Kategoriearchiv: Urlaubslektüre

Am Rande der Glückseligkeit

Am Strand zu sein, bedeutet den ersten Schritt in die Unendlichkeit zu sehen. Ihn zu tun, ist eine andere Sache. Sich im warmen Weich des Sandes der Karibik die Alltagssorgen aus den Poren zu rubbeln, ist eine sehr nüchterne Sichtweise auf die Unverstellbarkeit der Gedanken.

Bettina Baltschev sieht den Strand als Ruheort, als Sehnsuchtsort, als Ort, an dem Dichter wie Arbeiter fliehen, um ganz und gar bei sich sein zu dürfen. Acht ausgewählte Strände fügt die Autorin zu einem Gesamtbild zusammen und verblüfft, was alles unter dem Begriff Strand an Gütern angespült wird.

Der Strand bildet immer den Übergang vom festen Boden unter den Füßen in eine wacklige, schwerer zu kontrollierende Position. Seien es die Betonburgen an der belgischen Nordseeküste, die den Blick automatisch gen Meer richten lassen, weil es in der entgegengesetzten Richtung nur Grau zu sehen gibt. Oder sei es der geschichtsträchtige Utah-Beach in der Normandie, der eine weitere Wende im Schicksal der Welt einleitete. Oder sei es der Strand von Lesbos, an dem immer so lange Geschichte geschrieben wird bis die erste Welt der dritten Welt die Würde zurückgibt. Zwischendrin verbuddelt Bettina Baltschev die wortintensiven Glücksmomente von Truman Capote bei seinem Ischia-Besuch. Zu einer Zeit als Deutsch als zweite Amtssprache auf der Insel durchaus eine Berechtigung hatte.

Wer bei dem Untertitel „Über den Strand“ leutselige, kitschverkrustete Geschichten von Lagerfeuer unter Palmen, bis zum Anschlag romantische Ausflüge im untergehenden Sonnenlicht erwartet, wird sich im Handumdrehen vom literarischen Ausflugsangebot der Texte eines Besseren belehren lassen. Englands Vorzeige Badeparadies Brighton wird als logische Schlussfolgerung des Dranges nach dem Meer, der Ferne und des Strandes in seiner Entwicklung so dargestellt, dass selbst hoffnungslose Romantiker gestehen müssen, dass auch dies eine Art Sehnsucht ist, die man mit Brighton ruhigen Gewissens verbinden kann.

Dass Hiddensee unbestritten nur auf eine Art zu sehen ist – als Künstlerkolonie, die schon sehr früh als erhaltenswert anerkannt wurde – wird in keiner Zeile des Kapitels über die Ostseeinsel angezweifelt. Wer den Strand sucht, findet unweigerlich den „Rand der Glückseligkeit“ – ob „in echt“ oder in diesem Buch sei dahingestellt. Beide führen zum Ziel.

Country place

Lennox, Connecticut, nach dem Krieg, Ende der 40er Jahre. Ein Ort, in dem der Durchschnitt ein Heim gefunden hat. Groß genug, um sich zu verschanzen. Zu klein, um ein Geheimnis zu bewahren. Hierhin kehrt Johnnie zurück. Zurück zu Glory, seiner Frau. Schon im Taxi, bei Wiesel, so heißt der Fahrer, wird ihm bewusst, was er vier Jahre hinter sich ließ: Klatsch und Tratsch sind der Kitt, der die Gemeinschaft – und gemein ist hier im doppelten Sinne zu sehen – zusammenhält. Mutter ist überglücklich ihren Sohn wieder bei und um sich zu haben. Doch Glory macht gleich Nägel mit Köpfen – sie kann es nicht ertragen, wenn Johnnie sie anfasst. So unverändert ihm Lennox im Taxi noch vorkam, so anders ist es nun in den eigenen vier Wänden. Sei es wie es sei. Glory hat er verloren. An Ed. Illusionen konnte er sich nicht hingeben, er konnte nicht erwarten, dass nach vier Jahren in Übersee, im Krieg gegen die Nazis alles nur darauf wartete ihn endlich wieder hier zu haben. Den Krieg als Intermezzo gibt es nicht!

