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Öl auf Wasser

Journalist Rufus wittert den Scoop. Die Story seines Lebens. Die Story, die ihn berühmt machen wird. Dass im Nigerdelta nur die Gewalt regiert, ist bekannt. Wieder einmal wurde jemand entführt. Doch dieses Mal ist es die Frau eines hochrangigen Mitarbeiters aus der oberen Etage eines Ölmultis.

Die Rebellen, so bezeichnen sich die Kidnapper, fordern Geld, viel Geld und laden zynischerweise auch noch Journalisten ein. Rufus reist mit Zaq in eine der gefährlichsten Regionen der Welt. Zaq war einmal das, was Rufus vielleicht noch bevorstehen wird: Ein gefeierter Autor einer großen Zeitung. Beide kennen sich von der Journalistenschule, von der Rufus von Zaq für seine herausragenden Leistungen geehrt wurde. Jetzt ist Zaq ein Säufer, ein desillusioniertes Wrack.

Für Rufus ist er aber auch Ratgeber. Nicht die Suche nach der verschwundenen Frau steht im Vordergrund. Die Suche nach dem Was soll Rufus antreiben. Die Frau taucht schon wieder auf. Der Konzern wird schon zahlen. Am Geld wird’s nicht scheitern.

Die Horde Journalisten dezimiert sich freiwillig immer mehr. Bis nur noch Rufus und Zaq übrigbleiben. Schnell finden sie Helfer und Gefährten, die sie im Dickicht der Gefahren in scheinbar sicheres Land führen. Die Ruhe trügt. Ein perfides System aus Korruption, Gewalt und Einschüchterung hält ganze Landstriche in Atem. Wo eben noch das Leben pulsierte, regieren nun Ödnis, Angst und über allem hängt der Gestank des Todes. Wie Captain Willard in „Apocalypse Now“ schreitet Rufus immer weiter voran. Zum Schluss sogar ganz allein. Denn Zaq hat seine letzte Reise bereits angetreten. Willard wusste wen er sucht. Rufus hingegen weiß bis zum Schluss nicht, was er sucht bzw. zu finden droht. Im Reisegepäck hat Rufus außerdem die Erinnerungen. An die Familie, den Vater, die Mutter und die geliebte Schwester.

Helon Habila zeichnet ein düsteres, vor allem aber klares und exaktes Bild einer Region, die fast gänzlich von der öffentlichen Bildfläche verschwunden zu sein scheint. Kleine Nadelstiche ins welkende Herz des Deltas verschaffen den Menschen zu kurzzeitig Linderung. Große Veränderungen bedürfen größerer Schritte. Dieses Buch ist aber elementarer Bestandteil dieses Kampfes, der niemals vergessen werden darf.

Der gute Sohn

Wann hat das eigentlich angefangen? Wann wurde Yu-jins Mutter so fürsorglich? Und warum? Yu-jins Bruder machte nie Probleme, und doch ist Yu-jin ein guter Sohn. Erfolgreicher Schwimmer, exzellenter Schüler und angehender Anwalt. Wohnt immer noch bei Mutter zu Hause. Der Vater verstarb vor ein paar Jahren. Wie sein Bruder. Doch die Mutterliebe ist erdrückend. Denn Mutter lebt streng nach Regeln. Um 21 Uhr muss Yu-jin wieder in seinem Zimmer sein. Erst dann kann die Mutter selbst zu Bett gehen. Wird es später, bricht sie die Regeln. Alles für das Kind! Alkohol ist tabu. Wegen oder besser: Nur wegen der Medikamente, die Yu-jin nehmen muss. Seine Tante ist zum Glück Ärztin. Sie weiß immer Rat und kontrolliert offiziersmäßig und gründlich die Medikamenteneinnahme.

Yu-jin wird eines Morgens von einer unbestimmbaren Unruhe erfasst. Ja, wer hat getrunken – das hat er schon öfter getan. Obwohl er weiß, dass er es nicht tun sollte. Ein komischer Geschmack im Mund – naja, kann ja mal vorkommen. Und dann das ewig klingelnde Telefon. Wer stört denn so früh? Sein Halbbruder Hae-jin. Er will ihn besuchen. Geht es Mutter gut? Was soll die Fragerei? Yu-jin hat nämlich ein weitaus schwerwiegenderes Problem: Sein ganzer Körper ist blutverschmiert! Hände, Gesicht, Klamotten. Alles in quälend rotes Blut getaucht. Und Mutter? Sie atmet nicht mehr. Der Schnitt durch die Kehle war endgültig. Doch was ist passiert? Yu-jin kann sich an nichts mehr erinnern. Dass er die Medikamente abgesetzt hat, kam schon mal vor. Doch derart gravierende Auswirkungen …. Nein, das kann nicht sein! Er, ein Mörder? Muttermörder? Die Fragen schießen durch seinen Kopf. Ihm wird heiß. Von kühlem Kopf bewahren ist er jedoch gar nicht so weit entfernt. Fast schon kalkulierend studiert er das Tagebuch seiner Mutter. Er hat es zufällig entdeckt als er sie vor möglichen Besuchern – und die werden kommen! – „versteckt“.

