patronin Eva Perón kann also erstmal keine Büsten von Eva Perón liefern. Ernesto muss zur nächsten List greifen. Er wird selbst Perónist. Die neuen Genossen müssen ihm einfach helfen… Ob’s was hilft?

Carlos Gamerro lässt Ernesto Marroné wie ein aufgescheuchtes Huhn á la Louis de Funès durch Buenos Aires zweiundneunzig Büsten suchen, auftreiben, nach einem Produzenten suchen. Schwarz-humorig wie ein verkohltes Steak zappeln er und die Leser an der langen Leine des Autors. Bitter-böse Sprüche fliegen wie Lichtblitze umher. Nüchtern wie ein Historiker lässt er Fakten im Strudel der Wandel der Geschichte einfließen. Beide Seiten – die, die die Forderungen stellen und diejenigen, die mit Schweißflecken wie Pizzateller unter den Armen versuchen diese zu erfüllen – haben gehörig einen an der Klatsche. Doch sind sie in ihrem amateurhaften Kampf gegen die Windmühlen nur wie Pusteblumen im Wind. Bei Stille sind sie nicht besonders ansehnlich. Doch wenn Sturm aufzieht, zaubern sie mit ihrem Tanz ein Lächeln ins Gesicht der Unschuldigen.

Nach Chicago und zurück

Diese Reise liegt einhundertfünfundzwanzig Jahre zurück. Und schon damals hing eine Dunstglocke über der Stadt, die einiges Geschick erforderte die Sonne erkennen zu können. Ein Öko-Roman, also. Mit Nichten. Aleko Konstantinow wurde in die Rolle des Reisenden gedrängt. Man wusste, dass er gern schrieb. Man wusste, dass seine Ausführungen detailreich und voller Wortwitz stecken.

Von Sofia nach Chicago war 1893 ein echtes Abenteuer. Aleko Konstantinow bestieg voller Vorfreude den Zug nach Paris. Die Reise dahin – darüber möchte er sich lieber ausschweigen. Kein Vergnügen. Im Gegensatz zu Paris. Und der Reise über den großen Teich an die Großen Seen.

Bulgarien hat gerade die Unabhängigkeit von den Türken erlangt. Das Land liegt brach, und es rappelt sich gerade auf eine eigenständige Nation zu werden, eine nationale Identität herauszubilden. Aleko Konstantinow ist ihr Botschafter als er im Land der unbegrenzten Möglichkeiten eintrifft.

Die Niagarafälle ziehen ihn sofort in ihren Bann. Das Naturschauspiel – und das liest man so eindeutig heraus wie, dass die USA ihm auch als Vorbild einer Nation für seine Heimat gelten können – wird ihm bis zum (zu nahen) Ende seines Lebens beschäftigen.

Im Zug, deren Größe ihn dermaßen beeindruckt, dass er sich in Zahlenspielereien ergeht, sitzt man als Leser direkt neben dem Autor, der mit Kinderaugen das riesige Land erkundet. In Chicago ist er baff erstaunt, dass hier schon weitere Bulgaren auf ihn zu warten scheinen. So wie Bai Ganju, der Rosenölhändler, dem er ein eigenes Buch widmet. Der Typ ist aber auch zu originell, als dass man ihn „nur mit einem Kapitel“ würdigen könnte.

„Nach Chicago und zurück“ dürfte wohl einer der Gründe sein, warum es in Windy City eine ausgeprägte Bulgaren-Community gibt. Dass es der einzige Grund ist, darf bezweifelt werden. Dass Aleko Konstantinow großen Eindruck hinterließ, zeigt allein schon die Tatsache, dass sein Portrait den Einhundert-Lewa-Schein des Landes ziert.

Die Reisenotizen, die dieses Buch wortreich mit Inhalt füllen, verleiten zum Schmunzeln und Nachdenken gleichermaßen. Es ist nicht alles Gold, was glänzt. Doch das, was nicht glänzt, ist wenigstens witzig beschrieben. Wer also, auf ausgefallene Reiseberichte wie etwa die von David Foster Wallace steht, kommt mit „Nach Chicago und zurück“ voll auf seine Kosten.

Bai Ganju, der Rosenölhändler

Den Namen muss man sich merken. Bai Ganju. Ein außergewöhnlicher Mann, den der Autor Aleko Konstantinow auf seiner Amerikareise 1893 kennenlernte. Er wurde sanft überredet über die Weltausstellung 1893 in Chicago zu berichten. Seine Reisenotizen gehören zum Besten, was dieses Genre hervorbrachte.