Und Johnnie ist nun auch keiner, der mit dem Vorschlaghammer mit aller Macht alles einzureißen versucht, um Neues entstehen zu lassen. Einen Sturm entfacht bestimmt nicht er, wenn dieser denn einmal durch die eingelaufenen Pfade wüten sollte…

Mrs. Gramby hingegen ist die Grand Dame des Ortes. Ihre Moralvorstellungen vertritt sie bis ins letzte Glied. Unerwarteter Besuch wird ebenso brüsk angeraunzt wie unliebsame Gäste. Sie weiß, was sie will und was sie darstellt. Auch ihr ist der Mief der Stadt zuwider. Obwohl sie und ihre Ahnen dazu beigetragen haben ihn aufzubauen. So gehrt das Leben in Lennox seinen gewohnten Gang. Der Apotheker, der in „Country place“ als Chronist die Geschichte zum Besten gibt, ist ein gescheiter Beobachter. Oft wird das X, das man sich für ein U vormacht oder vormachen lässt oder es sich vormachen lassen soll, zu einem Fanal für eine kleine … Veränderung. Wie gesagt, kein Sturm. Selbst wenn der einmal durch die Straßen fegt, hat es allenfalls kleinere Veränderungen zur Folge. Das Leben in Lennox wird sich dadurch nur geringfügig ändern. Oder doch nicht?!

Ann Petry hat sich Lennox in Neuengland ausgedacht. Sie lebte hier. Sie wusste wovon sie schreibt. Sie kannte die Eigenheiten der Bewohner. Es dauerte mehr als siebzig Jahre bis ihr 1947 erschienener Roman in deutscher Übersetzung erscheint. Als sie in Harlem lebte, schrieb sie „The street“ über das harte Leben einer (schwarzen) alleinerziehenden Mutter. Nun war sie wieder zurück in ihrer neuenglischen Heimat und schrieb über das, was sie vor ihrer eigenen Haustür vorfand: Rassismus, Hass, Teilnahmslosigkeit. Aber auch vom Glück in einer derartigen Glocke mit eigenen Regeln leben zu können. Diese Regeln zu brechen, ist der einzige Weg eigene Pfade zu befestigen. Mit unverwechselbarer Empathie und einem ausgeklügelten Wortschatz, der in der Übersetzung nichts an Wirkung verliert, strahlt auch dieser Roman wie der hellste Stern am dunklen Firmament.

Solneman der Unsichtbare

Es ist schon kurios, was sich da in einer deutschen Kleinstadt etwas mehr als einhundert Jahren abspielt. Rein fiktiv – natürlich. Da kommt ein Mann ins Rathaus und unterbreitet dem Oberbürgermeister das Angebot den Stadtpark zu kaufen. Lachhaft! Der Amtsträger lehnt ab. Bis der geheimnisvolle Mann ihm eröffnet, dass er bar zahle. Und zwar dreiundsiebzig Millionen. Das wären heute irgendwas um die 300 Millionen Euro. Die Skepsis weicht aus dem Gesicht des Oberbürgermeister und macht einem breiten Grinsen Platz. Hciebel Solneman – so nennt sich der Mann mit dem unausschlagbaren Angebot und dem durchaus auffälligem Äußeren (mit ein bisschen Grips errät man, was gemeint ist – stellt nur noch ein paar Forderungen: Er will eine dreißig Meter hohe Mauer um – dann – sein Anwesen bauen, Überflugverbot unter tausend Meter und man solle ihn doch bitte nicht belästigen. Man einigt sich! So viel Geld im Säckel, wessen auch immer, ist einfach zu verlockend. In Windeseile steht die Mauer. Ein paar umliegende Häuser reißt sich Solneman auch noch unter den Nagel. Sonst könnte ja jemand mit dem Fernglas über die Mauer lugen.

