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Wir sehen uns in Venedig

Wie begegnet man einem Tumor? Mit Humor? Weil es sich so schön reimt? Man begegnet ihm wie einem Menschen, den man nicht mag, von man aber weiß, dass man ihn ein Leben lang nicht wieder loswerden wird. Ist man dazu noch in der Lage sein Leben, seine Gedanken und Gefühle in Worte kleiden zu können, kann man sich glücklich schätzen. Ganz ohne Pathos begegnet Autor Georges Hausemer seinem ungebetenen Gast. Er ist Ende fünfzig als der Tumor bei ihm klingelt. Und schon hat er einen Fuß in der Tür. Gegen ihn ankämpfen? Ja! Aber wie? Mit Worten!

Ein Blog, ein Blog. „Mein Tumor und ich“, später dann „Ich und mein Tumor“. Es wird eine intensive Zeit, in der Georges Hausemer mit dem ihm eigenen Humor seinem Hausgast die Stirn bietet. Die Angst schwimmt im gleichen Fahrwasser wie die Hoffnung. Ein ständiges Auf und Ab. Eine Krebserkrankung ist (zum Glück? – normalerweise? – leider?) keine gerade Linie, würde man sie ihn ein Diagramm pressen wollen.

So ein Tumor nistet sich jedoch nicht nur im Körper des Wirtes ein, sondern befällt folglich auch das Umfeld. Nicht viel um einen herum wissen dann vom neuen Bewohner. Doch diejenigen, die ihm früher oder später begegnen bzw. das Ausmaß der Einmietung zu Gesicht bekommen, sind tiefer betroffen als es auf dem Papier aussehen mag.

Ein Tagebuch ist immer eine Reise zurück. Denn nur das bereits Erlebte kann man niederschreiben. Der Krebs schließt jegliche Art von Planung konsequent aus je länger er sich eingenistet hat. Dennoch finden Georges Hausemer und seine Frau Susanne Jaspers die Zeit neue Bücher ins Auge zu fassen und wollen keineswegs aufs Reisen, wie in ihr geliebtes San Sebastian, verzichten. Immer im Gepäck: Er, der sich so aufdrängend unkomisch auf Humor reimt.

Unumgehbare Untersuchungen, unerschütterliche Diagnosen, unbeirrbarer Kampf – das ganze Leben beginnt auf einmal mit un-. Bis es irgendwann nicht mehr geht. Im Juni 2018 setzt Georges Hausemer unverrückbar (da ist es wieder, dieses un-) den letzten Punkt in seinem Blog. Von nun an ist der Blog ein digitales Erbe in einer Welt, die man nur von außen betrachten kann.

Eine Woche nach dem Tod Ihres Mannes füllt Susanne Jaspers den Zeitraum von Anfang Juni bis Mitte August. Die Kliniken, die keine sind. Die Pfleger, die ihrem gottgegebenen Recht auf Pause unentwegt frönen. Die Ärzte, die Termine vergeben, die dann doch nicht eingehalten werden. Der Patient ist eine Nummer, hinter verschlossenen Türen.

Unverschlossen (ja, wieder mal ein un-) und aufgeschlagen hingegen liegt das Leben mit dem Tumor vor dem Leser. Ein erfülltes Leben, sagt man im Nachhinein so gern. Mag stimmen. Aber wie will man etwas beurteilen, das man nicht bis zum Schluss auskosten konnte? Georges Hausemer hat die Welt gesehen und sie mit den Lesern geteilt. Er bereiste Orte, die manche erst gar nicht auf dem Globus finden. Er begegnete Menschen, die selbst erfahrene Globetrotter nur aus seinen Büchern kannten. Er berührte Menschen, die als sie vom Tod des Autors erfuhren ins Schwanken gerieten. Verlust, das ist das Wort, das man immer wieder hört und sicher noch lange hören wird. Ein Gewinn ist dieses Buch. Kein Hoffnungsgeber. Ein Tagebuch. Jeder muss für sich selbst entscheiden wie er das Buch auf- und annimmt. Georges Hausemers letzte Reise ist der lange Weg, den man als Ziel anerkennen muss.

Berühre mich nicht!

Lästerzungen schreien sofort auf: „Das musste ja so kommen!“. Sie, Laura, heiratet Mattia. Sie, hübsch und schlau. Er, erfahren und erfolgreich. Sie ist jung, und er ist alt. Willkommen im Klischee der Eitelkeiten. Denn Laura ist von einem Tag auf den Anderen verschwunden. Das Telefonino ist ausgeschaltet. Der Wagen Schrott, von einer Brücke gestürzt. Mattia Todini ist ein erfolgreicher Schriftsteller, der es versteht geschickt seinen Ruf bei der Polizei einzusetzen.