Bai Ganju – so einer muss erstmal erfunden werden. Aleko Konstantinow hat ihn zwar nicht erfunden, jedoch gefunden. Ein gewiefter Geschäftsmann, der sich als das Zentrum seines Universums sieht. Und diese Einstellung mit jeder seiner Fasern lebt. Ein Hans-Dampf-In-Allen-Gassen, ein Dampfplauderer, ein von unerschütterlichem Selbstvertrauen gezeichneter Mittelpunktler, der sich nicht einen Heller darum kümmert, was andere von ihm denken könnten. Geht etwas schief, findet er schnell einen Schuldigen. Sich selbst ausgenommen.

Und so passiert es, dass in illustrer Runde – und die soll es tatsächlich immer wieder mal gegeben haben – sich Menschen treffen, die diesen Bai Ganju (das Bai steht für Gevatter) getroffen haben. Und nun ziehen sie genüsslich über ihn her.

Aleko Konstantinow ist mit der Beschreibung des Bai Ganjus ein Volltreffer der Satire gelungen. Denn dieser Bai Ganju wohnt in jedem von uns inne. Ist er ängstlich und deswegen des Öfteren so ein Scheusal? Vielleicht. Aleko Konstantinow geht es nicht darum moralisch über seinen erfundenen Helden, auf den er im bulgarischen Pavillon der Kuriositäten auf der Weltausstellung 1893 in Chicago gestoßen ist, zu richten. Sein Buch ist eine lupenreine Satire, die den Leser an den Rand des Lachkrampfes bringt.

Immer wieder muss man innehalten. Während andere, bevorzugt die Erzähler in diesem Buch, fast vom Stuhl kippen, weil Bai Ganju einfach zu tölpelhaft, fast schon fatalistisch durchs Leben stolpert, ist man als Leser geneigt diese Gefallenen sofort wieder aufzurichten, damit sie weiter erzählen können.

Aleko Konstantinow gehört bis heute zu den meist gelesenen Autoren Bulgariens. Ihm allein gebührt der Ruhm eines der unterhaltsamsten Bücher des neunzehnten Jahrhunderts geschrieben zu haben.

Die Pracht römischer Mosaiken – Die Villa Romana del Casale auf Sizilien

So in etwa auf halbem Weg zwischen Catania und dem Tal der Tempel bei Agrigent, in der Nähe von Enna, wird der neugierige Sizilienbesucher von einem Kunstwerk in Beschlag genommen, der ihm die Sprache verschlägt: Die Villa Romana del Casale. Sie ist berühmt für ihre Mosaiken. Nun ist man als Italienreisender schon ein wenig verwöhnt, wenn man die prächtigen Bauten aus dem Mittelalter, der Renaissance und der Antike bestaunt, doch hier gibt’s die Kirsche auf die Sahne noch obendrauf.

Die beiden Archäologen Rosaria Ciardiello und Umberto Pappalardo nehmen den Leser – der von nun an nicht mehr um einen Besuch dieser Villa kommt – mit auf eine Reise in die Vergangenheit.

Man muss sich ein wenig einlesen in den Stoff. Nicht jeder hat sofort Jahreszahlen, Namen und Orte parat. Doch die einleitenden Worte schaffen Komfort und bereiten den Zugang zu diesem ungewöhnlichen Ort. An der Stelle, wo heute ein Ausgrabungszentrum auf den Besucher wartet. Ein riesiges Areal mit einem Füllhorn an Augenschmeicheleien wird zum Spielplatz der Genüsse. Denn die Mosaiken sind nicht irgendwelche kleinen Fingerübungen, die dem Meister als Präsentationsobjekte dienten. Hier wurde einmal wirklich im Luxus gelebt. Die Übersichtskarte am Beginn des Buches zeigt eindrücklich wo welches Mosaik verortet ist und in welchen Dimensionen sie bis heute wirken.

Eintausendsechshundert bis eintausendsiebenhundert Jahre ist es her, dass hier der erste Spatenstich gesetzt wurde. Mit allem, was der Luxus der damaligen Zeit zu ließ. Pool, Säulengang (Peristyl), einem Raum für Musiker und Schauspieler und Saunalandschaft, wie man es heute nennen würde. Und jeder Raum mit einem prachtvollen Mosaik verziert. Bis heute sind noch nicht alle Mosaiken freigelegt bzw. entdeckt worden. Doch das, was man sehen kann, kann sich echt sehen lassen!