Was hat er eigentlich erwartet? Dass man ihm mirnichtsdirnichts das Grundstück überlässt, und alles ist gut? Dass Spekulationen mit dem Rascheln der Geldbündel ad acta gelegt wird? Bestimmt nicht! Denn Solneman tritt selbstischer und weltgewandt auf. Und er ist ob seiner Art über jeden Verdacht erhaben. Na gut, fast jeden Verdacht. Genauso schnell wie Mauer hochgezogen wurde, keimen die ersten Gerüchte. Da war doch mal was in Belgien. Eine Frau wurde ermordet als der Zirkus in der Stadt war. Zirkus – Solneman – Mord … könnte passen. Schon allein deshalb, weil ihn kaum jemand zu Gesicht bekommen hat. Oder ist er ein Varieté-Künstler? Oder Ingenieur? Bei dem, was da alles in sein Anwesen gebracht wird – die Lieferwagen hat Solneman gleich mitgekauft. Oder ist er gar ein Misanthrop? Reich ist er. Er gibt gern und viel für die Stadt.

Das gemeine Volk zerreißt sich das Maul. Die Oberen wollen sein Nähe suchen, dürfen es aber nicht. Solnemans Nähe verspricht Ruhm und Ehre und … vielleicht den einen oder anderen Taler. Ach, es ist zum Verzweifeln! Was treibt dieser unsichtbare Mann mit dem rätselhaften Namen hinter den sich nur selten öffnenden Mauern?

Alexander Moritz Frey treibt den Leser in den Wahnsinn. Was hat dieser Typ da vor? Nur eines steht fest: Wer das Buch vor dem letzten Punkt beiseite legt, hat verloren. Frey war ein Freund Thomas Manns und wurde im Kriegsdienst von einem Gefreiten drangsaliert dessen Ideologie zu Papier zu bringen. Frey lehnte ab. Er wusste, dass er vielleicht nicht, dass mit dem Teufel einen Bund eingehen würde, aber dieser Wichtigtuer war ihm zutiefst zuwider. Dieser Wichtigtuer wird nicht einmal zwanzig Jahre später unter anderem dafür verantwortlich sein, dass die Werke Alexander Moritz Freys dem Feuer übergeben werden. Aus dem Schweizer Exil kehrte der Autor nie mehr nach Deutschland zurück.

Waldtagebuch

Wie heißt es doch in einem Lied? „Im Wald, da sind die Räuber“. Und  Eichhörnchen und Eichen und Spechte und Pilze und und und. Hier ist es ruhig, und soll es auch bleiben. Hier ist es sauber, und soll es auch bleiben. Hier ist die Luft frisch, und soll es auch bleiben.

Dieses Waldtagebuch ist nicht allein – wie man es auf den ersten Blick vermutet – nur für Kinder gemacht. Auch für alle, die zum ersten Mal in den Wald gehen, oder selbigen vor lauter Bäumen nicht sehen können. In Deutschland ist eine Fläche von mehr als elf Millionen Hektar mit dem saftigen Grün bedeckt. Doch was ist eigentlich Wald? Laut den Vereinten Nationen und der hauseigenen Organisation FAO, die für den Wald zuständig ist, ist ein Flecken Natur, der mindestens einen halbe Hektar groß und zu zehn Prozent von Baumkronen überschirmt ist. Deutschlands Herren über Regeln und Zahlen da noch ein paar Schritte weiter. Holzlagerplätze, Wildwiesen und Lichtungen und einiges andere mehr gehören ebenfalls dazu. Knapp die Hälfte des deutschen Waldes ist in Privatbesitz. So viel zu den Zahlen.