Commissario Luca Maurizi lässt sich allerdings von dem großen Namen nicht ins Bockshorn jagen. Vielleicht ein bisschen Aufmerksamkeit mehr als nötig, doch nicht mehr oder weniger enervierend, wenn er erst einmal Witterung aufgenommen hat. Fakt ist, dass Laura Garaudo schon vor ihrer Heirat ein aktives Sexleben hatte. Nicht ganz so faktenreich belegt ist die Tatsache, dass einige dieser Beziehungen auch durch den Ehering nicht unbedingt als beendet einzustufen waren. Doch sie und ihr Gatte hatten da eine stillschweigende Vereinbarung.

Ihre Wohnung, ihre eigene, hat sie verkauft. Finanziell ist sich also unabhängig. Sechsstellig lässt es sich durchaus bequem fliehen. Maurizi setzt geduldig einen Schritt vor den nächsten. Und immer wieder taucht der Name Beato Angelico, der berühmte Maler, dessen Interpretation des Auferstehungsmythos‘ auch Thema ihrer Doktorarbeit war.

Je mehr Puzzleteile Maurizi ineinanderfügt, desto klarer wird das Bild der Laura Garaudo. Wer meint dieser Frau Vorschiften machen zu könne, wird rasch ins Reich der Irrungen und Wirrungen geschickt. Diese Frau ist ein Vulkan, die ihrem eigenen Rhythmus folgt.

Andrea Camilleri wirbelt verdammt viel Staub auf, wenn er Commissario Maurizi auf die Suche nach Laura Garaudo schickt. Doch die Nebelschwaden lösen sich alsbald in Wohlgefallen auf. Ist sie eine Frau auf dem Weg zur Selbstverwirklichung, die keine Spuren hinterlässt? Einem wie Camilleri traut man das zu. Oder ist sie von einem Fluch besessen, der sie forttreiben lässt? Auch das ist Camilleri zuzutrauen. Das Ende mag auf den ersten Blick profan wirken. Lässt man sich auf die Gedankenspiele des größten lebenden italienischen Autors ein, findet man die glücklich machende Nadel im Heuhaufen.

Legenden

Wie stellt man sich einen Roman über die Provence vor? Sonne, lavendelduftende Felder … das einzige, das die Idylle annähernd stören könnte, ist der fiese Mistralwind. Aber ansonsten eine Landschaft zum Verlieben. Sylvain Prudhomme sieht diese Landschaft auch. Doch er siedelt seine Geschichte in der Crau an, einem Landstrich der Provence, die mehr einer futuristischen Gesteinswüste mit Endzeitstimmung ähnelt. Aber keine Angst, diese Legenden werden ab der ersten Seite den Leser zum gefräßigen Lesetier machen. Absetzen unmöglich!

So zufällig wie in der Crau Leben anzutreffen ist, so zufällig treffen Nel und Matt aufeinander. Ihre Kinder sind befreundet und ihre Väter verbindet schon bald eine tiefe Freundschaft. Durch ein Filmprojekt über die Gegend von Arles, da, wo sonst nur Steine von der Vergangenheit zeugen, wird dieses Band noch enger geschmiedet. Denn allerorten und dann auch wieder nirgends fallen die Namen Christian und Fabien. Brüder. Dem Blute nach. Der Eine elegant, der Andere ein Raufbold. Nur kurze Zeit lebten sie hier in der Kargheit der Steine, doch ihr Leben ließen sie sich niemals von ihrer Umgebung beeinflussen. Echte Lebensfreude, die nur eine kurze Zeit dauerte. Doch Nel und Matt – Sylvain Prudhomme baut eine kleine Beziehung der beiden Freundespaare ein – sind von nun an auf den Spuren von Christian und Fabien.

Mit unbeirrbarer Sicherheit schickt Prudhomme seine Protagonisten und den Leser auf eine Odyssee in die Achtziger. Ein Pilot und ein Schmetterlingssammler / -forscher, die paarweise bekannt sind wie die sprichwörtlichen bunten Hunde. Angst muss man vor dem dynamischen Duo nicht haben. Doch ihre unbändige Lebenskraft verstört so manchen. Nel und Matt sehen in ihnen fast schon ein Pendant zu sich selbst. Haarscharf an der Klischeegrenze forciert Prudhomme das Tempo seines Romans, den man schwer einordnen kann. Hofft man zuerst, dass es zu einem großen Knall kommen wird, so ist man doch erleichtert, dass Fabien und Christian einfach nur zwei Menschen sind, denen das Leben nur mit offenen Händen zugetragen wurde. Sie nutzen sämtliche Chancen, sehen sich schlussendlich aber doch einem Ende gegenüber, das viel zu früh und viel zu hart den Weg in die Zukunft versperrt.

