Archiv der Kategorie: Urlaubslektüre

Agatha Christie – Die Autobiographie

Da sitzt sie nun zwischen all ihren Leichen, die sie in so vielen Jahren um die Ecke und unters Volk gebracht hat. Ein leicht erstaunter und zufriedener Blick. Und vor ihr schon die nächsten Mordpläne, die sie in die Mordmaschine einhämmern wird. Wenn man dem geflügelten Wort folgen darf, schreib worüber Du Bescheid weißt, wird einem angst und bange vor den folgenden über selbstverfassten sechshundert Seiten über das Leben von Agatha Christie.

Denn Leben und Werk der Queen of crime sind an Spannung kaum auseinander zu halten. Zwei Tage vor dem Nikolausfest des Jahrs 1926 verließ sie ihr Haus und kam erst eine reichliche Woche vor Weihnachten wieder. Elf Tage war sie weg. Eine Lücke im Leben der Agatha Christie, deren Rätsle bis heute nicht geklärt ist, die weder eine schrullige Meisterdetektivin und ein blasierter Meisterdetektiv lösen konnten. Und was macht Madame? Sie hüllt sich in Schweigen. Selbst diese Autobiographie lässt es nur zu, dass man spekuliert. Die Zeitungen von damals überschlugen sich. Ehekrach – Mord – Flucht im Affekt – Publicity-Gag? Naja, Mord war es auf jeden Fall schon mal nicht! Fakt ist, dass ihr Bekanntheitsgrad danach unerkannte Höhen erreichte.

Beim ersten Durchblättern – wenn man den Bildteil in der Buchmitte für sich erkundet – fällt auf, dass Verzicht, materieller Verzicht, nicht zum Heranwachsen der Agatha Mary Clarissa Miller gehörte. Haus, Garten, Haustiere, gebildete Eltern: Die Grundlagen waren schon mal gesät. Ihr erster Mann Archibald gab ihr seinen Namen, der schon bald eine Weltkarriere machen sollte: Christie.

Doch die Ehe hielt nicht. Erst mit Max Mallowman wurde Agatha Christies Leben perfekt. Vierzehn Jahre jünger war der Archäologe. Doch er zeigte ihr nicht nur sprichwörtlich, sondern wortwörtlich die Welt. „Unser Haus in Bagdad“ lautet die Bildunterschrift unter einem der Bilder im Buch. Nur eine Station des reiselustigen Ehepaares.

Ganz so viele Wendungen wie in ihren Romanen kann sie in ihrem eigenen Leben nicht vorweisen – das wäre aber auch zu viel des Guten. Aber wer 85 Jahre lebt, hat einiges zu erzählen. Und jedes einzelne Jahr ist wirklich erzählenswert. Wer diese Autobiographie zum Anlass nimmt Agatha Christies Bücher noch einmal zu lesen, katapultiert sich in ein neues Universum. Denn nun wird klar, woher ihr Ideenreichtum stammt. Wenn Hercule Poirot den Mordverdächtigen so leidenschaftlich und detailreich sein Wissen über alte Kulturen mitteilt, muss man schmunzeln, wenn man an die Zeit der Autorin an den Ufern des Tigris liest. Aha, auch der grandiose Ermittler bekam sein Graue-Zellen-Futter von einer Frau. Die Autobiographie ist kein Krimi, es ist das wahre Leben. Allerdings einer mehr als ungewöhnlichen Frau.

Die Straße zum 10. Juli

Vorsicht! Wenn Sie jetzt dieses Buch aufklappen, sind sie verhaftet – besser gesagt: Gefangen! Sie vergessen am besten alles um sie herum. Geben sich Nona Fernández hin und verschmelzen mit den Zeilen ihres Romans „Die Straße zum 10. Juli“. Anders überleben Sie dieses Buch nicht!

Auf der Straße zum 10. Juli stand einst ein Polizeirevier. Viele gingen hinein, nur wenige wieder hinaus. Juan, die kleine Leo, die Ubilla-Brüder, Greta. Sie waren damals eine verschworene Gemeinschaft. Traten ein für Gerechtigkeit. Damals im Gymnasium.