Es ist ein Wehklagen einer vom Schicksal gebeutelten Frau, die nicht verstehen kann, dass ausgerechnet sie mit so einer Plage gestraft wird. Sie war doch immer fromm und ehrlich! Sie schafft es nicht einmal ihren Sohn beim Namen zu nennen, der Junge tat dies, der Junge tat das. Yu-jin ist erschüttert. Erst recht als er lesen muss, dass er das Ergebnis einer Studie ist. Er zu dem gemacht wurde, was er jetzt ist…

Jeong Yu-jeong schickt den Leser in „Der gute Sohn“ in die Abgründe einer durch und durch organisierten Gesellschaft, die jedwedes Abweichen von der Norm auf Biegen und Brechen zu verhindern sucht und sich vom Ergebnis nicht die Richtigkeit ihres Tuns abschwätzig machen lässt. Yu-jin ist mit einer Anomalie geboren worden. Aber eine, die nur im allerschlimmsten Fall weitreichende Folgen haben kann. Kann! Nicht muss! Er wird zum Spielball zweier Frauen, die in ihrem Ehrgeiz und ihrer Sucht nach Anerkennung für ihre Verdienste um das Angepasste sinnbildlich über Leichen gehen. Als Leser ist man geneigt den Fall der getöteten Mutter sofort zu verurteilen und dem Täter die größtmögliche Strafe angedeihen zu lassen. Die Gründe Yu-jins sind vielleicht nicht nachvollziehbar, bergen aber in sich eine gehörige Portion Mitgefühl. Jeong Yu-jeong schleicht sich mit ihrer fortwährenden, im Krebsgang fortschreitenden Geschichte ins Hirn des Lesers. Sie krallt ihren Helden im Gedächtnis fest. Von dort beflügelt er die Phantasie, frisst sie auf und spuckt sie im weiten Bogen wieder aus. Nur für ausgefuchste Horrorfans, denen der Thrill wichtiger ist als unendliche Lachen von Eingeweiden.

Der Schlüssel

Wenn’s nicht passt, dann kann man sich noch so viel Mühe geben … es wird nicht passen. Ein Professor, in etwas so alt wie das 20. Jahrhundert, wird sich zu Beginn des neuen Jahres klar, dass sein Sexleben – das mit seiner Frau, ein anderes kennt er nicht – nicht so erfüllt ist wie es sein könnte, ja, sollte. Sie, Ikuko, 45 Jahre alt, von betörender Schönheit, will und will und will. Er will auch, kann aber nicht. Nicht die Intensität, mehr die Dauer macht ihm zu schaffen. Er beschließt Tagebuch zu führen. Nicht, um sich aller Sorgen zu entledigen. Sondern in der Hoffnung, dass Ikuko dieses Tagebuch findet und dementsprechend handeln wird. Den Schlüssel für die Schublade, wo er das Tagebuch versteckt, platziert er so, dass sie ihn unbedingt finden muss. Der Professor bildet sich ein, dass sie seine geheimsten Wünsche entdeckt und dann ihrem Mann selbige erfüllen wird. Zum Beispiel den sie endlich mal komplett nackt zu sehen. Denn seit ihrer Hochzeit hat sie ihm die für den Akt wichtigen Stellen zwar präsentiert, die – wie er denkt – ihrer Meinung nach nicht so wichtigen Stellen jedoch geschickt im Dunkeln gelassen.

Was der Professor sich wünscht, trifft auch tatsächlich ein. Nur werden es beide tunlich unterlassen ihre geheimsten Wünsche (und Entdeckungen) mit dem Anderen zu teilen. Auch Ikuko führt Tagebuch. Auch sie weiß, dass ihr Gatte dieses Tagebuch finden und lesen wird. Sie hofft es zumindest.