Anfangs sollte es „nur“ ein Filmprojekt sein. Bei den Recherchen erfahren Nel und Matt viel mehr über die Gegend, Fabien und Christian und sich selbst. Alle Hauptdarsteller treten in Paarformation auf. Jeder für sich bietet schon genug Stoff für eine Geschichte, wenn nicht sogar für einen Roman. Entgegen aller mathematischen Gesetze verdoppelt sich der Reiz der Geschichte nicht nur durch die Verdoppelung der Handlenden, sondern potenziert sich ins Unermessliche. Die Provence, die Camargue, die Crau zu bereisen ohne diesen einzigartigen Roman gelesen zu haben, wäre so gar nicht legendär. Die exakten Beschreibungen der Landschaft, der Menschen, die hier leben, sind so berührend und nachvollziehbar, dass „Legenden“ einfach ins Handgepäck gehört.

101 Wien

Wien mit Reiseband – ist das wirklich notwendig? An jeder Ecke ist doch irgendwas zu sehen, was sehenswert ist. Zur Not folgt man unauffällig irgendeiner Gruppe und man gelangt garantiert zur nächsten Attraktion. Mag sein. Aber dann sieht man nur irgendetwas und weiß nicht was und warum es so bedeutsam ist. Die Antwort auf die Frage lautet also: Ja!

Einer Autorin wie Sabine Becht kann man vertrauen. Zusammen mit Sven Talaron steigt sich nicht nur in die Tiefen der Stadt hinab, sie holt auch das ans Tageslicht, was man beim Hinterhertraben in der geführten Masse nur als sehenswertes Etwas wahrnimmt. Wien birgt die Gefahr in sich, dass man nach ein paar Tagen der Attraktionen müde wird. Es ist einfach zu viel. Bekommt man allerdings Hintergrundinfos an die bzw. in die Hand wird Wien wieder zum Sehnsuchtsort, den man sich erhofft hat.

Und wenn man die ersten Highlights der Stadt (Stephansdom, Kunsthistorisches oder Naturhistorisches Museum, Stadtpark, Bellevue …) als durchaus sehenswert, aber teilweise derart überlaufen, abgearbeitet hat, kann man sich der Wiener Küche zuwenden. Auch hier gilt es wieder Akzente zu setzen. Der Gaumen soll doch nach dem Urlaub nicht der einzige sein, der abgefrühstückt wurde, oder?! Ja, Figlmüller und seine Schnitzel sind weltberühmt, doch wer in der Hauptfiliale speisen möchte, muss erstmal anstehen. Und das nicht nur ein paar Minuten. Ebenso im Griechenbeisl, um die Ecke, dem ältesten Schnitzelrestaurant der Stadt. Ankommen, hinsetzen, genießen, zahlen und weiter geht’s – illusorisch, wenn man zu einer zivilen Zeit dem Magen was Gutes gönnen will. Die Autoren haben Alternativen zur Auswahl, die sich schon zu den etablierten Einkehrmöglichkeiten zählen dürfen.

Wer an Wien denkt, kommt an der zentralen Sammelstelle für Touristen nicht vorbei. Schloss Schönbrunn. Wer meint, dass die Wartezeit vor dem Figlmüller schon unmenschlich ist, der war noch nie in Schönbrunn. Ein riesiges Kassenhäuschen mit zahllosen Warteschlangen. Und ist man endlich im Schloss, geht’s im Gänsemarch durch die Gemächer derer von Habsburg. Schön ist anders! Aber die Anlagen um das Schloss sind sehenswert und wirkliche Erholung. Wer dem Ganzen aber noch die Krone aufsetzen will, fährt ein paar Haltestellen mit U-Bahn stadtauswärts in den Stadtteil Hietzing. Hier lebte Hans Moser, heute die Botschaft Aserbaidschans. Hier lebten Beethoven, Strauss, starb Liszt, und hier wirkte einer der größten Künstler Wiens, Österreichs, Europas, wenn nicht gar der Welt: Gustav Klimt. In einer kleinen Straße (nicht ganz so leicht zu finden, da nicht überall Hinweisschilder hängen) lebte und arbeitete er. Die kleine Villa beherbergt immer noch das Atelier des Künstlers, so als ob er vor seiner Siesta hier noch den einen oder anderen Pinselstrich getan hat.