Das Erlebnis Wald gehört sicher zu den ersten Erfahrungen, die man manchen kann, wenn man echte Abenteuer erleben will. Pilze sammeln – einige ausgewählte Arten werden in diesem Waldtagebuch vorgestellt – gehört da sicher zu den aufregendsten Dingen. Die Suche in Verbindung mit dem Auffinden und der Bestimmung lassen die Zeit wie im Flug vergehen.

Spuren lesen und zuordnen – auch hier wieder: Die wichtigsten werden vorgestellt – kann süchtig machen. Bäume bestimmen, Blätter erkennen, Vögel in den Baumkronen entdecken … die Liste ließe sich beliebig fortführen.

Das Waldtagebuch bietet viel Platz, um das Entdeckte aufzuschreiben und je nach Phantasie aufs Papier zu kritzeln. Und wenn man nach einiger Zeit (Tage, Wochen Monate, Jahre) noch einmal die Exkursionen ins Grüne nachliest, werden Erinnerungen wach, die so lebendig sind als wäre man erst gestern durch dichtes Gestrüpp gestromert, hätte man auf der Lauer gelegen oder hätte mit Feuereifer den ersten Wanderstock mit eigenem Design veredelt. Jede Erinnerung ist es wert festgehalten zu werden. Das Format und die Dicke des Waldtagebuches fordern dazu auf nicht nur den ersten, sondern viele darauf folgende Waldwanderungen für sich niederzuschreiben. Die liebevolle Gestaltung mit den zahlreichen Zeichnungen aus Flora und Fauna machen Lust selbst den Entdecker in sich herauszulassen.

Orientreisen

Annemarie Schwarzenbach wuchs nicht mit dem berühmten goldenen Löffel im Mund auf. Sie hatte einen ganzen Besteckkasten, ihre Familie zählte zu den reichsten der Schweiz. In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zählte sie nicht nur aufgrund dessen zu einer auserlesenen Elite, sondern einzig allein durch ihre Reisen und ihre darüber veröffentlichten Reportagen. Schon früh zog es die freiheitsliebende (und bei ihr ist es wirklich angebracht von Freiheit zu sprechen) in die Ferne. Mit der Familie gebrochen, sich offen zu ihrer Sexualität zu bekennen, sich gegen die Faschisten und ihre Ideologie zu stellen und die arabische, afrikanische, persische Welt zu erkunden.

Vieles, was sie in ihren Reportagen beschrieb, ist heute so nicht mehr zu erleben. Man stelle sich vor – welch wunderbare Vorstellung! – die Buddha-Statuen von Bamiyan würden noch stehen. Oder mit einem Kleinflugzeug über die syrische Wüste zu fliegen und die Schakale aufzuscheuchen. Und das zu einer Zeit, in der Frauen als Alleinreisende in einem kaum erschlossenen Gebiet mehr Mut brauchten als heutzutage kurzgeschorene Europa am Hindukusch verteidigende Goldgräber.

Es sind über 80 Jahre vergangen seit dem Annemarie Schwarzenbach ihre Reisen gen Osten unternahm. Vieles ist nicht mehr zu sehen. Sei es durch Zerstörung, sei es durch Bebauung, sei es durch den Zahn der Zeit. Doch sich ein stilles Plätzchen zu suchen, die Luft tief einzuatmen und diese Reiseimpressionen auf sich wirken zu lassen, hat einen höheren Lerneffekt als beim Discounter gebuchte Reisen in die Shoppingparadiese der glitzernden Malls zwischen Wüste und Golf.

Mit einfachen Worten und bildhafter Sprache zieht Annemarie Schwarzenbach den Leser in eine Zeit, die nicht mehr zurückzuholen ist. Die Türkei zum Beispiel befindet sich seit ein paar Jahren im größten Umbruch, den man sich vorstellen kann. Schrift und Sprache werden einer Radikalkur unterzogen. Dennoch gibt es vieles, was heute noch zu besichtigen ist und mit den Worten der Autorin im Hinterkopf, erkennt man vielleicht manches, was einem sonst verborgen geblieben wäre. Isfahan im Iran mit seinem markanten Meidān-e Naqsch-e Dschahān fasziniert sie damals und wirkt bis heute auf den Betrachter wie ein unwirklicher Traum.