Heute gehen sie ihrer Wege. Juan geht wohl den extremsten Weg. Alles, was einmal war, zählt nicht mehr. Frau weg, Job weg, Juan … auch weg. Auf einmal. Kurz zuvor sorgte man sich noch um ihn. Ein Baulöwe bietet ihm eine ungeheure Summe für sein Geburtshaus. Eine Versicherungsvertreterin scheint sich sehr rührend um ihn zu kümmern. Aus seiner Akte – sie hat über jeden eine Akte, jeden! – liest sie, dass eine gewaltige Veränderung in seinem Leben voranschreitet. Doch alle Telefonate gehen ihm nur auf die Nerven. Er will sich nicht helfen lassen. Dann steht noch einmal Lobos, der Baulöwe vor der Tür, auf dem Dach, mit schwerem Gerät. Und Juan? Juan ist weg.

Greta ist auf der Suche. Auf der Suche nach Juan, nach der Puzzleteilen der Vergangenheit. In der Straße zum 10. Juli wird jeder fündig, der Puzzleteile sucht. Ein Ersatzteil-El-Dorado für alle, deren Wagen nicht mehr anspringt. Die Vergangenheit zusammensetzen geht hier am besten. Zumindest, wenn man nur Teile sucht.

Juans Verschwinden, die Nähe zur Colonia Dignidad, die perfiden Machtverhältnisse in Chile wirft Autorin Nona Fernández in einen großen schwarzen Kessel und rührt kräftig im Hirn des Lesers herum. Was ist echt, was Einbildung? Die Grenzen verschwimmen. Immer tiefer zieht sie die Akteure und die Leser in den Strudel der Ereignisse.

Die Colonia Dignidad war eine vom Deutschen Paul Schäfer gegründete Sekte, die Menschen bestialisch quälte, missbrauchte und unter dem Schutz der Junta Chiles, aber auch der deutschen Botschaft stand. Jahrelang waren die Machenschaften Schäfers und seiner Handlanger bekannt – unternommen wurde nichts. Selbst der freiheitsliebende Ex-Bundespräsident Joachim Gauck brachte es nicht fertig das Versagen der Behörden einzuordnen.

Die Gruppe um Greta, die sich wieder formiert hat – oder ist es alles nur Einbildung wie die Zwiegespräche mit dem verschollenen Juan? – beschließt dem Loch mit Tür einen Riss zu versetzen.

Nona Fernández ist eine Meisterin der Sprachbilder. Greta, die Ersatzteile sammelt, um den Bus von damals wieder flott zu bekommen, der ein Symbol der Einigkeit der Gruppe darstellt oder Juan einfach so verschwindet, um sich dann nur Greta wieder zu zeigen – sie alle fügen sich erst auf der letzten Seite zu einem großen Ganzen zusammen. Geduld und die Unterdrückung des Würgereizes (die Schilderungen der Zustände in der Colonia Dignidad lassen einfach niemanden kalt) gehören zur Grundvoraussetzung dieses Buch lesen zu können. Als Belohnung winkt ein Leseerlebnis, das so noch nie, ansatzweise nur vereinzelt, zu erhaschen war. Ein Thriller im Gewand einer historischen Aufarbeitung mit allen Zutaten, der die Erwartungshaltung mehr als übertrifft!

Wiener Märkte – Kulinarische Spaziergänge

Nur ein kleiner Buchstabendreher und alles wird bunt. Wien – Wein. Wein – Wien. Wien verändert sich. Keine breiteren Boulevards, keine neuen Einkaufstempel, die seelenlos das Fußvolk anlocken – nein, überall sprießen neue und alte Märkte aus dem Boden, um dem Frischgebot der Zeit Tribut zu zollen. Georg Renöckl hat sich die Nase geputzt und ist selbiger gefolgt, um Wiens Attraktionen eine weitere bzw. gleich mehrere zu addieren.

Istanbul, Dubai, Goa ohne Märkte – undenkbar. Folklore, wohin man nur sieht. Das Gemeinschaftserlebnis Shopping, das gute Gefühl beim Erzeuger sich die besten Stücke aussuchen zu können, ein verstohlener Blick in die Körbe der „Mitstreiter“, ach, welch ein Erlebnis!