Allen, die meinen, dass Wien mehr als nur einhundertundeinen Tipp zu bieten hat, sei versichert, dass sie recht haben und die im Buch angepriesenen einhundertundein Tipps Ausgangspunkte für weitaus mehr als hundert Tipps mehr sind. Auch wenn man nicht gezielt nach Höhepunkten der Donaumetropole sucht, empfiehlt es sich dieses Buch auf alle Fälle dabei zu haben. Wie soll man sonst das eine oder andere Highlight erkennen? Die Mischung macht’s: Das, was jeder sieht (was man schon zu kennen glaubt), gepaart mit dem, was man nur sieht, wenn man nicht nur vorwärts schaut, sondern auch links und rechts nach oben und unten schaut, in Verbindung mit naiver Neugier – die Autoren lassen jedem Wienbesucher den Freiraum Wien auf eigene Faust zu erkunden, stupsen ihn aber wieder an innezuhalten und sich umzuschauen. Der Lohn: Wien mit ganz anderen Augen sehen zu können!

Monty Python. 100 Seiten

Während die europäische Welt auf Großbritannien schaut, weil dort ein Bruch mit herkömmlichen Werten vonstattengehen soll, begehen wir eigentlich ein anderes Bruchjubiläum im Jahr 2019. Es war im Mai 1969 als sich bei der in London sechs Männer mit dem BBC-Repräsentanten John Howard Davies trafen. Sie hatten da so ‘ne Idee fürs Fernsehen. Und am 5. Oktober 1969 flimmerte dann zum ersten Mal im Nachtprogramm „Monty Python’s Flying Circus“ über die Mattscheibe. Dreizehn Folgen voller Lacher und Kracher, die bis heute Kultstatus genießen. Der Lumberjack wurde geboren, ebenso die „Hell’s Grannies“. Bis heute geflügelte Worte für alle, die bitterbösem Humor mehr als ein Lächeln abgewinnen können.

Im Silly Walk schreibt Autor Andreas Pittler die Geschichte der wegweisenden Komikertruppe auf einhundert Seiten nieder, ohne dabei auch nur ein Detail auszulassen. Von heiligen Spermien über Bananenangriff und der spanischen Inquisition bis hin zu toten Papageien – alles dabei, was die Lachmuskeln verlangen. Dieses Buch Seite für Seite durchzulesen ist ein Ding der Unmöglichkeit. Immer wieder setzt man ab und erinnert sich an die Sketche und krümmt sich vor Lachen.

Immer wieder wird man zurückversetzt in eine Zeit, in der nicht alle vereint vor der Glotze saßen und vereint Lachsalven hinausbrüllten. Monty Python spaltete. Es gab nur Liebe oder Hass. Erst im Laufe der Jahre wandelte sich das Bild. Und als „Das Leben des Brian“ über die großen Leinwände flimmerte, waren alle versöhnt. Außer der Kirche, die darin die blanke Blasphemie sahen.

Leider gingen die Komiker da schon teilweise getrennte Wege. Und heute? Michael Palin reist auf ungewöhnlichen Wegen durch die Welt. Rund um den Pazifik, auf dem Nullmeridian während die Welt im Umbruch ist oder quer durch die Sahara. John Cleese ist der neue Q bei James Bond und nennt sich R. Terry Gilliam steht mit seinen Filmen für eine Extraklasse der Fantasy. Terry Jones widmet sich beispielswiese in einer seiner Dokus der Zahl Eins. Eric Idle ist gern gesehener Gast in familientauglichen Klamaukfilmen. Über Graham Chapman konnte man leider nur über den viel zu frühen Tod berichten.

Machen wir 2019 nicht zum Jahr des Brexits, was es wohl ohnehin nicht werden wird, oder doch?! Machen wir 2019 zum Jubiläumsjahr einer Gruppe, die Ulk, Slapstick, tiefschwarzen Humor in den Mainstream führte, ohne dabei ihre Eigenständigkeit ad absurdum zu führen. 50 Jahre Monty Python’s Flying Circus – darauf ein Bier, knick, knack, zwinker, zwinker … Sie wissen schon…

Musashimaru

Ein Käfer, der zwischen Buchstaben herumkrabbelt – Mu – Sashi – Maru kann man durch den gedrungenen Körper mit den filigranen Beinen erkennen. Bei dem einen oder anderen Sportfan klingelt ein kleines Glöckchen im Hinterkopf. Das war doch der Sumo-Ringer. Ein fast zwei Meter Koloss mit fast fünf Zentnern Lebendgewicht, an die Gegner der unteren Ränge regelmäßig abprallten. Stimmt. Aber um den geht es hier nicht! Obwohl Herr K., der Autor Choukitsu Kurumatani, sein Haustier nach dem massigen Yokozuna (der höchste Rang, den ein Sumo-Ringer erreichen kann) benannt hat. Sein Haustier ist … ein Nashornkäfer.