Kimura ist der Dritte im Bunde dieses nur auf den ersten Blick kindischen Spiels. Er ist der Freund der Tochter Toshiko. Herr Kimura wird immer dann zu Kimura, wenn er dem Professor und seiner Frau zu Diensten sein kann. Kimura bemüht fast schon zu offensichtlich um die Gunst der Dame des Hauses. Er weiß, dass der Weg zum Herzen der Tochter über die Mutter führt. Die jedoch hat etwas ganz anderes im Sinn. So vertraut sie es ihrem Tagebuch an.

Die Kommunikation per Tagebuch funktioniert. An den Abenden wird gegessen und getrunken. Ikuko verträgt eine Menge. Mehr als ihre Tochter und der zukünftige Schwiegersohn allemal. Doch die Feste zehren an den Lebensgeistern. Immer öfter kippt sie um. Eine willkommene Gelegenheit ein bisschen Schwung ins Schlafzimmer zu holen…

Wunsch und Wirklichkeit klaffen auch ohne Manipulation oft und weit genug auseinander. Junchiro Tanizaki treibt das Spiel auf die Spitze. Woher auch immer die Unfähigkeit rührt offen miteinander über Intimes zu reden, kommen mag, die Tagebücher sind eine Idee. Mehr nicht. Denn die Folgen können weder der Professor noch seine Frau abschätzen. Wenn sie im Schlafe, oder ist der nur vorgetäuscht?, Kimura flüstert, spornt das ihren Gatten an. Aber er verzweifelt auch an der Tatsache, dass sie ihm nur dann das geben kann, was er will, wenn sie an den Freund ihrer gemeinsamen Tochter denkt.

Das Buch wäre in Japan fast verboten worden. Heute ist es ein Klassiker, der nur in einer überarbeiteten und frei von europäischer Dekadenz und Voreingenommenheit die wahre Pracht und Kraft der Worte entfalten kann.

Tod in Connecticut

Nolya Noyes sitzt auf einer Bank und schaut dem Schneetreiben zu. Doch es ist nicht still um sie herum. Sie steht im Mittelpunkt. Das gefiel ihr bisher immer ganz gut. Doch dieses Mal ist alles anders. Denn die Bank, auf der sie sitzt, ist eine Anklagebank. Sie wird verdächtigt einen Mord begangen zu haben. Robert Brandon wurde ermordet. Oder hat er sich doch selbst gerichtet?

Nolya ist mit ihren 25 Jahren das enfant terrible der New Yorker High Society. Konventionen sind für die anderen da. Sie ist unglücklich verliebt. In Arthur Raymond. Der auch in sie. Die Sache hat nur einen Haken. Arthur ist immer noch mit Betty verheiratet. Und Arthurs Vater Melville, ein schlitzohriger Anwalt sieht die Liaison zwischen seinem Sohn und der lotterhaften Nolya überhaupt nicht gern. Ja, er verabscheut die reiche Göre, die noch nie in ihrem jungen Leben einen Finger krümmen musste.

Robert Brandon, Sohn eines engen Freundes von Melville Raymond ist bis über beide Ohren verknallt in Nolya. Er unterliegt ihrer rebellischen Art und fühlt sich derart stark zu ihr hingezogen, dass er pausenlos versucht sie zu beeindrucken. Doch mit seinen kindischen Aktionen erntet er mehr müdes Lächeln als Bewunderung.

Am Silvesterabend will Nolya die Gelegenheit nutzen, um mit Arthur reinen Tisch zu machen. Sie ist es sich und vor allem ihm schuldig. Ein harter Schnitt mit leichten Blessuren ist ihr allemal lieber als eine ewig klaffende Wunde. Doch der Versuch scheitert kläglich. Im Zimmer befinden sich Arthur, Nolya und der ungestüme Bobby Brandon. Bobby beleidigt Arthur aufs Heftigste. Dann fällt ein Schuss und Bobby liegt in seinem Blut. Was ist passiert? Wer hat geschossen? Wieso hält der Linkshänder Bobby die Tatwaffe in seiner rechten Hand? Nolya nimmt die Schuld auf sich. Für sie ist es der Ausweg aus einer ausweglosen Situation. Doch der Weg in die innere Befreiung ist ihr versperrt worden. Zu viele Ohren, zu viel Zeugen. Einzig das Tribunal kann, so grotesk es erscheinen mag, ihr diesen Weg ebnen.