Von der Inneren und der Leopoldstadt über Mariahilf und Alsergrund bis zur Jesefstadt und Hernals, Ottakring, und Liesing schlendert Korbträger Renöckl mit dem Leser über gestandene und neue Märkte der Hauptstadt Österreichs. Und man mag es kaum glauben, aber jeder Markt hat ein unverkennbares Merkmal, den so genannten unique selling point, kurz USP. Also das besondere Etwas, was sonst niemand hat und weswegen man eben genau dorthin geht, und nicht woanders hin.

Wien-Besucher aufgepasst! Zur Stärkung vor und nach dem Spaziergang aufm Zentralfriedhof, nach dem Besuch des Kunsthistorischen, vor dem Staunen und Flanieren im Graben, wird sich erstmal gestärkt. Und zwar kräftig, und zwar vor Ort, und zwar direkt vom Hersteller. Auf geht’s!

Schon die ersten Worte des ersten Kapitels machen Appetit. Denn nur eine gewachsene Stadt kann am rechten Fleck den Bauch haben. Mittendrin. Im ersten Bezirk. Zentraler geht’s nicht. Auf der Freyung wird’s  bio. Seit drei Jahrhunderten kommt hier nur das an den Stand, was jedem gedeckten Tisch zur Zierde gereicht. Hier war schon immer ein Markt, und er wird es auch bleiben. Mit Tradition hat man’s halt an der Donau.

Einzigartig – und auch das verblüfft bei einer so großen Stadt – ist der Meiselmarkt, Wiens einzige Markthalle im 15. Aber er stand nicht immer da. 1990 wurde beschlossen an der originalen Stelle ein – na was schon – Einkaufszentrum zu bauen. Doch die Buden blieben, blieben erhalten und siedelten fünf Jahre später an ebenfalls historischen Ort um. Ein alter nicht mehr genutzter Wasserspeicher wurde zum neuen Anlaufpunkt für das Markttreiben.

Mit allen Sinnen genießen, allen Sinnen – wer das will, darf sich den Leibniz- und Viktor-Adler-Markt nicht entgehen lassen. Georg Renöckl nennt dieses Kapitel „Der Sound der Petersilie“. Kosten erlaubt, Staunen und Schmatzen erwünscht. Wenn man beim Lesen nicht schon Appetit bekommen würde, könnte man ja einfach weiterlesen. Doch die stimmungsvollen Spaziergänge machen erst einmal einen Gang zur Küche notwendig. Hunger stillen. Gegen das Reisefieber und den Entdeckerdrang hilft nur noch ein Wien-Trip. Am besten mit leerem Magen, damit so viel wie möglich aus diesem Buch besichtigt, gekostet, geschluckt und verdaut werden kann. Ein leicht verdauliches Buch, das niemals schwer im Magen liegen wird. Und dessen Wirkung lange anhält.

Montag

So ein Montag hat’s in sich. Wiedereintritt in die Mühle, des Alltags. Oder doch Startschuss und Aufbruch zu neuen Zielen. Für Mordkhe Markus, Hebräischlehrer in einer revolutionären Stadt, ist die Revolution in Russland nicht unbedingt ein Fluch. Die Ideen der Roten gefallen ihm. Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit könnten sie sich noch auf die Fahnen schreiben, dann wäre alles perfekt.

Den Gefallen tun sie ihm aber nicht. Warum auch? Und so sitzt Mordkhe am Fenster, aufgestützt auf seine Arme und schaut dem Treiben „da unten“ zu. Armenmenschen betteln, die Frauen gehen ihrer Arbeit nach, Schüsse fallen. Schnell das Fenster zu. Drinnen ist es sicherer. Die Schriften des Talmuds geben Rat und bieten Ruhe. Besonders im übertragenen Sinne. Doch da draußen tobt das echte Leben…