Nach einigen Fehlschlägen – Choukitsu Kurumatani wuchs nicht gerade mit dem so genannten goldenen Löffel im Mund auf, was ihn diese Fehlschläge einigermaßen gut verkraften ließ – geht es wieder aufwärts. Er kann sich ein geräumiges Haus leisten, das er und seine Frau nach ihren Wünschen einrichten. Der Kauf selbst gestaltet sich etwas kurios. Die Verkäuferfirma verlangt Barzahlung, die Zusatzkosten sind höher als gedacht. Doch Choukitsu Kurumatani kann die Mehrbelastung durchaus stemmen. Schon im Haus, das das Paar zuvor bewohnte, beherbergten sie ein außergewöhnliches Haustier. Und so kommt es, dass in die „Käferklause“ der Nashornkäfer Musashimaru einziehen darf.

Ein ungewöhnliches Tierchen. Wiegt nur ein paar Gramm. Hat aber Kräfte wie ein Stier. Seine Behausung, ein Korb, wird von ihm regelmäßig hin und hergeschoben. Das dichte Geflecht wird aufgebogen, so dass der kleine Racker immer wieder ausbüchst. Herr und Frau Kurumatani amüsiert das und mit wachsendem Interesse und fortwährender Neugier verfolgen sie die Entwicklung ihres tierischen Gastes. Wohl wissend, dass sein Ende vorhersehbar ist. Denn Nashornkäfer haben keine große Lebenserwartung. Freunde von ihnen haben ebenfalls einen Käfer bei sich aufgenommen und werden nicht müde in Briefen darauf hinzuweisen, dass ihr Käfer doch viel älter werden kann. Hochmut kommt vor dem Fall!

Doch eines Tages bemerkt Choukitsu Kurumatani, dass Musashimaru langsam die Kräfte schwinden. Zuerst ist es nur eine Klaue, die ihm fehlt, schon bald sind es ganze Gliedmaßen, die es ihm unmöglich machen auf eigene Faust die Welt der „Käferklause“ zu erkunden. Schließlich stirbt der neun Gramm leichte Musashimaru.

Choukitsu Kurumatani wurde früh mit dem Tod konfrontiert. Das Thema Tod zieht sich durch sein gesamtes Leben und Werk. Als Schriftsteller erster Garde – zahlreiche Preise wurden ihm zu Lebzeiten zuteil – versteht er es meisterhaft die Trauer in Worte umzusetzen. Die Übersetzung der Verlegerin Katja Cassing bringt diese Wortgewalt nun auch dem deutschen Lesepublikum nahe. Als Delikatesse – nur ein Merkmal der Reihe „cass schilfboot“ – sind die Seiten mit aufwändigen Zeichnungen von Inka Grebner illustriert. Japan zu verstehen kommt manchmal einer Mammutaufgabe gleich. Zu groß die kulturellen Unterschiede, zu ungewöhnlich die Namen der Protagonisten in den Büchern. Wer sich jedoch die Mühe macht die fremden Silbenformationen als ganz normale Namen anzuerkennen, dem wird mit Band Eins dieser hochwertigen Bücherreihe einen unermesslicher Wissensfundus offenbart. Mehr als nur eine Einstieg in eine doch so fremde Kultur.

Dem Paradies so fern. Martha Liebermann

Max Liebermann erlebte die Machtübernahme der Nationalsozialisten hautnah von seinem Balkon aus. Bis heute ist sein Ausspruch von Völlerei und Erbrechen in aller Munde. Wie in so vielen Künstlerleben – Liebermann war im Gegensatz zu vielen anderen jedoch in der Lage stets seine Rechnungen begleichen zu können – stand hinter diesem großen Mann eine nicht minder starke Frau. Martha war ihr Name. Als ihr Max 1935 starb hatte sie noch acht harte Jahre vor sich. Acht Jahre, in denen ihr Haus am Wannsee, das Paradies, nicht mehr selbiges war. Acht Jahre, in denen sie jeden Tag auf Erlösung hoffte. Acht Jahre Warten auf die Ausreise in die Freiheit. Freiheit hieß in ihrem Sinne Amerika. Dort, wo schon Tochter Käthe und Enkelin Maria auf sie sehnsüchtig warteten. Vergebens.

Martha Liebermann war an Kummer gewöhnt, könnte man lapidar argumentieren. Denn ihr Gatte war selten das, was man als Mustergatten bezeichnet. Die Nazis jedoch trieben diesen Zynismus auf die Spitze. Oft boten sie ihr an ihre Heimat verlassen zu können. Zu einem Preis, wohlgemerkt. Einem hohen Preis. Einen, den sie nie und nimmer hätte bezahlen können. Ihr Haus am Pariser Platz, dort wo am 30. Januar 1933 die braunen Schergen im Fackelglanz und mit Marschmusik ihren Triumph bildgewaltig zelebrierten, und wo ihrem Gatten das Kotzen kommen konnte (eingangs erwähntes Zitat), als auch das Haus am Wannsee gehörten ihr schon lange nicht mehr. Finanzielle Ressourcen waren aufgebraucht.