Wilson Collison portraitiert einmal mehr –wie schon in „Die Nacht mit Nancy“ eine Frau, die die Gesellschaft liebt, die von der Gesellschaft geliebt wird, ihre Regeln jedoch mit ihren zarten Füßchen in den glitzernden Pumps tritt. Sie weiß nicht wie man sich einfügt, ist jedoch elementarer Bestandteil dessen, was sie im Tiefsten ihres Herzen verabscheut. Ein Ende mit Schrecken ist in ihren Augen der beste Ausweg als der sprichwörtliche Schrecken ohne Ende. Sie versucht – schließlich ist sie eine Rebellin, das wird ihr immer wieder gesagt, bis sie es selbst glaubt – sich selbst ihrer Rebellion in den Weg zu stellen, in dem sie anfängt die Regeln der Gesellschaft zu beachten. Sie will einen vernünftigen Weg wählen, um der Misere ihrer chancenlosen Liebe zu entkommen. Doch auch dieser Weg ist steinig und führt mitten in die Katastrophe. Aber wer weiß, vielleicht hält das Schicksal doch ein happy end für die rastlose Nolya parat?

Tod in Monte Carlo

Die Region Banat teilen sich heute Serbien, Ungarn und Rumänien. Aus dieser Region stammt auch er Autor dieser anrührenden, aufwühlenden, verschwenderischen Geschichte. Und auch die Hauptfigur, Moritz Karpaty hat enge Verbindungen zu Ivan Ivanji.

Es ist Spätsommer 1939, Europa bebt, es brennt noch nicht lichterloh, doch die Glutnester sind gelegt. Der jüdische (das muss aufgrund der Zeit, in der die Geschichte spielt leider erwähnt werden) Arzt Moritz Karpaty macht zum ersten Mal Urlaub. Weit über siebzig Lenze zählt er. Sein Freund, der Zuckerfabrikant Viktor Elek (auch keine fiktive Figur, sondern real) überredet ihn nach Monte Carlo zu fahren. Das mondäne Monte Carlo klang in dieser Zeit schon wie das Elysium aller, die Träume wahr werden lassen wollten. Die Zeit mit Viktor – die Familie bleibt zuhause – genießt der Arzt. Ebenso das Klima, die festlichen Tafeln und das Casino. Und siehe da: Der bisher nur im winzigen Rahmen spielende Doktor hat Glück im Spiel. Und wie! Ein Millionengewinn darf er sein eigen nennen.

Viktor rät ihm gleich zu einer sicheren Anlage, zuhause im Banat. Auch wenn die politische Situation in Europa auf mehr als wackligen Füßen steht, so ist er felsenfest davon überzeugt, dass das Geld in der Heimat am sichersten angelegt ist.

Die Nachrichten künden hingegen von den ersten Bomben des Krieges. Polen wurde zwischen dem Deutschen Reich und der Sowjetunion aufgerieben und aufgeteilt. Deutsche, Schweizer, Franzosen – Europa trifft sich in Monte Carlo und diskutiert aus sicherer Entfernung die Lage des Heimatkontinentes. Das Übel, das allen Gegnern widerfährt, ist vielerorts noch ein Gerücht. Selbst, wer genau Bescheid weiß, sträubt sich sein Wissen zu teilen.

Neben dem Glück im Spiel – Viktor ist inzwischen abgereist und lässt den Doktor allein an der azurblauen Küste zurück – bahnt sich auch das Glück in der Liebe an. Maurice, wie er sich nun nennt, hat beschlossen nicht auf den Rat seines Freundes zu hören und will stattdessen die Millionen lieber in Monte Carlo verjubeln. Die russische Tänzerin Ira hat es ihm angetan. Und sie erwidert seine Avancen. Gen Heimat schickt er Briefe voller Urlaubsschwärmereien, im Gegenzug bekommt er Post voller Sehnsucht nach dem Gatten. Er und Ira sind unzertrennlich, während Europa sich immer weiter aufspaltet und Keile zwischen die Völker getrieben werden. Kann so eine Geschichte gut enden? Darf so eine Geschichte Gewinner haben?

Ivan Ivanji plaudert nicht einfach nur aus dem familiären Nähkästchen. Er zeichnet ein dunkles Kapitel europäischer Geschichte anhand seiner eigenen Familie nach. Blauäugigkeit und abgrundtiefer Hass treffen an einem Ort aufeinander, der auf den ersten Blick kaum unpassender zu sein scheint. Doch die Idylle des kleinen Landes trügt. Auch die Landesherren wussten geschickt die bald neuen Herren Europas zu umgarnen. Diplomatie hin oder her. Die Grimaldis kämpften an allen Fronten während dieser Zeit. Monte Carlo als sicherer Hafen, diese Illusion wurde mitten Krieg aufs Perfideste zerstört, als Juden ausgeliefert wurden, um in deutschen Konzentrationslagern ihr Ende zu finden. Der Tod in Monte Carlo ist ein symbolischer. Für Moritz Karpaty kam er in Gestalt des Alters…