Moyshe Kulbak ist heute kaum noch bekannt. Geboren 1896 in der Nähe von Vilnius erlebte er die Große Sozialistische Oktoberrevolution, und erlangte mit seinen Gedichten in den 20er Jahren einigen Ruhm. Heute würde er als Poetry-Slammer gefeiert werden. Damals gab’s diesen Begriff noch nicht. Er war eine echte Berühmtheit, die vor ausverkauften Rängen auftrat. Doch schon zwanzig Jahre nach der Revolution wurde ihm der Prozess gemacht. Seine Schriften waren nicht konform mit den Ideen der Kommunistischen Partei. Und ein paar Wochen später wurde er hingerichtet. Stalins Terror nahm Fahrt auf. Das menschenfreundliche System zeigte seine hässliche Fratze. Die Juden, die so sehr auf veränderte, leichtere Lebensbedingungen hofften, wurden mit der bitteren Realität konfrontiert.

„Montag – ein kleiner Roman“ ist ein wahres Kleinod, das das Schicksal des Autors in Auszügen vorwegnimmt. Wortgewaltig und mit vielen Anleihen in der jüdischen Tradition nimmt dieses Buch den Leser mit auf eine Reise in ein unbekanntes Land, in eine vergessene Zeit. Unumgängliche jüdische Begriffe werden im Anhang erläutert, so dass der Lesefluss nur kurz unterbrochen wird. Beim zweiten Lesen wird die Tragkraft des „kleinen Romans“ erkennbar.

Jasmin

Dania ist Schriftstellerin in Algerien. Die Gewalt im Islam und die Rolle der Frau beschäftigen sie nicht nur in ihren Romanen, sondern auch im wahren Leben. Vierundzwanzig Stunden am Tag. Und das obwohl die Dreiundzwanzig ihre Zahl ist. Um sie dreht sich alles. Sie ist an einem Dreiundzwanzigsten geboren. Die Quersumme ist die Fünf. Vier Schwestern sind sie und die Mama. Alle wie Gebete. Morgengebet, die beiden Mittagsgebete. Dania steht für das Gebet für den Sonnenuntergang, Maghreb, die Nachzüglerin Sonja für den Epilog des Tages. Melodisch, verträumt, sanft sind die Worte von Dania. Schroff hingegen der Vater, der der Poesie des Tages und der Frauen, Rohheit und Ablehnung entgegenspeit.

Isabelle ist französische Journalistin, die in Algier Dania bei einer Lesung kennenlernt. Isabelle ist frei nach den Maßstäben Danias. Doch auch sie ist gefangen im Korsett ihres Alltags. Zwischen den beiden beginnt eine spannende und wohlfruchtende Freundschaft, die sich in ihren Briefen und Mails zwischen den beiden ihren Weg bahnt.

Auch Isabelle hat eine besondere Beziehung zur Dreiundzwanzig. An einem Dreiundzwanzigsten hatte sie eine Eingebung Algerien zu besuchen. Wieder zu besuchen! Denn vor einem halben Jahrhundert, vor den großen Umwälzungen im mittlerweile größten Land Afrikas, verließen sie und ihre Familie Algerien. Seitdem lässt sie der Gedanke noch einmal Algier zu sehen nicht mehr los.

Nadia Sebkhi lässt Dania und Isabelle ihre Leben selbst reflektieren. Im Dialog aneinander brechen sie mit den Regeln des Schweigens. Sie finden den Mut und eine gewisse Art Erlösung in den Zeilen, die sich gegenseitig schreiben. Intellektuell und wortstark bestärken sie sich in ihren Gedanken.

Seit dreißig Jahren existiert der Verlag von Donata Kinzelbach. Dreißig Jahre, in den sie unermüdlich Literatur vorrangig aus dem Maghreb aufstöbert, übersetzt und auf Deutsch veröffentlicht. Diese Arbeit wurde 2008 mit dem Bundesverdienstkreuz gewürdigt mit der Begründung, dass sie mit ihrer Arbeit die Tür zur Vermittlung zwischen Kulturen und Kulturkreisen aufgestoßen habe. In der Zwischenzeit sind über einhundert Titel im Kinzelbach-Verlag erschienen. „Jasmin“ ist sicherlich einer der herausragendsten Titel in dieser Reihe, aber noch lange nicht der letzte.