Die Unterstützung aus dem so genannten Solf-Kreis, einer intellektuellen Widerstandsgruppe verpuffte ebenso wie sämtliche Anstrengungen das geliebte Heimatland still und heimlich zu verlassen. Zur falschen Zeit am falschen Ort – eine gewissenlose Phrase wie sie nur ein menschenverachtendes System benutzen konnte.

Martha Liebermann entkam ihrer persönlichen Endlösung nur durch eigene Vergiftung. Als sie im März 1943 ins Konzentrationslager Theresienstadt deportiert werden sollte, lag sie bereits im Koma. Das war ihre Antwort auf die Perfidität der herrschenden Klasse.

Sophia Mott rückt eine Frau in den Mittelpunkt ihres Romans, die allzu lange im Schatten ihres übermächtigen Mannes stand. Die acht Jahre harten Kampfes um Selbstentwurzelung (ein Wort, das wohl nur LTI-Fetischisten in Erstaunen versetzt) reichert sie mit Rückblenden aus einem Leben an, das materiell reichhaltig, inhaltlich gut bestückt, seelisch jedoch ein Stück weit vom Glück entfernt war. Umso wichtiger ist dieses Buch!

In Liebe, Dein Vaterland II: Der Untergang

Der Wahnsinn geht weiter! Nordkorea hat sich in Fukuoka eingerichtet. Die abgetrennte japanische Provinz (Japans Regierung hat keinen Mumm eigenes Territorium zu verteidigen und überlässt die Halbinsel ihrem Schicksal) ist fest in nordkoreanischer Hand. Im Fernsehen läuft Propaganda. Und für die nachrückenden Einheiten, immerhin 120.000 Soldaten, wird bald schon eine kleine Stadt in der Stadt entstehen. Das kurbelt die Wirtschaft an. Freie Marktwirtschaft unter staatlicher Kontrolle. Volksverräter – und nur die Invasoren bestimmen wer Freund und wer Feind ist – werden ausgemacht und ihr Leben ausgelöscht.

Im Krieg gibt es, laut General von Clausewitz, einfache Regeln. Es gibt nur eine Nummer Eins – sie agiert. Es gibt nur eine Nummer Zwei – sie reagiert auf die Aktion von Nummer Eins. Und es gibt zahlreiche kleine „Nummern Drei“ – sie versetzen mit kleinen Nadelstichen Nummer Eins und Zwei immer wieder kleinere Blessuren. Sobald jedoch die Nummer Eins beginnt auf die Aktionen von Nummer Zwei zu reagieren, schwächt man die eigene Position. Aber ganz ehrlich: Am spannendsten ist die Nummer Drei. Mori und Toyohara gehören dieser Nummer Drei an. Ihr Leben ist nach offizieller Lesart eh nicht viel wert. Toyohara wuchs bei seinem Großvater auf. Ein ehrenwerter Mann mit ruhmreicher Ahnenlinie. Eines Tages beschloss er seine Mutter zu finden, stieg in den Zug und wurde prompt erwischt (Schwarzfahren ist ein gefährliches Unterfangen, wie man gleich sehen wird). Am nächsten Tag versuchte er es noch einmal. Dieses Mal mit einem Samurai-Schwert, eines aus Großvaters Sammlung. Ein Schaffner überlebte die freundliche Aufforderung den Zug zu verlassen nicht… Mori ist nicht minder aggressiv, hat außerdem ein sehr auffälliges Äußeres. Fast wie eine Eule.

Nur zwei Menschen aus einer Gruppe, die in der abgeriegelten Zone den Truppen folgen und ihrem Anführer Bericht erstatten. Sie sind die Nummer Drei. Sie stehen zwischen den Fronten. Auf der einen Seite sind sie japanisch, verachten aber die gegenwärtige Situation, die es ihnen verbietet ein „normales Leben“ führen zu können. Sie sind Anarchisten, Terroristen, teils sogar soziopathisch veranlagte Gangster.

Die Nordkoreaner sehen sich bald schon einer neuen Herausforderung gegenüber. Denn mit einer plumpen Invasion ist die Inbesitznahme Japans (beziehungsweise eines Teils davon) noch lange nicht erfolgreich.