Annemarie Schwarzenbach trieb es in Ferne, nicht um anderen etwas zu beweisen. Sie wollte selbst die Welt entdecken und erleben. Unabhängig sein und die Welt an ihren Abenteuern teilhaben lassen. Ihr gelang es mit Bravour, wie dieses Buch eindrucksvoll beweist. Leider war ihr Leben nach zu kurzer Zeit zu Ende. Sie starb im Alter von 34 Jahren nach einem Unfall und den Folgen einer falschen Behandlung.

Lieblingsstädte

Mal schnell raus. Mal schnell weg. Mal schnell die Welt entdecken. Waren Städte einmal die höchste Entwicklungsstufe, die man sich vorstellen konnte, sind sie als eigenständiges Segment auf dem Reisemarkt nicht mehr wegzudenken. City Trips, Städtereisen – wie auch immer man es nennt: Städte entdecken ist spannend, erholsam und abenteuerlich in Einem. Achtundzwanzig Städte in Deutschland, Österreich und der Schweiz zeigen sich in diesem Reiseband von ihren schönsten Seiten.

Das beschauliche Bern hat man bei dem Gedanken an die Schweiz nicht unbedingt auf der ersten Seite der zu besuchenden Orte. Schneevergnügen steht da sicher weiter oben auf der Liste. Doch die Stadt hat mitunter mehr zu bieten als man sich oberflächlich vorstellen kann. Wie zum Beispiel die wohl ungewöhnlichste Stadtrund-„Fahrt“, die man sich vorstellen kann. Vom Wasser aus kann man viele Städte besichtigen. Auch von einem Fluss aus. Aber als eigener Kapitän? Einfach in die Aare springen – das geht an vielen Orten in Bern problemlos. Und sich dann von der Strömung mitreißen lassen. Aber Vorsicht! An einigen Stellen versperren Wehre das Weiterschwimmen. Kurz aus dem kühlen Nasse hüfen und ein paar Meter weiter wieder in die Aare hüpfen, kein Problem. Zur Belohnung gibt’s dann Rösti und ein Eis an einem der zahlreichen wunderschön gestalteten Brunnen.

Goethe, Napoleon, Bach – wo kann man das schon erleben? In Leipzig. Und noch mehr, wenn man die Augen offen hält … oder in diesem Buch blättert. Ganz aktuell mit dem Tipp zum letzten architektonischen Coup von Oscar Niemeyer, einer futuristischen Kugel. Sie ist im alten Industriegebiet der Stadt, das heute zum größten Teil als Ort für Künstler dient, als Kantine einer der wenigen verbliebenen Fabriken. Und sie ist besuchbar. Street art mit ältesten noch erhaltenen Kunstwerk dieser Stilrichtung, Speisen wie im bekanntesten Buch deutscher Sprache („Faust“) oder das größte Gothic-Festival der Welt – Leipzig ist eben nicht nur Messestadt und einer der am schnellsten wachsenden Städte in Deutschland (was ja irgendwie auch mit dem Angebot an Zerstreuung zu tun haben muss, oder?!).

Linz steht in Österreich in keinerlei Wettstreit mit anderen Städten wie Wien oder Salzburg. Die haben ihre Fans. Linz kommt langsam, aber stetig an die Oberfläche und wartet Höhenrausch und Unterwelten gleichermaßen auf. Und als Wegzehrung immer eine Linzer Torte.

Jedes Kapitel beginnt mit dem „perfekten Tag“, gefolgt von zahlreichen Tipps, was man noch sehen muss. Das Buch ist alphabetisch geordnet, was dazu führt, dass man es automatisch bei jedem Trip durch eines der drei Länder in die Hand nimmt. Denn so kompakt und informativ für den kleinen Abstecher zwischendurch wurde man selten verführt. Das Offensichtliche und das Verborgene gehen in diesem Buch eine zufriedenstellende Symbiose sein.