Desperation road

Drogen und Prostitution – zwei Dinge, die sich bedingen, um das Dritte im Bunde – das Leben ertragen zu können. Diese hohle, und zudem absolut falsche Phrase, würde Maben nicht einmal mehr ein müdes Lächeln abgewinnen. Sie und ihre Tochter Annalee sind in Mississippi auf dem Weg in ein neues Leben. Die Habseligkeiten in einem Müllsack hecheln sie einer Stadt entgegen, in der ein Frauenhaus und ein Job nicht gerade auf sie warten, aber Linderung des Schicksals verspricht.

Russell Gaines ist auch auf dem Weg. Dem Weg nach Hause. Endlich. Wieder. Endlich wieder nach Hause. Elf Jahre konnte er diesen Weg nicht antreten. Die Gefängnismauern hielten ihn im Würgegriff. Zuhause warten sein Vater und eine Hausangestellte nicht auf ihn. Aber sie sind da. Genauso wie die Feinde von einst in Gestalt der beiden übersichtlich intellektuellen Brüderpaares Walt und Larry. Russell soll gleich spüren, dass er hier nicht willkommen ist.

Zwei Menschen auf dem Weg aus dem seelischen Nichts hinein ins Licht, das sie doch noch zu sehr blendet als dass sie seine Schönheit wahrnehmen können.

Mabens Martyrium begann vor Jahren als sie mit ansehen musste wie ihr Freund bei einem Autounfall ums Leben kam. Von da an ging alles bergab. Im Frauenhaus kann sie endlich durchatmen. Annalee wird liebevoll betreut während sie in einem Diner für Ordnung und Sauberkeit sorgt. Doch leider finden die Angestellten des Frauenhauses eine Pistole in Mabens Klamottensack. Die bekommt zufällig mit, dass die Polizei gerufen und wird gerät in Panik. Sie stiehlt die Waffe, hält sie einem Autofahrer an die Wange und flüchtet. Raus hier, irgendwo hin! Sie Pistole hat sie einem Polizisten abgenommen, der seiner Macht freien Lauf ließ und Maben vergewaltigte. Aus Notwehr erschoss sie ihn.

In derselben Nacht wird Russell angehalten. Zum Glück für ihn erkennt ihn der Deputy sofort. Denn Russell hat eine geladene Waffe bei sich, leere Bierfalsche im Fond, und sein Führerschein ist seit Jahren abgelaufen. Drei Dinge, die ein gerade aus dem Strafvollzug Entlassener nicht vorweisen sollte. Gnade vor Recht. Russell kommt noch einmal davon. Jetzt hält ihm eine aufgebrachte Frau einen Revolver an die Wange.

Michael Farris Smith lässt hier drei Lebenswege kreuzen bzw. aufeinander knallen, die erst am Ende des Buches klar werden. Maben ist eigentlich am Ende ihres Weges. Nur Annalee lässt sie den steinigen Pfad weiter beschreiten. Larry und Walt kennen nur Hass auf den Kerl, der ihrem Sohn und Neffen die Zukunft nahm. Und Russell will nur eines: Leben. Er hat gebüßt. Doch der Strudel der Ereignisse lässt ihn nicht los. Immer tiefer zieht es ihn in einen Abgrund, den er nicht kommen sehen konnte. Die in jeder Silbe aufbrechende Sympathie für Maben und Russell lässt den Leser als Gefangenen der Worte nicht mehr los. Die Wucht der Worte hinterlässt tiefe Striemen im Herzen des Lesers, der sich diese Wunden immer wieder genüsslich leckt.

Alte Freunde

Gute Freunde kann niemand trennen, so schmalzig der Kaiser einst daher trällerte, so viele Funken Wahrheit liegen in diesem emotionslosen Stück deutscher „Sangeskunst“. Shūji, der Erzähler, nicht nur der Ich-Erzähler, sondern der Autor persönlich, erfährt eines Tages eine weitere Bedeutung dieser phrasenhaften Worte: Gute Freunde, nein, alte Freunde. Gute Freunde waren sie nie. Er und dieser Bauer, der da unverhofft auf dem Estrich seines Hauses steht. Freunde bitten einen um einen Gefallen, sie fordern ihn nicht ein! Der Fremde, dessen Namen Shūji erst erfahren soll als fast schon zu spät ist, poltert wie ein rüpelhafter Spendensammler ins Haus und dann gewaltig ins Leben des Schriftstellers.