Ryū Murakami lässt dem Leser keine Chance. Lachend und weinend zugleich liest man sich durch ein Szenario, das in der gegenwärtigen Situation gar nicht mehr so unwahrscheinlich erscheinen mag. Ehemalige, unverrückbare Bündnispartner drehen Japan den Rücken zu und lächeln Nordkorea an. Die schwache Regierung eines an sich starken Landes (wohl eher eine starke Wirtschaft, was die Abwendung der Amerikaner mehr als erklärlich macht) ist nach jahrzehntelanger intellektuell progressiver Hirnverfettung ist kopf- und planlos. Die politischen Gegner sehen nun ihre Chance gekommen nicht mehr nur Nadelstiche zu setzen, sondern gezielt höhere Positionen anzustreben.

Die satirischen Übertreibungen sind derart real geschrieben, dass es für diese Dystopie nur eine Devise gibt: Eine Lesemuss für jeden geistig aktiven Menschen!

Mord im Piemont

Ein paar Tage Piemont. Trüffel einkaufen für die Münchner Food Anarchist, die Firma, die Sinistra Cassotto, Sina für alle, die sie kennen, damit beauftragt hat, das Beste vom Besten zu besorgen. Sina ist Halbitalienerin und somit bestens geeignet direkt vom Produzenten einzukaufen. Blöd nur, dass im Piemont, wo die kulinarischen Verlockungen hinter jeder Straßenecke lauern, gerade eher Saure-Gurken-Zeit ist als Trüffel-Zeit. Der zu heiße Sommer hat die Knollen sich ins Dickicht zurückziehen lassen. Naja, wenigstens ein paar ruhige Tage bei Michael, bzw. in seinem Haus, irgendwo in nirgendwo. Wenn sie das Haus doch nur finden könnte. Ja, der Plan war gut, die Aussichten eher mittelprächtig. Real ist jedoch der Pistolenlauf, in den Sina nun schaut. Eingekerkert. Die Polizei im Anmarsch. Irgendwas ist hier gewaltig schiefgelaufen. Statt seltenen weiße Trüffeln aus Alba gibt es, wenn nicht bald was passiert, blaue Bohnen – als Henkersmahlzeit?

Ganz schön viel los auf den ersten Seiten von Gabriele Kunkels kulinarischem Krimi. Ein paar Seiten zuvor lässt sie den Leser schon mit der Vorstellung von Gnocchi in Käsesauce einen Gruß aus der piemontesischen Küche schicken. Ganz zu schweigen von den allgegenwärtigen Trüffeln…

Kurze Zusammenfassung: Sina will trüffel im Piemont kaufen. Sie will bei Michael wohnen. Den Schlüssel zu seinem Haus hat. Dort lässt sie auch das Geld, das sie für den trüffelkauf braucht. Barzahlung ist in diesem Fall üblich. Auf dem Weg zu Michaels Haus, erschrickt sie sich, begegnet einem Monster. Nun sitzt ihr Commissario Andrea (der Vorname sorgt allerorten für Erheiterung) Falcone. Ihr Geld ist bei einer Hausdurchsuchung in Michaels Haus sichergestellt worden. Auf dessen Grundstück wurde Cannabis-Pflanzen entdeckt, eine Plantage. Michael spricht von nur zwei Pflanzen. Und zu allem Übel wird ihr Trüffellieferant tot aufgefunden. Nicht der einzige Tote, den Sina kennt. Die Suche geht nun erst richtig los. Allerdings stehen nicht Trüffel auf dem Plan, sondern ein Mörder. Commissario Falcone weiß, wo er mit der Suche beginnen will…

Gabriele Kunkel gelingt es mit Leichtigkeit den Leser in einen Krimi hineinzuziehen, der ganz dem Klischee eines Italien-Krimis entspricht. Gutes Essen und ein vertrackter Fall – basta. Sina ist jedoch dem Commissario immer ein bisschen voraus. Und der Commissario kann Sina nicht recht einschätzen. Vielleicht hat sie ja doch was mit den Morden zu tun? Zwanzigtausend Euro in cash, nur um Pilze zu kaufen? Und das in einer offensichtlichen Drogenhöhle! Sinistra Cassotto ist allerdings nicht allein auf sich gestellt. Sie hat Helfer, die ihr tatkräftig zur Seite stehen. Das muss doch auch den Commissario überzeugen!

Provokation!

Geil! So ein Wort in den Mund zu nehmen, ja, es gab Zeiten, in denen man dafür mehr als schräg angeschaut wurde. Bruce & Bongo waren die Interpreten des gleichnamigen Titels und sorgten im Frühjahr 1985 wochenlang für heftige Kontroversen. Heute belächelt man eher diejenigen, die „geil“ als vermeintliche Jugendsprache deklarieren. So schnell kann’s gehen, erst der Teufel, dann Lachnummer. Bruce & Bongo brachte es beides, bis sie wieder dahin verschwanden, wo sie herkamen. In den Untiefen der Bedeutungslosigkeit. Ein typisches One-Hit-Wonder.