Location Tour – Die schönsten Drehorte Europas

Das sieht ja aus wie im Film! Hat jeder schon mal erlebt. Ein Gebäude, einen Park, eine Szene. Hier muss es gewesen sein. Man lässt im Kopf einen Film ablaufen und sucht nach den Orten, wo der Hauptdarsteller diese eine entscheidende Szene zum Besten gab. Man will wissen, wo die Kamera stand. Viele Orte aus Filmen, die den Zuschauer in ihren Bann zogen sind verschwunden. Wie das zerstörte Wien aus „Der dritte Mann“ – zum Glück. Denn die Trümmer sind einer grandiosen Kulisse gewichen, die bis heute als Filmlocation dienen. Und wer genau hinsieht, erkennt die Tricks der Filmbranche. Denn die Stiftsgasse aus dem Film befindet sich gegenüber der Österreichischen Nationalbibliothek. Und das Haus in der Stiftsgasse ist einem Parkhaus gewichen.

Oft werden Locations, also Drehorte mehrmals benutzt. Das Schloss aus „Highlander“, Schloss Eilaen Donan Castle, diente später als MI-6-Hauptsitz und schon Jahre zuvor in „Der Freibeuter“ als Kulisse.

Schloss Moritzburg erlebt besonders als verschneite Winterlandschaft als Traumziel für alle, die von „Aschenbrödel“ nicht genug bekommen können. Und wer kann schon Schloss Sanssouci in Potsdam besuchen, ohne sich nicht umzusehen, wo Romy Schneider ihren (echten) Tränen freien Lauf ließ?

Wer Rom besucht und sich im Fontana-di-Trevi-Trubel durchaus wohl fühlt, sieht Anita Ekberg im Brunnen herumtollen. Auf der Spanischen Treppe – nur zehn Minuten zu Fuß entfernt – ein Eis essen ist in etwa so unterhaltsam wie „Ein Herz und eine Krone“ mit der unvergessenen Audrey Hepburn, die hier der Welt entrückt genüsslich ihr gelato schleckte. Sie kommt im Buch ein weiteres Mal vor, an ihrem Wohnort am Genfer See erinnert eine Büste an eine der zahlreichen Prominenten, die sich hier niederließen, Chaplin’s World ist nicht minder sehenswert.

Dieser ungewöhnliche Reiseband begeistert, da er zwar Bekanntes zeigt, durch die Fülle jedoch immer neue Reiseideen kreiert. Man kann in dem Buch nach Filmen suchen und die Drehorte finden. Oder man plant für die bereits gebuchte Reise einzelne Ausflüge an Orte, die man von der Leinwand oder aus dem Fernsehen kennt. Es sind Reisebände wie dieser, die eine Reise zu einem echten Erlebnis machen können. Einmal in diesem Buch geblättert und schon lodert die Flamme der Neugier. Von Malta bis Spanien, von Irland bis Kreta erlebt man so manches filmische Highlight noch einmal.

Asche und Sand

Manchmal komprimiert sich die Geschichte eines ganzen Landes in einer kleinen Gruppe. Auf einem Fluss in Mosambik durchpeitschen die Ruder das Wasser. In dem kleinen Boot sind Imani, die als Übersetzerin ihr Volk mit den Besatzern aus Portugal zusammengeführt hat. Germano, dessen Militärposten angeführt wurde, der sich in Imani verliebte. Und der Sargento Melo, verletzt durch einen Schuss, den Imani abgab, weil ihren geistig zurückgebliebenen Bruder – auch mit an Bord – vor Schlimmerem bewahren wollte. Und Bianca, die Freundin des Sargento, der es immer noch nicht fassen kann, dass ausgerechnet ihm in die Hand geschossen wurde. Bianca kann ihn davon überzeugen, dass Imani ihn gerettet hat. Außerdem ist Katini an Bord, Imanis Vater, der Musiker, der wie kein Anderer die Leute in eine fröhliche Stimmung versetzen kann, wenn er spielt. Doch im Moment ist niemandem nach feiern zumute.