Unsere Seelen bei Nacht

In dem Alter! Die sollten sich schämen! Ob die noch …  Du weißt schon! Sich das Maul über andere zerfetzen, wird zum Volkssport in Holt, Colorado. Denn Louis und Addie verbringen immer öfter ihre Nächte miteinander. Und beide sind um die siebzig Jahre … alt!

Addie ist Witwe, Louis ist Witwer. Schon seit längerer Zeit. Holt, das Fernsehprogramm, das Leben an sich bietet nicht mehr viel Abwechslung. Routine und Pflichtbewusstsein bestimmen den Rhythmus. Addie fasst sich ein Herz und tritt mit einer ungewöhnlichen und doch sehr verständlichen Bitte an Louis heran. Sie habe sich überlegt, fragt sie verlegen, ob sie nicht, ab und zu, die Nächte miteinander verbringen könnten. Das muss Louis erst mal sacken lassen. In seinem Alter?!

Addie nimmt ihm gleich den Wind aus den Segeln, zeitig genug, bevor er sonst was denken könnte. Einfach nur die Nacht teilen. Das schwarze Kleid der Dunkelheit verstärke nur die Einsamkeit und beiden ist es wohl am liebsten ein bisschen Abwechslung ins triste Einerlei ihrer Tage zu bringen. Beide sind erfahren genug, um nicht zu weit zu gehen. Gesagt, getan. Der Schleier der Nacht umhüllt sie mit Erinnerungen aus ihrer beider Leben.

Und die Nachbarn? Na die haben endlich wieder was zu tratschen. Zwischen verständnislosem Kopfschütteln und Rätselraten „was da noch geht“, sind Addie und Louis unfreiwillig zum Gesprächsthema Nummer Eins geworden.

Doch das juckt die beiden nicht im Geringsten. Sie haben einander und sind füreinander da. Auch als Jamie, Addies Enkel sich plötzlich bei ihnen einquartiert bzw. einquartiert wird. Seine Eltern haben sich getrennt. Und der kleine Wurm wirbelt die neugewonnene Routine ein bisschen durcheinander.

Kent Haruf schreibt voller Empathie von zwei Menschen, die sich mögen, sich nicht unbedingt brauchen, aber vermissen würden, wenn es den anderen nicht mehr geben würde. Sie verschieben die anscheinenden Grenzen des Anstands und errichten ihren eigenen Staat im Staate. Regeln sind dazu da, um gebrochen zu werden – darum scheren sie sich nicht. Regeln sind dazu da, um angewendet zu werden, lautet ihre Devise. Weder die eigenen Kinder, noch die sich das Maul zerreißenden Nachbarn können ihrem Lebensentwurf entgegenstehen. Und auch der hat Aufs und Abs. Und von Stillstand will auch der nichts wissen.

„Unsere Seelen in der Nacht“ liest sich wie ein Märchen, das auf ein erwartetes Happy end zuläuft. Addie und Louis haben ihre Geheimnisse, doch das liegt lang zurück. Sie leben im Hier und Jetzt, das sie sich in der Vergangenheit errichteten. Ohne Scheu vor Abneigung entwickelt sich zwischen den beiden das, was man Liebe nennt. Ohne Zwischenrufe, ohne störende Nebengeräusche. Ohne Bedingungen, aber mit allen Konsequenzen. Ein großartiges kleines Buch, das in seiner Knappheit so vielfältig und lehrreich ist, dass man es immer wieder zur Hand nehmen will und wird.

Die Stadt mit der roten Pelerine

Rio de Janeiro sollte es sein, als Özgür ihre türkische Heimat verließ. Das ist eine Zeit her. Und noch immer sorgt sich die Mutter daheim um die Tochter in der Ferne. In Istanbul fällt Schnee, während in Rio die Sonne erbarmungslos auf die Köpfe herniederbrennt. Irgendwo wird geschossen, wieder. Oder immer noch?! Özgür nimmt die hörbare Gefahr kaum noch wahr.