Der Fremde in Shūjis Augen wird von selbigem als alter Freund angesehen. Und er, der Fremde / alte Freund weiß so manche alte Geschichte zu erzählen. Damals in der Schule haben sie sich pausenlos gerauft. Hier die Narbe ist von Shūji. Und Shūji selbst muss immer noch eine Narbe am Schienbein haben. Doch Shūji hat keine Narbe. Weder am rechten noch am linken Bein. Zeit der Charade ein Ende zu setzen. Doch der Fremde ist so enervierend und irgendwie auch faszinierend, dass Shūji ihn gewähren lässt. Selbst als der Whiskey einfordert, den Shūjis Ehefrau servieren soll, ist von einem polternden Ende nichts zu spüren. Shūji ist viel zu sehr damit beschäftigt wohin das Ganze führen soll. Will der alte Freund Geld? Ein Klassentreffen wäre doch eine Gelegenheit sich mal wieder so richtig die Kante zu geben und in Erinnerungen zu schwelgen, oder nicht?! Das kostet! Doch der fremde alte Freund will kein Geld. Am Ende des Tages, ein bisschen schummrig im Kopf – noch schummriger als es die Situation an sich schon hergibt, trennen sich die beiden. Ein schöner Tag! Aber was soll man von diesem Tag halten?

Osamu Dazai lebte das Leben eines echten Freigeistes. Religion und Politik waren ihm nur so lang nahe, als dass sie ihm Inspiration liefern konnten. Seine Familie verstieß ihn, weil er die Zuwendungen nicht so verwendete wie ihm geheißen. Schließlich nahm er sich mit nicht einmal neununddreißig Jahren das Leben, zusammen mit seiner Geliebten. Doch seine vom eigenen Leben eingefassten Geschichten überlebten jeden Bildersturm.

Diese Geschichte erschien erstmals 1946 in einer Zeitschrift. Nun wurde sie wiederentdeckt und erstrahlt in einer erlesenen Aufmachung mit sieben Bleistiftzeichnungen von Susanne Theumer, die erst bei genauerem Hinsehen die Szene klarer erscheinen lassen. Shūji ist ein Intellektueller, einer, der es besser wissen müsste. Einer, dem Fallen ins Auge fallen. Doch er tappt sehenden Auges hinein. Der Schaden ist seelischer Natur. Körperlich unversehrt bietet ihm dieser besondere Tag, „der Vorfall“, die Möglichkeit mit sich selbst ins Gericht zu gehen. Der Leser ist stiller Beobachter, der mit offenen Augen den großen Knall herbeisehnt. Doch der kommt nicht, was ein noch größerer Knall ist als beim Lesen erhofft.

La cucina veneziana

Denkt man sich die Touristenmassen, den Schifffahrtswahnsinn und die zahlreichen Besucherfallen in der Lagunenstadt weg, bleibt die Essenz der Serenissima übrig. Und die wird am Mittagstisch oder beim Dinner deutlich: Vielfältig, delikat, schmackhaft und ein bisschen anders als in Mailand, Rom und Neapel. Schon früh erkannten die Stadtväter, insbesondere der Doge, dass die kulturelle Vielfalt einen Mehrwert in jeglicher Hinsicht darstellte. Deswegen erließen sie ein Gesetz, dass jeder zugeriesten Kultur es erlaubte eine Besonderheit ihrer angestammten Provenienz beizubehalten. Wie weitsichtig, bis in die heutige Zeit – nachahmenswert. Und so kommt es, dass auf venezianischen Tellern eben nicht nur Erzeugnisse aus der Region die Sinne erfreuen, sondern auch Exotisches in der Lagunenstadt als „Eigengewächs“ die Phantasie anregt. Gerd Wolfgang Sievers hat sich davon anstecken lassen. Er ist für die Lesedauer des Buches der wissende Connaisseur für den Leser, den Feinschmecker, den Besucher der Stadt.

„La cucina veneziana“ ist bei seinen Recherchen aber keineswegs ein reines Kochbuch geworden. Dieses Buch ist der kulturelle Rundumschlag zu Tische! Den Brückenschlag zwischen den Welten der Erde haben die Venezianer selbst gelegt. Als Großmacht des Mittelalters befuhren zahllose Schiffe die Meere und brachten aus aller Herren Ländern Gewürze, Pflanzen und Kräuter mit in Lagunenstadt. Der Autor hat die (mittlerweile wieder neu erworbenen) Erkenntnisse in diesem Buch zusammengefasst. Und so darf man von der Couch aus, vom Küchentisch aus, an Schneidebrett und Küchenmaschine Venedig aus der Ferne schon einmal vorentdecken. Denn eines steht fest: Wer nach dem Genuss dieses Buches und auch nur eines der darin beschriebenen Gerichte nicht sofort ans nördliche Ende der Adria will, darf sich nie wieder Genießer nennen!