Sie wollen das nächstgelegene Krankenhaus erreichen, um zu retten, was zu retten ist. Doch Mosambik ist vom Krieg zerfurcht. VaCopi und VaNguni bekriegen sich bis auf den letzten Tropfen Blut. Portugal, die Kolonialmacht, dessen Soldaten einen Kampf führen, den sie gar nicht führen wollen. Die Kultur ist ihnen fremd, die Temperaturen sind zu hoch. Und die gigantische Armee der Einheimischen setzt ihnen mehr zu als die Generäle es erahnen können.

Für Imani und ihre Gefährten ist es doppelt gefährlich. Diese Mischung als Tradition, Pflichtbewusstsein und Liebe spiegelt das zerrissene Land auf unnachahmliche Art und Weise wider. Für jede Seite der kämpfenden Parteien sind sie Feind und Freund gleichermaßen. Eine List könnte Frieden bringen, kurzfristig. Imanis Vater schlägt vor Imani mit dem Anführer der Ngungunyane, die Imanis Volk mit unbeschreiblicher Grausamkeit bekämpfen, als Frau anzubieten. Nicht allein, um Frieden zu säen, um den Herrscher friedlich zu stimmen. Nein, er hat einen ganz anderen Plan…

Mia Coutos Trilogie zeigt beeindruckend, dass man doch noch nicht alles, was es zu lesen gibt, gelesen hat. In seinen Worten schwingt stets die Hoffnung mit, dass das Gute immer siegen wird. Dabei muss man die festgetretenen Pfade verlassen und darf im unwegsamen Gelände nicht den Mut verlieren. Diese Trilogie verrät mehr über Afrika als so mancher eindrucksvoller Reisebericht, da er der Kultur auf den Grund geht.

Kleine Geschichte des Gardasees

Es ist sicher keine Erfindung der Moderne, dass es am Gardasee ziemlich wenig Platz gibt. Diese saloppe Erkenntnis gewinnt man schon auf den ersten Seiten dieses Buches. Denn der Gardasee war schon immer ein begehrtes Ziel. Nicht nur für Touristen, sondern für Weltmächte, Herrscher und Machthungrige aller Zeiten. Die Römer, die Lombarden, Hunnen, Barbaren und schlussendlich die auspuffbegasten, motorisierten Sonnenhungrigen der Welt. Der Gardasee – wer einmal da war, weiß warum – sehnen sich nach dem Gardasee.

Karin Sechneider-Ferber macht sich auf den langen Weg der langen Geschichte des lang ausgestreckten Sees in Oberitalien, dem größten Italiens. Zum Erstaunen vieler, die hier nur ihren Stellplatz suchen wollen, um postwendend ihr kleines eigenes Reich zu errichten, fördert sie dabei einiges zu Tage, das bisher kaum bekannt gewesen sein könnte. Selbst der Vinschgauer „Ötzi“ hätte sich hier einen Augenschmaus gönnen können. Möglich wäre es gewesen, aber da er es nicht mehr mitteilen kann, werden wir es nie erfahren. Am Gardasee entlang führten Handelsstraßen, die – und das ist bis heute nicht minder wichtig – einen bedeutenden Beitrag zum Wohlstand leisten.

Die Hinterlassenschaften der einstigen Herren sind bis heute sichtbar. Die Grotten des Catull auf der Halbinsel von Sirmione sind die weithin sichtbaren Überbleibsel eines herrschaftlichen Gebäudes. Wozu es diente, gibt bis heute Rätsel auf. Und der Name, der auf den Dichter Catullus zurückgeht, ist mehr als fraglich. Er lebte bevor es errichtet wurde.