Die Favelas haben die Hügel der Stadt erobert. Drogenhandel, Mädchenhandel, Waffenhandel haben nicht dazu beigetragen Rio als Handelszentrum zu etablieren. Touristen werden allerorten und zu jederzeit auf die Gefahren der Stadt hingewiesen: Kein Schmuck, keine Wertgegenstände, Vorsicht AIDS. Der schönste Ort der Welt ist gelichzeitig einer der gefährlichsten. Und Özgür? Sie lebt hier, ja, Leben. Eines, das sie in ihrer Heimat nicht leben konnte.

Die Gestrandeten, die Geächteten, die Gepeinigten sind die nächsten Verwandten ihrer neuen Familie. Die Armut ist, was sie verbindet. Immer noch ist sie als Gringa, als Ausländerin zu erkennen. Und somit verstärkt den Begehrlichkeiten der zwielichtigen Gestalten ausgesetzt. Doch dieses Leben ist die Grundlage ihres Buches, das sie schreiben will. Ein Buch über eine Stadt, die sich in einem Umhang aus menschlichen Fasern hüllt. Ein Umhang, der modrig riecht wie das Leben. Ein Umhang, der Geborgenheit gibt, egal wie schäbig er aussieht. Ein Umhang – eine Pelerine.

Aslı Erdoğan bricht mit der Tradition, dass alles seine Ordnung haben muss. Ein sehr persönlicher Roman, der den Leser nicht in die türkische Heimat der Autorin führt, sondern ins paradiesische Rio de Janeiro. Paradies? Bei Weitem nicht. Wer hier im wahrsten Sinne des Wortes strandet, kommt nicht mehr von hier weg. Und Özgür (oder doch Aslı Erdoğan?) lässt die Stadt nicht mehr los. Die Gemeinsamkeiten Rios und Istanbuls werden nicht offen ausgesprochen, doch sie sind erkennbar. Riesenstädte, die aus allen Nähten platzen. Hoffnungsvolle Salbungen für alle Sinne. Orte, in die sich kein Tourist wagt. Beide Städte sind auf Gegensätzen errichtet. Das Eine kann nicht ohne das Andere. Und Özgür kann nicht ohne beides.

Das Werk von Aslı Erdoğan ist geprägt von fremden Kulturen und ihrem Verständnis für sie. Das brachte ihr mehr als einmal Ärger, aber 2010 auch den bedeutendsten Literaturpreis der Türkei. Seit August 2016 sitzt Aslı Erdoğan in türkischer Untersuchungshaft.

Das schlafwandelnde Land

Ein typischer Ausflug am Samstagvormittag mit dem Opa: Der ergraute Mann erzählt von wilden Tieren und beginnt alsbald mit der Belehrung zu den verschiedenen Pilzarten. Dass manche giftig sind und man sie auf gar keinen Fall ernten darf. Immer die Zeit im Nacken, weil die Oma mit dem Essen wartet, das pünktlich um Zwölf auf dem Tisch stehen wird. Spannung? Fehlanzeige!

Anderes Szenario. Tuahir streift mit dem jungen Muidinga übers Land. Auf der Flucht vor dem Krieg. Der alte Mann hat den Jungen bei sich aufgenommen als im der Hauch des Lebens endgültig drohte aus dem Körper zu steigen. Gehen, sprechen, singen – alles musste er ihm wieder beibringen. Nur lesen, das konnte er ihn nicht lehren. Das hat sich Muidinga selbst beigebracht.

Mosambik ist ein karges Land, das nach unseren Maßstäben wenig zu bieten hat. Wenn man Einkaufsmeilen und Eisschlecken als Maßstab nimmt. Das ungleiche Paar ist immer auf der Hut. Hyänen menschlichen und tierischen Ursprungs lauern an jeder Ecke. Ein ausgebrannter Bus soll ihr Schutzschild für die Nacht sein. Denn Tuahir weiß, was einmal brannte, brennt nicht mehr. Zwischen den verkohlten Leichen, der Überresten eines Transports findet Muidinga einige Bücher, die er zum Feuermachen benutzen soll. Stattdessen beginnt er zu lesen. Laut, so dass auch Tuahir etwas davon hat. Es handelt sich bei den Zeilen um das Tagebuch von Kindzu, einem der Opfer, der verstümmelt zwischen Tuahir und Muidinga bereits den letzten Atemzug getan hat. Doch er ist mehr als nur stiller Zuhörer…