Mit einem (oder gleich mehreren) Ciccheti beginnt die kulinarische Reise in die Stadt von Commissario Brunetti. Geröstete Scheiben Brot, die reich belegt den Mundraum mit Aromen erfüllen. Oder wie wäre es mit einem Insalata die Dogi? Mit Spargel, Garnelen und feinstem Olivenöl? Bevor Gerd Wolfgang Sievers das Rezept zum Besten gibt, verweist er den Leser auf die Schulbank. Doch kein erhobener Zeigefinger trübt die Aussicht auf ein leckeres Mahl, vielmehr ist es ein spannungsgeladener Ausflug in die Geschichte. Ein Appetitanreger, der primo piatti und secondi piatti sehnsüchtig herbeiruft. Die kommen in Gestalt von frittata di San Marco, Bigoli con salsa und natürlich risotto daher. Risotto alla sbirraglia, risotto de gò, risotto co le sécole etc. Und wenn man so richtig eingestiegen ist in die Kulinarik Venedigs verzaubern Bodoletti all muranese, Seppie col nero oder Tettine alla venexiana den immer noch appetitheischenden Gast. Auf dem heimweg schwärmt man immer noch von Fave die morti, Sprumiglie oder Baicoli.  Ein hartes Los, wenn man nur davon liest. Ein wenig abgemildert durch die ausführlichen Einleitungen des Autors zur Herkunft dieser Speisen. Heilung verspricht da nur eine Reise an die Kochtöpfe Venedigs. Adressen hat Gerd Wolfgang Sievers wohlwissend gleich beigefügt.

Es sind Bücher wie diese, die die Sehnsucht nach dem Süden schüren und sie zugleich zu bändigen wissen. Detailreich und mit jeder Silbe nachvollziehbar, bereichert der Autor die Faszination für eine Stadt, die jährliche das Zigfache ihrer Einwohnerzahl als Touristen ertragen muss. Nur wer sucht, wird das Venedig aus diesem Buch finden. Allerdings hat jeder Besucher nun dank dieses Buches die Möglichkeit dazu.

Don Ottos wunderbarer Plattenladen

Glücklich, wer solch einen Laden in der Umgebung hat. Ein Laden, in dem man nicht nur schnöde seine bitter verdienten Penunzen über den Tresen schiebt, sondern ein Laden, in den man sich sein Sofa stellen und nie sich mehr davon erheben möchte. Don Otto hat in Bogotá so einen Laden. Einen Plattenladen. Musik auf Vinyl. So warm der Klang der Kompositionen, so warmherzig – und vor allem wissensreich – der Besitzer, Don Otto. Wer hier her kommt, sucht. Sucht nach Ablenkung. Sucht nach Erkenntnis. Don Ottos wunderbarer Plattenladen ist die Suchtklinik für alle, die noch träumen können.

In Don Ottos Plattenladen, den wunderbaren Plattenladen kommen Punks mit Hakenkreuzen und knallbunt gefärbten Haaren und kehren dieser Plattenküche mit dem wohligen Gefühl ein Stück Musikgeschichte in der Hand halten zu können diesem wieder den Rücken. Vivaldi empfiehlt er zwei Damen, deren Röcke nur bedingt breiter als ein Gürtel sind. Was Intellektuelles haben sie gesucht, und von Don Otto gleich noch ein paar Anekdoten über den Komponisten mit auf den Weg bekommen. Béla Bartók ist da schon eher was für Zahlenfetischisten. Mit welcher Eleganz Don Otto seinen Kunden die Finobacci-Zahlenreihe erläutert, sucht seinesgleichen.