Als die Könige und Kaiser Jahrhunderte später ihren Frieden mit der Region gemacht hatten, kamen die Menschenmassen in ihren Fahrzeugen, um sich an Berg und Meer satt zu sehen. Auch dies ist nur allzu verständlich. Einfach mal schauen!

Die „Kleine Geschichte des Gardasees“ ruft die wilden, harten, beschaulichen, glorreichen Zeiten am Gardasee noch einmal in Erinnerung. Beim nächsten Spaziergang am See, beim nächsten Stadtbummel, bei der nächsten Tour um und am See, erinnert man sich an einzelne Kapitel oder Abschnitte und sieht den Gardasee nun mit ganz anderen Augen.

Der Kurfürstendamm

Ab Hausnummer Eins immer weiter den Schlammpfad runter. Vorbei an den Windmühlen und dem umgestürzten Gartenzaun und schon ist man auf der Straße, auf der Maurer ihrer Phantasie freien Lauf lassen konnten. Noch ein Stück weiter und dann hört man schon die Massen sich amüsieren, wenn sie die größte Wasserrutsche Europa hinuntersausen. Das ist der Ku’damm. Nein, das war der Kurfürstendamm. Ein Schlammweg mit Windmühlen. Die große Straße hinaus aus der Stadt Berlin, mitten durch den Vorort Charlottenburg. Heute kaum mehr vorstellbar.

Aber der Ku’damm war halt nicht immer der Prachtboulevard, der er heute ist. Er hat sich entwickelt. Auch und vor allem seine Anwohner und Besucher prägten das Bild. Hier speisten, tratschten, diskutierten, tranken, rauchten, beratschlagten Bertolt Brecht, Max Liebermann, Karl Liebknecht … ach einfach alle, die in Berlin ihr Glück(ver-) suchten.

Regina Stürickow gelingt auf so wunderbare Art und Weise dem ein paar Kilometer langen Stück Asphalt mit diesem Buch immer wieder Leben einzuhauchen.

Und sie weiß so manche Anekdote zu erzählen. Zum Beispiel welche Hausnummern es nicht mehr gibt, und warum. Denn heutzutage beginnt der Ku’damm mit der Nummer Zehn. Die ersten Nummern wurden der Budapester Straße geopfert. Im Kapitel über die 20er Jahre nimmt das Buch so richtig Fahrt auf. Berlin wurde zu Groß-Berlin, zu dem, was es heute ist. Und auf dem Ku’damm feierte man dies mit Champagner-Fontänen, die heute noch für große Augen sorgen.

Wer heute über den Boulevard schlendert, wird vieles aus dem Buch vermissen. Nicht nur die bereits erwähnten Windmühlen. Das Image prägen vor allem die großen Namen der Modebranche. Je leerer der Laden, desto bekannter die Marke – Völkerwanderungen wie vor hundert Jahren gibt es hier nicht mehr. Auch der Luna-Park musste schließen. Die Nazis haben dem Ruf des Boulevards den Garaus gemacht. Zu dekadent das Gehabe.

Dass hier es hier nicht nur „Hoch die Tassen“ hieß, beweisen die zahlreichen historischen Marksteine auf und um den Ku’damm herum. Stolpersteine zeugen von einer stolzen Zeit, die allzu abrupt endete. Eine Gedenktafel erinnert an das feige Attentat auf Rudi Dutschke. Das Büro des Sozialistischen Studentenbundes befand sich auf dem Ku’damm.

Der Mythos Kurfürstendamm ist ein wenig verblasst. Noch immer zieht es – verdientermaßen – viele hier hin. Doch der Nimbus der unbesiegbaren Partymeile ist futsch. Selbst das renommierte Theater musste dem Spekulantentum weichen. Doch die Geschichte wird immer in Erinnerung bleiben. Auch dank dieses Buches.