Die Villa kann jeden Tag in der Woche von 9 bis 18 Uhr besichtigt werden. Und diese Zeit sollte man mit diesem Buch unterm Arm und / oder auf dem Schoß ausnutzen. Denn im Vorbeigehen – denn so richtig nah dran darf man natürlich nicht – übersieht man das eine oder andere Detail. Die Freude ist somit umso größer, wenn man das Buch sozusagen als Vergrößerungsglas im wörtlichen als auch im übertragenen Sinne zur Hand hat. Die beiden Autoren erläutern anschaulich und einfach verständlich die Darstellungen auf den Mosaiken. Sie stehen immer im Zusammenhang mit der Nutzung des Raumes. Wo heutzutage Wandtattoos auf das Lieblingsgetränk (und somit meist auf die Küche) hinweisen, war es damals schon üblich das so genannte Aleipterion, den Massageraum mit entsprechender Kunst zu verzieren. Im Falle der Villa Romana del Casale jedoch mit Mosaiken, die heute noch so strahlen wie vor Jahrhunderten.

Dieses Buch ist ein Prachtbursche für die Pracht der Mosaiken. Jeder Raum, den man nach all den Jahren nicht immer sofort zuordnen kann, fasziniert durch die Kunstfertigkeit der Handwerker. Von Weitem ergibt sich ein Gesamtbild, doch wer sich die Mühe macht und näher tritt – sofern es erlaubt ist – findet einzigartige Details, die man durch dieses Buch erst richtig einordnen kann.

Der schwarze Gürtel

Was ein Ehrgeizling! Fernando Retencio will unbedingt nach oben. Er will den schwarzen Gürtel. Nein, keine sportlichen Meriten. Bei Soluciones, wo er als Problemlöser arbeitet, gilt der schwarze Gürtel als ultimative Huldigung der erbrachten Leistungen. Dann hat man es geschafft.

Und Fernando ist ganz gut in seinem Job. Zumindest besser als die ganzen Pérez, die tagein tagaus am Schreibtisch ihren Fließbandjob verrichten. Ein ausgeklügeltes Punktesystem, das nur der Chef zu entziffern im Stande ist, zeigt im Firmengebäude für alle sichtbar an, wer es drauf hat und wer nicht.

Fernando ist also Problemlöser. Was das genau ist, ändert sich von Auftrag zu Auftrag. Mal kommt ein Boxpromoter, dessen Star auf einmal Gewissensbiss bekommt, und nicht mehr draufhauen will. Dann muss Fernando sich was einfallen lassen. Er redet mit dem Boxer, bietet ihm die Möglichkeit zu seinen Wurzeln zurückzukehren, indem er ihm einen Boxring aufbauen lässt. Fernando sieht all diese nervenaufreibenden Jobs nur als Wegmarken seines Aufstieges. Er will den schwarzen Gürtel, raus aus der Tretmühle und nicht ewig dort festhängen, wo andere ihr Leben lang nicht von der Stelle kommen.

So wie Dromundo. Ein Kollege. Fernando sieht ihn aber mehr als persönlichen Sklaven, der er nach seinen Vorstellungen „formen darf“. Nach Oben buckeln, dafür nach Unten umso heftiger treten. Dromundo lässt alles mit sich machen. Noch tiefer kann er nicht sinken. Er wohnt ja schon da, wo er arbeitet. Frau und Kinder inklusive. Letzte spielen jeden Tag saubermachen im Foyer.

Señor Sonrisa ist der allgegenwärtige Herrscher von Soluciones. In regelmäßigen Abständen verkündet er mit plärrender Lautsprecherstimme seine kryptischen Befehle. Wer nicht spurt, fliegt … und wird nie den ominösen schwarzen Gürtel sein eigen nennen können. Witzig für die anderen, besonders aber für Fernando, ist die Abschiedszeremonie, wenn ein Angestellter entlassen wird: Eine Cheerleader-Gruppe singt zum Abschied ein Ständchen und geleitet den Delinquenten dann zur Tür hinaus. Für Fernando ist das immer ein Triumph. Denn dann gibt es eine Hürde weniger auf dem Weg zum schwarzen Gürtel. Bis eines Tages die dauerlächelnden Mädels an seinem Schreibtisch stehen…

Eduardo Rabasa zeichnet ein düsteres Bild der mexikanischen Arbeitswelt. So surreal, dass man kaum an sich halten kann, und immer wieder schmunzeln muss. Er schickt seinen Helden Fernando durch ein Minenfeld der Emotionen. Seine Frau scheint ein Verhältnis zu haben und genießt es sichtlich ihren Gatten leiden zu sehen. Nur um ihn kurze Zeit später wieder zu umgarnen. Und wiederum später ihm seine Tolpatschigkeit und Eiferucht aufs Brot zu schmieren. Ohne die Tabletten von Dr. Lao könnte Fernando nicht überleben. Oder würde er besser leben ohne die weißen Dinger? Schwarzhumorig, was sonst, führt Eduardo Rabasa den Leser am Ring durch die Arena der Halbwahrheiten auf dem übertriebenen Grün der Eitelkeiten.