Kindzu berichtet von Junhito, seinem kleinen Bruder, der fast taub ist dem vom Vater der frühe Tod prophezeit wird. Es kommt anders, der Vater ist der Auserwählte, der den letzten Schritt wagen wird. Junhito hat es Muidinga angetan. Er und der kleine Bruder des Tagebuchschreibers sind Brüder im Geiste. Muidinga erkennt sich in dem kleinen Jungen wieder und vermutet Junhito zu sein. Tuahir tut dies als albern ab. Die Tagebücher reißen Muidinga und auch Tuahir, der äußerlich unberührt, doch innerlich aufgewühlt, aus ihrem tristen Alltag, der von Angst und Überlebenswillen gekennzeichnet ist. Geister, die nicht jeder sieht, Schiffe als Sinnbilder der Hoffnung und gefährliche Raubtiere bilden von nun an ihre Umgebung. Unbemerkt zerren die Tagebücher die beiden – Leser und Zuhörer – aus ihrem sorgengeplagten Alltag.

Mia Couto spielt mit den Mythen seiner Heimat Mosambik. Er entführt nicht nur die beiden Hauptfiguren, sondern vor allem den Leser in eine Traumwelt, die so nur in Köpfen existieren kann. Traumwandlerisch lässt er das Land wie im Schlaf sich drehen, wenden, aufbäumen und ernüchternd zu Boden krachen. Man muss nicht nach Mosambik fahren, um die Mythen zu verstehen. Es reicht dieses Buch zu lesen. Immer wieder!

101 Lissabon

Schon seit einigen Jahren wird man das Gefühl nicht los, dass Lissabon immer noch gern mit dem Image des ewigen Geheimtipps kokettiert. Über elf Millionen Besucher zählte Portugal 2016, einen Großteil vereinigte allein die Hauptstadt Lissabon auf sich. Siebekommt sogar noch in diesem Jahrzehnt (Hallo Berlin!) einen zweiten (funktionierenden) Flughafen. Ist man dann vor Ort, ist das Erstaunen groß: Sprachgewirr allerorten. Also doch kein Geheimtipp mehr? Nein!

Ein Grund dafür könnte die 101er-Reihe von Iwanowski’s sein. 101 Geheimtipps und Top-Ziele verspricht die Unterzeile … und die folgenden zweihundertfünfzig Seiten halten dieses Versprechen auch! Zuerst die Fakten. Zahlreiche farbige Übersichtskarten, herausnehmbarer und funktionaler Stadtplan, unzählige aussagekräftige Abbildungen, Fakten, dass einem der Kopf glüht. Das haben andere Reisebücher vielleicht auch, aber … nein ABER, nicht so konzentriert, so übersichtlich, so handlich dargelegt. Eine Eins in Gestaltung, Aufmachung und Handhabung. Besser geht’s nicht!

Barbara Claesges ist gern gesehener Gast in Lissabon, Claudia Rutschmann hat sich auf Anhieb in die Stadt verliebt und nennt die Stadt seit über einem Jahrzehnt ihre Heimat. Und diese beiden Frauen führen mit Leichtigkeit nun den Leser in eine der beeindruckendsten Städte der iberischen Halbinsel, Europas, wenn nicht sogar der Welt.

Wer nun erwartet, das hier Schritt für Schritt einhundertundeins Sehenswürdigkeiten abgegangen werden, ein Blick nach links, einer nach rechts, der irrt. Die Aufzählungen dienen lediglich der besseren Orientierung. Ansonsten ist die Zählung Nebensache. Denn jeder Punkt enthält mehr als einen so genannten Hotspot. Wer sich die Mühe machen will, und alle Tipps und Ratschläge einmal durchzählen will, kommt sicher schnell auf eine vierstellige Zahl. Den beiden Autorinnen geht es nicht um die Anzahl der aufzuzeigenden „Plätze, wo es besonders schön ist“. Der Weg von A nach B und weiter zu C ist viel spannender und zeigt dem Leser, was Lissabon ist, wie es tickt. Eine Stadt, die ihre Pracht nicht verbirgt. Wer sich aber hinter die Kulissen wagt in einen Ozean an Erlebnissen eintauchen wird. Museen haben für die beiden Autorinnen den gleichen Stellenwert wie das Markttreiben, bewährtes Handwerk geht mit lukullischen Höhepunkten eine Allianz ein, die die Sinne zu Höchstleistungen antreibt. Und zwischendrin immer wieder kleine Infokästen, die wichtige Tipps geben, um nicht zur falschen Zeit am falschen Ort zu sein oder einfach nur eine Gedankenstütze darstellen.