Es ist die Musik und ihrer Erschaffer, die Don Otto das eigene Leben erträglich machen, die Dinge dieses, seines eigenen Lebens ins rechte Licht rücken. Wo die Guerilla Kolumbiens nur scheitern, kann setzt er mit seinem Wissen der Musik und ihrer Wirkung ein Licht ins Dunkel der Unwissenheit, der Ungewissheit und des täglichen Terrors. Auch wenn selbst bei ihm, im wunderbaren Plattenladen der Tod nicht umkehrt: Ein Kunde ist auf der Suche nach einem Requiem. Irgendeines. Gabriel Faure scheint Don Otto das geeignetste Requiem zu sein. Doch kaum hat er eine passende Aufnahme herausgesucht, passiert das Unerwartete…

Mauricio Botero gelingt mit Leichtigkeit ein Ausflug in die universelle Welt der klassischen Musik. Selbst wer bisher noch nicht von ihr eingenommen war, wird den Plattenschrank durchwühlen, Festplatten durchforsten oder im Netz nach Brahms, Verdi und Berlioz suchen. Für jeden Anlass die passende Musik. Otto Roldán ist der Notendealer des guten Geschmacks! Ein Verführer auf der Klaviatur der Gefühle. Ein Mephisto der musikalischen Empathie. Seine Hörner bestehen aus Aufnahmefühlern mit den sensibelsten Saphiren der Geschichte. Kein gemütsausdruck ist ihm so fremd, dass er nicht die eine Melodie parat hat, um den Moment klangvoll zu unterstützen.

„Don Ottos wunderbarer Plattenladen“ ist nicht einfach nur ein Buch über klassische Musik, ihre Wirkung und einen Ladenbesitzer, der die Kundschaft kenntnisreich mit Anekdoten und Rillentönen versorgt. Es ist der Einstieg in die Welt der Emotionen!

Hamburg

Eins Komma Acht Millionen Menschen können nicht irren! Hamburg lohnt sich! Ob als Zwischenstation oder Urlaubsziel für ein paar Tage oder länger, wird man sich in der Hansestadt vorzüglich amüsieren, verköstigen und unterhalten können. Doch wer jetzt meint, dass nach einem Fischbrötchen, einer Hafenrundfahrt und einem Musicalbesuch nicht mehr viel kommen kann, der hat nun fast dreihundert Seiten lang Zeit sich genüsslich die Vorurteile aus dem Hirn zu schütteln.

Zehn Touren hat Autor Matthias Kröner zusammengestellt. In jeder Tour lernt man die Hansestadt auf eine andere Art kennen. Selbst das über alle Maßen bekannte Sankt Pauli erfährt hier noch eine Wertsteigerung, die selbst eingefleischte Sankt Paulianer ins Staunen versetzen wird. Hat man erstmal die Reeperbahn, das Erotic Art Museum und den Fischmarkt „hinter sich gebracht“, ist noch lange nicht Schluss in dem Stadtteil mit der sündigen Meile – was heutzutage aber nur noch ein nostalgisches Klischee aus „Der guten, alten Zeit“ ist. Denn im Norden Sankt Paulis lässt sich der Tag zwischen Coimic-Buchläden, osteuropäischen Kulinariktempeln und Hinterhofkinos einmalig beenden. Ach ja, über Fußball auf schwankendem Niveau, dafür aber mit den eindrucksvollsten Fans Deutschlands lässt sich hier vortrefflich diskutieren…

Auch der Hafen ist seit jeher ein Anziehungspunkt. Früher Arbeitgeber Nummer Eins der ganzen Region, ist er mittlerweile zu einem architektonischen Schmuckstück gereift. Die Speicherstadt hat mit der Elbphilharmonie einen Hingucker und Ohrenschmaus erster Kajüte bekommen.

„Hamburg im Kasten“ ist nicht der Ausruf eines begeisterten Fotografen – alles bekommt man eh nie ins Bild, zumindest nicht auf einmal – sondern die Rubrik, die man sich als Besucher besonders gut durchlesen sollte. Farbig abgesetzt, lässt Matthias Kröner hier die historischen Puppen tanzen. Wer zum Beispiel einmal um die Alster laufen will, braucht seine Puste. Über sieben Kilometer umläuft man ein Gebiet von 164 Hektar. Da lohnt es sich von einem Experten Rat zu holen, wo man beginnt, wo man innehält und wo man einkehrt. Auch Nachdenkliches wie Hagenbecks Völkerschauen, die zum Glück der Vergangenheit angehören, lassen aufhören und einen Hamburg-Besuch umfassend informiert geschehen.

Die vierte Auflage des Hamburg- Reisebandes der MM City Reihe bekommt auf der weltgrößten Reisemesse die verdienten Lorbeeren, den ITB BookAward. Dieser Preis sticht in der Masse an Buchpreisen dadurch hervor, dass hier nur Reisebücher prämiert werden. Und dieser Preis ist für dieses Buch mehr als gerechtfertigt. Noch was zum Thema irren: Wenn die eingangs erwähnten Eins Komma Acht Millionen Hamburger meinen, dass sie schon alles über ihre Perle wüssten …