Doch „Geil“ war bei Weitem nicht das Fanal für Provokationen in der Pop-Musik. Eine Provokation ist per se immer an die herrschenden Verhältnisse gekoppelt. In einer prüden Gesellschaft kann beispielsweise allein schon die bloße Andeutung von sexuellen Handlungen Grund zur Aufregung geben. In einer humanistischen Gesellschaft sind Texte, die gegen Homosexualität, Ausländer und für die Leugnung von historischen Fakten einem hasserfüllten Publikum Futter geben, nicht minder große Aufreger. Bestes Beispiel ist hierfür die Abschaffung des deutschen Musikpreises Echo, nachdem die „Rapper“ Kollegah und Farid Bang (schon allein die Namen sollten eigentlich beim Publikum für Schmunzeln sorgen) mit ihren skandalträchtigen Texten nominiert wurden. Analog zu Bruce & Bongo kann man hier leider nicht davon sprechen, dass Provokation in der Popmusik nun ein Ende hat.

Bei der Provokation muss man zwischen zwei Arten unterscheiden: Der gezielten Provokation (meist kurzfristig, ein Phänomen der Gegenwart, die immer mehr Unbedarfte ins Visier der Öffentlichkeit spült) und dem puren Ausleben der eigenen Leidenschaft, die automatisch provoziert. Kaum einer würde wohl einem Bill Haley unterstellen, dass er die Gesellschaft mit heißen Rhythmen unterwandern wollte. Er liebte den Rock ‘n Roll und das allein war schon Grund zur Besorgnis. Bei Rappern der Gegenwart, egal ob dies- oder jenseits des Atlantiks, überkommt einem nur allzu oft das Gefühl, dass hier eine im Vorfeld genau durchexerzierte Provokation stattfinden soll.

Ob der Playback-Skandal von Milli Vanilli, Alice Coopers Bühnenshows, Westernhagens Anklage gegen Adipöse oder der Aufstieg von Conchita Wurst – Autor Michael Behrendt wühlt im Schmutz der Lautmacher und ihrer Ausdrucksformen. Schon das Cover (Banksys kissing police) führt den Leser auf die richtige Spur. Peter Toshs „Legalize it“, „Antichrist Superstar“ von Marilyn Manson (dessen Name schon für leuchtende Augen bei denen sorgt, die sich bewusst abgrenzen wollen) oder „The queen is dead“ von den Smiths – hier wird jeder fündig, der die Charts als Leitfaden zur Selbstbestimmung versteht.

Nicht jede vokale Provokation ist mit dem Interpreten gleichzusetzen. Denn nicht jeder, der auf einer Bühne nach Beachtung schreit, hat seine Texte selbst verfasst. Das relativiert so manches böse Wort. Und im Laufe der Zeit kehrt der eine oderandere Provokateur seinen Wurzeln des Erfolgs den Rücken. Hier noch ein paar Beispiele aus dem Buch, die dem Leser entweder in Verzückung versetzen, ein „Ach so“ entlocken oder für Verwunderung sorgen: Judas Priest – schwuler Sänger, harte Riffs, explizite Texte. Das führte zur Anhörung vor höchsten Stellen. Tipper Gore, Ehefrau von „Umweltaktivist“ und Ex-US-Vizepräsident Al Gore war die treibende Kraft dahinter. Body Count und „Cop Killer“ – so wird auch die Schusswesten durchschlagende Munition genannt – Erklärung überflüssig. t.A.T.u. – Ihr Liedchen „All the things she said“ – ein Zungenbrecher für die germanischen Sprachhüter brachen mit dem dazugehörigen Video einen Sturm der Entrüstung los. Zwei Mädchen, die sich küssen – wo soll das noch hinführen. Die Antwort wird in Deutschland indirekt immer wieder und immer unverhohlener auch von echten Demokraten versprochen. Die Zukunft sieht deutlich verklemmter aus, als es die jüngere Vergangenheit war.

Dieses Buch ist keine Provokation! Es ist das aufwendig recherchierte Lexikon dessen, was Provokation war und immer noch ist. Nüchtern wirft Michael Behrendt einen Blick hinter den Vorhang der Aufreger der Populärmusik. Ein Buch, das man spätestens dann wieder (und wieder und wieder) in die Hand nimmt, wenn Paul Hardcastles „19“, Prince‘ „Controversy“ im Radio erklingen oder Die angefahrenen Schulkinder wieder einmal vom Sex mit Steffi Graf fantasieren. Falls es noch Musikredaktionen gibt, die dieses Buch nicht im Schrank haben – schämt Euch! – kauft es! Ist allemal besser als die tausendste Nennung der Radiostation und millionenfacher Hinweise auf sinnentleerte Gewinnspiele, um die Quote während der Medienanalyse künstlich anzuheben.