Das Buch ist so kompakt, dass es in jeder Tasche verstaut werden kann, so dass man es immer schnell zur Hand hat. Die Souvenirjagd hat bereits mit dem Kauf dieses Buches begonnen. So einfallsreich und farbenfroh wurde die westlichste Hauptstadt von Kontinentaleuropa noch nie beschrieben. Lissabon ohne dieses Buch wäre nur halb so schön – mit diesem Buch unermesslich reich an Erfahrungen.

Bretagne – Eine literarische Einladung

Schroff und nicht immer einladend – die Bretagne. Nicht unbedingt die erste Wahl, wenn man Urlaubsregionen in Frankreich aufzählen soll. Doch im vorderen Mittelfeld auf alle Fälle. Die einstige Künstlerkolonie Pont-Aven, in der Paul Gauguin lebte, und von wo er in die Welt aufbrach, gehört ebenso zum Bild der Landschaft wie Pointe du Raz, der westlichste Punkt Frankreichs, an dem unaufhörlich die Wellen gegen das Bollwerk aus Gestein krachen und in meterhoher Gischt ein Naturschauspiel sondergleichen bieten. Das Festival Interceltique in Lorient, das jährlich im August Tausende in die kleine Stadt lockt, um die Neugier nach der oft falsch verstandenen Kultur der Kelten zu stillen. Das, und noch vieles mehr, ist die Bretagne.

Das findet man auf Landkarten, in Reisebüchern und in Prospekten der office du tourisme der Region. Was man hingegen darin nicht findet, sind die Gedanken der Bretonen, ihre niedergeschriebenen Gefühle, die literarischen Feinheiten der Söhne und Töchter der Region. Woher soll man es auch wissen, wenn man nicht dazu eingeladen wird? Da gibt’s doch was von Wagenbach. Genau, die literarische Einladung in die Bretagne. Niklas Bender spricht diese Einladung aus und umgarnt den Leser mit Werken von Alain Robbe-Gillet, Benoîte Groult bis Mona Ozouf. Die kennen Sie nicht? Na dann wird’s aber Zeit!

Die Sehnsucht nach der rauhen Wirklichkeit er Bretagne eröffnet in wohlklingenden Versen diese Anthologie in Rot. Am besten liest man sie laut. So kommt von der ersten Seite echte Urlaubsstimmung auf. Hart ist das Leben im Westen, am Atlantik. Wie das Wetter, so der Mensch. Schroff, mit rollendem Rrrrrrrrrr!

Der aktuell prominenteste literarische Bretone ist Dupin, der Commissaire, der gleich mal eine Einweisung in Sachen Salz der Bretagne erhält. Und ganz nebenbei einen Crashkurs in Mythologie. Yann Queffélec wird beim ersten Durchlesen den meisten als Erstes in Erinnerung bleiben. Mit viel bretonischem Wortschatz versetzt er den Leser an den Tisch eines Restaurants, an die Bars oder verwickelt ihn in ein Gespräch auf der Straße.

Die literarische Einladung ist zugleich ein Willkommen bei Nachbarn und Freunden. Am Tor zur Welt die eigene Kultur bewahrt – mit dieser Sichtweise kommt man den Bretonen und der Bretagne langsam auf die Spur. Folgt man dieser, kommt man automatisch zu diesem Buch. Immer wieder flackern Eigenarten der Menschen auf, die so nur hier zu erleben sind. Das „hier“ steht sowohl für die Bretagne als auch dieses Buch. Und wer ganz genau hinsieht, entdeckt noch mehr Gemeinsamkeiten zwischen diesem eleganten roten Buch und seinem Inhalt.